Manuskripte

Heute vor 111 Jahren wurde Astrid Lindgren geboren, die wohl bekannteste Kinderbuchautorin der Welt. Sie hat sich zum Beispiel Pippi Langstrumpf ausgedacht, Karlsson vom Dach oder die Brüder Löwenherz. Das alles lese ich heute noch gerne. Und immer wieder merke ich dann, wie tief manche dieser Geschichten mich geprägt haben und berühren. Als ob mein Leben darin Platz hat.

Wie kommt das? Vielleicht hat es mit Astrid Lindgrens eigenem Leben zu tun. In dem kommen nämlich ganz verschiedene tiefe Erfahrungen zusammen. Ihre Kindheit hat sie sehr unbeschwert erlebt, voller Geborgenheit und Freiheit. Mit achtzehn Jahren ist sie schwanger geworden, hat ihr Kind heimlich zur Welt gebracht und musste es zunächst einer Pflegefamilie überlassen.

Schon als junge Frau hat Astrid Lindgren also ganz verschiedene Lebenserfahrungen gemacht. Längst nicht alles gleicht sich da gegenseitig aus. Vieles liegt einfach unsortiert nebeneinander.

… und genau das spürt man auch den Hauptfiguren in Astrid Lindgrens Geschichten ab, finde ich. Die sind häufig fröhlich und begeisterungsfähig. Und oft wissen sie zugleich ganz selbstverständlich, dass das Leben auch durch Dunkelheiten führt. Pippi Langstrumpf zum Beispiel hat keine Eltern mehr, sie ist ganz auf sich gestellt. Die Eltern von Karlssons Freund Lillebror haben wenig Zeit, seine älteren Geschwister gehen schon eigene Wege. Und die Brüder Löwenherz müssen mehrmals Abschied nehmen und neu aufbrechen. Da liegt das Leben in seiner vollen Tiefe da. Und Kinder wie Erwachsene merken dann schnell: Darin hat auch mein eigenes Leben Platz.

Mir geht es mit Astrid Lindgrens Büchern oft ganz ähnlich wie mit den Geschichten in der Bibel. Die von Sara und Abraham zum Beispiel, von Josef oder von den Brüdern Jakob und Esau. Auch da wird unzensiert geschildert, wie das Leben eben so läuft. Licht und Schatten liegen ganz eng beieinander. „[Gott] offenbart, was tief und verborgen ist; er weiß, was in der Finsternis liegt, und nur bei ihm ist das Licht.“ [Daniel 2,22]. So heißt es mal in der Bibel. Und gerade die Hauptpersonen der biblischen Geschichten machen oft auch Schweres durch. Sara und Abraham bekommen lange keine Kinder. Josef wird von seinen Geschwistern in die Sklaverei verkauft. Und die Brüder Jakob und Esau verkrachen und versöhnen sich. Weil das Leben eben Spuren hinterlässt. Weil es nicht ohne Verletzungen geht, wenn man sich auf die Welt und die Menschen einlässt.

Die Bibel und Astrid Lindgren – inzwischen lese ich daraus auch unseren Kindern vor. Und ich hoffe, dass auch sie das prägt und berührt. Damit sie bereit sind fürs Leben – für seine hellen und für seine dunklen Seiten.

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Werde ich meinen Kindern gerecht? Mache ich alles richtig als Vater? Oder entgehen mir da wichtige Dinge? Solche Fragen schießen mir immer wieder mal durch den Kopf. Und wenn ich mit anderen Eltern unterwegs bin, merke ich: Viele stellen sich diese Fragen ganz ähnlich. Ob ich meinen Kindern gerecht werde, das scheint ein menschliches Grundthema zu sein.

Immer wieder bin ich auch mit Eltern im Gespräch, die ihr Kind taufen lassen möchten. Wir planen dann gemeinsam den Taufgottesdienst. In dem spielen an einer Stelle ebenfalls Fragen eine Rolle. Nämlich die Tauffragen. Im Gottesdienst werden die Eltern öffentlich gefragt, ob sie ihr Kind wirklich taufen lassen und ob sie es christlich erziehen wollen.

Manche denken, das sei so eine Art Prüfung. So nach dem Motto: „Jetzt will auch noch die Kirche wissen, ob ich meiner Erziehungsverantwortung gerecht werde …“ Aber meistens stellt sich dann im Taufgespräch heraus, wie entlastend die Tauffragen in Wahrheit sind. Da heißt es zum Beispiel: „Seid ihr bereit, das Eure dazu beizutragen, …“ – zur christlichen Erziehung nämlich. Das Eure sollt ihr beitragen. Also das, was eure persönliche Aufgabe ist. Das, was euch entspricht, das, was ihr gut könnt. Nichts anderes. Und schon gar nicht alles. Das ist keine Prüfung – sondern das entlastet einen, finde ich. Ganz anders als die fordernden Fragen, die mir selbst sonst so kommen.

„Seid ihr bereit, das Eure dazu beizutragen, dass euer Kind als Glied der Gemeinde Jesu Christi erzogen wird?“ So geht es weiter in dieser Tauffrage. Gemeindeglied werden, für mich heißt das: Andere Menschen kennenlernen, die ebenfalls auf Gott vertrauen. Nicht alleine bleiben und auf sich gestellt. Auch das hat doch was Entlastendes. Für die Kinder, die getauft werden, aber ganz genauso für ihre Eltern.

Entlastend ist dann auch noch die Antwort, die Eltern auf diese Tauffrage geben sollen. Die lautet nämlich: „Ja, mit Gottes Hilfe.“ Die Eltern sollen sich für ihre Kinder einsetzen und sie mit dem Glauben in Kontakt bringen. Dazu sollen sie ein „Ja“ finden. Aber sie müssen nicht alles selbst hinkriegen. Sie können auf Gottes Hilfe vertrauen. Sie sind also auch nicht allein verantwortlich für das Ergebnis ihrer Erziehung. Was genau da gelingt und was nicht, das steht auf einem anderen Blatt.

Werde ich meinen Kindern gerecht? Mache ich alles richtig als Vater? Diese bohrenden Fragen hören so bald nicht auf, vermute ich. Wenn die Kinder größer werden, wird das mit der Familie wird ja nicht einfacher. Inzwischen ist unsere Älteste frisch in der Schule – was da wieder alles zu beachten ist. Aber auch ich habe mal die Tauffragen gehört und beantwortet, bei der Taufe unserer Kinder. Darauf vertraue ich. Denn das entlastet mich.

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„Meine Frau arbeitet zur Zeit nicht. Die bleibt mit den Kindern zu Hause.“ Ab und zu rutscht mir das raus. Und im gleichen Moment ärgere ich mich darüber. Weil das so missverständlich klingt. Als ob es keine Arbeit wäre, zu Hause für die Familie da zu sein. Das merke ich immer dann, wenn ich mal länger am Stück für die Kinder zuständig bin. Am Abend bin ich dann meistens geschaffter als nach einem normalen Arbeitstag. Weil Kinder sich nicht nach Plan verhalten und kaum Pausen kennen. Vom Haushalt mal ganz zu schweigen. Gute Frage, wie man den „nebenher“ auch noch hinbekommt …

Woher kommt das dann eigentlich, dass nur die berufliche Arbeit so richtig als Arbeit gilt? Und die Arbeit zu Hause ungerechterweise unter den Tisch fällt?

Vermutlich liegt es daran, dass diese Arbeit im Verborgenen geschieht. Die meisten Menschen bekommen sie ja gar nicht mit. Vieles ist auch irgendwie ergebnislos. Was heute aufgeräumt ist, liegt morgen wieder durcheinander auf dem Boden, und frische Windeln – Sie wissen schon … Was Kindererziehung genau bewirkt, lässt sich auch nicht so genau sagen, selbst im Rückblick noch nicht. Und, vielleicht das Entscheidende: Die Arbeit zu Hause mit den Kindern taucht auf keinem Gehaltszettel auf. Obwohl man natürlich genau ausrechnen könnte, was Profis dafür bekommen würden. Und obwohl ich ja erst durch die Arbeit meiner Frau einem Beruf nachgehen kann und damit unser Geld verdiene.

… das alles gilt natürlich auch für viele andere Alltags-Arbeiten: Wer einen Angehörigen pflegt oder einem Nachbarn regelmäßig hilft oder einen alten Bekannten wöchentlich besucht, tut das ebenfalls im Verborgenen. Und bekommt von anderen womöglich auch vermittelt, das sei keine richtige Arbeit. Natürlich sind auch Männer davon betroffen, aber meistens immer noch Frauen. Das finde ich ungerecht.

Martin Luther hat dagegen mal gesagt: Eigentlich hat fast jeder Mensch einen Beruf. Denn jeder Mensch ist zu etwas berufen. Jede und jeder hat eine Aufgabe bekommen, für die er persönlich Verantwortung trägt und die zu ihm passt. Das kann eine klassische bezahlte Arbeit sein. Das kann aber auch die Arbeit mit Familie und Haushalt sein. „[W]enn du deine tägliche Hausarbeit tust“, schreibt Martin Luther mal sehr deutlich, „so ist das besser als die Heiligkeit und das strenge Leben sämtlicher Mönche“. [Der große Katechismus, Abschnitt zum Vierten Gebot] Für Luther war klar: Gott hat andere Maßstäbe als wir Menschen.

Hoffentlich denke ich das nächste Mal daran, wenn jemand fragt, was meine Frau denn so macht. Dann kann ich ja sagen: „Meine Frau arbeitet zu Hause.“

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Schauen Sie noch Fußball? Sind Sie noch mit dabei bei der Weltmeisterschaft in Russland? Auch jetzt noch, wo die Deutschen seit über zwei Wochen ausgeschieden sind?

Ganz offen: In den ersten beiden Tagen nach dem Vorrunden-Aus hatte ich keine große Lust mehr. Nach dem lähmenden 0:2 – Fußball zum Abgewöhnen … Und nicht nur mir ging es so. In meiner Heimatstadt zum Beispiel haben sie gleich mal die große Leinwand fürs Public Viewing abgebaut. Wer soll schon noch kommen und gucken, wenn das eigene Land nicht mehr randarf?

Aber dann bin ich an den ersten Final-Spielen hängengeblieben. Und habe zunächst mal gemerkt: Dem fußballerischen Niveau der Weltmeisterschaft hat das Ausscheiden von Jogis Jungs wohl eher gut getan. Das waren richtig packende Duelle, die man da mitverfolgen konnte. Tore vom Feinsten und dramatische Spielverläufe.

Also habe ich weitergeschaut. Und dann ist noch was passiert bei mir: Irgendwie habe ich die Teams plötzlich mit anderen Augen gesehen. Jetzt waren das keine möglichen Gegner der Deutschen mehr. Keine Stolpersteine auf dem Weg zur Titelverteidigung. Sondern einfach gute Fußballmannschaften, die um den Erfolg kämpfen. Und Menschen, für die Fußball ihr Leben ist – genauso wie für die Jungs um Manuel Neuer.

Als dann die Nachbarn mit ihren Flaggen zum Autokorso aufgebrochen sind, habe ich mich einfach mitgefreut. Vor vier Jahren sind wir da gefahren. Was haben wir gefeiert! Heute dürfen auch mal wieder andere. Jetzt haben die ihren großen Moment. Ob sie auch schon Titel auf der Brust haben oder nicht.

Vielleicht ist das ja ungefähr gemeint, wenn es in der Bibel heißt: „Dein Nächster ist wie du“ [3. Mose 19,18b]. Dein Nachbar kennt genau dieselben Emotionen, die du für dein Team hast. Er geht genauso mit, wenn sein Land auf dem Platz steht. Auch er ärgert sich über unfaires Spiel und falsche Schiedsrichterentscheidungen. Es gibt nicht nur deine Nationalmannschaft. Die Welt dreht sich nicht allein um dich. Mit diesem Perspektivwechsel kann man den anderen dann respektieren. Ihm Erfolg wünschen und alles Gute. „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du“, so lautet der Bibelvers in voller Länge. Und Jesus hat gesagt: Diese Aufforderung ist eins der höchsten Gebote überhaupt [vgl. Markus 12,31 par].

Deshalb schalte ich heute und morgen nochmal ein, wenn die letzten beiden Spiele angepfiffen werden. Ich bin gespannt, wer dann den WM-Pokal in den Moskauer Nachthimmel streckt – und welche Nachbarn draußen auf der Straße tanzen. Beim nächsten Mal sind dann hoffentlich wir wieder dran.

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Feste werden in jeder Familie unterschiedlich gefeiert. Für Paare kann das ganz schön schwierig werden.
In ein paar Wochen wird unsere Älteste eingeschult. An einem Samstag. Es beginnt mit einem ökumenischen Gottesdienst, anschließend folgt Programm an der Schule, so bis halb zwölf. Danach ist die Sache dann zu Ende, habe ich gedacht. So, wie es damals auch bei mir war, vor fast 30 Jahren. In meiner Familie war die Einschulung eine recht nüchterne Sache. Für den frühen Nachmittag habe ich deshalb ohne Zögern noch einen anderen Termin zugesagt.

Meine Frau war davon nicht sonderlich begeistert. Sie hatte nämlich geplant, viele Leute einzuladen und den Einschulungs-Samstag mit Mittagessen und Kaffeetrinken fortzusetzen. So, wie es damals auch bei ihr war, vor fast 30 Jahren. In ihrer Familie war die Einschulung ein großes gemeinsames Fest.

So wie uns geht es manchen Paaren, glaube ich. Ob jetzt Einschulung oder Geburtstag oder Ostern oder Weihnachten – wir alle haben unsere persönlichen Vorstellungen, wie man das in der Familie feiert. Nämlich meistens so, wie wir es von klein auf kennengelernt haben. Und diese tiefe Prägung schüttelt man auch nicht so einfach ab.

Wie kriegt man das mit den Familienfesten dann gut hin in einer Partnerschaft? Vor allem, wenn die Vorstellungen arg unterschiedlich sind?

Man sollte vor allem darüber reden, glaube ich. Und zwar früher als wir über die Einschulung. Noch wichtiger als die harten Fakten sind dabei wahrscheinlich die persönlichen Erwartungen: Was erhoffe ich mir von dem Tag? Wann genau ist das Fest gelungen? Was sind für mich die entscheidenden Dinge?

Schon beim Reden kann es dann passieren, dass man einen neuen Blick gewinnt. Und merkt: Der andere hat Gründe für seine Sicht der Dinge. In unserem Fall habe ich mir irgendwann gedacht: Vielleicht ist es doch sinnvoll, eine Einschulung nicht nur nebenbei abzuhaken. Für unsere Tochter ist es ja tatsächlich ein großer Tag … Und meine Frau hat verstanden, dass ich nicht zu viel Wirbel haben will, weil die Schulzeit ja nicht nur an diesem einen Ereignis hängt.

Letztlich wird es nur mit Kompromissen gehen. Absagen wollte ich meinen Termin am Samstagnachmittag nicht mehr. Aber ich habe ihn ein wenig nach hinten verschoben. Als dann noch die Anfrage für einen weiteren Termin kam, habe ich „Nein“ gesagt. Jetzt freue ich mich auf den Einschulungstag.

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Manchmal bekommen auch ganz normale Menschen große Aufgaben – und meistern sie mit Gottes Hilfe.
Diese Erfahrung hat zumindest Cornelia – oder Corrie – ten Boom gemacht. Corrie ten Boom war Niederländerin in der Hafenstadt Haarlem –  und etwa 50 Jahre alt, als ihre Heimat von den Nazis unter Adolf Hitler besetzt wurde. Vor allem für die jüdische Bevölkerung hatte das rasch verheerende Folgen. Juden wurden diskriminiert, benachteiligt, bald auch verhaftet und weggebracht.

Als Corrie ten Boom um Hilfe gebeten wurde, hat sie zusammen mit Vater und Schwester einzelne Menschen in ihrem verwinkelten Haus aufgenommen. Mit der Zeit sind es mehr und mehr Schutzsuchende geworden. Corrie ten Boom hat ihre Kontakte im Ort genutzt, ist an die dringend benötigten Lebensmittelkarten gekommen – und hat zahlreiche Menschen in Sicherheit aufs Land gebracht. Nach und nach wurde sie zum Kopf einer großflächigen Untergrundorganisation im Widerstand gegen das Nazi-Regime.

An dieser Berufung hat Corrie ten Boom oft gezweifelt. War sie, die ledige Tochter eines alten Uhrmachermeisters, tatsächlich die Richtige für diesen bedeutenden Posten? Aber gerade diese äußeren Umstände haben sich als perfekte Tarnung herausgestellt. Nach außen hin hat Corrie ten Boom eben bieder und harmlos gewirkt. Kaum jemand hat ihr etwas so Großes zugetraut. Und den raffiniert eingebauten geheimen Raum in ihrem Schlafzimmer hat die Gestapo bis zum Schluss nicht entdeckt.

Ein Jahr vor Kriegsende ist Corrie ten Boom verhaftet worden. Durch eine Verwechslung ist sie der Ermordung im Konzentrationslager entkommen und hat den Krieg überlebt. Sie hat ihre Geschichte aufgeschrieben und Vorträge in zahlreichen Ländern gehalten, auch in Deutschland. Dabei hat sie auch immer von ihrem tiefen Gottvertrauen gesprochen. Für sie war es Gott, der ihr diese gewaltige Lebensaufgabe anvertraut hat. Und Gott hat ihr auch geholfen, das alles zu meistern.

Mit ihrer Lebensgeschichte ist Corrie ten Boom in guter Gesellschaft. Die Bibel erzählt von vielen ganz normalen Menschen, die Gott zu Großem beruft. Und auffallend oft sind das Leute, denen das sonst niemand zugetraut hätte, am wenigsten sie selbst. Frauen zum Beispiel, oder Sklaven, oder Ausgestoßene. Gott traut ihnen etwas zu – egal, wie die Gesellschaft über sie denkt. Und Gott hilft ihnen, ihre Aufgabe zu bewältigen.

Übrigens: Corrie ten Booms Haus mit dem geheimen Raum lässt sich bis heute besichtigen, als Museum und Mahnmal. In Haarlem, nicht weit von Amsterdam. [Siehe: http://www.corrietenboom.com] Für mich war es ein sehr eindrücklicher Besuch dort. Vielleicht sind Sie im Sommerurlaub ja in der Nähe!

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„Gott kann es nicht geben. Sonst gäbe es nicht so viel Leid auf der Welt.“ Das hat mir ein Hörer geschrieben – und von heftigen Schicksalsschlägen erzählt. Unter anderem von Kindern, die unheilbar erkranken oder sterben.

Ich finde es gut, wenn jemand so ehrlich schreibt, was er denkt. Und ich kann diese Argumentation nachvollziehen. Gott ist allmächtig, heißt es im christlichen Glaubensbekenntnis. Das müsste doch eigentlich heißen, dass er alles kann. Dass er also auch alles Leid verhindern kann. Und dann müsste er es doch auch tun. Wenn nicht – was ist das dann für ein Gott?

Mit dieser Frage lese ich in der Bibel. Und da stelle ich zunächst fest: In den Texten und Geschichten dort ist andauernd von Leid die Rede. Und von Menschen, die dieses Leid abbekommen. Auch wenn sie an Gott glauben. Besonders eindrücklich wird das in den Psalmen. Das sind Gebete mitten in der Bibel, manche sind sehr persönlich. „[I]ch habe es satt, so erbärmlich zu leiden. Ich fühle mich dem Totenreich ganz nahe“ [Psalm 88,4; BasisBibel], schreibt da einer. Und dann macht dieser Beter Gott sogar verantwortlich für das, was er tragen muss: „Du hast mich […] in tiefste Abgründe [gestoßen]. […] Deine gewaltigen Wellen haben mich unter Wasser gedrückt.“ [Psalm 88,7f.; BasisBibel]

Gott und das Leid – für die biblischen Texte scheint das also kein Widerspruch zu sein. Das Leben ist schön und schrecklich zugleich. Und Gott ist immer dabei.

… mehr noch: Gott leidet sogar selbst an der Welt. Ich sehe: Auch davon wird in der Bibel erzählt. Vor allem da, wo es um Jesus geht. Jesus lebt – und stirbt. Und dieser Jesus ist Gott, glauben Christen. Ja, das heißt dann doch: Gott durchleidet selber, was Menschen durchmachen. Auch das Leid ist ihm nicht fremd.

Gott ist allmächtig – ich sehe das dann so: Gottes Liebe weicht sogar dem Tod nicht aus. Gott geht mit den Menschen dahin, wo es dunkel wird. Keine Macht der Welt trennt die Menschen von Gott.

Manchmal begegne ich Menschen, die das genau so erleben. Sie sagen: Als ich ganz unten war, habe ich dort Gott gespürt. Ich habe gespürt, dass jemand an meiner Seite ist. Jemand, der auch meine Verzweiflung aushält, meine Tränen. Und das hat einen Unterschied gemacht.

Was ist das für ein Gott, an den Christen glauben? Ganz sicher kein Gott, der alles Leid der Welt verhindert. Und auch kein Gott, mit dem sich alle Lebensfragen klären. So einen Gott gibt es tatsächlich nicht. Aber da ist ein Gott, der mitten im Leid bei mir bleibt. Der sich auch meinen Abgründen stellt. Auf den will ich vertrauen. Hoffentlich auch in schweren Zeiten.

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Notfallseelsorge. Das ist Beistand in ganz schlimmen Momenten. Ein paar Wochen im Jahr mache ich da auch mit. Und habe schon manches erlebt.

Eine Frau zum Beispiel hat in der Wohnung ihrer Mutter gesessen, ganz hilflos und neben sich. Auf ihr Türklingeln hatte niemand aufgemacht. Sie hat den Notruf gewählt, Blaulicht ist gekommen – und ihre Befürchtung wurde wahr: Die Mutter ist tot. Aus heiterem Himmel, einfach so.

Jetzt hat die Tochter da gesessen. Man hat gespürt: Sie bekommt gar nicht richtig mit, was passiert. Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei haben ihre Arbeit gemacht. Irgendwann war dann alles erledigt – und die Helfer mussten rasch weiter zum nächsten Einsatz. Früher sind die Angehörigen dann oft alleine zurückgeblieben. Niemand war so richtig für sie zu­ständig. Oft hat sich ihre persönliche Krise dadurch noch verschärft, und die Trauer wurde noch schwerer. Denn auch die Seele braucht Erste Hilfe.

Inzwischen gibt es bundesweit die Notfallseelsorge. Dort machen Kirchenleute mit, so wie ich, aber auch Menschen aus anderen Berufsgruppen. Zum Beispiel ein Informatiker aus dem Nachbarort. Er und seine Frau haben vor einigen Jahren plötzlich ihren Sohn verloren – und damals keine hilfreiche Unterstützung erlebt. Ob jemand katholisch oder evangelisch ist, ist übrigens nicht entscheidend, und auch Muslime gehören inzwischen zum Team.

Wenn wir zu einem Einsatz gerufen werden, bringen wir vor allem eins mit: Zeit. Wir sind einfach da. Wir halten alle Gefühle aus, die da hochkommen. Manchmal halten wir auch eine Hand. Meistens braucht es nicht viele Worte, und schon gar keine klugen Sprüche. Wir helfen den Angehörigen bei den nächsten praktischen Schritten: Wer ist jetzt zu informieren? Wer schaut nach den Kindern und Nachbarn? Was passiert bis zum nächsten Tag? Wir vermitteln Kontakt zu Hilfsangeboten in der Region. Und auf Wunsch überlegen wir auch, wie man von einem toten Menschen Abschied nehmen kann.

Die Einsatzorte in der Notfallseelsorge sind unterschiedlich. Manchen Menschen passiert ja auch unterwegs Schlimmes. Und auch für Rettungskräfte sind wir anschließend da. Denn für die ist so ein Einsatz ja auch nicht leicht. Da kann man nicht immer gleich zur Tagesordnung übergehen.

Für die Frau, die ihre Mutter verloren hat, bleibt es ein schwerer Weg. Aber auf dem ersten kleinen Stück konnte ich sie begleiten. Als Christ glaube ich: Unser Gott steht an der Seite der Opfer. Er geht auch dort mit hin, wo alles zusammenbricht. Auch Jesus ist dem Tod ja nicht ausgewichen, sondern hat ihn auf sich genommen. So war er ganz nah bei seinen Menschen. Und das geschieht bis heute. Zum Beispiel in der Notfallseelsorge.

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„Mein Kind soll mal selbst entscheiden, was es glaubt.“ Diesen Satz höre ich immer mal wieder. Meistens geht es dann um die Kindertaufe. Darf man kleine Kinder christlich taufen und damit in die Kirche aufnehmen? Also ohne dass sie schon selber „Ja“ sagen können? Oder ist das Bevormundung?

Ich verstehe diese Bedenken. Ich habe Respekt, wenn jemand das gewissenhaft durchdenkt. … aber ich würde auch gerne zurückfragen:

Lassen Sie Ihre Kinder denn auch sonst alles selbst entscheiden? Doch wohl kaum. Eltern legen zum Beispiel von Anfang an fest, welche Sprache ihre Kinder lernen. Nämlich in der Regel ihre eigene. Eltern bestimmen auch, wo und wie ihre Kinder aufwachsen, was sie essen, was sie lernen, … Sie prägen ihre Kinder also immer schon auf ihre Art und Weise. Sie geben ihnen mit, was ihnen wichtig ist und was sie für gut halten. Und das ist auch richtig so. Das ist die Aufgabe von Eltern.

… und auch eine Erziehung ohne Religion ist ja nicht neutral. Sondern ebenfalls eine bestimmte Weltanschauung. Auch damit bringt man Kinder schon in eine bestimmte Richtung, ob man will oder nicht.

Dazu kommt noch: Menschen können doch nur dann was von einem Glauben wissen, wenn sie ihn auch kennengelernt haben. Am besten auch mal praktisch ausprobiert. Und warum soll das nicht schon ganz früh passieren, als Kind? Die Taufe ist da ein guter Türöffner, finde ich. Kinder bekommen dann Kontakt zu ihrer Kirchengemeinde, sie werden eingeladen in die Krabbelgruppe oder in die Kinderkirche, sie haben Patinnen und Paten an ihrer Seite, … Ohne Taufe ist das alles vermutlich ein gutes Stück mühsamer.

… und zuletzt: Auch wer getauft ist, kann und muss sich ja irgendwann noch selbst entscheiden für oder gegen den Glauben. Diese Verantwortung nehmen Eltern ihren Kindern nicht ab, wenn sie getauft werden. Diese Freiheit haben sie so oder so. Und auch aus der Kirche können sie wieder austreten, wenn sie sich dort nicht am richtigen Platz fühlen. Oder sie finden dort eine Heimat und gestalten die Kirche mit.

Hier im Ort haben wir gestern wieder Taufen gefeiert. Einer der Täuflinge war 41 Jahre alt. Einer 14, einer drei, und drei Kinder waren noch kleiner. Eins gilt für sie alle gleich: Sie machen jetzt ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Glauben. Ich bin gespannt, wie es ihnen damit geht – und was sie dann in ihrem Leben daraus machen.

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Fußballer Robert Lewandowski macht es. Sängerin Lafee. Papst Franziskus sowieso. Viele Katholiken tun es. Und ich seit ein paar Jahren auch.

Ich meine das Kreuz-Zeichen. Mit der rechten Hand berühre ich nacheinander die Stirn, das Herz, die linke Schulter und die rechte Schulter. Nach Möglichkeit mache ich das ein paar Mal am Tag, und es ist eine wichtige Kraftquelle für mich geworden. Ich versuche mal zu beschreiben, warum.

Das Kreuz — für uns Christen ist das ein ganz starkes Symbol. Es erinnert zunächst an den Tod Jesu am Kreuz. Also an Misserfolg, Scheitern und Traurigkeit. Wir Christen glauben aber zu­gleich, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist. Durch die Dunkelheit hindurch hat für ihn ein neues Leben angefangen. Das Kreuz erinnert also auch an Gottes Liebe und die Möglichkeit zum Neuanfang.

Stirn, Herz und Schultern – diese drei Körperteile stehen für mein Denken, für mein Fühlen und für mein Handeln. Also für alles, was mein Leben ausmacht und bestimmt.

Wenn ich nun Stirn, Herz und Schultern mit dem Kreuz verbinde, dann macht mir das klar: Gott geht mit mir durchs Leben. Er ist anwesend in meinem Alltag. Er kennt meine Misserfolge, mein Scheitern, meine Traurigkeit. Das alles hält er mit seiner Liebe aus. Und gleichzeitig hilft er mir, weiterzumachen.

Konkret kann das bedeuten: Wenn ich schlecht über jemanden denke, ermahnt Gott mich, nochmal genauer hinzuschauen. Wenn meine Gefühle mich runterziehen, richtet Gott mich auf.   Und wenn ich einen Fehler gemacht habe, gibt Gott mir den Mut, um Entschuldigung zu bitten. Das alles wird mir oft bewusst, während ich mich bekreuzige. Das Kreuz-Zeichen macht mich sozusagen darauf aufmerksam.

Was mir noch gefällt am Sich-Bekreuzigen: Man braucht dafür gar keine Worte. Manchmal habe ich ja auch gar keine Worte für das, was ich fühle. Und trotzdem ist das Kreuz-Zeichen für mich wie ein Gebet. Ich nehme Kontakt auf mit Gott. Und ich spüre, wie ich mit ihm verbunden bin.

Meistens mache ich das Kreuz-Zeichen, wenn ich für mich allein bin. Aber manchmal bekommen es auch andere mit. Warum auch nicht? Ich stehe zu meinem Glauben – und warum soll ich nicht auch zeigen, was mir wichtig ist?

Welche Konfession man hat, das finde ich da gar nicht so entscheidend. Das Kreuz-Zeichen verbindet alle Christen. Sich bekreuzigen – für mich persönlich ist das eine Kraftquelle. Vielleicht probieren Sie es ja auch mal aus.

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