Manuskripte

Am Donnerstag habe ich das Fest Mariä Himmelfahrt gefeiert. In unserer Kirchengemeinde bringen da viele zum Gottesdienst selbstgebundene Kräutersträuße mit. Diese sogenannten „Kräuterbüschel“ sehen wunderschön aus und sie riechen auch gut. Goldähren, Kamille, Pfefferminz und Margariten und noch viel mehr. Schön zusammengebunden sind diese vielen Kräuter eine wahre Pracht.

Auch eine Pracht sind die vielen Beschreibungen für Maria, mit denen unser heutiges Lied zum Sonntag beginnt: „Wunderschön, prächtige, hohe und mächtige, liebreich holdselige himmlische Frau Maria ist im Lied diejenige –wie es heißt-, „der ich mich ewiglich weihe herzinniglich, Leib dir und Seele zu eigen vertrau. Gut, Blut und Leben, will ich dir geben, alles was immer ich hab, was ich bin, geb ich, mit Freuden, Maria, dir hin.“ 

Wunderschön, prächtige, hohe und mächtige,

liebreich holdselige himmlische Frau, der ich mich ewiglich

weihe herzinniglich, Leib dir und Seele zu eigen vertrau.

Gut, Blut und Leben, will ich dir geben, alles was immer ich hab, was ich bin,

geb ich mit Freuden, Maria, dir hin.

 

Dieser Liedtext ist über dreihundert Jahre alt und er entspricht wohl der Frömmigkeit im 17. Jahrhundert. Maria wird als Gottesmutter auf einen hohen Sockel gestellt. Sie ist in allen Belangen die Vorbildlichste: sie sieht schön aus, sie hat eine reine Seele und eine gute Position. Es lohnt sich sie als Vorbild zu haben. So hat man damals gedacht.

In unserer Kirchengemeinde singen viele das Lied heute noch gern. Ich auch. Aber nicht, weil ich Maria anbete, fast wie eine Göttin oder als perfekte Frau, an die ich niemals rankomme. Ich denke bei diesem Lied vielmehr an Maria als selbstbewusste und mutige Frau. Als sie noch ein junges Mädchen ist, sagt ihr ein Engel, dass sie schwanger ist. Maria hakt kritisch nach: „Entschuldigung, aber das kann nicht sein, da gibt es keinen Mann dazu.“ Und Jahre später, bei der Hochzeit zu Kanaa, sagt Maria ihrem Sohn ganz klar ihre Meinung. Damit bewegt sie Jesus zu seinem ersten Wunder. Auf ihre Initiative hin bewirkt ihr Sohn, dass dem Brautpaar der Wein nicht ausgeht.

Ich habe den Eindruck Maria war einfach mutig, von Konventionen hat sie sich nicht abschrecken lassen.

Sonnenumglänzete, Sternenbekränzete,

Leuchte und Trost auf der nächtlichen Fahrt.

(Chor und Orgel)

 

Ich habe in der Augustinerkirche in Würzburg eine Marienstatue gesehen. Sie stellt für mich schön dar, wie ich Maria sehe: diese Maria trägt eine Krone und sie ist barfuß. Maria ist zwar Königin, aber trotzdem steht sie barfuß auf dem Steinboden. Maria kennt den harten Boden der Realität: sie ist im Grunde eine einfache Frau, ihr Sohn wird umgebracht und sie muss dabei zusehen.

Maria ist nicht perfekt, ihr Herz wird gebrochen. Aber durch die ganzen schweren Zeiten, die sie mit Gott durchmacht, behält sie ihre Krone. Das ist für mich ein Zeichen von besonderer Würde. Und genau solche Würde kommt jedem zu, egal, wie kalt und hart sein Boden der Realität gerade ist.

Und: in jedem und jeder von uns stecken tausend Facetten, reichhaltig, wie die Kräuterbüschel vom letzten Donnerstag. Dieses Marienlied lehrt mich: jede und jeder ist wie Maria „wunderschön, prächtig, hoch und mächtig“ und auch „sonnenumglänzt und sternenbekränzt“ – und zwar genau dann, wenn er oder sie voller Stolz die eigene Krone trägt.

Orgelnachspiel

 

Musiken:      

1) Lukas Grimm (Orgel), Privat-Aufnahme vom Juli 2019 im Dom St. Eberhard Stuttgart

2) Lydia Schimmer (Gesang), Lukas Grimm (Orgel), Privat-Aufnahme vom Juli 2019 im Dom St. Eberhard Stuttgart

3) Petrus Eder (Orgel), SWR-Archivnummer M0275401.008, LC: 14649.

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Es ist ein lauer Sommerabend und ich sitze mit meinem Mann und unserem Freund Joachim  draußen auf der Terrasse. Es ist spät abends und weil wir auf dem Dorf wohnen ist es auch ziemlich still. Wir reden über alles Mögliche: Politik, Familie und auch Glauben.

Das passt, denn Joachim ist ein total gläubiger Mensch. Gläubig in dem Sinne, dass er in seinem Alltag ganz oft Kontakt mit Gott aufnimmt, dass er einfach zwischendurch betet. Er macht das unauffällig und er würde von sich aus nie drüber reden. Es sei denn man spricht ihn darauf an.

An diesem Sommerabend auf unserer Terrasse war das so.

Wir waren gerade bei einem ziemlich spannenden Thema und alle drei richtig am Diskutieren. Da hören wir ein Martinshorn. Es wird immer lauter. „Das ist irgendwo bei uns im Dorf.“ sagt mein Mann. Aber dann wird die Sirene wieder leiser und der Krankenwagen fährt eine Ortschaft weiter.

Mein Mann und ich steigen wieder ins Gespräch ein, es war ja grade so interessant. Aber Joachim reagiert erstmal gar nicht, er ist mit den Gedanken irgendwie noch woanders. „Was ist los?“ frage ich ihn. Joachim sagt: „Ach so, Entschuldigung. Ich war grade noch woanders. Wer weiß, was da passiert… Immer wenn ich das Martinshorn höre, bete ich kurz.“ Ich hake nach: „Du meinst, dass sie es schaffen und dass jetzt keiner stirbt.“

„Nein, nicht unbedingt so“, meint Joachim. „Ich schicke einfach ein bisschen Kraft dahin. Ein paar gute Gedanken für alle, die beteiligt sind. Ich lege Gott vor allem die Helfer ans Herz, dass sie ihre Arbeit gut machen können.“

Mir imponiert das, wie Joachim das macht. Wie er sich mit anderen Leuten verbindet, wenn er mit Gott spricht. Dabei ist ihm völlig egal, ob er sie kennt oder nicht, er betet einfach für sie.

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Es gibt Sätze, die sagt jemand zu dir und danach bist du ein Anderer. Weil die Sätze ins Schwarze treffen und weil du sie dann irgendwie nicht vergisst. Einen solchen Satz trage ich momentan mit mir rum.

Unser Kinderarzt hat ihn zu mir gesagt. Der Satz heißt: „Sie sind nicht hilflos.“ Ich habe ihm davor von meiner Odysee im Krankenhaus erzählt. Wie ich mit unserem Baby, wegen einer kleinen OP in der Kinderklinik war und keiner zuständig sein wollte. Vier, fünf Stunden war ich da in den verschiedenen Abteilungen unterwegs. Das habe ich unserem Kinderarzt erzählt, so in dem Stil: „Da ist man ja total hilflos und ausgeliefert.“ Seine Antwort: „Sie sind nicht hilflos. Hilflos sind andere. Die, die kein Wort Deutsch oder Englisch verstehen und deren Kind chronisch krank ist.“ Sofort war mir klar, dass er recht hat. Ich bin nicht ausgeliefert. Ich kann immer nochmal nachfragen oder jemanden dazu holen, der mich unterstützt.

Das, was unser Kinderarzt zu mir gesagt hat, das hat mich wieder auf den Boden geholt.

Auf den Boden der Realität würde ich sagen, denn mir geht es tatsächlich richtig gut. Meine Lieben sind alle gesund und ich selber auch. Ich habe keine Geldsorgen und lebe in einem friedlichen und freien Land. Natürlich habe ich trotzdem so meine Probleme oder manchmal einfach schlechte Laune. Ich habe auch immer wieder mal Streit mit anderen oder mit mir selbst. Aber das ist alles erstmal halb so wild.

Der zweite Satz, an den ich auch oft denke, geht in eine ähnliche Richtung. Ich habe ihn hier im Radio gehört. Da hat eine Frau gesagt: „Ich dusche mich jeden Morgen mit heißem Trinkwasser ab. Dann überlege ich, was ich frühstücke. Also: es geht mir gut!“

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Himmel und Hölle. Daran glaube ich natürlich nicht! Nicht in dem Sinne, dass die einen am Ende bestraft und die anderen belohnt werden. Ich finde es auch furchtbar, wenn jemand mit der Hölle droht und genauso furchtbar finde ich es, wenn jemand sich absolut sicher ist, dass er später mal in den Himmel kommt.

Himmel und Hölle, so in dem Stil: schwarz oder weiß, das ist mir viel zu festgefahren. Aber Himmel oder Hölle als Bilder für gelungenes oder nicht gelungenes Leben, damit kann ich schon etwas anfangen. Wann geht es mir gut mit Gott und wann leide ich.  

Eine alte Geschichte aus Russland passt dazu. Sie geht so:

Ein Schüler fragt seinen Lehrer: Was ist die Hölle und was ist der Himmel? Der Lehrer sagt nichts, er nimmt seinen Schüler an der Hand und geht mit ihm in ein Haus. Im ersten Zimmer sehen die beiden einen riesigen Suppentopf. Eine Gruppe von Menschen sitzt drum herum. In der Hand hat jeder einen überdimensional langen Löffel. Jeder probiert mit seinem Löffel zu essen, aber es klappt nicht, wie sie mit den überlangen Stielen einfach nicht an den Mund kommen. Viele sind wütend und schimpfen, andere sind verbittert. Alle sehen abgemagert aus, weil sie zwar Suppe haben, aber sie nicht essen können.

Dann geht der Lehrer mit dem Schüler ein Zimmer weiter. Sie öffnen die Tür und sehen wieder eine Gruppe von Menschen mit langen Löffeln in der Hand und in der Mitte ein Suppentopf. Hier ist die Stimmung gut, die Leute lachen und sehen richtig gesund aus. In diesem Zimmer gelingt es mit dem Essen. Denn die Leute benutzen ihre Löffel anders. Sie reichen sich gegenseitig die Suppe. Immer die, die sich gegenübersitzen, füttern sich gegenseitig.

Der Schüler und sein Lehrer gehen wieder hinaus. Und der Schüler hat verstanden, was die Hölle und was der Himmel ist.

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In Syrien rettet eine App Leben. „Sentry“ heißt die App, sie ist kostenlos und warnt Syrer vor Bombenangriffen. Jeden Tag. Der ehemalige US-Diplomat John Jaeger hat „Sentry“ erfunden und mit der App bekommen Zivilisten in Syrien wertvolle Minuten geschenkt. Nämlich genau die Minuten, die sie brauchen, um sich vor einem Bombenangriff in Sicherheit zu bringen.

Das funktioniert nur deswegen, weil es viele mutige Syrer gibt, die sich trauen andere zu warnen, wenn die Bombenflieger unterwegs sind. Mutig sind vor allem die Freiwilligen, die in der Nähe von Luftstützpunkten wohnen und die die gefährlichen Kampfflugzeuge von den harmlosen unterscheiden können. Wenn sie einen verdächtigen Flieger sehen, geben sie das sofort in der App ein. In den nächsten Sekunden kombiniert die App diese Info dann mit anderen Daten, die aus dem ganzen Land in der App eingehen. Zum Beispiel über geheime Sensoren, die irgendwo in Bäumen oder Häusern angebracht sind. Die analysieren die Fluggeräusche von den Fliegern und die App rechnet blitzschnell aus, wo die Bomben in den nächsten Minuten wahrscheinlich runtergehen. Und genau die Minuten können Leben retten.

In den letzten drei Jahren hat „Sentry“ fast 10 000 Mal erfolgreich vor Bomben gewarnt. Das ist ein Riesenerfolg, auch für die Spender, die diese App finanzieren. Aber es ist natürlich trotzdem schrecklich, dass es „Sentry“ überhaupt geben muss.

„Sentry“ hat mich etwas über den Frieden gelehrt. Dass es Frieden auch mitten im Krieg geben kann. Frieden dann nicht in dem Sinne, dass der Krieg aufhört. Sondern eher so, dass denen, die da mitten im Krieg sind, geholfen wird und dass sie sich gegenseitig helfen. So dass sie ein bisschen Hoffnung behalten und eine Chance zum Überleben bekommen. Dieser Frieden ist ganz konkret: Er ist Essen und Trinken, er ist Ärzte und Medizin. Frieden ist Mut und Erfindergeist und eben auch ein paar Minuten Zeit.

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Ich bringe wie jeden Morgen unsere beiden Töchter zur KiTa. Als wir an der KiTa ankommen, denke ich ich sehe nicht recht. Da ist ja alles total zugeparkt. Ich meine den Platz, wo die Kinder ihre Roller und Laufräder abstellen, da ist heute Morgen alles voll. Aber nicht, weil da so viele Laufräder stehen. Nein, da haben sich zwei Kinderautos breitgemacht, so richtig schön mittenrein geparkt. Zwei solche kleinen Autos, sie sehen aus wie echte Autos und die gibt’s von allen möglichen Automarken. Mit echten Scheinwerfern, Nummernschild, Autoradio und das Kleinkind, das setzt man dann da rein.

Ich finde die Teile echt unnötig und ich frage mich: Was bringen wir unseren Kindern damit eigentlich bei? Dass es toll ist, wenn ich mit zwei Jahren schon den ersten BMW habe? Und dass ich mir immer und überall so viel Platz nehmen kann, wie ich gerade brauche. Wie ich die zwei breiten Kinderautos so sehe, rege ich mich richtig auf. Währenddessen quetsche ich die Räder von unseren Töchtern irgendwo an den Rand. In meinem Kopf geht es weiter: Wenn wir den Kindern schon in der KiTa beibringen, dass jeder sich einfach so viel Platz nimmt, wie er gerade braucht, wie soll das dann erst später werden?

Die beiden Laufräder habe ich mittlerweile abgestellt und bringe jetzt meine beiden Töchter in die KiTa rein. In dem Moment ist mir klar, was ich ihnen fürs Leben wünsche: dass sie bemerken, wenn andere auch noch Platz brauchen und einfach ein bisschen zur Seite rücken. Im Unterricht zum Beispiel, wenn der eine mehr Hilfe von der Lehrerin braucht als der Andere. Und natürlich auch dann, wenn sie selbst mal erwachsen sind. Dass sie dann, wenn sie ihre Kinder mal in die KiTa bringen, ihr Auto nicht grade mitten in die Feuerwehreinfahrt stellen. Sondern dass sie Rücksicht nehmen. Nicht nur beim Auto parken, aber auch da

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Alles glitzert, alles funkelt. Jedenfalls kommt es mir grad so vor, denn um mich herum sind lauter Glitzer-Sachen. Meine Tochter steht auf T-Shirts mit Glitzer drauf, meine Freundin hat eine neue Handyhülle im Glitzerlook und meine Mutter trägt seit neuestem Silber-Sandalen. Glitzer ist „in“. Manchmal bin ich schon genervt von all dem Glitzerkram, aber eigentlich ist es auch schön, dass es überall funkelt und glänzt.

Ich finde es auch schön, weil mich der viele Glitzerkram an eine schöne Sache aus meinem Glauben erinnert. Es gibt nämlich eine Stelle in der Bibel, da ist beschrieben wie es im Himmel bei Gott aussieht. Da ist der Himmel wie eine große schöne Stadt beschrieben und in dieser Stadt glitzert und funkelt es an jeder Ecke. Da heißt es: „Die Stadtmauer ist aus lauter Edelsteinen gebaut und die zwölf Stadttore sind aus zwölf Perlen gemacht. Die Hauptstraße ist aus reinem Gold.“

Da könnte man denken: „Ein bisschen dick aufgetragen, das ist ja reinste Verschwendung.“ Ich verstehe das so: als Statussymbole haben Gold, Silber und Edelsteine bei Gott ausgedient. Damit braucht im Himmel niemand mehr angeben. Denn bei Gott liegen die ganzen edlen Materialien einfach für alle auf der Straße. Jeder kann sie sehen und genießen. Deswegen gibt es bei Gott keinen Neid mehr auf das, was der Andere Tolles hat oder Tolles kann. Bei Gott ist jeder unendlich viel wert. Die ganze Stadt glitzert bei Gott und auf die Menschen färbt das ab. Im Himmel da strahlt jeder von innen heraus, weil er endlich sicher weiß: Gott hat mich einfach so, ohne viel BlimBlim, unendlich wertvoll gemacht.

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„Ich bin a kli gsi“. Das ist ein typischer Satz aus der Schweiz. Es kann sein man bekommt ihn als Antwort, wenn man einen Schweizer montagmorgens fragt: „Und, was hast du am Wochenende gemacht?“. „Ich bin a kli gsi.“, das heißt auf hochdeutsch: „Ich bin ein bisschen gewesen.“ Punkt. Wo oder wie möchte man fragen, aber nichts davon.

Peter hat mir das erzählt. Er hat als Deutscher in der Schweiz gearbeitet und für ihn war es am Anfang komisch, dass sein Schweizer Kollege nach dem Wochenende einfach diesen einen Satz sagt und fertig: „Ich bin ein bisschen gewesen.“ Als Deutscher war er es gewohnt, dass man am Wochenende viel unternimmt: eine Radtour oder mit Freunden grillen. Und dass man das am Montagmorgen dann auch erzählt. Es ist ja auch wichtig, dass man fit bleibt, immer gute Kontakte hat und eben auch etwas dafür tut.

Bei dem Schweizer Kollegen war das ganz anders. Der war eher stolz darauf, wenn er gar nichts groß gemacht hat. Zumindest hat er immer breit gegrinst, wenn er am Montagmorgen gesagt hat: „Ich bin a kli gsi.“ Was dahinter steckt? Vielleicht war er einfach nur daheim. Auf der Couch oder extra lang am unaufgeräumten Frühstückstisch. Denn wer einfach nur „ein bisschen gewesen ist“, der macht nichts Großes und vor allem, der leistet nichts. Der lässt den Tag schleifen und schaut mal was kommt. Gar nicht so einfach, finde ich.

Aber er hat aus seiner Zeit in der Schweiz etwas mitgenommen. Er hat es immer öfter selber ausprobiert. Und er hat gelernt: das ist wichtig und es hilft ihm sogar. Denn wenn Peter am Wochenende mal ganz bewusst „alle fünfe grade sein lässt“, dann merkt er: ich bin nicht nur das, was ich leiste. Ich bin auch gut genug, wenn ich mal nichts tue. Ich darf das und es ist sogar schön, wenn ich einfach nur bin.

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Wenn ich diese Musik höre, sehe ich einen Wanderer in herrlicher Natur vor mir, milde Hügel und satte Wiesen. Er genießt seine Freiheit. Mit großem Rucksack und schweren Wanderschuhen ist er unterwegs. Das Lied von heute passt dazu. Es ist wie ein musikalischer Reisesegen mit vielen guten Wünschen:

Möge die Straße uns zusammenführen und der Wind in deinem Rücken sein, sanft falle Regen auf deine Felder und warm auf dein Gesicht der Sonnenschein."

"Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand."

                                               (Singkreis Rammingen)

Es sind schöne Worte in diesem irischen Segenslied. Schöne Worte und gute Wünsche. Ich singe sie gern für diejenigen, die ich mag. Für die, mit denen ich ein Stück Lebensweg geteilt habe und die jetzt ohne mich weitergehen. Das Lied von heute passt, wenn zum Beispiel mein Kollege seine Stelle wechselt und umzieht. Oder wenn ich mich als Lehrerin von Schülern verabschiede, die mit der Schule fertig sind und jetzt losziehen in die weite Welt.

Markus Pytlik hat den Text und die Musik vom heutigen Lied zum Sonntag geschrieben. Er ist Lehrer und sicher kennt er diese Erfahrung: dass es Zeit ist sich zu verabschieden. Eben zum Beispiel von Schülern und Kollegen. Mir hilft es dann immer, wenn gute Wünsche den Abschied begleiten. Sie tun denen gut, die geht, aber auch denen, die bleiben. Ich habe gefühlt tausend Wünsche im Herzen, wenn jemand fortgeht, den ich so gern in meiner Nähe hatte, mit dem ich einfach vertraut war. Im Lied sind auch gefühlt tausend Wünsche formuliert:

"Führe die Straße, die du gehst, immer nur zu deinem Ziel bergab, hab, wenn es kühl wird, warme Gedanken und den vollen Mond in dunkler Nacht. Und bis wir uns Wiedersehen halte Gott dich fest in seiner Hand."(Singkreis Remmingen)

Ich bin Organistin und spiele dieses Lied immer wieder bei Beerdigungen. Ich spiele es, wenn der Abschied sehr schwer ist, wenn die Atmosphäre beklemmend ist, weil da einer weggegangen ist, den keiner so leicht gehen lassen kann. Dieses Lied bringt dann oft eine Weite mit. Jedenfalls kann ich durch dieses Lied manchmal ein bisschen aufatmen. Weil seine Melodie mich irgendwie beruhigt oder sogar tröstet, fast wie ein Wiegenlied. Die einzelnen Liedzeilen klingen alle ähnlich und so schwingt sich das, was das Lied aussagt, allmählich in mein Herz. Vor allem der Refrain:

Bis wir uns wiedersehen halte Gott dich fest in seiner Hand.

So eine Geborgenheit, wie wenn jemand mich fest und sicher an die Hand nimmt, wünsche ich denen, die aus meinem Leben gehen. Sie sind wie Wanderer, die gerade in ein anderes, fremdes Land wandern. Mit dem Lied bete ich darum, dass sie besonders geschützt sind

Bei Gott geht beides: dass ich mich geschützt und geborgen fühle, aber trotzdem auch frei. So heißt es am Schluss:

„Er halte dich in seinen Händen, doch drücke deine Hand dich nie zu fest."

Wenn ich das für jemand anderen herbei-singe, dann wirkt dieser Wunsch auch in mir selbst: Mögest du und ich bei Gott geborgen sein und mit ihm gleichzeitig frei.

Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand. Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand. (Vocalissimo)

 

Musiken:      

1) Singkreis Rammingen M0094774.015

2) Privataufnahem im Dom St. Eberhard in Stuttgart am 13.7.2019 mit Lukas Grimm (Orgel)

3) Vocalissimo M0314552.001

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Ich habe von einer Frau gelesen, die einen ganz besonderen Geburtstag gefeiert hat. Die Frau heißt Rita, und Rita feiert ihren Neunzigsten. Dazu gibt es ein Neun-Gänge-Menü. Immer für zehn Lebensjahre ein typisches Gericht. Rita weiß, dass es ihre letzte Geburtstagsfeier ist, sie stirbt bald. Das wissen auch ihre Gäste, und umso mehr genießen sie die neun verschiedenen Gerichte aus Ritas Leben.

Das Ganze fängt mit einer Graupensuppe an, denn die hat Rita als Kind oft gegessen. Während ein großer Suppentopf auf den Tisch gestellt wird, erzählt Rita von ihrer Kindheit auf dem Land: dass es Zeiten gegeben hat, in denen sie wochenlang nicht richtig satt geworden ist, und wie gut die Suppe dann geschmeckt hat, wenn ihre Mutter sie endlich wieder kochen konnte.

Als zweiten Gang gibt es einen Festtagsbraten: so einen wie ihn Rita bei ihrer eigenen Hochzeit gegessen hat. Sie hat früh geheiratet und weiß noch genau, wie ausgelassen und fröhlich sie an dem Tag war, und wie verliebt.

So geht es bei Ritas Geburtstagsessen immer weiter: Rita serviert in Zehnjahresschritten die leckersten Mahlzeiten und erzählt dazu. Da kommt noch Toast Hawaii für ihre wilde Zeit auf den Studentenpartys oder der Grießbrei, den sie für ihre kleinen Kinder so oft gekocht hat.

Rita lässt mit jeder Mahlzeit nochmal aufleben, was in ihrem Leben wichtig war. Und ihre Gäste dürfen sich das richtig auf der Zunge zergehen lassen.

Am Ende sind alle mehr als satt. Aber vom allerletzten Gang muss trotzdem jeder noch versuchen. Rita sagt: „Der gehört auch dazu.“ Am Schluss verteilt Rita Bitterschokolade. So eine mit 80% Kakaoanteil. Solche Schokolade hat Rita in den letzten Jahren oft gegessen, wenn sie sich traurig und einsam gefühlt hat – vor allem als ihr Mann und auch die vielen Bekannten gestorben sind.

Alles gehört zu Ritas Leben: der gute Braten, der süße Grießbrei und eben die Bitterschokolade.

Es ist wunderbar, wenn man auf ein so reichhaltiges Leben zurückblicken kann. Und besonders schön, wenn man am Ende nochmal ganz bewusst schmeckt, was alles war.

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