Manuskripte

Auf einmal erlebt man einen guten Bekannten ganz anders als sonst. Ist Ihnen das nicht auch schon einmal so gegangen? Normalerweise ist ein Freund die Ruhe selbst. Doch wenn ihn etwas ärgert, dann kann er richtig aufbrausend sein. Oder eine Freundin ist sonst immer sehr still. Plötzlich erlebe ich sie in einem anderen Zusammenhang. Dort steht sie im Mittelpunkt und hat auf einmal gar keine Scheu, in einer großen Gruppe zu sprechen. Ich schüttele verwundert den Kopf und sage: „Ich kenne dich gar nicht wieder!“

Den anderen geht es ja mit mir nicht anders. Wenn ich höre, wie andere mich beschreiben, dann frage ich mich manchmal: So soll ich sein? So – und so auch noch – und jetzt wieder ganz anders? Aber das widerspricht sich doch völlig!  Oder ich höre, wie Leute über jemanden herziehen, den ich eigentlich sehr nett finde. Oder umgekehrt: begeistert über eine Person erzählen, die ich äußerst fragwürdig finde. Es ist offenbar gar nicht so leicht, einen Menschen zu beschreiben. Es kommt auf die Situation an. Und auf die Menschen, die etwas Bestimmtes mit ihm erleben. Und bestimmte Dinge wichtig finden.

Ist das bei Gott womöglich ähnlich? Juden, Christen und Muslime beschreiben Gott tatsächlich unterschiedlich. Und dann doch wieder so gleich, dass man wirklich merkt: Das ist immer ein und derselbe Gott. Es gibt ja auch wirklich nur einen Gott. Aber die Menschen erkennen immer nur einen Teil von ihm. Gott ist mehr und größer als das, was Menschen erkennen.

Schon von Anfang an haben Christen das begriffen. Und Namen gefunden für Gott, der sich so verschieden bemerkbar macht: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der heutige Sonntag erinnert genau daran: er heißt Dreifaltigkeitssonntag. Er steht nicht so im Mittelpunkt wie Weihnachten, Ostern oder auch noch Pfingsten. Dabei geht es hier um etwas ganz Zentrales im christlichen Glauben. Manche sagen: das Zentrale. Es geht um die Frage, wer der christliche Gott eigentlich ist.
Vater, Sohn, Heiliger Geist: Ja, sind das nun drei Götter?! Oder doch einer?

Juden und Muslime verwirrt das. Sie halten den Christen gerne vor: Im Grunde habt ihr ja doch drei Götter. Jedenfalls nimmt es unserem gemeinsamen Gott etwas von seiner Einmaligkeit, wenn da plötzlich von drei Personen die Rede ist. Ein Mensch ist doch schließlich auch immer ein und dieselbe Person. Höchstens mit unterschiedlichen Eigenschaften. Vielleicht ist das bei Gott ja anders. Aber dann wird es auch richtig kompliziert. Unnötig kompliziert, finden auch viele Christen.

Vater, Sohn, Heiliger Geist: Sind das nur unterschiedliche Wahrnehmungen von Gott? Ein unterschiedliches Verständnis, eine unterschiedliche Art, den Glauben an Gott auszudrücken?

II
Die Erfahrungen, die Menschen mit Gott machen, sind nicht leicht in Worte zu fassen. Alle Worte über Gott bleiben Annäherungen.
Vater, Sohn, Heiliger Geist: das klingt geheimnisvoll. Und damit ist es eigentlich schon eine passende Beschreibung für das Geheimnis Gott! Man darf nur nicht Gott auf diese geheimnisvollen Wortbilder und Bildworte festlegen. „Vater“, das ist nur eins unter vielen Bildern, die die Bibel für Gott benutzt. „Mutter“ ist übrigens auch darunter.

Der „Sohn“ – das ist mehr als nur Jesus als Mensch. In Jesus haben Menschen etwas von Gott gespürt. Jesus ist das „menschliche Gesicht Gottes“, hat ein englischer Bischof einmal gesagt. Wenn ich also über Jesus spreche, dann kann ich über Gott nicht mehr abstrakt denken. Dann erzähle ich Geschichten. Dann erzähle ich, wie Jesus sich Menschen zuwendet. Wie er auf die hört, auf die keiner mehr hört. Wie er die in die Mitte holt, die immer am Rand stehen. So ist Gott, sagen diese Geschichten.

Aber damit könnte es nun eigentlich fertig sein. Für Christen ist Gott immer der Gott, der sich den Menschen zuwendet. So wie Jesus es getan hat. Gott ist Vater und Sohn. Das würde doch reichen! Und Christen nennen sich Gottes Kinder, weil Jesus ihr Menschen-Bruder ist.

Doch jetzt kommt noch etwas Drittes. Jetzt kommt der Heilige Geist. Gottes Geist. Der ist immer dabei. Schon bei der Schöpfung schwebt er auf dem Wasser, heißt es am Anfang der Bibel. Er ist dabei, wenn Menschen etwas Besonderes tun sollen. Wenn sie einen besonderen Auftrag haben. Die Kunsthandwerker, die im alten Israel das Heiligtum bauen sollen – die haben dafür sogar alle einen besonderen Geist von Gott!

Dann ist der Heilige Geist dabei, als Jesus getauft wird. Und vor allem, als die Kirche entsteht. Als die Menschen, die Jesus um sich gesammelt hat, zu einer richtigen Gemeinschaft werden. Die Pfingstgeschichte erzählt, wie ganz Fremde sich auf einmal verstehen können.

Gott verbindet Menschen zu einer Gemeinschaft. Auch heute kann man das so erleben. Menschen verstehen sich über Grenzen hinweg. Sie lernen, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen. Damit das funktioniert, zeigt Gott sich mal so und mal so. Eine bunte Vielfalt. Je nachdem, wie Menschen seine Nähe brauchen. Je nachdem, wie Gott ihnen nahe sein kann. Aber dreifaltig lässt Gott sich immer wieder erkennen.

Ich bin ein Kind Gottes – des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes. Und ich wünsche Ihnen als Gotteskindern einen schönen Dreifaltigkeitssonntag!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24351

Mit dem heutigen Lied möchte ich Sie mitnehmen in die Welt des Barock. Da gab es höfischen Pomp, viele Verzierungen. Aber auch Elend, jahrzehntelange Kriege. Die barocke Welt ist oft hässlich. Gerade darum sucht sie wohl so nach Schönheit. Schöne Worte des Glaubens findet der Dichter Ernst Christoph Homburg während einer schweren Krankheit: „Jesus, unser Trost und Leben, der dem Tode war ergeben, der hat herrlich und mit Macht Sieg und Leben wiederbracht.“
Die Musik dazu wird Johann Sebastian Bach zugeschrieben. Sie windet geradezu Blütenkränze um diese Worte:

Jesus, unser Trost und Leben, 1. Strophe

Jesus als Siegesfürst. Aber siegt nicht am Ende immer der Tod? Im Barock stand das den Menschen ständig vor Augen. Blühende Länder konnten rasch verwüstet und entvölkert werden. Blühende Menschen wurden über Nacht krank und nichts konnte helfen.
Ernst Christoph Homburg erlebt das gerade selbst. Auf dem Krankenlager richtet er seine Hoffnung auf eine andere Welt. Eine Welt, in der das Leben siegt: „Nunmehr liegt der Tod gebunden, von dem Leben überwunden.“

Jesus, unser Trost und Leben, 2. Strophe

Medizin und Diplomatie vermögen heute viel mehr als vor 350 Jahren. Doch steht dadurch der Himmel wirklich offen?
Der kranke Dichter sieht Leben, Glück und Frieden, wie diese Welt sie nicht geben kann. „Alle Welt sich des erfreuet! Ja, das Meer vor Freuden wallet!“ Bachs Musik wird nicht müde, immer neue Blumen um diese Worte zu winden.

Ich höre diese österlichen Worte und Töne und nehme mir ihre Schönheit zu Herzen. Ich weiß nicht, wie es nach dem Tod aussieht. Aber eine bessere Welt erwarte ich nicht erst dann. Das Lied beschreibt auch die Gegenwart, die Welt in all ihrer Schönheit. Hier sieht der Dichter Gott am Werk. So will Gott auch in meinem Leben am Werk sein, auch wenn ich krank bin oder mutlos. Gott schenkt mir langen Atem – zum Singen und zu allem, was mir zu tun bleibt. So darf auch in meinem Herzen Frühling werden!

Jesus, unser Trost und Leben, 3. Strophe

-------------------------------------------

Musikangaben:

Bach, Johann Sebastian; Homburg, Ernst Christoph  
Jesus, unser Trost und Leben
Geistliches Lied für Singstimme und Basso continuo, BWV 475    
Danz, Ingeborg; Schmidt, Andreas

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24086

Wo hast du nur deine Augen?! Als Kind und Jugendlicher habe ich diese Frage manchmal zu hören bekommen. Ich bin zum Beispiel über was gestolpert. Eigentlich war es gut zu sehen. Wo hast du nur deine Augen?! Oder ich habe etwas nicht gefunden. Dabei lag es vor meiner Nase! Wo hast du nur deine Augen?! Menschen, die ein bisschen verträumt sind oder in ihren Gedanken gerne ganz woanders, die bekommen solche Fragen zu hören.
Wie ich heute darauf komme? Das liegt an diesem Sonntag. In der Kirche hat der nämlich einen Namen. Auf Latein, der alten Kirchensprache, heißt er: Okuli. Auf Deutsch heißt das einfach: Augen. Ein Augensonntag also.

Die Augen, die Okuli, kommen in einem besonderen Satz aus der Bibel vor, einem Psalmvers. Seit dem Mittelalter ist der an diesem Sonntag im Gottesdienst gesungen worden: Meine Augen sehen stets auf den HERRN (Ps 25,15).
Also, die Ausrede hätte ich früher gerne gehabt! – Wo hast du nur deine Augen?! – Ich habe sie bei Gott! – Na, ich fürchte, die anderen hätten mich bloß ausgelacht …
Aber eigentlich ist es ja gar nicht zum Lachen, sondern etwas ganz Wunderbares. Ein Augensonntag. Ein Sonntag, an dem ich auch einmal etwas anderes sehen darf als das, was sowieso vor Augen ist. Zum Beispiel Hoffnung, wo alle nur ihre Sorgen sehen. Etwas Schönes, Wunderbares, an dem alle vorbeilaufen. Keiner guckt hin, aber ich, ich habe ja meine Augen bei Gott, ich sehe das Wunderbare! Wie schön, wenn das an diesem Sonntag passieren könnte!

Doch würde ich damit besser durchs Leben kommen? Nur mit Wundern? Würde ich nicht ein etwas seltsamer Kauz werden, die Augen in irgendwelchen schönen Märchenwelten? Wo hast du deine Augen! Hier ist das harte Leben. Und das sieht nun einmal so aus, wie es aussieht. Aber wer auf Gott schaut, der macht ja die Augen nicht zu. Der guckt nicht weg.

Der Beter in der Bibel jedenfalls, der hat nicht weggeguckt. Ich bin einsam und elend! hat er gesagt. Von Nöten, Jammer und Sünden hat er gesprochen. Aber eben auch: Meine Augen sehen stets auf den HERRN, denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen. Also: Die Not und das Elend, die sind da. Aber das andere ist ja auch da. Der Psalmbeter sieht, was ihm Kummer und Angst macht. Aber dahinter sieht er Gott. Und er hofft, dass Gott ihn aus diesem Netz herausziehen kann.
Ich glaube: Wenn ich nur das Schlimme sehe, nur das Aussichtslose – da könnte mich jemand zu Recht fragen: Wo hast du nur deine Augen?! Kann ich das üben, Gott hinter meiner Not zu sehen, die Rettung hinter dem Aussichtslosen? Die Hilfe und die Helfer, die es gibt? Die schönen Erfahrungen, auch wenn viel Trauriges geschieht? Kann man es üben, dass die Augen das sehen?

Mir sind ein paar Übungen dazu eingefallen:
Die erste ist ganz einfach. Die kennen Sie alle. Eine ganz berühmte Frage: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Es ist etwas ganz besonders Leckeres in dem Glas. Die Hälfte habe ich schon ausgetrunken. Ist es jetzt noch halb voll, habe ich also noch einigen Genuss vor mir? Oder ist es schon halb leer, ist der Genuss sozusagen schon fast vorbei? Schaue ich auf das zurück, was ich in meinem Leben alles schon hatte, und bin traurig, weil es vorbei ist? Oder schaue ich auf die Chancen und Überraschungen, die mir jeder Tag, jedes Jahr noch bieten könnte?
Daraus ergibt sich schon die zweite Übung. Kann ich mich noch überraschen lassen, verzaubern? Oder winke ich ab: Kenn ich doch alles schon! Manche fürchten sich vor Überraschungen. Und verpassen ganz viel Freude, weil sie sagen: Bloß keine Überraschungen!
Und die dritte Übung: Genau hingucken. Mehrmals hingucken. Alles sehen. Das, was schön ist und gut gelungen, das sieht man manchmal erst auf den zweiten Blick.

Diese drei Übungen sind eigentlich leicht. Die sind zu schaffen. Und wenn ich sie geschafft habe, dann habe ich genug Anlauf genommen für die vierte. Jetzt schaue ich mir an, was mich unzufrieden oder unglücklich macht. Die verpassten Chancen. Das, was ich gerne noch ändern würde, aber jetzt ist es dafür zu spät.
Aber stimmt das wirklich? Jetzt gilt’s: halb leer – oder doch halb voll? Hab ich nur verloren – oder hab ich doch ganz viel in der Hand? Und wenn ich jetzt genau hingucke: gibt es da vielleicht etwas, was mich überrascht? Womit ich gar nicht gerechnet habe? Das war vielleicht schon lange da. Aber erst jetzt, wo ich schon einiges verloren habe – erst jetzt sehe ich es. Gerade weil ich jetzt weniger habe.

Die Geschwister, die untereinander und mit den Eltern zerstritten sind. Bei der Beerdigung des Vaters treffen sie sich. Schauen einander an. Und plötzlich sehen sie, was doch auch gut war. Was sie einmal aneinander hatten. Und versöhnen sich. Versöhnen sich mit der Mutter. Das ist einem Bekannten von mir tatsächlich passiert.
Oder der junge Mann, der sich x-mal vergeblich um eine begehrte Ausbildung bewirbt. Ohne Überzeugung und Hoffnung versucht er es schließlich noch einmal ganz woanders. Und bekommt eine Zusage und findet seine Traumausbildung.

Meine Augen sehen stets auf den HERRN, denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.
Meine Augen sehen auf Gott. Dann kann ich meine Augen offenhalten für Gottes Hilfe.. Und die Hoffnung wächst.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23842

Eine Position beziehen und die auch dann durchhalten, wenn es schwerfällt. Wenn es sogar gefährlich werden kann. Zum Glück wird das nicht jeden Tag von mir gefordert! Aber wenn, dann ist es gut, wenn ich dabei ein Vorbild habe, an dem ich mich orientieren kann. Für Friedrich Bodelschwingh, den Dichter unseres heutigen Liedes „Nun gehören unsere Herzen …“ war das Jesus. Jesus am Kreuz, obwohl das Kreuz doch eigentlich das Ende ist!

Musik 1         Nun gehören unsere Herzen

Das Geheimnis Gottes, das ist ein entscheidendes Wort in diesem Lied. Jesus hat dieses Geheimnis am Kreuz gesehen. Das Geheimnis eines neuen Lichtes. Wenn alles nur dunkel scheint, wenn scheinbar gar nichts mehr geht – kann ich dieses Licht dann auch sehen?
Bodelschwingh war davon überzeugt. Er war der Leiter der diakonischen Anstalten in Bethel. Seit 150 Jahren werden dort geistig behinderte und psychisch kranke Menschen betreut. Doch während des Nationalsozialismus galten diese als „lebensunwert“ und sollten getötet werden. Dagegen hat sich Bodelschwingh gewehrt. Dabei hat ihn der Blick auf Jesus am Kreuz geleitet. Jesus, der tatsächlich ermordet wurde. Im gekreuzigten Jesus hat Bodelschwingh gesehen, wie Gott standhält. Wie Gott beharrlich seine Liebe gegen allen Hass und alle Gewalt setzt.

Das ist das „Gericht“, von dem das Lied spricht. Das Gericht über aller Menschen Schuld. Auch über Lüge und Mord. Das Urteil in diesem Gericht ist ein anderes als das Mordurteil über Jesus oder über Kranke und Behinderte. Gott als der Richter sagt: Ich schenke euch einen neuen Anfang. Ich lasse in eurer dunklen Welt mein Licht aufgehen.

Musik 2         Nun gehören unsere Herzen

Standhalten. Beharrlich auf die Liebe setzen, gegen Hass und Gewalt, gegen Lüge und Unbarmherzigkeit. Das kann heute zum Beispiel bedeuten, sich für Flüchtlinge einzusetzen. Dabei muss ich heute nicht gegen einen verbrecherischen Staat kämpfen. Aber gegen Vorurteile und wütende Vorwürfe. Und manchmal gegen Entscheidungen von Behörden, die ich für willkürlich oder sogar für rechtswidrig halte. Dann muss ich Position beziehen. Ich schaue dabei auf Jesus, auf den Mann von Golgatha. Er macht mir Mut und Hoffnung. Er lässt mich Licht sehen, auch in der dunklen Welt.

Musik 3         Nun gehören unsere Herzen

Mitten im Tod zeigt Jesus den Weg zum Leben. In der letzten Strophe des Liedes heißt es: „Die begnadigte Gemeinde sagt zu Christi Wegen: Ja! Ja, du machst einst alles neu.“ Das bleibt die Hoffnung. In dieser Hoffnung kann ich mir wie Bodelschwingh ein Beispiel an Jesus nehmen und mich auf den Weg machen. Voller Vertrauen auf Gottes beharrliche Liebe. Das gibt mir Kraft, auch dann durchzuhalten, wenn ich angefeindet werde. Wenn ich mich hilflos und allein fühle. Denn ich bin ja nicht allein.

--------

Musiktitel 1: Nun gehören unsere Herzen
Interpreten: Gerhard Schnitter, Das Solistenensemble, CD: Die größten Choräle aus fünf Jahrhunderten, CD 2, Track 11, Hänssler Musik
Labelcode: 07224

Musiktitel 2: wie zuvor, 3. Strophe

Musiktitel 3: Nun gehören unsere Herzen
Interpreten: Joe Kienemann Trio, CD: Pray Jazz, Track 11, village pond records 2010
Labelcode: 13511

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23839

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass er gut ist. Ein Sonntagmorgen voller Ruhe und Hoffnung. Ein Morgen, an dem Sie auch Sorgen und Ängste in einem neuen Licht sehen können. Vielleicht hält es neue Lösungen bereit.
Von diesem Licht spricht auch ein Lied von Jochen Klepper:

Er weckt mich alle Morgen

Nicht jeder erlebt einen neuen Morgen als Quelle neuer Kraft. Und ein Zeichen Gottes: das ist selbst ein strahlender Morgen nicht einfach von sich aus. Das wird er erst durch Worte. Zum Beispiel Worte aus der Bibel. Oder Worte aus alten Liedern. Worte, die mir zeigen: Ich bin nicht allein.

Menschen begrüßen einander mit einem fröhlichen „Guten Morgen!“ Im Lied heißt es, dass Gott den Menschen selbst aufweckt. Er weckt ihm das Ohr. Gott braucht aufgeweckte Menschen, die ihm zuhören und die merken: Gott ist nicht verborgen!

Eine neue Welt entsteht vor meinem Ohr. Vielleicht haben mir Angst und Klage eine schlaflose Nacht bereitet. Doch jetzt schweigen sie.

Traue ich dem neuen Tag zu, dass er einen neuen Anfang setzt? Dann kann ich mit Gottes Weckruf etwas anfangen. Dann setzt der neue Tag nicht nur fort, was ich am Abend müde liegengelassen habe. Dann kann etwas Verfahrenes plötzlich ganz anders aussehen.
Vielleicht denken Sie jetzt: Da muss es einem aber schon gut gehen, dass man so ein Vertrauen haben kann.

Aber Jochen Klepper ging es nicht gut. Er hat dieses Lied während des Dritten Reichs gedichtet. Er hatte Angst um seine jüdische Frau und deren Töchter. Wenige Jahre später hat er sich mit seiner Frau und der jüngeren Tochter das Leben genommen. Da wurden Angst und Klage übermächtig. Doch das Vertrauen in Gott, das hat Klepper selbst dann nicht verlassen. Auch wenn es kaum noch Menschen gab, denen er und seine Familie trauen konnten.

Wie bekomme ich dieses Vertrauen? Ich kann es üben. Jeden Morgen aufs Neue. Ich kann das Licht suchen, das auch meine Dunkelheit aufhellt. Und ich finde dieses Licht, ganz überraschend: in einem freundlichen Wort, einer lieben Geste, einem schönen Moment.

Oder auch einem Lied – wie Kleppers wunderbarem Morgenlied. Mit seinem tiefen Gottvertrauen. Mit seinen Worten voller Hoffnung. Es lädt mich ein, auch in dunklen Zeiten nach dem Licht zu suchen:

-----

Interpreten: Gerhard Schnitter, Das Solistenensemble,
CD: Die größten Choräle aus fünf Jahrhunderten, CD 2, Track 1, Hänssler Musik
Labelcode: 07224

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23583

Werden die Nachrichten heute etwas wirklich Neues erzählen? Oder wird es auch am 4. Advent der übliche Mix aus Krieg, Gewalt und Katastrophen sein?
Ich wünschte mir, ich könnte einmal etwas anderes hören! Eine gute Nachricht, die sich abhebt von all den schlechten Nachrichten. Ein uraltes Lied aus England singt von so einer guten Nachricht:

O Come, O Come, Emmanuel

„Freu dich, freu dich, o Israel, bald kommt, bald kommt Immanuel.“
Immanuel heißt: Gott mit uns. Das ist für mich die Nachricht dieses Sonntags. Das lässt mich aufhorchen. Endlich einmal etwas ganz anderes! Auch wenn Menschen davon schon seit vielen hundert Jahren reden. Gott ist mit uns und kommt bald. Mitten in all den Schrecken und der Düsternis.

Die deutsche Übersetzung dieses Liedes greift ein altes biblisches Bild auf: den Morgenstern. Wenn der zu sehen ist, dann ist noch nicht Tag. Aber das Dunkel der Nacht weicht schon:

O komm, o komm, du Morgenstern

Der Morgenstern leuchtet mitten in der Nacht der Verzweiflung. Er leuchtet ja selbst über Aleppo, dieser Jahrtausende alten Stadt, die einmal für das friedliche Miteinander der Völker und Religionen stand – jetzt aber für Tod und Zerstörung. Er leuchtet auch über Nizza, Dhaka, Würzburg, Kairo und über allen Orten, wo der Terror in diesem Jahr den Alltag der Menschen zerstört hat. Er leuchtet über dem beschaulichen Freiburg, das aufgeschreckt wurde vom Mord an einer Studentin.

Das sind die anderen Nachrichten. Die lassen mich einfach nicht mehr los. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Ja, der Tag ist noch nicht da. Noch ist es dunkel und kalt. Doch am Himmel leuchtet der Morgenstern und lässt mich hoffen:

O komm, o komm, du Morgenstern

Mit dem Morgenstern im Lied ist Christus gemeint. Von seiner Geburt wird jetzt wieder gesungen, gespielt und erzählt. Das ist Gottes Antwort auf das schreckliche Dunkel: ein kleines Kind. Schwach wie der Morgenstern am Nachthimmel. Wenn er aufgeht, dann ist die Nacht fast am kältesten. Es ist alles nur Hoffnung – aber die leuchtet hell!
Diese Hoffnung lässt mich singen. Mitten in der Nacht. Gegen alles Dunkel. Und ich wünsche mir, dass andere einstimmen.

O come, o come, Emmanuel

Noch ist Nacht. Doch ich sehe den Morgenstern und singe voller Hoffnung: „Freut euch, freut euch, der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja.“

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten vierten Advent!

-------

Musiktitel 1:
O Come, O Come, Emmanuel
Interpretin: Katie Marshall, CD: O Come, O Come, Emmanuel, VCM Records

Musiktitel 2:
M0302288 01-011:
Helmore, Thomas; Schulz, Otmar: O komm, o komm, du Morgenstern
Weller, Andreas; Payer, Götz

Musiktitel 3:
M0302288 01-011:
Helmore, Thomas; Schulz, Otmar: O komm, o komm, du Morgenstern
Weller, Andreas; Payer, Götz

Musiktitel 4:
M0317432-002
Hillier, Paul; N. N.; ...: O come, o come, Emmanuel
aus: The Christmas Story. Für Soli, Chor und Instrumente    
Ars Nova Copenhagen; Hillier, Paul

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23352

Welche Lieder passen in eine Welt voller Krieg und Gewalt? Lieder, die nicht zum Kampf aufrufen, aber auch nicht  einfach einen großen Bogen um das Thema machen? Diese Verse fielen 1963 einem jungen evangelischen Pfarrer aus der DDR ein:

Es wird sein in den letzten Tagen,
so hat es der Prophet geschaut,
da wird niemand Waffen mehr tragen,
deren Stärke er lange vertraut.
Schwerter werden zu Pflugscharen,
und Krieg lernt keiner mehr.
Gott wird seine Welt bewahren
vor Rüstung und Spieß und Speer.
Auf, kommt herbei!
Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!

Walter Schulz – so hieß der junge Pfarrer – hat sich dabei von einer Vision des Propheten Jesaja inspirieren lassen: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.“

In New York hatte Schulz eine Skulptur gesehen, die das Bild des Propheten darstellt: Ein Mann schmiedet ein Schwert zu einer Pflugschar um. Ausgerechnet die atheistische Sowjetunion hatte der UNO diese Statue geschenkt!

Die Melodie zu dem Lied stammt ebenfalls noch aus der DDR. Manfred Schlenker hat sie 1985 geschrieben. So beschreibt er sie selbst: „Um jegliche Militanz auszuschließen, schwingt die Melodie im 6/4-Takt.“

Musiktitel 1:  
Schulz, Walter; Schlenker, Manfred:
Es wird sein in den letzten Tagen
Gabriel, Thomas, Gesang; Instrumentalensemble
Deutsches Liturgisches Institut DLI 7133

Ein Friedenslied. Mitten in einer Kriegswelt. Wie sehr wir Menschen uns auch um Frieden bemühen – irgendwo auf der Welt ist immer Krieg.

Doch einmal wird das anders sein. So hat es der Prophet Jesaja gesehen. Gott greift auf, was in der Welt vorhanden ist, und macht daraus etwas Neues.

Doch wie realistisch ist das? Das hat sich auch der junge Pfarrer aus der DDR vor über 50 Jahren gefragt. Wenige Monate zuvor hätte auf Kuba fast der Dritte Weltkrieg begonnen. Es wäre ein Atomkrieg geworden. Vielleicht das Letzte, was die Menschen überhaupt getan hätten.

Heute stehen wir hilflos vor dem schrecklichen Krieg in Syrien. Schulen und Krankenhäuser werden bombardiert, und zwar gezielt. Millionen sind vor diesem Schlachten und Morden geflohen. Auch bis zu uns. Gibt es Hoffnung? Werden wir aus all den furchtbaren Waffen unserer Zeit einmal etwas Nützliches bauen?

Der Prophet malt uns ein Hoffnungsbild. Die Völker werden den Krieg verlernen. Sie werden das Leben lernen. An dieser Hoffnung haben Walter Schulz und Manfred Schlenker in der DDR festgehalten. Der Komponist Hans-André Stamm hat diese Hoffnung in diesem Sommer in wunderbare Orgelmusik übersetzt. Musik, die an der Hoffnung festhält:

Musiktitel 2: 
Es wird sein in den letzten Tagen
Choralvorspiel für Orgel,
Stamm, Hans-André
Eigenproduktion des Komponisten

Walter Schulz fragte:
„Kann das Wort von den letzten Tagen
aus einer längst vergangnen Zeit
uns durch alle Finsternis tragen
in die Gottesstadt, leuchtend und weit?

Und er antwortet singend:

„Wenn wir heute mutig wagen,
auf Jesu Weg zu gehn,
werden wir in unsern Tagen
den kommenden Frieden sehn.
Auf, kommt herbei!
Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23085

Die Menschen haben Böses im Sinn – von Kindheit an. Gott selber soll das gesagt haben – steht ziemlich am Anfang in der Bibel. Aber stimmt das wirklich?

Vielleicht kommt es auf die Betrachtung an. Wenn ich zum Beispiel die Nachrichten von Terroranschlägen höre, dann fällt es mir nicht schwer, es auch so zu sehen. Die Menschen: einfach nur böse. Von Jugend an.

Aber es gibt auch andere Beispiele. Neulich im Großraumwagen im IC von Köln nach Koblenz. Freitagnachmittag. Der Zug war brechend voll. Dann war die Klimaanlage offenbar defekt. Wenn der Zug fuhr, dann ging es noch einigermaßen. Aber dann blieb er eine Viertelstunde lang stehen. Auf offener Strecke. So viele Menschen auf engstem Raum – und in dem war es heiß und stickig. Doch niemand hat sich aus der Ruhe bringen lassen. Ein nicht mehr ganz junger Mann in schickem Anzug und mit braungebrannter Glatze hat im Mittelgang gestanden und umwerfend gute Laune verbreitet. Ein junges Mädchen ist geduldig stehengeblieben, obwohl sie ein Recht auf einen Platz gehabt hätte. Ein Mann ist dann einige Zeit vor dem nächsten Bahnhof aufgestanden und hat ihr seinen Platz gegeben. Sie hat verlegen gesagt: Ich hätte ja jemanden auffordern können, aufzustehen. Aber das ist doch assig!

Eine Zufallsbeobachtung. Aber eine, die mir gefallen hat. So können Menschen zueinander sein. Menschen, die sich nie vorher gesehen haben und sich wahrscheinlich nie wieder sehen werden. Einfach die Situation hinnehmen, wie sie eben ist. Mit freundlichen Worten, einem Lachen. Es einander leichter machen. So geht es auch.

„Die Menschen haben Böses im Sinn von Jugend auf“, steht in der Bibel. Gott selbst hat das gesagt, entsetzt über die Menschen, die er doch geschaffen hat. Es hat ihm weh getan, was aus seinen Geschöpfen geworden ist, erzählt die Bibel. Gott hat all die Bosheit, Gemeinheit und Niedertracht auf der Erde gesehen. Da hat er es vierzig Tage und Nächte regnen lassen. Die Sintflut.

Gott war die Menschen leid. Das Trachten ihrer Herzen ist einfach böse von Anfang an. Nur Noah und seine Familie und die Tiere durften überleben. Dann ist die Sintflut vorbei. Nun tut es Gott doch leid, dass er die Flut geschickt hat. Er beschließt: Das war das erste und letzte Mal. Es soll nie wieder eine Flut geben, die alles zerstört. Denn – das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.

Dieselbe Begründung wie für die Flut! Jetzt ist es die Begründung dafür, dass es nie wieder so eine Sintflut geben soll. Alles ertränken und zerstören: damit ändert sich eigentlich nichts. Können wir uns denn überhaupt ändern? Auch wenn es so aussieht, als wäre es längst zu spät? Davon mehr nach der Musik.

II

„Die Menschen haben Böses im Sinn von Jugend auf.“ In der Bibel ist das die Begründung für die Sintflut. Aber so wird auch begründet, dass es nie wieder so eine schlimme Flut geben soll. Darüber habe ich eben in den SWR4-Sonntagsgedanken mit Ihnen nachgedacht. Anscheinend gibt Gott die Hoffnung nicht auf. Die Menschen können sich ändern. Gott mag seine Menschen. Er will, dass sie leben. Gut leben.

Manchmal unterhalte ich mich mit Leuten, die irgendwie verbittert sind. Böse auf alle und alles. Menschen, die lieber allein sein wollen. Da muss man auf keinen Rücksicht nehmen. Sich nicht anpassen und freundlich sein.

Wenn ich solchen Menschen zuhöre, dann merke ich: Sie haben so viel zu erzählen. Davon, dass es ihnen nicht immer gut gegangen ist. Wie andere Menschen sie enttäuscht haben. Wie sie Menschen verloren haben. Und damit auch ihre Freude am Leben. Und ich spüre: Es tut ihnen gut, dass sie das endlich einmal jemandem erzählen können.

Diesen Sommer ist ein Film aus Frankreich in unsere Kinos gekommen, der von so einem Menschen erzählt. Einem einsamen alten Mann, den alle schwierig finden. Und der sich auch alle Mühe gibt, schwierig zu sein! Dieser Monsieur Henri hat einen Sohn, Paul, den er verachtet. Der schickt seinem Vater eines Tages die junge Studentin Constance als Untermieterin. Constance hat bisher das Gefühl, eine völlige Versagerin zu sein. Sie ist kurz davor, richtig abzurutschen. Sie bleibt bei dem alten Grantler, weil sie nicht weiß, wo sie sonst hinsoll. Eines Tages setzt sie sich einfach an sein Klavier, obwohl er es ihr streng verboten hat. Das Klavier seiner verstorbenen Frau. Constance spielt wunderschön. Erinnerungen steigen in Henri hoch. Die tun ihm weh. Aber ihr Spiel bringt in ihm etwas zum Klingen, das er ganz tief in sich versteckt hat. Das niemand mehr sehen sollte. Constance fasst Vertrauen und fängt an, den Alten zu verstehen. Sie vertraut sich ihm an. Erzählt ihm, wie man ihr das Klavierspiel schlechtgemacht hat. Spricht über ihre Angst, es nicht zu schaffen.  

Henri begreift, was ihr fehlt. Er zeigt ihr, dass er ihr eine schwere Prüfung zutraut, zu der sie selbst nie den Mut gehabt hätte. So lernt Constance, dem Leben zu trauen. Und erkennt, dass sie keine Versagerin sein muss. Das hat der alte Mann geschafft, der doch so böse war auf die ganze Welt.

Die Menschen haben Böses im Sinn von Jugend an? Ja, das stimmt wohl. Das stimmt auch. Unsere Schatten gehören zu uns. Aber in der Bibel geht die Geschichte nach der Sintflut mit dem Regenbogen weiter. Der ist Gottes Einladung an seine Menschen, voller Vertrauen zu leben. So wird das Böse weniger. Probieren Sie es aus!

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22909

Gott loben – geht das heute überhaupt noch? Und geht das heute, am 11. September? Heute vor 15 Jahren wurde der Anschlag auf das World Trade Center in New York verübt. Es war der größte Terroranschlag der Geschichte. Doch wie viele schreckliche Anschläge hat es allein in diesem Jahr gegeben! Geht das da überhaupt noch: Gott zu loben?
Wenn ich die Bibel aufschlage, dann finde ich dort das Lob Gottes häufig inmitten einer schrecklichen Wirklichkeit. Ein Mensch, der gerade aus schlimmer Bedrängnis gerettet worden ist, betet zum Beispiel: „Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen und erzähle alle deine Wunder. Ich freue mich und bin fröhlich in dir und lobe deinen Namen, du Allerhöchster.“

Daraus ist eines unserer beliebtesten Kirchenlieder geworden:

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.

„Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Erzählen will ich von all seinen Wundern und singen seinem Namen.
Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!“

 Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. Ich freue mich, dass ich lebe. Ich freue mich über all die Wunder, die ich sehe. Ich freue mich, dass ich atmen kann, dass ich etwas tun kann, dass ich singen und lachen kann. Dafür lobe ich Gott.

Ein unschuldiges, fröhliches Loblied. Der Psalm in der Bibel erzählt aber noch mehr. Er erzählt von Krieg und Vernichtung, von Elend und Unrecht.

Das Lied kommt ursprünglich aus Frankreich. Auf Französisch hat es noch mehr Strophen. Hier tritt Gott als Richter auf, der Gerechtigkeit bringt. Als starker König, der die Unterdrückten schützt:

Je louerai l’Eternel
Dieu, l'Eternel, est Roi, il règne à jamais,
Pour le jugement il dresse son trône,
Il jugera la terre.
Dieu l'Eternel est Roi, il règne à jamais,
Le monde verra la force de son bras, Alléluia!

Ich lobe meinen Gott, den ewigen König.
Er stellt seinen Thron auf, um allen Recht zu sprechen,
Er richtet diese Erde.
Ich lobe meinen Gott, den ewigen König,
Es sieht jedes Land die Stärke seiner Hand, Halleluja!

 Dieu voit les opprimés, il est leur abri,
Leur refuge au temps des grandes détresses,
Son nom est leur salut.
Dieu voit les opprimés, il est leur abri,
Il sauve les siens, car il est le Dieu saint, Alléluia!

 Ich lobe meinen Gott, den Schutz der Bedrückten.
Er ist ihnen Zuflucht in all ihrem Elend,
Denn dafür steht sein Name.
Ich lobe meinen Gott, den Schutz der Bedrückten,
Er sieht uns’re Not, denn er ist unser Gott, Halleluja!

(frz. Text: Yves Kéler 1988; Nachdichtung: Christian Hartung 2016)

 Der Gott, den dieses Lied lobt, ist kein harmloser, freundlicher Schönwettergott. Es ist der Gott des Lebens. Und dieses Leben – davon ist die Bibel fest überzeugt – dieses Leben ist stärker als der Tod. Aber dieses Leben steht auch allen zu. Auch den Menschen, die dort leben, wo Elend und Krieg herrschen. Oder die davor fliehen. Auch den Menschen in unserem eigenen Land, die nicht auf der Sonnenseite geboren sind. Die sich irgendwie durchschlagen müssen.

Gott sieht auch diese Menschen. Die Unterdrückten, die Ängstlichen, die Verstummten. Gott sieht auch mich, wenn ich mich ängstlich unterordne. Wenn ich vor dem Hass und der Gewalt zurückweiche. Mutlos schweige. Gott macht mich stark, dass ich das Vertrauen ins Leben nicht verliere. Dass ich gerne lebe, trotz allen Gründen zur Angst. Und darum lobe ich ihn.

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. Trotz Terror, Krieg und Zerstörung. Trotz Hass, Angst und Gewalt. Denn Gott schenkt uns das Leben, jeden Tag.

-------

Musiktitel 1 M0351917-013:         
Bergèse, Alain; Reif, Michael; ... Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Rundfunkchor Berlin; Halsey, Simon

 Musiktitel 2 : Je louerai l’Eternel
Interpreten: Les Chantres, CD: Cantiques dans le vent, Track 20, VDE Gallo,
Labelcode: 21592

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22726

Ach Gott, vom Himmel sieh darein! Mit diesem Stoßseufzer beginnt das heutige Lied zum Sonntag. Ach Gott, in der Welt geht es schlimm zu! Menschen werden verfolgt, auch wegen ihres Glaubens. Sieh es dir an, Gott, schau von deinem Himmel auf die Erde und hilf uns!

„Ach Gott, vom Himmel sieh darein und lass dich des erbarmen,
wie wenig sind der Heilgen dein, verlassen sind wir Armen.“

Das Lied ist von Martin Luther. Ein Hilferuf mitten in dem Kampf um eine Reformation der Kirche. Gut dreihundert Jahre später, im Jahr 1832, lag Luthers Lied in Berlin auf dem Schreibtisch eines jungen Komponisten. Felix Mendelssohn war gerade dreiundzwanzig, doch schon berühmt und vom Erfolg verwöhnt. Aber offenbar kannte er auch Angst und Not:

Eine geradezu bedrohliche Stimmung, wie ein aufziehendes Gewitter. Männer und Frauen rufen in Not, sie suchen nach Halt und Hilfe. Felix Mendelssohn schrieb diese Musik als frommer evangelischer Christ. Dabei ist er erst mit sieben Jahren getauft worden. Vorher war er Jude. Und hat auch nach der Taufe noch erlebt, wie man vor ihm ausspuckte und ihn als „Judenjungen“ beschimpfte. Vielleicht hat er sich daran erinnert, als er die folgenden Worte vertonte: „Sie lehren eitel falsche List.“ Heimtückisch schleichen diese Leute heran und bringen alles durcheinander:

„Sie lehren eitel falsche List.“

Mendelssohns Musik wird erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt. Vor allem seine Kirchenmusik. Denn nicht nur während des Nationalsozialismus waren viele überzeugt: Ein Jude kann keine Kirchenmusik schreiben!

Das sind die, von denen es im Lied heißt: „Sie lehren eitel falsche List.“ Diese falsche Lehre gibt es auch heute noch. Den Streit zwischen evangelischen und katholischen Christen, der Martin Luther beschäftigte, den haben wir ausgeräumt. Die Judenfeindschaft, unter der Mendelssohn litt, immer noch nicht. Und aktuell wird zwischen Christen und Muslimen immer mehr Misstrauen und Hass gesät. Hört das denn nie auf?!

Mendelssohns Musik schildert die Verfolger, die ihrer Sache so sicher sind. Doch am Ende greift Gott ein. Mit Pauken und Trompeten!

 „Darum spricht Gott: »Ich muss auf sein,
d
ie Armen sind verstöret;
ihr Seufzen dringt zu mir herein,
i
ch hab ihr Klag erhöret.
Mein heilsam Wort soll auf den Plan,
getrost und frisch sie greifen an
und sein die Kraft der Armen.«
Ach Gott, vom Himmel sieh darein!

Manchmal wünsche ich mir, dass Gott eingreifen würde, mit Pauken und Trompeten. Doch dann denke ich mir: Gott sieht uns. Und er wartet darauf, dass wir den Hass und die Vorurteile überwinden. Wo immer eitel falsche List gelehrt wird. Gott gibt uns die Kraft, etwas Gutes dagegenzusetzen.

---

Musikangaben:

Musiktitel 1 M0354346-015:
Krebs, Johann Ludwig:
Ach Gott, vom Himmel sieh darein
C
horalbearbeitung für Singstimmen
Kammerchor Michaelstein; Döring, Sebastian

Musiktitel 2 M0116704-006-009:
Mendelssohn Bartholdy, Felix; Luther, Martin:
Ach Gott, vom Himmel sieh darein (1. Satz)
Choralkantate für Bariton, Chor und Orchester.
Kammerchor Stuttgart; Deutsche Kammerphilharmonie Bremen;Bernius, Frieder


https://www.kirche-im-swr.de/?m=22505

Netiquette

Anregungen, Lob, Kritik - hier können Sie sich zu unseren Sendungen im SWR äußern.

Ihre Kommentare werden moderiert und dann so bald wie möglich freigeschaltet.

Wir bitten Sie aber, bei Ihren Beiträgen folgendes zu beachten:
Ein Anspruch auf Veröffentlichung eines Kommentars besteht grundsätzlich nicht.
Ihre Kommentare sollten fair und sachlich gehalten sein. Wir bitten Sie die folgende Richtlinien bei Ihren Kommentaren zu kirche-im-SWR.de zu beachten.

Kommentare dürfen nicht

  • strafbar oder die Rechte Dritter verletzend
  • gegen die guten Sitten verstoßend
  • beleidigend oder ehrverletzend
  • politisch oder religiös extrem
  • Religionen, Weltanschauungen, Menschen pauschal verurteilend
  • fremdsprachlich
  • pornographisch, obszön oder jugendgefährdend
  • unsinnig oder anderweitig inakzeptabel sein.
  • Kommentare sollen sich auf Sendungen der Kirchen im SWR Programm beziehen.
  • Es dürfen keine Beiträge mit gewerblichem und/oder werbendem Charakter eingestellt werden.
  • Eine kommerzielle Nutzung durch z.B. das Anbieten von Waren oder Dienstleistungen ist nicht erlaubt.
  • Die Beiträge dürfen keine Links enthalten.
  • Zitate müssen durch die Angabe einer Quelle bzw. des Urhebers belegt sein.

Wir behalten uns vor, Beiträge nicht zu veröffentlichen.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir anonyme Beiträge nicht freischalten, melden Sie sich daher bitte mit Ihrem Namen an. Geben Sie am besten auch Ihre E-Mail- Adresse an, damit wir Ihnen gegebenenfalls individuell antworten können.

Durch das Abschicken Ihres Beitrags räumen Sie kirche-im-SWR.de das Recht ein, Ihre Beiträge dauerhaft zu präsentieren, in Beiträge einzuarbeiten (ohne Namensnennung) oder sie nach redaktionellem Ermessen zu löschen. Wir behalten uns vor, diese Richtlinien ggf. zu ändern bzw. zu ergänzen.

Wenn Sie Anmerkungen haben, die Sie uns direkt zukommen lassen möchten, die aber nicht veröffentlicht werden sollen, schicken Sie uns bitte eine Mail an: ev.rundfunkpfarramt.bw@kirche-im-swr.de

Schließen