Manuskripte

Wenn ich erlebe, dass mehr da ist als ich brauche oder dass ich wählen kann zwischen mehreren Dingen: das ist für mich Fülle. Aber ich glaube: es geht nicht nur um einen gut gefüllten Kühlschrank, Kleiderschrank oder um ein volles Bankkonto.

Als Jugendlicher habe ich im Kino einen großartigen Film über Mahatma Ghandis gesehen. An eine Episode erinnere ich mich besonders gut: Ghandi wurde als Anführer des gewaltfreien Aufstandes gegen die Engländer in Indien immer wieder ins Gefängnis geworfen. Seine Freunde waren in großer Sorge, nicht nur um Ghandi selbst, sondern auch um ihre Bewegung, der nun die große Leitfigur fehlte.

Einer von ihnen bekam eines Tages eine Besuchserlaubnis. Zu seiner großen Überraschung fand er Ghandi wohlauf. Er saß in seiner Zelle und hatte eigentlich nur eine Hose, ein Hemd und einen Napf für das Essen. Fröhlich begrüßte er seinen Besucher und wirkte dabei sehr aufgeräumt und klar und sprudelte voller neuer Ideen für den Widerstandskampf. Nicht der Besucher spendete dem Gefangenen Trost, sondern umgekehrt bekam er neuen Mut, Hoffnung und Inspiration.

Am Ende fragte er Ghandi, woher er die Kraft dafür nimmt. Ghandis Antwort: „Sie können meinen Körper gefangen nehmen, aber nicht meine Seele.“ – In einer absoluten Mangelsituation hat Ghandi die Fülle in der Freiheit seines Geistes entdeckt. Diese Fülle hat ihm eine erstaunliche Kraft verliehen, die sogar andere Menschen angesteckt hat.

Von Petrus und Paulus werden in der Bibel ganz ähnliche Gefängnisgeschichten erzählt. Auch sie haben sich frei gefühlt, obwohl sie eingesperrt waren. Für sie war das ein Geschenk von Gott. Gottes Geist, haben sie erlebt, hat uns frei gemacht.

Deswegen ist eine der ältesten Bitten der Christen: „Komm, Heiliger Geist, erfüll die Herzen deiner Gläubigen.“

Ich habe zwar noch nicht im Gefängnis gesessen, aber ich kenne es, gefangen zu sein in Ängsten und Sorgen. Und ich habe schon erlebt, dass Gott mich mit Lebens-Kraft füllt. Diese Fülle hilft mir, auch in der Not, aufrecht und lächelnd nach vorne zu schauen.

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Für uns in Deutschland ist es ziemlich normal, dass alles zu jeder Zeit zur Verfügung steht. Obst und Gemüse zu jeder Jahreszeit, zig Sorten Brot, Nudeln, Joghurt, Kaffee, Schokolade, Wurst und Käse, Weine aus der ganzen Welt… Die Regale sind immer gut gefüllt. Strom, Wasser, Heizung. Kein Mangel. Was für eine Fülle!

Ich habe mehr als 4 Monate als Militärseelsorger mit Soldaten in einem Feldlager gelebt und gearbeitet. Da war das alles nicht normal. Ringsum karge Landschaft, wenn man rausgefahren ist, war man mit der ungeheuren Armut der Menschen konfrontiert. Natürlich sind für uns alle grundlegenden Dinge vorhanden gewesen, aber alles irgendwie auf das Notwendige reduziert. Und diejenigen, die regelmäßig ein paar Tage auf Patrouille rausgefahren sind, haben auch darauf verzichtet. Oft sind sie dazu noch in Gefechte geraten und haben ihr Leben riskiert.

Verstörend war für mich nach meiner Rückkehr der erste Besuch im Supermarkt. Mír ist richtig schwindlig geworden, als ich versucht habe, die richtige Gemüsebrühe zu finden und dabei mit den Augen an den Regalen entlanggewandert bin. Dann hat ein Kind hysterisch zu weinen begonnen, weil es kein Eis bekommen hat und ein Mann hat einen anderen angeschimpft, weil der mit seinem Wagen im Weg stand. Da war es aus. Ich habe den Einkaufswagen stehen lassen, habe ganz schnell den Supermarkt verlassen und bin mit leeren Händen nach Hause gefahren.

In diesem Moment, als ich neu mit der Fülle konfrontiert war, hat mich das völlig überfordert. Und ich hatte den Eindruck, dass das schreiende Kind und die streitenden Männer eigentlich auch überfordert gewesen sind.

Heute kann ich gelassener damit umgehen. Ich weiß, wo die Sachen stehen, die ich brauche. Und ich weiß, was gut für mich ist und was nicht. Vor allem aber erinnere ich mich immer wieder neu an einen alten Satz aus der Bibel: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Ich will im Blick behalten, wie dankbar ich sein kann, in dieser Fülle leben zu können. Denn sie ist wirklich nicht selbstverständlich.

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Leben in Fülle… Alles haben, was man zum Leben braucht. Sich keine Sorgen machen müssen. Wäre das nicht schön? Ist das nur ein Traum? Oder kann es das wirklich geben?

Eine Freundin hat mir eine wunderbare Erfahrung über Fülle erzählt: Das Pilze sammeln. Wenn es Herbst wird, dann geht sie mit einem Korb in den Wald. Sie kennt sich gut aus, weiß welche essbar sind und welche nicht, und sie weiß auch wo sie stehen. Nach und nach füllt sich ihr Korb mit köstlichen Steinpilzen, Maronen, Ziegenlippen, Krauser Glucke. Wenn der Korb voll ist, kehrt sie um. Doch auf dem Rückweg findet sie noch weitere Pilze, die sie vorher übersehen hat. Jetzt muss sie die Jacke zum Traggefäß umfunktionieren. Sie hält den Saum vor dem Bauch hoch und sammelt weiter – und muss trotzdem ganz viele schweren Herzens stehen lassen. Aber es gibt ja noch andere Pilzsammler.

Zu Hause kippt sie dann alles auf dem großen Tisch aus. Weil sie das alles gar nicht bewältigen kann, ruft sie ein paar Leute an, dass sie sich Pilze abholen kommen können. Einen guten Teil bereitet sie zum Trocknen vor – und aus dem Rest wird ein schönes Pilzgericht in der Pfanne zubereitet.

Sie hat mir erzählt: Ich habe für die Pilze nicht gearbeitet – sie wachsen von selbst, in Hülle und Fülle. Ich muss sie nicht bezahlen und kann sie mit anderen teilen. – Was für ein Geschenk!! Dabei haben ihre Augen gestrahlt und wir haben beide gelacht.

Ich habe daraus gelernt: Bei Fülle geht es nicht um Preise, Kosten, Leistung und Verdienen. Fülle bedeutet: Ich kann mich beschenken lassen, denn es ist mehr da, als ich brauche. Fülle verleiht mir Lebenskraft und -freude. Fülle ist ein Geschenk von Gott, denn ich kann sie nicht selbst machen.

Jesus hat gesagt: wer sich an mir orientiert, der wird Leben in Fülle haben. Fülle, die Gott schenkt. Das Einzige was wir brauchen, sind leere Hände. Und die Bereitschaft, sich beschenken zu lassen.

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„Das kannst du noch nicht. Dazu bist du noch zu klein.“ Als Kind habe ich diesen Satz oft gehört. Aber: Sind Kinder wirklich nur die Kleinen, Unfertigen, noch begrenzt in ihren Möglichkeiten. Oder haben sie vielleicht etwas, das wir Erwachsenen verloren haben?

Ich war zu der Verabschiedung eines Kollegen eingeladen. Nach dem Gottesdienst haben wir uns alle zum Empfang in der Turnhalle getroffen – dort gab es Sekt, Kaffee und Kuchen und natürlich Grußworte. Das war zum Teil lustig und anrührend, aber vor allem wurde es sehr lang. Es war viel zu warm und mir tat schon der Rücken weh vom langen Stehen.

Irgendwann kam der katholische Kollege an die Reihe. Er hat nicht viel geredet, sondern zur Gitarre gegriffen und ein modernes, rhythmisches Lied gesungen. Nach kurzer Zeit war mir zum Mitsingen zu Mute, oder zum -Klatschen. Aber die anderen haben alle mit unbewegter Miene gelauscht und steif dagestanden, da habe ich mich nicht getraut.

Nur ein kleines Mädchen ging sofort mit. Sie trug ein knallbuntes Kleid und lief schon die ganze Zeit auf nackten Füßen durch die Halle. Ihre Bewegungen waren noch etwas eckig, offenbar hat sie erst vor kurzer Zeit laufen gelernt. Aber auch wenn das alles noch wackelig war – jetzt hat sie im Takt in den Knien gewippt, die Arme gehoben und versucht zu klatschen. Sie hat gestrahlt und gejuchzt und hatte wirklich Spaß.

Da habe ich mich gefragt: Wer ist denn nun begrenzt in seinen Möglichkeiten? Und wer ist frei?? Die gescheiten, starken Erwachsenen, oder das kleine Mädchen?
Kann es sein, dass wir auf dem Weg zum Großwerden Kreativität und Spontaneität verlieren?

Jesus hat jedenfalls die Kinder nicht klein gemacht und gesagt: „Dazu bist du noch zu klein“. Stattdessen hat er die Großen erinnert: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, bleibt euch das Himmelreich verschlossen.“

Schade, dass ich nicht mitgesungen und geklatscht habe damals in der Turnhalle, sondern gedacht habe, das wär peinlich. Gott hätte es bestimmt gefreut.

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Mit der Kraft am Ende. Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich glaube, so eine Situation, erlebt jeder mal und j. Was kann da helfen?

Ein Freund hat mir so eine Geschichte erzählt. Er hatte jemandem geholfen. Doch der nutzt seine Hilfe so sehr aus, dass es ihn geradewegs in den finanziellen Ruin treibt. Kein moralischer Appell, kein Gericht löst seine Misere. Fast 10 Jahre geht das so. Er hält sich mit viel Arbeit über Wasser, spannt seine ganze Familie ein, aber es ist einfach keine Lösung in Sicht. „Glaub mir“, sagt er, „ich hatte ernsthafte Gedanken, von einer Brücke zu springen.“ – „Ja und, wie bist du da rausgekommen?“ frage ich ihn zurück

Der Wendepunkt ist durch eine langjährige, treue Mitarbeiterin gekommen. Sie hat etwas ganz verrücktes gemacht. „Komm mit“ hat sie gesagt und ist mit ihm zu einer großen, blühenden Wiese gefahren. „Setz dich da hin.“ – Er ist völlig perplex gewesen, hat aber gemacht, was sie gesagt hat. „Ich hab mich ins hohe Gras gesetzt, und sie ist weggefahren. Eine Weile ist gar nichts passiert. Irgendwann kamen ganz viele Tränen. Und dann war es ganz still in mir. Nur die summenden Hummeln, ab und zu ein Auto. Und der weite Himmel über mir. Stundenlang hab ich so dagesessen und gelegen. Mutterseelenallein. Und dann habe ich plötzlich ganz deutlich gewusst: Ich werde es schaffen. Das war wie ein Wunder!“ Und tatsächlich haben sich kurz drauf nach und nach alle Dinge geklärt und gelöst. Heute ist mein Freund wieder ein erfolgreicher Geschäftsmann.

„Aber die Wende, das war der Tag, an dem ich in der Wiese saß“, sagt er. „Ich glaube, da hat mich Gott besucht.“

Ich habe dazu genickt. Ich weiß: In der Stille können sich Dinge wandeln. In der Stille, sei es auf einer Wiese, einem Berg, an einem Bach oder in einem Kloster, geschieht etwas mit einem. Vielleicht ist das auch eine Weise, wie Gott hilft.

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Meistens ärgert man sich ja, wenn eine Straße gesperrt ist, ein Zug ausfällt, das Geschäft geschlossen oder eine Ware ausverkauft ist. Dabei kann in solchen Momenten auch etwas Überraschendes geschehen, mit dem man nie gerechnet hätte.

Mir ist so etwas auf einer Urlaubsreise passiert. Schon lange her, 1985. Mit einem Rucksack habe ich den Sinai bereist. Der war damals noch fast Menschenleer und touristisch kaum erschlossen. Auf meinem Rückweg nach Israel bin ich in einem alten, klapprigen Bus in Taba an die Grenze gekommen. Während ich und noch ein paar andere Backpacker auf das Grenztor zulaufen, dreht der Bus um und fährt davon. Zu unserer großen Überraschung ist das Tor verschlossen. Nur ein einzelner junger Soldat sitzt im Schatten und döst. Nach einigem hin und her klärt sich die Lage: Die Grenze ist heute geschlossen wegen eines hohen Feiertages. Morgen geht es weiter.

Wir saßen fest. Einem Kanadier entfährt ein deftiger Fluch. Der Soldat bietet uns ein leerstehendes Bürogebäude an, um darin die Nacht zu verbringen. Dort haben wir 5 jungen Männer uns niedergelassen - enttäuscht, verärgert, fassungslos.

Um die Zeit zu füllen, haben wir uns vorgestellt und erzählt, wer wir sind, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Jeder hat seine kleinen Geschichten gebracht, die er die letzten Tage in der Wüste erlebt hat. Der Kanadier hatte besonders viel zu erzählen. Er war seit zwei Jahren auf Weltreise. Er hat uns mit seinen Erlebnissen aus Ländern begeistert, von denen ich teilweise noch nie etwas gehört habe. Abends haben wir unsere Vorräte ausgepackt und alles in die Mitte gelegt. Wir haben geteilt, was jeder dabei hat. Als ich später in meinen Schlafsack geklettert bin, waren der Ärger und die Enttäuschung längst verflogen.

Heute erinnert mich diese Erfahrung an eine Strophe aus einem Kirchenlied: „Gott ist in allem was geschieht“ – Bei Gott geht es nicht um die Ziele, die ich erreichen will. Er ist auch dann da, wenn etwas nicht klappt. Und überrascht mich mit Dingen, mit denen ich nicht gerechnet habe.

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Bei uns Menschen sind Gaben, Wissen und Vermögen ungleich verteilt. Das ist nicht schön. Aber richtig schlimm wird es, wenn die einen beginnen, auf die anderen herabzusehen. Wenn sie sich selbst für etwas Besseres halten und über die anderen spotten.

In manchen Fernsehformaten gehört das ja dazu. „Germanys next Topmodel“ fällt mir da ein. Da gibt es immer wieder Zank. Die eine gehört zu den Besten und bekommt viele Aufträge und trotzdem hat sie immer wieder Angst vor den neuen Aufgaben. Die anderen ziehen über sie her. Nehmen ihren Kummer nicht ernst und spotten. Da kann man in Nahaufnahme beobachten, wie schwer es ist, das auszuhalten, dass die Gaben unterschiedlich verteilt sind. Irgendwie typisch Mensch. Vor allem in Konkurrenzsituationen.

Jeder will der Beste sein. Und manche haben dann das Gefühl: ich kann nur gut sein, wenn der andere schlecht ist. Elende Vergleicherei.

Aber eigentlich gibt es nur einen, der wirklich auf uns herabsehen kann: Das ist Gott. Aber wie schaut Gott auf die Menschen? Was sind wir in seinen Augen? Die Bibel gibt darauf eine Antwort, die auf den ersten Blick sehr hart erscheint: „Gott weiß, dass wir Staub sind“, heißt es da und: „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der heiße Wind darüber geht, so ist sie nimmer da.“ – Vor Gott sind die Menschen nur wie Gras und Staub. Klein und zerbrechlich. Wie unbedeutend sind dann erst die Dinge, um die wir uns streiten und wegen denen wir uns das Leben schwer machen?

Und trotzdem: Obwohl wir klein und zerbrechlich sind, ist Gottes Blick voll Liebe. Gott hat Mitleid mit uns und will uns helfen, wenn wir an unsere Grenzen kommen.

Mir hilft das sehr: Weil ich weiß, dass ich für Gott wichtig bin, obwohl ich so klein und voller Fehler bin, gibt mir das eine ganz andere Sicherheit. Ich habe es nicht mehr nötig, andere klein zu machen, um selbst groß zu sein. Für Gott sind wir alle wertvoll – so klein wie wir auch sind.

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Jeder bekommt, was er verdient. Ich weiß nicht, ob das eine Binsenweisheit, alter Volksglaube oder eher die Hoffnung auf Gerechtigkeit ist. Aber ich frage mich: Will ich wirklich, dass es so ist?

„Das hast du dir verdient“ – das hat Christian einmal grinsend zu mir gesagt. Er ist mein Begleitsoldat im ersten Auslandseinsatz in Bosnien gewesen. Wir sind oft unterwegs zu den verschiedenen Feldlagern. An einem heißen Sommertag sitze ich neben ihm auf dem Beifahrersitz und stöhne, weil ich die Sonnenseite erwischt habe. „Womit denn? Was hab ich falsch gemacht?“, gebe ich kläglich zurück.

Christian hat mich nur ärgern wollen. Aber es entspinnt sich ein interessantes Gespräch über Ursache und Wirkung, über Schuld und Strafe. Und welche Rolle Gott dabei spielt.

„Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort…“ - ist es wirklich Gott, der uns zuteilt, was wir verdienen? Und der uns bestraft, wenn wir eine Schuld auf uns laden?

Natürlich wünsche ich mir, dass es in der Welt gerecht zu geht. Ich wünsche mir, dass Gewalttäter gerecht bestraft werden. Und ich verstehe, dass ein gerechter Gott die einzige Hoffnung bleibt für die vielen Opfer, die zusehen müssen, wie die Täter ungestraft davon kommen.

Trotzdem hat Jesus immer wieder von dem Gott erzählt, der verzeiht. In einem alten Gebet hat schon Jesus gelernt: „Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.“

Ich hoffe zwar, dass ich vieles richtig mache. Aber wer weiß, was mir alles schiefgeht. Oder wie mich kommende Generationen beurteilen, z.B. weil ich so viel Energie verschwende. Ich will gar nicht wissen, was ich verdient hätte!

Zum Glück kann ich auf einen Gott vertrauen, der mir verzeiht, wenn ich meinen Fehler bereue. Der mir die Last meiner Schulden abnimmt. Und mir eine zweite Chance gibt.

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„Vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat“ – so beginnt ein altes jüdisches Gebet. Es lädt mich ein, mich an das zu erinnern, was mir geschenkt ist. Was einfach da ist, ohne dass ich etwas dafür tue. Anstatt immer nur nach dem zu schauen, was mir fehlt oder nicht in Ordnung ist. Oder danach zu schauen, was ich alles kann und leiste und erreicht habe.

Ich glaube, dass ich dann reicher werde. Denn vieles in meinem Leben habe ich nicht mir selbst zu verdanken. Und echter Reichtum hat nichts mit dem zu tun, was ich auf dem Konto habe.

Wie das aussehen kann, habe ich von Wolle gelernt. Ich habe ihn bei einer Soldatenfreizeit kennengelernt. Wir sind an einem Morgen zur S-Bahn gegangen. Vor dem Bahnhof haben einige Obdachlose in der Kälte auf dem Boden gesessen. Wolle unterbricht unsere Unterhaltung und wirft einem von Ihnen vier Euro in den Pappbecher. Ich muss ihn ziemlich überrascht angeschaut haben. Denn er erzählt, dass er das öfter macht. Einmal hat er in einem Supermarkt auch zwei Schälchen Hundefutter gekauft. Für den Hund, der immer bei dem Obdachlosen sitzt. Und dann fasst er zusammen: „Ich kann abends in der Kneipe 50, 60 € bezahlen. Ohne das es am Ende des Monats deswegen eng wird. Da ist es doch nicht schwer, einem von diesen armen Kerlen mal einen Euro zuzustecken oder ein Brot zu kaufen.“

Diese einfache Gleichung hat mich beeindruckt. Wolle hat nicht über die Bettler geschimpft. Er hat nicht damit angegeben, wieviel Geld er hat. Und er wollte auch nicht damit angeben, dass er Gutes tut. Er spürt einfach, dass es ihm gut geht. Und er weiß, dass er das nicht nur seiner eigenen Leistung verdankt. Sondern dass es ihm geschenkt worden ist. Er ist für mich ein reicher Mann, weil er aus dem Gefühl der Dankbarkeit heraus lebt und geben kann.

„Vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat.“ – Gott macht mich reich. Daran hat mich Wolle an diesem Tag erinnert. Beinahe hätte ich es vergessen.

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Neulich habe ich eine Lebenskünstlerin getroffen. Das hab ich nicht gleich auf den ersten Blick erkannt. Aber als sie mir ihre Geschichte erzählt hat, da habe ich es gewusst:

Über 60 Jahre lang hat sie mit ihrem Mann zusammengelebt. Sie haben sich geliebt. Sind durch dick und dünn gegangen. Haben sich ergänzt, gestritten, versöhnt, haben gefeiert, getanzt, viele Reisen unternommen. Haben ein Haus gebaut, Kinder und Enkel groß werden sehen, sich im Dorf engagiert und Nachbarschaft gepflegt.

Irgendwann ist sein Herz immer schwächer geworden. Er ist ein paar Mal gestürzt. Konnte kaum noch etwas sehen. Aber er hat sich immer wieder hochgerappelt, hat sich sich nicht unterkriegen lassen. Doch dann ist er müde geworden. Am Ende hat er fast nur noch geschlafen.

Für sie steht fest: „Ich gebe ihn nicht ins Heim. Er war immer für mich da, das will ich ihm jetzt zurückgeben.“ Sie organisiert häusliche Pflege, Rollstuhl, Badewannenlift, alles was nötig ist. Die Kinder unterstützen sie. Und dann ist er friedlich eingeschlafen.

Aber auch jetzt ist sie nicht deprimiert oder hilflos. Sie hatte ja lange Zeit, sich zu verabschieden, das war richtig Arbeit. Sie spürt: Die Dankbarkeit ist größer als die Trauer. Wieder gibt es viel zu tun: Die Beerdigung, die ganze Bürokratie, Kondolenzbesuche – sie ist ganz überwältigt von der Anteilnahme und kann dadurch sehen, was für ein erfülltes, reiches Leben ihnen beiden geschenkt war.

Und jetzt beginnt etwas Neues: Sie hatten noch gemeinsam beschlossen, zu den Kindern zu ziehen. Nun wird sie diesen Schritt allein gehen: ein neuer Lebensabschnitt. Sie genießt es, ihren eigenen Rhythmus zu finden.

Eine Lebenskünstlerin. Ganz unscheinbar. Ihre Kunst besteht darin, in Dankbarkeit auf das Vergangene zurückschauen und nicht zu verbittern darüber, was ihr genommen wurde. Das Leben anzunehmen wie es ist und das Beste daraus zu machen. Diese Kunst würde ich auch gerne beherrschen. Ich glaube, sie hilft dabei das Leben auszukosten – bis zum letzten Atemzug.

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