Manuskripte

30AUG2020
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An Gott zu glauben macht das Leben nicht automatisch einfacher. Es ist sogar manchmal echt herausfordernd und kann einen an Grenzen bringen. Davon erzählen gleich zwei biblische Texte, die heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören sind.

In dem einen geht es um den Propheten Jeremia, der kurz davor ist, alles hinzuschmeißen. Sein Auftrag ist es, die Menschen im Namen Gottes auf ihre Fehler hinzuweisen. Laut zu sagen, was in der Gesellschaft nicht gut läuft. Das bringt ihm jede Menge Widerstand und Kritik ein. Nicht nur die führenden Machthaber, auch seine Freunde wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Und deshalb ringt Jeremia mit Gott. Wie viel einfacher wäre sein Leben, wenn er nicht mehr an Gott denken und in seinem Namen sprechen müsste.

Im zweiten biblischen Text wird diese Erfahrung noch getoppt. Die Jünger müssen sich von Jesus anhören: „Wer mit mir kommen will, darf nicht an seinem Leben hängen. Er muss sein Kreuz auf sich nehmen und mir auf meinem Weg folgen.“ (Mt 16,24)

Ein heftiger Satz. Ich verstehe ihn so, dass ich aufgefordert bin, mich mit allem, was mir möglich ist, für das Leben einzusetzen. So, wie es Jesus tut. Deshalb muss ich nicht gleich alles aufgeben, was mir etwas bedeutet. Es ist okay, dass ich mein Leben genieße, aber entscheidend ist, dass ich grundsätzlich bereit bin, für andere aus meiner Komfortzone herauszugehen.

Das kann heißen, dass ich nicht nur betroffen bin, wenn ich die Nachrichten schaue. Sondern dass ich mich frage, ob ich etwas tun kann. Manchmal war das dann für mich der springende Punkt, um nach einer humanitären Katastrophe einer Hilfsorganisation Geld zu überweisen oder um mich ehrenamtlich zu engagieren.

Ein anderes Beispiel, bei dem ich aus meiner Komfortzone raus musste: Eine Kollegin hatte mich sehr verletzt. Mit einem kleinen Kommentar. Ich hab mich dann entschieden, sie darauf anzusprechen. Das war nicht leicht. Lieber hätte ich mich beleidigt zurückgezogen. Aber jetzt haben wir das klären können, ohne dass eine von uns das Gesicht verliert.

Das Kreuz, das ich dabei immer zu tragen habe, bin ich oft selbst: mit meiner Angst im Leben zu kurz zu kommen. Oder mit meiner fixen Vorstellung, wie mein Leben sein sollte. Doch auch diese nicht so glänzenden Seiten gehören zu mir. Sie sind mein Kreuz. Damit muss ich umgehen lernen, um besser unterscheiden zu können, was nur mir einen Vorteil bringt oder was dem Leben insgesamt dient, so wie Gott es sich gedacht hat.

Jeremia und den Jüngern Jesu ist klar: Der Glaube ist nicht nur was, was stärkt, sondern er fordert Konsequenzen – auch unbequeme. Dass sie vor diesem irre hohen Anspruch nicht völlig kapitulieren, liegt vermutlich daran, dass sie erfahren haben, nicht allein zu sein. Gott ist dabei – egal, ob das, was sie vorhaben, gelingt oder nicht. Genau das treibt mich auch an. Ich kann mein Leben mit allen Höhen und Tiefen angehen, weil ich sicher bin: ich bin nicht allein.

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02AUG2020
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Das heutige Lied zum Sonntag ist ein richtiges Sommerlied. Es singt von herrlich grünen Bäumen und Sträuchern, die von der warmen Sommerluft ganz leicht bewegt werden.

 

Wie herrlich grünen Baum und Strauch und zieren Tal und Hänge.
Ein zarter, milder, warmer Hauch umspielt das Blattgemenge.
Im Sonnenschein wogt Flur und Hain und wiegt sich in den Winden.
Der Sommer will sich finden.

 

Das Lied kommt ursprünglich aus Schweden. Im Original ist es mit „Sommarpsalm“ überschrieben. Und wie ein Psalm stimmt es ein großes Loblied auf die Schöpfung an. Zwei Strophen lang wird in poetischer Sprache die Natur bewundert. Da ist die Rede vom Waldesrauschen, vom Vogelgesang und vom Blumenduft, der in der Luft liegt.

Doch der Text beschreibt die Natur nicht nur, sondern verbindet sie mit Gott. Die Sonne ist Gottes Ebenbild und der Wind steht für Gottes Geist, der die Welt in Bewegung hält.

Dass alles in der Natur auf Gott hinweist, hat vor gut 1600 Jahren schon Augustinus festgestellt. Er war einer der ganz großen Theologen und Kirchenväter und er hat gesagt: „Alles Geschaffene trägt die Spuren des Schöpfers“. Und genau das wird für mich in dem Lied deutlich. Denn wenn der Textdichter die sommerliche Natur in seiner ganzen Vielfalt beschreibt, dann will er damit zeigen, wie schön und wie groß Gott ist.

Das zeigt die letzte Strophe ganz besonders. Hier wird Gott zum ersten Mal direkt angesprochen: „O guter Gott, wie ist Dir gleich der lichte Sonnenreigen. Im Sommer willst Du gnadenreich uns deine Größe zeigen.“

 

O guter Gott, wie ist Dir gleich der lichte Sonnenreigen.
Im Sommer willst Du gnadenreich uns deine Größe zeigen.
All Fleisch ist Heu, all Leben Streu, vergänglich alles Treiben,
nur dein Wort wird verbleiben.

 

Ganz am Ende nimmt das Lied eine unerwartete Wendung.
Wie beim Propheten Jesaja (Jes 40,6-8) heißt es: „All Fleisch ist Heu, all Leben Streu, vergänglich alles Treiben“.

Von der Freude an der Schöpfung ist auf einmal nichts mehr zu spüren. Sie wird von der Realität überlagert, dass alles im irdischen Leben irgendwann vorbei ist.

Und doch gibt es im Lied, wie auch beim Propheten Jesaja einen Ausblick. Denn selbst wenn alles vergänglich ist – Gott bleibt. Und ich glaube fest daran: es geht weiter bei Gott. Darauf vertraue ich.

Genau wie auf die Sonne, die auch nach jeder noch so dunklen Nacht wieder aufgeht. Deshalb zum Abschluss der Sonnenaufgang aus Haydns Schöpfung, mit dem ich Ihnen einen richtig schönen Sonntag wünsche!

 

Musikangaben:

Musik 1 und 2:

„Wie herrlich grünen Baum und Strauch“
Text: Josef Newerkla nach dem schwedischen Text von Carl David af Wirsén
Musik: Waldemar Ahlen (1894-1982)

Begleit-CD zum Freiburger Chorbuch 2 (Carus Verlag)

Chormusik zur Liturgie

Rastatter Hofkapelle, Ltg. Jürgen Ochs

ISBN: 4009350020351

 

Musik 3:

instrumentales Vorspiel zum Rezitativ „In vollem Glanze“

aus: Joseph Haydn „Die Schöpfung“

Rundfunksinfonieorchester Saarbrücken

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01AUG2020
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Bäume sind echte Teamplayer. Zwar steht jeder für sich, aber unterirdisch sind sie durch ihre Wurzeln miteinander verbunden.

Die Dresdner Professorin Uta Berger erforscht die Wurzelnetzwerke der Bäume seit vielen Jahren. Sie sagt: „Unter der Erde verwächst das Wurzelgewebe, sodass für die vernetzten Bäume eine Art gemeinsames (…) Versorgungssystem entsteht." Die Netzwerke nützen also den Bäumen. Denn sie wachsen besser und können Angriffe von Schädlingen abpuffern, wenn sie noch mit gesunden Bäumen verbunden sind.

Ich glaube, in diesem Punkt sind wir Menschen den Bäumen ganz ähnlich. Auch für uns ist es wichtig, mit anderen verbunden zu sein. Allein können wir nicht existieren. Das fängt schon an, wenn wir auf die Welt kommen und die Pflege und Zuneigung der Eltern brauchen. Das geht in der Jugend weiter, wenn wir Gleichaltrige brauchen, um uns zu entwickeln und zieht sich weiter durch das ganze Leben. Selbst wenn ich noch so eigenständig bin: ganz alleine geht´s nie. Privat nicht und auch nicht in unserer Gesellschaft, in Europa oder der ganzen Welt.

Das ist nichts Neues. Auch die Bibel sagt gleich zu Anfang über den Menschen: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“ (Gen 2,18) Und so macht in der Schöpfungsgeschichte Gott aus der Körperseite des Menschen einen zweiten. Zwei, die sich zusammentun können. Die einander tragen können, wenn einer schwach ist. Zwei, die miteinander das Leben teilen und einander bestärken können.

Oft ist diese Verbindung zwischen Menschen und die gegenseitige Unterstützung im Alltag von außen erkennbar. In Freundschaften, Familien oder Partnerschaften.
Aber wie bei den Bäumen, glaube ich, dass es zwischen Menschen auch unsichtbare Netzwerke gibt, die stärken. Wie gut tut es zum Beispiel, wenn ich weiß, dass in einer schweren Zeit jemand an mich denkt. Oder dass ich Freunde habe, die zwar weit weg wohnen, die aber für mich da sind, wenn ich sie brauche.

Eine unsichtbare Verbindung, die stärkt, ist für mich auch das Gebet. In den vergangenen Wochen habe ich das immer wieder erfahren. Ich hab zum Beispiel während des Corona-Lockdowns immer abends eine Kerze angezündet und ein Vater unser gebetet. Viele andere haben das zur gleichen Zeit getan. Das hat uns miteinander und auch mit Gott verbunden. Auf einmal war trotz aller Distanz eine Gemeinschaft da – von außen unsichtbar, aber innerlich unglaublich stärkend.

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30JUL2020
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Vom Sklaven zum Bruder. Das klingt wie ein Märchen, ist aber eine biblische Geschichte. Unterschiede zwischen Menschen waren damals ein großes Thema und sind es auch heute noch. Umso wichtiger finde ich, dass die Bibel schon vor so langer Zeit davon spricht, dass Menschen absolut gleichwertig sind. Im Christentum heißt das etwas sperrig „Statusgleichheit“.

Genau darum geht es in einem kleinen Büchlein der Bibel. In einem Brief, den der Apostel Paulus an einen Mann namens Philemon schreibt.

Philemon ist Christ und ein vermögender Mann in Kolossä. Das liegt in der heutigen Türkei und gehörte damals zum römischen Reich. Onesimus ist sein Sklave und in allem, was er tut und wie er lebt, von Philemon abhängig. Eines Tages hält Onesimus das nicht mehr aus und haut ab. Für Philemon entsteht dadurch ein finanzieller Schaden, denn so ein Sklave ist teuer. Und selbst wenn er Onesimus wiederfindet: Ein Sklave, der einmal abgehauen ist, ist weniger wert.

Irgendwann begegnet Onesimus Paulus und Paulus tauft ihn. Auch Onesimus ist jetzt Christ. Und als Christ schickt Paulus ihn zu seinem Besitzer, zu Philemon, zurück. Mit der Bitte: „Nimm Onesimus nicht mehr als Sklaven, sondern als geliebten Bruder auf!“ (Phlm 15) Das ist für die damalige Zeit schier undenkbar und stellt die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf. Doch für Paulus ist das nur konsequent. Ihm ist klar: Unter denen, die zu Jesus gehören, kann es keine Sklaven mehr geben. Jesus hat das vorgelebt und zu den Menschen, die mit ihm unterwegs waren, gesagt: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt (Joh 15,15).“

Paulus löst mit dieser Aktion nicht das Sklavenproblem der Zeit, aber er zeigt, was in christlichen Beziehungen gelten soll: alle haben die gleiche Würde und sollen einander auf Augenhöhe begegnen.

Das ist der christliche Anspruch bis heute. Der gilt überall da, wo wir Menschen miteinander zu tun haben. Zuhause, in der Familie, unter Freunden, Arbeitskollegen und Geschäftspartnerinnen. Und auch in der Kirche. Leider gibt es gerade da noch ziemlichen Veränderungsbedarf.

Wie Philemon auf Onesimus Rückkehr reagiert hat, beschreibt der Brief nicht. Leider. Aber ich finde genial, wie Paulus Philemon überzeugt. Er gibt ihm nicht von oben herab die Anweisung, seinen Sklaven freizulassen. Paulus erinnert Philemon an das, was sie miteinander verbindet. Und weist ihn liebevoll, aber bestimmt darauf hin, dass alle Menschen gleichwertig sind.

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29JUL2020
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Seit ein paar Wochen steht eine schlichte schwarze Box in der Kirche. 1,40 (gesprochen: einsvierzig) auf 1,40 und damit groß genug, dass eine Person bequem darin stehen kann. „Sehnsuchtsbox“ steht in goldenen Buchstaben auf der Wand. Und was damit gemeint ist, wird mir klar, als ich in der Box drin bin. An den Wänden hängen große Bilder, die sofort Erinnerungen an schöne Momente wecken: ein Familienfest mit allen Generationen, ein Festival mit einer tanzenden Menge, ein Bild mit Sommer-Sonne-Strand und Meer und auch eines von einem festlichen Gottesdienst mit vielen Leuten und Gesang. Das alles war in der Corona-Zeit nicht möglich und ist es zum Teil auch heute noch nicht. Viele Menschen haben das schmerzlich vermisst und sehnen sich danach.

Sich nach etwas zu sehnen, gehört zum Menschsein. Wie Hunger oder Durst steckt die Sehnsucht in uns drin. Die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, nach Menschen, mit denen ich mein Leben teilen kann. Wenn meine Sehnsucht enttäuscht wird, dann kann das richtig weh tun.

Die Sehnsucht kann mir aber auch Kraft geben und Lust auf Neues machen. Sie hält mich lebendig und lässt mich daran glauben, dass im Leben noch nicht alles fertig ist, sondern dass es immer noch etwas Schönes für mich bereithält.

Dieser ganze Gefühlscocktail überkommt mich als ich in der Box stehe. Und ich stelle fest: die Sehnsucht hat mich richtig im Griff. Anderen, die vor mir da waren, ging es wohl genauso. Denn es gibt eine Wand, an der man aufschreiben kann, wonach man sich sehnt. Ich lese da: „Ich vermisse meinen Mann, der im Pflegeheim lebt.“ „Ich vermisse die Vorfreude auf Strand, Urlaub und Meer.“ Oder auch: „Ich vermisse es, den Menschen unbefangen gegenüber zu treten.“

Was mir aber vor allem auffällt: dazwischen steht ganz viel Dank! Oft schlicht und manchmal auch ganz konkret, wie: „Für Natalie, die du mir zur Seite gegeben hast“.

Dass wir wegen Corona nicht alles machen können, was wir sonst tun, weckt also auf der einen Seite die Sehnsucht. Auf der anderen Seite macht es aber auch klar, was wir schon haben. Und dass viele dafür dankbar sind. Das zeigt die Wand ganz deutlich.

In diesem Zwischenstadium bewegt sich unser Leben. Wir haben vieles schon, aber eben noch nicht alles. Ich glaube, dass es alles erst gibt, wenn ich tot bin und es dann bei Gott weitergeht. Da, hoffe ich, werden alle meine Sehnsüchte gestillt und ich bin vollkommen glücklich.

Das heißt aber nicht, dass ich so bald wie möglich sterben will, sondern dass ich mein Leben hier auf der Erde, so gut es geht, genieße und mich von der Sehnsucht antreiben lasse.

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28JUL2020
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Ich bin Patin einer kleinen Wiese. 100 qm voller Gräser, Klee und Ringelblume. Und vor allem mit jeder Menge Insekten. Ich freu mich jedes Mal, wenn ich spazieren gehe und „meine Wiese“ besuche.

Seit einigen Jahren ist vielen bewusst, wie wichtig diese kleinen Geschöpfe für uns alle sind und auch, dass weltweit die Vielfalt und die Zahl der Insekten dramatisch abnimmt. Es gibt weniger Schmetterlinge, Käfer und Bienen. Das hat Folgen für das Gleichgewicht in der Schöpfung. Jetzt spüren doch einige von uns, dass wir für unsere Natur verantwortlich sind und wollen was tun. Mir geht das auch so und ich bin dankbar, dass es Initiativen wie die der Blühwiesenpatenschaften gibt. So kann ich mich zumindest mit einem kleinen Beitrag beteiligen.

„Baden-Württemberg blüht auf“ heißt die landesweite Aktion, die vom Landesbauernverband initiiert wurde. Die Bauern wissen, wie viele Pflanzen davon abhängig sind, dass Bienen und andere Insekten sie bestäuben. Denn nur dann ist auch etwas da, was die Bauern ernten und was letztlich bei uns auf den Tellern landen kann. Und deshalb haben sich einige der Landwirte zusammengetan und überall im Land Blühstreifen zwischen den Ackerflächen angelegt.

Davon haben nicht nur die Insekten etwas. Auch ich kann die bunte Vielfalt zwischen den Feldern genießen. Wie schön unsere Welt sein kann!

Mit meiner Bewunderung bin ich nicht allein. Seit tausenden von Jahren sind Menschen von der Schöpfung fasziniert und viele erkennen in dem, was auf unserer Erde wächst und lebt, auch etwas von Gott. Von einem Gott, der für seine Geschöpfe sorgt und seiner Welt und uns Menschen zugewandt ist.

Darum geht es auch in einem Psalm, dem Psalm 104. Der Beter lobt die Welt als einen geordneten Lebensraum, in dem alles seinen Platz hat. In seinem Lobgesang stellt er fest: „Für das Vieh lässt du saftiges Gras wachsen und Getreide für den Ackerbau des Menschen. So wird Brot aus der Erde hervorgebracht und Wein, der das Menschenherz erfreut.“ (Ps 104,14f.)

Für alle ist genug zum Leben da. Doch es liegt an uns, dass wir unsere Natur nicht ausbeuten, sondern sorgsam mit ihr umgehen und das Gleichgewicht nicht völlig durcheinander bringen. Wenn wir jetzt schnell umdenken und anders handeln, dann haben auch noch die Menschen, die nach uns leben werden, die Chance, vor einer Wiese zu stehen und zu staunen wie vielfältig das Leben ist.

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27JUL2020
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„Hast du dich jemals gefragt, welche Hautfarbe du hast?“ Fatima schon oft und das nicht nur im Sommer oder auf Urlaubsfotos. Denn Fatima ist eine „person of color“, eine Frau mit dunkler Hautfarbe. Und sie kennt die kritischen Blicke, wenn sie beim Bäcker ist, in einer fremden Stadt nach dem Weg fragt oder bei einer Polizeikontrolle nach ihren Papieren gefragt wird.

Fatima Moumouni ist Ende zwanzig und lebt in der Schweiz. Sie moderiert Sendungen im Fernsehen und schreibt Kolumnen für ein Straßenmagazin. Und sie ist eine gefragte Poetry-Slamerin. In den letzten Jahren ist sie oft bei Veranstaltungen gegen Rassismus aufgetreten. Sie macht darauf aufmerksam, wie schnell und unbemerkt sie im Alltag diskriminiert wird. Und das geht nicht nur ihr so, sondern allen, die scheinbar anders sind.
Einen ihrer Auftritte hab´ ich im Internet gesehen. Ich fand es genial, dass es dabei erst einmal gar nicht um ihre, sondern um meine, die weiße Hautfarbe, ging. Sie sagt, dass die weiße Haut nicht einfach weiß wie Milch oder frischer Schnee sei und auch nicht einfach nur beige wie Kork oder ein Seil. Doch je länger ich zuschaue, kapiere ich: eigentlich stecke ich mit meiner Haut, ganz schön in Erklärungsnot. Und: anscheinend ist es auch heute noch irgendwie „besser“ weiße Haut zu haben. Nicht nur in den USA zum Beispiel, sondern auch bei uns in Deutschland. Etwa bei der Wohnungssuche. Irgendwie scheint in den Köpfen drinzustecken, dass man Menschen mit anderer Hautfarbe skeptisch fragt: „Aus welchem Land kommen Sie denn?“ oder „Wie groß ist Ihre Familie?“. Solche Fragen verletzen, weil sie Klischees bedienen.

Für mich gehört die Hautfarbe zur Person dazu und ist genau so viel oder wenig Thema wie die Länge der Haare, die Körpergröße oder der Charakter. Aber wenn ich Menschen wie Fatima höre, dann wird mir klar: das ist nicht immer so. Und vermutlich gibt es leider auch bei mir manche Situation, in der ich durch eine unbedachte Bemerkung jemanden verletzt habe.

Deshalb sind wir alle aufgefordert, achtsam miteinander umzugehen. Unsere Worte kritisch zu überprüfen, wenn wir miteinander sprechen. Das ist anstrengend. Manchmal wünsche ich mir, dass ich nicht jedes Wort abwägen muss. Aber gerade weil ich weiß bin und weil es für mich als Christin keinen Zweifel daran gibt, dass alle Menschen völlig gleichwertig sind, fühle ich mich besonders aufgefordert, es mir nicht zu einfach zu machen. Ich will, dass wir gerecht und gleichwertig miteinander leben. Das ist sicher herausfordernd. Aber zuallererst ist es menschlich.

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19JUL2020
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„Das werden wir dann sehen!“

Diesen Satz hab´ ich in den letzten Monaten oft gehört. Denn was in ein paar Wochen sein wird, lässt sich heute noch nicht sicher sagen. Lange Zeit war unklar, wann man wieder mit Freunden im Biergarten sitzen oder ins Kino gehen kann. Oder wie das mit dem Sommerurlaub sein wird. Einiges davon ist jetzt klarer, doch noch immer lässt sich schwer vorhersagen, wie das öffentliche Leben gestaltet sein wird.

Heute schon erkennen können, was morgen sein wird – darum geht es auch in einem Gleichnis, das Jesus seinen Freunden erzählt und das heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist. Es geht um Weizen und um Unkraut. Darum, dass neben der gewünschten Frucht auch das wächst, was man nicht haben will. Aber wenn man das Unkraut gleich ausreißt, ist das auch für den Weizen gefährlich. Also lieber abwarten. Gehandelt wird erst, wenn geerntet wird.

Mir fällt es oft schwer, erstmal abzuwarten. Ich mache gerne Pläne und will eigentlich am Liebsten von Anfang an wissen, wo es sich lohnt Zeit und Arbeit zu investieren. Aber ich stelle auch fest, dass das nicht immer geht und dass manches erst einmal wachsen muss.

Bei kreativen Ideen ist das zum Beispiel so. Wenn ich gleich anfange, meine Bedenken aufzulisten, hat die Kreativität keine Chance mehr.

Auch bei manchen Problemen muss ich aushalten, dass ich nicht gleich eine eindeutige Lösung parat habe. Und es gibt Menschen, die mir am Anfang eher unsympathisch sind, die ich beim näheren Kennenlernen aber sehr schätzen gelernt habe.

Doch nicht alles wird gut, wenn ich abwarte. Da gibt es leider auch das Unkraut, das wir auf keinen Fall brauchen können. Das Menschen sogar in Gefahr bringen und ihnen schaden kann. Konflikte oder Krankheiten zum Beispiel. Nicht immer gibt es eine Erklärung, wo sie herkommen und warum es sie überhaupt gibt.

Was mich in solchen Situationen zuversichtlicher sein lässt, ist das, was ganz am Beginn des Gleichnisses steht. Dort heißt es nämlich: „Mit dem Himmelreich ist es wie bei einem Bauern, der auf seinen Acker guten Samen aussäte.“

Der gute Samen, das ist die Ausgangsbasis. Egal wieviel Unkraut in meinem Leben auch wächst und wie schwer es der Weizen manchmal hat dagegen anzukommen: Das Gute ist schon da. Dafür hat Gott gesorgt. Ich muss also nicht krampfhaft alles bekämpfen, was schlecht ist, sondern kann versuchen, ein wenig gelassener damit umzugehen. Und darauf bauen, dass das Gute sich schon durchsetzt.

Auch wenn ich heute noch nicht absehen kann, was in der nächsten Zeit auf mich zukommen wird, will ich mit allem rechnen – auch mit dem Guten.

 

Mt 13, 24-30

Mit dem Himmelreich ist es wie bei einem Bauern, der auf seinen Acker guten Samen aussäte. Als alles schliefen, kam sein Feind. Er säte Unkraut zwischen den Weizen und verschwand wieder.

Der Weizen wuchs hoch und setzte Ähren an. Da war auch das Unkraut zwischen dem Weizen zu erkennen. Die Feldarbeiter gingen zum Bauern und fragten ihn: „Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut auf dem Feld?“ Aber er antwortete: „Tut das nicht, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus! Lasst beides bis zur Ernte wachsen. Dann werde ich den Erntearbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut ein!

Bindet es zu Bündeln zusammen, damit es verbrannt werden kann. Aber den Weizen bringt in meine Scheune.“

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10MAI2020
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Die Stimme eines Menschen verrät viel. Denn wer spricht, kann kaum verheimlichen, wie es ihm geht. In den letzten Wochen sind viele Kontakte übers Telefon gelaufen. Dabei ist mir besonders aufgefallen, was wir alles mit unserer Stimme ausdrücken können. Wie viel Botschaft allein im Klang liegt.

Auch im heutigen Lied zum Sonntag dreht sich alles um die Stimme. Eine Stimme, die kraftvoll ist. Und die zugleich zärtlich sagt: Hab keine Angst. Ich bin da.

Musik 1

„Stimme, die Stein zerbricht,
kommt mir im Finstern nah,
jemand der leise spricht:
Hab keine Angst, ich bin da.“

Stimmen haben Kraft. Jede Menge sogar. Wer die Stimme erhebt, kann etwas verändern und bewegen. Stimmen können ermutigen und trösten. Und ich kann mit meiner Stimme auch jemanden umarmen. Zeigen, wie wichtig er mir ist.

So ist es auch mit Gott. Die Bibel ist voll von Erzählungen, die zeigen, wie seine Stimme wirkt und wie sie von Menschen gehört wird. So ist Gottes Stimme mal kraftvoll und gewaltig. Zum Beispiel in den Psalmen. Dort heißt es: „Die Stimme des Herrn hat gedonnert und lässt die Wüste beben“ (Ps 29,3.8). An anderer Stelle ist sie geheimnisvoll zart, wie bei Elija in der Wüste. Kaum zu hören – wie ein „sanftes, leises Säuseln“. (1Kön 19,12)

Und wenn die Bibel in den Schöpfungsberichten erzählt, wie Gott und Welt zusammengehören, dann ist Gottes Stimme sogar kreativ und schöpferisch. Sie ist immer da, schon vor jedem Tag und jeder Nacht und trägt alles, was ist:

Musik 2

„Sprach schon vor Nacht und Tag,
vor meinem Nein und Ja.
Stimme, die alles trägt:
Hab keine Angst, ich bin da.“
 

Ich bin da. In diese Zusage mündet jede Strophe des Liedes. Grund dafür ist, dass der schwedische Pfarrer Anders Frostenson beim Schreiben des Liedes die Erzählung vom Seesturm im Kopf hatte. Sie steht im Neuen Testament und berichtet davon, wie die Jünger alleine mit dem Boot unterwegs sind. Als es stürmisch wird, kommt Jesus ihnen auf dem Meer entgegen. Die Jünger meinen, ein Gespenst zu sehen. Doch Jesus beruhigt sie und sagt: „Fasst Mut. Ich bin´s; fürchtet euch nicht.“ (Mk 6, 50 – Gute Nachricht Bibel)

Was für eine Zusage! Ich bin nicht allein – auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Wenn es turbulent um mich wird. Ich die Nähe eines Menschen vermisse. Eine Stimme fehlt, die mir sagt, dass ich keine Angst haben muss.

Und so macht mir die dritte Strophe des Liedes Mut. Denn egal, wo ich bin, gibt es jemanden, der mit mir in die Zukunft geht.

Musik 3:

„Bringt mir, wo ich auch sei,
Botschaft des Neubeginns,
nimmt mir die Furcht, macht frei,
Stimme, die dein ist: Ich bin´s!“

Das wäre eigentlich ein schöner Schluss. Doch in der letzten Strophe, wendet sich alles. Auf einmal ist nichts mehr von der vorangegangenen Nähe zu spüren. Alles verstummt. Nichts ist mehr zu hören.

Mir gefällt, dass das Lied so ehrlich ist. Es nimmt ernst, dass es Zeiten gibt, in denen ich einsam bin und Gottes Stimme nicht hören kann. In solchen Momenten muss ich die Situation aushalten. Und mir hilft es, mich daran zu erinnern, dass es schon andere Zeiten gegeben hat, in denen mir Gottes Stimme liebevoll gesagt hat: Ich bin da. Hab keine Angst.

Vermutlich deshalb können die Sänger ganz zum Schluss des Liedes mit kraftvoller und zuversichtlicher Stimme antworten: ich bin nicht bang: Du bist hier.

Musik 4:

„Wird es dann wieder leer,
teilen die Leere wir.
Seh dich nicht, hör nichts mehr -
und bin nicht bang: Du bist hier.“
 

 

Musikangaben:

Musik 1, 2 und 4 (Limburger Domchor) 

Musik 3

CD „Singt, singt, singt dem Herrn!“

Gesang: Julia Aulbach und Maria Nunez

Satz: Thomas Gabriel

Deutsches Liturgisches Institut DLI 7133

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15FEB2020
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Irene ist unzufrieden. Und das schon seit vielen Jahren. Das Leben hat sie sich eigentlich anders vorgestellt. Irgendwie schöner und erfüllter. Stattdessen musste sie zusehen, wie andere das bekommen, was sie sich gewünscht hätte. Heute ist sie über achtzig und gefühlt war es immer sie, die zurückgesteckt und anderen den Vortritt gelassen hat. Die wenigen, die noch etwas mit ihr zu tun haben, bekommen das zu spüren. Egal ob es die Pflegerin aus Polen ist oder der Neffe, der mit seiner Familie täglich nach ihr schaut.

Irene erinnert mich ganz oft an die biblische Geschichte von einem Mann, der seit 38 Jahren gelähmt ist. Am Teich Betesda vor den Toren Jerusalems wartet er darauf, dass er geheilt wird. Jeden Tag hofft er, dass ihn jemand zu dem Wasser trägt, das ihn gesundmacht. Aber irgendjemand ist immer schneller und ihm bleibt nur, anzusehen, wie es anderen Menschen wieder bessergeht. Wie sie zu Kräften kommen und wieder gehen können. Bei ihm dagegen geht nichts. Er hat keine Hoffnung mehr und das lässt er seine Umgebung wissen.

Auf diesen Mann kommt Jesus zu und fragt ihn: „Willst du gesund werden?“ (Joh 5, 6) Was für eine Frage. Mir ist klar: Natürlich will der Mann gesund werden. So, wie jeder gesund werden will. Aber der Mann reagiert anders und sagt zu Jesus: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich (…) trägt.“ (Joh 5, 7)

Der Mann aus der Bibel und die alte Frau – beide haben es schwer und ich kann nachvollziehen, dass sie enttäuscht und hoffnungslos sind. Aber beide haben sich auch in ihrer Situation und ihrem Schmerz eingerichtet und können gar nicht mehr sehen, dass es auch Gutes gibt. Und deshalb fragt Jesus nach: „Willst du gesund werden?“ Willst Du wirklich, dass sich etwas in deinem Leben ändert? Und dann erst sagt Jesus: „Steh auf, nimm deine Liege und geh!“ (Joh 5,8)

Ich finde es großartig, wie viel diese Begegnung zwischen Jesus und dem Mann verändert. Jesus gelingt es, dass der Mann aufstehen und damit seinen Standpunkt verlassen kann. Dass er seinen Blick von der eigenen Situation lösen kann und in Jesus jemanden entdeckt, der wohl gesonnen ist und ein anderes Leben möglich machen kann.

Die Geschichte macht mir Mut und sagt mir: Steh auf! Warte nicht darauf, dass dich jemand trägt. Sondern sieh, was möglich ist und wer um Dich herum ist.

Gott traut dir die Veränderung zu und gibt dir die nötige Kraft loszugehen.

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