Manuskripte

28MAI2020
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Abschlussprüfungen. Für viele Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg ist es in diesen Tagen soweit. Einige sind schon durch, andere müssen morgen nochmal ran. Meine eigenen Schülerinnen schreiben heute ihre Prüfung im Fach Religion.

Eigentlich sollten sie das schon lange hinter sich haben. Aber dann hat das Corona-Virus einen Strich durch die Terminplanung gemacht. Plötzlich wurde alles anders: Von einem Tag auf den anderen waren die Schulen geschlossen. Unterricht nur noch per E-Mail. Kein Stundenplan mehr, der einem hilft, seine Zeit einzuteilen. Die Kontakte mit Mitschülern und Lehrern waren eingeschränkt. Niemand, den man kurz fragen konnte: „Wie war das? Können Sie das bitte nochmal erklären?“. Und dazu: Die Atmosphäre der Unsicherheit, die überall geherrscht hat, Nicht-Wissen ob und wann es weiter geht mit der Schule, bei manchen auch die Sorge um Familienangehörige, die zur Risikogruppe gehören.

Trotz all dem schreiben Schülerinnen und Schüler jetzt ihre Prüfung. Wenn ich als Lehrer Prüfungsaufsicht habe und die Prüflinge beobachte, wenn es ganz ruhig ist und man nur das Schreiben der Stifte hört, wenn Konzentration und Anstrengung im Raum fast zu greifen sind, dann empfinde ich jedes Jahr großen Respekt vor diesen jungen Menschen. In diesem Jahr geht mir das ganz besonders so: „Respekt, dass ihr trotz der schwierigen Umstände jetzt da sitzt, eure Abschlussprüfungen macht und Euer Bestes gebt“.

Als Lehrer beneide ich die Schulabgänger auch jedes Jahr ein bisschen. Nämlich um die Zukunft, die vor ihnen liegt. Ich beneide sie um das Gefühl, demnächst etwas Großartiges geschafft zu haben. Dann können sie selbständig und zuversichtlich ihren Weg ins Leben gehen mit all seinen Möglichkeiten.

Darum beneide ich die Schülerinnen und Schüler auch in diesem Jahr, trotz Corona. Der Sommer nach den Prüfungen ist für sie zwar nicht ganz so lang wie erhofft. Sie können vielleicht nicht so feiern, wie sie es wollten und nicht so vereisen, wie es manche geplant haben. Aber die Zukunft liegt auch vor den diesjährigen Schulabgängern und wartet darauf, erobert zu werden.

Vielleicht ist es sogar eine bessere Zukunft. Eine Zeit nach der Corona-Krise, in der manches anders gemacht wird. Eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft, eine Zukunft in der Mitmenschlichkeit und Solidarität mehr zählen als bisher. Und Geld und Profit weniger. Die Schulabgänger von heute können diese bessere Zukunft mitgestalten.

Ich wünsche ihnen für ihre letzten schriftlichen Prüfungen viel Erfolg.

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27MAI2020
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Der Riese BFG sammelt Träume. So ist das in dem Märchenfilm „Sophie und der Riese“, den ich neulich gesehen habe. BFG steht für big friendly giant – auf Deutsch: großer freundlicher Riese. Dieser BFG fängt Träume und steckt sie in Einmachgläser. Im Märchen geht so etwas. In seiner Sammlung hat der Riese alle möglichen Träume: schöne und Albträume. Sein schlimmster Albtraum heißt „Sieh nur, was Du getan hast, das kann dir niemals vergeben werden“.

Das hat mich überrascht in diesem Märchen für Kinder. Der schlimmste Albtraum heißt nicht „Nachts auf dem Friedhof“ oder „Das Monster unter meinem Bett“. Der schlimmste Albtraum heißt: „Sieh nur, was Du getan hast, das kann dir niemals vergeben werden“. Eigentlich ist das etwas, das vor allem Erwachsene kennen und verstehen: Fehler der Vergangenheit können einen über Jahre hinweg verfolgen bis in die Träume hinein. Dinge, die man anderen oder sich selbst angetan hat, tauchen immer wieder quälend aus der Erinnerung auf. Der Sänger Tim McGraw singt in einem Lied darüber: von dem Mitschüler, der von ihm er gedemütigt wurde und von dem Mädchen, das er sitzen gelassen hat.

„Sieh nur, was Du getan hast, das kann dir niemals vergeben werden“.
Aber wer sagt das eigentlich? Gott? Ich glaube, nicht, dass Gott so redet. Wenn ich mir anschaue, wie Jesus Menschen begegnet ist, dann sehe ich: Gott möchte nicht, dass schlimme Fehler einen Menschen sein Leben lang verfolgen. Von Jesus lerne ich: Gott vergibt Schuld. Und er unterscheidet dabei nicht zwischen Dingen, die er vergeben kann und Dingen, die er nicht vergeben kann.

Dabei Gott redet die Schuld nicht klein. Das ist sie oft ja auch nicht. Aber er will nicht, dass sie mich für immer belastet. Er möchte, dass ich wieder nach vorne schauen kann. Gott sagt „Sieh, was du getan hast“. Aber der Satz geht bei ihm anders weiter als im Albtraum: „Sieh, was du getan hast. Das vergebe ich dir“.

„Das kann dir niemals vergeben werden“ – das sagt nicht Gott. Das sage ich mir selbst. Es ist gar nicht so einfach, sich selbst zu vergeben. Aber ich denke, man kann das lernen: mehr auf Gottes Stimme zu hören als auf die eigene.

Wenn es einem schwer fällt, sich selbst zu vergeben, hat das oft auch etwas mit der eigenen Erziehung zu tun. Ob der verschüttete Becher Milch eine Katastrophe ist oder eben nur ein verschütteter Becher Milch, das prägt Kinder. Deshalb passt es vielleicht doch, dass der Albtraum „Sieh nur, was Du getan hast, das kann dir niemals vergeben werden“ in einem Märchen für Kinder auftaucht. Wir Erwachsenen können viel dafür tun, dass dieser Albtraum für unsere Kinder fest verschlossen im Einmachglas bleibt.

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26MAI2020
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„Musik macht alles gut“, singt Heinz Rudolf Kunze in einem seiner Lieder. Und ich finde, er hat Recht. Wenn ich schlecht gelaunt bin und im Autoradio eins von meinen Lieblingsliedern kommt, geht’s mir gleich besser. Für drei Minuten wird der Tag ein bisschen heller. Auch abends im Wohnzimmer höre ich gern Musik – Schallplatten, wie früher. Eine Seite und ich komme nach einem stressigen Tag wieder zur Ruhe.

Auch der Reformator Martin Luther war ein Musikliebhaber. „Ich liebe die Musik“, hat er einmal geschrieben. „Denn sie ist erstens ein Geschenk Gottes […]; zweitens macht sie fröhliche Herzen; drittens verjagt sie den Teufel; viertens bereitet sie unschuldige Freude. Darüber vergehen Zorn, Begierde [und] Hochmut.

Ich glaube, Martin Luther hat Recht. Musik ist keine Nebensache, auch wenn man sie oft nebenbei und im Hintergrund hört. Musik ist kein Luxus, auf den man zur Not auch verzichten kann. Ohne Musik fehlt etwas Wichtiges. Sie gehört zum Menschsein dazu. Wahrscheinlich haben die Menschen schon lange Musik gemacht oder zumindest gesungen, bevor sie angefangen haben, mit Faustkeilen ihre Umwelt zu bearbeiten. Musik ist menschlich, und ich glaube: Sie macht auch menschlich.

Fröhliche Herzen und weniger Zorn – ich denke, das kann man gerade gut brauchen in dieser angespannten Corona-Zeit. Als Luther gelebt hat, ist die Musik in Krisenzeiten zum großen Teil verstummt – wenn etwa die Pest oder ein Krieg das Land heimgesucht haben. Jetzt ist das zum Glück nicht so. Zwar wurden viel Konzerte und Festivals abgesagt. Aber dank Radio, Smartphone und Stereoanlage ist die Musik trotzdem noch da. Gott sei Dank.

Und ich bin auch denen dankbar, die die Musik machen. Den Komponisten und Liedermachern, den Instrumentalisten und Sängern und den Musiklehrern.

Die wenigsten Profi-Musiker in Deutschland sind Stars, die im Geld schwimmen. Viele trifft die Corona-Krise hart. Die meisten, die von der Musik leben, sind nicht fest angestellt, sondern frei schaffende Künstler. Wenn sie keine Konzerte geben oder nicht unterrichten, bekommen sie kein Geld. Zum Glück gibt es staatliche Unterstützung.

Aber auch als Musikliebhaber kann man Musikern helfen. Etwa, indem man Karten für abgesagte Konzerte nicht zurückgibt. Oder indem man Geld spendet, zum Beispiel an die #MusikerNothilfe der Deutschen Orchester-Stiftung. Viele Musiker haben auch eigene Internetseiten. Dort kann man ihre CDs oder Schallplatten direkt kaufen. Damit unterstützt man die Künstler und hat auch selbst was davon.

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25MAI2020
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Eigentlich bin ich kein besonders geselliger Typ. Und deshalb hat es mich überrascht, wie wichtig die Kontakte zu anderen Menschen für mich sind. Die zurückliegenden Corona-Wochen haben mir das gezeigt.

Plötzlich war vieles nicht mehr möglich. Ich konnte nicht mehr in die Schule, an der ich Religion unterrichte, nicht mehr ins Schwimmtraining, nicht mehr zum Gitarrenunterricht. Auch der Besuch beim Friseur und viele andere Dinge waren nicht mehr möglich.

Dabei habe ich gemerkt: Es sind nicht nur die Sachen, die ich vermisse – das Schwimmen oder das Gitarre-Lernen. Es sind auch die Menschen, die mir irgendwie fehlen: mein Gitarrenlehrer, meine Schüler, meine Schwimmkameraden oder auch mein Friseur. Und das, obwohl ich zu denen allen gar kein besonders enges Verhältnis habe. Sie gehören ja nicht zu meiner Familie und sind auch nicht meine Freunde.

Aber gerade diese kleinen, alltäglichen Begegnungen mit anderen Menschen machen viel aus. Ein „Das hast Du gut gemacht“ von meinem Gitarrenlehrer, ein freundliches Gespräch übers Wetter oder über Fußball beim Friseur, die gemeinsame Anstrengung im Schwimmbecken oder eine interessierte Rückfrage von einer Schülerin. Das alles sind vielleicht Kleinigkeiten, aber es sind Kleinigkeiten, die einem manchmal den Tag retten können – mir jedenfalls.

Und ich merke, all diese Begegnungen sind wie Spiegel für mich. Die Anderen spiegeln mir zurück, wer ich bin. Jede Begegnung gibt eine andere Seite von mir wider: den Lehrer, den Schwimmer oder den Musiker. Wenn die Kontakte fehlen, werden manche Seiten, die zu mir gehören, ausgeblendet – manchmal welche, die mir ganz wichtig sind.

Der Reformator Martin Luther hat einmal gesagt: Die anderen Menschen sind wie „Kanäle und Mittel“ durch die Gott uns mit Gutem beschenkt. Luther konnte sogar sagen: In meinen Mitmenschen begegnet mir – wie hinter einer Maske, verkleidet – Gott selbst. Gott hat den Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen, steht in der Schöpfungsgeschichte in der Bibel. Ich denke, das heißt auch: In meinen Mitmenschen kann mir Gott begegnen. Und auch ich kann anderen Gottes Güte weitergeben.

Irgendwann werden die Kontakte hoffentlich wieder ganz alltäglich und selbstverständlich sein. Gerade als nicht besonders geselliger Typ möchte ich das mitnehmen aus dieser Corona-Zeit: Die guten Begegnungen mit anderen Menschen sind wichtig, und sie sind ein Geschenk Gottes.

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24MAI2020
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„Was wünschst Du Dir zum Geburtstag“, fragt der Vater die Tochter. „Ein Pferd“, antwortet die Kleine. Der Vater fragt nach: „Was für ein Pferd, eins aus Holz oder aus Stoff…?“ „Ein Pferd aus Pferd“, sagt die Tochter trotzig.

Diese kleine Begebenheit macht deutlich: Es geht nichts über das Echte. Ein Pferd muss aus Pferd sein – alles andere ist nur ein Ersatz. Auch daran kann man sich freuen: Meine eigene Tochter beispielsweise hatte, als sie klein war, ein großes Stoffpferd. Das hat sie geliebt. Aber ein echtes wäre doch noch mal was anderes gewesen.

Während des Corona-Shutdowns ist es mir so ähnlich mit den Gottesdiensten gegangen. Weil man keine Gottesdienste in der Kirche feiern durfte, hat meine Kirchengemeinde Podcasts angeboten: Kurze Gottesdienste, die man über das Internet anhören und mitfeiern konnte. Das war ein wichtiger Ersatz. Ich habe mir oft gedacht: Wie gut, dass es diese technischen Möglichkeiten gibt. Vor 20 Jahren wäre das alles nicht gegangen. Für Menschen, die weiterhin lieber zu Hause bleiben möchten oder müssen, gibt es diese Podcasts auch weiterhin.

Gleichzeitig habe ich gemerkt: Gottesdienste im Internet können die Gottesdienste in der Kirche nicht wirklich ersetzen. Ganz besonders ist es mir an Ostern so gegangen. Morgens um fünf Uhr in der dunklen Kirche sein mit dieser besonderen Atmosphäre, erleben wie die Osterkerze angezündet wird und dann miteinander Abendmahl feiern. Das ist etwas anderes als um zehn Uhr auf dem Sofa zu sitzen.

Deshalb bin ich froh, dass es wieder Gottesdienste in der Kirche gibt. Echte Gottesdienste. Auch wenn sie mit vielen Auflagen verbunden sind. Auf Abstand sitzen, nicht singen – das sind schon große Einschränkungen. Aber die haben ja auch ihren Sinn. Es ist immerhin Gottesdienst mit anderen zusammen in einem echten Kirchenraum. Und ich kann die Orgel nicht nur hören wie im Internet, sondern endlich auch wieder spüren.

Die Corona-Zeit zeigt mir, wie wichtig die realen Räume und die echte Welt für mich sind. Wie mir mit dem Gottesdienst geht es wahrscheinlich vielen auch mit anderen Dingen, zum Beispiel mit Fußballspielen. Ein Fußballspiel im Stadion zu erleben, das ist schon eine ganz andere Sache als Geisterspiele im Fernsehen. Vieles ist ja immer noch nicht möglich – aus gutem Grund. Aber worauf man lange verzichten muss, erlebt man dann umso intensiver. Ich freue mich jetzt schon auf das erste echte Rock-Konzert nach der Korona-Pandemie: ein Rock-Konzert aus Rock-Konzert.

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07MRZ2020
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Gewöhnlich ist langweilig. Das denken Viele. Für mich ist das Gewöhnliche oft die Rettung. Oder besser gesagt: Gewohnheiten sind für mich die Rettung. Gewohnheiten nehmen mir nämlich Entscheidungen ab.

Es fällt mir ziemlich schwer, mich zu entscheiden. Das fängt schon beim Spaghetti-Kaufen an. Welche Sorte soll ich kaufen? Die italienischen? – Italiener wissen schließlich wie man Spaghetti macht. Oder doch lieber die billigsten? – Die tun‘s doch auch. Oder, die von der Schwäbischen Alb? – Regional ist gut. Oder doch die von weiter her, aber dafür Bio? – Hm, schwierig.

Ganz schlimm sind Entscheidungen, die meine Zeiteinteilung betreffen: Was soll ich tun, wenn ich nur wenig Zeit habe, aber tausend Dinge anstehen? Und vor allem: In welcher Reihenfolge soll ich die Sachen erledigen? Meistens ist es dann so: Es bleiben die Dinge auf der Strecke, die mir zwar wichtig sind, die aber nicht so dringend erledigt werden müssen.

Die Lösung sind für mich Gewohnheiten. Wenn ich etwas zur Gewohnheit mache, dann muss ich mich nicht ständig neu entscheiden. Ich treffe einmal eine Entscheidung. Und so bleibt das dann.

Sport zum Beispiel ist mir total wichtig. Aber wenn ich mir jeden Tag neu überlegen muss, ob und wann ich Sport mache, ist das erstens ziemlich anstrengend und zweitens bleiben Laufschuhe oder Badehose dann oft im Schrank. Ich bin entweder zu beschäftigt oder zu bequem. Seit einiger Zeit habe ich zwei Mal die Woche feste Sport-Zeiten mit anderen zusammen. Ich hab den Sport zur Gewohnheit gemacht. Das ist mir zuerst schwer gefallen, aber jetzt klappt es ganz gut.

Auch der Glaube ist mir wichtig. Aber ich habe die Erfahrung gemacht: Auch der Glaube kann leicht hinten runter fallen. Selbst bei mir als Pfarrer und Religionslehrer ist das so. Manchmal beneide ich deshalb die Mönche im Kloster. Die feiern fünf Mal am Tag kleine Gottesdienste zu festgelegten Zeiten – so genannte Tagzeitengebete. Das kriege ich in meinem Alltag nicht hin. Aber morgens zehn Minuten, das geht. Ich lese zwei Sätze aus der Bibel. Dazu nehme ich die Losungen – das ist ein kleines blaues Buch mit zwei Bibelsprüchen für jeden Tag. Gibt es in jeder Buchhandlung. Darüber denke ich nach und bete kurz – sage Gott also, was ich heute auf dem Herzen habe. Das habe ich mir zur Gewohnheit gemacht. Und sonntags gehe ich gewöhnlich in den Gottesdienst.

Übrigens: Ich finde, Gewohnheiten darf man auch mal unterbrechen. Wie heißt es so schön: Ausnahmen bestätigen die Regel. Überlegen Sie doch mal, was Ihnen wichtig ist, und dann machen Sie eine Gewohnheit draus.

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06MRZ2020
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Es ist eigentlich ein hoffnungsloser Fall, von dem das Johannesevangelium erzählt (Joh 5,2-9a): Seit 38 Jahren liegt der Kranke schon in dem Sanatorium in Jerusalem – ein halbes Leben. Er liegt dort zusammen mit vielen anderen kranken Menschen. Die Gebäude rahmen ein großes Wasserbecken. Der künstliche Teich heißt Betesda. Sein Wasser soll heilende Wirkung haben, sagt man. Immer wenn sich die Wasseroberfläche bewegt, wird derjenige gesund, der zuerst ins Wasser steigt. Aber der Kranke, von dem die Bibel erzählt, hat keine Chance. Allein ist er nicht schnell genug. Und er hat niemanden, der ihm hilft.

Genau diese Geschichte aus der Bibel haben sich Frauen aus Simbabwe für den heutigen Weltgebetstag ausgesucht. Jedes Jahr wird der Weltgebetstag von Frauen aus einem anderen Land der Erde vorbereitet. Sie suchen einen Abschnitt aus der Bibel aus und erklären, was er ihnen bedeutet. Sie erzählen von der Situation in ihrem Land und formulieren Gebete. So entsteht der Entwurf für einen Gottesdienst. Der wird in viele Sprachen übersetzt und dann in über 120 Ländern auf der ganzen Welt gefeiert – auch heute Abend in Deutschland in den allermeisten Kirchengemeinden. Frauen aus der evangelischen und katholischen Kirche und aus Freikirchen haben den Weltgebetstag vor Ort vorbereitet.

Ich glaube, die Frauen in Simbabwe haben die Geschichte von dem Kranken am Teich Betesda deshalb ausgewählt, weil es auch in ihrem Land wenig Hoffnung gibt. Staatliche Misswirtschaft und Korruption haben Simbabwe zu einem der ärmsten Länder Afrikas gemacht. Es gibt eine hohe Inflation. Zur Zeit wird das Land von einer großen Dürre heimgesucht. Es droht eine Hungersnot. Das Land ist krank.

Aber die Geschichte aus der Bibel bleibt nicht bei der Hoffnungslosigkeit stehen. Als Jesus den Kranken am Teich Betesda liegen sieht, fordert er ihn auf: „Steh auf! Nimm deine Matte und geh!“. Und der Kranke steht auf. Er rollt, die Matte, auf der gelegen hat, zusammen und geht. Von da an ist er gesund.

Die Aufforderung von Jesus an den Kranken ist für die Frauen aus Simbabwe der wichtigste Satz in der Geschichte. „Steh auf und geh!“, haben sie als Überschrift für ihren Weltgebetstag gewählt. Ich denke, die Worte von Jesus machen ihnen Mut, gegen die schwierigen Verhältnisse in ihrem Land aufzustehen. Und sie geben ihnen Hoffnung: Wenn man aufsteht und etwas tut, dann ändert sich auch etwas.

Dafür beten die Frauen heute Abend auf der ganzen Welt. Sicher findet auch ein Gottesdienst in Ihrer Nähe statt. Übrigens: Auch Männer sind herzlich willkommen.

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05MRZ2020
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„Was brauchen Kinder, um gut durchs Leben zu gehen?“, fragen sich viele Eltern und Großeltern. Auch der amerikanische Musiker Phil Keaggy hat sich diese Frage gestellt, als sein Sohn noch klein war. Deshalb hat er ein Lied für ihn geschrieben. „Gentle and strong“ heißt es – „Freundlich und stark“.

„Werde freundlich und stark“, ich finde das einen tollen Wunsch. Ich hab ihn auch für meine eigenen Kinder übernommen. Ich glaube: Freundlich und stark kann man tatsächlich gut durchs Leben gehen.

Stark sollen Kinder werden, nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich. Damit sie mit den Herausforderungen des Lebens klar kommen. Resilienz nennen die Psychologen diese innere Stärke. Widerstandsfähigkeit heißt das übersetzt. Kinder sollen gut gerüstet sein für die Stürme des Lebens. So dass Stress, Verluste, Spannungen und was ihnen sonst noch im Leben begegnet, sie nicht umwerfen können.

Stark werden hat aber nichts mit Abhärten zu tun. Nicht die Kinder werden widerstandsfähig, die besonders hart und streng erzogen werden. Das hilft ihnen nicht im Leben. Psychologen haben herausgefunden: Stark werden Kinder, wenn sie einen Menschen haben, dem sie vertrauen und der gleichzeitig ihnen etwas zutraut. Kinder brauchen jemanden, der sie viel selber machen lässt und gleichzeitig da ist, wenn sie Hilfe brauchen.

Zur Stärke muss aber noch etwas dazu kommen, findet Phil Keaggy in seinem Lied. Nämlich die Freundlichkeit. Und ich glaube er hat Recht. Manche meinen, dass Stark-Sein und Freundlich-Sein Gegensätze sind. Ich finde das nicht. Sich bedanken, sich entschuldigen, jemandem den Vortritt lassen oder den anderen grüßen. Das ist nicht schwach, sondern aufmerksam. Es ist stark, wenn man das kann. Es ist schwieriger, nicht nur sich selbst, sondern auch andere im Blick zu haben und nicht nur für sich, sondern auch für andere da zu sein, und deshalb ist es auch stärker. Vielleicht ist es sogar so: Es gibt gar keine echte Stärke ohne Freundlichkeit. Wirklich stark bin ich nicht für mich allein. Echte Stärke heißt immer auch: Für andere stark sein.

Auch bei der Freundlichkeit spielen die Erwachsenen, die die Kinder begleiten, eine wichtige Rolle: Kinder lernen vor allem, was wir Eltern, Großeltern, Lehrer und Erzieher ihnen vorleben.

Ich wünsche mir für meine Kinder keine Welt, in der jeder nur auf sich schaut und die Ellenbogen ausfährt. Sondern eine Welt, in der die Menschen freundlich und solidarisch miteinander umgehen und füreinander Verantwortung übernehmen.

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04MRZ2020
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Manchmal kommt mir die Kirche ein bisschen vor wie die Rolling Stones. Ok, der Vergleich hinkt ein bisschen: Die Kirche hat natürlich keine „Sympathie für den Teufel“ wie die Stones in ihrem Song „Sympathy fort he devil“.

Aber was ich meine, ist: Die Rolling Stones klingen nur zusammen gut. Wenn die Band im Studio ist, werden die einzelnen Instrumente getrennt aufgenommen. Und man kann sich die einzelnen Spuren dann auch einzeln anhören. Tontechniker oder Musikproduzenten, die mit der Band gearbeitet haben, berichten immer wieder: Es klingt grauenhaft, wenn man Mick, Keith, Ron, Charlie und Darryl Jones getrennt voneinander hört. Jemand hat sogar einmal gesagt: Es hört sich an, als ob sie unterschiedliche Songs spielen. Aber wenn man alle zusammen hört, klingt es sensationell und einzigartig, so, wie eben nur die Rolling Stones klingen können.

Nur zusammen kommt etwas Gutes raus. – Ein bisschen so kommt mir die Kirche auch vor. Zu jedem Thema gibt es in der Kirche unterschiedliche Meinungen. Für die einen ist die Diakonie das wichtigste: Kirche soll sich vor allem für benachteiligte Menschen einsetzen. Für die anderen steht die persönliche Beziehung zu Gott im Mittelpunkt: Kirche muss die Menschen zuallererst zum Glauben einladen, sagen sie. Und viele andere Fragen sind auch umstritten: Wie politisch soll die Kirche sein? Oder: Wie ist die Bibel zu verstehen?

Oft hört es sich an, als ob sich die Meinungen komplett widersprechen. Und für sich genommen kommen einem die Stimmen manchmal furchtbar einseitig vor. Aber ich glaube, jede Stimme betont einen wichtigen Aspekt und sorgt so dafür, dass er nicht vergessen wird. Und zusammengenommen kommt dann meistens ein gutes, ausgewogenes Ergebnis heraus.

Auch Streit gibt es in der Kirche. Wie bei den Rolling Stones: Mick Jagger und Keith Richards liegen sich seit Jahrzehnten immer wieder in den Haaren, hört man. Aber letztlich verbindet sie doch eine gemeinsame Sache: Die Liebe zur Musik. Deshalb stehen sie seit fast sechs Jahrzehnten immer noch zusammen auf der Bühne.

Ich finde: Auch die Kirche hat eine gemeinsame Sache, die sie zusammenhält, oder besser gesagt eine Person: Jesus Christus. Er ist ihr wichtig. An ihm versucht sie sich zu orientieren. Von ihm erzählt sie immer noch – seit fast 2000 Jahren. Ich glaube, diese gemeinsame Botschaft macht auch die Kirche einzigartig. Sie lautet: Gott liebt seine Menschen so sehr, dass er selbst Mensch geworden ist. Jesus Christus ist in die Welt gekommen, damit wir versöhnt leben können: mit Gott, mit uns selbst und untereinander.

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03MRZ2020
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Wenn die Toten reden könnten… was würden sie dann erzählen? Das hat sich der Schriftsteller Robert Seethaler gefragt. In seinem Roman „Das Feld“ lässt er die Menschen, die auf dem Friedhof einer Kleinstadt begraben liegen, ihre Geschichten erzählen. Manche erzählen nur kurze Begebenheiten, manche fast ihr ganzes Leben.

Da schildert ein Paar seine Ehe. Zuerst erzählt die Frau, dann der Mann. Und es wird klar: die beiden haben aneinander vorbei gelebt. Eine junge Mutter berichtet, wie sie sich im Urlaub verletzt und eine Blutvergiftung geholt hat. Oder ein Mann erzählt, wie ihm sein Vater als Kind eingeimpft hat: „Du bist ein Gewinner“. Aber dann musste er viele Niederlagen einstecken.

Die Verstorbenen im Roman haben meistens traurige oder tragische Geschichten zu erzählen. Das Glück ist in dieser kleinen Stadt rar gesät. Das macht einen beim Lesen ein bisschen melancholisch.

Aber irgendwie haben mich die Toten mit ihren Geschichten auch beruhigt. Ich habe gemerkt: Glücklich sein ist kein Dauerzustand in einem Leben – und muss es auch nicht sein. Das Glück, das sind Momente. Ich kann dankbar sein, wenn ich sie erfahre. Wenn die Toten in dem Roman von sich erzählen, dann holen sie mich auf den Boden der Realität zurück. „Warum sollte es bei Dir anders sein als bei uns?“, fragen sie mich spöttisch. Und ich lerne: Kein Leben läuft ideal. Gesundheit, gute Beziehungen, Mit-mir-selbst-zufrieden-Sein – das sind keine Selbstverständlichkeiten. Es sind Kostbarkeiten, wann immer sie auftauchen.

Als ich den Roman gelesen habe, habe ich mich aber auch immer wieder gefragt: Ist das alles? Die Toten bleiben in ihren Gräbern und murmeln ihre Geschichten? Ob und wie es mit ihnen weitergeht, erzählt Robert Seethaler nicht. Sein Roman hat kein Happy End. Aber als Christ glaube ich, dass es eins gibt. Das geht ungefähr so:

Die Menschen auf dem Friedhof erzählen ihre Geschichten nicht ins Nichts hinein, Gott hört, was sie erzählen und antwortet ihnen. Gott und die Toten kommen miteinander ins Gespräch über ihre Leben, über Glück und Unglück, über das, was andere ihnen schuldig geblieben sind und darüber was sie anderen schuldig geblieben sind. Dabei kommt viel zurecht.

Und dann kommt der Tag, da sieht die Mutter, die zu früh gestorben ist, ihre Kinder wieder. Das Ehepaar, das aneinander vorbeigelebt hat, versteht sich zum ersten Mal. Und der Vater, der seinem Sohn das Leben schwer gemacht hat, bittet ihn um Verzeihung. Und der Sohn nimmt ihn einfach in den Arm. – In der Bibel heißt dieses Happy End Auferstehung der Toten.

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