Manuskripte

05JUL2020
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Dieser Tage wird viel über Rassismus gesprochen. Rassismus: Menschen mit bestimmten biologischen Merkmalen sind anderen unter- oder auch überlegen. Die einen meinen, dass sie besser sind als die anderen. . Ich möchte Ihnen heute Morgen eine Geschichte erzählen, die mir wieder eingefallen ist. Sie zeigt, wie das ist.

Ich habe mit Kolleginnen beim Mittagstisch gesessen. Am Nebentisch saßen zwei Männer und eine Frau, die sich angeregt unterhalten haben. Die drei wurden zunehmend lauter. Von Wirtschaftsflüchtlingen war die Rede, die uns auf der Tasche liegen – eben die Themen, die seit 2015 viele beschäftigen. Zufällig schlurfte ein junger schwarzer Mann vorbei. So wie junge Menschen eben manchmal schlurfen. Einer der Männer zeigte auf ihn und rief: „Da ist so ein Nichtsnutz. Der kann gerade heimgehen.“

Das Essen kam. Und ich habe mit mir gerungen. Gehste hin? Sagste was? Oder isst Du einfach? Ich bin aufgestanden und an den anderen Tisch gegangen. Ich habe zu dem Mann gesagt: „Bitte hören Sie auf so zu reden, sie verderben mir mein Mittagessen mit ihren Unappetitlichkeiten.“ Der Mann hat dann ein „Jaja“ gemault. Aber immerhin ging das Gespräch leise weiter.

Wissen Sie, ich fand mich damals ziemlich cool. Aber war das genug, was ich da gemacht habe? In den Zeitungen habe ich gelesen, das viele farbige Demonstranten in den USA sagen: „Hört uns doch erst zu, bevor Ihr diskutiert.“ Das habe ich in dem Restaurant auch nicht getan. Habe ich mich richtig verhalten?

Mein Gefühl für ‚richtig‘ und ‚falsch‘ ist natürlich auch vom Christentum geprägt. Ein ganz kerniger Satz ist zum Beispiel von Paulus. „Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Den Satz fand ich immer gut. Kurz und prägnant. Der bleibt im Kopf. Für so eine konkrete Situation ist er aber – bei Licht betrachtet – gar nicht so klar.

Was war jetzt das Böse? Ich kannte den Mann am Nebentisch gar nicht. Vielleicht hatte er Angst vor den kulturellen Veränderungen. Vielleicht hat er auch Angst vor der Zukunft, dass ihm nicht genug zum Leben bleibt, wenn immer mehr Menschen Hilfe brauchen. So stelle ich es mir vor. Dass der Mann gesagt hat, wie es ihm geht, ist sicher nicht böse. Dass er es menschenfeindlich formuliert hat? Schon eher. Aber dass ich mit dem Hinweis auf mein Mittagessen wirklich etwas Gutes getan habe, glaube ich heute nicht mehr. Wahrscheinlich hat sich der Mann dadurch noch mehr geärgert. Vielleicht wäre es richtig gut gewesen, den jungen Mann ins Restaurant zu holen und zu fragen: „Wer bist Du?“
Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen dem, was gut gemeint ist und dem, was tatsächlich gut ist.

Paulus sagt in der Bibel: Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Das ist ein Satz mit einer großen Herausforderung. Denn: Was ist eigentlich das Gute, wenn es fast nur noch Gewalt zu geben scheint?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber die Nachrichten aus den USA und England schockieren mich. Die Ermordung des Schwarzen George Floyd durch Polizisten ebenso wie die Demonstranten in Bristol, die jetzt überall Statuen von den Sockeln stoßen. Sie haben das vielleicht mitbekommen. Aus Protest haben Menschen Statuen von Männern der Kolonialzeit umgestoßen. Wer Menschen versklavt und ihr Land ausgeplündert hat, für den sollte es kein Denkmal geben haben sie gesagt. Auch in Deutschland wird immer wieder mal diskutiert, wie mit Denkmälern von Menschen umgegangen wird, die hierzulande Stiftungen gegründet haben mit Geld aus den Kolonien. So weit ist das Thema also nicht weg.

Anscheinend gibt es nur noch Extreme: Rassisten und Antirassisten. Und dann frage ich mich: Hat das Brückenbauen ausgedient? Ich stelle mir das immer so vor, dass sich alle mal an einen Tisch setzen. Und hören sich mal wirklich zu. Jeder denkt: Vielleicht hat der andere auch recht. Und ich könnte mich irren. Ich glaube: Dass fast nur noch die Extreme zu hören sind, ist das eigentlich Üble, das wir überwinden müssen. Und das Gute, das zu tun ist, ist Brückenbauen. So dass Menschen mit unterschiedlichen Interessen, einander begegnen können. Finden Sie nicht?

Genau das hatte Paulus im Sinn, meine ich: Der hat an die Gemeinde in Rom einen Brief geschrieben. Einige der Ratschläge können wir heute noch gut gebrauchen. Tut das Gute. Ein anderer: Soweit es möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden.

Ich kann mir denken, dass jetzt einige von Ihnen sagen: Ach, der Pfarrer wieder mit seinen romantischen Träumen, das Leben ist nicht so einfach. Wissen Sie, ich denke, das stimmt. Es ist nicht so einfach. Ich möchte sie heute Morgen ermutigen, das Schwierige zu wagen. So zu leben, dass einer für den anderen da ist. Aber dafür wäre es eben nötig, mal alle an den Tisch zu holen und zuzuhören. Und dort daran zu erinnern, dass das Zusammenleben neue Brücken braucht, gerade wenn die Extreme lauter werden. Neue Brücken zu bauen: Das ist das Gute, das getan werden muss, glaube ich. Erst dann kann neu verhandelt werden, was als nächstes dran ist. So geht Frieden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag.

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05APR2020
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Palmsonntag 2020

Heute ist Palmsonntag. Wir Christen erinnern uns, wie Jesus auf einem Esel in Jerusalem eingeritten ist. Große Menschenmassen haben ihm zugejubelt, haben Palmwedel geschwenkt und Kleidungsstücke vor ihm auf die Straße gelegt. Das alles erzählt die Bibel.

Dieser Tage würde Jesus durch leere Gassen reiten. Dieses Jahr ist für mich die Festtagsstimmung von Palmsonntag nicht zu spüren. Auch eine andere Geschichte aus der Woche vor Ostern würde dieses Jahr nicht stattfinden. Jesus war eingeladen und saß mit seinen Jüngern beim Essen. Plötzlich kommt eine Frau durch die Tür und gießt Jesus teures, parfümiertes Öl über den Kopf. Damit hätte sie aktuell den Sicherheitsabstand von anderthalb Metern deutlich unterschritten. Überhaupt hätte das Essen gar nicht stattfinden können.

Die Geschichte geht aber noch weiter. Die Jünger sagen: „Dieses Öl ist ein Jahresgehalt wert. Wir hätten es verkaufen sollen. Das Geld hätten wir den Armen spenden können.“ Jesus antwortet ihnen: „Ihr könnt für die Armen immer spenden. Ich werde bald nicht mehr da sein. Die Frau hat richtig gehandelt.“

Ich habe lange mit dieser Geschichte so recht nichts anzufangen gewusst. Jetzt in der Corona-Zeit kann ich sie neu verstehen.

Für mich steckt in der Geschichte von der Frau ohne Namen die Lebensfreude, die wir alle unter normalen Umständen haben. Wir gehen raus, treffen Freundinnen und Freude, machen einander Geschenke. In dieser Geschichte steckt aber auch, wie plötzlich die Stimmung kippen kann. Jesus sagt: „Ich bin bald nicht mehr da.“ In diesen Tagen höre ich diese Worte als Echo auf unsere Situation, in der wir zu Hause bleiben sollen. Eben haben wir das Leben noch mit anderen gefeiert. Jetzt geht das nicht mehr.

Eine Fülle von Selbstverständlichkeiten gehen nicht mehr: Freundinnen und Freunde zu treffen, Spazieren gehen, Bummeln in der Stadt. Im Januar habe ich noch auf einer Fortbildung mit Kolleginnen und Kollegen darüber geredet, was Fülle überhaupt ist. Da war Corona noch weit weg in China. Und wir haben damals diskutiert und keine Antwort gefunden. Heute, drei Monate später, merke ich: Ich hatte die Fülle und momentan fehlt sie mir.

Wenn ich so nachdenke: Ich kann mich gut einreihen bei den Jüngern, die nicht sehen wollen, dass Jesus bald weg sein könnte. Die davon ausgehen, dass sich nie etwas ändert. Die nicht damit rechnen, dass die Fülle mal wegbricht.

Leben in Fülle trotz allem.

Wissen Sie, ich will die Parallelen zu heute nicht auf Biegen und Brechen herstellen. Aber gerade dieses Jahr finde ich diese Geschichte so passend für unsere Lage.

Viele Menschen rufen mich im Moment an und erzählen mir, um wen sie Angst haben. Sie fühlen sich von der Situation überfordert. Und ich kann nur sagen: Ja, ich verstehe das. Für mich ist es auch nicht leicht, immer die Ruhe zu bewahren. Ich sorge mich auch um ältere Verwandte. Und ich merke natürlich auch an mir, dass ich im Moment sage: „Das ist keine schöne Zeit.“ So nur in den eigenen vier Wänden.

Trotzdem sagt mir die Geschichte von Jesus und der Frau etwas. Sie lehrt mich Dankbarkeit für die Menschen, die mir geschenkt sind. Die Frau, die Jesus mit dem duftenden Öl etwas Gutes tut, lässt ihre Dankbarkeit raus. Vielleicht, weil sie auch weiß: Morgen kann es schon zu spät dafür sein.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich möchte Ihnen keine Angst machen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Meine Nachbarin ist Anfang 70. Sie ist Witwe, hat aber beim Tanzen einen Mann kennengelernt. Ganz lieb nennt sie ihn „meinen Partner.“ Er ist Mitte 70 und die beiden genießen die Zeit miteinander sehr. Ich habe sie mal gefragt: „Warum ziehen Sie nicht zusammen?“ Sie hat mir gut gelaunt geantwortet: Nein, wissen Sie, wir sind beide schon alt. Wir haben beide schon ein Haus gebaut, eine Ehe geführt. Jetzt gönnen wir uns das Schöne. Irgendwann geht einer von uns dann zuerst.

Das fand ich am Anfang überraschend, aber: Klar. Stimmt! Da spricht viel Lebenserfahrung aus ihr. Diese Lebenserfahrung lässt sie ihr Glück und ihre Dankbarkeit erst richtig genießen. Die Zeit jetzt ist für beide natürlich trotzdem ein schmerzlicher Einschnitt, da sie sich nicht besuchen können. Aber damit haben sicher auch diese beiden Menschen nicht gerechnet. Jetzt telefonieren sie täglich, hat sie mir erzählt.

Heute ist es nicht üblich, sich mit Öl zu parfümieren. Aber wenn sie allein leben: Man kann Freundinnen und Freunde anrufen. Und die Eltern freuen sich, endlich mal regelmäßig von Ihnen zu hören! Und in der Familie oder mit der Partnerin: Versuchen sie doch mal wieder ein Brettspiel! Oder lesen sie einander vor! Und eines ist ja sicher: Irgendwann werden wir auch wieder vor die Türen gehen können.

Auch die Geschichte von Jesus und seinen Jüngern hört ja auch nicht an Karfreitag auf, wenn sie ihn ans Kreuz schlagen.. Sie geht bis Pfingsten. Da werden sie von Gottes Kraft erfüllt, öffnen die Türen und ziehen hinaus in die Welt.

In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund und zuversichtlich bis die Türen sich wieder öffnen.

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01DEZ2019
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Ich bin Anuschka eine Entschuldigung schuldig. Leider schon seit 17 Jahren. Leider wird das nichts mehr werden. Ich habe keine Ahnung, wo sie lebt, was sie macht. Ich weiß nichts mehr über sie. Mein schlechtes Gewissen wird mich weiter begleiten.

Anuschka und ich haben zusammen Tanzkurs gemacht. Zusammen haben wir die Kurse Bronze, Silber und Gold besucht. Anschließend war klar: Wir machen zusammen weiter und gehen in die Formationsgruppe. So haben wir das damals ausgemacht. Ich habe dann aber ein anderes Mädchen kennengelernt. Sie wissen bestimmt, wie das ist: Zum ersten Mal verliebt! Alles andere zählt da nicht mehr.

Eigentlich hätte ich Anuschka sagen müssen, dass ich deshalb den Tanzkurs mit einer anderen machen möchte. Ich war aber zu feige. Also habe ich nicht angerufen. Ich bin einfach weg geblieben. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen deswegen. Aber es war halt so.

Ich habe Anuschka dann ein paar Jahre nicht gesehen. Ich hatte die ganze Geschichte im Grunde vergessen. Dann stand sie plötzlich auf dem Bahnhof am Bahnsteig gegenüber. Schnell habe ich mich weggedreht. Aber eine innere Stimme hat gesagt: „Geh rüber, zieh es glatt! Das ist Deine Chance.“ Dann kam der Zug und ich habe mich wieder gedrückt. So bin ich Anuschka die Entschuldigung schuldig geblieben.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie gut verstehen, was ich da beschrieben habe. Wer ist denn einem anderen Menschen noch nichts schuldig geblieben? Ich glaube, das ist bei jedem Menschen so.

Niemand ist perfekt. Jeder macht Fehler. Ich merke, wie mir dieser Gedanke gut tut und mein Gewissen beruhigt. Und ich denke auch immer wieder: Wenn ich jedem, der mir etwas schuldig geblieben ist, hinterherrenne – oder umgekehrt, wenn mir jeder hinterherrennen würde, der mir was schuldet – das würde nicht aufhören. Deshalb habe ich Geduld mit den Menschen, weil ich ja weiß: Im Grunde bin ich genauso.

Schon der Apostel Paulus hat darüber nachgedacht. Er wollte die Gemeinde in Rom besuchen. Und um sich dort schon einmal vorzustellen, hat er den Menschen einen Brief geschrieben. Zum Ende hin schreibt er: Bleibt niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt. Er meint damit: Alles, was Ihr Euch schuldet, ist gegenseitige Liebe.

Das hat ganz schön Anspruch. Für mich ist das immer ein bisschen schwierig, das anzunehmen. Ich merke doch, wie oft ich jemandem etwas schuldig bleibe. Und nun das: Liebt einander. Das ist zwar eine Kernbotschaft im Christentum. Aber alle lieben? Fällt mir persönlich ganz schwer. Ich fürchte, die Liebe bleibe ich anderen besonders oft schuldig.

Wahrscheinlich hat Paulus damals gewusst, dass er da die Latte für die Menschen ziemlich hoch legt. Deswegen schreibt er noch eine Begründung dazu. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Diese Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Paulus erklärt dann ganz konkret: Es geht um die 10 Gebote. Du sollst nicht ehebrechen, Du sollst nicht neidisch sein, Du sollst nicht töten. Wer sich an die Gebote hält, der ist auf einem guten Weg mit dem „Liebt einander“.

Ich glaube: Paulus meint da eine Liebe, die sich um andere kümmert. Da geht es weniger um Verliebtheit und Romantik. Da geht es um Wertschätzung. Das heißt, andere Menschen mit Respekt behandeln und freundlich sein. Da geht es um Fürsorge. Nicht wegschauen, wenn es anderen schlecht geht. Sondern hingehen und helfen. Diese Liebe schulden Christinnen und Christen anderen. Im Moment finde ich das Wort „Geduld“ gut, um Nächstenliebe praktisch zu machen. Geduld täte den Menschen gut. Verstehen Sie mich nicht falsch. Geduld heißt nicht tatenlos abwarten. Geduld heißt Zeit nehmen. Geduld heißt, den anderen zu respektieren.

Ich finde das gut, dass Paulus da so klar und deutlich redet. Aber beim Satz ‚Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst‘ kommt bei mir die nächste Frage. Was ist denn die Liebe zu mir selbst? Wäre das nicht Egoismus? Selbstsucht? Ich kann auch gar nicht behaupten, dass ich mich 24 Stunden am Tag liebe. Ich kann mich über mich ärgern und sogar schämen. Wenn ich an die Geschichte von mir und Anuschka denke, dann hab ich ein schlechtes Gewissen. Ich war nicht freundlich und ich habe weggeschaut. Ich habe in Sachen „Liebt einander“ versagt. Da heißt es nun Geduld haben mit mir selbst und es beim nächsten Mal besser machen. Die Geduld mit mir selbst nicht aufgeben. Wenn ich Anuschka denke, dann schicke ich manchmal ein Stoßgebet gen Himmel: Lieber Gott, mach, dass sie weiß, dass es mir Leid tut. Zumindest bin ich mir sicher, dass Gott mit mir Geduld hat und mir verzeiht, weil ich bereue, wie ich Anuschka behandelt habe.

Und andersherum gilt dasselbe: Geduld haben, wo ich denke, dass mir einer was schuldig bleibt. Sei geduldig mit Deinem Nächsten wie mit Dir selbst. Passt das nicht toll in den Advent? Heute ist ja der 1. Advent. Ich glaube, das ist eine gute Zeit für Erwachsene, es mit der Geduld auszuprobieren. Ich fang gleich damit an. Mein Adventskalender: 24mal Geduld haben! Ich bin gespannt, was das bewirkt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten und schönen 1. Advent.

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15SEP2019
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„Ist Pfarrer ein normaler Beruf?“ Das hat mich die Chefin des Hotels gefragt, in dem ich meinen Urlaub verbracht habe.
Das Hotel war ein Familienbetrieb. Und da hat es für die Chefin dazugehört am Ende noch ein bisschen Smalltalk zu machen. Wie lange fahren Sie? Freuen Sie sich auf die Arbeit? Und dann: Was arbeiten Sie eigentlich?

 

Ich habe mich darauf eingelassen: Ich bin evangelischer Pfarrer. Da machte die Chefin große Augen. „Ach“, hat sie gefragt, „ist das ein normaler Beruf?“ Ich habe eine Weile nichts gesagt. Mein Schweigen hat sie dann genutzt und gesagt: „Mein Sohn ist 9 und will unbedingt Pfarrer werden. Er geht zu jedem Gottesdienst und er betet.“ Kurze Pause: „Ich mache mir ein bisschen Sorgen.“

Zuerst musste ich lachen. Aber natürlich war es der Mutter ernst. Immerhin führt die Familie ein Hotel. Da hat sie von ihrem Sohn sicher andere Interessen erwartet als ausgerechnet Religion und Kirche. Vielleicht soll er später den Betrieb mal übernehmen. Ich kenne einige mittelständische Betriebe, da ist es ganz wichtig, dass die Nachfolge geklärt wird. Denn oft hängt an einem Familienbetrieb die Existenz – nicht nur der Familie, sondern auch der Familien drum herum, die dort arbeiten.

Dann habe ich der Chefin und Mutter gesagt: „Ja, es ist ein normaler Beruf.“ Aber ihre Sorgen hat das nicht zerstreut. Sie hat dann erzählt: „Er hat auch wenig Kontakt in der Schule. Und er ist irgendwie anders als wir. Also, er ist nicht unglücklich. Aber eben anders.“ Da habe ich erst verstanden, was sie beunruhigt. Sie hat wohl gedacht, ihr Sohn könnte ein weltfremder Eigenbrötler werden. Keine Kleinigkeit für ein Gespräch an der Rezeption. Ich habe ihr dann erzählt, dass Pfarrerinnen und Pfarrer zwar einen besonderen Beruf haben. Dass sie aber auch ganz normale Menschen sind.

Ich weiß, dass das meiner Wirtin wohl nicht richtig geholfen hat. Aber was sollte ich tun? Man sagt ja Blut ist dicker als Wasser. Die Mutter des kleinen Jungen hat aber das Gefühl gehabt, dass das ihr Sohn anders sieht. Wer weiß, was sie da alles umtreibt: Enttäuschung, weil er nicht so am Betrieb interessiert ist? Angst, dass er in Zukunft schief angeschaut wird? Sorge, dass er nicht für sein Auskommen sorgen kann?

Familienbande sind in der Regel fest geknüpft. Was tun, wenn das Kind oder der Enkel plötzlich Wege einschlägt, die unerwartet sind?

 

Beim Gespräch damals ist mir die Geschichte nicht eingefallen. Aber es gibt in der Bibel eine Geschichte über Jesus, die ganz ähnlich ist. Jesus hatte gerade angefangen, in der Öffentlichkeit zu predigen und Kranke zu heilen. Dann hat er 12 Männer als seine Jünger ausgewählt. Mit ihnen fing er an , durch das Land zu ziehen.

Seine Mutter Maria war entsetzt. Sie dachte, „er ist verrückt geworden.“ Wahrscheinlich hat sie von ihrem ältesten Sohn erwartet, dass er den Betrieb des Vaters übernimmt. Dass er die Familie versorgt und in Nazareth bleibt. Nun war Jesus drauf und dran, ein Wanderprediger zu werden. Maria macht sich auf den Weg, um ihm so ein Leben auszureden.

Jesus reagiert auf seine Mutter dann sehr scharf. Er lässt ihr ausrichten, dass seine Familie aus den Menschen besteht, die ihm folgen und wie er nach den Geboten Gottes leben. Das war für Maria sicher ein Schlag. Aber ich will Jesu Beispiel auch nicht zu sehr strapazieren. Wir sind ja nicht Jesus. Jesus konnte kompromisslos sein. Wir können Kompromisse machen, finde ich. Wir können anders als Jesus zwei Familien haben.

Erstens eine biologische Familie. Zweitens kann man dazu noch eine geistliche Familie haben, wenn man sich an Jesus orientiert. Jesus hat solche Menschen seine Brüder und Schwestern genannt. Damit hat er diejenigen gemeint, die wie er glauben und leben wollen. In diesem Sinne gewinnt man eine weltweite Familie dazu.

Es muss übrigens niemand Pfarrer werden, um zu dieser Familie zu gehören. Glauben kann man in jedem Beruf und überall. Gutes tun auch. Jesus hat ja später mit der Goldenen Regel auf den Punkt gebracht, was er meint: Was Ihr wollt, das Euch die Leute tun, das tut ihnen. Das ist sozusagen das Motto der Familie Gottes.

Weil wir nicht so radikal handeln müssen wie Jesus, können wir heute beides haben. Eine Familie aus Fleisch und Blut mit eng geknüpften Familienbanden. Die hat eigene Vorstellungen und Wünsche. Aber sie ist für mich auch ein Ort, an dem ich mich sicher fühlen kann. Und eine Familie aus Menschen, die sich an Jesus orientieren. Dazu gehören die Frau aus der Suppenküche oder der Mann, der für die Tafel arbeitet. Zu dieser Familie knüpfen Kinder und Enkel manchmal unerwartet feste Bande.

Betrachten Sie es als Geschenk, wenn Kinder und Enkel neue Bande knüpfen und eigene Wege gehen. Es kann Großes entstehen. Probieren Sie doch heute mal das Familienmotto von Jesus aus: Tun Sie einem Menschen, was Sie sich für sich wünschen. Keine Sorge, Sie gewinnen einen Bruder dazu. Oder eine Schwester. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete und familiäre Woche.

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19MAI2019
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Singen macht frei

Anfang Mai habe ich ein Weihnachtslied gesungen: „Maria durch ein Dornwald ging“. Zusammen mit einer alten Frau. Und das war gar nicht komisch. Irgendwie war es ganz selbstverständlich. Ich möchte Ihnen erzählen, wie es dazu kam.

Frau Volkmann ist fast 90. Die Beine haben nicht mehr die Kraft, die sie früher hatten. Sie friert oft. Die Augen sind auch nicht mehr so gut. Vieles, sagt sie, ist nicht mehr so schön. Aber ihren Verstand hat sie noch. Darauf ist sie stolz. Ich habe sie zum Geburtstag besucht. Wir haben Rummikub gespielt. Während des Spiels hat sie gesagt: „Sagen Sie mal, Herr Pfarrer, können Sie singen?“ Ich habe geantwortet: „Ja, es geht. Kirchenlieder kann ich singen. Für Schlager taugt meine Stimme nicht.“

Einen Moment war Frau Volkmann in sich versunken. Dann hat sie erzählt: „Mein Lieblingslied ist „Maria durch ein Dornwald ging“. Ich habe immer wieder gedacht: Das Leben ist wie ein Wald. Das Leben ist voller Dornen. Und wenn das Jesuskind kommt, tragen die Dornen Rosen. Darauf baue ich.“ Nach einer kurzen Pause haben wir gemeinsam gesungen. Frau Volkmann war glücklich.

Solche Geschichten begegnen mir oft im Berufsalltag. Singen verbindet die Menschen. Egal, ob ich mit Erwachsenen oder Jugendlichen Musik mache. Ich merke dabei immer wieder: Singen ist einer der schönsten Wege, um Gottes Spuren zu finden. In den Melodien, in den Texten und in der Gemeinschaft mit anderen Sängerinnen und Sängern. Und das geht nicht nur mir so, glaube ich. Vielleicht kennen sie das auch…

Beim Singen passiert ganz viel. Der Atem wird trainiert. Wer singt, atmet durch. Wenn ich singe, muss ich den Mitsängern zuhören. Oder ich kann mich an den guten Sängern orientieren. Sänger helfen sich gegenseitig. Der Rhythmus der Musik bringt den Körper in Bewegung. Gerade bei Kindern sind die Lieder oft von kleinen Choreographien begleitet, damit Musik und Text ihnen wortwörtlich in Fleisch und Blut übergehen. Zu singen bringt Körper und Geist in Bewegung. Und in Kirchenchören treffe ich Menschen, die zwar nicht an Gott glauben. Aber beim Singen spüren: Durch diese Welt zieht sich eine überirdische Melodie. Ich glaube: Wer singt, findet die Harmonie des Lebens.

Miteinander zu singen – auch wenn nicht jeder Ton passt – ist ein großes Geschenk. Wer gemeinsam singt, teilt miteinander die Stimme. Wer gemeinsam singt, teilt Zeit miteinander. Und ich finde: Wer singt, lässt sich nicht unterkriegen. Das erleben alle, die singen. Musik tut gut. Man fühlt sich freier und unbeschwert.

Singen setzt Energie frei

In der Bibel wird davon erzählt, dass Gesang sogar Fesseln sprengen kann. Es heißt: Paulus wurde mit seinem Mitarbeiter Silas in den Kerker geworfen. Um ganz sicher zu gehen, dass Paulus und Silas nicht fliehen, wurden den beiden Fußfesseln angelegt. Ihre Lage war aussichtslos und bedrohlich. Mit Fluchthilfe konnten sie nicht rechnen.

Trotzdem, erzählt die Bibel: Um Mitternacht beginnen beide, zu singen. Genauer heißt es: „sie lobten Gott“. Vermutlich haben sie religiöse Lieder gesungen. So, wie die Sklaven auf den Baumwollfeldern in Amerika. Oder wie die Anhänger der Reformation zur Zeit Luthers. Sie haben Lieder vom Vertrauen auf Gott gesungen. Und das hat ihnen Mut gemacht. Das hat ihnen Kraft gegeben.

Bei Paulus und Silas im Gefängnis ist ein Wunder geschehen. Die Erde bebt, die Ketten reißen, die Tür zum Kerker geht auf. Wie genau das möglich war? Keine Ahnung.

In der Bibel ist der Clou der Geschichte, dass der Kerkerwächter vom Gottvertrauen der beiden so beeindruckt ist, dass er sich mit seiner Familie taufen lässt.  Die Lieder vom Gottvertrauen haben also zwei Dinge bewirkt: Paulus und -Silas haben ihre Freiheit zurück. Und sie haben auch andere beeindruckt und ihnen Gottvertrauen vermittelt.

Ich weiß: Wenn ich heute mit Menschen singe, dann werden sie nicht wie durch ein Wunder gesund. Ich weiß: Körperliche oder seelische Fesseln zerspringen nicht einfach. Trotzdem mag ich diese Geschichte. Sie beschreibt, wie viel Energie im gemeinsamen Singen liegt. Zum einen will ein Kerkerwächter in Zukunft mitsingen. Zum anderen vertreibt Gesang die Hoffnungslosigkeit.

Letzte Woche habe ich mich mit Frau Schwertfeger unterhalten. Sie ist 55 Jahre alt. Sie arbeitet gerne und viel. Manchmal hängt ihr die Arbeit aber zum Halse raus. Dann wird ihr alles zu viel und am liebsten würde sie die ganze Arbeit einfach hinschmeißen. Sie hat mir erzählt: Wenn ich keine Energie mehr habe, dann singe ich ‚Der Himmel geht über allen auf. Das habe ich im Kindergottesdienst gelernt. Das ist jetzt über 40 Jahre her, aber damit lade ich immer noch meine Batterien auf. Dann wird der Himmel wieder weit über mir. Und dann geht es weiter.

Gerade so, als würde die Stimme die Seele aus der Hoffnungslosigkeit rausziehen. In diesem Sinne hat Martin Luther mal gesagt, dass die Musik ein Geschenk Gottes ist. Ich singe gern, weil ich das auch schon genauso erlebt habe.

Ich hoffe, ich konnte Sie mit meinen Geschichten ermutigen, heute das Singen mal auszuprobieren. Vielleicht haben Sie ja ein Lieblingslied. Vielleicht ist es sogar ‚Maria durch ein Dornwald ging‘, wie bei der Frau, die ich besucht habe. Ich weiß jetzt: Das kann man auch im Mai noch singen.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete und melodiöse Woche.

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Kirchenasyl Den Haag
Am 1. Februar habe ich eine wunderbare Nachricht gelesen: 2200 Stunden langer Gottesdienst beendet. Dieser Gottesdienst, der über 90 Tage gedauert hat, hat in Den Haag in den Niederlanden stattgefunden. Aber nicht, um ins Guiness-Buch der Rekorde zu kommen. Mit diesem Gottesdienst wurde einer Familie aus Armenien Asyl gewährt.

Ich erzähle Ihnen mal, wie es dazu kam. Vor 9 Jahren schon ist  Familie Tamrazyan aus Armenien geflohen. In den Niederlanden haben sie Zuflucht gefunden. Sasun Tamrazyan, der Familienvater, hat sich in seiner Heimat politisch engagiert. Er war ein Gegner nationalistischer Politik. Dafür wurde er verfolgt. 2009 war das.

Sasun Tamrazyan verließ mit seiner Frau und den drei Kindern Armenien. Die älteste Tochter war 12, der Sohn 10 und die jüngste 6. Alle sprechen heute fließend niederländisch. Die älteste Tochter Hayarpi studiert. Regelmäßig hat die Familie den Gottesdienst besucht. Alle fünf sind Christen. Wer die Vorgeschichte nicht kennt, könnte meinen: Die Familie Tamrazyan ist wegen eines Berufswechsels in die Niederlande gekommen.

Die Nachbarn sagen: Die Tamrazyans sind sehr gut integriert. Letzten Herbst sollte die fünfköpfige Familie trotzdem abgeschoben werden. Zuerst haben sie in ‚ihrer‘ Kirche in Katwijk Hilfe gesucht. Doch das konnte die Gemeinde nicht schaffen. In Den Haag ist dann die Idee zu dem monatelangen Gottesdienst entstanden. Die Polizei darf in den Niederlanden nämlich nicht in ein Gotteshaus, wenn dort gerade Gottesdienst gefeiert wird. Christliche Pfarrer aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland waren rund um die Uhr im Einsatz.

Für die Familie wurden eine Küche und ein Bad eingerichtet. Nach drei Monaten ist das nun zu Ende: Die Familie darf bleiben. Und das nicht irgendwie aus Gnade. Man hat einfach ein geltendes Gesetz neu angewandt. Es heißt: ‚Kinderpardon‘. Wenn eine Familie in den Niederlanden ein Kind bekommt, darf die Familie bleiben. Für die Tamrazyans hat man gesagt: Die Kinder sind seit 9 Jahren hier, besuchen die Schule, studieren. Das soll auch gelten dürfen!
Auch für andere Familien in den Niederlanden spielt das eine Rolle: 600 weitere Familien sind nun genauso geschützt und dürfen bleiben.

Diese Geschichte geht mir zu Herzen. Sie hat ein gutes Ende. Und es ist eine internationale Geschichte. Pfarrerinnen und Pfarrer aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen haben zusammengearbeitet. Ja, im Grunde wünsche ich mir, dass die Kirche so ist. Sie überschreitet Grenzen für die Menschen, die Hilfe brauchen. Das geht nicht immer und überall. Aber es geht immer wieder.

Solche Grenzüberschreitungen gab es schon immer. In der Bibel wird eine Geschichte von Paulus erzählt. Paulus wollte im Nordwesten der heutigen Türkei das Evangelium von Jesus verbreiten. In der Nacht vor seiner Reise hatte er einen Traum. Er hat geträumt, dass ihn ein Mann aus Mazedonien ruft. „Komm rüber zu uns und hilf uns“, hat er gerufen. Am nächsten Tag ist Paulus mit seinen Mitarbeitern nach Europa gesegelt.

Für Paulus und seine Mitarbeiter war klar: Gott hat sie gerufen. Und Paulus sollte auch Erfolg haben. In Philippi hat sich eine Frau namens Lydia taufen lassen. Lydia wurde in der heutigen Türkei geboren. Ist dann aber wegen besserer Berufsaussichten nach Mazedonien gezogen. Lydia gilt als erste Christin Europas. In ihrem Haus hat sich die erste christliche Gemeinde in Europa zum Gottesdienst getroffen.

Ich mag auch diese Geschichte sehr. Auch sie liegt mir am Herzen. Lydia, die aus der Türkei kommt, wird die erste Christin. Paulus, der aus der Türkei kommt, erlebt seinen ersten Erfolg. Beide sind für die Stadt Philippi ein Gewinn. Zum Glück haben das die Menschen damals so gesehen und sich zu Herzen gehen lassen, was Paulus gesagt hat. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie gesagt hätten: Zieht weiter, wir wollen Euch hier nicht. So war es ja aber nun nicht. Paulus und Lydia haben eine Landesgrenze überschritten. Und sie durften bleiben. Ist das nicht eine wundervolle doppelte Grenzüberschreitung? Lydia und Paulus kommen aus der heutigen Türkei und mit beiden fängt das Christentum in Europa an. Bei ihnen merkt man: Woher sie kommen ist so wichtig gar nicht, weil die Botschaft zu Herzen geht. Und daraus entsteht dann eben großes. In diesem Fall eine 2000jährige Glaubensgeschichte.

Menschliche Grenzen, wohl auch menschliche Horizonte, spielen für Gott anscheinend nicht die wichtigste Rolle. Das lese ich aus der Geschichte von Paulus und Lydia. Diese Spur finde ich auch in der Geschichte der armenischen Familie in den Niederlanden. Die entscheidenden Grenzen liegen im Herzen. Die Menschen entscheiden im Herzen, was ihnen wichtig ist. Und Gott, so glaube ich, hat damals in Philippi und heute in Den Haag die Herzen bewegt. Schön, wenn Menschen das zulassen können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine grenzenlose Woche.

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Nehmen ist seliger als Geben. Schon mal gehört? Ja, sagen Sie vielleicht, so verhalten sich viele. Die nehmen, was sie kriegen können. Aber schön ist das nicht. Schon gar nicht so kurz vor Weihnachten. Gerade da denkt man doch eher ans Schenken und sagt dazu: Geben ist seliger als nehmen. Anderen etwas schenken, das macht einem ja auch selber Freude.

Aber Nehmen ist seliger als Geben, das steht jedenfalls auch in der Bibel. Der Apostel Paulus hat das in einem Brief an die erste christliche Gemeinde in Rom geschrieben. In der Bibel kann man das nachlesen (Rö 15,7). Paulus denkt dabei allerdings nicht an Weihnachtsgeschenke. Er denkt an andere Menschen. Ich glaube, er meint: Wer andere annimmt, macht ihnen das größte Geschenk.

Paulus schreibt über Menschen, die sich im Alltag begegnen. Und er sagt: Nehmt jeden und jeden so an, wie er ist. So hat Jesus das auch gemacht. Das soll Euer Vorbild sein.

Ja, denke ich und: Das ist aber richtig schwer. Wenn ich aus meinem Büro auf die Straße schaue, dann sehe ich jeden Tag auf eine Bushaltestelle und auf einen Grünstreifen. Eine Frau an der Bushaltestelle trägt einen Pelzmantel. Ein junger Mann führt seinen Hund Gassi und zerrt an der Leine. Ein Punker spuckt auf den Gehweg. Ich sehe immer wieder Menschen, bei denen mir der Gedanke schwer fällt: Den nehme ich an, wie er ist.

Dafür müsste ich nämlich zuerst einmal den anderen ansehen, ohne ihn zu bewerten. Und dann braucht es auch Interesse am Gegenüber. An der Frau mit dem Pelz. Die könnte ich fragen: Warum tragen Sie noch Pelzmäntel? Den Punker könnte ich fragen: Was stört Dich an der Gesellschaft, dass Du anders sein willst? So könnte das klappen, den anderen anzunehmen. Interesse haben. Sich die Geschichten anhören, die der andere erzählt. Die Geduld mitbringen und signalisieren: Hier darfst Du offen sprechen. Hier darfst Du Du sein.

Ich frage mich das ja auch manchmal: Was sehen diese Menschen, wenn sie mich ansehen? Glatze, Brille, schiefe Zähne? Das fände ich ziemlich schlimm. Und ziemlich oberflächlich. Ich wünsche mir ja auch, dass man mich kennenlernt. Dass die Leute hinter die Oberfläche schauen und ich meine Geschichten und Gedanken erzählen kann. Weil das gut tut. Weil mich das ermutigt, so zu sein, wie ich bin.

Ich habe erlebt, wie das sein kann. Vor zwei Jahren habe ich an einem Friedensgebet teilgenommen. Wir standen unter einem Kreuz vor einer Kirche. Wir waren nur 6 Personen. Wir haben immer gehofft, dass noch andere kommen. Plötzlich kam ein Mann auf uns zu. Er hat eine vergilbte Armeejacke getragen. Er hat ziemlich streng gerochen. Er hat sich in unseren Kreis gestellt, aber mit uns gefremdelt. Wir haben uns angeschaut und uns mit Blicken gefragt: Was mag er wollen?

An einer Stelle im Friedensgebet durfte jeder laut Gedanken äußern. Da hat der Mann erzählt: Mein Vater hat damals dieses Kreuz gebaut. Er hat es nach dem Krieg aufgestellt. Als Zeichen, dass Gott stärker ist, als das, was die Menschen kaputt macht. Und ich danke Gott, dass ich die Kraft habe, trocken zu sein. Und ich danke Euch, dass ich mich zu Euch stellen durfte. Mit diesen Worten ist er gegangen. Ich weiß nichts weiter über ihn. Nur, dass er froh war, weil er anscheinend gemerkt hat: Hier bin ich angenommen.

„Nehmt einander an, wie Jesus Euch angenommen hat“ (Röm 15,7).  Paulus hat diesen Gedanken mit Jesus verbunden.

Für Paulus war klar: Jesus hat auf der Welt so gelebt, wie Gott es sich wünscht. Und Paulus hat sich gewünscht, dass das fortgesetzt wird. Deshalb hat er den Menschen erklärt, wie das geht. Eben: Einander annehmen. Ich finde: Das hat mit Advent ganz buchstäblich zu tun. Advent heißt übersetzt Ankunft. Und das heißt ja nicht nur, dass Weihnachten ankommt. Ankommen möchte auch jeder einzelne Mensch, der einem begegnet. Ankommen und angenommen werden. 

Wenn ich dann an den Mann denke, den ich beim Friedensgebet getroffen habe, dann merke ich: Jemanden anzunehmen, wie er oder sie ist, ist das größte Geschenk. Der Mann hat den Mut gefunden, seine Geschichte mit uns zu teilen. Und wir, die so ganz anders leben als er, waren ihm dafür die richtige Gruppe. Bei uns hat er sich wohl gefühlt. Wie gut, dass wir nicht von ihm abgerückt waren!

Ich glaube, das kann man üben. Mir hilft es, wenn ich mich immer mal wieder frage: Wie sehen mich die Menschen, wenn ich auf sie zukomme? Das verändert meinen Blick auf andere. Dann ist es gar nicht mehr so schwer, andere anzunehmen. Ich glaube, dass das wirklich das schönste Weihnachtsgeschenk ist: Jemanden annehmen, so wie er ist. In diesem Sinne ist Nehmen seliger als Geben.

Ihnen allen einen gesegneten 3. Advent und eine gute Woche.

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Es fällt leicht, sich zu schämen

„Ich schäme mich.“ Wer das sagt, weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Oder, dass er nicht so gut war, wie er sich es vorgenommen hatte. Wenn ein Mensch sich schämt, dann ist sein Gesicht gerötet. Die Augen sind auf den Boden gerichtet, damit bloß keiner dem Beschämten in die Augen schauen kann. Dass einer sich schämt, kann man wegen solcher Zeichen gut erkennen.

Dabei sind die Gründe, um sich zu schämen, sehr unterschiedlich. Schon Kleinigkeiten können der Anlass sein. Ich war selbst mal dabei: Auf einem 80. Geburtstag hat einer der Gäste ein Glas Rotwein umgestoßen. Der Wein hat sich über den Tisch und das Kleid der Gastgeberin ausgebreitet. Oh, das war peinlich! Der Gast hat es ja nicht beabsichtigt, es war ein Missgeschick. Aber fast eine Viertelstunde lang konnte er danach mit der Jubilarin nicht mehr sprechen. So geschämt hat er sich für seine Tollpatschigkeit.

Was hätte er jetzt tun können? Er konnte ja nicht so tun, als ob nichts wäre. Es hatte auch jeder gesehen, dass er es war. Am liebsten wäre er wohl weggelaufen. Aber das ging ja nun gar nicht

Die Feier hätte an dieser Stelle für alle unangenehm werden können. Jeder am Tisch hätte sich bemüht, die Rotweinflecken zu übersehen. Niemand hätte das Missgeschick angesprochen. Die Scham des Gastes hätte sich ausgebreitet. Den anderen hätte er leidgetan. Manche hätten sich für ihn geschämt.

Dann hat das Geburtstagskind schließlich gesagt hat: „Es ist doch nicht so schlimm!“ Da konnte die Feier ungetrübt weiter gehen. Ich nehme mal an, dass beide ein paar Tage später über diesen Zwischenfall lachen konnten. So kleine Missgeschicke eignen sich beim nächsten Geburtstag, um die Stimmung aufzulockern: „Weißt Du noch, wie ich damals den Rotwein verschüttet habe?“.

Tatsächlich ist es ja so, dass die meisten Menschen ziemlich genau wissen, was richtig ist. Oder auch was falsch ist. Meistens lehren einen ja Eltern und Großeltern Werte und Ideale. Wenn ich dann einen Fehler mache, dann schäme ich mich. Und da sind die Tischmanieren nur ein Beispiel.

Faszinierend oder? Ein schlechtes Gewissen oder Scham breiten sich über den ganzen Tisch aus. Gott sei Dank ist das ja dann nicht passiert. Und es ist deshalb nicht passiert, weil die Jubilarin es deutlich angesprochen hat: Ja, Du hast einen Fehler gemacht. Wir wissen es beide. Ich spreche es jetzt aus. Und damit helfe ich Dir aus Deiner Scham und wir verstehen uns weiter gut. Mit Scham kann man umgehen.

So offen damit umzugehen, wenn sich einer schämt, das hilft sehr. Es hilft, das schlechte Gewissen zu vertreiben. Für den 80. Geburtstag war das wie ein Neuanfang der Feier.

Es fällt leicht, Scham zu überwinden

Scham ist ein grundlegendes Gefühl. Seit Jahrtausenden ist es als Empfindung den Menschen vertraut. Schon in den allerersten Geschichten der Bibel kommt deshalb auch Scham vor. Und zwar als erstes Gefühl der Menschen überhaupt.

Die beiden ersten Menschen, Adam und Eva, bekommen von Gott zwei Regeln gesagt. Die erste Regel: Sie dürfen von allen Bäumen im Garten Eden essen. Die zweite Regel: Nur von einem bestimmten Baum dürfen sie nicht essen.

Aber natürlich: Das macht sie erst recht neugierig. Also essen beide von diesem Baum. Und gleich danach schämen sie sich. Denn mit ihrer Neugier und ihrer Eigenmächtigkeit stehen sie ganz schön nackt da.  Abends, erzählt die Bibel, geht Gott im Garten spazieren und unterhält sich mit Adam. Dieses Mal aber versteckt sich Adam, weil er sich schämt, nackt zu sein.

Ich finde ganz spannend, was dann passiert. Gott fragt Adam: Warum hast Du denn meine Regel nicht eingehalten? Und Adam sagt: Die Frau hat mir zu essen gegeben. Da fragt Gott die Frau: Warum hast Du das gemacht? Und Eva schiebt es auf die Schlange. Ich finde das interessant, weil es so realistisch ist: Wer sich schämt, der kann seinen Fehler nicht zugeben. Der versucht seine Schuld abzuschieben auf andere.

Um die Konsequenzen ihrer Tat kommen beide nicht herum erzählt die Bibel. Sie können nicht länger in dem paradiesischen Garten bleiben, wo man sich nicht zu schämen braucht. Nun leben sie in der realen Welt und kennen das Gefühl, sich zu schämen. Sie schämen sich vor Gott, voreinander und vor sich selbst.

In der Geschichte wird dann aber auch erzählt, dass Gott reagiert. Er lässt beide nicht nackt da stehen. Er hilft beiden aus ihrer Scham und macht ihnen Kleidung. Er zeigt damit: Ja, Ihr habt einen Fehler gemacht. Wir wissen es alle. Ich spreche es aus. Ihr müsst die Konsequenzen tragen. Aber ich helfe euch, mit der Scham umzugehen und wir verstehen uns weiter gut. Ein Neuanfang für die drei.

Mir macht diese Geschichte in zweierlei Hinsicht Mut. Erstens macht sie mir Mut, ehrlich zu sagen, wenn ich mich mal schäme. Das ist der erste Schritt zu einem Neuanfang. Und zweitens ermutigt sie mich auch, anderen aus der Scham heraus zu helfen. Das geht, wenn ich wie Gott in dieser Geschichte oder die Jubilarin auf dem Geburtstag ernst nehme, was den anderen beschämt.

Oft lässt sich das lösen. Mit Verständnis, mit einem Gespräch, und indem ich mich in den anderen hineinversetze. Mit Scham kann man umgehen. Es liegt an mir, ob ich den anderen nackt da stehen lasse oder sein Missgeschick anspreche und verzeihe.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Woche.

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Im Versteckspiel Vertrauen lernen
Kennen Sie das Kuckuck-Spiel? Neulich habe ich im Park eine Großmutter beobachtet, die das mit ihrem Enkelkind gespielt hat. Das kleine Kind hat im Kinderwagen gelegen. Seine Großmutter hat sich die Hände vors Gesicht gehalten. Und nach kurzer Zeit wieder von ihren Augen wegbewegt. Dabei hat sie gerufen: „Da ist die Oma!“

 

Das kleine Kind hat laut und fröhlich über den Platz gequietscht. Die beiden haben mir so viel Spaß gemacht bei ihrem Versteckspiel das ich eine Weile zusehen musste. Für das Kind war das anscheinend ein lustiger Wechsel: Mal ist die Oma weg und ganz plötzlich ist sie wieder da. Und auch die Großmutter hatte sichtbar Freude an dem gemeinsamen Spiel.

Ein bisschen mehr steckt aber in diesem Spiel: Denn das Kind lernt dabei Schritt für Schritt, dass die Oma eben doch da ist. Und nicht einfach verschwindet. Für ein sehr kleines Kind gilt nämlich das alte Sprichwort „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Wenn es sie nicht direkt vor Augen hat, dann ist für das Kind die Oma einfach nicht da. Ein  paar Monate später kann man dieses Spiel aber nicht mehr spielen. Da ist dem Kind klar: Die Oma ist bloß versteckt. Sie ist aber trotzdem ganz in der Nähe.

Und wenn das Kind noch älter wird, wird es eines Tages verstehen: Die Oma wohnt vielleicht in einem anderen Ort. Aber sie ist da, ich denke an sie und sie denkt an mich. Darauf kann ich vertrauen.

Diese kleine Beobachtung vom Heranwachsen hat für mich auch etwas mit mir und Gott zu tun. Den habe ich ja auch nicht jeden Tag vor Augen. Ich suche ihn. Und ich freue mich, wenn ich das Gefühl habe: Da ist er gerade. An einem besonders schönen Tag vielleicht. Wenn etwas gelungen ist. Wenn ich mich freuen kann. Diese Erfahrungen helfen mir zu glauben, dass er auch an den anderen Tagen ganz in der Nähe ist. Auch, wenn ich ihn nicht sehen kann.

Und es tut mir gut, wenn ich mich an diese Momente erinnere. Einen hatte ich vor ein paar Wochen in dem Park, wo die Großmutter gespielt hat. In diesem Park steht eine Bank am äußersten Ende. Zwei Bäume stehen rechts und links. Ich habe mich an einem stressigen Tag dort hingesetzt. Ein Brunnen plätscherte. Es ging ein leichter Wind. Und in dem Moment dachte ich: gerade ist alles um mich herum und in mir friedlich. In solchen Momenten spüre ich: Gott ist ganz in der Nähe.

Leider war dieser Augenblick nicht für die Ewigkeit gemacht. Jetzt warte ich schon wieder eine ganze Weile auf so einen Moment. Selber machen kann ich so einen nicht. Da heißt es, die Geduld bewahren. Gott wird sich schon wieder bemerkbar machen.

Trotz Versteckspiel weiter vertrauen
Ich glaube: Das lässt sich gut auf die Beziehung zwischen Menschen und Gott übertragen. Ich kann ihn zwar auch nicht sehen, manchmal fühlt er sich weit weg an. Trotzdem ist er da.

Dieser gute Gedanke ist aber nicht von mir. Ich leihe ihn mir von Jeremia aus dem Alten Testament. Jeremia war ein Prophet. Das heißt, er hat den Menschen gesagt, was Gott ihm gesagt hat. Einmal muss Jeremia die Menschen erinnern: Gott hat sich Euch schon ein paar Mal gezeigt. Er hat Euch aus Ägypten befreit. Er hat Euch die 10 Gebote gegeben. Vergesst nicht, wann und wo Ihr Gott schon getroffen habt. Und dann lässt Gott noch ausrichten: „Ich bin ein Gott, der sich weit weg anfühlt. Das heißt aber nicht, dass ich nicht da bin! Ich bin überall.“ (Jer 23,23f.)

Das ist, finde ich, bis heute ein guter Ratschlag: Nicht vergessen, wann und wo ich Gott schon einmal getroffen habe. Das hilft, nicht aufzugeben, auch wenn Gott sich ganz weit weg anfühlt.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Peter. Peter ist 62, er hat zwei Kinder und ist gerade Großvater geworden. Er hat mir erzählt: „Es ist schon Wahnsinn. Mit so einem kleinen Menschen, das ist wie ein Wunder. Die Welt wird gleich viel schöner.“ Das ist doch nah an dem dran, was Gott sagt, oder? Ich bin überall. Und im Wunder der Geburt ist für Peter die Welt ganz wundervoll.

Ein bisschen später hat Peters anderer Sohn den Kontakt zu ihm abgebrochen. Peter fragt sich: „Warum muss das sein?“ Für Peter fühlt sich Gott weit weg an, wenn er daran denkt. Er sagt mir: „Ich fühle mich ganz allein gelassen.“ Dann erinnert er sich an die andere Erfahrung mit dem Enkel, wie schön die Welt sein kann. Und er denkt daran, dass Gott sich ihm gezeigt hat. Das macht ihm Hoffnung, dass alles besser wird. Das macht ihm Mut, den Kontakt zu seinem Sohn wieder zu suchen.

Das ist natürlich viel ernster als das „Kuckuck-Spiel“ von Oma und Enkel auf der Bank in der Stadt. Aber es geht in beiden Fällen ums Vertrauen. Das Enkelkind lernt: Die Oma ist da. Peter lernt: Gott ist da. Das Kind, weil es die Oma immer wieder findet und ihr vertrauen lernt. Peter, weil er in seinem Leben Gott schon einmal ganz nah gespürt hat. Wenn er sich daran erinnert, fasst er Vertrauen. Weil er weiß: Gott ist bei mir, auch wenn es sich gerade ganz anders anfühlt..

Erinnern Sie sich doch heute mal daran: Wo haben Sie Gott schon einmal getroffen? Ich glaube:  Es wird nicht das letzte Treffen gewesen sein. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete und treffliche Woche.

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Ich möchte Ihnen heute Morgen erzählen, wie das bei meiner Freundin Inga war. Inga hat einen tollen Beruf. Sie bereist die ganze Welt. Wenn sie im Büro kreative Ideen hat, dann werden die übernommen. Immer wieder schickt sie Fotos per E-Mail an ihre Freunde. Auf denen schaut sie selbstbewusst und fröhlich in die Kamera. Manchmal ist es fast ein bisschen unheimlich: So ein tolles Leben! Und ab und zu denke ich: Inga lebt voll auf der Sonnenseite.

Aber es gab auch andere Zeiten. Ich erinnere mich: Inga war bis vor 10 Jahren überhaupt nicht selbstbewusst! Kreativ war sie damals schon, ja. Aber: Keine ihrer Ideen und Gedanken sind ihr wertvoll vorgekommen.

Jeden Freitag haben wir bis tief in die Nacht ihre Pläne besprochen. Das war immer nach Feierabend, nach dem Jobben. Inga hat dann zum Beispiel gesagt: „Am liebsten würde ich Kunst studieren. Oder nein: Noch lieber würde ich Architektur studieren.“ Eine Woche später hat sie dann neue Pläne mitgebracht. Plötzlich wollte sie Flugbegleiterin werden. Wieder eine Woche später hat sie sich ein Leben als Romanautorin vorgestellt.

Was sollte ich tun? Ich habe zu jedem Vorschlag gesagt: „Das ist eine gute Idee!“ Auch, wenn ich manche Idee überhaupt nicht gut gefunden habe. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl: Jemand muss sie an die Hand nehmen. Damit sie nicht den Halt verliert. Ich habe das wenigstens einmal in der Woche versucht.

Damals hat mir Inga sehr leid getan. Ich habe gedacht: Was lastet sie sich da auf, wenn sie denkt, jetzt alles alleine schaffen zu müssen?
Einige Zeit später hat Ingas Cousine geheiratet. Ich habe Inga zu dieser Hochzeit begleitet. Ein bisschen Sorgen hatte ich natürlich. Wie würde das werden? Zwei Menschen versprechen einander, gemeinsam durchs Leben zu gehen. Genau das also, was Inga gefehlt hat.

Dann waren wir in der Kirche. Besonders gut haben wir das Fenster im Chorraum der Kirche gesehen. Zu sehen war Jesus. Er hat freundlich gelächelt und die Arme ausgebreitet. Ich fand: Er hat für eine positive Stimmung in der Kirche gesorgt. Diese positive Stimmung hat auch Inga gespürt. Wie positiv sich dieses Bild von Jesus auswirken würde, hätten allerdings Inga und ich nicht erwartet.

Inga wird an die Hand genommen

Nach dem Gottesdienst hat Inga vor der Kirche zu mir gesagt: „Ich habe die ganze Zeit auf das Fenster mit Jesus geblickt. Und da habe ich gemerkt: Gott begleitet mich auf meinem Weg. Ich habe viele, viele Möglichkeiten. Und Gott wird mich schon das Richtige finden lassen.“ Ich habe nichts geantwortet. Aber das war auch gar nicht nötig. In diesem Moment hat es nämlich begonnen, dass Inga zuversichtlicher und selbstbewusster geworden ist.

Immer, wenn ich Inga heute treffe, muss ich an diese Geschichte denken. Sie erinnert mich daran, dass Gott uns nah ist. Obwohl Inga gar nicht mit ihm gerechnet hat, hat er ihr weitergeholfen. Inga konnte endlich eine Entscheidung treffen: Doch Architektur. Einfach, weil sie wusste: Wenn das der falsche Weg ist, dann wird Gott mir einen neuen anbieten. Es war aber der richtige Weg!

Für mich ist diese Geschichte deshalb immer auch ein Hinweis auf Jesus. Der hat einmal zu seinen Jüngern gesagt: Ich bin bei Euch alle Tage. Denen ist es damals ähnlich zu Mute gewesen wie Inga. Sie haben auch nicht gewusst, welche Wege sie gehen sollen. Jesus hat ihnen mit seinen Worten Mut gemacht, sich auf den Weg zu machen. Sie wären ja nicht allein. Gott begleitet sie.

Inga hat das in der Stunde in der Kirche mit dem Bild von Jesus gespürt. Manche spüren Gottes Begleitung in einem guten Gespräch. Oder wenn ein anderer sie buchstäblich an die Hand nimmt. Oder wenn jemand sie bittet: Hilf mir, ich brauche Dich. Wo Menschen so etwas begegnet, da stimmt noch, was Jesus gesagt hat: Ich bin bei Euch alle Tage.

Das sind alles Beispiele, in denen einer für den anderen die Arme offenhält wie Jesus auf dem Kirchenfenster. Es sind Beispiele, die ausdrücken: Du musst es nicht alleine schaffen. Mit Inga habe ich erlebt: So finden Menschen den Weg, den sie gehen können. Denn Gott begleitet sie. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete und begleitete Woche.

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