Manuskripte

„Meine Mannschaft hat die Zweikämpfe nicht angenommen“, sagen Fußballtrainer manchmal nach einem verlorenen Spiel. Sie meinen damit, dass ihre Spieler sich aus dem Spiel rausgehalten haben. Vielleicht weil sie gedacht haben, dass sie das Spiel auch ohne Kampf und Einsatz gewinnen. Die Trikots sind nach so einer Partie sauber, und Blessuren gibt es auch keine. Aber das Spiel ist an den Spielern vorbeigegangen. Und sie haben verloren.

Ich frage mich, ob nicht auch das Leben an einem vorbeigehen kann wie so ein Fußballspiel. Nämlich dann, wenn man möglichst allen Herausforderungen aus dem Weg geht. Dann hat man es zwar leicht. Aber das Leben bleibt irgendwie leer.

Ich beobachte: Menschen, die ein erfülltes Leben haben, haben sich auch den Herausforderungen gestellt, auch wenn das nicht immer einfach war. So war das auch bei dem evangelischen Pfarrer Gustav Werner.

Gustav Werner hat im 19. Jahrhundert gelebt, in der Zeit der Industrialisierung. Überall sind Fabriken entstanden und haben die Handwerksbetriebe verdrängt. Die Folge waren Armut und Arbeitslosigkeit. Gustav Werner hat das als Herausforderung gesehen und sie angenommen. Zuerst hat er in seiner Gemeinde in Walddorf einen Kindergarten und eine Mädchenschule eingerichtet. Dann hat er in Reutlingen eine Genossenschaft gegründet. Waisenkinder und andere Hilfsbedürftige haben dort in der Landwirtschaft und in Handwerksbetrieben gearbeitet und sich so selbst versorgt. Und schließlich hat Gustav Werner eine christliche Fabrik aufgebaut. Dort bekamen die Arbeiter einen angemessenen Lohn, wurden am Gewinn beteiligt, hatten begrenzte Arbeitszeiten und bekamen eine Kranken- und Altenversorgung.

Dieses Engagement hat bei Gustav Werner aber auch Blessuren hinterlassen. Die Kirchenleitung hat Gustav Werner aus dem Pfarrdienst geworfen, weil er zum Beispiel über die Dreieinigkeit Gottes anders gedacht hat als die Kirche. Und auch als Unternehmer musste Gustav Werner einstecken. Er geriet in eine finanzielle Notlage, und musste sich von seiner christlichen Fabrik trennen.

Aber das macht das, was er erreicht hat, nicht kleiner, finde ich. Trotz dieser Schläge gilt Gustav Werner als einer der Begründer der Diakonie und als einer der großen Sozialreformer des 19. Jahrhunderts. Seine Stiftung gibt es bis heute. Und die Bruderhausdiakonie, die auf Gustav Werner zurückgeht, setzt sich bis heute für behinderte und benachteiligte Menschen ein.

Ich finde, Gustav Werner ermutigt einen, die Herausforderungen des Lebens anzunehmen und nicht immer nach dem leichten Weg zu suchen. Auch im Alltag.

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Ich lese gerne Lebensgeschichten. Solche die bekannte Menschen über sich geschrieben haben. Mich interessiert, wer diese Menschen waren oder sind. Zum Beispiel der Musiker Eric Clapton oder der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Solche Lebensgeschichten sind dicke Bücher mit mehreren Hundert Seiten. Und trotzdem – eigentlich – erstaunlich dünn für ein ganzes Leben.

Würde ein Mensch wirklich sein ganzes Leben aufschreiben, dann müsste das mindestens ein ganzes Bücherregal füllen, nicht nur ein Buch. Wer ein Buch über sein Leben schreibt, der erzählt nicht alles, sondern nur einen kleinen Teil. Was dem Verfasser wichtig ist, schildert er ganz ausführlich. Mansches nur beiläufig und vieles überhaupt nicht. Was ich lese, ist also die ganz persönliche Sicht eines Menschen auf sein Leben.

Ich glaube, jeder Mensch hat so eine Geschichte über sich. Die wenigsten Menschen schreiben sie auf, aber jeder hat sie in seinem Kopf: Seine ganz eigene Sicht auf sein Leben. Seine ganz eigene Antwort auf die Frage: „Wer bin ich eigentlich?“

Meine Lebensgeschichte setzt sich nicht nur zusammen aus dem, was ich selbst über mich denke. Auch das, was andere über mich sagen, spielt eine Rolle. Ganz besonders die Geschichte, die meine Eltern über mich erzählen und andere Menschen, die mir nahe stehen.

Auch Gott erzählt eine Geschichte über mich. Nachlesen kann ich sie in der Bibel. Nicht direkt natürlich. Aber ich lese dort von Menschen, die in ähnlichen Lebenssituationen sind wie ich. Und ich erfahre, wie Gott über sie denkt. Deshalb kann ich aus diesen Geschichten herauslesen, was Gott über mein Leben sagt. Der Schauspieler Ben Becker hat es einmal so formuliert: „Alle Geschichten, die wir kennen und jeder von uns lebt, stehen in dem Buch schon drin“. Gemeint hat er die Bibel.

In Gottes Geschichte über mich steht zum Beispiel: Es ist kein Zufall, dass es mich gibt. Ich bin wichtig für diese Welt und meine Mitmenschen. Ich habe viele Talente, die ich einbringen soll. Ich mache auch viele Fehler und schade mir und anderen. Mein Leben wird nie so sein, wie es könnte. Aber Gott geht trotzdem mit mir durchs Leben, zeigt mir den Weg, hilft mir immer wieder auf. Und die Geschichte, die Gott über mich erzählt, geht gut aus. Sie endet nicht mit dem Tod. Nach dem letzten Kapitel gibt es noch ein Nachwort.

Das ist eine nüchterne und realistische Lebensgeschichte. Es ist aber gleichzeitig ein gnädige und eine hoffnungsvolle. Irgendwie eine gute Geschichte. Ich höre sie gern.

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Es gibt eine Möglichkeit, ewig zu leben. Man muss nur Treppensteigen. Treppensteigen ist ja bekanntlich gesund. Wenn man ein Stockwerk nach oben läuft, lebt man deshalb 14 Sekunden länger. Das haben Forscher in einer Studie herausgefunden. Ich habe mal die Zeit gestoppt: Für ein Stockwerk Treppensteigen brauche ich acht Sekunden. Ich gewinne aber 14 Sekunden Lebenszeit dazu. Macht ein Plus von sechs Sekunden. Wenn ich also die ganze Zeit nur Treppen steige, lebe ich ewig – theoretisch.

Natürlich ist die Rechnung Quatsch. Ich muss ja auch essen und schlafen und die Treppen, die ich hochlaufe, auch wieder runterkommen. Und überhaupt: Sterben muss ich trotzdem. Aber selbst wenn es ginge: Was wäre das für ein Leben! Immer nur Treppen steigen.

In der Bibel meint ewiges Leben gar kein unendlich langes Leben hier auf der Erde. Und ewiges Leben meint auch kein unendlich langes Leben im Himmel. Ewiges Leben meint ein Leben bei Gott. Und Gott ist nicht wie die Menschen an die Zeit gebunden. Das ewige Leben bei Gott ist ein Leben außerhalb der Zeit. Ein Leben, in dem Zeit keine Rolle spielt. Schwer vorzustellen. Aber für Menschen wie mich, die ständig spät dran sind und mit der Zeit denken, ein herrlicher Gedanke.

Ewiges Leben außerhalb der Zeit meint nicht, dass das Leben ewig lange dauert, sondern, dass es unzerstörbar ist. „Ewig“ ist also weniger eine Zeitangabe, mehr eine Qualitätsbezeichnung. Ewiges Leben ist „ewig gutes“ Leben, erfülltes Leben, Leben wie es sein soll. Ewiges Leben beginnt deshalb nicht erst nach dem Tod. Ich kann es jetzt schon erleben. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat einmal gesagt: Jeder Augenblick, den wir als erfüllt und perfekt erleben, ist schon ein „Atom der Ewigkeit“. Ein Sonnenuntergang am Meer, ein überwältigendes Musikstück oder das Siegtor für Deutschland im Endspiel der Fußball-WM – das alles sind kleine Appetithäppchen des ewigen Lebens.

In der Bibel steht, dass auch Menschen, die Jesus begegnet sind, ein Stückchen erfülltes und ewiges Leben bekommen haben: Der Gelähmte etwa, den Jesus gesund gemacht hat, und der nach langer Zeit wieder auf die Beine kommt. Oder die Ehebrecherin, die Jesus nicht verurteilt hat und die erfährt: Ich hab zwar Mist gebaut, aber ich bekomme ein neue Chance. – Wenn ich von diesen Begegnungen lese und mir klar mache: So freundlich und gut meint es Gott auch mir, dann erfahre ich auch ein „Atom der Ewigkeit“ – ganz ohne Treppensteigen.

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„Wir werden verletzt geboren“. Das sagt Julia, die Hauptperson in Daniel Specks Roman Bella Germania. Julia ist mit einer Lüge aufgewachsen. „Dein Vater ist gestorben“, hatte ihre Mutter ihr schon als kleines Kind erzählt. Aber das hat nicht gestimmt. Nachdem er sich von Julias Mutter getrennt hatte, hat der Vater immer wieder versucht, Kontakt zu Julia aufzunehmen. Aber die Mutter hat alle Briefe abgefangen und vor Julia verheimlicht. Und so ist Julia allein mit ihrer Mutter und deren wechselnden Lebenspartnern groß geworden.

Aber Julia hat sich immer nach einem Vater gesehnt. Diese Lücke versucht sie durch Arbeit und Ehrgeiz zu füllen. Die kaputte Beziehung ihrer Eltern und das, was sie als Kind erlebt hat, bestimmen Julia auch noch als erwachsene Frau. Man kommt nicht „als unbeschriebenes Blatt auf die Welt“, sagt sie, „wir werden verletzt geboren und versuchen ein Leben lang heil zu werden“.

„Wir“, sagt Julia. Und ich glaube, sie hat Recht. Wie ihr geht es eigentlich jedem Menschen. Niemand startet bei null. Jeder Mensch wird hineingeboren in eine unvollkommene, verletzte Welt. Und er wächst unter Menschen auf, die Fehler machen und unehrlich sind wie Julias Mutter. Dabei meinen es die Väter und Mütter oft gar nicht böse, sondern machen es so gut, wie sie es halt können. Auch Julias Mutter hat gedacht, es sei das Beste für ihre Tochter, wenn sie nichts von ihrem kriminellen Vater erfährt und keinen Kontakt zu ihm bekommt.

Ich glaube, diese unguten Beziehungen, in die Kinder hineingeboren werden, das ist genau das, was der christliche Glaube „Erbsünde“ nennt. Erbsünde, also vererbte Sünde, das sind diese tragischen, ungewollten Verletzungen, die eine Generation an die andere weitergibt. So machen Eltern ihren Kindern das Leben schwer. Und die wieder ihren Kindern.

Vergebung der Sünde heißt dann: Gott nimmt mir diese geerbte Last ab. Nicht indem er sie ungeschehen macht. Aber Gott kann mir helfen, sie zu akzeptieren und mit ihr umzugehen. So dass ich trotz allem einen guten, eigenen Weg durchs Leben finde. Er möchte, dass ich mich mit meinen Eltern aussöhnen kann. Und dass ich auch das Gute sehe, das sie mir mitgegeben haben.

Julia gelingt das im Roman. Sie lernt ihren Vater und dessen Familie kennen. Sie kann ihrer Mutter vergeben. Und sie erkennt, dass ihre Familie sie auch stärkt und trägt. Am Ende kann sie dankbar sagen: „Das Buch unseres Lebens müssen wir nicht allein schreiben. Es wird mitgeschrieben von denen, die um uns sind und fortgesetzt von unseren Kindern“.

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„Das Leben ist kein Wegwerfartikel“, das sagt Benedict Maria Mülder. Eigentlich sagt nicht er das, sondern ein Computer, den er mit den Augen steuern kann. Denn mehr als seine Augen kann Mülder Mülder nicht mehr bewegen. Er leidet seit Jahren an amyotropher Lateralsklerose, kurz ALS. Das ist dieselbe Krankheit, die auch der Physiker Stephen Hawking hatte. Bei ALS fallen immer mehr Neven aus und damit immer mehr Muskeln. Bis man nur noch die Augen bewegen kann. ALS-Patienten müssen künstlich beatmet und ernährt werden. So ist das auch bei Herrn Mülder.

Trotz dieser massiven Einschränkungen steht er mitten im Leben. Mit Hilfe des Computers schreibt der Journalist trotz seiner Krankheit Artikel für Zeitungen und Beiträge für Bücher. Und er nimmt Teil am Familienleben. Sein Bett steht nicht im Schlafzimmer, sondern im Wohnzimmer, bei der Familie. „Das Leben ist ein Geschenk“, sagt er. Ein Geschenk Gottes. Herr Mülder ist Christ. Und auch als kranker Mensch will er für seine Familie da sein. Und seine Frau ist ihm dafür dankbar: „Mein Sohn hat einen Vater, ich habe immer noch einem Mann“, sagt sie.

Mich beindruckt diese Wertschätzung für das Leben. Mir geht es oft so wie dem Propheten Jona. Die Bibel erzählt: Gott hat für Jona eine Rizinusstaude wachsen lassen. Mit ihren großen Blättern hat die Pflanze dem Propheten Schatten vor der brennenden Sonne gegeben. Das fand Jona sehr angenehm. Doch dann ist die Rizinusstaude eingegangen. Der Schatten war weg. Die Sonne knallte vom Himmel. Und: Der Prophet wollte nicht mehr leben: „Wenn ich doch nur tot wäre“, hat Jona geklagt, „das wäre besser als [so] weiterzuleben!“ (Jona 4,8, Gute Nachricht Übersetzung).

So geht es mir auch manchmal. Eine kleine Einschränkung im Leben bringt mich zum Verzweifeln. Wenn es mal nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle, werde ich unzufrieden und hadere mit dem Schicksaal. Und es kommt mir so vor, als sei das ganze Leben nichts mehr wert. Und meine Verantwortung für andere, habe ich in so einem Moment gar nicht im Blick.

Ich glaube, das kommt daher, dass ich alles Gute als selbstverständlich ansehe: Meine Gesundheit, meine Arbeit, meine Familie, meine Hobbys. Dass das alles da ist und funktioniert, ist für mich der Normalzustand. Wozu also dankbar sein? Und ich unterschätze dann auch, wie wichtig ich für andere bin.

Benedict Maria Mülder erinnert mich daran: Mein Leben ist kein Wegwerfartikel. Es ist Leben ein Geschenk Gottes, das wertvoll ist, auch wenn es eingeschränkt ist – für mich und für andere.

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„Verzeih mal wieder“, konnte man früher auf Schildern entlang der Autobahn lesen. Aber Verzeihen ist ganz schön schwer. Das habe ich neulich wieder gemerkt. Als mir ein Raser auch noch den Mittelfinger gezeigt hat, habe ich keine Sekunde an Verzeihen gedacht. Stattdessen habe ich mir ein Auto gewünscht, wie es James Bond hat – mit Raketen und einem roten Abschussknopf … aber zum Glück habe ich ja nur einen Golf mit Klimaanlage.

Vergeben ist schwer. Ich glaube, das geht vielen Menschen so. Und vielleicht fällt es uns Männern noch ein bisschen schwerer als den Frauen. „Gott vergibt… Django nie“ heißt ein Italowestern aus den 60ern mit Terence Hill als gnadenlosem Rächer. Echte Männer vergeben nicht, sie schlagen zu.

Vielleicht wird Jesus deshalb auf Gemälden immer so sanft dargestellt. Die Maler haben wohl gedacht: Wer die Menschen zur Vergebung auffordert, der muss ein Softi sein. Das war Jesu aber gar nicht. Er war Zimmermann. Bevor Jesus Wanderprediger wurde, hat er auf dem Bau gearbeitet. Er hat gewusst, wie es zugeht im echten Leben. Und die Männer, die mit ihm gezogen sind, die haben das auch gewusst. Die meisten von ihnen waren Fischer. Sie waren es gewohnt, mit harten Bandagen durchs Leben zu gehen.

Auch diesen Männern ist es sicher nicht leicht gefallen, zu vergeben. Einer von ihnen, Petrus, hat Jesus einmal gefragt: „Wie oft muss ich denn jemandem vergeben, wenn er mir Unrecht tut? Ist siebenmal genug?“ (nach Matthäus 18,21) Wahrscheinlich hat Petrus gedacht, dass siebenmal schon zu viel ist. Aber Jesus hat geantwortet: „Nicht siebenmal, sondern sieben mal siebzig mal“.

Ich glaube, Jesus wollte damit sagen: Vergeben ist immer der bessere Weg. Er war davon überzeugt: Vergebung sollte nicht die Ausnahme sein. Sondern die Bereitschaft zu vergeben sollte eine Grundhaltung sein, mit der Menschen sich begegnen. Mitten im echten Leben mit all seinen Reibungspunkten. Denn die Alternative zum Vergeben ist Vergelten. Dann schaukeln sich ein Konflikt immer weiter hoch.

Dazu kommt: Wenn ich vergebe, tue ich auch mir selbst etwas Gutes. Wie ich mit anderen umgehe, ist nämlich ein Spiegel dafür, wie ich mit mir selbst umgehe. Wenn ich anderen ihre Schwächen und Fehler verzeihen kann, dann kann ich mir auch selbst besser verzeihen. Wenn ich mit anderen gnädig bin, dann bin ich es auch mir selbst.

Ein paar Stunden nach der Sache mit dem Raser war mein Ärger übrigens wieder verflogen. Eigentlich wollte ich ihn anzeigen, aber das habe ich dann doch gelassen. Ich würde sagen: Ich habe ihm tatsächlich vergeben. Das nächste Mal mach ich das früher.

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„Es gibt kein Versuchen, tu es oder tu es nicht“. Das ist einer meiner Lieblingssätze aus der Weltraumsage Krieg der Sterne. Das sagt der weise Jedi-Meister Yoda zu seinem Schüler Luke Skywalker. „Es gibt kein Versuchen, tu es oder tu es nicht“. Yoda will ihm damit sagen: „Zweifle nicht an Dir. Wenn Du etwas tust, dann tue es mit der Überzeugung, dass es Dir auch gelingt“. Wer bei einer Aufgabe sagt „Ich kann’s ja mal probieren“ der hat schon eingeplant, dass er scheitert. Der traut sich das, was er tun soll, gar nicht richtig zu. Und dann gelingt es oft auch nicht.

Auch die Bibel sieht das Versuchen kritisch. „Du sollst Gott nicht versuchen“, heißt es da. Das klingt komisch. „Etwas versuchen“, das sagt man oft und macht man oft. Aber „jemanden versuchen“ ­– einen Menschen oder Gott? Lange Zeit habe ich das nicht verstanden. Bis ich gemerkt habe: Es ist eigentlich ganz einfach: Gott versuchen heißt: Gott probieren, oder: Gott ausprobieren. So wie ich eine unbekannte Speise probiere, ob sie mir schmeckt oder nicht. Oder so wie ich ein Werkzeug ausprobiere, ob es funktioniert oder nicht. Genau das soll man mit Gott nicht machen.

Ich glaube, Gott will nicht versucht werden, weil er nicht wie eine Sache ausprobiert werden will. Er will nicht zur Hand genommen werden wie ein Werkzeug. Das greife ich mir, wenn ich mir einen Nutzen davon erwarte. Wenn es mir dann nützt, war‘s gut und wenn nicht, hab ich’s halt mal versucht. Gott will nicht, dass man ihn benutzt, sondern dass man ihm vertraut.

In der Bibel gibt es eine Geschichte: Da wird Jesus vom Teufel aufgefordert, Gott zu versuchen. „Spring von der obersten Spitze des Tempels“, sagt der Teufel, „du bist doch Gottes Sohn. Gott wird seine Engel schicken. Die werden dich auffangen. Und die Menschen, die das sehen, werden begeistert sein“. Aber Jesus lehnt das ab. Er will Gott nicht wie ein Werkzeug als Mittel zum Zweck benutzen. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“, sagt er zum Teufel.

Jesus zeigt mir auch, wie ich mich stattdessen an Gott wenden soll: Wie an einem Vater. So hat Jesus Gott nämlich angeredet. „Abba“ hat er auf Hebräisch zu Gott gesagt. Das heißt übersetzt „Papa“. Kinder wenden sich auch an ihren Vater, weil sie was von ihm wollen. Aber sie versuchen ihn nicht. Sie probieren nicht aus, ob er ihnen vielleicht hilft oder nicht. Sondern sie vertrauen ihm und sind sich ganz sicher, dass er es gut mit ihnen meint.

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„Jeder ist ersetzbar“, hat der Geschäftsführer eines großen Unternehmens einmal in einem Interview gesagt. Aber stimmt das wirklich? Ob ich oder ein anderer den Job macht, ist das wirklich egal? Sitzt, wenn ich es nicht mache, halt ein anderer an meinem Schreibtisch, unterrichtet halt eine andere meine Klasse oder repariert halt jemand anderes den Wasserrohrbruch? Bin ich einfach austauschbar?

Wer von sich denkt „Ich bin ersetzbar“ meint doch gleichzeitig: Es kommt gar nicht so sehr auf mich an. Das, was ich mache, können viele andere auch. Ich bin gar nicht so wichtig. Und wenn ich nicht da wäre, würde das nicht groß auffallen. Wer so denkt, hält sich nicht für besonders wertvoll. Ich glaube: Das ist auf die Dauer nicht gut und kann sogar krank machen.

Interessant finde ich: Früher, in der Antike und im Mittelalter, hatten die Menschen anscheinend nicht das Gefühl, ersetzbar zu sein. Der amerikanische Anthropologe David Graeber schreibt in einem Buch: Früher war es undenkbar, die Arbeitskraft eines Menschen von seiner Person zu trennen. Es gab nur beides zusammen: Das, was ein Mensch tat, war untrennbar mit seiner Person verbunden. Das heißt: Jeder Töpfer oder Schmid hat seine Arbeit auf seine ganz eigene Art und Weise gemacht. Wenn der Töpfer in den Ruhestand ging, dann kam zwar ein neuer Töpfer. Aber das war dann nicht dasselbe. Der neue hat den alten Töpfer nicht einfach ersetzt und genau das gleiche Geschirr gemacht. Sondern der Neue machte seine Töpferware, dann auf seine Art und Weise.

Mir gefällt diese alte Vorstellung, dass Arbeit und Arbeiter untrennbar miteinander verbunden sind. Die Menschen müssen mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein, ja mit einer ganz anderen Würde bei der Arbeit gewesen sein. Wenn ich weiß, so mache nur ich das und keiner sonst, fühle ich mich gebraucht und wertvoll. Und es motiviert mich, meine Arbeit besonders gut zu machen.

Eigentlich könnte das doch auch heute noch so sein. Denn natürlich macht es einen großen Unterschied, wer in einer Behörde hinter dem Schreibtisch sitzt. Es ist nicht egal, wer eine Schulklasse unterrichtet. Und auch den Wasserrohrbruch kann man auf ganz unterschiedliche Art und Weise reparieren und dabei so oder so mit seinen Kunden umgehen. Ich würde ja auch nicht sagen: Ich bin als Vater ersetzbar, oder als Sohn. Warum also im Beruf?

Ich glaube, Gott hat jeden Menschen einzigartig geschaffen und jedem seine eigene Persönlichkeit und seine eigenen Talente mitgegeben. Es gibt keinen Menschen zweimal und deshalb ist auch keiner ersetzbar, auch nicht in der Arbeitswelt.

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„Früher war alles besser“. Natürlich stimmt dieser Satz nicht. Und er ist gefährlich. Wer den vermeintlich guten alten Zeiten nachtrauert, dem fällt es schwer zu sehen, was in der Gegenwart gut ist. Und wer zu viel in der Vergangenheit lebt, verpasst das Hier und Jetzt.

Aber von Zeit zu Zeit zurückzublicken, kann auch richtig gut tun. So ist es mir neulich gegangen. Da wurde im Kulturprogramm der Schwenninger Vesperkirche ein ganz besonderer Film gezeigt: Ein Western, den Jugendliche aus meiner Heimatstadt Anfang der 80er Jahre mit einer Super-8-Filmkamera und mit einfachen Mitteln gedreht haben. Im Film kommen Cowboys und Indianer vor. Aber er spielt im ganz normalen Stadtleben von damals.

Und genau das hat den Reiz dieses Films ausgemacht. Er war für mich wie eine Zeitreise zurück in meine Kindheit und Jugend. Da war die Unterführung zu sehen, die längst zugeschüttet ist, der große Parkplatz, der inzwischen bebaut ist oder der Supermarkt, der schon lange vom Marktplatz auf die grüne Wiese umgezogen ist. Dazu alte Autos, Klamotten und Frisuren und Kinder auf Bonanza-Fahrrädern. Es war herrlich.

Ich bin mit einem guten Gefühl aus dieser Film-Vorstellung gegangen und auch irgendwie gestärkt. Ich glaube, der Film hat mich daran erinnert: Das war eine gute Zeit damals. Ich konnte Ja sagen zu diesen Jahren meines Lebens und damit auch Ja sagen zu mir selber.

Ich denke, es ist wie bei einem Baum: Wenn ein Baum gute Wurzeln hat, dann steht er fest. Auch ein Mensch hat Wurzeln, die ihn stark machen. Aber diese Wurzeln können in Vergessenheit geraten. Deshalb ist es gut, sich von Zeit zu Zeit an seine Wurzeln zu erinnern. An das zu denken, was gut war in meinem Leben, stärkt mich, besonders wenn in der Gegenwart der Wind an meinem Lebensbaum rüttelt. Dann kann ich alte Filme anschauen oder die alten Fotoalben herauskramen oder mich mit alten Freunden über alte Zeiten unterhalten. – Nicht weil früher alles besser war. Sondern weil das, was früher gut war, mir Kraft gibt für das Hier und Jetzt.

Der Film hat mir aber auch gezeigt, wie schnell die Zeit vergeht. Die damals blutjungen Schauspieler sind heute alle über 50. Und ich bin auch nicht mehr der von damals. „Jugend und dunkles Haar sind wie ein Windhauch“, heißt es in der Bibel (Prediger 11,10). Da hilft mir das Vertrauen, dass Gott mein Leben in seiner Hand hält. Dieser alte Super-8-Film wurde ja in einer Kirche gezeigt. Ein schönes Bild: Wie die Leinwand vom halbrunden Chorraum der Kirche umgeben war, so ist mein Leben – meine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – umgeben von Gott.

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„Notkirchen“ nennt man die Kirchen, die der Architekt Otto Bartning gebaut hat. Heute vor 60 Jahren ist er gestorben. Otto Bartning hat seine Notkirchen gebaut, weil es nach dem Zweiten Weltkrieg zu wenige Kirchen gab. Viele waren im Krieg zerstört worden. Und Kirchen waren auch deshalb nötig, weil in den Nachkriegsjahren viele Menschen in den Gottesdienst gegangen sind. Sie haben dort Trost in ihrer Not gesucht. Also mussten schnell neue Kirchen her.

Deshalb hat Otto Bartning die Notkirchen erfunden. Ihr Grundgerüst war eine einfache Holzkonstruktion. Eine Art Fachwerk. Das konnte man dann mit Trümmersteinen und Trümmerziegeln auffüllen. Die hat es in den zerbombten Städten massenweise gegeben. Dann noch ein Dach, und fertig war ein Kirchenraum für bis zu 500 Menschen. Seine erste Notkirche hat Otto Bartning in Pforzheim gebaut. Und danach noch 47 weitere, auch in Stuttgart, Heilbronn, Karlsruhe und Mannheim.

Mich erinnern Otto Bartnings Notkirchen daran, wofür eine Kirche eigentlich da ist. Eine Kirche muss kein prächtiges Gebäude sein wie die mittelalterlichen Kathedralen, an denen manchmal Jahrhunderte lang gebaut wurde. Man braucht nur einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen können, um miteinander Gottesdienst zu feiern. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, hat Jesus einmal gesagt.

Und die Notkirchen erinnern mich daran: Kirchen sind Orte, zu denen Menschen mit ihren Nöten kommen können. An den Trümmerwänden von Otto Bartnings Kirchen waren oft noch die Brandspuren des Krieges zu sehen. Kirchen sind Orte für Menschen, an denen das Leben seine Spuren hinterlassen hat. Und wer trägt nicht solche Lebensspuren mit sich herum. Ich kann auch fröhlich und dankbar in den Gottesdienst gehen. Aber wenn es mir schlecht geht, dann brauche ich so einen Ort besonders, wo ich hinkann mit meiner Not. „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen“, verspricht Gott (Psalm 50,15).

Es gibt heute auch noch eine andere Art von Notkirchen: nämlich die Vesperkirchen. In vielen Städten stehen sie im Januar und Februar offen für Menschen in Not. Für Menschen, die einen warmen Ort und eine warme Mahlzeit brauchen. Aber auch für Menschen, die alles haben, aber einsam geworden sind. Und die Vesperkirchen stehen auch offen für Menschen, die unter ihresgleichen bleiben wollen, die Angst haben vor dem Anderen und Fremden und die vergessen haben, dass wir alle zusammengehören. Auch das ist eine Not. Gut, dass es Notkirchen gibt.

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