Manuskripte

Abschied nehmen. Loslassen. Das Leben, seine Freunde, die Schönheit der Welt, auch das, was schwierig und böse war. Kann man das auch bei Jesus lernen? Der Abend heute an Gründonnerstag ist in der Kirche ganz vom Abschiednehmen geprägt. Jesus weiß, dass es jetzt ganz schnell gehen wird. Er spürt förmlich den Tod. Die Bibel überliefert in den vier Evangelien, wie Jesus sich einstellt, was er noch alles tut, bevor er die Zügel aus der Hand geben muss. Der Gründonnerstag-Abend endet damit, dass er gefangen genommen wird, seinen Weg nicht mehr selbst bestimmen kann. Wie das bei Abschieden so ist, zumal wenn sie endgültig sind.

Mir kommt es aber auf das an, was Jesus davor tut. Wie er seinen Abschied gestaltet, regelrecht inszeniert. Er versammelt seine Jünger um sich, den engeren Kreis. Er will den Abend mit ihnen verbringen. Wie bei einem Fest. Mit gutem Essen und Wein und vertraulichen Gesprächen.

Am Beginn des Abends setzt er ein erstes Zeichen. Er wäscht den anderen die Füße. Und bringt damit zum Ausdruck, was ihm immer besonders wichtig gewesen ist: Die normalen gewohnten Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Die eingespielten Gesetze gegen den Strich zu bürsten. Deshalb kniet er sich hin und übernimmt das, was sonst der Letzte von allen, der Hausdiener tun würde. Er bittet seine Jünger, diese Geste nicht zu vergessen. Sie sollen es später genauso machen. Jesus ist überzeugt: Nur so lässt sich etwas ändern, zwischenmenschlich, hin zu mehr Liebe.

Dann kommt das Abendessen. Die Stimmung ist feierlich, aber auch erregt. An einer Stelle ergreift Jesus das Wort und formuliert sein zweites Vermächtnis: Tut dies zu meinem Gedächtnis, sagt er. Er bittet seine Freunde also, noch etwas gut im Kopf zu behalten. Dass der Tod ihn nicht auslöschen wird. Dass er künftig das Brot und der Wein sein wird, wenn sie das Mahl feiern. Ein geheimnisvolles Versprechen ist das. Für viele Christen aber ein großer Trost bis heute.

Inzwischen ist der Abend fortgeschritten. Die Stimmung ist ins Traurige umgeschlagen. Bevor die Falle zuschnappt, in die Jesus gehen muss, will er noch einmal beten, mit Gott allein sein. Sein Herz ist so voll, voller Trauer und Hoffnung. Es bleibt offen, ob er wirklich Trost gefunden hat.

Das sind drei bemerkenswerte Schritte, wie man Abschied nehmen kann: Anderen noch einmal einen Liebesdienst erweisen. Einen festlichen Abend gestalten, dabei sagen, was einem wichtig ist. Und sein Leben in Gottes Hand legen. Für mich ist der Gründonnerstag ein besonderer Abend. Ich hoffe, auch einmal so Abschied nehmen zu können.

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Ja, Schüler können selbstverständlich auch außerhalb des Unterrichts demonstrieren. Für den Klimaschutz. Das ist richtig. Sie können immer und zu jeder Zeit sagen, dass sie unzufrieden damit sind, wie die sich engagieren, die jetzt an der Macht sind. Dass ihnen das zu wenig ist. Dass sie Angst haben um ihre Zukunft. Das geht auch samstags oder am Mittwoch Abend um 19 Uhr. Aber ist es nicht genau die Tatsache, dass sie es während der Schulzeit tun, die auf die jungen Leute aufmerksam macht?! Das irritiert viele Erwachsene, dass Schüler auf einmal so politisch sind. Es ärgert manche Politiker, wenn sie jetzt aus der Reihe tanzen und sagen: „Es geht um uns, mehr als um Euch Ältere.“

Fridays for future heißt die Aktion. Freitags für die Zukunft. Greta Thunberg hat es vorgemacht. Eine 16-jährige Schülerin aus Schweden. Sie hat sich schon vor Monaten vor das Parlament in Stockholm gesetzt, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Erst allein, dann kamen immer mehr junge Leute dazu. Inzwischen ist die Aktion auch bei uns bekannt geworden. Nicht zuletzt weil es beeindruckend ist, wie ernst Greta das nimmt, was ihr so wichtig ist.

Die jungen Leute sagen: „Passt auf, es ist uns ernst mit unserem Protest. Er ist wichtiger als der Unterricht. Wir sprechen von einer Sache, in der’s ums nackte Überleben geht. Nicht mehr für die, die jetzt das Sagen haben. Im Augenblick noch nicht für uns. Aber für Menschen andernorts. Wie man in Mosambik sehen kann. Wo Tausende gestorben sind und Hundertausende alles verloren haben, weil ein riesiges Gebiet überflutet worden ist. Nicht ohne Grund, sondern weil der Klimawandel dort zu nie dagewesenen Regenfällen geführt hat. Und weil wir dafür Verantwortung tragen und die auch übernehmen wollen.“

Ich habe auch freitags meinen Religionsunterricht in der Schule. Und ich habe den Schülern gerne diese Zeit geschenkt, damit sie sich gemeinsam auf den Weg durch die Stadt machen konnten.

Ich weiß, etliche Politiker quer durch die Parteien lehnen den Schülerstreik ab. Ich verstehe ihre Argumente. Wenn sie auf die Schulpflicht hinweisen. Ich erwarte dann aber im gleichen Atemzug, dass sie endlich klare Signale setzen. Wie in Norwegen, wo ab 2030 keine neuen Verbrennungsmotoren in Autos mehr zugelassen sein werden. Solange bei uns taktiert wird, spüren die Schüler: „Denen ist es nicht ernst. Uns aber schon. Wir lassen uns nicht mundtot machen!“

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Für die meisten von uns ist der Tag heute bald vorbei. Manche werden noch auf dem Nachhauseweg sein. Andere haben schon das Abendessen hinter sich. Die meisten sind jedenfalls mit der Arbeit für heute fertig. Aber einige eben noch nicht. Sie müssen jetzt noch arbeiten, manche von ihnen die ganze Nacht hindurch. Bis sie morgen Vormittag von der Frühschicht abgelöst werden. Ich meine die Schwestern und Pfleger in den Krankenhäusern und Altenheimen. Auf sie lenke ich heute unsere Aufmerksamkeit.

Als ich letzten Herbst im Krankenhaus war, habe ich hautnah erlebt, wie es in der Pflege zugeht. Nach meiner Operation konnte und durfte ich in den ersten Tagen vieles nicht allein: aufs Klo, aufstehen und laufen, die Schuhe binden. Ich hatte Schmerzen, und weil ich nachts oft wach lag, hatte ich genug Zeit zum Grübeln. Die Fragen habe ich dann den Schwestern und Pflegern auf Station gestellt. Fast nebenbei haben sie das gemacht, was ihre eigentliche Aufgabe ist: Mich medizinisch so zu versorgen, dass es schnell wieder aufwärts ging mit mir, dass es nach der OP keine Komplikationen gab, dass ich bald wieder geheilt nach Hause entlassen werden konnte. Mein Eindruck war: Sie haben prima für mich gesorgt. Selten war jemand mürrisch. Der Druck, unter dem sie stehen, war aber schon manchmal zu spüren.

Als es mir besser ging, habe ich mit den Frauen und Männern auch über ihre Arbeit gesprochen.  Fast immer haben sie gesagt, dass ihr Beruf schön, aber auch anstrengend ist. Sie sind sich darüber im klaren, dass sie etwas sehr Wertvolles tun. Die meisten lieben ihren Beruf, weil sie ganz handgreiflich etwas Gutes tun können, weil sie einfach gebraucht werden. Die Nähe zu anderen Menschen, körperlich und geistig, ist schön, aber eben auch anspruchsvoll. In den Kliniken und Heimen ist der Druck oft enorm. Die Träger geben den Konkurrenzkampf unter den Anbietern an ihre Angestellten weiter. So kommen auf immer mehr Patienten weniger Pflegekräfte, und bezahlt werden sie auch nicht besonders gut. Und das, obwohl sie eine Arbeit machen, die sonst keiner machen will. Immer weniger machen sich auf den Weg zu einer Ausbildung in Pflegeberufen.

Ich danke an dieser Stelle allen, die an diesem Abend arbeiten und für andere da sind. In den Hospizen und Kliniken, in Altenheimen und Sanatorien. Auch an den kommenden Feiertagen werden sie das tun. Ihre Arbeit ist ein unverzichtbarer Beitrag, damit unsere Gesellschaft nicht auseinander bricht. Das verdient unseren Respekt und dass sie entlastet werden durch bessere Arbeitsbedingungen.

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Meine Erfahrungen mit der Kirche. Das ist ein Thema in der Vorbereitung auf die Firmung. Ein schwieriges Thema. Gerade zur Zeit. Es kommt so viel Böses an Tageslicht, was vor allem Priester Kindern und Jugendlichen angetan haben. So viel Gewalt, so viel Ich-Sucht; so viel, was nicht zur Liebe passt, die Jesus das Wichtigste gewesen ist. Zur Liebe zu Gott, die nie den Nächsten aus dem Blick verliert.

Ich war mit dreißig jungen Leuten auf einem Wochenende und wir haben über ihre Erfahrungen mit der Kirche gesprochen. Erstaunlich war für mich: Die meisten sind ganz zufrieden mit dem, was sie unter Kirche verstehen und erleben. Sie erzählen davon, dass es ihnen gut tut, mit anderen zusammen zu sein, die auch über Gott nachdenken. Sie sprechen davon, wie wichtig ihnen der Ort ist, wo man zum Beten hingehen kann.  Und dann sagt einer den folgenden Satz: „In der Kirche spüre ich, dass ich nicht umsonst auf der Welt bin.“ Es dauert einen Augenblick, bis ich kapiere, was der Junge da ausgesprochen hat: „In der Kirche spüre ich, dass ich nicht umsonst auf der Welt bin.“ Ja, das trifft es. Das ist für mich ein Spitzensatz des Glaubens. So müsste es sein, überall, wo Kirche ist. Jeder Mensch, der mit Kirche zu tun hat, sollte spüren: Ich bin hier gern gesehen. Egal, wie ich aussehe; egal, wie stark oder schwach mein Glaube an Gott gerade ist. Ich bin willkommen, egal was sich in meinem Leben schon abgespielt hat. Ich bin gerade dann gern gesehen, wenn bei mir nicht alles glatt gelaufen ist, wenn ich schon mal auf die schiefe Bahn geraten bin. Hier werde ich nicht weggeschickt, weil ich nicht die Erwartungen erfülle, die sonst überall eine so große Rolle spielen. Ich bin in Ordnung. Ja, ich bin wertvoll.

Ich habe den jungen Mann gefragt, woher er diesen Gedanken hat und weshalb er ihn mit der Kirche verbindet. Seine Antwort: „Meine Eltern haben mich immer in die Kirche mitgenommen. Bei ihnen habe ich das gelernt. Es hat für mich immer zusammen gehört.“ Wie schön! Wie berührend schön, dass es das auch gibt. Ich wünsche dem Jungen, dass er diesen Glauben behält und keine allzu großen Enttäuschungen erfahren muss, die ihn zerstören könnten. Und ich wünsche mir, dass ich solche Erfahrungen in der Kirche nicht übersehe, wo Menschen einen guten Platz finden. Und dass ich meinen Teil dazu beitrage.

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Ein Sturm der Begeisterung. Und dann der tiefe, tiefe Fall. So in etwa lässt sich das beschreiben, was mit dem Palmsonntag beginnt und dann seinen Lauf nimmt. Bis einer stirbt. Die Kirche erinnert sich, was damals geschehen ist, als Jesus nach Jerusalem ging. Dass er sich den Machthabern in den Weg gestellt hat, den weltlichen und den Hohepriestern, die zu seiner eigenen Religion gehören. Jesus muss gewusst haben: Daran führt kein Weg für ihn vorbei. Wenn er sich treu bleiben will, muss er sich der Konfrontation stellen. Was er zu sagen hat, ist nicht fürs stille Kämmerlein, ist keine Geheimlehre. Es ist hoch politisch und soll jeden erreichen. Die Ersten werden die Letzten sein[1]. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Himmelreich.[2] Selig, die keine Gewalt anwenden[3]. Jesus sagt: Mit ihm fängt das an, was er predigt. Jetzt schon. Heute. Als er Jerusalem erreicht, jubeln sie Jesus deshalb zu. Viele sehen in ihm den Retter. Er wird sie endlich aus der Gewalt der Besatzer befreien. Eine neue, eine bessere Zeit bricht jetzt an.  

Ich habe mich oft gefragt, ob Jesus das recht war. Ob er sich im Bad der Menge wohl gefühlt hat, weil er von der Zuwendung und Bestätigung anderer lebt, wie jeder Mensch. Ob er sich gefreut hat, dass so viele offenbar verstanden haben, dass es gut ist, was er zu sagen hat. Oder ob es auch eine gehörige Portion Skepsis bei ihm gegeben hat. Wie wird das wohl sein, wenn sie merken: Das ist gar nicht so harmlos, was ich ihnen sage. Ich erwarte, dass sie umdenken, ihr Leben ändern, auf den Prüfstand stellen, was sie bisher so selbstverständlich für wahr und recht gehalten haben. Bei allem, wie Jesus in den Evangelien charakterisiert wird und erst recht in dem, was er sagt, muss er geahnt haben, was da auf ihn zukommt. Und der Begeisterungssturm vom Palmsonntag muss ihm höchst suspekt gewesen sein. Für Hysterie und oberflächlichen Jubel taugt das nicht, was er vertritt. Aber einen Ausweg hat er trotzdem nicht gesehen. Er muss hinein in die Höhle des Löwen. Es wird passieren, was passieren muss. Unausweichlich. Ja, der Jubel der Massen ist so etwas wie das entscheidende Indiz: Jetzt kommt der Showdown. 

ZWISCHENMUSIK

Auf dem Lehrplan der Zehnten Klasse im Reli-Unterricht steht das Thema: Kirche im Nationalsozialismus. Wir haben uns Originalaufnahmen angesehen. Immer wieder sind dort große Mengen von Menschen am Straßenrand zu sehen. Sie geraten schier in Ekstase, als ihr Führer an ihnen vorbeifährt. Kinder, Jugendliche, Mütter und gestandene Männer. Die Begeisterung, ihre Hoffnung - sie sind mit Händen zu greifen. Das ist alles echt. Hitler wird Deutschland groß machen. So sehen Sieger aus. Was dabei herausgekommen ist, wissen wir alle. Auch meine Schüler wissen es. Sie spüren, dass da etwas nicht stimmt. Weil der Einzelne in der Masse verschwindet. Er ist nur noch als Material interessant. Als Menschenmaterial für den vermeintlichen Sieg. Es geht gar nicht um die vielen Individuen, um ihr Leben, ihr Glück. Ich sage meinen Schülern, dass ich sie nie in so einer Situation sehen will. Ich vermittle ihnen, dass sie ihren Verstand einsetzen und kritisch bleiben sollen, wenn jemand von ihnen Gehorsam verlangt. Ich will sie davor bewahren, dass sie blind einer Sache hinterherlaufen. Ich übe mit ihnen im Unterricht, dass sie sich zu einer Sachfrage differenziert äußern lernen, also abwägen zwischen pro und contra, und dann ihre Meinung begründen können. Ich warne sie vor allzu großen Führern und Idolen.  

Solange ich denken kann, ist mir ist jede Form der Vereinnahmung verdächtig gewesen. Ich wäre nie einer Studentenverbindung beigetreten. Große Aufläufe sind auch in der Kirche nie meine Sache gewesen. Ich bin immer mehr zu der Überzeugung gekommen, dass das einfach nicht zu mir passt Und zu Jesus auch nicht. Deshalb ist das für mich auch die entscheidende Botschaft des Palmsonntags heute. Jesus kann man nicht hinterherlaufen. Von ihm muss man überzeugt sein. Im Innersten. Dass es soweit kommt, braucht Zeit. Es muss in die Tiefe der Person eindringen, ins Herz.

Jesus hat Menschen gerufen, mit ihm zu gehen, seine Jüngerinnen und Jünger zu sein. Das stimmt. Sie sollten dabei aber auf so manches verzichten: ihr Prestige, ihre geliebte Familie. Jesus hat radikale Gleichheit gepredigt. Keiner soll über anderen stehen. Wer viel hat, viel kann, der soll umso mehr mit anderen teilen. Er erwartet von ihnen, dass sie nicht auf die eigene Macht bauen, sondern alles darauf setzen, dass Gott es gut mit ihnen wie mit jedem Geschöpf meint. Deshalb brauchen sie auch keinem Menschen nachzulaufen. Auch ihm selbst, Jesus, dem Menschensohn, nicht.

Darin steckt eine enorme Sprengkraft. Alle, die Jesus wirklich nachfolgen wollen, müssen sich ihr stellen. Nicht zuletzt die Kirche selbst.



[1] Matthäus 19,30

[2] Markus 10,25

[3] Matthäus 5,5

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(Jesaja 50,4-7)

Im Buch des Propheten Jesaja steht: Gott, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate. Heute werden diese Sätze in den katholischen Gottesdiensten gelesen. Sie stehen wie ein Leitmotiv über der kommenden Woche. Heute ist Palmsonntag. Christen auf der ganzen Welt erinnern sich daran, dass Jesus nach Jerusalem geht. Und dass dort sein Weg auf der Erde zu Ende geht. Wie schafft es jemand, so konsequent zu sein? Ich bewundere das Vertrauen, dass Jesus gehabt hat. Anders kann ich mir nicht erklären, wie jemand in so einer heiklen Lage so zielstrebig bleibt. Jesus muss zumindest geahnt haben: Das geht nicht gut aus. Jetzt werden sie jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen. Sie werden nach Möglichkeiten suchen, wie sie ihm seine Worte im Mund umdrehen können. Die Griffelspitzer und Rechtsverdreher seiner eigenen Religion, die Superfrommen unter den Pharisäern und der Angsthase Pilatus auf dem Thron des Statthalters. Mit Wehrlosen machen die Mächtigen es gern so. Siehe Mahatma Gandhi, oder Martin Luther King. Auch um die kleine junge schwedische Frau namens Greta Thunberg habe ich Angst. Wie unerschrocken sie sagt, was sie denkt. Uns und allen Privilegierten ins Gewissen redet. Das kann nur jemand, der viel Vertrauen hat. Dem egal ist, was andere über einen denken. 

Vielleicht war das bei Jesus auch so. Weil er gewusst hat, dass es kommen wird, wie es kommen muss. Weil er ein starkes Selbstvertrauen hatte. Und weil das gestützt war auf Gott: dass ER den Sinn hinter allem bestimmt, was geschieht. Jesus hat dafür ein Vorbild gehabt. Den Propheten Jesaja. Was in seinem Buch steht, kommt dem sehr nahe, wie Jesus gedacht und geglaubt und gehandelt hat. Vielleicht hat er sich ja genau diese Stelle vorgesagt, die ich am Anfang zitiert habe, als er nach Jerusalem ging: Gott, der Herr, wird mir helfen; (...) Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate. 

Jesus hat provoziert. Nicht aus Bosheit oder weil er auf Streit aus war. Nein, *wer den Mächtigen auf den Zahn fühlt, *wer Erwachsenen sagt, sie sollen werden wie Kinder, *wer Gott mehr vertraut als Menschen, der bringt durcheinander, wie wir uns eingerichtet haben. Damit macht man sich bei denen unbeliebt, die von der bestehenden Ordnung profitieren. Jesus hat gewusst, dass er damit nicht durchkommen wird, ohne anzuecken. Dass er einen festen Halt braucht, einen inneren Schutz, ohne hart zu werden. Weil er Schläge bekommen wird. So hält er an seinem Weg fest. Mit großem Vertrauen, das von Gott kommt. Das begeistert mich an ihm.

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Es gibt Lieder im Gesangbuch, mit denen ich religiös groß geworden bin. Unter ihnen nimmt das Lied, das ich Ihnen heute vorstelle, eine besondere Stellung ein: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr.

Wie kaum ein zweites charakterisiert dieses Lied eine Haltung, die mir im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden ist: vorsichtig zu sein, wenn ich von Gott spreche. Nicht im vollmundigen Ton der Gewissheit. Besser zu fragen, als etwas zu behaupten. Gott  nicht für mich und meine Interessen zu vereinnahmen. Alles in allem nie zu vergessen: Meine Unkenntnis über Gott ist größer als all das, was ich über ihn zu wissen meine.

Als Seelsorger habe ich oft genug erlebt, wie ich mit leeren Händen dastand. Vor Jahren musste ich ein 14-jähriges Mädchen beerdigen. Sie hatte einen bösen Tumor an der Leber und alle medizinische Kunst hatte in kurzer Zeit versagt. Ihre Eltern waren tapfer, aber todtraurig. Sie selbst hat bei meinen Besuchen vor dem Tod kein Wort mit mir gesprochen. Auch ich habe nichts gesagt. Denn: Was hätte ich da sagen können? Dass Gott alles gut machen wird? Das ist meine stumme Hoffnung geblieben. Ich saß lange am Bett des Kindes und habe geschwiegen. Ich habe mit dem Mädchen und seinen Eltern ausgehalten, so gut mir das eben möglich war. Ich habe stumm gebetet und gefleht. Weil mir Gottes Wege dabei fremd geblieben sind. Weil ich nicht verstanden habe, was ER damit bezweckt. Weil hier wie in so vielen anderen Fällen der Tod eine große Macht entfaltet hat. Auch bei der Ansprache zum Begräbnis habe ich Fragen gestellt. Wie es das Lied heute in seiner ersten Strophe tut.

Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott. der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen. 

Auch in der zweiten Liedstrophe stehen die Fragen an Gott im Zentrum. Ja, sie werden nochmals verstärkt. Und zwar mit Blick auf die großen Verheißungen der Bibel: dass Gott sein erwählten Volk aus der Sklaverei in ein gelobtes Land führt[1]; dass er den Namen jedes einzelnen Menschen in seine Hand geschrieben hat[2]. Huub Oosterhuis, der Verfasser des Lieds, begegnet dem ausdrücklich mit Skepsis. Nicht weil er die Existenz Gottes in Frage stellt. Im Gegenteil: Weil er an ihm festhalten will, weil er seinen Glauben stärken will, muss er so radikal ehrlich bleiben. In den meisten Fällen hat er keine abschließende Antwort. Aber dass es stimmt, was in der Bibel steht, das muss sich erst zeigen: im nackten Leben eines jeden, der die Worte im Mund führt: 

Von Zweifeln ist mein Leben übermannt, mein Unvermögen hält mich ganz gefangen. Hast du mit Namen mich in deine Hand, in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben? Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen? 

Die letzte Strophe wechselt den Ton. Vorsichtig zeigt sich ein Lichtstrahl am Horizont. In einer ganzen Kaskade aus Anrufungen wird Gott bestürmt. So, als ob auf ihm allein die ganze Hoffnung des Menschen ruht: Gib Trost, schenke Frieden, sei die Nahrung, die ich zum Überleben brauche. Gerade in schweren Zeiten waren das Bitten, die ich mir gerne zu eigen gemacht habe. In denen ich - bei aller Vorsicht - Gott näher gekommen bin als an vielen anderen Stellen.

Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und laß mich unter deinen Söhnen leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.

 

Verwendete Einspielungen:

Ich steh vor dir mit leeren Händen; GL 422

Chormusik zum Gotteslob (Auszug)

Huijbers, Bernard; Oosterhuis, Huub; ...

figuralchor köln

CD Singt, singt, singt dem Herrn!   Gotteslob mit Klavier, Gitarre, Flöte, Saxophon ... Deutsches Liturgisches Institut N° 7133

52 Stücke aus dem Gotteslob. Ein Querschnitt von Gregorianik bis hin zu aktuellen Neuen Geistlichen Liedern.

Erarbeitet von Bernhard Blitsch (Köln), Horst Christill (Limburg), Thomas Gabriel (Mainz) und Johann Simon Kreuzpointner (St. Pölten).



[1] Exodus 3,13

[2] Jesaja 49,16

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Gibt es nun einen Klimawandel - oder nicht? So gut wie alle wissenschaftlichen Untersuchungen sagen: Ja, es gibt daran keinen Zweifel. Die Erde hat sich in den letzten Jahren erwärmt. Deutlich über das normale Maß hinaus. So wie es nicht sein sollte. Trotzdem behaupten manche Politiker bei uns, dass das nicht stimmt. Ebenso der amerikanische Präsident. Bei ihm drängt sich mir manchmal der Eindruck auf, dass er die Fakten gezielt ignoriert und sich darüber lustig macht. Als ob er sich über die Realität hinwegsetzen könnte. Das macht mich wütend.

Aber mir fällt noch etwas auf. Auch die, die wissen, welche Folgen der Klimawandel haben wird, machen fast so weiter wie bisher. Sie tun jedenfalls nicht das, was nötig wäre, um die Erderwärmung tatsächlich aufzuhalten. Und ich muss bekennen: Zu denen gehöre auch ich. Ich fahre Auto. Ich esse Fleisch. Ich ver-brauche zu viel. Ich sehe die Probleme, und ändere nicht genug an meinem Verhalten. Es ist nicht so, dass ich mir keine Gedanken darüber mache und nach besseren Möglichkeiten suche. Ich fahre in der Stadt auch mit dem Bus und für längere Strecken nehme ich die Bahn. Ich fliege so gut wie nie. Ich heize mit Pellets, nicht mit Öl. Aber das reicht längst noch nicht. Ich spüre, dass ich noch viel mehr tun könnte und müsste. Warum gelingt mir das nicht?

Vermutlich deshalb, weil bisher alles gut läuft - bei mir, bei uns. Die Folgen des Klimawandels kriege ich noch nicht zu spüren. Das Schmelzen der Polkappen und der Gletscher, die Missernten in Afrika sind weit weg. Ich weiß, dass das eine Milchmädchenrechnung ist. Aber so lange es nicht weh tut, passiert offenbar nichts. Unsere regierenden Politiker unterstützen diese Einstellung, indem sie keine Gesetze erlassen, die wehtun, und zu einer klaren Umkehr führen. Irgendwie wird es schon gehen. Wir werden schon noch davonkommen.

Leider ist das nicht nur blauäugig, sondern rücksichtslos. Die Folgen werden unsere Nachkommen treffen. Wir zerstören unseren Planeten und laufen geradewegs in unser Unglück. Sehenden Auges. Aber mit großem Gleichmut. Auch ich als Christ, der weiß, dass Gott die Erde gehört, nicht mir, dass ich da bin, um die Erde zu bearbeiten und behüten. (Gen 2,15) Ich kann noch mehr dafür tun:  So einkaufen, dass ich weniger Müll produziere. Elektrogeräte und Lampen nicht unnötig angeschaltet lassen und so Strom sparen. Viele können solche kleinen Schritte tun. Und denke bloß keiner, sein Beitrag sei nutzlos.

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In einer Predigt habe ich einen Gedanken gehört, der mich bis Mark getroffen hat: „Frauen haben in der katholischen Hierarchie keinen Platz. Deshalb stehen sie unterm Kreuz.“ Ich war in doppelter Hinsicht getroffen: Zum einen als Pfarrer, der ja zur Hierarchie gehört und dadurch automatisch Frauen den Platz wegnimmt. Obwohl ich das gar nicht will. Dann aber zusätzlich als Mann und normaler Christ, der offenbar nicht dort steht, wo er eigentlich hingehört. Bei Jesus, treu, in seiner Nähe. Wollte der Prediger mir das absprechen?

Man muss dazu wissen: Als Jesus gefangen genommen und dann gekreuzigt wurde, sind die Männer aus seinem Umfeld so gut wie alle weggelaufen. Die Bibel berichtet, dass nur ein Mann da geblieben ist bis zum Schluss, bis zum Tod am Kreuz. Der engste Freund. Neben ihm die Mutter von Jesus, Maria. Und Maria Magdalena, die Frau, der eine besonders nahe Verbindung mit Jesus bescheinigt wird. Später beim Begräbnis und der Grabpflege ist überhaupt nur noch von Frauen die Rede. 

„Frauen haben in der katholischen Hierarchie keinen Platz. Deshalb stehen sie unterm Kreuz.“ Die Frauen stehen demnach am richtigen Platz. Meint der Prediger, der diesen Satz gesagt hat. Sie sind dort, wo ein Christ hingehört. Sie beschämen alle, die vor Angst weglaufen und sich mehr um sich selbst sorgen als um ihren Glauben. Ich gebe zu: Das ist in „meiner“ katholischen Kirche ein Problem. Die Analyse des Predigers ist bezwingend scharf. Aber sie gibt mir auch zu denken, wenn ich mir anschaue, wo Frauen sonst in unserer Gesellschaft ihren Platz finden. Mehr als Männer stehen sie an Krankenbetten und in Altenheimen, sorgen sich um Kinder und kochen für Arme und Obdachlose. In den Parlamenten und Führungsetagen der Wirtschaft dagegen sind sie unterrepräsentiert. Stattdessen sind sie oft die entscheidende Stütze im sozialen Gefüge unserer Gesellschaft. Sie gehen dorthin, wo’s wehtut, und halten den Laden zusammen. Sie stehen ihre Frau. Und sie stehen am richtigen Platz. Eben dort, wo das Kreuz Jesu heute steht. 

Und was kann ich als Mann, als Priester tun? Die Augen offen halten nach den Orten, wo das Kreuz steht. Und tatsächlich dort bleiben, aushalten. Darauf achten, mir künftig nicht zu schade zu sein für vermeintlich niedere Tätigkeiten. Meine Arbeit nicht für wichtiger zu halten als die anderer. Und mich dafür einsetzen, dass Frauen endlich dort ihren Platz bekommen, wo in der katholischen Kirche die Entscheidungen getroffen werden.

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Ich weiß, dass es oft müßig ist, „Warum“ zu fragen. Trotzdem frage ich mich manchmal: Warum tut ein Mensch, was er tut? Warum hegt einer Hass gegen Fremde? Warum freut sich einer über das Unglück des Nachbarn? Warum ist einer hilfsbereit - und ein anderer in der gleichen Situation nicht? Es ist schwierig, darauf eine Antwort zu finden. Meistens habe ich keinen direkten Zugang zu den inneren Beweggründen, die andere in ihren Handlungen leiten. Jeder hat seine Gründe, etwas zu tun oder es zu lassen. Es ist ja nicht so, dass ich selbst immer genau wüsste, was ich tun würde. Was ich aber weiß: Ich habe einen Anspruch an mich. Ich erwarte von mir, dass ich gut reagiere, freundlich, hilfsbereit. Ich könnte auch schlicht sagen: menschlich. So wie ich es von Menschen erwarte, die im anderen ein Gegenüber sehen, das gleich viel wert ist. Immer und absolut. Das ist für mich in etwa die Übersetzung des Hauptgebots meines christlichen Glaubens: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Darin steckt für mich eben jener Anspruch: Mir selbst nicht mehr zuzugestehen als einem anderen. Also stets zu bedenken: Was bräuchte ich in der Lage, in der sich mein Gegenüber befindet. Wenn Hilfe, dann Hilfe. Wenn Kritik, dann Kritik. Wenn Vergebung, dann Vergebung. Leider kommt es auch vor, dass ich hinter diesem Vorsatz zurückbleibe. Ich reagiere mit Schadenfreude oder ich schaue weg. Warum ist das so? Ich kann mir das nur damit erklären, dass ich dann meinen inneren Halt vergesse und verliere. Ich weiß, was richtig, also gut wäre - und mache es trotzdem nicht. Wenn ich hinterher meinen Fehler spüre, tut es mir leid. Immerhin. Da meldet sich mein Gewissen. 

Saul Friedländer, Überlebender des Holocaust, hat im Januar vor dem Bundestag eine Rede gehalten. Zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus. Am Ende zitiert er einen deutschen Offizier, Hans von Dohnany. Er hat zum Widerstand gegen Hitler gehört und Juden geholfen, in die Schweiz zu fliehen. Die Nazis haben ihn dafür 1945 erhängt. Auf die Frage, warum er so gehandelt habe, antwortete er: „Es war einfach der zwangsläufige Gang eines anständigen Menschen.“ So schlicht kann die Antwort auf die schwierige Warum-Frage dann doch sein. So ergreifend schlicht.

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