Manuskripte

13JUN2020
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Heute ist der Tag der Nähmaschine. Bis vor einigen Wochen hätte ich bei dieser Nachricht mit den Schultern gezuckt und gedacht: Was soll das? Inzwischen sehe ich das anders.

Vor Ostern hat mich nämlich ein Notruf aus einem Krankenhaus erreicht. Die Schutzmasken waren knapp. Nicht diese Spezialmasken für Corona und andere Infektionen. Nein, die einfachen wurden gebraucht. Die, die man auch selbst nähen kann. Material dafür war da, das hatte eine Firma zur Verfügung gestellt. Jetzt wurden Menschen gesucht, die helfen, indem sie für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Krankenhaus Masken nähen.

Ich habe ein paar Leuten Bescheid gegeben und sie gebeten, den Aufruf weiterzugeben. Auf der Homepage unserer Gemeinde haben wir ihn auch veröffentlicht und bald war der Aufruf in den sozialen Netzwerken unterwegs. Ich hatte gehofft, dass sich vielleicht 15, 20 Leute melden, die nähen können und gern mithelfen würden. Damit lag ich völlig daneben. So etwa bei der 250sten Antwort habe ich aufgehört, mitzuzählen. Eine Jugendliche hat sich gemeldet: „Ich mache mit. Meine Oma auch.“ Eine Nähgruppe für Flüchtlinge hat gleich losgelegt – sie wollten etwas zurückgeben von der Hilfe, die sie selbst bekommen haben. Und eine Frau, deren Schwiegervater vor ein paar Monaten in diesem Krankenhaus gelegen hatte. Über Tage hinweg haben sich ständig Leute gemeldet, die mitmachen wollten. Ich bin aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen.

Dann hat eine ältere Dame angerufen und gesagt: „Viel kann ich nicht mehr machen. Aber nähen kann ich. Ich freu mich, wenn ich anderen damit helfen kann.“ Das Telefonat mit ihr hat mich beeindruckt. Sie will das, was sie kann, für andere einsetzen.

Im Neuen Testament habe ich den Satz gelesen: „Dient einander – jeder mit der Gabe, die er erhalten hat. So erweist ihr euch als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes.“ Bisher hatte ich dabei nie an Nähmaschinen gedacht. Aber jetzt schon. Nähen als eine Gottes-Gabe.

Das Krankenhaus hat übrigens so viele selbstgenähte Mundschutz-Masken bekommen, dass sie auch noch Pflegedienste und Pflegeeinrichtungen in der Umgebung mitversorgen konnten. Eine Hilfe also für Menschen, die auf ihre Weise anderen dienen – mit der Gabe, die sie erhalten haben. Ich glaube, jeder Mensch hat so eine Gabe. Welche haben Sie?

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12JUN2020
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Glauben: Das ist Privatsache. Etwas für den Seelenfrieden. Das sagen viele. Aber stimmt das? Nein, erzählt die Geschichte von Debora, einer Richterin aus der Bibel. Richter waren die Anführer in Israel, bevor sie dort Könige hatten. Die Menschen sind voll Vertrauen zu ihr gekommen. Sie haben ihr komplizierte Rechtsfälle vorgelegt und um ihre Entscheidung gebeten. Zerstrittene Menschen haben sich bei ihr Rat geholt. Gut zuhören, abwägen, dann eine Entscheidung treffen, das konnte sie offenbar.

Als Deboras Volk über Jahre hinweg grausam unterdrückt wurde und die Not der Menschen immer größer geworden ist, da hat sie eingegriffen. Das hatte nicht nur mit ihrem Beruf zu tun, sondern mit ihrem Glauben. Gott ist bei den Unterdrückten, hat sie geglaubt. Darauf hat sie vertraut. Also hat sie Unrecht als Unrecht benannt, hat nicht weggeschaut, sondern den Mund aufgemacht.

Debora hat den Feldherrn Barak aufgefordert: „Es ist Zeit, aufzustehen. Nicht zu resignieren. Wir müssen uns wehren“ Barak wollte zuerst nicht. Zumindest nicht allein. Debora hat ihm den Rücken gestärkt, konnte ihn überzeugen und ist mit ihm aufgebrochen. Gemeinsam sind sie gegen den weit überlegenen Unterdrücker in den Kampf gezogen. Gemeinsam haben sie gewonnen. Ihr Volk war befreit.

Am Ende haben die beiden gefeiert. Nicht nur einander. Nein, sie haben ein Lied auf Gott gesungen. Er hat uns Mut gemacht, haben sie öffentlich kundgetan. Er hat uns Mut gemacht, uns gegen das Unrecht zu wehren. Er hat uns geholfen, als wir in Not waren.

Vielleicht ist manchen die Geschichte zu kriegerisch. Aber ich finde stark, wie Debora beschrieben wird. Eine Frau mit Gottvertrauen. Sie betet, sieht die Not der Menschen und setzt sich für sie ein. Das gehört für sie zusammen. Verantwortung übernehmen, nicht wegschauen, wenn Unrecht geschieht, sich für andere engagieren, kämpfen: Das hat für sie mit ihrem Glauben zu tun. Wenn Debora heute leben würde: ich denke, sie würde aufmerksam hinschauen, wo Menschen in Not sind, und sich für sie einsetzen. Die Menschen damals fanden das überzeugend. Ich heute auch.

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11JUN2020
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Ich war mit einem Projekt fertig – und ziemlich genervt. Eine Freundin hat sich mein Gejammer eine Weile angehört. Aber dann hat sie nachgehakt und gefragt, was gut gelaufen ist. Notgedrungen und ein bisschen widerwillig habe ich darüber nachgedacht und tatsächlich, mir ist einiges eingefallen. Je länger wir geredet haben, desto mehr. Am Schluss hat sie gesagt: „Da hat aber viel geklappt! Warum jammerst Du?“

Ob sie wohl den Meister Eckhart gekannt hat? Die beiden hätten sich ganz gut verstanden. Meister Eckhart war ein deutscher Theologe und Philosoph im Spätmittelalter. Manche nennen ihn den Meister der Gelassenheit. Er hat ein Buch über „Göttliche Tröstung“ geschrieben. Darin macht er sich viele Gedanken darüber, was Menschen helfen könnte, wenn sie beunruhigt sind, genervt oder traurig. In seinem Buch hat er ein Beispiel erzählt, in dem ich mich wiederfinde.

Wenn du 100 Mark hast und davon 40 verlierst, kannst du unterschiedlich damit umgehen. Du kannst die 40 verlorenen Mark sozusagen nachhause an deinen Tisch einladen. Dann kannst Du dich intensiv mit ihnen beschäftigen, dich mit ihnen stundenlang unterhalten, sie immerzu anschauen und sie werden dich in ihren Bann ziehen. Die lassen dich nicht mehr los. Und alles andere wirst du darüber vergessen. Wie willst du so getröstet werden, fragt Meister Eckhart? Wenn du immer nur auf das schaust, was du nicht hast?

Einen Plan B hat er auch. Lade dir die 60 Mark, die du noch hast, nachhause ein. Lass sie nicht mehr achtlos links liegen, sondern beschäftige dich mit ihnen. Nimm dir Zeit, schau sie ganz in Ruhe an. Würdige sie, freu dich an ihnen und sage „Danke, Gott“. Denk nicht immer nur an das, was du nicht hast. Mach die Augen auf für das, was du hast.

Ich finde, das ist keine ganz leichte Übung. Vielleicht hat der alte Meister darum einen überschaubaren ersten Schritt als Aufgabe notiert, für uns Anfänger. Der erste Schritt ist nicht riesengroß: ab heute immer positiv denken, oder so. Der erste Schritt ist kleiner: Ab heute schaue ich nicht immer nur auf das, was ich nicht habe. Ich fange an, auch das Gute anzuschauen. Und das mache ich immer häufiger, immer intensiver. Schritt für Schritt. Schließlich ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen…

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10JUN2020
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Frieden fällt nicht einfach vom Himmel. Für den Frieden muss man schon auch selbst etwas tun. Das habe ich neulich in einem alten Brief gelesen, aus dem 1. Jahrhundert. Der erste Klemensbrief. Klemens war Bischof in Rom. Er hat einer christlichen Gemeinde in Griechenland geschrieben, in der es Streit gab. Der berühmte Apostel Paulus hatte der gleichen Gemeinde einige Jahre vorher auch schon geschrieben, weil es drunter und drüber ging. Es hat aber wohl nicht so lange geholfen. Also hat Klemens wieder einen Brief verfasst. Unter anderem mit dieser Aufforderung: „Übt Frieden!“ Klemens hat nicht viele Worte drumrum gemacht. Einfach nur: „Übt Frieden!“

Ich finde das wunderbar realistisch. Frieden ist etwas zum Üben. Die wenigsten Menschen kommen als Friedensengel auf die Welt. Frieden muss man üben. Der passiert nicht einfach so.

Ein schönes Beispiel ist für mich ein Dorf in Israel. Das Dorf hat einen Doppelnamen: hebräisch und arabisch. Wahat al-Salam Neve Shalom. Übersetzt heißt das „Oase des Friedens“. Denn hier wohnen jüdische und arabische Israelis gleichberechtigt zusammen. Man muss kein Israel-Kenner oder Palästina-Spezialist sein, um zu wissen: Das grenzt an ein Wunder. Ein Friedensdorf in konfliktträchtiger Umgebung. Ein Dorf, in dem man Frieden übt. Na, das werden sie nicht lange durchhalten, habe ich gedacht, als ich davon gehört habe. Bis ich verstanden habe: Das halten sie schon lange durch. Fast 50 Jahre. Manchmal hatte das auch etwas mit Aushalten zu tun. Einander aushalten. In Interviews erzählen Frauen und Männer aus dem Dorf, wieviel Zeit sie brauchen, um einander zuzuhören und zu versuchen, einander zu verstehen. Da lebt die jüdische Tochter einer deutschen Holocaust-Überlebenden neben dem vertriebenen arabischen Christen aus Nazareth. Da geht ein junger Mann zum israelischen Militär und sein arabischer Nachbar fragt ihn, ob das nicht eine Besatzungsarmee ist. Oft sind sie einander fremd. Aber sie üben. Sie üben Frieden, jeden Tag. Schon die Kleinsten sollen üben. Darum gehen sie gemeinsam zur Schule.

Mich beeindruckt dieser Wille, Frieden zu üben. „Übt Frieden“ heißt ja nicht nur, dass man Frieden üben soll. Es heißt auch, dass man Frieden üben kann. Das geht. Es kostet Zeit und Kraft und viel guten Willen, aber es geht. Frieden ist möglich. Nicht nur in dem kleinen Dorf in Israel.

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09JUN2020
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Es gibt ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. So hat das Bundesverfassungsgericht im Frühjahr entschieden: Es wird nun erlaubt, dass Menschen einem anderen dabei helfen, sein Leben zu beenden. Das Bild, das vermutlich viele vor Augen haben, ist der schwerkranke Mensch, der hilflos im Bett liegt und gerne sterben möchte. Künftig ist es zulässig, dass jemand ihm ein Medikament besorgt, damit er zu einem selbst gewählten Zeitpunkt sterben kann. Mich stört allerdings, dass das Gericht nicht nur von todkranken Menschen spricht, sondern von Menschen grundsätzlich. Das geht mir zu weit. Da habe ich Sorge, dass es fast als normal angesehen wird, sich das Leben zu nehmen, wenn man nicht mehr leben möchte. Wobei das Gericht selbst davon ausgeht, dass es Regeln geben sollte. Eine Wartezeit zum Beispiel, um zu verhindern, dass jemand in einem momentanen Stimmungstief diese Entscheidung trifft.

„Wie will ich sterben?“ Das ist eine Frage, die viele bewegt. Sie haben Angst, einsam und unter großen Schmerzen zu sterben, in einem Krankenhaus, in dem das überlastete Personal keine Zeit hat, sich um einen zu kümmern, und wo Apparate das Leiden unnötig verlängern. So will ich auch nicht sterben.

Ich glaube, dass alte und sterbende Menschen eine stärkere Lobby brauchen. Dazu gehört, dass es einen besseren Personalschlüssel in Heimen und Krankenhäusern geben müsste. Das Netz an Hospiz-Hilfe und Schmerzlinderung durch palliative Unterstützung muss noch enger gewebt und besser bekannt gemacht werden. Und kein Mensch sollte das Gefühl bekommen müssen, dass es für andere einfacher wäre, wenn er nicht mehr da wäre. Dazu ist das Leben zu kostbar, glaube ich.

Ich hatte mehrfach mit Menschen zu tun, die sich das Leben nehmen wollten. Wir haben intensiv darüber gesprochen, ob da nicht doch etwas ist, was heute gegen den Suizid und für das Leben spricht. Diese Gespräche haben sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Ich ahne, wie schwer diese Entscheidung für einen Menschen sein kann.

Für mich persönlich ist der christliche Gedanke der anvertrauten Lebenszeit wichtig. Ich habe nicht entschieden, wann mein Leben beginnt. Und ich denke, es steht mir nicht zu, zu entscheiden, wann und wie genau es enden soll. Beides möchte ich aus Gottes Hand nehmen. Anfang und Ende. Aber ich merke, ich bin mit dem Thema noch nicht fertig. Und Sie?

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08JUN2020
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Was ist wichtig im Leben? Worauf kommt es an? Immer höher, schneller, weiter – so muss das sein in einer globalisierten Welt. Nach diesem Motto hat unsre Gesellschaft gelebt, bis Corona. Inzwischen hinterfragen das viele. Sie überlegen, ob sie wirklich so weitermachen wollen. Ich denke, es ist an der Zeit, für sich zu klären: Was ist wichtig im Leben? Worauf kommt es an?

Bei meiner Suche nach einer Antwort bin ich in einem uralten Text fündig geworden. In der Schöpfungsgeschichte, auf den ersten Seiten der Bibel. Da wird erzählt, warum nicht nur ein einzelner Mensch ganz für sich allein erschaffen wird. Die Begründung ist: Menschen sind ein „Gegenüber“. Sie sollen füreinander ein „Gegenüber“ sein. Einander wahrnehmen also, füreinander da sein, miteinander lachen und weinen, einander lieben, sich streiten und versöhnen, den Frieden suchen, einander zuhören.

So füreinander ein „Gegenüber“ sein: das ist der Kern des Menschseins. Das geht aber schlecht, wenn man im Alltag aneinander vorbeirennt oder nur sein eigenes Ding durchzieht und gar nicht mehr dazu kommt, rechts und links zu schauen, nach den anderen Menschen.

Nun haben wir ja seit Wochen erschwerte Bedingungen, um füreinander ein Gegenüber zu sein - Kontaktmöglichkeiten sind nach wie vor eingeschränkt. Aber gerade jetzt haben auch viele entdeckt: Wir können füreinander Gegenüber sein. Auch für Menschen aus der Nachbarschaft, mit denen man vorher nicht so viel zu tun gehabt hat. Jetzt fragt man eher mal, wie es geht und ob sie klar kommen oder Hilfe brauchen. Und das tut gut!

Die alte Geschichte der Bibel spannt das Beziehungsnetz für die Menschen übrigens noch weiter: sie redet von Gott, der sich Menschen zuwendet und für sie ein Gegenüber ist. Er segnet sie, ist für sie ansprechbar, fordert sie heraus und zeigt ihnen Wege.

Und – so erzählt die Schöpfungsgeschichte - schon vor den Menschen ist eine ganze Welt da: Pflanzen und Tiere, Wasser, Luft, Licht und Dunkel. Auch das finde ich wichtig für uns als einzelne und für uns als Gesellschaft: Dass wir uns – vielleicht etwas demütiger als gewohnt - als Gast auf Gottes Erde empfinden und uns entsprechend verhalten.

Also, was ist wichtig im Leben? Ein Gegenüber sein. Diese Antwort ist locker 2 1/2Tausend Jahre alt. Ich finde sie immer noch aktuell. In diesen Zeiten erst recht.

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07JUN2020
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„Bleib behütet!“ Das schreibe ich in den letzten Wochen häufig unter Mails und Briefe. In der Corona-Zeit habe ich damit angefangen. Sonst habe ich eher geschrieben: „Mach’s gut“ oder „Halt die Ohren steif“. Aber als sich mit Corona das Leben verändert hat, da wollte ich etwas schreiben, womit ich ausdrücken kann: „Ich wünsch Dir Gottes Segen! Ich wünsch Dir, dass Menschen liebevoll an dich denken – und dass Du das merkst. Ich wünsch Dir gute Nerven und langen Atem. Und immer ein Licht auf deinem Weg.“ Bleib behütet.

Für mich ist das ein Segen. Gerade in diesen Zeiten finde ich Segen so wichtig. Das war ja schon in biblischen Zeiten so, dass Menschen einander gerade dann gesegnet haben, wenn sich ihr Leben verändert hat. Wenn sie einen neuen Lebensabschnitt begonnen haben. Das neu geborene Kind hat man gesegnet. Das Paar bei der Hochzeit. Auch den, der eine lange Reise anzutreten hatte. Und schon früh sind Menschen immer am Ende des Gottesdienstes gesegnet worden. Vielleicht, weil auch jede neue Woche so etwas wie eine kleine Reise ist. Mit neuen Herausforderungen, die ich zu bestehen habe, und neuen Entdeckungen. „Gott wird bei dir sein. Immer.“ So oder ähnlich wird es Menschen mit auf ihre nächste Weg-Etappe gegeben.

Die Segensworte am Ende eines Gottesdienstes spricht man schon seit Jahrtausenden. Schon in der Bibel wird davon erzählt (4. Mose 6, 22ff). Die Segensworte heißen: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

So möchte ich in die nächste Woche aufbrechen. Gesegnet von Gott, der mich anschaut – wie Eltern ihr neugeborenes Kind mit leuchtenden Augen anschauen und es anstrahlen. Wenn ich so angesehen bin, kann die nächste Woche kommen.

In der Bibel ist der Segen übrigens nicht nur zu einem Einzelnen gesagt worden, sondern zu einer großen Gemeinschaft, einem ganzen Volk. Nicht nur ich bin so angesehen, die anderen auch. Und nicht nur mir wird der Frieden zugesagt, den anderen auch. Auch denen, mit denen ich nicht im Frieden bin.

Das könnte ja eine der Herausforderungen für die nächste Woche sein: in Frieden auf die anderen zugehen. Weil wir gesegnet sind.

Bleiben Sie behütet!

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21MRZ2020
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Etwas Neues beginnen, ohne alles schlecht zu reden, was vorher war: Geht das? Manche finden, es braucht einen harten Schnitt, um voranzukommen. Und die, die an der Tradition hängen, sollen schauen, wo sie bleiben. Aber dann gibt es Streit, der in der Schärfe vielleicht gar nicht nötig wäre.

Wie es anders gehen kann, könnte man bei Johannes Brenz lernen. Er war der Reformator Württembergs. Vor 450 Jahren ist er gestorben; zu diesem Jahrestag erinnert die evangelische Kirche an ihn.

Johannes Brenz hat nicht den Streit gesucht. Zumindest nicht, wenn er etwas für eher nebensächlich gehalten hat. Als evangelischer Pfarrer in Schwäbisch Hall hat er dafür gesorgt, dass Bilder in den katholischen Kirchen nicht zerstört wurden. Andernorts wurden die zum Entsetzen der Katholiken vernichtet. Denn viele Evangelische fanden, Bilder in der Kirche lenken vom Wort Gottes ab. Brenz hat trocken gesagt: Besser, die jungen Männer im Gottesdienst werden vom Heiligen Laurentius oder einer Marien-Statue abgelenkt, als von den jungen Damen in der nächsten Kirchenbank. Also durften die Bilder bleiben und der Friede blieb gewahrt. Brenz hat allerdings auch darum gebeten, dass die Menschen ihr Geld nicht mehr zur Verehrung der toten Heiligen verwenden sollten. Sinnvoller sei es, die lebenden Armen zu unterstützen.

Ein ausgleichender Mensch war er also. Aber doch auch ein Freund klarer Worte. Als die Fürsten nach dem Bauernaufstand blutige Rache an den Bauern nehmen wollten, hat er ihnen hart ins Gewissen geredet: Ihr habt Unrecht an ihnen begangen und sie unterdrückt, hat er gesagt. Darum wart ihr auch mitverantwortlich für ihren Aufstand. Also verhaltet euch wenigstens jetzt als Christen und seid in Zukunft gerechter ihnen gegenüber.

Richtig revolutionär ist Brenz geworden, wenn es um die Schulen ging. Er hat in seinem Umfeld dafür gesorgt, dass das Schulgeld abgeschafft wurde. Wegen des Schulgeldes konnten nämlich die Kinder armer Leute vorher nicht zur Schule gehen. „Die Jugend ist der höchste Schatz einer Bürgerschaft“, hat er geschrieben. Darum muss sich die Gesellschaft um ihre Ausbildung kümmern. Auch die Mädchen sollten zur Schule gehen, nicht nur die Jungs. Das hat er durchgesetzt.

Im süddeutschen Raum sind auch heute noch Schulen nach ihm benannt. Wie gut, wenn Kinder dort beides lernen können: Für Ausgleich sorgen und deutlich ihre Meinung sagen.

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20MRZ2020
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Manchmal nehme ich mir ein paar Tage frei, um zu schweigen. Klingt vielleicht merkwürdig, aber mir tut diese Übung gut. Für mich ist das wie Entschlacken. Nur geht es dabei um mein Seelenleben. Ich will klären, was für mich gut und wichtig ist, und anderes ablegen. Also fahre ich drei oder vier Tage weg, wohne bei einer christlichen Schwesternschaft und außer dem Vaterunser bei den Gebetszeiten sage ich nichts. Fernseher, PC und Handy sind tabu, lesen soll man auch nicht. Höchstens in der Bibel, etwas Heilsames. Aber auch das nur ganz wenig. Komplett runterfahren ist angesagt. Auch beim gemeinsamen Essen schweigen wir. Daheim bin ich nicht dafür bekannt, wenig zu reden. Deshalb kichern um mich rum schon alle, wenn ich das ankündige: „Ich fahr wieder ins Schweigen!“

Und wirklich: Am Anfang ist das immer unglaublich anstrengend. Denn wenn alles um mich herum ruhig ist, merke ich erst, wie laut es in mir ist. Ich habe mal gelesen, dass Menschen ungefähr 60.000 Gedanken am Tag denken. Wenn ich anfange zu schweigen, flitzen von diesen 60.000 Gedanken geschätzt 59.000 durch meinen Kopf. Die laute Welt da draußen hallt in mir nach. Und wenn ich meine, jetzt wird es besser, dann fällt mir bestimmt etwas ein, was ich unbedingt erledigen muss. Das ist, wie wenn dieser Gedanke neben mir steht und mich die ganze Zeit am Ärmel zupft. Oder mir fällt ein, wie mich dieser eine Schnösel neulich dumm angegangen ist. Hab ich mich geärgert! Nach ein paar Minuten merke ich: ich ärger mich gerade immer noch. Die ganze Zeit. Wenn meine Gedanken hörbar wären, wäre das jetzt richtig laut geworden in meiner kleinen Kammer. Von wegen Stille…

Die Schwester, die jeden Tag ein paar Impulse gibt, scheint das mit den vielen Gedanken zu kennen. Sie hat einen schlichten Rat. Wenn Du einen Gedanken nicht gleich los wirst, dann drück ihn nicht weg. Der kommt garantiert wieder. Sag ihm „Guten Tag. Ich habe registriert, dass du da bist. Und jetzt verabschiede ich dich, du Gedanke. Geh!“ Ich habe das probiert und festgestellt: Das klappt. Nicht immer und nicht immer sofort, aber ich übe.

Daheim angekommen, übe ich weiter. Das hilft mir, mich nicht so leicht in Unruhe versetzen zu lassen. Und für mich zu klären, welchen meiner 60.000 Gedanken ich meine Aufmerksamkeit schenken will und welchen nicht. …

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19MRZ2020
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Heute ist Josefstag. Alle, die Josef heißen oder Josefine, die haben heute Namenstag. Es gibt den Namen aber nicht mehr so häufig. Vielleicht, weil Josef keinen großen Namen hat. Jener Josef aus der Weihnachtsgeschichte. Der Mann von Maria.

Maria und Jesus, das sind die bekannten Hauptpersonen der Weihnachtsgeschichte in der Bibel. Familienvater Josef, ein Zimmermann, kommt mehr unter „ferner liefen“. Josef hat seine Arbeit gemacht und hat sich um seine Familie gekümmert. Das war für ihn wichtig. Applaus hat er dafür selten bekommen. Auf den hat er es auch gar nicht angelegt. Er war einfach da und hat sich gekümmert. Ohne viel Aufhebens. Ich wüsste keine Geschichte in der Bibel, in der er mal was sagt. Josef war kein Mann der Worte. Aber was er getan hat, das hatte Hand und Fuß. An schwierigen Wegkreuzungen seines Lebens trifft er klare und mutige Entscheidungen. Aber immer erst, nachdem er gut hingehört hat. Gott schickt ihm Engel, die im Traum mit ihm reden, heißt es. Die machen ihm Mut und warnen ihn, wenn seine Familie in Gefahr ist. Josef nimmt das aufmerksam wahr. Dann steht er auf und kümmert sich.

In dem, was er tut, steht er nie selbst im Mittelpunkt. Er nimmt Maria zu sich, mit ihrem Kind, dessen Vater er nicht ist. Das ist eine seiner mutigen Entscheidungen. Und als König Herodes neugeborene Kinder umbringen lässt, bringt Josef seine kleine Familie ins Ausland in Sicherheit. Er wird zum Flüchtling und rettet so dem kleinen Jesus das Leben. Es dauert Jahre, bis sie als Familie wieder nachhause können und ganz normalen Alltag erleben. Ich denke, dass Josef dem Jesus dort nicht nur das Handwerk des Zimmermanns beigebracht hat. Jesus hat bei seinem Zieh-Vater auch lernen können, wie man sich kümmert, ohne viel Worte. Und wie man da ist für die, die einem anvertraut sind. Und wie man an wichtigen Lebenskreuzungen mutige Entscheidungen treffen kann.

Josef war einer, bei dem man all das lernen konnte. Wenn ihn einer dafür gefeiert hätte, hätte er sich vermutlich gewundert. Er war doch nur da und hat sich gekümmert.

Ich bin ein Fan von Josef. Ich freue mich, dass der Tag heute ihm gewidmet ist. Ihm und den anderen Josefs und Josefinen, die einfach da sind und sich kümmern. Und anderen damit das Leben leichter machen.

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