Manuskripte

Fürchte dich nicht, Maria.[1] Am Anfang steht ein Wort gegen die Angst. Es ist an eine junge Frau gerichtet. Sie wird von jetzt auf nachher in den Mittelpunkt der gesamten Menschheit gestellt. Ohne gefragt zu werden. So sehr, wie sie es sich nie vorstellen könnte. Auf einmal hängt ungeheuer viel an ihr. Wie wird sie reagieren? Ob sie zustimmen kann und den Auftrag annehmen? Ist sie bereit, ihr Leben völlig neu auszurichten? Denn das wird von ihr erwartet: Sie soll ein Kind austragen. Beinahe wie eine Art Leihmutter. Sie hat das nicht geplant. Sie kennt den Vater nicht. Man sagt ihr lediglich: Du bist wichtig, du wirst gebraucht. Das Kind hat eine große Zukunft. So ein Einschnitt im Leben macht Angst, große Angst. Veränderungen beunruhigen grundsätzlich. Je größer sie sind, desto mehr. Die junge Frau muss gut überlegen, ob sie sich das zutraut.

Wenn einen die Angst überkommt, verliert man leicht den Boden unter den Füßen. Und kann in der Situation kaum etwas dagegen machen. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Weil ich eine Zeitlang in meinem Leben mit großer Angst zu kämpfen hatte. Die körperlichen Symptome waren grässlich: Mein Herz raste. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich wusste gar nicht, woher das kam. Ich wollte weglaufen und konnte nicht. Im nachhinein weiß ich, dass das gerade richtig war: Nicht weglaufen, aushalten, weiter atmen, den nächsten Schritt tun. Und mir zu sagen: „Thomas, die Angst wird nicht das letzte Wort behalten.“

Maria hat das Glück, dass sie dieses Versprechen direkt zugesprochen bekommt. Von Gott, von seinem Engel: Fürchte dich nicht! Tatsächlich scheint das ihr Vertrauen entscheidend gestärkt zu haben. Was ich sehr bewundere, weil ich mir das bestimmt so nicht zugetraut hätte. Bei Maria scheint das der ausschlaggebende Punkt gewesen zu sein. Am Anfang, als Fundament: ein Signal gegen die Angst, auf das sie sich verlässt.

Dann geschieht Großartiges. Gott kann mit Marias Hilfe auf die Welt kommen. Das feiern wir an Weihnachten. Weihnachten bedeutet für mich auch, dass die Angst nicht siegen wird. Dass es sich lohnt zu vertrauen. Ich habe mir für den Advent vorgenommen, mir diesen Satz täglich zu sagen: „Fürchte dich nicht, Thomas.“ Meine Aufgabe ist beileibe nicht mit der von Maria zu vergleichen. Aber ein bisschen Gott in die Welt bringen, das möchte ich auch.



[1] Lk 1,30

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Was auf unserer Welt geschieht, ist oft hart und unbarmherzig. Aber an dem, was ist, kommt keiner vorbei.

Kain schlägt Abel tot. Seinen Bruder. So steht es in der Bibel.[1] Der Grund: Eifersucht. Gott hat sich mehr für Abel interessiert. Kain kommt sich deswegen minderwertig vor, weniger geliebt. Er fühlt sich bloß als Zweiter in der Gunst Gottes. Und das ärgert ihn, macht ihn wütend, bringt ihn zur Raserei. So sehr, dass er kurzerhand seinen Bruder erschlägt, als der auf dem Feld arbeitet. Hinterrücks, kaltblütig. Von da an ist die Welt, die Gott geschaffen hat, nicht mehr die, die sie war. Seither ist unzählige Male getötet worden, ein Mensch von einem anderen. So oft, so grausam, dass man beinahe annehmen möchte, das sei eine besondere Begabung des Menschengeschlechts. Ist der Mensch in dieser Hinsicht schlimmer als die Tiere?

Jeden dritten Tag tötet in Deutschland ein Mann seine Frau. Den Menschen, den er einmal geliebt hat, mit dem er durchs Leben gehen wollte. Bis irgendetwas geschehen ist, was die vermeintlich heile Welt auf den Kopf gestellt hat. Ein Betrug, ein Verrat. Manchmal reicht es, das bloß zu vermuten. Und die Eifersucht wächst und wächst. Ja. Aber: Wie kann es sein, dass ein Mensch deshalb tötet? Wenn ich sehe, was Tag für Tag Menschen einander antun, kommen mir wirklich Zweifel, wie es um unsere Anlagen bestellt ist. Das Böse ist in vielen Fällen mit Händen zu greifen. Dass der Mensch frei ist, sich entscheiden kann, führt ihn leider viel zu oft in den Abgrund, und er reißt andere dabei mit: in großes Leid, in den Tod.

Gott konfrontiert Kain mit seiner Tat. Kain möchte leugnen und ausweichen, aber das klappt nicht. Gott will, dass Kain zu seiner Tat steht und ver-steht, was er da getan hat. Kain muss sich dem Abgrund seines Tuns aussetzen. Solange bis sich in ihm etwas ändert, bis das Gute sich in ihm regt, bis er seine Schuld verstanden hat und künftig als anderer Mensch durchs Leben geht. Weiterhin frei, weiterhin in der Lage zwischen Gut und Böse zu wählen. Aber so geläutert, dass er seinem Hass, seinem Neid, seinem Egoismus nicht mehr willenlos ausgeliefert ist. Und nicht mehr ins Nichts fällt, wo der Tod lauert.

Ich will und werde an dieses Gute im Menschen glauben. Ich will besonders darauf achten, wo ich dazwischen gehen muss, um Schlimmes zu verhindern. Ich kenne keinen anderen Weg, um dem Kampf „Mensch gegen Mensch“ zu begegnen.



[1] Gen 4,1-16

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Auch in diesem Jahr werde ich wieder als Nikolaus unterwegs sein. Heute, am Tag, der seinen Namen trägt. Die Erzieher eines Kinderhauses in meiner Nähe haben mich gebeten, die Kinder zu besuchen. Verkleidet mit Bischofsgewand und langem Bart und mit einem großen Sack voller kleiner Geschenke. Was ist das für eine Faszination, die von dieser Figur ausgeht? Was macht seine Geschichte und die Legenden, die sich um den Bischof Nikolaus ranken, bis heute so attraktiv?

Für die Kinder ist es ein großes Ereignis, dass eine so eindrucksvolle Person zu ihnen kommt. Die Kleinen nehmen es noch ganz ernst, die etwas Größeren verstehen schon, dass es sich um eine Inszenierung handelt, ein kleines Theaterstück, das eigens für sie aufgeführt wird. Und alle ahnen, dass sich dahinter eine kostbare kleine Wahrheit verbirgt: Es ist schön, etwas geschenkt zu bekommen. Und Schenken ist auch schön. Das jedenfalls muss so etwas wie ein Lebensmotto des Bischofs aus Myra gewesen sein. Er hat darauf geachtet, wem etwas zum Glück fehlt - bei den Leuten, für die er als Bischof zuständig war. Und wann immer es ihm möglich war, hat er versucht, das auszugleichen. Wie bei den drei Töchtern, die nicht heiraten konnten, weil ihnen das nötige Geld für die Mitgift gefehlt hat. Denen hat er etwas aus seinem bischöflichen Vermögen zukommen lassen. Die Legende spricht von drei goldenen Kugeln. Auf vielen Darstellungen hat Nikolaus sie auf dem Arm.

Gold werden wir heute kaum verschenken. Aber es gibt ja viele andere Möglichkeiten, wie wir etwas Gutes tun können. Jemandem etwas schenken. Überraschend. Ohne vom anderen eine Gegenleistung zu erwarten. Vielleicht sogar so, dass der andere gar nicht merkt, wo es herkommt. Ich kann zum Beispiel zum Hörer greifen und jemanden anrufen, von dem ich weiß, dass er sich darüber freut. Ich kann mit dem Bettler auf der Straße ein Gespräch beginnen. Ich kann einer Aktion etwas spenden, die ich schon lange im Blick habe. Es ist schön etwas geschenkt zu bekommen und schön etwas zu schenken. Diese schlichte Weisheit verbinde ich mit Nikolaus. Das macht dann für mich den sechsten Dezember erst wirklich zum Nikolaustag.

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Im September war ich im Krankenhaus. Als ich nach einer Woche wieder heim durfte, hatte ich vor allem ein Gefühl. Ich war dankbar. Nicht, weil die Zeit endlich rum war; das stand gar nicht an erster Stelle. Nein, weil ich so gut behandelt worden bin. Und das lag vor allem daran, dass die Truppe von Schwestern und Pflegern auf meiner Station ganz toll war. Sie waren freundlich zu mir und hilfsbereit. Auch geduldig, wenn ich wegen einer Kleinigkeit nicht warten wollte. Sie waren fachlich kompetent und hatten ein offenes Ohr, wenn ich etwas genauer erklärt haben wollte. Und - das hat mich ziemlich beeindruckt - es gab einen guten Zusammenhalt untereinander. Eine hat die andere vertreten, wenn’s gerade viel zu tun gab. Sie waren kollegial und haben gut aufeinander geachtet. Ich hatte jedenfalls den Eindruck: Da herrscht ein gutes Betriebsklima, gute Stimmung. Und die hat sich auch auf mich und die übrigen Patienten auf der Station übertragen.

Ich erzähle das aus zwei Gründen: Erstens halte ich das in einem so großen Krankenhaus wie dem Uniklinikum in Tübingen nicht für selbstverständlich. Zumal Pflegekräfte nicht besonders gut bezahlt werden und im Schichtdienst rund um die Uhr da sein müssen. Das Zweite aber ist mir wichtiger. Das ist mir vorbildlich vorgekommen. Auf meiner Station haben Menschen unterschiedlicher Nationen gut zusammen gearbeitet. Im Laufe der Woche dort habe ich heraus bekommen, woher sie stammen: aus Brasilien und Syrien, aus Serbien und Vietnam, aus der ehemaligen Sowjetunion und Deutschland und Rumänien und Eritrea. Mancher denkt jetzt: „Na, das ist doch selbstverständlich, dass die zusammenarbeiten, dafür werden sie schließlich bezahlt.“ Das stimmt schon. Aber für mich war es trotzdem ein wunderbares Zeichen, dass solch ein Miteinander in unserer Gesellschaft möglich ist. Dass überhaupt nichts dagegen spricht, wenn Menschen aus verschiedenen Nationen etwas gemeinsam tun. Mir kam es sogar so vor, dass es gerade deshalb besonders gut geklappt hat, weil das so ein bunter Haufen war. Menschen aus unterschiedlichen Ländern, die eines verbindet: Sie arbeiten für andere, unmittelbar am Menschen, wo er schwach ist und Hilfe braucht. Sie arbeiten unter Bedingungen, die andere nicht auf sich nehmen wollen. Was wäre unsere Gesellschaft ohne Menschen wie sie? Vermutlich würde unser Pflegesystem zusammenbrechen.

Keine Frage: Die Integration von Fremden, zu uns Geflüchteten, Ausländern kann auch scheitern. Aber hier ist sie das eben nicht. Das verdient es meiner Meinung nach weiter erzählt und gerade von denen gehört zu werden, die gerne unken und die Schwierigkeiten in den Vordergrund stellen.

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Ein Mann sagt zu mir: „Ich habe eine gute Frau.“ Dieser Satz hat’s in sich.

Während meiner Reha im Oktober hatte ich drei Wochen lang den gleichen Tischnachbarn. Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Wir haben drei Mahlzeiten am Tag gemeinsam eingenommen, Tag für Tag. Da lernt man mit der Zeit den anderen kennen. Am Ende haben wir gewusst, was der andere gern isst, welche Hobbies er hat, wie er Beruf und Freizeit in Einklang bringt. Über unsere Familien haben wir natürlich auch gesprochen. Und als ich ihn einmal nach seiner Frau gefragt habe, da ist jener Satz gefallen, der mich sehr berührt hat: „Ich habe eine gute Frau.“ Der Satz ist nichts Besonderes, er ist an Schlichtheit kaum zu überbieten. Ein harmloses Kompliment aufs erste Hören. Und doch steckt in diesem Satz so viel. An Liebe, an Respekt, an Treue. Das hat auch daran gelegen, wie mein Bekannter ihn gesagt hat. Ganz selbstverständlich, fast nebenbei. Aber gleichzeitig so echt und ehrlich, dass mir die Worte ins Herz gedrungen sind. Und da sind sie bis heute. Wenn ich an meinen Bekannten denke, dann kommt mir immer dieser Satz in den Sinn. Er wohnt vierhundert Kilometer von mir entfernt, wir haben außer einem kurzen Telefonat keinen unmittelbaren Kontakt mehr. Aber wegen dieses einen schönen kurzen Satzes mag ich ihn sehr und fühle mich ihm sehr verbunden.

„Ich habe eine gute Frau, einen guten Mann.“ Wenn das einer über seinen Partner sagt - mit dem er dreißig Jahre zusammen ist - mit dem er vielleicht Kinder hat - mit dem er eine schwere Krankheit und bestimmt so manch anderes durchgemacht hat. Das ist für mich ein wunderbares Zeichen, wie gut Menschen es miteinander machen können. Dass da ein enormes Potential an Gutem in uns steckt. Dass wir nicht nur an uns selbst denken, sondern merken und wissen und schätzen, wie viel wir an einem anderen Menschen haben. Dass wir es allein oft nicht schaffen würden.

Ich finde: Wir sollten es einander öfter sagen, wenn wir das tiefe, innige und ehrliche Gefühl haben, dass ein anderer gut ist. Und dass wir ihn deshalb gern haben, dass er nicht nur allgemein gut ist, sondern uns gut tut, und damit unser Leben heller und schöner macht. Ich glaube fest daran, dass das Frieden schafft im kleinen und so auch unsere große Welt verändert.

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Gestern war der Erste Advent. Am Anfang der Adventszeit steht ein Bild: Eine geschlossene Tür, die geöffnet werden soll. Es ist keine Tür, die nach außen aufgeht, wie in einem großen öffentlichen Gebäude. Die Tür, die hier gemeint ist, öffnet sich nach innen. Sie führt in die eigene Wohnung; an einen Ort, wo man Gäste empfängt, sich niedersetzt und eine vertraute Stimmung entstehen kann. Nicht ich mache mich also auf und trete nach draußen, sondern umgekehrt: Ich empfange Besuch. Ich muss dazu aber die Türe öffnen.

Auch wer nicht religiös ist, kann dieses Bild verstehen und in die Tat umsetzen. Die Wochen vor Weihnachten könnten dann eine Gelegenheit sein, die eigene Wohnungstüre etwas mehr zu öffnen, und Gäste zu empfangen: zum Beispiel zu einer Tasse Tee am Nachmittag. Wo es doch gerade so schnell dunkel wird und viele froh sind, wenn sie nicht alleine sein müssen. Weil sie sonst nicht wissen, wie sie den langen Abend hinter sich bringen. Sie könnten andere einladen, um ein Glas Wein zu trinken, zum Schwätzen und sich Zuhören, einander einfach ein bisschen Zeit schenken. Mir tut es immer gut zu wissen, bei wem eine Tür offen steht, damit ich im Fall aller Fälle anklopfen kann und weiß: Ich bin willkommen.

Zu dem, was das mit Gott zu tun hat, mit dem Advent, ist’s jetzt nicht mehr weit. Gott kommt zu uns in die Welt, er kommt bei uns an. Das heißt Advent. Ankunft. Gott kommt ausdrücklich als Mensch. Er kommt in einem, der unter allen Menschen, die je gelebt haben, herausragt: Jesus, dem Sohn der Maria aus Nazareth, den Christen den Christus nennen, den Messias, den Gesandten Gottes. Als Christ glaube ich, dass er mein wichtigster Gast ist. Dass er meine Sorgen mit mir trägt, wenn er mich besucht. Und: Ich glaube, dass er der ganzen Welt gut tut. Weil er die Liebe über alles gestellt hat.

Es geschieht andauernd, dass Gott in die Welt, zu uns kommt. Die Zeit vor Weihnachten ist lediglich eigens dafür reserviert. IHM die Türe zu öffnen, meine Türe. Aber wie? Wer an Gott glaubt, ahnt, dass ER uns auch in allen anderen Menschen begegnet. Das geschieht oft unerwartet und überraschend. Gott wählt nicht den Allerweltsweg des Selbstverständlichen. Es ist deshalb gut, ihn auch in den Menschen zu erwarten, die nicht mein Fall sind, denen ich lieber aus dem Weg gehen würde. Besonders ihnen soll ich meine Tür öffnen, in mein Inneres, mein Herz.

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Wie die meisten Kirchenlieder hat auch das Lied, das ich Ihnen heute vorstelle, einen biblischen Bezug. Wer ihn finden will, muss die Bibel ganz hinten aufschlagen, buchstäblich auf den letzten Seiten. Wo es auch um die letzten Dinge geht: Was nach dieser Welt kommt, nach dem irdischen Leben, nach dem Tod. Dort, im Buch der Offenbarung, ist vom himmlischen Jerusalem[1] die Rede. Sinnbild für den Ort, wo die Menschen einmal sein werden, die zu Gott gehören. So etwas wie die Heimat im Himmel wird da mit vielen Details beschrieben. Auf dieses Bild bezieht sich das Lied, das im katholischen Gesangbuch die Nummer 479 hat: Eine große Stadt ersteht.

  

Saladin, Josef; Hämmerl, Christoph; ... Eine große Stadt ersteht für Chor und Orgel. Gotteslob Nr. 642  

Kirchenchor St. Christoph; Stobbe, Bettina; Müller, Andrea; Hämmerl, Christoph 

Strophe 1

Eine große Stadt ersteht,

die vom Himmel niedergeht

in die Erdenzeit.

Mond und Sonne braucht sie nicht;

Jesus Christus ist ihr Licht,

ihre Herrlichkeit.

 

Es geht in unserem Lied nicht um eine irdische Stadt. Auch nicht um die Kopie eines architektonischen Entwurfs: als ob der Mensch nun im Himmel das bauen könnte, was ihm auf Erden nicht gelungen ist. Die himmlische Stadt, das neue Jerusalem ist anders. Und die Herkunft dieser Stadt ist gerade umgekehrt. Gott baut seinen himmlischen Bezirk auf der Erde. Die ursprünglichen Rahmenbedingungen - von ihm einst seiner Schöpfung gegeben - verlieren ihre Bedeutung. Wenn der Himmel auf die Erde kommt, geht es um anderes. Der Maßstab dafür wird in der ersten Strophe sofort eindeutig festgelegt. Auch musikalisch unüberhörbar dort, wo die Melodie ihren Spitzenton erreicht und jede Strophe auf ihrem Höhepunkt ist: Dreh-und Angelpunkt der großen Stadt ist Jesus Christus. Das Licht der Welt. ER zeigt an, wo Gottes Herrlichkeit entsteht. Wo Menschen sich an ihn halten, ihm folgen, da beginnt die neue Stadt, die Gesellschaft Gottes.

 

Saladin, Josef Anton; Menschick, Wolfram; ... Eine große Stadt ersteht, die vom Himmel niedergeht.

Motette für vierstimmigen Chor   Domchor Eichstätt; Menschick, Wolfram 

Strophe 2

Durch dein Tor lass uns herein

und in dir geboren sein,

dass uns Gott erkennt.

Lass herein, die draußen sind;

Gott heißt jeden Tochter, Sohn und Kind,

der dich Mutter nennt.

 

Einen Umstand  wird es jedenfalls in Gottes künftiger Welt nicht mehr geben. Einen, der unser Zusammenleben hier auf der Erde maßgeblich bestimmt: Männlich-weiblich, Sohn-Tochter, Vater-Mutter. Diese Geschlechterrollen sind hinter dem Tor der künftigen Stadt aufgelöst. Sie pressen den Menschen nicht mehr in Schablonen und Rollenmuster. Sie sind bei Gott irrelevant. Ja, sie sind auch für Gott selbst endlich nicht mehr vorhanden: ER ist Mutter und Vater zugleich, solange man diese Bilder noch benötigt, um von ihm zu sprechen, um ihn zu denken. Alle sollen in der großen Stadt Heimat finden.

Die letzte Strophe des Liedes ist ein großer Lobpreis auf Gott. Die Benediktinernonne Silja Walter, Dichterin des Liedes, hat dieses Lob ungezählte Male in ihrem Leben gesungen. In der Gemeinschaft ihres Klosters in Fahr, 63 Jahre lang, bis zu ihrem Tod 2011. So singt dieses Lied auch von der Hoffnung, dass ihr Glaube nicht umsonst war. Dass die Menschen, die Gott lieben und aus dieses Liebe leben, dass Gottes Volk an ein gutes Ziel gelangt. Unsterblich ist, wie das Lied endet. Das ist auch meine Hoffnung - für mich und für unsere Welt.

  

Fischbach, Klaus-Ewald  Eine große Stadt ersteht. Liedkantate für Chor, Gemeinde, Orgel und Bläser  Fischbach, Klaus-Ewald; Trierer Domchor; Fischbach, Klaus 

Strophe 3

Dank dem Vater, der uns zieht

durch den Geist, der in dir glüht;

Dank sei Jesus Christ,

der durch seines Kreuzes Kraft

uns zum Gottesvolk erschafft,

das unsterblich ist.

 



[1] vgl. Offb 21,9-22,5

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27627

Werde ich gerettet? Wenn es einmal soweit ist und mein Leben aufhört? Oder muss ich fürchten, dass alles umsonst war, dass es zumindest nicht reicht und ich untergehe. Momentan ist diese Frage meistens ziemlich weit weg von mir. Sie kommt mir beinahe unrealistisch vor. Gleichzeitig weiß ich, dass es irgendwann soweit ist und ernst wird. Ich hoffe, dann zu jenem Volk zu gehören, von dem es beim Propheten Daniel heißt: Doch dein Volk wird in jener Zeit gerettet, jeder, der im Buch verzeichnet ist.[1] Wer heute am katholischen Gottesdienst teilnimmt, wird mit einer messerscharfen Alternative konfrontiert: Gehöre ich zum richtigen Volk, steht mein Name in jenem Buch? Ja oder nein?! Wer zu Gottes Volk gehört, wird gerettet. Wobei mit dem Volk, das Gott sich erwählt hat, etwas ganz anderes gemeint ist, als Teil eines bestimmten Landes zu sein. Was muss ich dafür tun, um dazuzugehören? Ich ahne sofort: Nur „Hier“-Schreien wird nicht genügen. Die Eintrittskarten werden nicht verschenkt. Und einen Personalausweis gibt es dafür auch nicht.

Der Begriff Volk erlebt in unseren Tagen eine fragwürdige Renaissance. Von vielen wird Volk mit der nationalen Zugehörigkeit gleichgesetzt. Also: Wer ein Deutscher ist, ein Italiener, ein Ungar. Aber bei Gott wird dieser Begriff ganz anders definiert. Da geht es nicht um den Ort der Geburt, um Blut und Boden, sondern um ganz andere Gesichtspunkte. In der Bibel wird unentwegt davon berichtet, wie Gott sich Israel zwar zum Volk erwählt hat, dieses Volk aber andauernd von dem Weg abkommt, den Gott vorgibt. Der Weg mit Gott ist den Israeliten zu anstrengend. Sie schielen nach anderen Göttern, wo es leichter sein könnte, das Heil zu finden. Sie werden müde, weil ihnen alles zu lange dauert und sie verlieren die Geduld. Und ganz oft verstehen sie einfach nicht, was Gott eigentlich von ihnen erwartet: Barmherzigkeit statt Opfer, Verzeihen statt Rache. Wenn das Volk Israel auf den falschen Weg kommt, verlangt Gott von ihnen, dass sie umkehren. Nur wer das schafft, wird gerettet. Der Weg dazu steht offen. Immer.

Ich will nicht umsonst gelebt haben. Ich hoffe, mit meinem Leben etwas Gutes getan zu haben. Ich bemühe mich, ein kleiner nützlicher Teil im großen Miteinander der Welt gewesen zu sein. Und wo ich Fehler gemacht habe, wo ich ein schlechter Mensch war, da versuche ich, sie wieder gut zu machen. Es tut mir gut zu merken, dass andere das auch so machen. Ich suche die Menschen, mit denen ich an einem Strang ziehen kann, wenn es darum geht, gegen Unrecht die Stimme zu erheben und Menschen in Not zu helfen. Ja, sie zum Teil jenes Volkes zu machen, das gerettet wird. Ganz egal, wo Menschen sonst ihre Grenzen ziehen.

 33. Sonntag im Jahreskreis B (Daniel 12,1-3)


 

[1] Dan 12,1

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Gibt es in meinem Freundeskreis einen Armen? Einen Menschen, der nicht genügend verdient, um über die Runden zu kommen und deshalb auf staatliche Hilfe angewiesen ist? Einen, der auf der Straße lebt oder im Männerwohnheim wohnt? Einen, der aus dem Rahmen fällt, weil er sich nicht oft genug wäscht und muffig riecht? Einen, der eine sichtbare Macke hat und deshalb von den meisten anderen gemieden wird? ...

Nein, so jemanden gibt es in meinem Freundeskreis nicht. Das bedaure ich. Es betrübt mich. Ich schäme mich deswegen. Weil Jesus ja gerade solche Leute in seine Nähe geholt hat. Weil er sich um sie gekümmert und ihnen - wo immer möglich - geholfen hat. Weil er sie eingeladen hat, in seinen Jüngerkreis zu kommen, um mit ihnen durchs Land zu ziehen. Weil ich weiß, dass Jesus das aus einem klaren Grund getan hat: Weil er an einen Gott glaubt, der so ist. Einen Gott, der sich besonders um die Armen sorgt.  Und weil das eine der ersten und vornehmsten Pflichten der Kirche Jesu Christi sein müsste: sich um die Armen aller Art zu kümmern.

Wenn ich einem Menschen begegne, der offensichtlich ein Problem hat, und ich kann helfen, dann tue ich das. Ich achte auf das, was um mich herum geschieht und laufe normalerweise nicht weg, wenn etwas auf mich zukommt, das unangenehm sein und mich Zeit kosten könnte. Ich habe wenig Berührungsängste und lehne andere nicht ab, weil sie dreckige Hände haben oder in meinen Augen schlecht angezogen sind. Aber das bleiben Einzelfälle. Es entstehen daraus keine engeren Beziehungen, keine Freundschaften. Es bleibt eine Distanz, die etwas Professionelles an sich hat. Und ich weiß auch, woran das liegt: Weil ich meinen Freundeskreis als Rückzugsort brauche, weil ich dort unter Meinesgleichen sein will. Es soll dort schön und aufgeräumt sein. Wenigstens ein bisschen heile Welt, wo es doch sonst so viele Probleme gibt.

 

Und ich fürchte, genau darin liegt mein Irrtum: Es gibt diese heile Welt so nicht. Es könnte doch sein, dass ausgerechnet ein vermeintlicher Sonderling mehr Glück verbreitet, weil er mit seinem Leben ganz zufrieden ist. Nein, ich will die Armut nicht verklären oder klein reden. Trotzdem: Wer arm ist, muss nicht automatisch unglücklicher sein als ich. Womöglich könnte ich von ihm lernen, wie es geht, mit wenig zufrieden zu sein, und so das Leben, das nackte Leben, mehr zu schätzen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27542

„Wir haben das nicht gewusst.“ Am Ende des Zweiten Weltkriegs haben viele Deutsche diesen Satz gesagt. Wenn sie auf die Gräueltaten angesprochen worden sind, die Deutsche verübt haben. Dass Behinderte ausgesondert und umgebracht worden sind, weil sie nicht ins Bild der gesunden Rasse gepasst haben. „Das haben wir nicht gewusst.“ Dass Millionen von Juden verschleppt, misshandelt und ermordet wurden. „Davon haben wir nichts gewusst.“ Dass Kommunisten, Homosexuelle, sog. Zigeuner und andere Unangepasste ins KZ gesteckt worden sind. „Davon wissen wir nichts.“ Wie kann das sein, frage ich mich. Kann man so blind sein? Kann man so gut verdrängen? Kann man sich bloß um sich selbst kümmern?

Vielleicht kann man das. Für mich selbst weiß ich aber: Ich darf das nicht. Ich muss die Augen offen halten. Was es zu sehen und zu wissen gibt, das darf ich nicht ignorieren. Ich lebe nämlich nicht allein, sondern mein Leben ist unabänderlich mit dem von anderen verbunden. Für mich allein kann ich gar nicht überleben. Ich bin immer auf andere angewiesen und sie auf mich. Das bedeutet: Ich muss mich dafür interessieren, wie es anderen geht, was ihnen fehlt, wo sie Hilfe brauchen, wo ihnen Unrecht angetan wird. Im Großen gilt das: Also dort, wo Politik gemacht wird, wo die Entscheidungen getroffen werden, die über die Zukunft unseres Landes, ja der ganzen Menschheit bestimmen. Da darf ich nicht wegschauen, wenn andere auf die Straße gehen und „Ausländer raus!“ schreien. Dem muss ich meine Einstellung entgegen halten. Offen, deutlich und unüberhörbar. Ich muss es hier im Radio sagen, aber auch da, wo solche Töne sich leise regen - im Bekanntenkreis oder wenn ich beim Bäcker in ein Gespräch verwickelt werde: „Ich habe keine Angst vor den Fremden. Ich bin nicht in Sorge zu kurz zu kommen.“ Was für die großen Themen der Gesellschaft gilt, gilt aber auch für mein unmittelbares Umfeld. Gerade da wird sich zeigen, ob ich wegschaue und so tue, als wüsste ich von nichts. Wenn ich mitkriege, dass mein Nachbar Probleme hat und ich ihm nicht ausweiche. Wenn ein Schüler auf dem Schulhof ausgeschlossen wird und ich für ihn Partei ergreife.

Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Das ist ein altes Prinzip der Rechtsprechung. Es appelliert daran, dass ich gut daran tue, mit offenen Augen durch die Weltgeschichte zu gehen. Dass ich aufmerksam bleibe und mich traue, den Mund aufzumachen, wenn mir Unrecht begegnet.

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