Manuskripte

12SEP2020
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Ich liebe den Begriff „Schlüsselkompetenz“. Weil er zwei Worte, die für sich genommen wenig miteinander zu tun haben, in einen neuen Zusammenhang bringt. Und die daraus resultierende Bedeutung ist durchaus wörtlich zu nehmen: es geht darum, Kenntnisse oder Fähigkeiten zu haben oder zu erlernen, die neue Türen ins Leben aufschließen.

Schlüsselkompetenzen prägen unser Bildungs- und Ausbildungswesen. Die Schüler sollen nicht nur Fachwissen erwerben. Sie sollen auch dazu befähigt werden, sich persönlich weiter zu entwickeln, verantwortlich handeln und sich sozial angemessen verhalten zu können. Man lernt schließlich für das Leben. Hat ein Lehrer oft zu mir gesagt.

Nun stellt sich mir manchmal im Leben die Frage nach Gott. Und ich frage mich, welche Schlüsselkompetenzen, Kenntnisse, Fähigkeiten können mir die Dimension des Glaubens erschließen? Gar die Tür zu Gottes Raum, mitten hinein ins Himmelreich, zu öffnen?

Jesus hat darauf eine überraschende Antwort, wie ich finde. Er sagt: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen (Mk 10,15). Es geht gar nicht darum, dass ich selbst diese Türe öffnen muss. Auch nicht um einen bestimmten Lehrplan, den es braucht. Und auch nicht um die Lehrer, die nötig wären, diesen zu vermitteln. Sondern darum, das Kind in mir wieder zu entdecken.

Jesus sieht offensichtlich bei Kindern Schlüsselkompetenzen für den Glauben, die wir Erwachsenen zu wenig oder gar nicht mehr haben, weil sie im Lauf des Lebens nicht weiter ausgebildet oder gar verloren gegangen sind.

Ich vermute, Jesus denkt dabei an genau jene Schlüsselkompetenzen, welche das Kindsein ausmachen: großes Vertrauen, Empathie und Mitgefühl, starke Neugier, Wachheit aller Sinne, auch klein und schwach sein, Freude an den kleinen Dingen, Offenheit und Vorurteilslosigkeit, Friedfertigkeit, Staunen über die Wunder dieser Welt. All das ist doch so wichtig in einer zunehmend rücksichtslosen und abgestumpften Welt.

Im Zusammensein mit Kindern kann ich als Erwachsener von ihnen lernen. Beim gemeinsamen Spiel, beim Geschichten erzählen, wenn wir uns einander an der Hand halten, zusammen lachen, singen, spielen und tanzen.

Vielleicht macht sich dann sogar ein leises Gefühl von Gesegnetsein im Herzen breit. Verbunden mit dem Bewusstsein, wie schön es ist, im Glauben keinen Lehrplan haben zu müssen, sondern wie ein Kind einfach nur empfangen zu dürfen. Welch eine wundervolle Schlüsselkompetenz!

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11SEP2020
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Endlich habe ich es geschafft. Ich habe ein Wochenende ohne Handy gelebt. Es mir nicht nur vorgenommen und geplant. Sondern auch durchgezogen. Als kleine Fastenübung. Das Handy einfach einmal nicht mehr zur Hand nehmen.

Das ist schon ein eigenartiges Gefühl. Denn es gibt 1000 Dinge, die ich mit dem Handy erledige: z.B. Zeitung lesen, fotografieren, Musik hören, Videos schauen, Mails beantworten, Termine eintragen. All das bestimmt meinen Alltag, meine Zeit. Meine Lebenszeit!

Allerdings stelle ich fest: Nicht nur im Guten, sondern auch im Schlechten. Weil ich viel zu oft z.B. abends noch in meine Mails schaue, obwohl ich eigentlich Feierabend habe. Oder weil ich zwischendurch einen Zeitungsartikel lese, anstatt mich auf meine Arbeit am Schreibtisch zu konzentrieren.

Kurzum, zu oft schenke ich dem Handy meine Aufmerksamkeit und nicht dem, was gerade dran ist. Deswegen habe ich am Wochenende das Handy in die Schublade gelegt. Um Ruhe zu haben.

Ein großer Weisheitstext der Bibel bringt es auf den Punkt: Alles hat seine Zeit, geboren werden und sterben, bauen und zerstören, pflanzen und ausreißen, bauen und abbrechen, weinen und lachen, lieben und hassen, suchen und verlieren, […] alles hat seine Zeit (Pred 3,1 ff).

In kleinen lyrischen Sentenzen bringt er dichterisch zum Ausdruck, worum es geht. Um die Kunst, allem im Leben seine Zeit zu gewähren. Die Frage nach dem „wie lange“ ist dabei nicht der Rede wert. Wie leer kann ein ganzer Tag sein und wie erfüllt nur wenige Augenblicke. Bei einer Begegnung, beim Lesen eines schönen Gedichts, im Hören guter Musik. Eben ohne den kurzen Blick auf das Handy zwischendurch.

Auch das Schwierige im Leben hat und braucht seine Zeit: das Gefordertsein im Beruf. Die Sorge um die Kinder. Kranksein. Alleinsein. Streit haben. Aber über einer schweren Zeit des Leids, des Zweifels und der Not steht auch der Trost, dass dies einmal ein Ende haben wird. Alles hat seine Zeit.

Meine Handy-Auszeit hat mich zu grundlegenden Fragestellungen geführt: Wie verbringe ich meine Zeit? Was ist gefüllte, geschenkte, gesegnete Zeit in meinem Leben? Und wie viel Zeit nehme ich mir dafür?

In diesem Sinn hat es mir gut getan, dem Handy am Wochenende mal so richtig eine Auszeit zu verordnen. Das hat mir Zeit geschenkt. Für mich. Für meine Familie. Und ich habe es genossen, Herr meiner Zeit gewesen zu sein!

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10SEP2020
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Schlankmacher-Gen entdeckt. So lautet die Überschrift eines Zeitungsartikels, der davon berichtet, dass Wissenschaftler ein Gen identifiziert haben, das möglicherweise bestimmt, ob Menschen schlank sind oder nicht.

Ob ich Über- oder Untergewicht habe bestimmt also nicht nur die Art und Weise wie viel ich von was esse, sondern auch meine genetische Veranlagung. Mancher, der an der Krankheit Adipositas leidet, wird vermutlich voller Dankbarkeit auf die neuen Therapiemöglichkeiten blicken, die sich daraus ergeben.

Das Schlankmacher-Gen ist nur eine der neueren Entdeckungen in der Genforschung seit der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts vor fast 20 Jahren. Für viele Krankheiten wie z.B. Diabetes, Bluthochdruck, Krebs eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten der Diagnose und Therapie. Die Manipulation von Erbgut mittels einer Genschere ist in der Grundlagenforschung inzwischen ein technisches Standardverfahren.

Damit stellt sich die fundamentale ethische Frage, wann der Mensch damit seine Grenzen überschreitet. Aus christlicher Sicht: wann der Mensch in Gottes Schöpfung eingreift und dessen Rolle einzunehmen versucht. Eine Antwort darauf steht a priori nicht fest. Dennoch ist es eine elementar wichtige Kontrollfrage, die immer wieder gestellt werden muss. Grundsätzlich und von Fall zu Fall.

In diesem Sinne ist der Mensch in einer einzigartigen Verantwortungsposition. Mit all seinem Tun. Und auch mit all seinem Lassen. Denn beides birgt die Dimension der Grenzüberschreitung in sich. Das eine Mal im Unterlassen, das andere Mal im Übertreiben einer gentechnischen Möglichkeit.

In der Bewertung dieser Frage sind für mich folgende Grundaussagen des christlichen Glaubens wichtig: Der Mensch ist Teil der Schöpfung. Und in ihr ist jedes Leben einmalig und unverwechselbar, zu bewahren und zu schützen. Ob schlank oder dick, gesund oder krank, ob mit Handicap oder ohne. Weil jeder Mensch von Gott angenommen ist.

So kann ein gentechnologisches Verfahren ein Segen sein, wenn es einem Menschen hilft, gesund zu bleiben oder es wieder zu werden. Und es kann auch ein Segen sein, wenn Jemand entdeckt, dass er vielleicht nicht perfekt, aber dennoch angenommen ist. Und dann ist es egal, wie dick oder dünn einer ist.

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20JUN2020
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Es gibt vermutlich kein Leben, das gänzlich frei von Ängsten bleibt. Als Kind schon nicht: Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich als kleiner Junge fürchtete, in den Keller zu gehen. Weil da alles so dunkel und schwarz und unheimlich war. Und wie gut es dann tat, die Hand des Vaters oder der Mutter zu spüren. Und auch die guten Worte zu hören, mit denen sie mir meine Angst nahmen.

Aber auch das Leben der Erwachsenen kennt genügend Situationen und Erfahrungen, die geprägt sind von Dunkelheit, von Sorgen, gar von Furcht.

Selbst wenn es nicht immer ausgesprochen wird: Es ist zu lesen im Gesicht eines Menschen, der unter dem Druck einer hohen Verantwortung für viele Angestellte und Mitarbeitende in einer Firma steht. Zu sehen an den fahrigen Händen, die nach Halt suchen, wenn einer seine wirtschaftliche Existenz zu verlieren droht. Und zu spüren in der Niedergeschlagenheit eines Menschen, der vor Trauer nicht aus noch ein weiß und kein Morgen mehr sieht.

So ging es auch den Frauen nach dem Tod Jesu. Im Angesicht des leeren Grabes und der Angst, dass nun auch noch der Leichnam verschwunden ist, wer weiß warum und von wem. Und dann hören sie die Worte des Engels: Fürchtet euch nicht! Jesus lebt, Gott hat alles zum Guten gewendet.

Fürchte dich nicht! Immer wieder sagt Gott es Menschen zu, um sie in ihrer Angst zu begleiten. Siebzig Mal (!) steht dieser Zuspruch in der Bibel. In vielen Mutmach- und Trostgeschichten.

Zum Beispiel in der Geschichte von Jakob, der voller Angst vor dem Zorn seines Bruders Esau fliehen muss, nachdem er sich das alleinige Erbrecht von ihm erschlichen hatte. Und in der Tat: Gott wendet sein Schicksal zum Guten. Am Ende kann er sich sogar mit Esau versöhnen.

Jakob und viele andere, so erzählt die Bibel, haben die Erfahrung gemacht: Gott hat sie in ihrer Angst und Sorge nicht allein gelassen. Sondern ist ihnen beigestanden. Immer wieder. Schmerz, Not, Tod und Leid sind damit nicht aus der Welt geschafft. Aber da ist eine Hand, die stützt und hält und führt. Sie ist zu spüren in all den Menschen, die sich ihrer angenommen haben. Die ihnen geholfen haben, sie getröstet und gestärkt haben, ihnen Mut zugesprochen und gesagt haben: Fürchte dich nicht!

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19JUN2020
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„Die Bibel ist eine Gebrauchsanweisung für unser Leben, die in jedem Alter, in allen Lebenslagen verwendbar ist.“ So hat Bernhard Langer, Deutschlands erfolgreichster Golfspieler, auf die Frage geantwortet, welche Bedeutung die Bibel für ihn habe.

Ja, welche Bedeutung hat die Bibel? Hat sie überhaupt noch eine, oder ist sie nicht für die meisten Menschen völlig belanglos, weil antiquiert und überholt? Ein Buch, das heute keiner mehr versteht?

Für mich ist die Bibel „Lebenshilfe“ und „Begleiter“ meines Lebens. Und ich lese ziemlich oft in ihr. Nicht nur von Berufs wegen. Sondern für mich selbst. Denn ich finde die Geschichten, die in ihr stehen, richtig interessant. Weil sie auf eindrückliche Weise davon erzählen wie die Menschen sind und wie Gott ist.

Zum Beispiel Josef, der von seinen Brüdern als Sklave nach Ägypten verkauft wird. Weil sein Vater Jakob ihn bevorzugt und mehr liebt als sie. Auch heute gibt es solche Familiensituationen. Josef arbeitet sich in Ägypten hoch. „Alles, was er tat, ließ der HERR in seiner Hand glücken“, heißt es. Doch dann macht ihm die Frau seines Herrn Avancen. Und als er sie nicht erwidert, wird er ins Gefängnis geworfen. Wieder scheint sein Leben am Ende zu sein. Doch weil er zunächst die Träume seiner Mitgefangenen und dann auch des Pharaos richtig deuten kann, wird er sogar Statthalter des Pharao. Immer wieder zeigt sich Gott als Begleiter und Retter, der die Dinge am Ende doch noch zum Guten wendet. Bis hin zur Versöhnung mit seinen Brüdern. Was für eine Familiengeschichte!

Es gibt aber auch manches in der Bibel, mit dem ich Schwierigkeiten habe. Z.B. wenn Gott das Gebet eines Menschen erhört und das eines anderen aber nicht. Ohne dass ich erfahre warum. Wie bei Kain und Abel. Das führt dann sogar dazu, dass ein Bruder den anderen erschlägt. Da fordert mich die Bibel stark heraus.

Dem gegenüber steht die Geschichte vom verlorenen Schaf. Sie erzählt, auf eindrückliche Weise, dass ich Gott nicht egal bin. Sondern, dass er mich im Gegenteil sucht. Überall. Wo auch immer ich bin. Wie ein Hirte sein verlorenes Schaf.

Diese Geschichte ist für mich persönlich eine der wichtigsten in der Bibel. An sie halte ich mich, in meinen Fragen und Zweifeln. Das gibt mir Halt und Zuversicht. In allen Lebenslagen.

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18JUN2020
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Glücklich sein – wer möchte das nicht? Und doch ist es nicht immer leicht zu finden, das Glück. Ein Glückspilz ist, wem das Glück zugeflogen ist, z.B. in Form eines Traumpartners, beruflichem Erfolg oder lebenslanger Gesundheit. Und wenn Jemand einen Unfall wider Erwarten unverletzt übersteht sagen wir: „Der hat aber Glück gehabt“.

In den Medien gibt es immer viele glückliche Menschen zu sehen. Menschen mit lachenden Gesichtern und leuchtenden Augen. Menschen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen und das auch ausstrahlen. Manchmal denke ich, so viel Glück möchte ich auch einmal haben. Frei sein von Sorgen, Anstrengung, Vorsorge. Was wäre das für ein schönes Leben! Das pure Lebensglück!

Manche Lebensberater sagen solches Glück sei planbar und machbar. Es sei nur eine Frage der richtigen Einstellung und Methode. Wer sein Glück will, muss alles dafür geben. Dann wird es ihm auch hold sein.

Aber ich halte dagegen. Das stimmt so nicht. Ich kenne Menschen, die haben hart und viel gearbeitet in ihrem Leben. Und dennoch sind sie auf der Strecke geblieben, weil irgendwann ein Schicksalsschlag, eine Krankheit, eine Trennung das erstrebte Glück nicht mehr zugelassen hat. Und ich kenne Menschen, die nach außen hin hoch erfolgreich sind, aber innerlich unzufrieden, unglücklich, leer und ausgebrannt.


In der Bergpredigt nimmt Jesus darauf Bezug: „Seht die Vögel unter dem Himmel. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch“, sagt er.


Ein schöner Gedanke, wie ich finde. Weil er mich frei macht von der unbedingten Selbstvorsorge für mein Lebensglück. Probleme und Sorgen sind damit nicht weg. Aber sie sind weniger bestimmend. Weil ich mich getragen weiß. So bekommt vieles einen anderen Stellenwert im Leben.
Wie bei einem früheren Freund von mir. Er hatte schwierige Zeiten durchlebt und nicht viel mehr zum Leben als das, was er brauchte. Trotzdem hat er von sich gesagt: „Ich bin glücklich“. Es spiegelte sich in seinen Augen, seinem Gesicht wider: dass er sich irgendwie und trotz allem getragen und gehalten fühlte. Und so zufrieden sein konnte mit dem, was war. Und auch mit dem, was nicht war. Er ist mein Vorbild im Glücklichsein!

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02MAI2020
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Manche Menschen leben in Partnerschaften oder Freundschaften, die ihnen nicht gut tun, jedenfalls von außen betrachtet. Vielleicht kennen Sie das auch. Ich habe da gerade einen Freund vor Augen. Seit Jahren war er mit Sabine zusammen, die eigentlich anders heißt. Jedes Mal, wenn ich ihn getroffen habe, hatte ich das Gefühl, dass es ihm nicht gut geht. Wenn ich ihn dann gefragt habe, hat er immer erstmal gesagt, es wäre alles ok.

Aber wenn er dann erzählt hat, klang es für mich immer so, als würde er ausgenutzt. Wenn ich ihn darauf angesprochen habe, dann hat er kurz gestutzt und meistens geantwortet: „Also Sabine meint….“

Ein einziges Mal hat er gesagt, dass er gerne manches anders machen würde. Aber er sähe keine Chance, Sabine das zu sagen. Also haben sie eine gefühlte Ewigkeit so zusammen gelebt. Ich hätte ihn so gerne mal richtig frei oder doch wenigstens freier gesehen. Aber er kam aus dem Gefängnis der eingespielten Verhaltensmuster einfach nicht raus.

Jesus fordert immer wieder dazu auf, alte Verhaltensmuster zu überwinden, aus alten Strukturen auszusteigen. Seine Jünger zum Beispiel sollen von einem auf den anderen Tag ihre Familien zurückzulassen und ihm folgen. Dieser Aufruf ist radikal und wirkt auch erstmal sehr rau.

Aber gleichzeitig eröffnet er damit seinen Jüngern eine Möglichkeit, ihr Leben radikal neu zu gestalten. Ich glaube nicht, dass diese Radikalität der einzige Weg ist, um neu anzufangen. Es muss nicht immer dieser Weg sein.

Aber wenn ich denke, dass Gott mich frei sehen möchte, dann kann sich auch mein Blickverändern. Mein Blick auf meine Partnerschaft, auf Freundschaften und auf Familie.

Mein Freund hat dann irgendwann doch noch den Mut gehabt, sein Unbehagen anzusprechen. Er und Sabine haben eine Paartherapie gemacht. Seitdem geht es beiden besser. Sie sind beide freier, denn sie haben sich ganz neue Wege erarbeitet, zusammen zu leben und zusammen zu entscheiden.

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01MAI2020
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Heute reden viele Menschen von work-life-balance, also dem ausgewogenen Verhältnis von Arbeit und Privatleben. Gerade auch in Zeiten des Home Office. Das kann für einige bedeuten, dass sie ihre Berufung gefunden haben und einem Beruf nachgehen, der auch ihr Hobby sein könnte. Aber ich treffe auch Menschen, bei denen hört man, dass es nicht so ist.

Im Zug habe ich einen Mann getroffen und wir kamen ins Gespräch. Ein erfolgreicher Mann, der Stolz auf seine Uhr, seine Bahncard 100 und seine Kleidung war.Er hat von seinem Job erzählt, die Statussymbole wurden ganz nebenbei erwähnt. Und zwar immer dann, wenn er über eine der negativen Seiten in seinem Job geredet hatte.

Dann folgten so Sätze wie: „naja, aber dafür gab es letztes Jahr noch diese Uhr dazu“. Man merkte, dass er nicht wirklich glücklich war in seinem Beruf. Aber irgendwie war er doch gefangen zwischen den Vorteilen und den unübersehbaren Nachteilen. In Mannheim verließen wir gemeinsam den Zug und jeder ging seiner Wege.

Beim Nach-denken über diese Begegnung, musste ich an Zachäus den Zöllner aus der Bibel denken. Er war Steuereintreiber der Römer gewesen. Nicht besonders beliebt unter seinen Mitmenschen. Jesus aber hat sich trotzdem bei ihm zum Essen eingeladen. Und das hat Zachäus befreit. Er hat sein Leben verändert, um anders weiter zu leben.

An was der Mann aus dem Zug beim Weggehen gedacht hat, weiß ich nicht. Aber er hat sich nochmal umgedreht, gelächelt und gewunken. Nachdem er erfahren hatte, dass ich Pfarrer bin, hat er interessiert nachgefragt. Er hat sich vorgenommen, mal wieder ein bisschen in der Bibel zu lesen.

Vielleicht stößt er dabei ja zufällig auf die Geschichte von Zachäus? Ich jedenfalls wünsche dem Mann, dass er anfangen kann ein anderes - freieres Leben zu führen. Mal sehen, vielleicht treffen wir uns mal wieder in der Bahn und kommen ins Gespräch...

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30APR2020
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Vor kurzem traf ich einen Bekannten, den ich lange nicht mehr gesehen hatte. Früher hatten wir mal mehr miteinander zu tun. Er grüßte mich von Ferne – näher sollte man sich ja im Augenblick nicht kommen. Später schrieb er mir dann eine Whats App. Da hat er über alles Mögliche geschimpft und wie so oft begann er mit: Also du als Pfarrer, du siehst es doch sicher auch so….“

Und gleich war alles wieder da. Ich wusste sofort wieder, warum sich unsere Beziehung verändert hatte. Er hatte angefangen, sich über alle anderen zu beklagen. Erst waren es die Nachbarn, dann gemeinsame Freude und Bekannte. Irgendwann konnte und wollte ich es nicht mehr hören und war ihm aus dem Weg gegangen. Eigentlich schade.

Dieses Treffen auf dem Markt und die WhatsApp ließen alles wiederaufleben. Und er war immer noch ganz gefangen in seinem engen Denken. Irgendwie gefangen in sich selbst. Früher hatte ich versucht, auch andere Sichtweisen in unsere Gespräche einzuspielen. Um Verständnis für Anderes und Andere zu ermöglichen. Als ich aber gemerkt habe, dass das zu nichts führt, habe ich mich zurückgezogen.

Und nun – Jahre später – musste ich feststellen, dass sich nichts verändert hatte, dass er noch immer ganz in seinen festgefahrenen Vorstellungen gefangen war. Das tat mir wieder sehr leid. Aber ich wusste nicht, wie ich ihn befreien könnte. Es hatte sich ja so gar nichts getan in den letzten Jahren. Das braucht es eine andere Kraft.

Von Jesus gibt es einige Geschichten, in denen er Menschen befreit – aus ihrer Selbstgerechtigkeit, aus ihren festgefahrenen Rollen, aus ihrer Blindheit.

In sich gefangen zu sein, ist sicher eine schlimme Art der Gefangenschaft. Man muss es selbst erkennen und sich nach Freiheit sehnen damit Veränderung möglich ist. Ich glaube: Gott kann das - befreien. Gerade auch dann, wenn man in sich selbst gefangen ist und keinen Ausweg findet.

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26FEB2020
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Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus! Heute am Aschermittwoch beginnt wieder die Fastenaktion „7 Wochen ohne“ der Evangelischen Kirche in Deutschland. Rund drei Millionen Menschen beteiligen sich inzwischen an dieser Initiative, um bis Ostern aus gewohnten Verhaltensmustern auszusteigen und bewusster zu leben. Pessimismusfasten. Darum geht es. Dieses Jahr: Zuversicht!

Ich finde das ein richtig starkes Motto. Es gibt so vieles, was Menschen Angst und Sorgen macht. Die ungewissen politischen Entwicklungen, Konflikte und Krisen in Deutschland, Europa, in der Welt. Der Klimawandel. Die Ausbreitung des Coronavirus.

Aber auch ganz persönliche Erfahrungen. Die Diagnose einer schweren Krankheit, ein Unfall, ein Schicksalsschlag. Von einem Moment auf den anderen ist im Leben nichts mehr so wie es vorher war. Und Pessimismus legt sich wie Blei auf einen.

Da braucht es Hoffnung und Zuversicht, um wieder aufatmen, Kraft schöpfen zu können. Die Fastenaktion ermuntert den Blick darauf zu lenken, was möglich ist. Augen und Herz zu öffnen für das Positive, das Gute. Das, was Hoffnung macht.

Zum Beispiel das Unter-Motto der ersten Woche: „Sorge dich nicht!". So wie Jesus es gesagt hat: „Seht die Raben: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie haben keinen Keller und keine Scheune, und Gott ernährt sie doch“ (Lk 12, 24). Kleidung, essen, ein Dach über dem Kopf, all das ist wichtig, aber die Sorge darüber soll mich nicht beherrschen. Gott trägt und erhält mich. Das kann und darf ich ruhig glauben.

Oder das Unter-Motto der dritten Woche: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“. Die Bibel erzählt: Sarah bekommt trotz ihres hohen Alters doch noch ein Kind. Was unmöglich schien, wird doch noch wahr. Die Bibel ist voller Geschichten über solche Wunder. Blinde sehen, Lahme gehen, Hungrige werden satt. Sie sagen mir: statt zu verzagen, darf ich auf das Unmögliche hoffen.

Sieben Wochen ohne Pessimismus: Im Fastenkalender zur Aktion ermuntern Texte und Bilder zur Zuversicht, gerade auch in schwierigen Situationen und Lebensphasen. Und wer selbst einen Satz hat, der Mut macht und durch Krisen trägt, kann diesen zur Veröffentlichung einreichen, damit er vielleicht auch anderen gut tut. Im Internet unter Siebenwochenohne.

Ich bin gespannt auf Erfahrungen, die ich dort lesen werde, weil ich hoffe, dass ich das für meinen Pessimismus gut brauchen kann.

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