Manuskripte

Irene ist unzufrieden. Und das schon seit vielen Jahren. Das Leben hat sie sich eigentlich anders vorgestellt. Irgendwie schöner und erfüllter. Stattdessen musste sie zusehen, wie andere das bekommen, was sie sich gewünscht hätte. Heute ist sie über achtzig und gefühlt war es immer sie, die zurückgesteckt und anderen den Vortritt gelassen hat. Die wenigen, die noch etwas mit ihr zu tun haben, bekommen das zu spüren. Egal ob es die Pflegerin aus Polen ist oder der Neffe, der mit seiner Familie täglich nach ihr schaut.

Irene erinnert mich ganz oft an die biblische Geschichte von einem Mann, der seit 38 Jahren gelähmt ist. Am Teich Betesda vor den Toren Jerusalems wartet er darauf, dass er geheilt wird. Jeden Tag hofft er, dass ihn jemand zu dem Wasser trägt, das ihn gesundmacht. Aber irgendjemand ist immer schneller und ihm bleibt nur, anzusehen, wie es anderen Menschen wieder bessergeht. Wie sie zu Kräften kommen und wieder gehen können. Bei ihm dagegen geht nichts. Er hat keine Hoffnung mehr und das lässt er seine Umgebung wissen.

Auf diesen Mann kommt Jesus zu und fragt ihn: „Willst du gesund werden?“ (Joh 5, 6) Was für eine Frage. Mir ist klar: Natürlich will der Mann gesund werden. So, wie jeder gesund werden will. Aber der Mann reagiert anders und sagt zu Jesus: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich (…) trägt.“ (Joh 5, 7)

Der Mann aus der Bibel und die alte Frau – beide haben es schwer und ich kann nachvollziehen, dass sie enttäuscht und hoffnungslos sind. Aber beide haben sich auch in ihrer Situation und ihrem Schmerz eingerichtet und können gar nicht mehr sehen, dass es auch Gutes gibt. Und deshalb fragt Jesus nach: „Willst du gesund werden?“ Willst Du wirklich, dass sich etwas in deinem Leben ändert? Und dann erst sagt Jesus: „Steh auf, nimm deine Liege und geh!“ (Joh 5,8)

Ich finde es großartig, wie viel diese Begegnung zwischen Jesus und dem Mann verändert. Jesus gelingt es, dass der Mann aufstehen und damit seinen Standpunkt verlassen kann. Dass er seinen Blick von der eigenen Situation lösen kann und in Jesus jemanden entdeckt, der wohl gesonnen ist und ein anderes Leben möglich machen kann.

Die Geschichte macht mir Mut und sagt mir: Steh auf! Warte nicht darauf, dass dich jemand trägt. Sondern sieh, was möglich ist und wer um Dich herum ist.

Gott traut dir die Veränderung zu und gibt dir die nötige Kraft loszugehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30321

„Alles, was du liebst, geht sehr wahrscheinlich verloren.“ Das sagt Franz Kafka.

Ein harter Satz. Noch dazu heute am Valentinstag, dem Tag für Verliebte und Liebende.

Ich will den Tag niemandem vermiesen, aber ich weiß, dass er für manche schwer ist. Für die, die sich gerade getrennt haben. Oder für die, die sogar den Tod eines geliebten Menschen verkraften müssen. Dann weiß man nur zu gut, wie es sich anfühlt, das verloren zu haben, was man liebt.

„Alles, was du liebst, geht sehr wahrscheinlich verloren.“

Ich bin keine Kafka-Expertin. Aber wenn jemand so einen Satz schreibt, vermute ich, dass derjenige weiß, was es bedeutet, etwas Liebgewonnenes zu verlieren. Wie weh das tun kann.

In einer Geschichte, in der Kafka selbst die Hauptperson ist, entdecke ich aber noch etwas Anderes. Darin wird deutlich, dass die Liebe sich mit dem Leben verändert. Und dass sie Wege findet, mit denen ich nicht gerechnet habe.

Und so geht diese Geschichte:

Kafka trifft im Park ein Mädchen, das herzzerreißend weint, weil es seine Puppe verloren hat. Und weil das Mädchen allein unterwegs ist, bietet er an, bei der Suche nach der Puppe zu helfen. Die beiden suchen und suchen, können die Puppe aber nicht finden. Um das Mädchen zu trösten, schreibt er im Namen der Puppe einen Brief. Darin steht: „Bitte weine nicht, ich bin auf eine Reise gegangen, um die Welt zu sehen. Ich werde dir von meinen Abenteuern schreiben …“.

Das ist der Anfang vieler Briefe.

Immer wieder treffen sich Kafka und das Mädchen und jedes Mal liest er ihr einen Brief vor, in dem die geliebte Puppe von ihren Abenteuern berichtet. Als die Treffen irgendwann zu Ende gehen, schenkt er dem Mädchen zum Abschied eine neue Puppe. Doch anstatt sich zu freuen, ist die Kleine enttäuscht und sagt: "Die sieht meiner Puppe überhaupt nicht ähnlich“. Kafka ist darauf vorbereitet und übergibt ihr einen weiteren Brief, in dem die Puppe erklärt: „Meine Reisen – sie haben mich verändert … “

Viele Jahre später findet das inzwischen erwachsene Mädchen einen Brief in einem vorher unbemerkten Riss im Handgelenk der Puppe. In diesem winzigen Brief steht: „Alles, was du liebst, geht sehr wahrscheinlich verloren, aber am Ende wird die Liebe auf andere Weise zurückkehren.“

Besser hätte ich meine Hoffnung auf Gottes Liebe in meinem Leben und darüber hinaus auch nicht ausdrücken können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30320

Schritt für Schritt. Das ist die Überschrift eines Gebetes[1].

Die Benediktinerinnen im Kloster Fahr in der Schweiz beten es jeden Donnerstag. Sie sehen, dass in der katholischen Kirche vieles nicht mehr wie bisher weitergehen kann und im Umbruch ist. Mit ihrem Gebet begleiten die Benediktinerinnen diesen Prozess.

Initiiert wurde das „Gebet am Donnerstag“ heute vor genau einem Jahr. Von der Priorin des Klosters, Irene Gassmann. Wie so viele andere ist sie davon überzeugt, dass die Kirche sich wandeln muss. Strukturen müssen überdacht und verändert werden, damit Macht nicht mehr so leicht missbraucht werden kann. Und damit Frauen und Männer gleichberechtigt in der Kirche arbeiten und leben können. Das geht nicht von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt.

Damit so eine Veränderung möglich ist, braucht es Vieles: einen ehrlichen Blick auf das, was war und was heute ist. Ein offenes Ohr füreinander, damit andere Meinungen nicht von vornherein verurteilt werden. Mut, um respektvoll, aber ohne Tabus kritische Themen anzusprechen und Entschlossenheit, das, was nötig ist, zu verändern.

Und deshalb ist für Irene Gassmann klar, dass es neben Aktionen und Reformprozessen auch das begleitende Gebet geben muss. So wie damals, 1989, das Montagsgebet in Leipzig. Damals hat der frühere Präsident der DDR-Volkskammer, Horst Sindermann, gesagt: „Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Und dann fiel die Mauer.

Mit dieser Erfahrung im Kopf entstand die Idee für das Gebet am Donnerstag. Angefangen hat es eben im Kloster Fahr. Doch Einzelpersonen, aber auch Gruppen aus Kirchengemeinden in der Schweiz, in Deutschland und anderen Ländern haben sich angeschlossen. Und so ist mittlerweile ist ein Gebetsnetz entstanden, das helfen soll, dran zu bleiben und weiter zu hoffen. Gerade auch dann, wenn es mühsam ist und deutlich wird, dass sich in der Kirche nur sehr langsam was verändert.

Die Lage der Kirche macht auch mir zu schaffen. Ich bin von Herzen gern Theologin und Seelsorgerin und deshalb macht es mich mal traurig und mal wütend zu sehen, wie sich immer noch einige krampfhaft dagegen wehren, dass sich etwas ändert. Aber ich sehe auch, dass sich etwas bewegt. Dass es viele Menschen in der Kirche und einige Bischöfe gibt, die darauf vertrauen und daran mitwirken, dass sich was verändert. Und dass dadurch mehr Gutes geschaffen wird, als wenn alles bleibt, wie es ist.

Und deshalb werde ich mich heute dem Gebet anschließen und hoffen, dass Gott mich stärkt, mit und in der Kirche weiterzugehen. Schritt für Schritt.

 

[1] https://www.gebet-am-donnerstag.ch

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30319

Ich habe keine Kinder. Vielleicht ändert sich das noch. Vielleicht aber auch nicht.

Mit Kindern bin ich trotzdem häufig zusammen – als Pastoralreferentin habe ich im Religionsunterricht, im Kindergarten der Kirchengemeinde oder in der Jugendarbeit regelmäßig mit ihnen zu tun. Und auch in meinem Freundeskreis gibt es mittlerweile einige Kinder. Es tut mir gut, mit ihnen Zeit zu verbringen und ich weiß dadurch auch, dass es mit Kindern nicht nur die schönen, sondern auch die herausfordernden Zeiten gibt.

Und doch wünsche ich mir manchmal eigene Kinder. Dass ich mich danach sehne, macht mich aufmerksam für andere, die darunter leiden keine Kinder zu haben oder bekommen zu können. Man entwickelt da irgendwie so ein Gespür dafür.

Sie erzählen mir, wie weh es tut, dass sie kinderlos geblieben sind. Wie sie an manchen Tagen enttäuscht, an anderen wütend und manchmal auch einfach nur traurig sind.

Sie erzählen aber auch davon, wie sie gelernt haben, damit umzugehen. Das ging oft nicht von heute auf morgen. Dazu kommt, dass das bei manchen die Beziehung stark auf die Probe gestellt hat. Nicht alle haben es geschafft zusammenzubleiben.

Aber irgendwann haben sie, jeder auf seine Weise, eine Idee davon bekommen, was sie in ihrem Leben außer ihrem Wunsch nach Kindern trägt. Sie haben ihr Leben anders ausgerichtet und neue Aufgaben entdeckt:

Die einen kümmern sich mit ganzer Kraft um ein junges Flüchtlingspaar: sei es beim Vokabel-lernen für den Deutschtest, Handyvertrag abschließen, bei der Wohnungssuche oder dem Führerschein. Ein anderes Paar hat ohne zu zögern einen jungen Mann aus dem Bekanntenkreis bei sich einziehen lassen, der in der Studentenstadt kein bezahlbares Zimmer gefunden hat. Jetzt wohnen sie zusammen in einer Art WG und das bereichert beide Seiten.

Ich habe selbst schon erleben dürfen, dass das Leben auch ohne eigene Kinder fruchtbar für andere sein kann. Und ich verdanke einigen kinderlosen Frauen sehr viel. Sie haben mich unterstützt und gefördert – sei es in meinem privaten Umfeld oder beruflich als Kolleginnen, die mir etwas zugetraut und an mich geglaubt haben.

Ich bin aber nicht nur für die Unterstützung dankbar, sondern vor allem dafür, dass sie – vermutlich ohne es selbst zu wissen – mir vorgelebt haben, dass erfülltes Leben nicht davon abhängig ist, ob ich selbst Kinder habe. Sondern davon, dass ich lerne zu vertrauen, dass es einen Platz in dieser Welt gibt, den nur ich ausfüllen kann.

Ich weiß nicht, was die nächsten Jahre in meinem Leben sein wird und inwiefern Kinder darin eine Rolle spielen. Aber ich weiß, dass ich meinen Platz habe und immer wieder finden werde. Und dass dieser Platz so oder so mit Leben erfüllt ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30318

Feuerwerk und Bleigießen, Raclette und „Dinner for one“ – so habe ich schon oft Silvester gefeiert. Doch letztes Jahr bin über den Jahreswechsel ins Kloster gefahren.

Am Silvestertag hat mir eine der Klosterschwestern eine Schachtel mit kleinen Zetteln hingehalten und gesagt: „Möchten Sie auch einen Heiligen ziehen, der Sie im kommenden Jahr begleitet?“ Hätte ich geahnt, wen ich ziehen würde, hätte ich mich vermutlich anders entschieden. Denn auf meinem Zettel stand „Bernadette Soubirous“. Ich muss sehr fragend ausgesehen haben, denn die Schwester kam sofort zu mir und meinte: Das ist die von Lourdes.

In meinem Kopf ging das Kopfkino los: Lourdeswasser abgefüllt in kleinen Fläschchen und kranke Menschen, die aus aller Welt an diesen Ort kommen und hoffen, geheilt zu werden. Mit dieser Art von Frömmigkeit habe ich es, ehrlich gesagt, schwer. Ein Heiliger wie St. Martin oder Nikolaus wäre mir lieber gewesen. Aber gut.

Zu Hause habe ich zuerst gegoogelt: Bernadette – geboren 1844 in Lourdes, einem Ort am Fuß der französischen Pyrenäen. Die Familie arm, sie selbst oft krank. Dass man sie bis heute kennt, liegt an den Erscheinungen, die sie hatte. Denn heute, vor über 160 Jahren, am 11. Februar 1858, begegnet die 14jährige Bernadette beim Holzsammeln im Wald einer Frau, die sagt, sie sei Maria. Und im folgenden halben Jahr hat sie immer wieder Visionen dieser Frau, die sie zu einer Quelle führt, deren Wasser Krankheiten heilt. Schon damals haben viele Bernadette für verrückt erklärt und dennoch wurde Lourdes schnell zu einem Wallfahrtsort, an den jedes Jahr mehrere Millionen Menschen kommen.

Hilfreich für mich sind aber nicht diese äußeren Daten, sondern die Gespräche, die ich seitdem über Lourdes geführt habe. Zum Beispiel mit einem Freund, der zu seiner Bundeswehr-Zeit an der Soldatenwallfahrt teilgenommen hat. Oder mit meiner Patentante, die seit vielen Jahren wegen Multipler Sklerose im Rollstuhl sitzt. Beide beschreiben Lourdes als einen Ort, an dem Menschen getröstet und gestärkt werden. Weil die, die krank sind, dort erfahren, dass sie nicht alleine mit ihrem Schicksal sind. Weil sie spüren, dass sie dort mehr sind als ihre Krankheit und mit ihrer Krankheit angenommen und ernst genommen werden. Und auch weil es dort viele gibt, die in ihrem Glauben an Gott gestärkt werden. Ein Glaube, der verspricht, dass Gott jedem Menschen zur Seite steht. Auch wenn er körperlich nicht gesund wird.

Bernadette ist mir immer noch ein bisschen fremd, aber ohne diesen Zettel an Silvester hätte es manche Gespräche über diese junge Frau, Lourdes und den Glauben nicht gegeben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30317

Ulrike kämpft schon jahrelang für mehr Integration und geht immer wieder gegen Rechtsradikalismus und für Demokratie auf die Straße.

Franziska ist Mitte zwanzig und arbeitet voller Begeisterung als Altenpflegerin.

Klaus ist eigentlich Busfahrer. Aber in seiner Freizeit trommelt er mit Frauen und Männern – das Alter spielt dabei keine Rolle. Und auch nicht, dass einige dieser Menschen eine Behinderung haben. Denn die Musik verbindet.

Ulrike, Franziska und Klaus sind Gutmenschen. Und zwar im besten Sinne des Wortes. Denn sie sind bereit, Gutes zu tun. Sie übernehmen Verantwortung für andere, setzen sich für sie ein und helfen, wo es nötig ist. 

2015 wurde das Wort Gutmensch zum Unwort des Jahres gekürt. Denn es gab und gibt viele, die damit abfällig über die Menschen sprechen, die sich hilfsbereit für andere einsetzen. Der Caritasverband möchte dem etwas entgegensetzen und deshalb zeigen die aktuellen Plakate Gutmenschen wie Ulrike, Franziska und Klaus. Mit dem Aufruf „Sei gut, Mensch!“ fordern sie, selbst aktiv zu werden. 

Was es heißt, ein guter Mensch zu sein, das steht beim Propheten Micha, der vor fast 3000 Jahren in Jerusalem gelebt hat. Für ihn sind es drei Aspekte: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit Gott (Micha 6, 8). Für sich genommen sind sie ganz schön schwer zu verstehen, aber Ulrike, Franziska und Klaus sind gute Beispiele und zeigen, wie sich das auf unsere heutige Zeit übertragen lässt.

Ulrike tut Recht, denn sie tritt dafür ein, dass wir in unserer Gesellschaft gerecht miteinander umgehen. Dafür, dass jeder die Unterstützung bekommt, die er zum Leben braucht. Egal aus welchem Land er kommt oder welcher Religion er angehört.

Ein guter Mensch liebt die Güte. Das bedeutet konkret, dass man anderen ein Leben in Würde ermöglicht – gerade auch alten und pflegebedürftigen Menschen. Menschen wie Franziska, die sich trotz geringer Bezahlung für einen Beruf in der Altenpflege entscheiden, sind da unersetzlich.

Und Klaus zeigt, was es heißen kann, achtsam mit Gott mitzugehen. Nämlich den anderen als wertvollen Menschen zu sehen. So wie Gott es tut. Und sie deshalb nicht auf eine Eigenschaft oder auf eine Beeinträchtigung zu reduzieren. 

Ulrike, Franziska und Klaus – Gutmenschen wie sie brauchen wir heute unbedingt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30311

Nils steht völlig aufgelöst vor mir und sagt: „Ich hab mich so gut versteckt, dass Timo mich nicht gefunden hat. Am Anfang war das echt super. Aber dann hat er einfach aufgehört zu suchen und ist weggegangen.“

Nils und Timo spielen gern „verstecken“. Es macht ihnen Spaß, immer neue Verstecke zu entdecken, sich zu suchen und dann zu finden. Doch jetzt steht Nils vor mir. Enttäuscht und auch ein bisschen wütend auf Timo. Es braucht tröstende Worte und ein kurzes Gespräch zu dritt, dann ist für die Jungs wieder alles in Ordnung.

Verstecken hab ich früher auch gerne gespielt. Und jetzt spielt Verstecken in meinem Leben auch immer mal wieder eine Rolle: in meiner Beziehung zu Gott. Klingt vielleicht komisch, aber ich frag mich, ob Gott sich manchmal absichtlich versteckt. Und wo ich suchen muss, um ihn zu finden. Vielleicht war ich manchmal auch schon nah dran, hab dann aber zu schnell aufgehört zu suchen? 

Gott ist nah und gleichzeitig ganz fern. Das hat gläubige Menschen zu jeder Zeit beschäftigt und sie haben versucht das in ihrem Kopf und ihrem Herz zusammen zu bringen.

Ich kenne das selbst: Nah ist Gott, wenn ich etwas von ihm spüren kann. Wenn es ruhig, friedlich in mir wird. Das ist oft ein feines, unaufdringliches Gefühl, das ich nicht machen kann. Ganz anders ist es, wenn ich mit dem Leben hadere. Dann fühlt sich das manchmal so an, als wenn Gott ganz fern ist. Oder wenn ich über Gott nachdenke. Da komme ich hin und wieder an den Punkt, dass Gott doch eigentlich viel größer ist, als ich ihn mir vorstellen kann. Das rückt ihn auch weg von mir. 

Diese Spannung hat der Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti aufgegriffen. Er ist vor ein paar Jahren verstorben und hat ein Gedicht geschrieben, dass „großer gott klein“ heißt. Nachdem er aufgelistet hat, wie klein und nah uns der große Gott ist, bezeichnet er den Menschen als Gottesversteck. Das finde ich ein wunderbares Bild, denn es sichert mir zu, dass es in mir einen Ort gibt, der nur Gott und mir gehört. Und dass ich Gott finden kann, egal was um mich herum gerade los ist. Gott ist da. In mir. Und so drückt es Kurt Marti aus:

 

großer gott:
uns näher als haut
oder halsschlagader
kleiner als herzmuskel
zwerchfell oft:
zu nahe
zu klein – wozu
dich suchen?
wir: deine verstecke

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„Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns auf unsern Wegen.
Sei Quelle, sei Brot in Wüstennot,
sei um uns mit deinem Segen.“

Bewahren und behüten – das sind Worte und vor allem Gefühle, die ich mit meiner Kindheit verbinde. Wenn nach der Schule das Mittagessen dampfend auf dem Tisch stand, meine Eltern mir vorm Einschlafen ein Kreuzzeichen auf die Stirn gezeichnet haben oder wenn ich wusste, dass an Prüfungen zu Hause eine Kerze für mich gebrannt hat. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie diesen warmen, bergenden Mantel aus Sorge, Liebe und Gebet um mich gelegt haben. Das ist ihnen gut gelungen.

Bewahrt und behütet zu sein – heute gehört dieses Gefühl immer noch zu meiner Familie. Aber es gehört auch zu Gott. Gott ist nämlich mit seinem Segen um mich. Und ich glaube fest, dass er sich mir zuwendet. Jeden Tag. Weil kein Tag wie der andere ist.

Im Lied zum heutigen Sonntag wird in jeder Strophe um Gottes Segen gebetet. Der Textdichter Eugen Eckert schließt dann direkt die Bitte an, wie Gott im Leben spürbar sein soll. Als Hilfe und als Kraft, die mir innerlichen Frieden bringt, wenn mein Leben durcheinandergewirbelt wird. Oder hell und wärmend in schweren Zeiten.
„Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns in allem Leiden.
Voll Wärme und Licht im Angesicht,
sei nahe in schweren Zeiten.“

Ich höre bei diesem Segenslied immer den ältesten überlieferten Segensspruch der Bibel mit. Den sogenannten Aaronitischen Segen. Der geht so: „Der Herr segne und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“ (Num 6, 24-26)

Bis heute hören die Gläubigen in jüdischen und christlichen Gemeinden am Ende des Gottesdienstes diesen Segen. Wenn es zurück in den Alltag geht, soll Gottes Segen mich begleiten und durch den Tag tragen.

Die letzte Strophe des Liedes drückt das schlicht, aber raffiniert aus. Denn sie greift die Worte „Weg“ und „Segen“ aus der ersten Strophe wieder auf, aber kehrt die Reihenfolge um. Nun kommt der Beter nicht mehr von seinen Wegen zu Gott und bittet um Segen. Sondern Gottes Segen entlässt den Beter ins Leben. Auf neue, unbekannte Wege.

 „Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns durch deinen Segen.
Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt,
sei um uns auf unseren Wegen.“



Musikangaben:
Musik 1 und Musik 2 (Rembeck)

Musik 3 (Lakj Chor)

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Wo ist Gott? Darüber haben sich schon Viele Gedanken gemacht.

Ich habe dazu ein Gebet gefunden, dass Jugendliche über Facebook gesammelt und ausgetauscht haben:

 

Gott – ?

Die einen sagen, Du seist in der Kirche zu finden, denn sie ist das Haus Gottes – Dein Haus.

Andere sagen, Du seist in der Natur zu finden, denn sie ist Deine Schöpfung.

Wieder andere betonen, Du seist bei den Armen und Schwachen.

Einige erklären, man könne Dich finden in einem vertrauten Gespräch, in gemeinsamer Arbeit, im gemeinsamen Gebet.

Manche sagen, Du bist immer da.

 

Das Gebet der Jugendlichen erinnert mich daran, dass Menschen zu jeder Zeit erfahren haben, dass Gott für sie und die Welt da ist. Sei es in der Kirche, in der Natur oder beim Zusammensein mit anderen. Gott verspricht sogar, dass er auch in Zukunft da sein wird. Und Jesus selbst sagt: „Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ 

Gleichzeitig bin ich mir aber sicher, dass die Frage, wo Gott ist, nie abschließend beantwortet werden kann. Das ist auch gut so. Gott ist immer größer, als ich ihn mir vorstellen kann. 

Gott ist nah und im nächsten Moment wieder ganz fern. Deshalb kann ich auch Gott nicht finden, wenn ich einfach dies oder das tue oder einem bestimmten Plan folge. Aber ich kann die Voraussetzung dafür schaffen. Wie, das beschreibt das Gebet im zweiten Teil:

 

Schenk mir die Ruhe, Dich in der Kirche zu finden. Gib mir die Aufmerksamkeit, Dich in der Natur zu suchen. Lass mich Dich im Mit-Leid mit Armen und Schwachen entdecken. Hilf mir, im Gespräch die richtigen Worte zu finden, um Dir zu begegnen. Sende uns „Team-Geist“ für unsere Arbeit. Lass mich im Gebet innehalten und still werden vor Dir, um Dir nahe zu sein.

Denn so bist Du bei uns alle Tage.

 

(Martina Schrott; „Auf der Suche“; in: Echt ich! Gebete junger Menschen, S.32f.)

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„Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist grün.“ Mein Patenkind liebt dieses Spiel. Und es ist gar nicht so einfach den Gegenstand zu finden, der gemeint ist. 

Das Spiel passt für mich super zu den biblischen Propheten. Auch sie sehen, was andere nicht sehen. Das sind natürlich keine roten, blauen oder grünen Sachen. Diese Menschen sehen etwas von Gott, was Anderen verborgen bleibt. Oft sehen sie auch eine neue Welt, in der alles anders und vor allem besser ist.

Einer dieser Propheten nennt sich Johannes. Im letzten Buch der Bibel steht, wie für ihn diese neue Welt aussieht. Da gibt es keinen Tod, kein Leid und keine Schmerzen mehr. Es ist eine Welt, in der Gott bei den Menschen ist, mitten unter ihnen. (Offb 21,3f.)

Ich sehe diese Welt noch nicht, von der Johannes erzählt. Sowohl in den Nachrichten, als auch direkt vor meiner Haustür gibt es Leid, Schmerz und Trauer. Da ist eine Mutter, die mit 35 Krebs bekommen hat und gegen den Tod kämpft. Ich sehe einen Mann, der sein Leben lang gearbeitet und sich auf den Ruhestand gefreut hat. Und dann erlebt er ihn nicht mehr. Ich sehe eine Frau, die einsam in ihrem Zimmer um ihren toten Mann weint und deren Schmerz auch nach Jahren einfach nicht weniger wird. 

Und trotzdem gilt Johannes Vision schon jetzt. Er will mich nicht auf irgendwann oder gar auf die Zeit nach dem Tod vertrösten, obwohl er weiß, dass nicht immer alles gut ist. Denn die Gemeinden, an die er damals sein Hoffnungsbild schreibt, werden verfolgt und unterdrückt, weil sie an Jesus glauben. Und trotzdem ist Johannes überzeugt, dass die neue Welt schon da ist. Er hat sie gesehen. Nämlich überall da, wo Jesus kranken, ängstlichen oder traurigen Menschen begegnet ist. Durch die Begegnung haben die Menschen etwas von Gottes Nähe gespürt. Damit hat sich für sie die Welt verändert. 

So gesehen, zeigt sich mir von dieser neuen Welt also immer dann etwas, wenn ich sehe wie Freunde gemeinsam Angst aushalten, miteinander um jemanden weinen oder sich Geschichten von früher erzählen. Wenn ich sehe, wie Trauernde von ihrer Familie ermutigt werden: Ich vermisse ihn auch. Aber komm, lass uns gemeinsam etwas machen. Ich sehe wie das Leben neu beginnen kann – mitten in der Trauer, mitten im Tod. Dann bricht die neue Welt, von der Johannes erzählt, schon an. Sie blitzt irgendwie so durch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29033