Manuskripte

Karfreitag: Christen denken an diesem Tag daran, wie Jesus gestorben ist. Und in vielen Kirchen hängt der tote Jesus ja auch sichtbar am Kreuz. Damit können viele nichts anfangen. Manche finden es sogar abstoßend. Warum soll man sich dieses schwere Thema zumuten? Und dann auch noch so genau hingucken?

Mir hilft da eine geheimnisvolle Geschichte aus der Bibel (siehe 4. Mose 21,4-9). Lange vor Jesus schon hat die sich zugetragen. Sie erzählt, wie die Israeliten in der Wüste von giftigen Schlangen bedroht werden. Und sie beten darum, dass das aufhört.

… das kann ich gut nachvollziehen. Wenn mir Schweres begegnet, dann bete ich das auch. Dann ist auch mein Wunsch, dass Gott mir das Schwere erspart. Die Geschichte in der Bibel geht dann aber ganz anders weiter: Gott nimmt die giftigen Schlangen nicht weg. Stattdessen gibt er Mose den Auftrag, eine Schlange aus Metall zu machen und sie an einer Stange gut sichtbar in die Luft zu strecken.

Das wirkt erst mal völlig verrückt. Fast schon zynisch. Als ob Gott noch was obendrauf packt in all dem Leid. Aber, so die Geschichte weiter: Wer diese eine Schlange anschaut, wenn er von einer giftigen Schlange gebissen wird, bleibt am Leben.

Manchmal ist es doch so im Leben, dass man das Schwere erst mal bewusst anschauen muss, um damit umgehen zu können. Und man gesteht sich ein: Ja, dieses Schwere gibt es. Daran leide ich. Und es macht mir zu schaffen.

Mit diesem mutigen Blick ist schon viel geschafft. Manchmal kann es erst danach weitergehen. Weil die Dinge nun klar vor Augen sind – und dann vielleicht auch etwas von ihrem Schrecken verlieren.

So ähnlich ist es mit dem toten Jesus am Kreuz, glaube ich. Wenn ich den anschaue, sehe ich Gewalt, Leid und Tod. Das ist schwer. Aber das gibt es nun mal, bis heute. Überall in der Welt und bei uns. Und auch mir macht es zu schaffen.

Am Kreuz sehe ich dann aber auch: Gott ist das Leid nicht gleichgültig. Er steht nicht unberührt daneben. Er hat selbst gelitten, bis in den Tod hinein. Dann bleibt er also bei denen, die leiden und sterben müssen. Er lässt sie nicht allein. Das macht einen Unterschied, finde ich.

Deshalb schaue ich heute am Karfreitag den sterbenden Jesus an. Ich bete, dass Gott mir Kraft gibt dafür. Und allen, die gerade Schweres durchmachen.

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Bei uns im Ort wird gerade ein Haus abgerissen. Auf dem Weg zum Kindergarten kommen wir fast täglich dran vorbei. Jeden Tag gehen die Arbeiten ein Stück weiter. Erst sind Fenster und Türen ausgebaut worden. Dann die Dachziegel abgedeckt. Das Dachgestühl entfernt. Am Schluss hat man nur noch die Mauern gesehen. Und dann ist der Bagger gekommen.

Die Kinder hatten da natürlich viel zu schauen. Ich auch. Und ich habe in dieser Zeit gemerkt, wie nahe mir so ein Haus-Abriss geht. Ein Haus ist eben mehr als seine Bestandteile, mehr als nur Steine und Holz. Irgendwann ist es sorgfältig geplant und gebaut worden. Dann sind Menschen eingezogen, haben dort gelebt, geliebt, gestritten, Schönes und Schweres erlebt, Geburtstagsfeiern und Wasserrohrbrüche. Viele Jahrzehnte lang.… und jetzt geht das alles in wenigen Wochen zu Ende. Das ist ein schwerer Abschied, finde ich.

Es gibt Menschen, die erleben genau das mit einem anderen Menschen. Da hat man jemanden jahrzehntelang gut gekannt, so viel erlebt miteinander. Und dann merkt man plötzlich, wie er abbaut von Mal zu Mal. Bei jeder Begegnung wird es weniger. Und der Abschied bahnt sich an. Das ist zum Weinen.

Heute ist Gründonnerstag. In den Gottesdiensten an diesem Tag geht es darum, wie Jesus ein letztes Mal mit seinen Freunden am Tisch gesessen hat – und sie mussten von ihm Abschied nehmen. Schon in den letzten Tagen und Wochen hatten sie gemerkt, dass es gefährlich wurde für Jesus. Er hatte Andeutungen gemacht, vom Sterben gesprochen. Und am letzten Abend lagen Verrat und Verhaftung in der Luft. Ein Abend zum Weinen. Wie bei jedem schweren Abschied.

Der Gründonnerstag zeigt mir aber auch: Ich bin dann nicht allein mit meiner Wehmut. Auch anderen geht es nah, wenn etwas zu Ende geht. Und es tut gut, dann beieinander zu sein.

In den Gottesdiensten heute Abend sitzen Christen zusammen, wie Jesus damals mit seinen Jüngern. Sie essen und trinken miteinander. Erinnern sich an das zusammen Erlebte. Spüren, was Kraft gibt, auch in schweren Stunden. Und sie bitten um Gottes Beistand. Gemeinsam steht man sie nämlich oft besser durch, die Abschiede.

Vielleicht sind Sie da ja auch mit dabei heute Abend. So oder so: Ich wünsche Ihnen Kraft zum Abschied-Nehmen, wenn Sie sie brauchen.

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Manchmal braucht man Menschen, die großzügig einspringen. Ohne Angst, selbst dabei zu kurz zu kommen. So, wie es ein Bekannter neulich erlebt hat:

Mit seinem Sohn ist er einkaufen gewesen. Achtzig Euro waren es an der Kasse. Mein Bekannter wollte mit Karte bezahlen. Aber das war nicht möglich – offenbar hatte er eine Abbuchung übersehen, und das Konto war nicht ausreichend gedeckt. Die beiden haben dann einen Teil der Waren zurückgegeben und es nochmal versucht. Aber auch fünfzig Euro ließen sich nicht bezahlen. Da ist die Sache schon richtig peinlich geworden, und die Schlange hinter ihnen immer länger … Bei zwanzig Euro der nächste Versuch – Fehlanzeige. 15 Euro – wieder nichts.

Also wollte mein Bekannter dann notgedrungen alle Waren zurückgeben. In diesem Moment ist eine Frau aus der Schlange nach vorne gekommen, hat ihre Karte genommen und den verbliebenen Einkauf bezahlt.

Mein Bekannter hat sich bedankt. Und er hat auf die Frau gewartet und sie gefragt, wie er ihr das Geld zurücküberweisen kann. „Nein“, hat die Frau da gemeint, „das ist nicht nötig. Das kommt irgendwann wieder zurück.“

Diese Haltung beeindruckt mich. Da hat jemand etwas hergeschenkt für einen wildfremden Menschen und keine direkte Gegenleistung verlangt. Und wohl darauf vertraut, dass es im Leben so was wie ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Das, was ich einem anderen Menschen an Gutem tue, tut irgendwann mal jemand an mir …

Mein Bekannter hat sich nochmal bedankt bei der Frau. Und erst später, hat er erzählt, ist ihm ein Satz eingefallen, der noch viel passender gewesen wäre: „Vergelt’s Gott!“ Manche sagen diesen alten Satz noch ab und zu. „Vergelt’s Gott!“ Also: Gott möge dir zurückgeben, was du hergeschenkt hast. Jetzt – oder später.

Ich mag diesen Wunsch. Weil er so anders ist als das, was wir normalerweise machen – ich gebe dir was, aber dann erwarte ich auch eine Gegenleistung. Weil dieser Wunsch Gott so viel zutraut. Und weil er immer noch offenlässt, wie genau das Gute zurückkommt. Da kann Gott kreativ werden.

Vergelt’s Gott. Das sage ich heute dieser einen Frau an der Kasse. Und allen anderen, die großzügig herschenken.

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Zum runden Geburtstag Besuch bekommen von der Kirchengemeinde – in vielen Orten ist das Tradition. In der Regel wird dann nur den älteren Jubilaren gratuliert – ab dem 70. oder 80. Lebensjahr zum Beispiel. Diese Gemeindemitglieder rechnen auch meistens damit, dass man kommt, und freuen sich schon drauf.

Bei uns in der Kirchengemeinde fangen wir früher an mit den Geburtstagsbesuchen. Auch wer 60 Jahre alt wird, 50 Jahre, 40 Jahre oder 30 Jahre, bekommt einen kleinen persönlichen Gruß vorbeigebracht. In dem wird gratuliert und Gottes Segen gewünscht. Die Besuche machen ehrenamtliche Mitarbeitende oder ich als Pfarrer.

Die meisten Leute sind dann sehr überrascht. Viele freuen sich über die unverhoffte Begegnung. Aber regelmäßig erleben wir auch, dass Menschen im ersten Moment geradezu erschrecken: „Was, die Kirche kommt? So alt bin ich doch noch gar nicht …“Kirche – offenbar denken viele, das ist nur was für alte Menschen. Vielleicht, weil sie im Kopf haben, dass man erst dann auf andere angewiesen ist und Hilfe braucht.

Ich finde das schade. Und ich glaube: Kirche ist auch was für jüngere Menschen. Auch die können ja Unterstützung brauchen. In der Kirchengemeinde kann man zum Beispiel mit anderen über seine Lebensfragen reden. Man kann sich Impulse holen für seinen Glauben. Oder es gibt Eltern-Kind-Gruppen für den gegenseitigen Austausch.

Und außerdem: Kirche leistet ja längst nicht nur Hilfe. Sie inspiriert auch, bietet Gemeinschaft oder feiert einfach das Leben. Bei uns in der Kirchengemeinde habe ich schon viele spannende Menschen kennengelernt. Ich habe gute Konzerte gehört. Und wenn ich manchmal mit den anderen zusammen in den Gottesdiensten sitze, spüre ich, dass Gott sich in jeder Lebenslage erleben lässt.

Unsere Geburtstagsbesuche bei den jüngeren Geburtstagskindern – meistens werden dann sehr schöne Begegnungen daraus. Oft bleibt es bei einem kurzen Gespräch an der Haustür – aber man lernt sich auf diese Weise ein bisschen kennen. Manchmal ist auch gerade eine Party im Gange und wir werden spontan hereingebeten. Und gelegentlich erzählen Menschen auch aus ihrem Leben – und wir geben ihnen Gottes Segen dafür weiter. Eben so, wie es gerade passt.

… also – lassen Sie sich überraschen, wer bei Ihnen zum Geburtstag an der Haustür klingelt. Und falls Sie noch jünger sind: Nur Mut, falls es jemand von der Kirche ist!

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„Papa, wie stirbt man?“ Das hat mich unser vierjähriger Sohn neulich gefragt. Ganz nebenbei, morgens im Badezimmer, zwischen Zahnbürste und Klo. Da war ich erst mal sprachlos. Was antwortet man da? Sollte ich überhaupt antworten? Was hilft einem kleinen Kind weiter bei solchen großen Fragen? „Wenn dein Kind dich morgen fragt …“ – in der Bibel werden genau solche Situationen ein paar Mal aufgegriffen (vgl. 5. Mose 6,20a; 2. Mose 13,14a). Also haben Kinder auch zu damaligen Zeiten schon Fragen gestellt. Auch die ganz großen Fragen zu Leben und Tod. Warum denn auch nicht? Ob das den Erwachsenen gerade passt, ist da nicht so entscheidend. Aber wichtig finde ich, dann auch etwas zu sagen, auf die Themen der Kinder einzugehen.

„Wenn dein Kind dich morgen fragt …“ In der Bibel folgt dann keine kurze und knappe Antwort, die man geben soll. Stattdessen wird geraten, den Kindern eine Geschichte weiterzugeben. Die Geschichte, wie Gott seinen Menschen beisteht, sie aus einer schlimmen Lage befreit und nicht mehr loslässt. Gott lässt die Menschen nicht im Stich – egal, wie es um sie steht. Das zieht sich durch diese alte biblische Geschichte, und das sollen die Kinder wissen.

„Papa, wie stirbt man?“ Meinem Sohn ging es vermutlich nicht um medizinische Einzelheiten bei dieser Frage. Auf die bin ich dann auch nicht eingegangen. Stattdessen habe ich ihm von meinem Glauben an Gott erzählt. Dass ich glaube: Unser Leben kommt von Gott. Und eines Tages nimmt Gott dieses Leben zurück. Aber auch dann noch bleiben wir mit Gott verbunden. Er steht uns bei und lässt uns nicht mehr los. Egal, wie es um uns steht. Deshalb ist der Tod nicht das Ende.

Meine Antwort war nicht besonders wortgewandt. Wie auch, noch verschlafen und mit Zahnpastageschmack im Mund? Aber mein Sohn konnte was damit anfangen, glaube ich. Er hat gemerkt: Da geht es um mich persönlich. Und dieses Thema ist auch meinem Papa wichtig. Einmal hat er noch kurz nachgefragt, auf seine Weise weitergedacht. Dann war er für den Moment fertig mit dem Thema. Und wir waren fertig im Badezimmer.

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„Wollen wir ein Kind?“ So manches Paar stellt sich diese Frage. Manchmal wird darüber auch lange diskutiert. Und irgendwann kommt dann vielleicht der Vorschlag: „Jetzt schreiben wir die Argumente doch mal auf …“ Also werden Pros und Contras sorgfältig aufgelistet und dann ganz genau unter die Lupe genommen.

Ich kann mich da gut reindenken. Und ich bin selbst ein „Listen-Typ“, der die Dinge gerne geordnet vor sich hat und genau vergleicht. … und trotzdem glaube ich: Nüchterne Pro-Contra-Vergleiche passen bei dieser großen Frage nicht so richtig.

Es gibt Momente, in denen bin ich dankbar für unsere Kinder und glücklich. Dann genieße ich den Trubel um uns herum. Aber es gibt genauso auch Momente, in denen wünsche ich mir die entspannten Zeiten zu zweit zurück. Oder auch nur ein aufgeräumtes Wohnzimmer.

Kinder oder entspannte Zeiten – das kann man nicht gegeneinander aufwiegen, finde ich. Und schon gar nicht kann man sagen, was jetzt eigentlich besser ist – ein Leben mit Kindern oder ein Leben ohne Kinder. Das Leben ist ja keine Rechnung mit einer klaren Lösung unter dem Strich. Es ist viel komplizierter. Schönes und Anstrengendes stehen da unvermischt nebeneinander. Und jede Lebenslage hat ihre Vorteile und ihre Nachteile.

Kinder dürfen auch nicht Teil einer Kosten-Nutzen-Abwägung werden, finde ich. Nach dem Motto: Was muss ich investieren und was habe ich davon? Als ob Kinder nur dazu da wären, ihre Eltern glücklich zu machen. Kinder haben ja an sich schon einen Wert, so wie jeder Mensch.

Manchmal denke ich da: Die früheren Zeiten ohne ihre großen Möglichkeiten der Familienplanung hatten auch was für sich. Da kamen Kinder eben, wenn sie kamen. Und dann waren sie da. Und dann hat man mit ihnen gelebt. Ohne sich groß den Kopf zu zerbrechen, ob das nun besser ist oder nicht.

 „Kinder sind eine Gabe Gottes“, heißt es mal in der Bibel (Psalm 127,3). Auch da steckt für mich beides drin: Kinder sind Gabe und Geschenk – und zugleich Aufgabe und Last. Ich darf mit ihnen leben – und ich soll mit ihnen leben.

Und letztlich gilt ja für jede Lebenssituation: Ich kann im Nachhinein nicht mehr beeinflussen, wie es jetzt geworden ist. Aber ich kann versuchen, das Beste daraus zu machen. Jeden Moment. Und wenn es nur darum geht, mal das Wohnzimmer aufzuräumen.

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Im Internet wird viel kommuniziert. In Diskussionsforen zum Beispiel, bei Facebook oder Twitter oder ganz „klassisch“ per E-Mail. Und manchmal bekommt man da den Eindruck, dass der Umgangston immer rauer wird. Immer wieder beschimpfen sich Menschen wüst – und Dinge schaukeln sich sehr schnell hoch.

Manche sagen: Früher gab es das nicht. Es liegt also am Internet. Das hat einen schlechten Einfluss auf die Menschen. Ich glaube: Ganz so einfach ist das nicht. Und es bringt uns auch nicht weiter, schlechte Entwicklungen pauschal auf das Internet zu schieben – oder auf irgendeine andere Erfindung unserer Zeit.

Auseinandersetzungen konnten doch immer schon aus dem Ruder laufen. Zum Beispiel im Straßenverkehr. Den gab es schon lange vor dem Internet. Wie schnell zeigt man da einem den Vogel oder Stinkefinger. Genauso auf Schulhöfen, an Stammtische oder in Stadien. Beschimpfungen oder manchmal Prügel gab es da immer schon. Wo Menschen miteinander in Kontakt kommen, gibt es eben auch Missverständnisse und Konflikte. Und die Mittel, das mit Worten zu regeln, sind anscheinend begrenzt.

Das gilt dann natürlich auch im Internet. Das Internet ist ja keine ganz andere Welt, sondern eben ein weiterer Lebensbereich. Und deshalb passiert dort das, was sich auch anderswo abspielen kann.

Das Besondere am Internet ist allerdings: Man begegnet sich meistens nicht persönlich, sondern in der Regel nur schriftlich. Im Kontakt sind völlig unterschiedliche Menschen. Und oft bleiben die auch noch weitgehend anonym. Das kann die Hemmschwelle senken. Plötzlich gibt man Sachen von sich, die man einem anderen direkt nie gesagt hätte …

So betrachtet könnte man sagen: Das Internet deckt auf, was schon immer in uns steckt. Und dazu gehört eben nicht nur Gutes. In der Bibel wird erzählt, dass Gott mal gesagt hat: „Alles, was aus […] [dem] Herzen [der Menschen] kommt, ihr ganzes Denken und Planen, ist […] böse von Jugend auf“ (1. Mose 8,21). Ein harter Satz, aber vielleicht macht er uns etwas nüchterner, wenn im Internet mal wieder die Fetzen fliegen.

In der Bibel geht es dann noch tröstlich weiter: Gerade weil das Herz der Menschen böse ist, will Gott zu seiner Welt halten. Als Zeichen dafür setzt er den Regenbogen in die Wolken. (1. Mose 8,21 – 9,17) In dem ergeben viele verschiedene Farben ein schönes Ganzes.

Vielleicht ist der Regenbogen deshalb auch zu einem Symbol fürs menschliche Miteinander geworden. Immer wieder passiert es, dass völlig unterschiedliche Menschen einen Zugang zueinander finden, sich gegenseitig zuhören und verstehen. Auch diese Fähigkeit steckt in uns Menschen. Und Gott sei Dank zeigt sich das ja auch im Internet immer wieder.

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„Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.“ Meine Eltern haben mir das früher häufig vorgesungen. Mit diesem Satz endet die erste Strophe vom Lied „Guten Abend, gut’ Nacht“. „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.“

Ich kenne Menschen, denen macht diese Aussage Angst. Weil das Wecken am nächsten Tag da von Gottes Entscheidung abhängig gemacht wird. „Nur, wenn Gott es will, wache ich morgen wieder auf! Was ist denn, wenn er nicht will?“ Und ich habe sogar von einer Familie erfahren, in der der Satz beim gemeinsamen Singen deshalb abgeändert wurde: „Morgen früh, weil Gott will, wirst du wieder geweckt.“

Ich kann diese Sicht verstehen. Dieser eine Satz ist wirklich sehr sperrig. Und gerade bei den eigenen Kindern überlegt man ja sehr genau, was man ihnen zumuten will und was nicht.

Aber genauso denke ich: Der Satz enthält eben eine tiefe Wahrheit. Unser Leben ist ja immer auch zerbrechlich und gefährdet. Heute ganz genauso wie vor 200 Jahren, als das Lied entstanden ist. Jeder Tag und jede Nacht – immer ist das Leben auch bedroht. Es gibt keine vollständige Sicherheit. Nicht ohne Grund nennt man den Schlaf auch den kleinen Bruder des Todes.

Solchen Gedanken kann man ausweichen. Aber vielleicht macht sie das nur stärker. Und irgendwann wird die Angst davor dann um so größer. Ich glaube: Gerade Kinder können sich auch den dunklen Seiten des Lebens stellen. Besser als manche erwachsenen Menschen. Auch über den Tod können sie sich ganz nüchtern Gedanken machen. Das bekommen sie hin.

Außerdem enthält der Satz aus dem Lied doch auch etwas Tröstliches: Ich bin ganz und gar in Gottes Hand. Nichts passiert mit mir, ohne dass Gott es weiß und will. Ich bin kein Spielball irgendeines Schicksals. Im Leben gehöre ich Gott, aber auch noch im Sterben. So hat das der Apostel Paulus mal geschrieben (vgl. Römer 14,8f.). Daran kann man sich gut festhalten, finde ich, auch als erwachsener Mensch noch.

„Morgen früh, wenn Gott will, …“ – in den allermeisten Fällen will Gott ja auch. Er lässt mich aufwachen und schenkt mir einen neuen Tag. Und wenn der eine Morgen kommt, an dem ich nicht mehr aufwache, auch dann bleibe ich in Gottes Hand. Im Leben und im Sterben.
„Guten Abend, gut’ Nacht“ – heute singe ich dieses Lied getrost auch meinen Kindern vor. Und ganz bewusst auch diesen einen Satz: „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.“

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Wer viel weiß, ist noch längst nicht weise. Aber wie wird man weise? Also so lebenserfahren, dass man Dinge einordnen – und vielleicht sogar anderen weiterhelfen kann?

In der Bibel gibt es ein Lied von der Weisheit im Buch Hiob im Alten Testament. Da wird zunächst ausführlich geschildert, wie weit die Menschen beim Bergbau ins Innere der Erde vordringen: „[B]is ins Letzte erforscht man das Gestein, das im Dunkel tief verborgen liegt. […] [M]an […] gräbt die Berge von Grund aus um. Man bricht Stollen durch die Felsen, und alles, was kostbar ist, sieht das Auge.“ (Hiob 28,3b.9f.)

Das klingt ganz wie ein Lobgesang auf den technischen Fortschritt. So viel Können, so viel Wissen! Doch dann schlägt der Ton ganz plötzlich um in diesem alten Lied. Und es kommen nachdenkliche Fragen: „Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte der Einsicht? […] Sie ist verhüllt vor den Augen aller Lebendigen“. (Hiob 28,12.21a)

Das ist uralt – und zugleich topaktuell, finde ich. Wohin wir Menschen heute überall vordringen können! Was wir alles ergründen! Mir kommt zum Beispiel die Geburtsmedizin in den Sinn. Schon lange vor der Geburt kann das Innere der Gebärmutter genau erforscht werden. Die Prognosen werden immer genauer. Neuerdings bringen diese Untersuchungen auch keine großen medizinischen Risiken mehr mit sich. Wir wissen so viel. Nur – was wird dann mit all diesem neu gewonnenen Wissen?

Für diese heiklen Fragen reicht reines Wissen nicht aus. Da braucht es die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven zusammen zu bedenken, Spannungen nicht vorschnell aufzulösen. Da braucht es Weisheit. Aber die lässt sich im Labor eben nicht aufspüren, so tief man da auch gräbt.

Viel Wissen, aber wenig Weisheit – das kann schwere Folgen haben. Da gibt es schlaflose Nächte, und es geht bis an die Grenzen der Existenz. Das Lied von der Weisheit in der Bibel wird nicht ohne Grund Hiob in den Mund gelegt. Der musste mit persönlichen Hiobsbotschaften leben und ist daran verzweifelt.

Wo ist die Weisheit zu finden? Nur bei Gott, sagt Hiob schließlich. „Gott weiß den Weg zu ihr, er allein kennt ihre Stätte.“ (Hiob 28,23)

Christen sagen deshalb: Es braucht noch mehr als Können und Vernunft. Auch in Fragen der Geburtsmedizin. Man kann sich mit anderen Christen beraten und fragen: Was glaubst denn du? Was können wir tun? Vielleicht weist manchmal auch ein Gebet den richtigen Weg. Zum Beispiel dieses hier: „Gott, wenn du den Weg zur Weisheit kennst, dann zeig’ ihn mir und uns. Wir brauchen dich jetzt.“

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Frauen können viel. Und oft erreichen sie mehr als Männer, obwohl die es sind, die gerühmt und gelobt werden. Auch vor langer Zeit war das schon so. Ohne Frauen wäre zum Beispiel die Geschichte der Israeliten und damit auch die Geschichte der Christen gar nicht richtig in Gang gekommen. Die Bibel erzählt ziemlich am Anfang, wie das war.

In Ägypten wurden die Israeliten unterdrückt. Sie waren als Armutsflüchtlinge ins Land gekommen, und jetzt mussten sie Sklavendienste leisten und beim Bau der Pyramiden mithelfen.

Irgendwann hat der ägyptische Pharao Angst bekommen, die Israeliten könnten zu viele werden – und dann womöglich den Aufstand wagen. Und er hatte eine grausame Idee: Alle neugeborenen Jungen der Israeliten sollten getötet werden. Nur die Jungen – denn die könnten ja später zu Soldaten werden. Die sind gefährlich. Vor Mädchen und Frauen hatte der Pharao keine Angst.

Und dann erzählt die Bibel nach und nach, wie der Plan des Pharao gründlich danebengegangen ist. Mit dem Mord an den Säuglingen wurden zunächst zwei israelitische Hebammen beauftragt, Schifra und Pua. Doch die beiden sind dem Befehl nicht nachgekommen und haben dem ägyptischen Herrscher eine Lügengeschichte aufgetischt. So konnten sie die Kinder am Leben lassen. Als das nicht mehr ging, hat eine israelitische Mutter ihren neugeborenen Sohn in einem Weidenkörbchen auf dem Nil davonschwimmen lassen. Nur diesen Ausweg wusste sie noch. Und ausgerechnet die Tochter des Pharao entdeckt den Korb und lässt ihn von ihren Dienerinnen aus dem Wasser holen. Sie hat Mitleid und nimmt das Kind als Sohn bei sich auf. Die Schwester des Babys vermittelt ihr den Kontakt zur leiblichen Mutter, und die stillt das Kind die erste Zeit über. (Vgl. 2. Mose 1,15 – 2,10.)

Das Interessante daran: Es sind nur Frauen, die da den Plan des Pharao durchkreuzen. Also gerade diejenigen, von denen der Pharao gar nichts befürchtet hat …

Mir gefällt der hintergründige Humor in dieser Erzählung. Und ich glaube, die Bibel hält uns da bis heute einen Spiegel vor. Uns Männern, wenn wir vielleicht immer noch in die Falle tappen, Frauen nicht für voll zu nehmen. Aber auch allen Frauen, die sich selbst nichts zutrauen und die platten Sprüche der Männer innerlich bestätigen. Dabei gibt es nichts, was sie nicht auch könnten! Was jemand kann und leistet, hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Der kleine Junge, der aus dem Nil gerettet wurde, hat dann übrigens den Namen Mose bekommen. Er war es schließlich, der das Volk Israel aus Ägypten geführt hat. Die berühmteste Person aus dieser Geschichte wurde dann also doch ein Mann. Aber Frauen haben dafür gesorgt, dass er aufwachsen und seinen Weg gehen konnte. Sie sollte man nicht vergessen. Und schon gar nicht unterschätzen. Bis heute nicht.

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