Manuskripte

Bei uns Menschen sind Gaben, Wissen und Vermögen ungleich verteilt. Das ist nicht schön. Aber richtig schlimm wird es, wenn die einen beginnen, auf die anderen herabzusehen. Wenn sie sich selbst für etwas Besseres halten und über die anderen spotten.

In manchen Fernsehformaten gehört das ja dazu. „Germanys next Topmodel“ fällt mir da ein. Da gibt es immer wieder Zank. Die eine gehört zu den Besten und bekommt viele Aufträge und trotzdem hat sie immer wieder Angst vor den neuen Aufgaben. Die anderen ziehen über sie her. Nehmen ihren Kummer nicht ernst und spotten. Da kann man in Nahaufnahme beobachten, wie schwer es ist, das auszuhalten, dass die Gaben unterschiedlich verteilt sind. Irgendwie typisch Mensch. Vor allem in Konkurrenzsituationen.

Jeder will der Beste sein. Und manche haben dann das Gefühl: ich kann nur gut sein, wenn der andere schlecht ist. Elende Vergleicherei.

Aber eigentlich gibt es nur einen, der wirklich auf uns herabsehen kann: Das ist Gott. Aber wie schaut Gott auf die Menschen? Was sind wir in seinen Augen? Die Bibel gibt darauf eine Antwort, die auf den ersten Blick sehr hart erscheint: „Gott weiß, dass wir Staub sind“, heißt es da und: „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der heiße Wind darüber geht, so ist sie nimmer da.“ – Vor Gott sind die Menschen nur wie Gras und Staub. Klein und zerbrechlich. Wie unbedeutend sind dann erst die Dinge, um die wir uns streiten und wegen denen wir uns das Leben schwer machen?

Und trotzdem: Obwohl wir klein und zerbrechlich sind, ist Gottes Blick voll Liebe. Gott hat Mitleid mit uns und will uns helfen, wenn wir an unsere Grenzen kommen.

Mir hilft das sehr: Weil ich weiß, dass ich für Gott wichtig bin, obwohl ich so klein und voller Fehler bin, gibt mir das eine ganz andere Sicherheit. Ich habe es nicht mehr nötig, andere klein zu machen, um selbst groß zu sein. Für Gott sind wir alle wertvoll – so klein wie wir auch sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28656

Jeder bekommt, was er verdient. Ich weiß nicht, ob das eine Binsenweisheit, alter Volksglaube oder eher die Hoffnung auf Gerechtigkeit ist. Aber ich frage mich: Will ich wirklich, dass es so ist?

„Das hast du dir verdient“ – das hat Christian einmal grinsend zu mir gesagt. Er ist mein Begleitsoldat im ersten Auslandseinsatz in Bosnien gewesen. Wir sind oft unterwegs zu den verschiedenen Feldlagern. An einem heißen Sommertag sitze ich neben ihm auf dem Beifahrersitz und stöhne, weil ich die Sonnenseite erwischt habe. „Womit denn? Was hab ich falsch gemacht?“, gebe ich kläglich zurück.

Christian hat mich nur ärgern wollen. Aber es entspinnt sich ein interessantes Gespräch über Ursache und Wirkung, über Schuld und Strafe. Und welche Rolle Gott dabei spielt.

„Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort…“ - ist es wirklich Gott, der uns zuteilt, was wir verdienen? Und der uns bestraft, wenn wir eine Schuld auf uns laden?

Natürlich wünsche ich mir, dass es in der Welt gerecht zu geht. Ich wünsche mir, dass Gewalttäter gerecht bestraft werden. Und ich verstehe, dass ein gerechter Gott die einzige Hoffnung bleibt für die vielen Opfer, die zusehen müssen, wie die Täter ungestraft davon kommen.

Trotzdem hat Jesus immer wieder von dem Gott erzählt, der verzeiht. In einem alten Gebet hat schon Jesus gelernt: „Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.“

Ich hoffe zwar, dass ich vieles richtig mache. Aber wer weiß, was mir alles schiefgeht. Oder wie mich kommende Generationen beurteilen, z.B. weil ich so viel Energie verschwende. Ich will gar nicht wissen, was ich verdient hätte!

Zum Glück kann ich auf einen Gott vertrauen, der mir verzeiht, wenn ich meinen Fehler bereue. Der mir die Last meiner Schulden abnimmt. Und mir eine zweite Chance gibt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28655

„Vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat“ – so beginnt ein altes jüdisches Gebet. Es lädt mich ein, mich an das zu erinnern, was mir geschenkt ist. Was einfach da ist, ohne dass ich etwas dafür tue. Anstatt immer nur nach dem zu schauen, was mir fehlt oder nicht in Ordnung ist. Oder danach zu schauen, was ich alles kann und leiste und erreicht habe.

Ich glaube, dass ich dann reicher werde. Denn vieles in meinem Leben habe ich nicht mir selbst zu verdanken. Und echter Reichtum hat nichts mit dem zu tun, was ich auf dem Konto habe.

Wie das aussehen kann, habe ich von Wolle gelernt. Ich habe ihn bei einer Soldatenfreizeit kennengelernt. Wir sind an einem Morgen zur S-Bahn gegangen. Vor dem Bahnhof haben einige Obdachlose in der Kälte auf dem Boden gesessen. Wolle unterbricht unsere Unterhaltung und wirft einem von Ihnen vier Euro in den Pappbecher. Ich muss ihn ziemlich überrascht angeschaut haben. Denn er erzählt, dass er das öfter macht. Einmal hat er in einem Supermarkt auch zwei Schälchen Hundefutter gekauft. Für den Hund, der immer bei dem Obdachlosen sitzt. Und dann fasst er zusammen: „Ich kann abends in der Kneipe 50, 60 € bezahlen. Ohne das es am Ende des Monats deswegen eng wird. Da ist es doch nicht schwer, einem von diesen armen Kerlen mal einen Euro zuzustecken oder ein Brot zu kaufen.“

Diese einfache Gleichung hat mich beeindruckt. Wolle hat nicht über die Bettler geschimpft. Er hat nicht damit angegeben, wieviel Geld er hat. Und er wollte auch nicht damit angeben, dass er Gutes tut. Er spürt einfach, dass es ihm gut geht. Und er weiß, dass er das nicht nur seiner eigenen Leistung verdankt. Sondern dass es ihm geschenkt worden ist. Er ist für mich ein reicher Mann, weil er aus dem Gefühl der Dankbarkeit heraus lebt und geben kann.

„Vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat.“ – Gott macht mich reich. Daran hat mich Wolle an diesem Tag erinnert. Beinahe hätte ich es vergessen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28654

Neulich habe ich eine Lebenskünstlerin getroffen. Das hab ich nicht gleich auf den ersten Blick erkannt. Aber als sie mir ihre Geschichte erzählt hat, da habe ich es gewusst:

Über 60 Jahre lang hat sie mit ihrem Mann zusammengelebt. Sie haben sich geliebt. Sind durch dick und dünn gegangen. Haben sich ergänzt, gestritten, versöhnt, haben gefeiert, getanzt, viele Reisen unternommen. Haben ein Haus gebaut, Kinder und Enkel groß werden sehen, sich im Dorf engagiert und Nachbarschaft gepflegt.

Irgendwann ist sein Herz immer schwächer geworden. Er ist ein paar Mal gestürzt. Konnte kaum noch etwas sehen. Aber er hat sich immer wieder hochgerappelt, hat sich sich nicht unterkriegen lassen. Doch dann ist er müde geworden. Am Ende hat er fast nur noch geschlafen.

Für sie steht fest: „Ich gebe ihn nicht ins Heim. Er war immer für mich da, das will ich ihm jetzt zurückgeben.“ Sie organisiert häusliche Pflege, Rollstuhl, Badewannenlift, alles was nötig ist. Die Kinder unterstützen sie. Und dann ist er friedlich eingeschlafen.

Aber auch jetzt ist sie nicht deprimiert oder hilflos. Sie hatte ja lange Zeit, sich zu verabschieden, das war richtig Arbeit. Sie spürt: Die Dankbarkeit ist größer als die Trauer. Wieder gibt es viel zu tun: Die Beerdigung, die ganze Bürokratie, Kondolenzbesuche – sie ist ganz überwältigt von der Anteilnahme und kann dadurch sehen, was für ein erfülltes, reiches Leben ihnen beiden geschenkt war.

Und jetzt beginnt etwas Neues: Sie hatten noch gemeinsam beschlossen, zu den Kindern zu ziehen. Nun wird sie diesen Schritt allein gehen: ein neuer Lebensabschnitt. Sie genießt es, ihren eigenen Rhythmus zu finden.

Eine Lebenskünstlerin. Ganz unscheinbar. Ihre Kunst besteht darin, in Dankbarkeit auf das Vergangene zurückschauen und nicht zu verbittern darüber, was ihr genommen wurde. Das Leben anzunehmen wie es ist und das Beste daraus zu machen. Diese Kunst würde ich auch gerne beherrschen. Ich glaube, sie hilft dabei das Leben auszukosten – bis zum letzten Atemzug.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27976

Das Leben ist ein Geschenk. Manchmal vergisst man das. Das hat viele Gründe: der Alltag nimmt einen in Beschlag. Der gewohnte Trott behindert die Sicht. Und dann kommt es einem ganz selbstverständlich vor, dass man lebt. Bis etwas passiert.

So ist es bei einer guten Bekannten gewesen. Sie war frühmorgens mit ihrer Tochter auf dem Weg in die Kita. Unterwegs hat es begonnen zu schneien. Vor ihr fährt ein LKW. Gefühltes Schritttempo. Weil sie es eilig hatte, hat sie auf gerader Strecke überholt. Als sie schon fast vorbei war, ist sie ins Schleudern geraten. Das Auto ist mit dem LKW kollidiert. Dreimal haben sie sich überschlagen, aber wie durch ein Wunder sind sie beide unverletzt geblieben. „Ich muss wohl 1000 Schutzengel gehabt haben,“ sagt sie. „Es war noch nicht meine Zeit.“ Seither hat sie eine völlig andere Einstellung zum Leben. Ihr ist klar geworden, wie wertvoll das Leben ist. Sie geht viel achtsamer damit um. Und sie lässt sich nicht mehr so leicht antreiben.

Das Leben ist ein Geschenk. Für meine Bekannte war der Unfall wie ein Weckruf, durch den sie das neu entdeckt hat. Aber ich frage mich: Muss es erst eine Katastrophe geben, damit mir wieder bewusst wird, wie kostbar das Geschenk des Lebens ist? Wie kann ich das in meinen Alltag lebendig halten?

Eigentlich ist das gar nicht schwer – es gibt ein kleines Wort, das dabei hilft: „Danke“. Ich kann mir das so vorstellen: Jeden Morgen, bevor ich aufstehe und in den Trott des Alltags einsteige, mache ich mir bewusst, wofür ich „Danke“ sagen kann. Danke für meine Hände und Füße, dass ich sie bewegen und spüren kann. Danke für das warme Wasser, mit dem ich gleich duschen kann. Danke für den Duft des Kaffee. Danke für die Menschen in meiner Nähe, denen ich vertrauen kann.

Wenn ich das tue, erinnere ich mich daran, dass die Dinge in meinem Leben nicht selbstverständlich sind. Vieles habe ich gar nicht verdient, es ist mir geschenkt. Eine kleine Übung, nur 5 Minuten, jeden Tag. Und nach kurzer Zeit weiß ich, wie kostbar das Leben ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27975

Menschen machen Pläne. Das gehört zu uns. Vielleicht ist es unsere Art mit der Ungewissheit umzugehen. Aber wir haben nicht immer in der Hand, was die Zukunft bringt.

Das hat auch eine Freundin erlebt, als sie ihr erstes Kind bekommen hat. Sie erzählt, dass sie genau gespürt hat: Jetzt bin ich schwanger. Und sie ist sich ganz sicher gewesen: Es wird ein Junge. Irgendwann hat sie begonnen, in Gedanken mit ihrem Kind zu sprechen. Und wie selbstverständlich ist da auch der Name: Paul.

Aber wie groß ist die Überraschung bei der Geburt gewesen, als die Hebamme sagt: Ein Mädchen! „Ich weiß noch genau, wie ich mich über das kleine, warme Wesen gefreut habe“, sagt sie. „Aber obwohl ich ja schon eine Geschichte mit meinem Kind hatte, das in meinem Bauch gewachsen ist, habe ich förmlich einen Reset machen müssen - einen ganz neuen Anfang mit dem kleinen Menschen, der nun gar kein Paul war. “

Zu planen ist gut und wichtig. Aber es ist auch gut, offen zu bleiben, wenn etwas Neues auftaucht, das die Pläne durchkreuzt. Um lächelnd sagen zu können: OK. Alles auf Anfang.

Dieser Gedanke hat in mir weitergearbeitet. Mir ist aufgefallen, dass es mir mit den Menschen genauso geht wie mit meinen Plänen. Wie oft mache ich mir ein Bild von einem Menschen! Glaube zu wissen, wie er denkt, wie er fühlt, was er will. Doch wie oft habe ich schon falsch gelegen. Und dann gab es Missverständnisse und Streit.

Vielleicht sollte ich immer wieder mal den Reset-Knopf drücken und neu starten, indem ich zum Beispiel frage: Wie fühlst du dich? Was beschäftigt dich im Moment? – Ich glaube, damit könnte ich immer wieder einen neuen Anfang machen. Auch mit den Menschen, mit denen ich schon lange zusammenlebe und von denen ich glaube, ich würde sie kennen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27974

Heute ist der „Tag der deutschen Einheit“ – zum 28. Mal feiern wir, dass Deutschland, das durch eine Mauer geteilt war, nun wieder eins ist.

Aber Einheit entsteht nicht durch die Unterschrift unter einen Vertrag. Auch das haben die vergangenen 28 Jahre gezeigt. Letztes Jahr hat Bundespräsident Steinmeier ganz andere Mauern benannt: Mauern, die in Köpfen und Herzen aufgebaut sind. Solchen Mauern bin ich in einer ganz alltäglichen Situation begegnet.

Ich habe bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung Eintrittskarten kontrolliert. Kurz vor Einlass hat sich an der Tür eine kleine Menschentraube gebildet. Irgendwie ist die Sprache auf den Osten gekommen. Zu meinem Erstaunen haben die Menschen nur negative, hässlichen Vorurteile über „die da drüben“ geäußert. „Und dann noch das viele Geld, das wir für den Aufbau Ost bezahlen müssen…“ hat einer gesagt. Da habe ich mich eingemischt: „Also, ich bin froh, dass ich über eine gut ausgebaute Autobahn zu meiner Familie in Brandenburg fahren kann…“

Zum Glück ist in diesem Moment die Tür aufgegangen, und die Menschen sind in den Saal geeilt, um sich gute Plätze zu sichern. Aber Ihre ganze Wut gegen „den Osten“ ist noch lange bei mir geblieben.

28 Jahre, habe ich gedacht, und die Menschen sprechen noch immer von „denen da drüben“? Da war sie, die unsichtbare Mauer.

Ich denke an einen alten Gebetssatz aus der Bibel. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“. Und mir fällt eine Weihnachtsfeier ein, die ich in Afghanistan erlebt habe. Da haben wir alle gemeinsam an Tischen gesessen und gefeiert. Die Geschichte von der Geburt Jesu habe ich dann auf besondere Weise von Soldaten vorlesen lassen – immer zwei Verse in einer Mundart: Bayrisch, Schwäbisch, Sächsich, Rheinisch, Hessisch, Plattdütsch, und ein waschechter Berliner war auch dabei.

Da war nichts von Mauern zu spüren. Wir waren alle aus verschiedenen Orten, mit unterschiedlicher Sprache sogar, aber wir haben nicht übereinander geredet, sondern miteinander. So kann sie aussehen, die Einheit - in Verschiedenheit. Und zwar nicht nur an einem Festtag – auch im Alltag, wo alle am gleichen Auftrag mitgearbeitet haben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27272

„Sei deinem Gegner wohlgesonnen“. Diesen Ratschlag gibt Jesus seinen Zuhörern. Ich finde, das ist genau das Gegenteil von dem, was ich sonst erlebe. Normaler Weise mag ich meine Gegner nicht besonders. Ich möchte stärker sein. Vielleicht auch, dass er bezahlen muss für all das, was er mir angetan hat. Wieso sollte ich meinem Gegner wohlgesonnen sein?

Im Alten Testament findet sich dazu eine Geschichte: König Saul der erste König Israels, bekommt Gerüchte zu hören, dass David, einer seiner Schützlinge, ihn vom Thron stürzen will. Saul ist eifersüchtig auf den jungen und erfolgreichen David. Er beobachtet ihn seit langem argwöhnisch, deshalb schenkt er diesen Gerüchten gerne Gehör.

Kurz entschlossen trommelt er einen Trupp zusammen, um David zu suchen und aus dem Weg zu räumen. An einem Abend ist Saul müde von der Suche. Er will sich in einer Höhle ausruhen und schläft ein. Er ahnt nicht, dass sich David und seine Freunde genau in dieser Höhle versteckt haben. „David, dass ist die Chance! Jetzt kannst Du Saul besiegen!“ flüstern die Freunde. Doch David entscheidet anders. Er schleicht sich an Saul heran und schneidet nur einen Zipfel von seinem Gewand ab.

Als Saul erwacht und die Höhle verlässt, läuft David ihm hinterher und zeigt ihm den Zipfel. Und er fragt ihn: „Saul, warum vertraust du auf Gerüchte? Ich bin nicht gegen dich!“ Saul ist beschämt und erkennt, dass David ihn verschont hat. „Wann hat es das schon einmal gegeben, dass einer seinen Feind im Guten gehen lässt?“

Für mich zeigt die Geschichte vor allem eins: Ich kann meine Stärke auch ohne Gewalt beweisen. David ist der Stärkere, weil er auf seine Stärke verzichtet. Er hat Sauls Schwäche nicht kaltblütig ausgenutzt. Er hat seine Macht genutzt, um seinen Gegner zum Freund zu machen. Er war Saul wohlgesonnen, und das hat ihn verändert

Vielleicht komme ich manchmal weiter, wenn ich aufhöre zu kämpfen und stattdessen dem etwas Gutes tue, der etwas gegen mich hat. So wie David. „Sei deinem Gegner wohlgesonnen.“ Jesus will mir zeigen, wie ich aus der Spirale der Gewalt herausfinden kann. Und das tut mir gut.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27271

„Du segnest mein Leben mit Sehnsucht.“ Das hören die Besucher bei den Abend-Gottesdiensten auf der kleinen Insel Iona in Schottland. „Du segnest mein Leben mit Sehnsucht.“ – Momentmal, denke ich. Sehnsucht? das ist doch kein Segen. Sehnsucht tut weh.

Ich habe das gespürt als ich drei Wochen zur Reha war. Wie oft hatte ich Sehnsucht nach meiner Frau. Das ist nicht schön. Sehnsucht ist, wenn mir etwas fehlt, das sehr wichtig ist für mich. Sehnsucht fühlt sich eher an wie Strafe. Was soll daran gut sein – also ein Segen? Aber dann habe ich plötzlich verstanden, was das heißen könnte:

Ich habe auf meinem kleinen Balkon gesessen und geseufzt, weil ich mich nach Hause gesehnt habe. Bilder sind an mir vorbeigezogen: Das Lachen meiner Frau, die gemeinsamen Abende auf der Terrasse, die Gespräche über das, was wir am Tag erlebt haben, die Berührungen, wie wir uns gegenseitig ärgern…

Die Sehnsucht hat mich richtig im Griff und lässt nicht locker. Ich will sie gerne loswerden. Doch dann ist mir plötzlich klargeworden. Eigentlich kann ich unheimlich dankbar sein für all das Schöne. Genau das ist es, was die Sehnsucht mir zeigt: Was mir guttut, was wichtig für mich ist - wirklich wichtig. Und dass es nicht selbstverständlich ist.

Ich habe zum Handy gegriffen, um zuhause anzurufen – doch dann habe ich es wieder zur Seite gelegt und stattdessen meinen Block geholt und angefangen, einen Brief zu schreiben. Nicht darüber, wie sehr ich sie vermisse, sondern darüber, wie glücklich ich mit ihr bin.

So hat mir die Sehnsucht die Augen geöffnet und mir einen wundervollen Augenblick geschenkt, in dem ich einem Menschen ganz nah gewesen bin, obwohl er über 400 km weit weg war.

Gott, Du segnest mein Leben mit Sehnsucht. Wie gut, dieses Gefühl nicht wegzuschieben, sondern mir von ihm zeigen zu lassen, was wirklich wichtig für mich ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27270

Im Sommer hatte ich Amtseinführung als neuer Standortpfarrer bei der Bundeswehr. Das wird mit einem Gottesdienst und einem Empfang gefeiert. Ich wollte gerne, dass einige Soldaten im Gottesdienst mitwirken und habe die angesprochen, zu denen ich schon eine tiefere Verbindung habe. Ich habe ihnen ihre Aufgabe erklärt und sie haben sich sehr gefreut. Aber jeder hat mich gleich gefragt: „Und was soll ich anziehen?
„Kleider machen Leute“, sagt ein Sprichwort. Bis heute hat es Gültigkeit. Vielleicht haben sie auch schon die Erfahrung gemacht, wie es ist, wenn man abschätzig angeschaut wird, weil man nicht passend gekleidet ist?

Bei der Bundeswehr ist es eigentlich ganz einfach. Zu jedem Anlass wird die entsprechende Kleidung befohlen. So weiß jeder, dass er nichts falsch machen kann und peinliche Situationen vermeidet. Verständlich, dass die Soldaten mich fragen, in welchem Anzug sie erscheinen sollen: „Flecktarn oder Ausgehuniform?“ – Ich weiß: Flecktarn ist einfacher und bequemer. Das tragen die Soldaten in ihrem Dienstalltag. Die Ausgehuniform ist für besondere Anlässe, zur Repräsentation. Also festlicher. Aber auch unbequemer und aufwändiger. „Da muss ich ja noch mein Hemd bügeln“, sagt einer. Ich höre eine innere Stimme, die sagt: „Ein festlicher Anlass braucht auch die festliche Uniform. Kleider machen Leute eben.

Die Bibel warnt uns aber davor, diesen Wertzeichen auf den Leim zu gehen. Natürlich ist ein festlich gekleideter Mensch ein schöner Anblick, der Freude macht. Aber von Gott heißt es: Ihm kommt es nicht auf die Oberfläche an. Gott schaut das Herz an. Es tut mir gut zu hören, dass Gott meinen Wert nicht an meinen Äußerlichkeiten misst. Deshalb habe ich zu jedem einzelnen der Soldaten gesagt: „Es ist mir nicht so wichtig, welchen Anzug du trägst. Du bist da. Du bist mir wichtig.“

Nicht die Kleider machen Leute. Das ist nur die Außenseite. Es kommt darauf an, was sich dahinter verbirgt. Wie gut, wenn ich wertgeschätzt bin, auch wenn ich kein schönes Kleid habe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27250