Manuskripte

Gibt es mehr als zwei Geschlechter? Kann es das überhaupt geben? Wo doch in der Bibel steht, dass Gott am Beginn der Welt den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat.[1] Und man doch sieht, ob einer Mann oder Frau ist. Meistens zumindest.

Um dieses „meistens“ haben sich nun die Politiker angenommen und zum Jahresbeginn ein bestehendes Gesetz geändert. Das Personen-stands-gesetz. Darin wird geregelt, welche Merkmale eine Person charakterisieren: Geburt, Familienstand und eben auch das Geschlecht. Bisher stand dort m für männlich und w für weiblich. Seit 1.1. kann dort auch d stehen: divers. Für jene, die nicht dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet werden können. Und die gibt es eben auch. Das ist eine schlichte Tatsache, an der nicht zu rütteln ist. Kinder, die so auf die Welt kommen, mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen. Und Menschen, die im Laufe ihres Lebens - und oft unter großen  seelischen Schmerzen - merken, dass sie im falschen Körper stecken. Die Sandra heißen, sich aber fühlen als wären sie Thorsten. Oder umgekehrt.

Weil ich Personen kenne, auf die das zutrifft, weiß ich, wie schwer sie es haben. Sie werden belächelt oder abgelehnt. Hinter ihrem Rücken wird getuschelt und sie werden in eine der Schubladen gesteckt, die wir leicht finden, wenn etwas anders ist, als wir es kennen. Und immer wieder fällt das Wort „normal“. Oder eben „nicht normal“.

Christen tun gut daran, so ein Schubladendenken zu vermeiden. Weil Jesus es vermieden hat. Weil er die bestehenden Kategorien, in die Menschen sich einteilen, oft über den Haufen geworfen hat. Drei Beispiele dafür:

*Die Zolleintreiber seiner Zeit waren verschrien, weil sie geldgierig in die eigene Tasche gewirtschaftet und mit den römischen Besatzern gemeinsame Sache gemacht haben. Jesus ließ sich mit voller Absicht von einem von ihnen zum Essen einladen. *Juden verkehrten nicht mit den Samaritern. Prompt hat er ausdrücklich einen Samariter als Beispiel gewählt, um zu sagen, wie Gott denkt und handelt. *Blutsbande haben ihm nichts bedeutet. Nach Eltern und Geschwistern gefragt, sagte er: Die den Willen meines Vaters im Himmel tun, sind für mich wie Vater und Mutter und Bruder und Schwester[2].“

Auch zur Zeit Jesu hat es wohl Menschen gegeben, die sich nicht eindeutig als Mann oder Frau gefühlt haben. Mit Sicherheit haben sie es verheimlicht, so gut es ging. Oder sie wurden versteckt. Ich begrüße es, dass sie das heute nicht mehr tun müssen und unser Staat ihnen die gleichen Rechte gibt wie allen anderen. Das Bundesverfassungsgericht geht von 160.000 Personen aus, die das in Deutschland betrifft. Bis sie unter uns wirklich akzeptiert sind, müssen sie und wir noch etliche Hürden überwinden. Jesus würde ihnen dabei helfen. Davon bin ich überzeugt.

Thomas Steiger aus Tübingen von der Katholischen Kirche.



[1] vgl. Gen 1,27

[2] vgl. Mk 3,35

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Ich bin katholisch. Und ich bin das gerne und aus Überzeugung. Aber es ist mir nicht so wichtig. Es ist mir nicht so wichtig, weil es eine zweitrangige Angelegenheit ist, zu welcher Konfession ich gehöre. Es hat bei mir damit zu tun, dass die Familie meiner Mutter katholisch war und meine Oma immer in die Kirche ging.

Viel wichtiger ist für mich, dass ich überhaupt an Gott glaube, und dass ich immer und immer wieder prüfe, ob ich so lebe, wie es Gott gefällt. Ob ich ein guter Christ bin und mich daran orientiere, wie Jesus gelebt hat. Ob ich meinen Nächsten wirklich und genügend liebe beispielsweise. Das ist im Übrigen auch viel schwieriger, als bloß zu sagen: „Ich bin katholisch.“ Oder: „Ich bin evangelisch.“

Leider ist die Christenheit gespalten. In viele Glaubensrichtungen und Kirchen. In Deutschland zeigt sich die Trennung zwischen evangelisch und katholisch in vielen Bereichen sehr deutlich: Kinder besuchen den einen oder den anderen Religionsunterricht. Sie gehen zur Ersten Heiligen Kommunion oder sie werden konfirmiert. Und auch wenn wir hier im Radio bei unseren kirchlichen Beiträgen nach Möglichkeit das Konfessionelle außen vor lassen: Man hört manchmal, ob einer katholisch oder evangelisch ist, und wir sagen am Ende auch immer, zu welcher Kirche wir gehören.

Schade, dass das so ist, so selbstverständlich fast. Es ist schade, weil es dem schadet, was wir zu verkünden haben: den Glauben an einen Gott, dem dieses Schubladendenken ein Gräuel ist, diese von Menschen gemachten Unterscheidungen, die von IHM ablenken. Christen müssten alles in ihrer Macht stehende tun, um die Spaltung zu überwinden, weil alles andere ihren Glauben schwächt. Jesus formuliert das mehr als deutlich: Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.[1] 

Heute Abend feiern Christen unterschiedlicher Konfessionen mancherorts gemeinsam einen Gottesdienst. Im Rahmen der Gebetswoche für die Einheit der Christen, die morgen endet. Sie erinnern daran, dass es wichtigeres gibt als die Konfession, die man nun mal hat. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Wenn wir nicht endlich gemeinsame Sache machen und uns miteinander für das einsetzen, was Christen wichtig ist, machen wir uns in Zukunft überflüssig. Das genau aber sind wir nicht. Unsere Welt braucht Menschen, die sich für andere engagieren, die den Mund aufmachen, wo es ungerecht zugeht, die Einsame besuchen und Schwächere stützen. Und die genau auf diese Weise den Glauben an den barmherzigen Gott verkünden, von dem Jesus gesprochen hat.

 

Thomas Steiger aus Tübingen von der Katholischen Kirche.

 



[1] Joh 17,21

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27948

Eine Gruppe von Walen adoptiert einen Delfin. Ich habe schöne Bilder davon gesehen, wie die großen Meeressäuger den kleinen in ihren Schwarm aufnehmen. Der Delfin schwimmt in der Mitte und alles sieht so aus, als sei das ganz normal. Ist es aber nicht, weil Tiere im Regelfall auch unter ihresgleichen bleiben. Das sind sie gewöhnt, das verspricht Sicherheit und den größtmöglichen Zusammenhalt, um Feinde abzuwehren.  Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Wale Angehörige fremder Gattungen aufnehmen - wenn sie auf ein Tier stoßen, das krank, verletzt oder allein unterwegs ist. Dann integrieren sie es einfach und irgendwie selbstverständlich in ihren Verband. Sie passen sich seiner Geschwindigkeit an, sorgen dafür, dass es genügend zu essen hat und beschützen es vor den Gefahren, die im Meer auf ein schwächeres Tier lauern. 

Was Tiere können, können Menschen erst recht. Wenn sie nur wollen. Ich merke jedenfalls, wie sehr mich dieses Bild von dem Delfin berührt, um den die Wale sich kümmern. Und wie sehr ich mir wünsche, dass ich solche Bilder auch unter uns Menschen finde. Häufiger und unübersehbar. Ich weiß, dass es dazu immer zwei braucht. Den einen, der hilft, und den anderen, der die Hilfe angemessen annimmt. Ich weiß auch, dass Hilfsbereitschaft missbraucht werden kann und manche keine Hilfe verdienen. Aber ich kann mich trotzdem der Tatsache nicht entziehen, dass der Mensch gerade und erst hier zu seiner eigentlichen Bestimmung kommt, die seinem Wesen entspricht. Wenn er sich nicht nur von seinen Trieben und Instinkten leiten lässt, sondern ganz uneigennützig helfen kann. Ich halte das für eines der Wesensmerkmale, die Gott in uns angelegt hat und von denen er wollte, dass wir sie so gut wie nur irgend möglich zur Entfaltung bringen: Die Schwäche eines anderen zu sehen und sie eben nicht auszunützen zum eigenen Vorteil.

Ich sehe die Wale und den Delfin und weiß, was ich tun muss: Mich öffnen für einen Fremden, für einen, der anders ist als ich. Ihm meinen Schutz anbieten, wenn er ihn braucht und anzunehmen bereit ist. Meine Möglichkeiten so zu nützen, dass andere auch etwas davon haben. Bestenfalls steckt das auch andere an. Wie mich die Wale.

 

Thomas Steiger aus Tübingen von der Katholischen Kirche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27947

Beim Einkaufen in einem kleinen Familiengeschäft hat eine junge Frau die Kasse gemacht. Ich hab mir gedacht: „Das muss die Tochter sein“, weil sonst immer eine Frau dort steht, die ihre Mutter sein könnte. Als ich dran bin, spricht mich die junge Frau mit Namen an. Und ich bin erst mal verdattert, weil ich meine, sie gar nicht zu kennen. Zumindest bewusst sind wir uns noch nicht begegnet. Denke ich. Auf meine Nachfrage, woher sie meinen Namen wisse, sagt sie: „Herr Steiger, Sie haben mich doch vor meiner Erstkommunion getauft!“ Ich muss schmunzeln. Und sie auch.

Ja, das war ein schönes Erlebnis. Es ist überhaupt eine schöne Erfahrung, die mir immer wieder passiert. Seit ich nun auch schon etwas älter bin. Inzwischen habe ich bald dreißig Berufsjahre auf dem Buckel. In dieser Zeit bin ich nicht nur älter geworden, sondern es haben eben ungemein viele Begegnungen statt gefunden. Ich habe Menschen an wichtigen Stellen ihres Lebens begleitet. Ich habe Paare getraut und Partner gesegnet. Ich habe Kinder getauft und manche von ihnen in der Schule unterrichtet, manche bis zum Abitur. Ich habe Kranke besucht, Sterbende begleitet und viele Menschen beerdigt. Da ist es ganz normal, dass Angehörige mich wiedererkennen und mir zum Teil noch lange dankbar sind, wenn ich meine Sache gut gemacht habe. Und immer wieder kommt es eben inzwischen auch vor, dass ich Kindern, die ich getauft habe, als Erwachsenen wieder begegne. Manchmal entsteht ein kleines Gespräch daraus. Und wenn es sich so freundlich, fast vertraut entwickelt, wie da beim Einkaufen unlängst, dann macht das mein Leben im wahrsten Sinne des Wortes reich. Weil ich dann verstehe, was manche Menschen meinen, wenn sie davon sprechen, dass das Alter auch seine guten Seite habe. Dass Altwerden zwar auch bedeutet, vergesslicher zu werden, nicht mehr so schnell reagieren zu können, dass Kraft und Gesundheit nachlassen. Dass das aber nicht alles ist. Beileibe nicht. Sondern dass sich im Laufe der Jahre ein Schatz ansammelt: was ich erlebt habe, was mir gelungen ist, wem ich begegnet bin.  

Ich sehe das bei mir selbst. Und es tut mir gut. Es macht mich zufrieden, sogar ein bisschen stolz. Es macht mich gelassener, wenn ich daran denke, was wohl noch so alles kommt in den nächsten Jahren. Wenn ich dann einem Menschen begegne, der noch älter ist als ich, und ich spüre, dass er mit seinem Alter hadert, dann versuche ich das Gespräch darauf zu lenken. Ich erzähle von meinem noch kleinen Reichtum des Alters und frage, was es da so bei ihm gibt. Meistens gibt das unserem Gespräch eine gute Wendung. Weil es immer gut tut, auf das zu schauen, was im Leben gelungen ist und schön war.

 

 

 

Thomas Steiger aus Tübingen von der Katholischen Kirche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27946

Letzten Freitag habe ich eine Freundin von mir beerdigt. Wir kannten uns fast dreißig Jahre, und sie wäre in diesem Jahr 87 geworden. Bei der Predigtvorbereitung habe ich versucht, mich möglichst genau zu erinnern, was ich alles von ihr weiß. Und dabei ist mir ein Merkmal ihres Charakters besonders deutlich geworden: ihr Gerechtigkeitssinn. Edith hatte den in einem besonders ausgeprägten Maß. Wenn ihr etwas aufgefallen ist, was nicht in Ordnung war, dann hat sie nie den Mund gehalten. Egal, ob sie damit angeeckt ist oder nicht. Dass einer auf Kosten der Hausgemeinschaft lebt, wo doch jeder seinen Teil beitragen muss, das hat sie nicht akzeptiert. Da konnte Edith sehr deutlich werden. Sie hat damit auch Leute vor den Kopf gestoßen, und sich Sympathien verscherzt. Das war ihr egal, wenn es darum ging, dass es sozial zugeht und gerecht. Ich weiß auch von ihr, dass sie für die jüngeren Gefangenen in Stammheim Berufe gesucht hat, mit denen sie wieder ins Leben finden können, wenn sie entlassen werden. Und im letzten Jahr hat sie einen jungen Flüchtling aus Syrien begleitet, damit er im komplizierten deutschen Sozialsystem nicht untergeht. Imponiert hat mir, dass sie nicht nur an andere gedacht hat, sondern auch an sich selbst. In den letzten Jahren war sie immer schlechter zu Fuß unterwegs. Dass sie jetzt unterstützt werden muss, hat sie schlicht für gerecht gehalten. Und weil die Behörde ihr den Schwerbehindertenausweis erst verweigern wollte, hat sie mit aller Macht dafür gekämpft. Und am Ende gewonnen.

Gerechtigkeit ist ein Wort, das in der Bibel oft vorkommt. Weil die Menschen, die dort zu Wort kommen, fest daran geglaubt haben, dass Gott einschreitet, wo es ungerecht zu-geht. Und dass alle, die an diesen Gott glauben, sich selbstverständlich für Gerechtigkeit einsetzen. Für die Propheten des Alten Testaments war es das Thema überhaupt. Wer bloß an sich selbst denkt, wer in die eigene Tasche wirtschaftet, wer andere unterdrückt oder schlecht behandelt, der zieht den Zorn Gottes auf sich. Er muss umkehren, wenn er seine Hoffnung auf den Himmel nicht aufs Spiel setzen will.

Um meine Freundin Edith brauche ich mir in dieser Hinsicht wohl keine Sorgen zu machen. Es war schön für mich, auch darüber bei der Beerdigung zu sprechen. Und für die Zuhörer und mich bleibt sie ein Vorbild, an dem wir uns die nächsten Jahre noch mehr orientieren können. Für Gerechtigkeit: anderen gegenüber - und gegenüber sich selbst.

 

Thomas Steiger aus Tübingen von der Katholischen Kirche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27945

In unserer Welt geht es ungerecht zu. Ein Bibeltext, der heute in den Gottesdiensten der Katholischen Kirche dran ist, bestätigt das. Der Prophet Jesaja schreibt: Um Zions willen kann ich nicht schweigen, um Jerusalems willen nicht still sein, bis das Recht (…) aufstrahlt wie ein helles Licht und sein Heil aufleuchtet wie eine brennende Fackel. Dann sehen die Völker deine Gerechtigkeit.[1] Das bedeutet doch: Gott ist da, wo es gerecht zugeht, wo Menschen heil sind oder geheilt werden. Dort wird es unübersehbar hell. [Dort leuchtet Gottes Glanz. Und wo nicht, da ist auch Gott nicht. Zumindest bleibt er unsichtbar.]

Wenn ich mir überlege, was ich tagtäglich beobachte, was die Nachrichten bringen, dann überwiegt oft das Dunkle. Es geht nicht gerecht auf unserer Welt zu. In Jemen verhungern reihenweise die Menschen; und bei uns wird soviel weggeworfen, dass es selbst die Tafelläden nicht mehr aufnehmen können. Politische Debatten werden zunehmend in einem Ton geführt, der das Gegenüber abqualifiziert und erniedrigt. Jesaja beschreibt, dass Gott das nicht gefällt, dass er sich seine Schöpfung anders vorstellt, dass er dem entgegen treten wird. Gott wird so lange nicht schweigen, bis es endlich anders zugeht: gerechter, menschenfreundlicher. Ich frage mich bloß: Hört man das und wenn ja, wo? Auch zu Jesajas Zeiten ist die Stimme des Höchsten nicht aus einem unerklärlichen „Off“ an die Menschen gedrungen. Gott hat sich dafür Menschen zunutze gemacht. Menschen wie Jesaja, prophetische Menschen. Also nicht nur eine innere Stimme, die irgendwie theoretisch oder virtuell bliebe, sondern in echter Sprache und so, dass man es aufschreiben konnte und weiter erzählen. Bis heute.

Mir scheint allerdings: Es gibt nur wenige Typen, die wie Jesaja in deutlichen Worten den Mund für Gott aufmachen und für Gerechtigkeit kämpfen. Ja, es kommt mir so vor, als ob sie zumal dort fehlen, wo doch Gott das Hauptthema sein müsste: in der Kirche und ihren machtvollen Strukturen, die sie sich in zweitausend Jahren erkämpft hat. Da ist von vielem die Rede, aber erstaunlich wenig von Gerechtigkeit. Wir von der Katholischen Rundfunkarbeit haben uns genau angeschaut, über was wir in unseren Sendungen sprechen. Auch da kommt das Thema Gerechtigkeit selten vor, zu selten. Vielleicht weil wir damit am meisten anecken und befürchten müssen, dass wir uns der Kritik aussetzen, wir seien zu politisch.

Ich kann nicht schweigen bis das Recht aufstrahlt wie ein helles Licht und sein Heil aufleuchtet wie eine brennende Fackel, sagt Jesaja in Gottes Namen. Das ist und bleibt das Markenzeichen derer, die an den Gott Jesu Christi glauben. Und eine bleibende Herausforderung für alle, die sich Christen nennen.

 

Thomas Steiger aus Tübingen von der Katholischen Kirche.



[1] Jes 62,1f.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27944

Steiger:
Was für ein imposantes Motto haben sich die Kirchen für das neue Jahr da ausgesucht. So lautet nämlich die Jahreslosung für 2019: Suche Frieden ... und jage ihm nach.
Leider passt das Thema FRIEDEN ja immer. Weil es irgendwo immer Krieg und Gewalt gibt. Es hat aber in der letzten Zeit eine zunehmende Bedeutung bekommen. Es ist, wie ich finde, leider, ungeheuer aktuell. Manchmal fühle ich mich in meine Jugendjahre zurückversetzt, als Atomwaffen auf deutschem Boden stationiert wurden, als das Wettrüsten der Supermächte mich bedrückt hat.

Panzer:
Da, wo ich wohne, beten wir seit fast vier Jahren für den Frieden. Evangelische und katholische Christen treffen sich an jedem Montagabend um sieben für eine halbe Stunde. Jedesmal erzählt eine oder einer, wie es steht mit dem Frieden in der Welt. Wir hören von Krieg und Leid und  Flüchtlingen, von hungernden Kindern, vergewaltigten Frauen und Soldaten, die sinnlos sterben müssen, statt  für ihre Familien zu sorgen. Es ist erschreckend, das alles zu hören und manchmal denken wir: hört das denn nie auf. Trotzdem beten wir für den Frieden. Manchmal fragt einer: Warum machen wir das eigentlich? Es ändert sich doch nichts. Warum beten wir für den Frieden? Eine Frau hat gesagt: Weil es mir gut tut, andere zu treffen, die auch Frieden wollen. Und ein Mann hat gesagt: Ich will mich jede Woche daran  erinnern, dass Gott Frieden will. Und dass Gott bei denen ist, die sich für den Frieden einsetzen.

Steiger:
Einen Vater hat es schier unglaubliche Überwindung gekostet, das zu tun. Sein Sohn ist brutal zusammen geschlagen worden. Ohne Grund. Der Vater ist unglaublich wütend geworden. Wer tut seinem Sohn so was an? Und er hat gespürt, wie der Hass in ihm hochkocht. Lange hat er gedacht: „Dem zahl ich’s heim! Wenn ich den in die Finger krieg!“ Aber es kam ganz anders. Der brutale Schläger ist schon wiederholt aufgefallen und musste noch wegen anderer Delikte vor Gericht. Dann kam er in eine Anstalt der Jugendgerichtshilfe. Und hat tatsächlich eine Verwandlung durchgemacht, zum Guten. Er hat einen Brief an den geschrieben, den er so zusammen geschlagen hat. Hat sich entschuldigt. Und das hat auch dem Vater gut getan und Frieden gebracht. Seinem so schwer verletzten Sohn geht es inzwischen wieder gut. Gottlob.

Panzer:
Wie schön wäre es, wenn wir in Frieden miteinander leben könnten. Und Frieden ist mehr, als der Verzicht auf Gewalt. Eigentlich wissen wir Menschen das ja auch. Wer möchte gern gut leben und schöne Tage sehen? fragt einer in einem Gebet in der Bibel (Psalm 34). Und eigentlich weiß er genau, was zu tun ist: „Suche den Frieden und jage ihm nach!“ Ohne Frieden kann das Leben nicht gedeihen. Frieden wächst da, wo die Starken Rücksicht nehmen auf die Schwachen. Dann muss niemand mehr mit Gewalt sein Recht verteidigen. Frieden wächst da, wo Menschen gerecht verteilen, was die Erde an Gütern bereit hält. Wenn nicht die einen sich alles nehmen, was sie kriegen können und den anderen bleibt nicht genug zum Leben. Wo alle Menschen die gleichen Rechte haben, egal ob Mann oder Frau, schwarz oder weiß, arm oder reich. Da kann Frieden wachsen.

Steiger:
Interessant ist, dass hier nicht davon ausgegangen wird, dass der Frieden schon irgendwie entsteht. Er ist eben kein Selbstläufer. Wer ihn haben will, muss etwas dafür tun, muss aufmerksam und findig sein. Besonders wichtig scheint mir zu sein, dass ich in die hinteren Winkel meiner Seele vordringe. Dorthin, wo die Charaktermarkmale lauern, die dem Frieden in die Quere kommen. Dort, wo ich auf einen anderen neidisch bin, wo ich meine, die erste Geige spielen zu müssen und damit andere in ihren Chancen beschneide. Dort muss ich suchen, ob es nicht doch eine andere Möglichkeit gibt, und ich auf meinen Egoismus verzichte. Das schafft nämlich Frieden.

Panzer:
Dem Frieden muss man nachjagen. Wie die Kinder bei einer Schnitzeljagd, wie die Menschen, die ein großes Ziel haben. Ein Ziel für das sie alles geben.
Wer ans Ziel gelangen will, der muss genau hinschauen, dass er den Weg nicht verfehlt. Man muss aufmerksam sein für die Zeichen unterwegs. Aufmerksam auch, damit man die nicht übersieht, die mithelfen können. Man muss Ausdauer haben, wenn man einem Ziel nachjagt, man darf nicht aufgeben.
So wie Denis Mukwege zum Beispiel, der als Arzt im Kongo Frauen operiert, die bei Vergewaltigungen schwer verletzt worden sind. Er versucht, die Folgen des Krieges zu lindern. Und seine Hoffnung ist, dass die Menschen einsehen: Nur so, nur wenn einer sich um andere kümmert, nur so kommt man dem Frieden näher.

Steiger:
Es sind nicht immer die großen Gesten und Versprechen, die den Frieden schaffen. Oft sind es die kleinen Dinge. Wenn Menschen darauf verzichten können, das letzte Wort zu haben. Wenn sie teilen, was sie im Überfluss haben. Wenn sie beten statt einander zu beschimpfen. Damit kann jeder anfangen. Mit meinem Nachbarn, meinem Kollegen, mit meinem Partner. Und glaube bloß keiner, das bleibe ohne Wirkung. Im Gegenteil: Der Friede kommt immer von innen. Aus dem Herzen des Menschen.

„Suche den Frieden und jage ihm nach“ – Lassen sie uns das versuchen im neuen Jahr. Ich wünsche Ihnen und uns Segen dazu!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27790

Hörfunkpfarrer Thomas Steiger im Gespräch mit Johanna App und Markus Neff.

 

STEIGER

Mein Name ist Thomas Steiger. Ich bin der katholische Hörfunkpfarrer beim Südwestrundfunk. Herzlich willkommen und guten Morgen. Ich wünsche Ihnen frohe, gesegnete Weihnachten und den Frieden, den Jesus in die Welt gebracht hat auch in Ihr zu Hause. Und ich freue mich über meine beiden Gesprächsteilnehmer, mit denen ich mich über dieses christliche Fest unterhalten will. Das ist zum einen Johanna App, 17 Jahre alt, Schülerin in der letzten Klasse vor dem Abitur. Sie hat seit ein paar Jahren den christlichen Glauben für sich entdeckt und ist trotzdem kritisch geblieben. Mit ihr hier am Tisch sitzt Markus Neff, Pastoralreferent und Jugendseelsorger im Dekanat Tübingen und Leiter der noch ganz jungen Jugendkirche hier.

Frau App, wie feiern sie Weihnachten? Und mit wem feiern sie Weihnachten? Gibt es da so was wie feste Rituale, die immer dazugehören zu diesem Fest?“

 

APP

Also bei uns in der Familie ist es meistens so, dass wir alle zusammen in die Kirche gehen, oder ins Krippenspiel gehe ich persönlich am liebsten, weil es ein bisschen was anderes ist, was ich eine nette Auflockerung zur normalen Predigt oder zu einem Gottesdienst finde und danach essen wir meistens gemeinsam. Und es gibt schon noch eine Bescherung, weil es halt irgendwie dazugehört.

 

STEIGER

Aber fürs Krippenspiel sind sie ja eigentlich viel zu alt mit 17 Jahren. Verraten sie uns warum?

 

APP

Ich finde es einfach nett, weil ich früher oft beim Krippenspiel mitgespielt hab‘ und manchmal auch Leute kenne, die jetzt mitspielen oder es einfach schön ist, die Geschichte bildlich zu erleben.

 

STEIGER

Und bei Ihnen zu Hause, wer sitzt denn da alles am Tisch, wenn sie feiern?

 

APP

Meine Mutter, weil meine Eltern getrennt sind und meine beiden älteren Schwestern.

 

STEIGER

Findet da dann auch etwas Weihnachtliches statt? Sie sagen Bescherung, das ist dann doch der etwas weltliche Teil. Aber gibt es auch irgendwelche liturgischen oder gottesdienstliche Elemente oder Rituale die eine Rolle spielen?

 

APP

Das fällt jetzt eher weg, weil meine Familie nicht sehr religiös ist und meine Mutter eigentlich nicht interessiert daran ist. Sie würde eher halt mitkommen in einen Gottesdienst, halt nicht von sich aus. Deswegen ist es eher auf der familiären Basis, als religiös.

 

STEIGER

Und das bedeutet aber auch, dass sie sich selber stark machen mussten für ihren christlichen Glauben. Dass er ihnen von zu Hause nicht schon mitgegeben worden ist, sondern dass sie selber irgendwann entdeckt haben, das bedeutet mir etwas.

 

APP

Ja, das hab ich eher von anderen Quellen mitbekommen.

 

STEIGER

Und was sind das für Quellen?

 

APP

Also z. B. Markus, der im Schülertreff war, wo ich oft Essen war, dann meine Freunde die halt auch mehr mit der Kirche zu tun hatten und die mich mitgenommen haben zu Jugendgottesdiensten, zum Krippenspiel z. B. auch.

 

STEIGER

Also hat das mit anderen Mensch zu tun, die sie kennengelernt haben, die gleichaltrig sind und denen das auch was bedeutet.

Herr Neff, dann würde ich jetzt sie fragen: Sie haben ja relativ viel Kontakt mit jungen Leuten. Wie gehen denn die mit diesem alten Fest Weihnachten um? Und wie feiern die Weihnachten?

 

NEFF

Zunächst mal würde ich sagen, dass junge Leute mit dem Fest so umgehen, in dieser Unterschiedlichkeit, so unterschiedlich wie junge Leute nun mal sind. Aber mit denen, mit denen ich hauptsächlich Kontakt habe, die kirchennah sind, auch durchaus kirchenkritisch nah, wie die Johanna, da spielt an Weihnachten die Erinnerung ganz viel mit. Also da ist eine ganz große Bedeutung an Weihnachten, wie die Kindheit auch war. Deswegen kann ich gut verstehen, dass sie gern in das Krippenspiel geht. Da kommen Kindheitserinnerungen an dieses familiäre Feiern, an Geborgenheit, an Großeltern die mitgefeiert haben und vieles mehr. Deshalb hat es, glaub ich, eine große Bedeutung als Familienfest auch weiterhin für junge Leute. Ich nehm' aber auch wahr, dass es wichtig ist dieses Fest zu feiern, auch liturgisch zu feiern im Rahmen eines Gottesdienstes in ihrer Heimatgemeinde. Dort wo sie herkommen, wo sie engagiert sind. Weswegen wir, z. B. an der Jugendkirche, bisher noch kein Angebot gemacht haben.

 

STEIGER

Das Weihnachtsevangelium ist vermutlich mit die bekannteste Geschichte, die es in der Bibel überhaupt gibt. Sie ist bei uns so etwas wie ein Kulturgut. Ich erinnere mich, dass ich die als Kind zu Hause immer vortragen durfte und als junger Mann dann auch noch und da war ich immer sehr stolz drauf. Die hat für uns ganz fest zum Heiligen Abend gehört. Frau App was bedeutet ihnen diese Geschichte? Und wie verstehen sie sie? Was finden sie daran wichtig?

 

APP

Also normal zu Hause an Heilig Abend mit meiner Mutter und meinen Schwestern kommt es eher nicht zur Weihnachtsgeschichte, weil wir da nicht so religiös sind, aber am 1. Weihnachtsfeiertag gehe ich immer zu meiner Oma und meinem Opa und meine Oma besteht darauf, dass sie die Weihnachtsgeschichte vorlesen darf und das meistens in einer abgewandelten Form,  jetzt nicht direkt aus dem Lukasevangelium. Und ich find die Geschichte an sich ist auch heutzutage praktisch noch aktuell, weil es viel davon hat, irgendwo anzukommen oder nach Hause zu kommen. Wie eben dann auch Maria und Josef eine Bleibe gesucht haben und dass man heimkommt oder ankommt und zusammen ist. In der Familie eigentlich.

 

STEIGER

Also sie geben dem Ganzen schon auch eine fast politische Bedeutung oder zumindest eine soziale Bedeutung, also es ist nicht nur irgendwo eine alte Geschichte, sondern sie übertragen was das geschehen ist auf ihre Zeit und das was heute in unserem Leben eine Rolle spielt. So wie das eigentlich ein guter Prediger auch immer tun sollte, wenn er dran ist an Weihnachten etwas über das Lukasevangelium zu sagen.

Herr Neff: Welcher Aspekt, bei Lukas, ist ihnen besonders wichtig?

 

NEFF

Dieser Aspekt der Begegnung, das in der Beziehung sein, sich in Beziehung setzen von Gott zu seiner Welt, zu seiner Schöpfung. Was für mich im Lukasevangelium an der Weihnachtsgeschichte nochmal auf eine ganz neue, dramatische Weise eigentlich greifbar wird. Dass der liebe Gott, als Schöpfer die ganze Welt ins  Dasein gerufen hat, nochmal auf eine ganz neue, radikale Art und Weise sich in Beziehung setzt zu seinen Geschöpfen. Er selbst wird Mensch, heißt es, und diese Menschwerdung ist ja nicht gerade was Äußerliches, Oberflächliches, sondern es ist wirklich ein ganz Hineintauchen in das, was eben unser Menschsein ausmacht. Und das Miterleben, was Menschen erleben in allen Facetten, von Freude über Leid, Verzweiflung, Klagen, Schmerz. All das, was plötzlich in dieser Beziehung, in Gott selbst hineinkommt.

 

STEIGER

Ich kann mir das gut vorstellen, dass das gerade für junge Leute ein guter Ansatzpunkt ist, die mitten im Leben stehen. Die gerade dabei sind, die Welt für sich zu erobern. Sich selber kennenzulernen mit all den Facetten, die sie auch angedeutet haben. In der katholischen Kirche gibt es derzeit viele kirchliche Ereignisse und Maßnahmen, die sich um die Jugend drehen. Im Vatikan hat eine Jugendsynode stattgefunden, die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat bis Mai 2019 jetzt gerade ein Jahr der Jugend ausgerufen.

Herr Neff, was denken sie, kommt davon etwas bei den jungen Leuten an?

 

NEFF

Das ist etwas für die Jugendlichen, glaub ich, etwas was oft sehr weit weg ist und natürlich erst mal auch abstrakt bleibt. Es ist eine Weltsynode, da werden keine konkreten Beschlüsse gefasst, die sofortige Auswirkungen hier irgendwie für die Jugendarbeit, für die Jugendlichen hier vor Ort hätten. Wir können die Johanna selbst fragen, ob sie etwas davon mitbekommen hat.

 

APP

Also, um ehrlich zu sein, habe ich es nicht mitbekommen und ich frag mich auch ein bisschen, wofür es so ein Jahr der Jugend braucht, wenn man sonst dann die ganzen anderen Jahren kein Jahr der Jugend hat und die Jugend nichts zu sagen hat? Oder, wie ist das?

 

STEIGER

Ich vermute, da haben sie Recht. Das gibt mir Gelegenheit, sie abschließend noch zu fragen: Was sie sich denn von der Kirche wünschen?

 

APP

Also ich find‘ Kirche ist einfach auch dafür da, dass man einen offenen Ort hat, wo man hinkommen kann, wann es einem vielleicht selber einmal passt. Also es muss ja nicht sonntags sein, morgens auch noch, zum normalen Gottesdienst, sondern einfach wenn‘s eigentlich auch reinpasst, mit der ganzen Schule und so. Das man jemanden hat, mit dem man reden kann, über was auch immer. Und das man nicht verurteilt wird, weil man kein Vorwissen hat, was die genaue kirchliche Geschichte angeht oder so. Und das man so angesprochen wird, wie es halt zu einem passt. Also, dass es extra Jugendangebote gibt, finde ich immer sehr ansprechend, weil es einfach dann spannender ist oder halt was anderes mal.

 

STEIGER

Man möchte verstehen, was die Kirche zu sagen hat.

 In einer Sprache, die man verstehen kann. Ich finde, dass passt auch gut zu Weihnachten. Wo Maria und Josef ja auch froh waren, dass sie dann irgendwann mal eine offene Tür gefunden haben.

 

NEFF

Und es passt zu der Offenheit des Weihnachtsfestes. Die Offenheit Gottes auf etwas Neues hin. Was auch er selbst vielleicht als ein Wagnis, so stell ich es mir vor, empfunden haben könnte. Durchaus: Ich lass mich auf etwas ein, wo ich noch nicht ganz gefunden habe. Die Offenheit wünsche ich meiner Kirche auch immer.

 

STEIGER

Vielen Dank, dass sie sich Zeit für dieses Gespräch mit mir genommen haben. Ich wünsche ihnen und den Menschen, die uns zugehört haben, an diesem besonderen Festtag gute Stunden mit lieben Menschen. Frohe Weihnachten!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27797

(Johannes 1,1-18)

Schaffe ich einen neuen Anfang? Heute? Weil heute Weihnachten ist? Sie denken vielleicht: „Die Frage passt besser zu Neujahr. Da ist er ein bisschen (zu) früh dran.“ Aber das sehe ich ganz und gar nicht so. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für einen Neuanfang als Weihnachten. Und zwar deshalb, weil Gott selbst da noch einmal ganz von vorn anfängt. Als würde die Welt nicht existieren, die er einst ins Dasein gebracht hat. Allerdings muss er nicht mit allem von vorne anfangen, sondern nur mit dem problematischsten Teil seiner Schöpfung. Und der sind nun mal wir, wir Menschen. Wir, die wir aus Fleisch und Blut sind, aus dem Willen des Fleisches geboren[1]. Vom Evangelisten Johannes stammen diese Worte; sie werden heute als Weihnachtsevangelium in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen. Johannes sagt: Gott will nicht, dass es so weiter geht. So fleischlich, so menschlich allzu menschlich. So machtbesessen und gewissenlos. Als ob es da einen Konstruktionsfehler gäbe. Was Gott sich ursprünglich einmal gedacht hatte mit uns, das hat versagt. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung. Da ist einfach zu viel falsch gelaufen. Von Anfang an. Adam, der mit Eva vom verbotenen Baum isst. Kain, der den Bruder erschlägt. Die Bewohner der Stadt Babylon, die einen Turm in den Himmel bauen, mit dem sie Gott in den Schatten stellen wollen. Und in diesem Stil geht es weiter mit Neid und Eifersucht, damit, dass wir einfach nie bereit sind, unsere Grenzen zu akzeptieren. Aber Gott gibt nicht auf, er schaut nicht länger zu. Er probiert es noch einmal. So haben die ersten Christen es verstanden: Jesus ist das Wort, das Gott spricht, damit es einen neuen Anfang geben kann. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (...) Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt[2].

So spricht Johannes von Weihnachten. Von der Geburt Gottes in Gestalt des Menschen Jesus aus Nazareth, den er seinen geliebten Sohn nennt. Er ist der Prototyp des neuen Menschen. Und als solcher Gottes Angebot, es noch einmal neu zu versuchen mit dieser seiner Welt. Bis heute besteht dieses Angebot. Es kann etwas bewirken. Es kann ein echter Neuanfang daraus werden, überall dort, wo Menschen Gottes neuen Anfang sehen und annehmen. Wo sie das Wort „Jesus“ in ihre Worte übersetzen und dem entsprechend handeln. Im Geiste Jesu.

Schaffe ich das heute? Ich will’s versuchen. Will wenigstens an einer Stelle neu ansetzen, Zeugnis ablegen für das Licht[3], wie es im Evangelium des Johannes auch heißt. Und so den dunklen Seiten des Menschen, die mir begegnen werden, die es in mir auch gibt, etwas entgegen setzen.

Thomas Steiger aus Tübingen von der Katholischen Kirche.



[1] Vgl. Joh 1,13

[2] Joh 1,1.14

[3] Joh 1,8

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Fürchte dich nicht, Maria.[1] Am Anfang steht ein Wort gegen die Angst. Es ist an eine junge Frau gerichtet. Sie wird von jetzt auf nachher in den Mittelpunkt der gesamten Menschheit gestellt. Ohne gefragt zu werden. So sehr, wie sie es sich nie vorstellen könnte. Auf einmal hängt ungeheuer viel an ihr. Wie wird sie reagieren? Ob sie zustimmen kann und den Auftrag annehmen? Ist sie bereit, ihr Leben völlig neu auszurichten? Denn das wird von ihr erwartet: Sie soll ein Kind austragen. Beinahe wie eine Art Leihmutter. Sie hat das nicht geplant. Sie kennt den Vater nicht. Man sagt ihr lediglich: Du bist wichtig, du wirst gebraucht. Das Kind hat eine große Zukunft. So ein Einschnitt im Leben macht Angst, große Angst. Veränderungen beunruhigen grundsätzlich. Je größer sie sind, desto mehr. Die junge Frau muss gut überlegen, ob sie sich das zutraut.

Wenn einen die Angst überkommt, verliert man leicht den Boden unter den Füßen. Und kann in der Situation kaum etwas dagegen machen. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Weil ich eine Zeitlang in meinem Leben mit großer Angst zu kämpfen hatte. Die körperlichen Symptome waren grässlich: Mein Herz raste. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich wusste gar nicht, woher das kam. Ich wollte weglaufen und konnte nicht. Im nachhinein weiß ich, dass das gerade richtig war: Nicht weglaufen, aushalten, weiter atmen, den nächsten Schritt tun. Und mir zu sagen: „Thomas, die Angst wird nicht das letzte Wort behalten.“

Maria hat das Glück, dass sie dieses Versprechen direkt zugesprochen bekommt. Von Gott, von seinem Engel: Fürchte dich nicht! Tatsächlich scheint das ihr Vertrauen entscheidend gestärkt zu haben. Was ich sehr bewundere, weil ich mir das bestimmt so nicht zugetraut hätte. Bei Maria scheint das der ausschlaggebende Punkt gewesen zu sein. Am Anfang, als Fundament: ein Signal gegen die Angst, auf das sie sich verlässt.

Dann geschieht Großartiges. Gott kann mit Marias Hilfe auf die Welt kommen. Das feiern wir an Weihnachten. Weihnachten bedeutet für mich auch, dass die Angst nicht siegen wird. Dass es sich lohnt zu vertrauen. Ich habe mir für den Advent vorgenommen, mir diesen Satz täglich zu sagen: „Fürchte dich nicht, Thomas.“ Meine Aufgabe ist beileibe nicht mit der von Maria zu vergleichen. Aber ein bisschen Gott in die Welt bringen, das möchte ich auch.



[1] Lk 1,30

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