Manuskripte

Teil 1: Endlich sagt's mal jemand

Endlich sagt's mal jemand! Das ist so ein Satz, der mir in den Ohren klingt. Eigentlich ist das ja was Gutes. Endlich sagt's mal jemand. Das, was nötig ist. Und achtet nicht darauf, ob das nun beklatscht wird oder nicht. Weil’s halt gesagt werden muss. Den Satz höre ich immer wieder in anderem Zusammenhang: Da wird einfach mal behauptet: „Das Boot ist voll“, Deutschland verhalte sich wie „das Sozialamt der Welt“ oder „Die“ – gemeint sind die Asylbewerber und Flüchtlinge – „Die haben's gut, und wir haben's schlecht“. Da wird unterstellt, dass wir in Deutschland unterdrückt würden. Von einer Medienmacht, von der Regierung, von Leuten, die sich verschworen haben, um die Wahrheit nicht ans Licht kommen zu lassen. Wenn ich dann näher hinschaue, sehe ich eher das Gegenteil: Diejenigen, die am lautstärksten behaupten, dass man dieses oder jenes nicht sagen dürfe, sind es ja gerade, die ohne Pause ihre Behauptungen, Beschwörungen und Beschimpfungen rausposaunen. Endlich sagt's mal jemand? - Wie bitte?

Mit Argumenten kommt man einer solchen Stimmung schlecht bei. Zahlen werden nicht überzeugen, die eindeutig zeigen, wie verhältnismäßig gering etwa der Anteil der Geflüchteten bei uns im weltweiten Vergleich ist; wie wohlhabend die allermeisten Deutschen im Vergleich zu anderen sind; wie friedlich, problemlos und integriert die allermeisten Ausländer bei uns leben. Das wollen die Leute nicht hören, die ihr Urteil schon gefällt haben und ihrem Gefühl und ihrem kleinen Kosmos mehr vertrauen als den globalen Fakten. Dialog und Verständigung ist da kaum möglich. Beispiel: Tag der Deutschen Einheit in Dresden. Die übergroße Mehrheit hat friedlich gefeiert. Aufmerksamkeit haben die Störer bekommen. Das ist eben so. Je lauter da palavert wird, desto stummer werden oft die, die Tag für Tag andere Erfahrungen machen: Die erleben und mithelfen, wie Integration tagtäglich und unspektakulär gelingt. Aber das ist dann keine große Nachricht. Muss es auch nicht sein, weil es die Regel und nicht die Ausnahme ist. Populisten brauchen die Provokation. Gut, dass es auch anders geht. Etwa die deutschen Bischöfe. Die haben mal zur Flüchtlingsdebatte unmissverständlich erklärt: "Das Merkmal einer christlichen Identität ist die Nächstenliebe". Klingt normal? Zu wenig spektakulär? Dann konkreter: "Wer die christliche Prägung nur deshalb hochhält, um Menschen anderer Kulturen und Religionen fern zu halten, missbraucht und entwertet das Christentum", hat Erzbischof Stefan Heße aus Hamburg klargestellt. Und ich hab‘ gedacht: Endlich sagt's mal jemand!

Teil 2: Hoffnung statt Hass, gelegen oder ungelegen!

In den Sonntagsgedanken möchte ich heute mal eine Lanze brechen für alle, die das sagen, was kaum beachtet wird, weil es viel zu normal scheint.

Wenn ich an die Berichte über Geflüchtete bei uns denke, dann ist da oft von Problemen die Rede. Und von denen, die Probleme machen. Mal sind es die Geflüchteten selbst, und oft genug sind es die, die mit ihrem Hass allem Fremden gegenüber Probleme machen. Ich möchte den Blick lenken auf die, die nicht so in den Schlagzeilen sind, weil sie alltäglich und normal das tun, worauf es ankommt. Ich bin froh, dass es viele Kirchengemeinden und Gruppen in der Kirche gibt, die sich nicht einschüchtern lassen, wenn sie als Gutmenschen beschimpft werden. Die zuversichtlich jedem helfen, der in Not ist, weil sie davon überzeugt sind, dass wir in Deutschland eine starke Gemeinschaft sind, die helfen kann. Das sind die, die mit gutem Willen und reichlich Anstrengung Dinge schaffen können, die andere nicht einmal versuchen wollen: für Arme, Obdachlose und Geflüchtete.

Da gibt es ein schönes Wort aus der Bibel, das heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen wird: „Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht!“ (2 Tim 4,2). So geht „Endlich sagt's mal jemand“ nämlich auch. Das gute Wort, die gute Tat. Wie befreiend ist es, wenn wir viel mehr davon sprechen. Wir brauchen Mutmacher, keine Miesmacher. Ich bin froh über das Christliche am Abendland. Wenn nämlich das etwas antiquiert wirkende Wort von der Nächstenliebe ganz konkret wird. Nächstenliebe: das ist Solidarität, Menschenfreundlichkeit und Hilfe in der Not, egal welche Hautfarbe, Herkunft oder Religion jemand hat. Das ist christlich am Abendland. Das sind Werte!

Auch das ist ein Wort aus der Bibel: “Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.” (1 Petr 3,15) Ich nehm' mir vor, in der kommenden Woche mal genau drauf zu achten, wo es in der Zeitung und im Radio Hoffnungsmeldungen gibt. Und ich will drauf achten, wo es in meinem Alltag Grund zur Hoffnung gibt: vielleicht banal, vielleicht unbeachtet, aber doch unheimlich wichtig. Damit will ich die Welt nicht schöner reden, als sie ist. Damit verschließe ich nicht die Augen vor Leid, Krieg, Terror und Angst. Und ich laufe auch nicht mit einer rosa Brille durch's Leben. Aber ich will mir auch nicht einreden lassen, dass die Welt immer schlimmer wird, immer hoffnungsloser, immer brutaler. Wird sie nämlich nicht. Und ich bin dem auch nicht nur passiv ausgeliefert. Auf das „Normale“ zu achten, auf das, was Hoffnung macht im Alltag: Das nehm' ich mir vor für die nächste Woche. Davon will ich dann auch erzählen: bei Freunden, Kollegen – oder hier im Radio. Und ich hoffe, dass dann jemand, der das hört, denkt: Endlich sagt's mal jemand!

 

 

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Teil 1: Unsicherheit und die Suche nach schnellen Antworten

Kondensstreifen von Flugzeugen am Himmel: Sind das gefährliche „Chemiespuren“, mit denen wir alle vergiftet – oder zumindest manipuliert werden sollen? Gibt es „das ganz große Ding“, das da angeblich zwischen Politik, Medien und Polizei ausbaldowert wird, um uns „die eigentliche Wahrheit“ vorzuenthalten? Verschwörungstheorien scheinen wieder in Mode zu sein. Immer wieder tauchen sie in Variationen auf, füllen bis heute Bücher und finden zum Teil faszinierte Abnehmer. Außerirdische Einflüsse oder ganz irdische Verschwörerbanden: Die Theorien wollen das erklären, was uns hier zu schaffen macht. Und sie klingen nur zu oft recht abenteuerlich. Man kann sich in den meisten Fällen darüber amüsieren. Man kann den sprichwörtlichen „Aluhut“ aufsetzen, den Hut aus Aluminium. Der soll ja gegen die kosmischen Strahlen und die Telepathie helfen, die die Verschwörungstheoretiker so fürchten. Man kann es auch lassen. Verschwörungstheorien sind nämlich mit ihren Aluhüten im wahrsten Sinn des Wortes ein „alter Hut“, auch wenn sie in immer neuen Moden daherkommen. Durch alle Jahrhunderte schon gab es sie, spielten oft mit der Angst vor dem Weltuntergang. Und: Wir leben noch!

Gemeinsam ist solchen Theorien, dass sie das mit einfachen Worten eingängig zu erklären versuchen, was uns Menschen Sorge macht, weil wir es nicht verstehen. Oft schwarz-weiß, schlicht mit Gut und Böse. Je verunsicherter und ängstlicher jemand ist – vielleicht unbewusst -, desto anfälliger ist er für populistische Antworten. Und manchmal gibt es dann einen Sündenbock, um die eigene Ängstlichkeit und Enge zu verstecken: „die Illuminaten“, „die Freimaurer“, „die Juden“, „der Islam“. Manche kommen scheinbar in der komplizierten Welt ohne Sündenböcke nicht mehr klar, fühlen sich bedroht und benachteiligt. Dann einen Sündenbock zu benennen, der angeblich an allem schuld ist, kann vordergründig entlasten. Aber dann wird es schnell menschenverachtend, weil der Weg zu Rassismus und Hetze gebahnt wird. Auch hier gilt: Wehret den Anfängen!

Wer schnelle und scheinbar einleuchtende Antworten auf schwierige Fragen gibt, der macht sich verdächtig. Komplexe Fragen können keine einfachen Antworten haben – das sagt schon die Vernunft, auf die sich viele dieser Theorien angeblich doch stützen wollen. Da schalten manche anscheinend doch den „gesunden Menschenverstand“ gerne aus – selbst wenn sie sich noch so ausdrücklich darauf berufen. Aber so einfach ist die Welt nicht. Das macht es so anstrengend.

Teil 2: Fürchte dich nicht

Heute geht es in den Sonntagsgedanken um Verschwörungstheorien und das Spiel mit der Sorge der Menschen.

Natürlich sind nicht alle diese Theorien gefährlich. Manche bieten auch spannende Unterhaltung, etwa in Buchform. Wie zum Beispiel das Buch „Illuminati“ von Dan Brown; das Buch, in dem eine große Vatikan-Verschwörung beschrieben wird. Spannender Lesestoff. Aber eben nur Unterhaltung. Keine Welterklärung.

Wie gesagt: Schon immer wollten wir Menschen das erklären, was wir nicht direkt verstehen: Warum donnert und blitzt es am Himmel? Warum gibt es Leid in der Welt? Warum gibt es Krankheiten? Es ist ein Gefühl der Ohnmacht, das nach Antwort sucht: Die Urangst des Menschen, sich nicht behaupten zu können, zu kurz zu kommen, gar das Leben vorzeitig zu verlieren. Aber was ist dann eine Antwort, die nicht mit der Angst spielt? Eine Antwort, die nicht andere klein machen muss, um selbst besser da zu stehen? Eine Antwort, die wirklich hilft und nicht noch mehr verunsichert? Die die Angst nimmt und nicht noch schürt?

Es mag etwas altmodisch klingen. Aber oft gibt es ein schlichtes „Gegenmittel“ gegen solche zerstörerische Ohnmacht, die nicht selten zur Aggression führt. Es ist das Vertrauen: Wo die Welt scheinbar aus den Fugen gerät, wo der Mensch scheinbar hilflos dem Spiel der Macht und der Mächtigen ausgeliefert ist, da hilft dieses Grundgefühl des Vertrauens umso mehr. Nicht als naives Glauben an das, was einem andere sagen und weismachen wollen. Sondern als sicheres Fundament, das einen nicht so leicht ins Wanken bringt im Leben. So ein Vertrauen kann man nicht machen, das kann man nur wirken lassen. Es ist schon da, von Kindheit an. Es muss manchmal nur neu entdeckt werden – Vertrauen zu mir selbst und zum Menschen neben mir. Das macht verletzlich und doch – so komisch das klingt – das macht unendlich stark.

Als Christ nenne ich dieses Urvertrauen auch Gottvertrauen. Dass es von Anfang an einen gibt, der über den Dingen steht, der es gut mit uns meint, auch wenn wir nicht jedes Detail und jeden einzelnen Schritt verstehen. Mit Gottvertrauen erkenne ich an, dass ich nicht alles selbst regeln kann auf dieser Welt. Dass ich aber auch nicht alles erklären können muss, sondern wirklich vertrauen darf, dass es am Ende gut wird. Niemand kann tiefer fallen als in Gottes Hand. Damit lässt sich leben. Und damit lässt sich gut leben. Solches Gottvertrauen ist alles andere als naiv. Ich bin sicher: Es hilft mehr als jeder Aluhut. Die klare Botschaft aus der Bibel lautet - uralt und täglich aktuell: „Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir!“ (nach Jes 41,10) Gott sei Dank!

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Teil I: Wehret den Anfängen

"Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt! Entscheidet euch, ehe es zu spät ist!“ So steht es in einem Flugblatt der Studentengruppe „Die Weiße Rose“.  Mehr als siebzig Jahre ist das jetzt her. Die bekanntesten Mitglieder waren die Geschwister Scholl: Hans und Sophie. Sie wurden von Nazis verraten und ermordet. Weil sie Flugblätter wie diese verteilt haben. Weil sie aus christlicher Motivation heraus die Verbrechen der Nazis angeprangert haben. Und diejenigen, die sie zugelassen haben. Die Mitläufer. Diejenigen, die heimlich zustimmten. Diejenigen, die von nichts gewusst haben wollten. Die Weggucker. Ganz „normale Bürger“ also, damals wie heute. 

Zur Gruppe der „Weißen Rose“ gehörte auch der Katholik Willi Graf aus Saarbrücken, nach dem dort heute eine kirchliche Schule benannt ist. Ich habe vor zwanzig Jahren dort Abitur gemacht. Im Eingangsbereich der Schule hing ein Porträt von Willi Graf. Und die Sätze von ihm: „Jeder Einzelne trägt die ganze Verantwortung. Für uns aber ist es die Pflicht, dem Zweifel zu begegnen und irgendwann eine eindeutige Richtung einzuschlagen.” Verantwortung. Entscheidung. Klare Richtung. Und: „Wehret den Anfängen“.  

Klar war er für uns ein Vorbild. Gegen Nazis waren wir auch. Und „Mut zum Widerstand“ sollte auch unser Leitwort sein. Als pubertierende Schüler fiel das nicht schwer, sich auf diesen Widerstand zu berufen, in allerlei Alltagssituationen, auch fern von politischen Zusammenhängen: Wenn wir uns von den Lehrern schlecht behandelt fühlten – oder in feurigen Artikeln für die Schülerzeitung. Dass der Widerstand von unserem Vorbild Willi Graf aber nicht pubertär, sondern noch viel existenzieller war, dass er – wie die Geschwister Scholl und andere Mitglieder der „Weißen Rose“ - sogar mit seinem Leben für diese Überzeugungen bezahlt hat, das konnten wir damals wohl noch nicht richtig erfassen. 

Und heute? Im Kurznachrichtendienst Twitter hat einer in diesen Tagen geschrieben: „An alle, die in den Neunzigern in der Schule sagten: 'Ich hätte damals nicht mitgemacht': Unsere Zeit ist jetzt!“ - Das gibt mir zu denken. Denn wie sieht es heute aus? Da kneife ich noch viel zu oft. Bei viel Geringerem. Halte den Mund. Auch aus Bequemlichkeit. Schaue weg, wo es doch auf ein mutiges Wort ankäme. Und es geht noch weiter: Wenn heute jede Woche Flüchtlingsheime angegriffen werden; wenn heute wieder von „Überfremdung“ gesprochen wird; wenn Sündenböcke schnell benannt sind; wenn heute stumpfe Parolen scheinbar gesellschaftsfähig werden; wenn das Wort „Widerstand“ als Widerstand gegen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung mit ihren Regeln pervertiert wird; wenn im Internet der rechte Mob tobt... Wo beginnt denn dann das „Wehret den Anfängen“? Wo, wenn nicht dort?!

Teil II: Fastenzeit - Zeit zum Umkehren

 

Heute geht es in den Sonntagsgedanken um den Satz „Wehret den Anfängen“. Aber wie sieht es heute aus? Man muss nur an die Flüchtlingsfrage denken. Was ist, wenn Brandstifter in Wort und Tat unterwegs sind? Auch im Internet. Das ist voll von menschenverachtenden Parolen, Gerüchten und übler Hetze gegen Menschen, die ohnehin in Not sind. Auch Hetze gegen die, die den Menschen in Not helfen wollen. Nicht umsonst ist „Gutmensch“ zum „Unwort des Jahres“ geworden, weil es diffamiert. Wenn solche Parolen in Talkshows, auf Marktplätzen und in der politischen Debatte immer wieder geäußert werden, mal mehr oder weniger verpackt? Wo beginnt das „Wehret den Anfängen“, wenn der Nachbar, der Arbeitskollege, der Bekannte „sich so seine Gedanken“ macht – und dabei gar nicht bemerkt (oder doch?), wenn er dabei pauschal nachgeplapperte Gerüchte oder Stimmungsmache nach altbekanntem Muster verwendet? Ist da der Anfang nicht schon verpasst? 

 

Die Fastenzeit ist für Christen eine Zeit des Umdenkens. Dann kann es darum gehen, auch mal seine Wortwahl etwas genauer zu überprüfen: Was bedeutet es, wenn ich bestimmt Worte benutze? Und auf welche sollte ich besser verzichten, nicht nur in der Fastenzeit? Wo beteilige ich mich an Tratsch und Klatsch? Oder an Stammtisch-Sprüchen und vorschnellen Urteilen? 

 

Zum Beispiel das Wort „Obergrenzen“. Gerne verwendet für eine „Beschränkung von Flüchtlingszahlen“. Was so technisch-mathematisch daherkommt, meint tatsächlich Menschenleben, Schicksale und jede Menge Leid. „Obergrenzen“, das geht von der vielleicht verständlichen, aber irrigen Annahme aus, man könnte etwas wie auf Knopfdruck begrenzen oder gar „abschalten“. In letzter Konsequenz wird das menschenverachtend und tödlich. 

 

Es gibt viele verräterische Worte, die wir tagtäglich benutzen, ohne das zu Ende zu denken. Ist oft auch kein Problem. Nicht alles gehört auf die Goldwaage. So lange niemand anderer darunter leidet. Aber auch Worte können jemanden fertig machen. Mit Mobbing und Verleumdung etwa. 

 

Papst Franziskus – heute ist übrigens der Jahrestag seiner Wahl - hat einmal gesagt: „Aus Eifersucht tötet man mit der Zunge. Einer neidet dem anderen etwas, und schon fängt das Geschwätz an. Und der Tratsch tötet!“ Obergrenzen für Tratsch: Das wär' doch schon mal ein guter Verzicht für die Fastenzeit!? Auch darum geht es, wenn es heißt: Wehret den Anfängen!

 

Oder – wie es der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer einmal gesagt hat: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“ Unsere Zeit ist jetzt.

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Teilen ist wieder „in“. Nicht nur heute zum Nikolaustag. Oder zu Sankt Martin. Oder in der besinnlichen Adventszeit. Seit drei Jahren etwa wollen Forscher einen neuen Trend festgestellt haben. Von wegen Egoismus und so. Teilen ist in! Das hat auch ganz pragmatische Gründe: Wer mit anderen teilt, hat selbst mehr davon. Mal abgesehen davon, dass das freundlich, nachhaltig und auch christlich ist. Aber der Vorteil des Teilens ist auch wissenschaftlich erforscht: „Share economy“ nennt man diesen Trend auf englisch – die Wirtschaft des Teilens. Ob es darum geht, anderen eine Unterkunft anzubieten – und selbst bei anderen zu wohnen, wenn man mal unterwegs ist. Oder ob es darum geht, sich mit mehreren Personen ein Auto zu teilen, weil man das ja nicht rund um die Uhr braucht.  

Es sind „Konsumpragmatiker“, sagt der Forscher Harald Heinrichs zu diesem Menschenschlag, der das nutzt. Bei jemandem mitzufahren ist schließlich die günstigste Variante, um von A nach B zu kommen. Wer teilt, wirft vermutlich weniger weg. Und nicht zu vergessen ist auch, wie viele soziale Kontakte entstehen, wenn man in den Internetangeboten nach Geschäftspartnern für’s Teilen sucht. Es gibt viele Möglichkeiten, mit anderen zu teilen – und von diesem System selbst zu profitieren. Unternehmen und Internetseiten, die darauf setzen und Angebote vermitteln, verdienen sogar viel Geld mit diesem Trend. 

Dabei ist es natürlich auch wichtig, was genau unter „Teilen“ verstanden wird. Es geht ja nicht drum, nur etwas in Stücke aufzuteilen, wie ein Brot, um es so zu verbrauchen. Es geht auch drum, etwas gemeinsam zu nutzen, sodass alle etwas davon haben. Das ist oft schwer genug zu verstehen. Und noch schwerer zu beherzigen. Aber am Ende geht die Rechnung auf. Sagen jedenfalls die Vertreter der „Share Economy“, die diesen  Wirtschaftstrend untersucht haben. Dabei geht es nicht nur um ein geteiltes Lächeln hier und ein gutes Wort da. So nett das sein kann. Aber das wäre zu banal. Und am Ende auch naiv. Bei der „Share Economy“ geht es um knallharte Kalkulation. Um Zahlen. Und messbare Erfolge, letztlich um Geld und Gewinn. Salopp ausgedrückt kennt der Volksmund das ja auch: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Am Ende ist es ein Gewinn für beide Seiten. Jetzt also auch in der Wirtschaft. Der Wert des guten alten christlichen Teilens wird wieder erkannt. Na, das lässt ja hoffen! 

Und doch gibt es auch die andere Seite – wie so oft: Wenn man sich die Debatten dieser Tage anschaut, die Aufreger der Boulevardmedien: Da hat man den Eindruck, dass es neben dem Trend zum Teilen ganz gegenläufig einen Dauertrend gibt: Die Neiddebatte. Ob Sozialhilfeempfänger oder Flüchtende. Ob in einschlägigen Dokumentarfilmchen im Fernsehen oder in innenpolitischen Debatten. Wie viele Ängste und Sorgen werden da benannt – oder vorgeschoben; wie viele Vorurteile geschürt gegen die, die einem angeblich etwas wegnehmen wollen. „Teilen? – Nein danke!“, heißt es dann. „Ich hab ja selbst nicht viel.“ Bei Licht betrachtet, ist das oft unbegründet; wird aber gerne politisch und vor allem populistisch benutzt. Bei Licht betrachtet geht es gerade uns in Deutschland heute doch viel besser als vielen anderen, auch besser als zuvor: Die Renten steigen, die Arbeitslosigkeit sinkt. Die Wirtschaftskraft ist stark. Natürlich gibt es auch diejenigen, die durch die Raster der sozialen Sicherungen fallen. Es gibt Familien und Einzelne, denen es nicht so gut geht. Auch bei uns. Diejenigen, die lautstark krakeelen, sind das aber oft nicht. Und Hilfe ist möglich. 

Aber: Wer immer nur teilt, kann der am Ende denn überhaupt noch selbst satt werden? Wer so eine Frage stellt, muss noch weiter denken. Hier liegt vielleicht ein Schlüssel für das Verstehen: Das Wort „satt“ kommt vom Lateinischen „satis est“ – „es ist genug“, heißt das. Wenn wir unseren Hunger – den tatsächlichen und den Hunger, der sich in allerlei sonstigen Sehnsüchten und Bedürfnissen zeigt - stillen wollen, bis wir satt sind, dann können wir nicht in blinder Gier immer mehr in uns hineinstopfen. Das macht uns am Ende krank. Wir spüren, wann es genug ist, damit es uns gut tut. Dann sind wir wörtlich „satt“. Es geht um das Beste, nicht um das Meiste: Um satt zu sein, müssen wir es im Wortsinn „genug“ sein lassen. 

Aber die Gier des egoistischen Immer-Mehr macht uns nicht satt; nur neidisch, unfrei und krank. Wir sind Getriebene der eigenen Unersättlichkeit; meinen, dass wir zu kurz kommen; dass andere uns etwas wegnehmen. Das schürt Ängste und vergiftet die Stimmung. Beispiele gibt es viele. Wenn wir aber dieses echte Satt-Sein, dieses „satis est“ – es ist „genug für alle“ – bedenken und beherzigen, dann ist das eine total menschliche, eine humane Ethik, die frei und unabhängig macht. Sie befreit vom Zwang, immer mehr zu wollen. So ist es „genug“ für alle und alle werden „satt“. So können wir teilen, bis es „satis est“ - bis es genug ist: teilen mit denen, die unsere Hilfe brauchen. Bis alle wirklich und wörtlich „satt“ sind.

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Frère Roger - der unscheinbare "Star" von Taizé

Es war während des Weltjugendtages in Köln – heute genau vor zehn Jahren. Da platzte die Eil-Meldung herein: Frère Roger Schutz ist tot. Der Gründer der Gemeinschaft von Taizé in Burgund wurde ermordet – mit 90 Jahren. Und da hatte der Weltjugendtag ein neues Thema. Taizé und Frère Roger: das ist für viele Jugendliche ein Teil ihrer religiösen Biographie. Zigtausende fahren Jahr für Jahr nach Taizé: sie beten, stellen Fragen, treffen andere Jugendliche, sprechen über ihr Leben und ihren Glauben. Auch zehn Jahre nachdem er starb erinnern sich viele an den kleinen, zierlichen, fast unscheinbaren Mann, der so viel bewegt und erreicht hat, ganz ohne viel Brimborium und Tamtam. Ich erinnere mich, als ich selbst zum ersten Mal in Taizé war. Das war während meiner Zivildienstzeit. Frère Roger saß jeden Tag beim Gebet in der großen Hallenkirche dabei. Ganz hinten, als letzter unter den Brüdern. Einer unter vielen. Mich hat das damals beeindruckt, wie schlicht es in der Kirche in Taizé zugeht. Tausende von Jugendlichen – und dann diese besondere Atmosphäre während der Gebetszeiten. So ganz anders als ich bisher von Kirche kannte. Erst ganz am Ende der abendlichen Gebetszeiten ergriff Frère Roger das Wort und sprach leise, fast gehaucht, ein paar Besinnungsworte, ein Gebet. Und dann diese eingängigen Taizé-Lieder, bei deren ständigen Wiederholungen des Refrains jeder seinen Gedanken nachgehen konnte. Immer wieder bin ich danach nach Taizé gefahren: mal mit schwierigen Lebensfragen, mal einfach zum Abschalten und Auftanken. „Taizé ist so, wie die Kirche und die Welt sein sollten“, so hat es mal eine Jugendliche auf den Punkt gebracht. Woche für Woche kommen Zigtausende: Ukrainer und Argentinier, Polen und Amerikaner, Kenianer und Neuseeländer: Aus allen Gesellschaftsschichten, nicht nur die „Frommen“. Vorurteile werden beim Gespräch und gemeinsamen Arbeiten abgebaut oder kommen gar nicht erst auf. Hautfarbe und Konfession, Geschlecht oder Herkunft spielen keine Rolle. Unterschiede wecken Interesse beim anderen und dienen nicht als Abgrenzung. Eigentlich Selbstverständliches, aber doch weiß jeder, wie selten das sonst im Alltag gelingt. In Taizé geht das, da herrscht eine ganz eigene Stimmung. Bruder Alois, der heutige Vorsteher der Gemeinschaft, hat mal sagt: „Wenn ihr nur einen einzigen Satz, den ihr hier gehört, gesungen, gebetet oder gelesen habt, mitnehmt nach Hause und danach euer Leben ausrichtet, dann hat Taizé sein Ziel erreicht.“ Man kann Taizé nicht einfach in den Alltag kopieren. Und doch: Vielleicht ist es nur dieser eine Satz: „Taizé ist so, wie die Kirche und die Welt sein sollten“ – oder so, wie sie sein könnten, wenn einer anfängt: Einer, wie vor 75 Jahren Frère Roger, als er mitten im Krieg die ökumenische Gemeinschaft von Taizé gründete.

Aus den Quellen von Taizé im Alltag leben...  

Heute geht es in den Sonntagsgedanken um die Brüdergemeinschaft von Taizé und ihren Gründer Frère Roger, der heute vor genau zehn Jahres gestorben ist.

Die Gemeinschaft von Taizé in Burgund ist bekannt für ihre Gesänge. Ein Lied hat sich schnell zu einem der "Lieblingslieder" der Jugendlichen entwickelt, die dort jährlich zu Tausenden hinpilgern: "Let all who are thirsty come..." – Da heißt es: "Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens!" Durch die ständigen Wiederholungen des Refrains prägt sich die Liedzeile tief ein. So ging es mir auch mit diesem Lied: Lasst alle, die durstig sind, kommen! Wie viel Durst spüren wir in uns und um uns herum. Durst, der nicht mit Wasser gestillt wird: Durst nach Leben. Durst nach Gerechtigkeit, Durst nach Liebe, Durst nach dem Wort, das eine eingetrocknete Beziehung wieder aufleben lässt. Durst nach Trost in den Schicksalsschlägen des Lebens. Durst auch nach Angenommen-Sein und Heimat. Wie eingetrocknet und vertrocknet kommt uns unser Alltag oft vor! Der gleiche Trott im Beruf. Die gleichen Sorgen in der Familie. Die unbeantworteten Sehnsüchte. Was ist da alles abgestanden, ja abgestorben - nicht mehr genährt von einer Quelle der Lebensfreude. Oder vor sich hin modernd im "Um-sich-selber-Kreisen": wie ein Tümpel, der kein Frischwasser mehr erhält und kippt. „Lasst alle, die durstig sind, kommen!“

Doch Sie haben wahrscheinlich – genau wie ich – auch schon andere Erfahrungen gemacht, auch in meiner Kirche. Wie gehen wir da um mit denen, die durstig sind nach dem guten Wort, nach Angenommen-Sein? Die durstig sind nach Heimat und als Flüchtlinge zu uns kommen? Oder die, die fragen nach dem Sinn des Lebens und einem Grund für Hoffnung in dieser scheinbar trostlosen Welt? Und die dann sprachlose Trockenheit spüren statt Lebensfreude? Wie behandeln wir die, die nach den Quellen fragen? Wie hartherzig, ängstlich und kleinkariert sind wir da oft! Haben Angst, selbst zu kurz zu kommen, wenn wir etwas abgeben, teilen sollen. Und doch: Wer durstig ist, der komme! Wer will, empfange! - Wer aus Gottes Quelle lebt, der braucht nicht neidisch auf andere zu blicken, die auch schöpfen wollen aus seiner überfließenden Liebe. Gott schenkt "Leben in Fülle" (Joh 10,10), sagt die Bibel. Haben wir das vergessen – oder können es nicht glauben?

 

Wie hat es Frère Roger einmal gesagt: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“ Es gibt viele Möglichkeiten, damit anzufangen. Schon heute.

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Teil 1: Liebe

„Vor sieben Jahren hat unser gemeinsamer Weg begonnen. Es ist nun an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: Wir heiraten“. So oder ähnlich beginnen die Briefe, die zur Hochzeit einladen. Gerade jetzt im Mai beginnt wieder ganz besonders „die Saison“ der Hochzeiten. Die Sehnsucht nach erfüllter Liebe hat aber keine Zeit, keine Saison. Sie ist uralt und immer gegenwärtig. Quer durch die Kunst, die Literatur, die Wissenschaft und auch die Religionen: Eine Geschichte, ebenso tragisch wie glücklich. Doch was ist Liebe?

Die Popsängerin Nena versucht in ihrem Lied „Liebe ist“ eine Antwort:

„Liebe will nicht,
Liebe kämpft nicht,
Liebe wird nicht,
Liebe ist.

Liebe sucht nicht,
Liebe fragt nicht,
Liebe ist, so wie du bist.“

„Die Liebe ist geduldig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. (...) Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.“

Ach, das haben Sie bei Nena so noch gar nicht gehört? Naja, zumindest der Schluss ist aus der Bibel. Und da heißt es im ersten Korintherbrief im Kapitel 13:

„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.“

Diese Stelle aus der Bibel wird immer wieder gerne bei Hochzeiten gelesen, ein Klassiker. Man kann sich das richtig auf der Zunge zergehen lassen: Wenn ich noch so toll wäre, noch so angesehen, reich und mächtig, noch so unabhängig und abgesichert. Wenn alles stimmen würde in meinem Leben, aber ich könnte nicht lieben und würde nicht geliebt, dann wäre alles umsonst.

Und immer wieder die Frage: Was ist Liebe?

Schon die Griechen haben früh unterschieden zwischen der Liebe, die auf das Erotische zielt, der Liebe zu einem Freund und der Liebe, die noch tiefer in die Seele trifft, die Nächsten-Liebe, wie es im Christentum dann heißt. Die Caritas, christliche Nächstenliebe, ist zentral für die Botschaft von Jesus. Sie meint den liebend-barmherzigen Blick für die Ausgestoßenen, die Ausgegrenzten, die Unbeachteten und Lästigen, die am Rand. Und die soll ich auch lieben? Jesus geht sogar noch weiter, wenn er von seinen Jüngern sogar die „Feindesliebe“ erwartet. Jeden Menschen also zu lieben, ohne Vorleistung und ohne Gegenleistung, also ohne dass es sich im materiellen Sinn „lohnt“. Gar nicht so einfach!

Teil 2: ...und dann tu, was du willst !

In einem Quiz wurden einmal Passagen aus dem Erotik-Roman „50 Shades of Grey“,  mit Zitaten aus der Bibel zusammengebracht – sodass die Kandidaten raten sollten: Ist das jetzt ein Satz aus diesem Roman oder sind es Sätze aus der Bibel? Da heißt es zum Beispiel – wohlgemerkt: in der Bibel:

Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. /
Süßer als Wein ist deine Liebe.
(...) Schön bist du, meine Freundin, / ja, du bist schön.
Hinter dem Schleier / deine Augen wie Tauben.
Rote Bänder sind deine Lippen/
lieblich ist dein Mund. (…)
Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein,
wie die Zwillinge einer Gazelle, die in den Lilien weiden.

Ob Roman oder Bibel. Schön und gut. Aber wie sieht das heute aus, das mit der Liebe? Bei mir vor der Haustür? Da gibt es Lieblosigkeit allenthalben, Beziehungen gehen auseinander, Liebe stirbt ab, versandet still oder wandelt sich gar in Hass. Ehen werden geschieden, Nachbarn beäugen sich misstrauisch, verdächtigen einander, Kollegen erleben Mobbing, ganz zu schweigen von den Dramen, die sich bei nicht erfüllter Liebe und enttäuschten Gefühlen abspielen. Für den, der sich nach Liebe sehnt und das genaue Gegenteil erlebt, klingt es wie Hohn und schulzig-verkitscht, wenn da von den erfüllenden Gaben der Liebe die Rede ist.

Und doch: niemand bleibt ungeliebt. Denn niemand kann aus der Liebe Gottes herausfallen. Er hat schon längst „Ja“ zu jedem einzelnen Menschen gesagt, zu seinem Leben, zu seinem konkreten Weg. Und dieses Ja bleibt, egal durch welche Höhen und Tiefen das Leben dann verläuft, wo es hinführt und wie lieblos es sich manchmal anfühlt. Das ist oft genug sehr schwer zu glauben, und doch hilft es dem, der das glauben kann. Das schützt auch nicht vor Enttäuschungen und Rückschlägen. Aber es kann auch tröstend sein.

Die Liebe beginnt damit, sich selbst so anzunehmen, wie man ist. Schwer genug. Aber das macht frei für den liebevollen Blick auf den anderen. Nicht nach Hierarchie und Ansehen, schon gar nicht weil ich etwas dafür als Gegenleistung erwarte. Sondern einfach um des anderen willen. Wer geliebt wird und liebt, erträgt das Leben mit seinen Herausforderungen besser. Wer liebevoll auf den Tag blickt, auf das Gelungene und die Fehler, der kann den Tag später getrost zurücklegen in Gottes Hände, ohne Gram und Frust, mit Liebe eben.

Liebe macht verletzlich und trotzdem auch unschlagbar stark. Sie wird mehr, wenn man sie verschenkt. Klingt ganz schon paradox: Liebe durchbricht eben alle Gesetzmäßigkeiten.

Der Kirchenvater Augustinus hat dafür im vierten Jahrhundert eine simple Formel gefunden, die heute ebenso schlicht wie richtig ist. Er sagt: „Liebe, und dann tu, was du willst!“ Genau so.

 

 

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I. Teil: Der "Flachlocher"

 Im ersten Moment musste ich an Loriot denken. Es war nach dem Gottesdienst. Firmung. Dann kamen die Grußworte. Ein vornehmer, älterer Herr überbrachte die Glückwünsche der Pfarrgemeinde und überreichte jedem Firmling ein kleines Geschenk: Etwas Praktisches, wie er sagte: Es war ein Bürolocher, genauer: ein „Flachlocher“. Daran ein kleines Lineal und darauf der Satz: „Gott bringt Ordnung in dein Leben!“ Wie bei Loriot – hier unfreiwillig komisch. 

Das ist also das Geschenk der Gemeinde für die Firmlinge. Junge Leute, gerade mal vierzehn, fünfzehn, voller Lebensfreude und Tatendrang; Lust, Neues auszuprobieren, Grenzen auszutesten, den lebendigen Geist zu spüren. Und dann als Geschenk ein Lineal und ein Flachlocher. 

Der vermeintlich erhobene Zeigefinger an „die Jugend“ wurde aber immer kleiner, je länger ich darüber nachdachte. Da steckt vielleicht noch mehr Symbolik dahinter, als es zunächst scheint; vielleicht zuerst die Selbsterkenntnis: Ja, wir bohren manchmal mit hohem Aufwand ziemlich dünne Bretter. Da ist so ein „Flachlocher“ gerade richtig. Manches ist allzu flach und platt, auch wenn es noch so fromm daher kommt. Ganz zu schweigen von manchen Stammtisch-Plattitüden, die vermeintlich christlich-abendländische Ordnung dazu missbrauchen, um gegen Menschen anderer Religionen zu polemisieren. 

Und dann: Ein Locher locht. Und er hinterlässt Löcher. Da fehlt dann etwas – im Papier, auch wenn es noch so ordentlich aussieht. Und übertragen: Es fehlt etwas in der Gemeinde, in der Gemeinschaft, am Arbeitsplatz, wenn wir mit unseren engen Vorstellungen – von Ordnung, Regel und Verhalten – andere ausschließen. Ich denken etwa an die wiederverheiratet Geschiedenen, an die Homosexuellen und an Menschen, die bei uns Asyl suchen, um nur drei Beispiele zu nennen. Mit Bürokratie, Verordnungen und Dogmatik begegnen wir denen, die unsere Solidarität suchen, nicht unsere Besserwisserei. Und dann fehlen welche in der Gemeinschaft und in der Kirche. Was manche vielleicht als Ordnung und geregelte Abläufe sehen, als ordentliche Lebensläufe ohne Brüche, das hinterlässt doch Löcher. Da fehlt jemand, der eigentlich dazugehört. 

Ja, es steckt auch eine tiefe Sehnsucht dahinter. Wer auf Ordnung pocht, der ist oft zutiefst verunsichert. Der braucht Orientierung, um besser klar zu kommen im Leben. Wer Ordnung sucht, der sucht auch Verlässlichkeit und ein Netz, das ihn auffängt. Doch wo kommt diese Ordnung her? Sind es selbst gemachte Gesetze, sind es DIN-Normen und geregelte Abläufe allein? Vielleicht bringt der „Flachlocher“ mit dem Aufdruck „Gott bringt Ordnung in dein Leben“ ja noch so manche überraschende Erkenntnis...

2. Teil: Die "andere Ordnung Gottes"

Denn vielleicht ist der Satz „Gott bringt Ordnung in dein Leben“ ja auch eine wohlmeinende Mahnung, dass „Gottes Ordnung“ so ganz anders ist als wir uns das vorstellen. Dass bei aller buchhalterischen Engstirnigkeit, die uns manchmal plagt – gerade auch in unserer Kirche – dass gerade da das eigentliche Maß nicht vergessen wird: Gott ist es, der wirklich Ordnung in unser Leben bringt. Gerade er. Weil seine Maßstäbe nicht unsere Maßstäbe sind. Das zeigt er uns nicht zuletzt an Weihnachten. 

In der katholischen Kirche endet heute offiziell der Weihnachtsfestkreis. Aber das, worum es an Weihnachten geht, das dauert an. Denn da wird ja nicht die süßliche Romantik mit Lametta und Lichterglanz gefeiert. Die endet spätestens, wenn der Baum abgeholt wird und in den Schredder kommt. 

Die Geburt Jesu, die wird an Weihnachten gefeiert. Und da ging es ziemlich ungemütlich zu: Das Himmelbett ist eine Krippe. Der „Wohlfühlbereich“ ist ein Viehstall, weil in der Herberge kein Platz für sie war. Die Familie mit ihren unehelich-„irregulären“ Verhältnissen ist schon bald auf der Flucht, weil es dem Kind an den Kragen gehen soll. Die ersten Gratulanten sind Hirten, die Tagelöhner für andere. Nicht unbedingt die beste Gesellschaft. Das sieht nicht nach wohlfeil-frommer Weihnachtsromantik aus. Damals wie heute. Wenn wir Weihnachten wirklich ernst nehmen, dann müssen wir auch die Not der Menschen heute ernst nehmen. Wenn wir das Kind in der Krippe in unser Haus lassen, müssen wir auch die Flüchtlinge heute bei uns willkommen heißen. Wenn wir die „Heilige Familie“ besingen, dürfen wir die Lebensrealität von Familien heute nicht vergessen. Wenn wir uns am Kulturgut der Sternsinger freuen, dann können wir nicht gegen die Menschen aus dem Morgenland sein. Wie absurd! 

Als Kind in der Krippe wird der Messias geboren. Gott wird Mensch, einer von uns. Der Höchste – ganz unten. Und doch und gerade deshalb ist er der Erlöser. Er sprengt nämlich alles Verstehen und alle Begrenztheit. Er ist ganz anders als wir uns das vorstellen. So erlöst er uns aus unserer ängstlichen Enge, damals wie heute. Gott ist es, der Ordnung bringt in unser Leben, seine andere Ordnung, in der es wirklich Weihnachten wird. 

Und auch wenn die Weihnachtszeit heute nach dem katholischen Kalender endet: Mit dieser Frohen Botschaft bleibt es das ganze Jahr weihnachtlich: Gott ist Mensch geworden, mit seiner anderen Ordnung erlöst er uns aus aller menschlichen Enge und Ängstlichkeit. Alle Jahre wieder. Gott sei Dank!

 

 

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 Teil 1 – Farben – machen das Leben bunt

Welche Farbe hat eigentlich ein Denkmal? Also, wenn ich an Denkmäler und Statuen denke, dann sind die meist steingrau – Gebäude etwa - oder Figuren berühmter Persönlichkeiten auf einem Sockel. Heute ist „Tag des Offenen Denkmals“ und da geht es um das Thema Farben. Denkmal und Farben? - Das passt, sagen die Veranstalter. Denn „Farben können Geschichten erzählen“. Schon von frühester Zeit an haben Farben das Leben der Menschen im wahrsten Sinn des Wortes bunt gemacht. Die Höhlenmenschen haben Farben hergestellt aus dem, was sie an Blättern, Erde, Früchten und anderem gefunden haben. Und haben damit von ihrem Leben erzählt. Mit solcher Farbe haben sie ihre Geschichten an den Höhlenwänden aufgemalt: Das, was sie unmittelbar betraf, die Tierjagd etwa. Es sind Werke für die Ewigkeit. Farben haben schon immer auch eine wichtige Rolle bei der Kleidung gespielt: Die kostbarsten Farben waren den Herrschern vorbehalten: Purpur etwa. Schlichtes grau oder braun war eher etwas für Ärmere. Und wer heute etwas auf sich hält, der muss sich in der „Modefarbe“ kleiden – ob im Frühjahr oder Sommer, im Herbst oder im Winter: Farben bestimmen die Natur durch den Jahreslauf, sie sind das Spiel von Licht und Dunkel.

Und auch die Bibel ist voller Farben. Ganz am Anfang schon, als Gott in die Finsternis das Licht erschafft und so Tag und Nacht entstehen, die Grundordnung unseres Tageslaufs. Das Wort „Farbe“ sucht man in der Bibel allerdings fast vergebens. Aber einzelne Farben kommen natürlich immer wieder vor und haben ihre Bedeutungen: Das Rot des Blutes, das saftige Grün der Wiesen und Felder und viele andere Farben - bis hin zum Regenbogen, der mit seinen schillernd-bunten Farben ein Zeichen für die Verbindung von Himmel und Erde ist – als Zeichen, dass Gott die Menschen nie vergisst. So beschreibt es die Bibel. Der Regenbogen erinnert an den Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat: Ich bin immer bei euch; ich lasse euch nicht allein, so trostlos und grau euer Leben auch erscheinen mag.

Auch in der Kirche gibt es solche „Farbenspiele“: Durch das Jahr kann man in den Gottesdiensten erkennen, welche „Jahreszeit“ gerade ist: An normalen Tagen im Jahr trägt der Priester im Gottesdienst etwa grüne Gewänder, auch das Tuch am Altar und manchmal auch die Gewänder der Messdiener sind entsprechend angepasst. Im Advent und in der Fastenzeit ist diese Farbe violett, an Feiertagen festlich-weiß oder golden, bei Beerdigungen und traurigen Anlässen schwarz. Wenn es um die Erinnerung an diejenigen geht, die für ihren Glauben Blut vergossen haben, ist die Farbe rot. Der Papst trägt weiß, Kardinäle rot, Bischöfe violett und so weiter.

Der Mensch zeigt durch Farben seine Stimmung. Farben begleiten uns durch das Leben. Sie tun uns gut. Sie bieten Abwechslung. Und sie erinnern uns daran, dass Gottes Schöpfung mehr zu bieten hat als unser Alltagsgrau. Gott sei Dank!

Teil 2 – Mit Farben die Kirche neue entdecken

Heute ist Tag des Offenen Denkmals. Und das Thema dabei sind die Farben. Auch viele Kirchen sind Denkmäler – und mehr: Sie sind lebendige Erinnerungsorte, in denen das Leben mit all seinen bunten Facetten spielt. Und so geht es auch in den Sonntagsgedanken um Farben und das, was sie mit uns Menschen – und mit den Denkmälern, die wir bauen, machen.

Im Bistum Mainz gibt es eine Aktion mit dem Namen „Glaubensfeuer“, dabei geht es auch um Farben. Mit Scheinwerfern wird dabei ein Kirchenraum in unterschiedliches Licht getaucht. Je nach Farbe erscheint der gleiche Kirchenraum ganz unterschiedlich. Dazu gibt es Musik und biblische Texte, die von Feuer, Licht und Wasser erzählen: Von der Erschaffung der Welt oder vom brennenden Dornbusch, der feurig-rot von einer Begegnung mit Gott kündet. Mit moderner Licht- und Showtechnik wird der Kirchenraum lebendig. Raffinierte Spots sorgen für wechselnde Farben und Formen an den Wänden, Säulen und Decken. So kann man den Kirchenraum besonders intensiv erleben und es entstehen phantasievolle Bilder. Und plötzlich ist es nicht mehr nur ein Event, sondern wird zum spirituellen Erlebnis.

„Glaubensfeuer“ ist dabei ganz bewusst als Name gewählt. Es geht darum, das zu entdecken, was in mir noch brennt. Der Funke der Sehnsucht, den viele – auch so genannte „Kirchenferne“ – gerade mit einem Kirchenraum verbinden. „Glaubensfeuer“ ist eine Entdeckungsreise zum eigenen Innern. Und auch zu dem, wie Kirche sich heute präsentiert: Grau und fahl wie manche Kirchenwände, oder eher bunt und feurig, wie es in der Lichtinstallation zum Ausdruck kommt. Auch mal tiefblau als Oase des Innehaltens und der Ruhe. Und mal brennend rot und gelb. Das „Glaubensfeuer“ ist ein Experiment. Es experimentiert aber nicht nur mit Licht und Musik und Raum und Klangfarben, sondern mit dem, wonach Menschen sich sehnen. Und es fragt mich und andere: Ist bei dir in Sachen Glauben schon der Ofen aus? Oder wofür brennst du eigentlich? Und so wird durch Farbe und Licht der Kirchenraum zu einer besonderen Erlebnisstätte des Glaubens. Zu einer wirklichen Neuentdeckung dessen, was eigentlich vertraut ist.

Dazu braucht es nicht immer die Scheinwerfer und Showeffekte. Da reicht vielleicht schon ein Sonnenstrahl durch ein buntes Kirchenfenster. Vielleicht passiert das heute auch beim „Tag des Offenen Denkmals“: dass die Besucher von Kirchen diese Orte in einem neuen Licht sehen. Ich wünsche mir, dass sich viele Kirchen bunt präsentieren, nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinn. Dass sie zu Erlebnisorten des Glaubens werden. Dass sie Farbe ins Leben bringen. Und dass sie offen sind für das, was Menschen suchen; offen für ihre Sehnsüchte und Sorgen, für ihre Anliegen und Fragen. Sie sind herzlich eingeladen zur Entdeckung: nicht nur heute, am Tag des Offenen Denkmals.

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Thomas Gerdon ist Lichtdesigner. Er hat schon große TV-Shows ins rechte Licht gesetzt. Und jetzt kümmert er sich in einem neuen Projekt um Kirchenräume. Darüber hat sich Michael Kinnen von der Katholischen Kirche mit ihm unterhalten.

Teil 1

„Glaubensfeuer“ – so heißt das neue Projekt von Thomas Gerdon, das er zusammen mit dem Bistum Mainz in Kirchengebäuden veranstaltet. Dabei habe ich ihn kennen gelernt. Beim „Glaubensfeuer“ geht es darum, mit Bibeltexten, aber vor allem mit Licht- und Toneffekten den Kirchenraum ganz neu zu erleben.

Es sollte im Prinzip ein modernes, auch mit einem Teil von Eventcharakter ne Sache sein, sollte aber auch gleichzeitig keine reine Belustigung sein. Also es sollte schon was mit Kirche, mit Inhalt zu tun haben, sollte aber so modern und aufregend sein wie es eben nur in diesem Kontext sein kann.

Beim Spiel von Licht und Dunkel, von Farben und Effekten kommt Bewegung in den Kirchenraum. Dann wirkt der Raum und der vorgelesene Bibeltext umso mehr. Dann wird „Kirche“ lebendig. Aber, so sagt mir Thomas Gerdon,…

In dem Kirchenraum die Besonderheiten zu finden und die zu den richtigen Zeiten und im richtigen Kontext dann auch hervorzuheben, oder etwas in den Hintergrund zu stellen, das ist auch nicht immer ganz einfach.

Glaubensfeuer ist eine Entdeckungsreise nicht nur im Kirchenraum, sondern zu sich selbst und den eigenen Sehnsüchten. Und im Innern von Jedem und Jeder sieht es mal so aus: Grau und fahl wie manche Kirchenwand, und mal bunt und feurig-rot und gelb, wie es in der Lichtinstallation zum Ausdruck kommt. Und auch mal tiefblau als Oase des Innehaltens und der Ruhe. Der Lichtdesigner Thomas Gerdon kann hier zeigen, was er kann.

Wir wollen ja das wirklich so machen, dass die Leute sagen, boah, sowas hab ich noch nicht gesehen, wow, das ist toll. Aber trotzdem kein „Deutschland sucht den Superstar“-Geblinke da veranstalten.

Das Glaubensfeuer ist ein Experiment. Es experimentiert aber nicht nur mit Licht und Musik und Raum und Klang, sondern lenkt den Scheinwerfer auch auf die eigene Sehnsucht. Und es fragt mich und andere: Ist bei dir in Sachen Glauben schon der Ofen aus? Oder wofür brennst du eigentlich? Erlebt er da selbst auch spirituelle Momente beim Glaubensfeuer, frage ich den Lichtdesigner Thomas Gerdon:

In dem Moment kann ich mir Spiritualität – ich würde sagen – „nicht leisten“. Wenn man natürlich nachts drin sitzt und sieht, wie der Raum sich verändert, dann ist das auf jeden Fall ne tolle Sache. Aber die wirklich spirituelle Auseinandersetzung damit – dafür braucht man ja auch Ruhe und Konzentration, und Platz im Kopf. Dafür fehlt leider ein bisschen die Zeit.

Während der Aufführung muss er sich konzentrieren auf die Regler am Mischpult, die Scheinwerfer und die Musik. Das macht er, damit die Besucher der Kirche das „Glaubensfeuer“ genießen können, zur Ruhe kommen, den Kirchenraum auf sich wirken lassen und Spiritualität neu erleben.

Und wenn Sie dann da reingehen und diese Gestaltungmöglichkeiten haben, wenn man auf einmal Deckenmalereien sehen kann, die ansonsten komplett untergehen. Und das da oben anfängt zu leben, indem man noch ein bisschen Struktur drauflegt, das Ganze ein bisschen bewegen lässt, und das wirklich lebendig wird, das ist spannend und faszinierend.

Teil 2:

Meterhohe Feuersäulen, Scheinwerfer, Bodennebel: Das Glaubensfeuer ist oberflächlich betrachtet ein Event. Aber eben nur oberflächlich. Denn bei vielen, die das erleben, tut sich was im Innern. Sie erleben „Kirche“ neu. Der Glaubensfunke springt über.

Es gibt Leute, die sagen: Es war sehr modern und ich hatte am Anfang Angst, oh, was macht ihr mit unserer Kirche. Aber als ich es dann erlebt hab, Wow! – Das ist sehr schön, weil das zeigt, dass es funktioniert, dass man diesen Grat getroffen hat zwischen modern aber trotzdem noch inhaltlich mit Kirche verbunden, also nicht kitschig.

Sicher, es gibt auch Kritiker. Die fühlen sich an eine Disko erinnert, wenn sie Fotos vom „Glaubensfeuer“ sehen. Momentaufnahmen. Wer aber mal dabei war und die Dynamik erlebt hat, der spricht ganz anders davon. Das weiß auch Thomas Gerdon.

Es ist nicht üblich, dass die Leute in der Kirche klatschen. Und siehe da: Die letzten Schlussakkorde waren zu Ende, es gibt in der Musik einen relativ deutlichen Abschlag, und es gab lange, tosenden Applaus: Das war eigentlich eine schöne Rückmeldung, eigentlich die schönste.

…denn das hat wirklich neue Perspektiven eröffnet. Manchen bleibt es fremd, weil sie sich eine Kirche wünschen, die in gewohnten Riten Sicherheit bietet. Manche entdecken bei solchen modernen Kunst-Installationen aber gerade den Funken neu, der überspringt und zur Feuersäule wird, die brennend für Glaube und Kirche begeistert. Thomas Gerdon:

Also ich bin jetzt schon ein bisschen älter, aber wenn ich jetzt 18-jährige, 19-jährige Teenies auf der Straße anspreche, glaube ich nicht, dass die meisten überhaupt damit rechnen, dass man sowas in der Kirche erleben kann, das es sowas gibt. Und wenn dann bei so einer Veranstaltung die Leute noch bis raus auf die Straße, sogar auf den Treppen noch stehen, um das zu erleben, das ist – finde ich – ne ziemlich tolle Sache.

Es geht darum, das zu entdecken, was in einem noch brennt. Der Funke der Sehnsucht, den viele - auch so genannte „Kirchenferne" - gerade mit einem Kirchenraum verbinden. Das öffnet Türen, das öffnet Horizonte. Das macht den Glauben lebendig und entzündet das „Glaubensfeuer“ neu. Und das erlebt auch Thomas Gerdon so: Das Ergebnis kann sich sehen lassen:

Ich glaube, dass das Resultat auch ne ziemlich tolle Sache ist, mit der man eigentlich erstmal so nicht rechnet. Und eben den Leuten dann zu zeigen: wir können viel mehr – oder: Kirche kann viel mehr sein als man denkt: Das ist ne schöne Geschichte.

 

Infos: www.glaubensfeuer.com

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Bischof Rudolf Voderholzer hat einige Jahre in Trier gelebt. Dann wurde er Bischof von Regensburg und ist Gastgeber des nächsten Katholikentages. Darüber hat sich Michael Kinnen von der Katholischen Kirche mit ihm unterhalten.

Teil 1: Der Bischof persönlich und privat

Ich treffe Bischof Voderholzer bei einem Vortrag, den er in Mainz hält. Als früherer Professor für Dogmatik in Trier ist er es gewohnt, Referate zu halten über theologische Grundsatzfragen. Aber was ist er für ein Mensch, will ich wissen. Wer ist dieser Rudolf Voderholzer?

 Das lasse ich gerne andere beurteilen, die mich da kennen, .... hm... da müssen Sie mich schon etwas genauer fragen.

Mit solchen Fragen hat er offenbar nicht gerechnet, der Theologe. Gut, dann versuche ich es mit Fragen, die wohl jeder Mensch gut beantworten kann. Ich frage ihn nach seinen Hobbies, Fußball zum Beispiel...

Ja, ich spiele gerne Fußball, hab auch immer Fußball gespielt – und so lange meine Kondition das noch irgendwie zulässt, werde ich das auch weiter tun.

 Das klingt ungewöhnlich. Ein Bischof und theologischer Wissenschaftler, der gern Fußball spielt? Das will ich genauer wissen. Auch wenn er immer noch sehr bedächtig spricht, so komme ich da dem Menschen Rudolf Voderholzer wohl ein Stück näher. Dass er in München geboren und aufgewachsen ist, hat ihn geprägt: Zu München gehört die Kirche und zu München gehört der Fußball...

Ich bin in meiner Kindheit und frühen Jugend viel im Stadion gewesen, im Sechziger-Stadion und im Olympia-Stadion dann. An der Allianz-Arena bin ich bislang immer nur vorbei gefahren, aber natürlich hat mich das alles sehr interessiert. Und in der Jugendarbeit und in der Ministrantenarbeit haben wir sehr viel Fußball gespielt – und ich tue es nach wie vor sehr gerne.

Das ist wohl jetzt als Bischof etwas schwieriger, wie sich so manches wohl geändert hat, als er den Lehrstuhl in Trier verließ, um auf den Bischofsstuhl von Regensburg zu wechseln.

Ja, als Bischof ist es etwas schwierig, rein privat irgendwo hinzugehen. Nicht, weil es mich stört, sondern weil die Leute einen empfangen wollen. Es ist ja auch eine Sache der Höflichkeit den anderen gegenüber. Es macht mir nichts aus, aber natürlich ist es schon mit dem Priesteramt so, dass man in irgendeiner Weise enteignet wird, da ist man nicht einfach mehr nur eine Privatperson.

In Regensburg ist Rudolf Voderholzer Nachfolger von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der noch von Papst Benedikt als Präfekt der Glaubenskongregation nach Rom gerufen wurde. In Regensburg lebt auch der Bruder des emeritierten Papstes, Georg Ratzinger. Fühlt er sich da nicht besonders beobachtet?

Unter einem besonderen Schutz würde ich mal sagen. Es geht nicht um Beobachtung. Es ist eher sogar ein großer Vorteil, wenn die Wege kurz sind und die Drähte sehr schnell stehen, wenn man etwas braucht.

Einen direkten Draht nach Rom – wer hätte das nicht gerne manchmal? Vielleicht sagt man besser „Eine Brücke nach Rom“. Denn das passt auch gut zum Motto des Katholikentages, bei dem Bischof Voderholzer Ende Mai Gastgeber ist: „Mit Christus Brücken bauen“, lautet das Motto. Und dabei soll auch der frühere Papst wieder in den Blick kommen.

Teil 2 : Der Katholikentags-Gastgeber

Noch als er in Trier Professor für Dogmatik war, hat Rudolf Voderholzer in Regensburg das „Institut Papst Benedikt XVI.“ aufgebaut. Aufgabe ist es, das wissenschaftliche Werk von Joseph Ratzinger für die Nachwelt zu erhalten.

Mittlerweile haben wir auch eine relativ große Bekanntheit schon erlangt, sodass viele Leute sich auch von sich aus an uns wenden und uns Dinge anbieten, Schenkungen machen oder Dauerleihgaben. Oder sich uns anbieten, sie hätten da Originale – Briefe oder was auch immer – ob wir sie nicht in Kopie zumindest haben möchten.

Der Theologe Joseph Ratzinger beeindruckte schon als junger Mann die wissenschaftliche Fachwelt. Das Interesse stieg noch weiter, als aus ihm schließlich Papst Benedikt wurde. Und sein wissenschaftliches Erbe verwaltet nun der Theologe Rudolf Voderholzer.

Darüber hinaus haben wir eine kleine Kunstsammlung auch schon aufgebaut, also Porträts, Büsten. Alles was sich im künstlerischen Bereich da auch tut, verfolgen wir auch. Und soweit es unser Etat dann erlaubt, kaufen wir dann das eine oder andere auch an. Möglicherweise wird dann jetzt im Zusammenhang mit dem Katholikentag auch eine Ausstellung sein.

Beim Katholikentag in Regensburg in gut drei Wochen wird noch einmal auf den früheren Papst geblickt. Aber ein Katholikentag ist in erster Linie ein Fest des Glaubens und keine Papst-Feier. Und Bischof Voderholzer hat noch andere Pläne.

Mir ist vor allem auch wichtig, dass das nicht ein Katholikentag nur in Regensburg wäre, so wie man ihn überall anders dann auch halten könnte, sondern dass es ein Regensburger Katholikentag wird mit einem unverwechselbaren Gepräge, wo der Genius Loci aber auch die besondere Geschichte unsere Charismen, unsere Aspekte, die wir besonders einbringen können, zur Geltung kommen sollen

 Und was könnte das sein, will ich von ihm wissen...

Ich erwarte mir wirklich fruchtbare Begegnungen auch mit Politikern, mit Wissenschaftlern. Wir haben aus unserem Glauben heraus ein ungeheures Zukunftspotenzial. Wir dürfen werben für eine Kultur des Lebens in einer oft etwas müden und auch nicht wirklich zukunftsfähigen Gesellschaft...

…und diese Orientierung für die Zukunft will Bischof Voderholzer, auch aus einem eher konservativen Umfeld heraus. Dazu braucht es Brückenbauer. Menschen, die Brücken bauen – mit Gottes Hilfe. Und so lautet auch das Motto des Katholikentages in Regensburg: „Mit Christus Brücken bauen“.

Wir freuen uns, wenn viele kommen,  und sich das von uns zeigen lassen – und dann gestärkt im Glauben, aber auch mit einer neuen Perspektive hin auf den Weltdienst dann wieder nach Hause fahren.

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