Manuskripte

„Ich habe so eine Angst“. Mit diesen Worten begrüßt mich eine Patientin als ich in ihr Zimmer trete. Ich begleite sie seit einiger Zeit. Sie wird bald sterben. Und sie weiß das. „Was könnte helfen gegen die Angst“, frage ich sie. „Nicht hier zu sein“, meint sie. Ich frage weiter „Wo wären Sie denn jetzt gerne?“- „In Sri Lanka“, sagt sie und lächelt. „Da war ich mal mit meinem Freund. Und es war so wunderschön dort“. Und dann reisen wir gemeinsam dorthin. In Gedanken. Wir schließen die Augen und sie erzählt mir, wie es dort aussieht. Manchmal frage ich nach, wenn ich etwas genauer sehen will. Gemeinsam gehen wir am Strand spazieren. Wir hören das Meer rauschen, spüren den Sand zwischen unseren Fußzehen. Wir sehen Frauen in bunten Saris und Männer in gestreiften Sarongs, das ist so eine Art Wickelrock. Wir riechen das Curry, das in einem Strandrestaurant gerade zubereitet wird. Sie beschreibt, wie das Curry aussieht und schmeckt und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Irgendwann sagt sie: „Jetzt habe ich keine Angst mehr. Wenn ich gehe, wird alles gut.“ Kurz darauf schläft sie ein. Sie hat ihren Zufluchtsort noch einmal gesehen und sie hat ihn mir gezeigt. Ein paar Tage später ist sie gestorben.

Für mich war ihr besonderer Zufluchtsort nicht nur die Erinnerung an schöne unbeschwerte Urlaubstage. Es war, als hätte sich für uns beide der Himmel geöffnet. Wir wissen ja alle nicht, wie es dort aussieht, wo das Leben endet und dann, wie ich glaube, nach dem Tod neu beginnt. Aber ich bin fest davon überzeugt:  wenn wir hier auf der Erde einmal erlebt haben, wie sich der Himmel öffnet, dann brauchen wir keine Angst haben, wenn wir diese Erde einmal verlassen.

Wer einmal einen Hauch von der Ewigkeit gespürt, gesehen oder gerochen hat, der muss sich nicht mehr vor ihr fürchten. Gott will uns hier schon begegnen, damit wir dort keine Angst mehr haben.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23694

Vor drei Wochen habe ich eine ganz besondere Taufe miterlebt. Wir haben nicht in einer Kirche oder einem Gemeindehaus gefeiert, sondern in einem Krankenhaus. Genauer: auf der Kinderintensivstation. Da haben wir miteinander Taufe gefeiert. Die Eltern, eine Oma, zwei Ärzte, eine Krankenschwester, der Pfarrer, seine Frau und ich.

Dabei haben die Ärzte, die Schwester und ich kein Wort verstanden. Weil der Pfarrer koreanisch gesprochen hat. Trotzdem konnten wir mitfeiern. Weil wir gespürt und gesehen haben, was  geschehen ist. Dreimal hat er die Stirn des Kindes mit Wasser benetzt.

Seit September begleite ich jetzt die Eltern und ihr Kind. Es ist schwerkrank auf die Welt gekommen und braucht intensivmedizinische Versorgung. Die Kinderklinik ist den Eltern in diesen Monaten zu einem zweiten Zuhause geworden. Hier fühlen sie sich und ihr Kind gut aufgehoben, gut versorgt vom Pflegepersonal und den Ärztinnen und Ärzten. Wir sprechen nicht die gleiche Sprache, verständigen uns auf Englisch. Doch manchmal braucht es keine Sprache; Weinen, Lachen, Seufzen, Aufatmen und Schweigen braucht keine Übersetzung. Dann wieder kommen wir mit Englisch an Grenzen und stammeln nur herum. Manchmal fehlen uns überhaupt die Worte.

Das Kind hört seit seiner Geburt die Muttersprache seiner Eltern, koreanisch und  Englisch und Deutsch. In allen Sprachen aber strömt ihm Liebe entgegen und die große Hoffnung, dass es leben darf. Die Eltern haben ihrem Kind einen Namen gegeben, der das zum Ausdruck bringt. Auf Deutsch bedeutet er Hoffnung.

Und jetzt wollten sie ihr Kind taufen lassen. Ganz bewusst auf der Kinderintensivstation. Weil sie hier geweint, gehofft und gelacht haben. Der Pfarrer ihrer Gemeinde hat ihr Kind getauft. In ihrer Muttersprache.

Doch das Besondere der Taufe ist ja: sie verbindet Menschen verschiedenster Sprache und Herkunft. Und sie erinnert daran, dass wir durch die Taufe zu der einen großen und bunten Familie der Kinder Gottes gehören. Taufe, das ist unser gemeinsamer Zufluchtsort. Sie sagt uns: wir gehören zusammen- über Grenzen hinweg. Als Gottes geliebte Kinder.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23693

Manchmal habe ich das Gefühl: das wird mir alles zu viel. Zu viele Krisengebiete auf der Welt, zu viele engstirnige Menschen, Konflikte unter Kollegen. Krisen gehören zum Leben aber manchmal sind es zu viele Missklänge.

Ich weiß nicht, was Sie dann machen. Mir helfen dann harmonische Klänge. Eine schöne Melodie. Ein einfacher Text. Auch wenn es hart an der Kitschgrenze ist, mag ich dieses Lied:

„Du bist mein Zufluchtsort, ich berge mich in deiner Hand, denn du schützt mich, Gott. Wann immer mich Angst befällt, traue ich auf dich.“ Wenn ich dieses Lied vor mich hin singe, dann bekomme ich ein wenig Abstand von dem, was mich kirre macht. Und finde Gott sogar dort, wo ich ihn gar nicht vermutet hätte.

Zum Beispiel im 7. Stock des Westpfalzklinikums. Da bin ich jeden Tag mal. Weil da unsere Kapelle ist. Meine Zuflucht, wenn ich die Stille brauche.

Irgendwann habe ich direkt neben dieser Kapelle ein kleines Büro entdeckt. Neugierig hab ich einfach mal angeklopft. Ein freundliches ‚Herein‘ bittet mich, näher zu treten. Hinter einem Schreibtisch sitzt eine Frau, etwa so alt wie ich und lächelt mich an. „Ich bin hier Krankenhauspfarrerin!“ sage ich zu der Frau und sie bittet mich, Platz zu nehmen. Dann reden wir miteinander. Erzählen von unserer Arbeit. Nach einiger Zeit gehe ich wieder.

Seit diesem Tag stecke ich oft den Kopf durch ihre Tür. Manchmal sage ich nur hallo, manchmal setze ich mich kurz hin. Und wenn ich möchte, schenkt sie mir leckeren Waldfruchttee ein oder ein Glas frisches Wasser.

Inzwischen kennen wir uns schon so gut, dass ich reinkommen, auf den Stuhl plumpsen und einfach laut seufzen kann. Als ich vor ein paar Tagen angeklopft habe, war da jemand bei ihr im Büro. Sie stellt mich vor mit den Worten: „Das ist meine Pfarrerin!“ und ich sage: „Das hier ist mein Zufluchtsort!“

Weil diese Frau in dem kleinen Büro genau das für mich geworden ist. Ein Zufluchtsort inmitten einer krisengeschüttelten Welt. Reinkommen, auf einen Stuhl plumpsen und da sein dürfen. Und dann wieder gestärkt zurück in den Berufsalltag.

Wo haben Sie eigentlich Ihren Zufluchtsort?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23692

Bin gerade etwas neben der Spur. Dieser Spruch hängt an unserem Kühlschrank. Eine Freundin hat ihn mir geschickt. Sie kennt mich auch neben der Spur. Da bin ich anders.  Manchmal bin ich mit meinen Gedanken ganz woanders. Renne zweimal die Wohnung zurück. Weil ich den Schlüssel für die Garage vergessen habe. Und weil es draußen kalt ist und die Mütze noch oben liegt. Ich bin da und doch nicht da. Irgendwie hängen die Träume der Nacht noch an mir. Ich fühle mich wie ein Kind, das erwachsen spielt. Und sich wünscht, dass mir jemanden sagt: „Alles wird gut.“ Jemand, der mich nicht alleine lässt dort neben der Spur.

Manchmal frag ich mich: Ist der Advent nicht auch neben der Spur? Er passt überhaupt nicht in unsere Zeit. Manche fahren morgens in der Dunkelheit zur Arbeit und kommen zurück, wenn es schon wieder dunkel ist, aber wir hängen tausend Lichterketten auf in der Stadt und bringen sie zum Leuchten. Viele schauen düster in die Zukunft und vermuten nichts Gutes, aber wir zünden Kerzen an und beten für den Frieden. Viele wollen im Advent nur Geschäfte machen und warten auf den Weihnachtsbraten und die Geschenke. Aber wir Christen warten auch auf den Retter der Welt. Das ist schon ziemlich neben der Spur. Sind Christen neben der Spur? Ich glaube, ja. Und ich meine:

Gott sei Dank sind sie das. Als eine, die wartet und hofft, darf ich Kind sein. Ich darf darauf vertrauen, dass alles gut werden wird.

„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern.“ So singen wir. Und weiter: „Denn wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“

Vielleicht sind Sie heute auch ein bisschen neben der Spur. So wie ich. Meine Erfahrung ist: es ist gar nicht so schlimm. Im Gegenteil. Ist schön dort. Wenn man sich erlaubt, auch mal bedürftig zu sein und auf ein gutes Ende zu hoffen. Der Advent ist echt schön – dort neben der Spur.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23200

Letzte Woche saß ich mit meinem Sohn im Wartezimmer. Beim Kieferorthopäden. Das Warten war besonders schrecklich für mich. Es hat mich an die Zeit meiner eigenen Zahnspange erinnert. Und die war nicht gut. Ich habe meine Zahnspange gehasst.

Im Advent geht’s auch ums Warten. Und das ist mal so mal so. Je nachdem, worauf ich warte. Auf Zahnspangen warten ist schrecklich. Auf Geschenke warten ist da doch viel schöner. Aber auch das kann sehr anstrengend sein. Maria musste damals auch warten. Die Bibel erzählt davon, wie sie auf die Geburt ihres ersten Kindes wartet. Alles fing ja damit an, dass ein Engel ihr ankündigt: du wirst ein besonderes Kind bekommen. Einen Sohn. Aber nicht von Josef. Gott selbst ist sein Vater. Und jetzt soll sie also ganz entspannt auf die Geburt warten. Wie bitte? Wie soll das gehen? Ein Kind bekommen ist ja schön, aber unter den Umständen? Da fällt Maria etwas Geniales ein. Sie spürt, dass sie etwas braucht, damit das Warten für sie erträglich bleibt. Also macht sie sich auf den Weg. Sie besucht ihre Cousine Elisabeth. Die ist auch schwanger. Und die nimmt Maria ernst. Und sie bestärkt Maria darin, den Worten des Engels zu vertrauen. Und schon fällt das Warten leichter. Maria kann sich jetzt sogar über das Kind freuen. Sie findet das Ganze immer noch ziemlich geheimnisvoll, aber sie hat keine Angst mehr davor. Maria sorgt für sich und bleibt drei Monate bei ihrer Cousine. Dann weiß sie, wie Warten geht.

Das habe ich in der letzten Woche auch gemacht. Ich bin in der Praxis beim Kieferorthopäden aufgestanden und habe durchs Fenster auf die Stadt geschaut. Die Praxis liegt im 7. Stock. Es war ein großartiger Ausblick. Am Himmel sind die Wolken nur so dahingefegt. Unter mir gab es geschäftiges Treiben. Eine wunderbare Dachterrasse habe ich entdeckt. Zwei Stühle standen da mit Decken drauf und eine große Pflanze. Eine Oase mitten in der Stadt, über den Wolken, wo zwei beieinander sitzen können. Und während ich noch staunend diese Dachterrasse bewundere, ist mein Sohn auch schon fertig.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23199

Warum liegt Advent eigentlich im Dezember? Wo es so oft dunkel ist. Ich mag die Dunkelheit nicht besonders. Ich bin da eher ängstlich. Letzte Woche waren mein Mann und ich im Wald. Wir sind weiter gelaufen als geplant und auf einmal war es dunkel, mitten im Wald. War ich froh, dass ich nicht alleine unterwegs war. In der Dunkelheit sieht mancher Strauch aus wie ein Wildschwein, wenn ein Ast knackt, zucke ich zusammen. Im Dunkeln kommen mir viel mehr dunkle Gedanken als im Hellen. Ich bin froh, wenn ich im Dunkeln nicht alleine bin. Wenn jemand da ist, dem ich vertraue. Dann ist mir, als ob der Himmel aufreißt, als ob es hell wird. Deshalb sehne ich mich in dunklen Zeiten danach, dass es hell wird.

Diese Sehnsucht hätte ich nicht, wenn es immer hell wäre. Immer heiter und sonnig. Ich glaube, deshalb ist der Advent aus gutem Grund in der dunklen Jahreszeit. Er nimmt beides in sich auf. Die Dunkelheit und das Licht. Und deshalb ist der Advent so besonders, so anders.

Draußen ist es lange dunkel, das Jahr neigt sich dem Ende. Und ich ziehe Bilanz. Was ist gut und gelungen in diesem Jahr? Was nicht? Meine Bilanz fällt in dieser dunklen Jahreszeit trüber aus als sonst, vielleicht auch ehrlicher.

Aber ich sehe auch das Licht. Ich meine nicht nur die vielen Kerzen und Lichterketten, ich hoffe anders als sonst. O Heiland, reiß die Himmel auf singen wir jetzt im Advent. Wenn der Heiland den Himmel aufreißt, dann wird es hell. Auch im Ruheforst. Beim Lieblingslied der Verstorbenen tauchte die Sonne den Herbstwald in die schönsten Farben. Auch im Krankenhaus. Nach 8 Wochen erfährt die Patientin, dass sie endlich nach Hause darf und sie jubelt über den Flur, dass es alle hören.  Auch in jenem Abend im Wald. Als mein Mann mich an die Hand genommen hat und mit mir gemeinsam durch die Dunkelheit gelaufen ist. Bald konnten wir in der Ferne die ersten hell erleuchteten Häuser sehen.

So lässt mich der Advent erahnen, dass das Dunkel nicht bleiben wird. Weil wir darauf hoffen: Einmal wird der Heiland den Himmel aufreißen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23198

Adventskalender sind großartig. Das finden nicht nur Kinder. Jeden Tag verbirgt sich eine Kleinigkeit hinter einem Türchen, oft ein leckeres Stück Schokolade oder jeden Tag ein anderer Beutel Tee. Vom 1. Bis zum 24. Dezember fängt so jeder Tag mit einem kleinen Geschenk an. Ein guter Start in den Tag.

Mein Adventskalender ist ganz anders. Seit letzter Woche hängt er schon im Flur. An zwei Nägeln. Seitdem streiche ich jeden Tag wie ein Kind um den Kalender herum. Und warte und freue mich auf das, was er mir schenkt.

Und heute geht es los. Weil heute der 1. Advent ist, der Beginn der Advents- und Weihnachtszeit, die übrigens bis zum 6. Januar geht. Deshalb fängt mein Kalender heute schon an und geht bis zum Dreikönigsfest.

Jeden Tag öffne ich – nein, kein Türchen, ich öffne meine Augen und mein Herz. Und zwar für einen Text, der da steht. Dann setze ich mich nach dem Frühstück noch einmal an den Tisch. Und lese, was der Kalender mir schenkt. Und denke über Gott, die Welt und den Advent nach.

Der Andere Advent, so heißt mein Kalender. Seine Texte und Geschichten leuchten wie Lichter aus dem Dunkel dieser Tage. Menschen fliehen vor Krieg und Hunger. Aber wir hoffen, dass der Friede nah ist. So viele Beziehungen zerbrechen. Aber wir warten, dass die Welt heil wird.

Jedes Jahr warten und hoffen wir. Warum tun wir das? Weil Advent so anders ist. Und weil wir diese Hoffnung brauchen, damit wir nicht irre werden an dieser Welt. Und damit die Hoffnung wachsen kann, braucht es Zeit.

Mein Anderer Adventskalender schenkt mir diese Zeit. Und es ist, als riefe er mir jeden Morgen zu: Lies und schau genau hin. Heute schon kannst du Spuren der anderen Zeit finden. Vielleicht im freundlichen Blick des Verkäufers, der dir mit einem Lächeln die Tüte mit den frischen Brötchen über die Theke reicht. Oder in der Stimme der Freundin, die du heute zum 1. Advent endlich mal wieder anrufst.  Ich möchte mich ab heute jeden Morgen wieder auf die Suche machen und bin gespannt, wo sich überall schon Frieden und Heil finden lassen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23197

„Eines Tages fällt dir auf, dass du 99% nicht brauchst. Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg, denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.“ Vielleicht kennen Sie den Song der Gruppe Silbermond.

Reisen mit leichtem Gepäck- das hat eine lange Tradition. Schon Jesus schickt seine Jünger mit leichtem Gepäck auf den Weg. Eigentlich mit gar keinem Gepäck. Sie sollen nur mitnehmen, was sie auf dem Leib tragen. Schuhe an den Füßen und einen Stab in der Hand. Aber keine Tasche.

So sind die Jünger damals durch Städte und Dörfer gezogen. Sie haben nicht die Wahl, ob sie 99% wegwerfen sollen. Sie gehen einfach los. Mit nur 1%.

Aber wie ist das mit uns? Brauchen wir wirklich so wenig? Kommen wir mit so wenig aus? 1 % von dem, was wir haben? Ich bin mir da nicht sicher.

Wie soll das gehen, mit leichtem Gepäck reisen? Beim Pilgern kann man das ausprobieren. Jedes Jahr bricht mein Mann mit einer Gruppe auf, um vier Tage durch die Pfalz zu pilgern. Alle haben nur einen kleinen Rucksack dabei. Nur das nötigste halt. Weil sie alles was sie mitnehmen, mit sich rumschleppen müssen. Unterwegs helfen sie sich gegenseitig aus mit Pflastern und manchmal nehmen sie einander auch das Gepäck ab. Sie laufen nicht nur miteinander, sie achten aufeinander. Auf dem Weg vertrauen sie einander auch das an, was ihnen das Herz schwer macht. Und sie nehmen sich Zeit für Stille und Gebet. Da läuft es sich einfach leichter, wenn man keine Zentnerlast auf seinen Schultern trägt.

Reisen mit leichtem Gepäck. In Gemeinschaft geht das leichter. Deswegen hat Jesus die Jünger damals auch zu zweit auf den Weg geschickt. Zu zweit ist es leichter, Sicherheit hinter sich zu lassen, auf Komfort zu verzichten. Wenn einem was auf der Seele liegt, kann der andere Kraft geben. Da fällt gar nicht so sehr auf, wenn man wenig dabei hat. Man gewinnt viel dazu. In der Begegnung mit sich selbst, mit anderen und mit Gott. So erzählen es auch die Pilger nach den vier gemeinsamen Tagen.
Also ist es einen Versuch wert, mit wenig Gepäck zu reisen. Und mit viel Platz für neue Begegnungen und Erfahrungen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22503

Ist bei Ihnen auch grade kein Urlaub in Sicht? Vielleicht, weil der letzte eben erst vorbei ist? Oder das Geld knapp? Dann habe ich eine Idee für Sie: eine Reise ins Land der Phantasie. Das geht wunderbar. Ich mach das öfter.

Eine besonders schöne habe ich auf einer Weiterbildung erlebt. Erst habe ich mich auf meinem Stuhl zu recht geruckelt. Also: Beine gerade auf den Boden. Den Kontakt zwischen Fußsohlen und Boden spüren. Das ist wie Koffer packen. Alles zusammensuchen, was man braucht: Füße, Beine, den Bauch und die Arme. Nicht zu vergessen den Kopf. Alles da? Gut.

Dann geht es los. Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, wie ich mich auf einen wunderschönen Teppich setze. Der ist nicht nur wunderschön, der kann auch fliegen.

Und dann fliege ich los. Natürlich nur in meiner Phantasie. Was heißt nur. In meiner Phantasie kann ich mir jedes Ziel aussuchen. Die Malediven, Island, Südamerika, Alaska. Überall kann ich hin. Vor meinem inneren Auge kann ich das alles sehen. Am Ziel angekommen lande ich auf einem Markt. Ich streife über den Markt, bleibe hier stehen, schaue dort etwas an. Und kaufe schließlich zwei Gegenstände, die mir in dem Moment wichtig sind. Die packe ich ein und nehme sie mit nach Hause.

Als die Reise in der Gruppe zu Ende war, haben wir uns gegenseitig erzählt, wo wir waren. Und was wir mitgebracht haben. Jeder war an einem anderen Ort. Für jeden war dieser Ort sein Paradies. Und jeder hat etwas mitgebracht, was er persönlich mit dem Paradies verbindet. Diese Gegenstände haben Licht vermittelt. Oder Stärke, Geborgenheit oder Lebensfreude.

Es ist erstaunlich, wieviel Ahnung jeder davon hat, vom Paradies. Von dem Ort, an dem alles gut ist. Wo man unbeschwert lebt, in Frieden mit Gott und der Welt.
Und deswegen mag ich Phantasiereisen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22502

Das Meer ist für viele ein besonderer Ort. Für mich ist es der Ort; die Langsamkeit lieben zu lernen.
Ich kann stundenlang am Strand sitzen und aufs Meer schauen. Dieses Blau bis zum Horizont. Jede Welle sieht anders aus. Wenn man die Augen schließt, hört man das Meer rauschen. Die Luft riecht nach Salz und die Lippen schmecken salzig. Und vor allem: Es fühlt sich gut an, langsam zu sein. Dort am Meer.

Zu Hause ist das anders. Da bringt mich die Langsamkeit schon mal an den Rand der Verzweiflung. Wenn die Ampel nicht grün wird und ich doch eh schon 5 Minuten zu spät bin. Wenn im Hochhaus der Aufzug nicht kommt, dann renne ich lieber die Treppen rauf. Im Alltag bin ich schnell, muss das auch sein.

Lange dachte ich, ich muss die Langsamkeit aus dem Urlaub mit in den Alltag nehmen. Entschleunigung nennt sich das. Die musst du hinkriegen! Aber mittlerweile glaube ich: Langsamkeit hat ihre Zeit und Schnelligkeit auch.

Es gibt eben verschiedene Zeiten mit ihren je eigene Geschwindigkeiten. Alles hat seine Zeit, heißt es im Alten Testament. Geboren werden und sterben, lieben und hassen, Steine aufsammeln und Steine wegwerfen, pflanzen und ausreißen, suchen und finden, schweigen und reden, behalten und wegwerfen.

Alles hat seine Zeit, sagte schon der Prediger vor mehr als 2000 Jahren. Das kann uns von falschen Ansprüchen entlasten. Unseren Blick auf den Moment lenken und das wahrnehmen, was grade ist.

Und wir können die verschiedenen Zeiten im Leben nicht ändern, meint der Prediger. Aber wir können die Zeiten so nehmen, wie sie kommen.
Ich genieße die Langsamkeit am Meer, und komme dann besser durch die schnellen Zeiten.

Das Leben ist nicht nur Urlaub. Es ist auch Arbeit und Mühsal. Beides gehört dazu. Der Prediger hat am Ende seines Lebens erkannt: Das Beste, was der Mensch tun kann, ist, sich zu freuen und sein Leben zu genießen, solange er es hat. Das wünsche ich Ihnen, nicht erst im Urlaub, heute Morgen schon.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22501