Manuskripte

01JUN2020
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Erde, gemahlenen Ton und eine Saatmischung mit dem vollmundigen Namen „Bienen- und Hummelmagnet“. Das habe ich neulich mit Wasser vermischt und zu Kugeln geformt. Dazu habe ich mich mit einer Bekannten auf dem Balkon getroffen. Wir haben uns erzählt, was in den letzten Wochen so bei uns los war. Nebenher haben wir diese Samenkugeln gemacht.

Die meisten Kugeln haben wir verschenkt. Sie wurden am Wegrand abgelegt oder in einen Blumentopf gepflanzt. Man sieht schon die ersten grünen Triebe. Und hoffentlich sind es bald schöne Sommerblumen, die Menschen und vor allem den Bienen Freude machen. Wie wir darauf gekommen sind? Nun, weil es ums Säen und Ernten oft auch in der Bibel geht. Zum Beispiel in einem Reise-Lied für den Weg hinauf zum Tempel nach Jerusalem.

Es fängt so an:
Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. 2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan! 3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. 4 HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. 5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 6 Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Das Lied ist ein Lied der Befreiung aus einer Krise. Denn die, die da singen, waren zuvor Gefangene im Nachbarland. Endlich sind sie wieder zuhause. Die jahrelange Sehnsucht nach der Heimat und ihrem religiösen Zentrum ist nun gestillt.

Ich finde, es ist ein gutes Lied für die Krisenzeit. In einer Krise fühle ich mich momentan auch, obwohl ich ja nicht wirklich gefangen bin. Doch irgendwie bin ich entfremdet von meinem normalen Leben und ich würde gerne in das Gewohnte zurückkehren.

Am Anfang war es vielleicht noch spannend in der Fremde. Ich hatte viele freie Abende. Auch mein Sohn hat sich gefreut. Doch nun höre ich täglich zu Hause: „Ich will wieder in die Schule.“

Ich hätte nie gedacht, dass mir dieser Satz einmal zu Ohren kommen würde. Manche haben endlich mal Zeit gehabt, das zu tun, was sie schon länger vor sich hergeschoben haben, Zeit um beispielsweise den Keller oder den Dachboden auszumisten. Die Müllabfuhr ist kaum hinterhergekommen, den Sperrmüll einzusammeln. Doch auch wenn manches ums Haus noch zu erledigen wäre, sehnen sich viele nach Normalität, nach ihrer ganz gewöhnlichen Routine. Noch braucht es Geduld. Und da hilft mir dieses Reiselied nach überstandener Krise aus der Bibel.

Das Leben fühlt sich für viele gerade ein wenig nach Exil an, so, als ob man aus dem gewohnten Leben herausgerissen wäre. Ich bin auf ein Lied in der Bibel gestoßen, das nach dem Exil geschrieben wurde. Und darin sind zwei Dinge, die mir im Moment helfen.

Zum einen ist da ein dankbarer Rückblick. Ich weiß, dass bei uns längst noch nicht alles beim Alten ist. Doch ich finde es eine gute Idee, bereits jetzt zurückzuschauen und zu überlegen, wo habe ich Gutes bekommen? In dem Lied aus der Bibel heißt es: Der Herr hat Großes an ihnen getan. Vor Corona hat es schon „manch Großes“ in meinem Leben gegeben: Unbeschwerte Sommer- und Geburtstagsfeste und Urlaube, die mir in guter Erinnerung geblieben sind. Diesen Reichtum rufe ich mir gerade immer wieder ins Gedächtnis. Ich zehre davon und die Erinnerungen geben mir Hoffnung, dass es in der Zukunft wieder so schöne Lichtblicke gibt.

Das zweite, das ich hilfreich finde, ist der aufmerksame Blick auf das Gute im Hier und Jetzt.
Ich finde das besonders wichtig, denn die unangenehmen Erlebnisse, die drängen sich allzu gerne in den Vordergrund oder auch die Schönen, die abgesagt werden mussten. Aber wenn ich abends auf den Tag zurückblicke, stelle ich regelmäßig fest: Ich habe trotzdem auch Gutes an dem Tag erlebt. Doch es hat diesen aufmerksamen Blick, dieses kurze Nachdenken am Abend gebraucht, damit ich mich erinnert habe. Als Hilfestellung habe ich seit einem Monat eine „Dankbarkeits-App“ auf dem Handy. Da kann ich für jeden Tag ein paar Gedanken eintragen. Und tatsächlich ist mir an fast jedem Tag etwas eingefallen, für das ich Gott danke.

Es kann eben beides gleichzeitig geben: fröhlich sein und klagen, sich sorgen und feiern.
Das Krisenlied in der Bibel verharmlost nichts. Da ist von Tränen die Rede, die das Säen begleiten. Und manche haben gerade allen Grund, Tränen zu vergießen. Ich hoffe und bete darum, dass diese Tränen der Samen für Freude werden. So, wie die Leute auch damals erlebt haben: Es ist nicht für immer. Genauso werden auch wir wieder die Freiheit erleben, dass wir einander unbeschwert nahekommen und mit voller Stimme singen und tanzen können. Davon bin ich überzeugt.

Viele Menschen vor uns haben genau das schon erlebt: 5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 6 Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Daran will ich denken, wenn ich nach den Samenkugeln Ausschau halte, die ich ausgestreut habe. Für die Bienen wächst auf diese Weise Gutes und ich hoffe, dass aus der momentanen Zeit ebenfalls etwas Gutes erwächst. Gegen alle Enge, Angst und Scharfmacher. Ich traue darauf, dass wir mit Freuden ernten werden.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Feiertag

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09FEB2020
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„Dunkel war's, der Mond schien helle, schneebedeckt die grüne Flur, als ein Wagen blitzesschnelle langsam um die Ecke fuhr…“ Kennen sie das?

Das Gedicht hing früher in den Stuttgarter Straßenbahnen. Ich habe es mir oft durchgelesen und überlegt, ob ich die Widersprüche nicht doch irgendwie zusammendenken kann. Aber ich habe sie nicht zusammengebracht.

In der Bibel gibt es auch einen widersprüchlichen Satz, den ich lange nicht verstanden habe. Er steht im Markusevangelium und er lautet: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ „Ja, was denn nun? Glaubt da einer oder glaubt er nicht?“ habe ich mich gefragt. Man muss wohl die ganze Geschichte hören, um das zu verstehen.

Einmal hat Jesus seine Freunde eine Weile allein gelassen. In der Zeit ist ein verzweifelter Vater zu ihnen gekommen, der gehofft hat, dass sie seinen kranken Sohn heilen können. Es könnte ja sein, dass etwas von seinen heilenden Kräften auf die Freunde übergeschwappt ist. Der Sohn war schon seit Geburt krank. Er hat immer wieder Anfälle bekommen. Dann ist er gestürzt und hatte Schaum vor dem Mund. Außerdem hat er dabei mit den Zähnen geknirscht und ist ganz starr geworden. Doch die Freunde konnten nichts machen. Sie waren deshalb erleichtert als Jesus endlich wieder aufgetaucht ist und sich selbst um den Vater gekümmert hat.

„Kannst du helfen?“ hat ihn der Vater gefragt und Jesus antwortet ihm mit rätselhaften Worten: „Für den, der glaubt ist alles möglich“. Sofort schreit der Vater diesen Satz heraus: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Jesus konnte den Sohn dann wirklich gesund machen.

Was muss das für eine Erleichterung für den Vater gewesen sein. Sicher hatte sich über die Jahre vieles in ihm aufgestaut: Hoffnung, und dann wieder Enttäuschung. Die letzte Enttäuschung liegt erst Minuten zurück, als es die Jünger nicht geschafft hatten, den Sohn zu heilen.

Was müssen das für Sorgen gewesen sein: Die Angst, dass der Sohn bei einem seiner Anfälle gravierend zu Schaden kommt oder vielleicht sogar sterben könnte. Schließlich ist er während seiner Anfälle schon mehrmals ins Feuer oder ins Wasser gefallen. Und dazu die Erschöpfung. Wer sich schon über viele Jahre um ein krankes Kind kümmert, ist erschöpft. All das ist jetzt vorbei. Jesus hat ihm seinen größten Wunsch erfüllt und endlich muss er keine Angst mehr haben.

Glaube und Zweifel klingen aus den Worten des verzweifelten Vaters. Zweifel ist ja nicht nur schlecht. Er bringt nicht nur Verunsicherung, sondern durchaus auch Klärung. Er bringt mich dazu kritisch zu fragen, ob ich wohl die Dinge richtig verstehe: Die Bibel und auch vieles andere. Der Zweifel ist hilfreich, wenn ich überprüfen will, was andere über Gott verkünden. Und er korrigiert mich auch.

Ich diskutiere oft mit kritischen Leuten, und ich selbst bin es hoffentlich auch. Kritisch zu sein ist nicht verkehrt. Journalistinnen und Journalisten brauchen kritische Leserinnen und Leser, die vertrauenswürdige Quellen einfordern. Politikerinnen und Politiker brauchen kritische Bürgerinnen und Bürger, damit sie nicht nachlassen, eine gute Arbeit zu machen. Man muss in der Sache auch nicht immer einer Meinung sein. Aber kritische Nachfragen sind wichtig.

Beim Nachdenken habe ich gemerkt: Glaube und Zweifel passen doch zusammen. Sie gehen oftmals Hand in Hand. Mir wäre es zwar lieber, ich hätte 100 Prozent Glauben und 0 Prozent Zweifel. Doch ich weiß nicht, ob das überhaupt jemand von sich sagen kann

Der Vater in der Geschichte schreit den Satz spontan heraus: „Hilf meinem Unglauben“. Das ist für ihn eine tiefe und ehrliche Bitte an Gott.

Mir gefällt, dass Jesus nicht eingeschnappt reagiert hat. Er hat gemerkt, der Vater setzt all seine Hoffnung auf ihn. Trotz seiner Zweifel. Er hat nicht weiter kommentiert, sondern seine Wunderkraft eingesetzt und dem Vater und seinem Sohn geholfen. Das zeigt mir: Jesus kommt damit klar, wenn ich ihm offen sage, wie es in mir aussieht. Ja, so passt dieser widersprüchliche Satz für mich.

„Hilf meinem Unglauben“ kann auch zu meinem Satz werden. Ich will den Blick nach oben richten und offen und ehrlich sagen, was bei mir los ist. Nicht beschämt, nicht voller Gewissensbisse, sondern energisch und voller Hoffnung, dass Gott mir hilft.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben ist kein Unsinn-Satz aus einem amüsanten Gedicht. Es ist ein Vertrauenssatz. Er zeigt mir: Es macht Sinn, so zu beten und auf Gottes Hilfe zu hoffen.

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05FEB2020
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Freundlichkeit und Mitgefühl sind eigentlich gute Ratgeber, finde ich. Sie machen das Zusammenleben leichter. Doch nicht wenige sind der Meinung: Zeigt man sie, geht man mit einer Blessur nach Hause. Sie befürchten, in Verhandlungen über den Tisch gezogen zu werden, wenn sie freundlich sind. Sie sagen: „Freundlichkeit wird einem als Schwäche ausgelegt. Denn reicht man den kleinen Finger, will der andere gleich die ganze Hand.“ Da ist es nicht leicht dagegen zu argumentieren. Denn solche Erfahrungen sind ja real. Es kommen oftmals die schneller zum Ziel, die laut und unverschämt auftreten: Der Vater, der sich beim Kinderarzt vor dem Empfang aufbaut und erklärt, er hätte nicht den ganzen Morgen Zeit, ist tatsächlich schneller wieder draußen als alle anderen. Wer möchte sich schon mit so einem herrischen Typen anlegen?

Jesus hat einmal gesagt: „Wenn dich einer dazu zwingt, eine Meile mit ihm mitzugehen, dann gehe freiwillig noch eine zweite Meile mit ihm mit.“ Eigentlich ist das schwer einzusehen, denn so wird der andere für sein unverschämtes Verhalten sogar noch belohnt. Doch ich meine, das ist der richtige Weg. So schwer es auch fallen mag. Denn wenn ich ihn anblaffe: „Was fällt Ihnen ein!“ – dann blafft er zurück. Und das unverschämte Verhalten setzt sich fort. So verroht unser gesellschaftliches Miteinander nur noch weiter. Vielleicht hat er ja Gründe und braucht einfach dringend meine Begleitung? Ich könnte ja erst mal nachfragen. Und dann in Ruhe Ja oder Nein sagen oder einen anderen Weg vorschlagen.

Mitgefühl, Empathie sind gute Ratgeber und keine Schwäche. Sie ermöglichen es, mir darüber Gedanken zu machen, was in meinem Gegenüber wohl vorgeht. Die Meile, zu der ich gezwungen werde, kann verschieden aussehen. Es kann ein böser Brief sein, den ich freundlich beantworte. Und vielleicht schreibe ich auch noch einen zweiten, als zweite Meile. Ich mache das gelegentlich so, wenn ich böse Zuschriften bekomme. Und ich merke: Der Ton beim anderen wird ruhiger und oft hört der Hass auf. Und wenn ich merke, dass andere unter Druck gesetzt werden, dann versuche ich, ihnen beizustehen. Denn wenn viele zusammenhalten, dann sind sie stärker als der Hass. Ich möchte Freundlichkeit und Mitgefühl nicht als Schwäche auslegen. Ich halte beides für Stärken.

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04FEB2020
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„Ich bin raus aus Facebook“. So sagte Michael Blume neulich bei einer Podiumsdiskussion. Er ist der Antisemitismusbeauftragte der Baden-Württembergischen Landesregierung. Ein Grund war, dass er kaum hinterherkam, die vielen Hasskommentare zu löschen, die bei ihm aufgelaufen sind.

Ja, es ist fies geworden im Internet. Wie kommt es, dass Leute vor dem Bildschirm ihre guten Eigenschaften über Bord werfen? Das frage ich mich wirklich. Denn von Anstand und guter Kinderstube ist da nichts mehr zu sehen. Es könnte an der Anonymität der sozialen Medien liegen. Hasserfüllte Menschen sagen die Unverschämtheiten nicht direkt ins Gesicht. So sehen sie die Reaktion der Betroffenen nicht. Sonst würden sich manche vielleicht doch schämen.

Und andere sind im Netz auf Öffentlichkeit aus. Wenn viele ihre Aktion gut finden und ihnen beipflichten, gibt ihnen das den schaurigen Kick.

Ich halte es für meine Christenpflicht, denen zu widersprechen, die Lüge und Hass verbreiten. Angenehm ist das nicht. Viel lieber würde ich unter Gleichgesinnten bleiben. Doch damit würde ich zulassen, dass sich der Hass noch weiter ausbreitet. In den 10 Geboten heißt es als achtes Gebot: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Deshalb kann ich es nicht unwidersprochen hinnehmen, wenn ich Unwahres lese. Sonst würde ich mich mitschuldig machen. Bei Hassbotschaften ist es dasselbe. Die kann ich nicht einfach so laufen lassen. Als Christin trage ich Verantwortung.

Eine Freundin hat mir von ihren Eltern erzählt: Dass ihre Eltern sich manchmal echt fies über Minderheiten oder Ausländer äußern. Und dann meint sie: „Ich kann nicht das ganze Land ändern, aber ich kann meine Eltern ändern, in ihrer Einstellung anderen Leuten gegenüber.“

Auch ich kann da anfangen, wo ich einen Einfluss habe, bei den Kommentaren, die ich mitbekomme, ob im Internet oder im direkten Gespräch.

Ein Glück habe ich Vorbilder. Meinen Hausarzt zum Beispiel. Bei ihm im Wartezimmer hängt eine Erklärung gegen Rassismus und Diskriminierung. Da steht unter anderem: „Bei uns ist kein Platz für Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung gegen Menschen mit anderer sexueller Orientierung und mit körperlich oder geistiger Behinderung.“ Ganz schön mutig, finde ich. Mich motiviert das.

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03FEB2020
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„Aufschieberitis“ Man kommt nicht voran mit einer Arbeit, weil man gar nicht erst anfangen mag. Ich kenne das von mir und vielleicht kommt es Ihnen auch bekannt vor. Ich lebe in Tübingen, da beobachte ich gerade bei den Studierenden, wie das ist. Gerade jetzt, wo die Prüfungszeit beginnt. In den Weihnachtsferien wollten viele ihre Lücken schließen. Doch dazu war dann keine Zeit oder anderes war wichtiger. Das schlechte Gewissen nimmt zu und schließlich kommen die Selbstzweifel. Bei manchen führen sie bis zum Selbsthass. Und einige entwickeln eine Depression.

Zum Glück gibt es Hilfe. In meiner Stadt hat die evangelische Studierendengemeinde extra eine Psychologische Beratungsstelle, die innerhalb von 24 Stunden ein Erstgespräch garantiert.

Aber die jungen Leute sind ja nicht die einzigen, die mit Selbstzweifeln und „Aufschieberitis“ zu kämpfen haben. Wenn sie mich befällt, dann kommt es mir so vor, als ob ich nichts auf die Reihe kriege und ich fühle mich als Looser. Ich finde mich unmöglich und kann mich selbst nicht leiden. Und dass, obwohl ich doch eigentlich weiß, dass ich wertvoll bin. Ich bin von Gott geliebt bin und ich darf mich selbst auch lieben. Ja, Gott liebt uns Menschen.

Aber es ist gar nicht so einfach, sich selbst zu umarmen, wenn man einen Groll auf sich hat.
Mir hilft es, wenn Freunde und Familie mir gerade in solchen Phasen zeigen, dass sie mich mögen. Manche sind auch gerne bereit, am Telefon die anstehende Arbeit kurz mit mir durchzusprechen. So bekomme ich sie in meinem Kopf besser geordnet. Das hilft oft schon, damit die Arbeit nicht mehr wie ein Berg vor mir steht. Wenn der Einstieg gemeinsam geschafft ist, geht es ja oft viel besser. Manchmal verabrede ich mich auch mit anderen zum Arbeiten. Zwar bleibt jeder an seinem Schreibtisch. Trotzdem spüre ich ihre Unterstützung. Doch nicht nur das hilft mir. In Phasen, in denen ich schlecht über mich denke, tut mir ein ehrliches kleines Kompliment gut, oder ein netter Gruß. Oder wenn mich jemand daran erinnert, dass ich schon viel schwierigere Projekte geschafft habe. Solche Leute und ihre Botschaften sind für mich wie ein Geschenk von oben. Durch sie kommt Gottes Liebe dann doch bei mir an, obwohl ich sie gar nicht mehr gespürt habe. Ich bin ihnen von Herzen dankbar. Und ich weiß, es kommen Zeiten, da werde ich diejenige sein, die hilft.

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„Allein sein ist toll!“ Das habe ich gedacht als ich vor kurzem drei Tage weg war von zu Hause. Wie habe ich das genossen! Einmal null Verantwortung für den Alltag. Keine Kinder, keinen Haushalt.

Wahrscheinlich fand ich das so wunderbar, weil es für mich die große Ausnahme ist. Denn eigentlich mag ich es ja, meine Familie um mich zu haben und ich bin froh und dankbar, nicht allein zu sein.

Ich weiß, dass sich in Deutschland viele Frauen und Männer einsam fühlen. Zum Beispiel der Mittdreißiger, den der Jobwechsel in eine neue Stadt geführt hat und der abends zu fertig ist, um noch auszugehen und neue Leute kennen zu lernen. Oder die alleinerziehende Mutter, die vor allem sonntags die Einsamkeit spürt. Dann, wenn die Familien mit Vater, Mutter, Kind an ihrem Fenster vorbeispazieren.

Aber natürlich: Nicht jeder, der allein lebt, ist einsam. Manche genießen ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Doch viele wünschen es sich anders.

„Es ist nicht gut, dass der Mensch so allein ist.“ meint auch Gott in der Schöpfungsgeschichte. Zwar lebt Adam in einer wunderschöne Umgebung im Garten Eden. Er hat alles, was das Herz begehrt: schöne Pflanzen und Tiere um sich herum und reichlich zu essen. Doch ihm fehlt ein echtes Gegenüber. So erschafft Gott einen weiteren Menschen, der zu ihm passt. Nun sind Adam und Eva gemeinsam im Garten Eden und können alles miteinander teilen. Adam hat es gut, denn er bekommt mit Eva nicht nur irgendeine Person, sondern zugleich eine Partnerin. Bei Einsamkeit ist man oft schon froh, wenn man überhaupt Kontakt zu anderen Leuten bekommt, die einem sympathisch sind. Heute gibt es viele Möglichkeiten. Zum Beispiel durch eine Nachbarschafts-App. Damit verabreden sich Leute, die die gleichen Interessen haben. So trifft sich die Studentin mit der 50-jährigen Naturliebhaberin und zwei, drei anderen. Und der einheimische Rentner zeigt ihnen dabei seine Heimat. Für manche kann auch eine Kirchengemeinde ein Stück weit Heimat und Zuhause sein.

Es hilft auch, mal wieder zum Telefon zu greifen und einen alten Freund anzurufen. Oder vielleicht gibt es ja etwas, dass sie schon immer einmal lernen wollten. Dann kann der erste Schritt sein, sich zu einem Kurs dazu anmelden. Nicht wenigen hilft auch die Vesperkirche aus der Einsamkeit. Ob als Gäste oder als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter. In vielen Städten hat sie jetzt wieder geöffnet.

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13OKT2019
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In Amerika sagen die Menschen öfter Danke als bei uns. Das ist mir aufgefallen, als ich vor einiger Zeit dort zu Besuch war.

Jeden Abend haben die Kinder der Mutter oder dem Vater fürs Kochen gedankt. Wenn ein Kind etwas erledigen sollte, bekam es hinterher ein Dankeschön, und in den Geschäften dankte man mir bei jedem Einkauf.

Nun kann man natürlich sagen, das machen sie dort aus Gewohnheit. Die Leute sind eben so geschult worden. Doch selbst wenn es so ist: ich fand das einfach schön.
Eigentlich ist doch jeder gerne mit Leuten zusammen, die dankbar sind. Die sind so positiv, sehen immer etwas, worüber sie sich freuen können. Und mir scheint, sie sind auch glücklicher als andere.

Tatsächlich sind sie weniger depressiv und stehen weniger unter Stress, hat man herausgefunden. Sie sind auch zufriedener mit ihrem Leben und ihren sozialen Beziehungen. Obwohl: Dankbare Leute sind oft gerade Leute, die schon einiges durchgemacht haben.

Zu meiner Kirchengemeinde gehören dankbare Menschen, wie ich bei einer Gemeindewanderung festgestellt habe. Wir waren in zwei Gruppen unterwegs. Die erste Gruppe ist direkt von der Kirche losgezogen, die zweite Gruppe hat das erste Stück des Wegs mit dem Auto zurückgelegt und ist nur eine Teilstrecke zu Fuß gegangen. Doch ausgerechnet die mit dem kurzen Weg kamen ewig nicht an. Zwischendurch habe ich nachgefragt, wo sie bleiben. Sie hatten sich verlaufen. Es war sehr heiß an dem Septembertag und sie taten mir richtig leid. Schließlich sind sie eingetroffen. Erschöpft, aber fröhlich.

Am nächsten Tag habe ich eine von ihnen ganz besorgt gefragt, wie denn der gestrige Tag für sie war und sie sagte: „Es war wunderbar. Ich bin so dankbar für den schönen Tag. Die Gastgeberin hat uns einen tollen Heimweg gezeigt und wir sind gut angekommen.“

Ja, das fasziniert mich, wenn es Leuten gelingt, auf das zu blicken, für was sie dankbar sind.
Solche dankbaren Leute strahlen Gelassenheit aus, finde ich. Und die hat bei ihnen erstmal nichts mit den äußeren Umständen zu tun. Sie freuen sich an ihrem Leben. Sie haben auch einen realistischen Blick auf sich selbst. Sie wissen, was sie gut können und was nicht so. Sie kennen ihre Stärken und Schwächen und haben gelernt, zu beidem Ja zu sagen.

Dankbare Menschen sehen auf das, was sie haben und sind zufriedene Menschen. Sie haben in ihrem Leben schon gekämpft und sind auch gescheitert. Aber sie sind wieder aufgestanden oder haben sich aufhelfen lassen.

Ihre innere Gelassenheit kommt daher, dass sie sich nicht mit anderen vergleichen und sie bewerten nicht. Deshalb sind sie auch nicht neidisch.

Und zweitens wissen die dankbaren Menschen, die ich kenne, auch genau, wohin sie ihren Dank richten können. Sie danken Gott für das, was sie erleben. Und diese innige Beziehung nach oben scheint ihren Blick zu schärfen.
Dankbare Menschen haben einen Blick für Kleinigkeiten. Sie nehmen sie wahr und schätzen sie.

In der Bibel werden wir immer wieder darauf hingewiesen, dass alles, wofür wir dankbar sein können, ein Geschenk von Gott ist. Im Epheserbrief heißt es im 5. Kapitel: Dankt Gott, dem Vater, zu jeder Zeit für alles im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

In der Bibel werden ganz viele Gründe aufgezählt, wofür wir Gott dankbar sein können:
Für unser Leben, für Kinder, für unser täglich Brot, für die alltäglichen Dinge, für andere Menschen und dafür, dass Gott einen auch in Schwierigkeiten nicht verlässt. Viele Feste in der Bibel, haben den Sinn einmal innezuhalten und dankbar zurückzuschauen und sich daran zu erinnern, was einem selbst oder einer ganzen Gruppe Gutes passiert ist. Sei es, dass Gott in Gefahr geholfen hat. Oder dass er einen mit der Ernte reich beschenkt hat.

Jetzt ist wieder Erntezeit. Viel Obst ist schon längst im Gefrierschrank oder in Einmachgläsern. Nun sind die Äpfel und Birnen dran.

Das ist ein Grund, dankbar zu sein. Diesen Sonntag oder schon an einem der letzten Sonntage, ist in vielen Kirchen ein Erntedanktisch mit all den guten Gaben aufgebaut. Einen fand ich besonders schön. Da lagen neben Obst und Gemüse auch Lego, ein Ehering, ein Pizzaschieber und Familienfotos. Da haben sich Große und Kleine Gedanken gemacht, wofür sie Gott dankbar sind. Für Lieblingsstücke, für ihren Partner, für Freunde und Familie.

Mir hilft dieser besondere Erntedanktisch, dabei, genau hinzuschauen, was es in meinem Leben noch alles gibt, wofür ich dankbar bin. Ja, manchmal sind es ein Anblick wie dieser oder ein Gespräch mit einem dankbaren Menschen, die mir helfen, meine eigene Dankbarkeit zu entdecken. Dann freue ich mich an meinen Entdeckungen, und ich nehme mir vor viel häufiger Danke sagen.

Ich wünsche Ihnen für heute einen schönen Sonntag, an dem Sie Zeit haben für Entdeckungen!

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23JUN2019
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Ich singe für mein Leben gern. Doch von Weihnachten bis Ostern war meine Singstimme weg. Sie hat einfach nicht mehr funktioniert. Statt Töne kam nur ein Krächzen oder heiße Luft. Ich singe eigentlich jeden Tag. Für mich zu Hause und auch in Chören. Deshalb war das wirklich bitter, dass ich meinen Mund halten musste, wenn alle anderen gesungen haben.

Erst dachte ich, das wird schon von allein wieder. Doch nichts hat sich getan. Es war, als würde ich irgendwie feststecken und allein kam ich nicht raus aus meinem Problem. Eine tolle Logopädin hat mir dann geholfen und jetzt ist meine Stimme wieder wie früher.

In der Bibel erzählt der 40. Psalm, wie einer auch richtig im Schlamassel feststeckt und wie er wieder rauskommt: „Unbeirrt habe ich auf den Herrn gehofft, auf seine Hilfe habe ich gewartet. Er hat mein Schreien gehört und hat mir geholfen. 3 Ich sah mich schon im Grabe liegen, ich sah mich im Sumpf versinken; doch er hat mich herausgezogen und mich auf Felsengrund gestellt. Jetzt kann ich wieder sichere Schritte tun. 4 Ein neues Lied hat er mir in den Mund gelegt, mit dem ich ihn preisen kann, ihn, unseren Gott. Viele sollen es hören und sehen; dann nehmen sie den Herrn wieder ernst und schenken ihm ihr Vertrauen.“

Das hört sich nach echten Problemen an, was dieser Mensch durchgemacht hat, nicht nur nach Unannehmlichkeiten, wie in meinem Fall. Er war wie in einem Sumpf gefangen und jeder Versuch, sich selbst zu befreien, hat ihn nur tiefer einsinken lassen. Er scheint in Lebensgefahr gewesen zu sein. Und ein Glück ist es gut ausgegangen, sodass er nun allen davon erzählt. Er packt die Geschichte, wie er gerettet worden ist, in ein Lied. Dazu inspiriert ihn Gott. Und es ist ein Loblied geworden. So froh und dankbar ist er: „Gott hat ein neues Lied in meinen Mund gelegt, mit dem ich ihn preisen kann“, so sagt er.

Ich weiß nicht, wie Gott ihm geholfen hat. Vielleicht durch einen Fachmann oder eine Fachfrau, wie in meinem Fall. Gott hat ja viele Möglichkeiten, einzugreifen.

Die Gefahr ist gebannt und seine Unsicherheit ist nun mit einem Mal weg: „Jetzt kann ich wieder sichere Schritte tun“ sagt er. Ich kann das so gut nachvollziehen, wie es ist, wenn man wieder sicheren Boden unter den Füßen hat. So habe ich mich auch gefühlt, als ich das erste Mal wieder im Gottesdienst gesungen habe und die Stimme gehalten hat.

Dieses Loblied vergisst der Sänger bestimmt sein Leben lang nicht mehr. Er will es auch gar nicht vergessen, sondern anderen vorsingen. Denn er hat jetzt eine Botschaft: „Verliere nicht den Mut, auch wenn Du mächtig in Schwierigkeiten steckst. Rufe nach Gott. Er hat Wege, Dir zu helfen.

Von manchen Ereignissen nimmt man ein Lied mit, das man nie mehr vergisst:
der Hit aus dem Schullandheim, das Mottolied eines Kirchentags, das Schlaflied des ersten Kindes. Es kann aber auch ein Lied nach einer tiefen Krise sein. So eines steht in der Bibel, im 40. Psalm. Was genau passiert ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur: Jemand war in einer aussichtslosen Lage und ist gerettet worden. Darüber hat er ein Lied geschrieben, ein Loblied auf Gott.

Was ihm passiert ist, vergisst er bestimmt nie mehr. Und mit diesem Lied macht er nun anderen Mut, nicht zu verzweifeln, sondern um Hilfe zu rufen. Er hat nun ein Lebenslied, das immer mit ihm geht und das er auch überall singen will. Denn er gibt bekannt: „Ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen.“

Viele haben ihr Lebenslied, eine Melodie, in der sie schwingen. Bei manchen ist es fröhlich und mitreißend. Bei anderen klingt es eher melancholisch und doch wunderschön. Wieder andere klingen nach Ärger und Wut. Das tut mir immer leid, wenn jemand so verbittert ist. Gegen so eine Verbitterung singt der Sänger aus der Bibel an. Er erzählt von seiner Erfahrung und macht damit anderen Mut.

Die Schwaben sagen manchmal: „Die Stroph isch gsonge“ wenn etwas unumkehrbar ist. Übersetzt für Nichtschwaben: Die Strophe ist gesungen.
Für den Sänger gilt das nicht. Er gibt nicht auf. Er singt auch gegen Mutlosigkeit an. Übrigens war nach seiner Krise nicht alles immer einfach. Wenn man den Psalm 40 zu Ende liest, tauchen da neue Schwierigkeiten auf. Doch davon will er sich nicht runterziehen lassen, sondern dranbleiben an seinem Glauben und an der Hoffnung, dass Gott ihn nicht im Stich lässt. Dazu macht er auch anderen Mut, indem er schreibt: „Doch alle, die deine Nähe suchen, sollen über dich jubeln und glücklich sein.“ Jetzt würde man denken, der letzte Satz des Psalms ist bestimmt so ein Jubel-Satz. Doch gerade da klagt er Gott nochmal seine Schwierigkeiten: „Ich bin arm und wehrlos; Herr, vergiss mich nicht! Du bist doch mein Helfer und Befreier, mein Gott, lass mich nicht länger warten!“ Sein Lied ist also kein reines Loblied, sondern da kommt auch Klage drin vor und Ungeduld. Das macht ihn in meinen Augen glaubhaft. Denn ich kenne niemanden, bei dem immer alles rund läuft. Es bleibt ein Loblied, aber keines, das die Schwierigkeiten unter den Teppich kehrt. Er bekennt die Probleme offen und ehrlich. Er macht anderen Mut und sucht dann selbst wieder bei Gott die Bestätigung, dass er eben nicht scheitern wird, sondern Gott ihm hilft. 

Er singt sein Lied voller Leidenschaft. Und was kann schöner sein, als ein Lied, das anderen Mut macht? Gemeinsam mit Gott überwindet er die Sumpflöcher, die sein Leben mit sich bringt.
Ich lasse mich gerne von Lobliedern anderer inspirieren. Mir hilft es, zu hören, wie andere mit ihren Schwierigkeiten umgegangen sind und wie Gott ihnen geholfen hat. Dabei erkenne ich, dass Gott für mich da ist. Und immer wieder erlebe ich es auch ganz praktisch. So wie neulich, als ich auf die fähige Logopädin gestoßen bin und seitdem wieder mit Leidenschaft singen kann.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Vielleicht mit einem Lied auf den Lippen.

 

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„Halt, Stopp. Das darfst Du nicht machen!“ hat mir ein Kollege zugerufen. Es war an einem Freitagnachmittag in Israel und ich war gerade dabei, eine Rosenblüte zu fotografieren. Wir waren auf dem Weg zum Gottesdienst in einer Synagoge. Dort wollten wir den Sabbat beginnen. Ich war irritiert. Der Sabbat, der jüdische Feiertag, hatte noch gar nicht angefangen, denn die Sonne war noch nicht untergegangen. Und überhaupt: Was hat das mit meinem Handyfoto zu tun? Klar, weiß ich, dass Arbeit am Sabbat für Gläubige verboten ist, doch ist ein Handy-Foto Arbeit? Das ist doch Hobby?

Seitdem beschäftigt mich der 7. Tag der Woche, der Ruhetag, immer wieder. Und ich mache mir so meine Gedanken, wie ich ihn als Christin verstehe und gestalte.
In der Bibel wird in den 10 Geboten berichtet, dass Gott sich einen Ruhetag gegönnt hat, nachdem er mit der Schöpfung fertig war. Und dass er diesen Ruhetag allen gönnt: dem Volk Israel und auch den Fremden im Land. Keiner soll an dem Tag arbeiten müssen. Es soll nur das getan werden, was absolut notwendig ist, Tiere füttern zum Beispiel oder Kinder und Kranke versorgen.

Später heißt es dann dass der Sabbat auch dazu da ist, an die Befreiung zu erinnern, daran, dass Gott sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat. Also ein Ruhetag als Pause für uns, weil Gott sich eine Pause gegönnt hat und ein Ruhetag zum Nachdenken und dankbar sein.

Seit ich den Sabbat in Israel erlebt habe, fasziniert er mich. Ein Tag ohne die geringste Anstrengung. Das öffentliche Leben kommt teilweise zum Stillstand. Die drei Mahlzeiten für die nächsten 24 Stunden sind schon fertig vorbereitet und teilweise warmgestellt. Und dann hat man Zeit für die Familie. Man isst gemeinsam, erzählt sich, spielt miteinander, hat Zeit für einen Mittagschlaf und geht in den Gottesdienst. Die Generationen kommen zusammen und manchmal lädt man noch Gäste ein. Das stelle ich mir schön vor, wenn man wirklich Zeit füreinander hat und alle elektronischen Geräte mal ausgeschaltet bleiben. Und weil es zur Religion gehört, muss man auch nicht mit den Kids darüber diskutieren.

39 Regeln gibt es im Judentum für diesen Tag. Gestrichen ist alles, was Arbeit macht. Und alle Tätigkeiten fallen weg, bei denen etwas Neues entsteht.
Aber so eng möchte ich das dann doch nicht sehen, denn dann wären auch Aktivitäten gestrichen, die mir Spaß machen und die für mich zum Ausspannen dazugehören. Ich dürfte nicht an meinen Socken stricken, denn dabei entsteht etwas Neues, ich dürfte keine längere Wanderung machen, denn die Zahl der Schritte wäre begrenzt. Autofahren ginge auch nicht, denn sobald ich den Schlüssel rumdrehe, aktiviere ich die Zündung und das ist nichts anderes als Feuermachen, was auch nicht erlaubt ist.
Also suche ich wohl doch meinen eigenen Umgang damit.

Haben sie heute frei? Viele haben frei, denn es ist der gesetzliche Ruhetag in unserem Land. Ich mache mir heute Gedanken, wie ich ihn als Ruhetag gestalte. Darauf gestoßen bin ich bei einer Israelreise, bei der ich erlebt habe, wie Juden den Sabbat halten. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich will den jüdischen Sabbat nicht eins zu eins übernehmen, das geht gar nicht, doch manches, was ich dort gesehen habe, würde auch mir guttun.

So ein Ruhetag gibt der Woche einen Rhythmus. Er schenkt Zeit für die Familie. Und er schenkt die notwendige Erholung und Muße zum Nachdenken. Das ist doch eine gute Vorbeugung gegen Burn Out, oder?

Viele sagen: Ich brauche den Sonntag zum Arbeiten. Da putze ich die Wohnung oder stelle Unterlagen fertig, zu denen ich unter der Woche nicht gekommen bin. Es ist tatsächlich nicht einfach, den Sonntag arbeitsfrei zu halten. Doch oftmals ist es auch eine Frage der Selbstorganisation.

Als Christin will ich mich an Jesus orientieren. Jesus hat den Sabbat als Geschenk für uns Menschen gesehen. Aber er hatte auch Ärger mit dem Sabbat. Einmal hat er just am Sabbat einen Menschen geheilt. Seine Gegner haben das als Arbeit gesehen. Ein andermal haben seine Jünger auf den Feldern Ähren ausgerissen, weil sie Hunger hatten. Auch das kam bei seinen Gegnern nicht gut an, denn „Ausreißen“ ist an dem Tag nicht erlaubt.

Jesus hat ihnen gesagt, dass der Ruhetag für den Menschen da ist und nicht der Mensch für den Ruhetag.
Die ersten Christen haben den wöchentlichen Ruhetag auf den Sonntag gelegt, weil Jesus an einem Sonntag auferstanden ist. Und das wichtigste an dem Tag war für sie der Gottesdienst. Dort haben sie sich zum Beten getroffen und auch Zeit beim Essen miteinander verbracht.

„Du sollst den Feiertag heiligen“, so habe ich es im Konfirmandenunterricht gelernt. Damals habe ich das Gebot eher als Einschränkung gesehen. Doch jetzt denke ich mehr und mehr über die Freiheit nach, die darin steckt. Es ist doch ein Geschenk, einfach mal nix tun zu müssen. So eine Insel der Ruhe innerhalb der Woche. Ich genieße es, nach dem Gottesdienst die Hände in den Schoß zu legen und die Arbeit Arbeit sein zu lassen. So bleibt Gelegenheit für einen Mittagschlaf oder Spaziergang oder auch mal einen Besuch, und am Abend ist Zeit für den Tatort, mit meinem Strickzeug in der Hand.

Mal ist mein Sonntag genau geplant, dann wieder geht es eher spontan zu. Was sind ihre Pläne für den Tag? Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Sonntag.

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Ist es ihnen auch schon mal so gegangen? Sie sind an einem Ort gelandet, wo sie nie hinwollten. Ich meine jetzt nicht eine verirrte Autofahrt, sondern tatsächlich als Wohnort. Das passiert ja immer wieder. Viele haben ihre Heimat im Krieg zurücklassen müssen. Es kann aber auch viel harmloser sein. Die angehende Lehrerin bekommt ihre erste Stelle 150 Km entfernt, und muss ihren Freundeskreis zurücklassen. Die Nachbarin muss jetzt doch ins Altersheim, obwohl sie das nie gewollt hat.

Solche Situationen hat es schon immer gegeben. Auch dem Volk Israel ist es so gegangen. Davon möchte ich ihnen erzählen. Das war um 600 vor Christus. Damals hat der Nachbarkönig aus Babylon ihr Land erobert. Er hat die Hauptstadt Jerusalem zerstört und alle Politiker und Verwaltungsleute einfach mitgenommen. Plötzlich waren diese verschleppten Menschen in einem fremden Land und haben ihr Zuhause und ihre Freunde vermisst. Sie haben auch nicht gewusst, ob sie irgendwann wieder zurückkönnen. Was macht man, wenn man keinen Plan hat, wie es weitergeht? Man macht nur das Nötigste. Man knüpft nicht erst groß Freundschaften, man kauft sich keine komplette Wohnungseinrichtung, sondern richtet sich mehr provisorisch ein.

Außerdem hat man eh nicht viel Elan, wenn man so verzweifelt ist. Und in diese Situation rein kommt ein Brief aus der Heimat. In dem Brief steht: „Baut da, wo ihr jetzt seid, Häuser und wohnt darin. Legt euch auch Gärten an. Heiratet und gründet Familien. Engagiert euch in euerer neuen Stadt. Und betet für sie. Dann geht es der Stadt und euch gut.

Ich weiß nicht, was sie denken. Wenn ich so am Boden wäre wie die Leute damals und würde so eine Liste an Aufgaben geschickt bekommen, dann würde ich sagen: „Tut mir leid, ich kann nicht.“ Zum Glück standen in dem Brief noch zwei wichtige Informationen, sonst hätte ihn keiner ein zweites Mal gelesen. Die erste Information: Euer Exil in Babylon ist absehbar. In 70 Jahren dürfen eure Nachfahren wieder zurück nach Jerusalem. Und als zweites: Gott ist auch jetzt, hier im Ausland, bei Euch. Und sein Herz ist voller Liebe und Frieden für euch. Diese Worte haben alles verändert. Sie haben die Leute nicht nur getröstet, sondern als sie das gelesen haben, ist eine riesige Last von ihnen abgefallen. Denn bis dahin haben sie sich immer Sorgen gemacht, ob Gott für sie hier in der Fremde überhaupt erreichbar ist. Er wird sie doch nicht vergessen haben.

Zu der Zeit waren viele Menschen aus Israel im Ausland, in Babylon. Und zwar nicht freiwillig, sondern der babylonische König hat sie dahin verschleppt. Es war deprimierend. Aber durch den Brief haben die Leute erfahren: Ihr Exil im Nachbarland wird nicht ewig gehen. Spätestens ihre Enkel dürfen wieder zurück in die Heimat. Und sie haben gelesen, dass Gott auch in der Fremde bei ihnen ist. Und dann gab es in dem Brief noch eine Liste von Dingen, die sie tun sollen: Häuser für sich bauen, Gärten anlegen, heiraten, Kinder kriegen, ihre Kinder verheiraten und sich für ihre Stadt einsetzen.

Mir macht dieser Brief tatsächlich Mut. Denn ich überlege mir öfters mal, ob es sich überhaupt lohnt, sich zu engagieren. Bringt das was oder ist es nur eine Eintagsfliege? Ich hätte das am liebsten vorher schon schwarz auf weiß, dass mein Projekt erfolgreich wird. Und wer weiß, vielleicht bin ich schon wieder weg aus meiner Stadt, bevor mein Projekt richtig angelaufen ist? Doch warum so zögerlich? Der Brief liefert auch mir einen guten Grund, warum ich mich einsetzen soll. Da steht:
Es ist gut für die Stadt und gut für einen selbst. Ich habe tatsächlich schon tolle Projekte in meiner Stadt kennengelernt. Und beeindruckende Persönlichkeiten, die dahinterstehen. Zum Beispiel die Sonntagsküche. Da kochen Woche für Woche sonntags Ehrenamtliche für die Hilfsbedürftigen der Stadt. Sie machen Frühstück und Mittagessen. Andere engagieren sich im Gemeinderat. Und es gibt auch Leute, die regelmäßig für meine Stadt beten. Eine Gruppe macht das einmal im Monat, 24 Stunden am Stück.

Wie wäre es, wenn sie und ich uns für diese Woche eine Sache überlegen, die wir für unsere Nachbarschaft oder unsere Stadt tun können. Ich bin gespannt, wie kreativ wir sind. Aus dem Brief von damals nehme ich drei Sachen für mich mit: Erstens: Das Leben passiert im Hier und Jetzt. Es kann losgehen, auch wenn die Umstände noch nicht perfekt sind. Ich brauche nicht auf den perfekten Moment zu warten, um mit etwas Sinnvollem zu starten. Was da im Brief aufgezählt wird, sind alles Aktivitäten, die die Gemeinschaft stärken. Und da gibt es heute auch noch viele Möglichkeiten. Als zweites will ich mir merken: Engagement zählt sich auch dann aus, wenn es nicht auf Dauer angelegt ist, oder wenn ich nicht sagen kann, ob es für lange Zeit funktionieren wird. Und der dritte Punkt ist dieses Versprechen aus dem Brief: Wenn es der Stadt gut geht, geht es mir auch gut.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.

 

 

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