Manuskripte

Wo hast du nur deine Augen?! Als Kind und Jugendlicher habe ich diese Frage manchmal zu hören bekommen. Ich bin zum Beispiel über was gestolpert. Eigentlich war es gut zu sehen. Wo hast du nur deine Augen?! Oder ich habe etwas nicht gefunden. Dabei lag es vor meiner Nase! Wo hast du nur deine Augen?! Menschen, die ein bisschen verträumt sind oder in ihren Gedanken gerne ganz woanders, die bekommen solche Fragen zu hören.
Wie ich heute darauf komme? Das liegt an diesem Sonntag. In der Kirche hat der nämlich einen Namen. Auf Latein, der alten Kirchensprache, heißt er: Okuli. Auf Deutsch heißt das einfach: Augen. Ein Augensonntag also.

Die Augen, die Okuli, kommen in einem besonderen Satz aus der Bibel vor, einem Psalmvers. Seit dem Mittelalter ist der an diesem Sonntag im Gottesdienst gesungen worden: Meine Augen sehen stets auf den HERRN (Ps 25,15).
Also, die Ausrede hätte ich früher gerne gehabt! – Wo hast du nur deine Augen?! – Ich habe sie bei Gott! – Na, ich fürchte, die anderen hätten mich bloß ausgelacht …
Aber eigentlich ist es ja gar nicht zum Lachen, sondern etwas ganz Wunderbares. Ein Augensonntag. Ein Sonntag, an dem ich auch einmal etwas anderes sehen darf als das, was sowieso vor Augen ist. Zum Beispiel Hoffnung, wo alle nur ihre Sorgen sehen. Etwas Schönes, Wunderbares, an dem alle vorbeilaufen. Keiner guckt hin, aber ich, ich habe ja meine Augen bei Gott, ich sehe das Wunderbare! Wie schön, wenn das an diesem Sonntag passieren könnte!

Doch würde ich damit besser durchs Leben kommen? Nur mit Wundern? Würde ich nicht ein etwas seltsamer Kauz werden, die Augen in irgendwelchen schönen Märchenwelten? Wo hast du deine Augen! Hier ist das harte Leben. Und das sieht nun einmal so aus, wie es aussieht. Aber wer auf Gott schaut, der macht ja die Augen nicht zu. Der guckt nicht weg.

Der Beter in der Bibel jedenfalls, der hat nicht weggeguckt. Ich bin einsam und elend! hat er gesagt. Von Nöten, Jammer und Sünden hat er gesprochen. Aber eben auch: Meine Augen sehen stets auf den HERRN, denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen. Also: Die Not und das Elend, die sind da. Aber das andere ist ja auch da. Der Psalmbeter sieht, was ihm Kummer und Angst macht. Aber dahinter sieht er Gott. Und er hofft, dass Gott ihn aus diesem Netz herausziehen kann.
Ich glaube: Wenn ich nur das Schlimme sehe, nur das Aussichtslose – da könnte mich jemand zu Recht fragen: Wo hast du nur deine Augen?! Kann ich das üben, Gott hinter meiner Not zu sehen, die Rettung hinter dem Aussichtslosen? Die Hilfe und die Helfer, die es gibt? Die schönen Erfahrungen, auch wenn viel Trauriges geschieht? Kann man es üben, dass die Augen das sehen?

Mir sind ein paar Übungen dazu eingefallen:
Die erste ist ganz einfach. Die kennen Sie alle. Eine ganz berühmte Frage: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Es ist etwas ganz besonders Leckeres in dem Glas. Die Hälfte habe ich schon ausgetrunken. Ist es jetzt noch halb voll, habe ich also noch einigen Genuss vor mir? Oder ist es schon halb leer, ist der Genuss sozusagen schon fast vorbei? Schaue ich auf das zurück, was ich in meinem Leben alles schon hatte, und bin traurig, weil es vorbei ist? Oder schaue ich auf die Chancen und Überraschungen, die mir jeder Tag, jedes Jahr noch bieten könnte?
Daraus ergibt sich schon die zweite Übung. Kann ich mich noch überraschen lassen, verzaubern? Oder winke ich ab: Kenn ich doch alles schon! Manche fürchten sich vor Überraschungen. Und verpassen ganz viel Freude, weil sie sagen: Bloß keine Überraschungen!
Und die dritte Übung: Genau hingucken. Mehrmals hingucken. Alles sehen. Das, was schön ist und gut gelungen, das sieht man manchmal erst auf den zweiten Blick.

Diese drei Übungen sind eigentlich leicht. Die sind zu schaffen. Und wenn ich sie geschafft habe, dann habe ich genug Anlauf genommen für die vierte. Jetzt schaue ich mir an, was mich unzufrieden oder unglücklich macht. Die verpassten Chancen. Das, was ich gerne noch ändern würde, aber jetzt ist es dafür zu spät.
Aber stimmt das wirklich? Jetzt gilt’s: halb leer – oder doch halb voll? Hab ich nur verloren – oder hab ich doch ganz viel in der Hand? Und wenn ich jetzt genau hingucke: gibt es da vielleicht etwas, was mich überrascht? Womit ich gar nicht gerechnet habe? Das war vielleicht schon lange da. Aber erst jetzt, wo ich schon einiges verloren habe – erst jetzt sehe ich es. Gerade weil ich jetzt weniger habe.

Die Geschwister, die untereinander und mit den Eltern zerstritten sind. Bei der Beerdigung des Vaters treffen sie sich. Schauen einander an. Und plötzlich sehen sie, was doch auch gut war. Was sie einmal aneinander hatten. Und versöhnen sich. Versöhnen sich mit der Mutter. Das ist einem Bekannten von mir tatsächlich passiert.
Oder der junge Mann, der sich x-mal vergeblich um eine begehrte Ausbildung bewirbt. Ohne Überzeugung und Hoffnung versucht er es schließlich noch einmal ganz woanders. Und bekommt eine Zusage und findet seine Traumausbildung.

Meine Augen sehen stets auf den HERRN, denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.
Meine Augen sehen auf Gott. Dann kann ich meine Augen offenhalten für Gottes Hilfe.. Und die Hoffnung wächst.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23842

Eine Position beziehen und die auch dann durchhalten, wenn es schwerfällt. Wenn es sogar gefährlich werden kann. Zum Glück wird das nicht jeden Tag von mir gefordert! Aber wenn, dann ist es gut, wenn ich dabei ein Vorbild habe, an dem ich mich orientieren kann. Für Friedrich Bodelschwingh, den Dichter unseres heutigen Liedes „Nun gehören unsere Herzen …“ war das Jesus. Jesus am Kreuz, obwohl das Kreuz doch eigentlich das Ende ist!

Musik 1         Nun gehören unsere Herzen

Das Geheimnis Gottes, das ist ein entscheidendes Wort in diesem Lied. Jesus hat dieses Geheimnis am Kreuz gesehen. Das Geheimnis eines neuen Lichtes. Wenn alles nur dunkel scheint, wenn scheinbar gar nichts mehr geht – kann ich dieses Licht dann auch sehen?
Bodelschwingh war davon überzeugt. Er war der Leiter der diakonischen Anstalten in Bethel. Seit 150 Jahren werden dort geistig behinderte und psychisch kranke Menschen betreut. Doch während des Nationalsozialismus galten diese als „lebensunwert“ und sollten getötet werden. Dagegen hat sich Bodelschwingh gewehrt. Dabei hat ihn der Blick auf Jesus am Kreuz geleitet. Jesus, der tatsächlich ermordet wurde. Im gekreuzigten Jesus hat Bodelschwingh gesehen, wie Gott standhält. Wie Gott beharrlich seine Liebe gegen allen Hass und alle Gewalt setzt.

Das ist das „Gericht“, von dem das Lied spricht. Das Gericht über aller Menschen Schuld. Auch über Lüge und Mord. Das Urteil in diesem Gericht ist ein anderes als das Mordurteil über Jesus oder über Kranke und Behinderte. Gott als der Richter sagt: Ich schenke euch einen neuen Anfang. Ich lasse in eurer dunklen Welt mein Licht aufgehen.

Musik 2         Nun gehören unsere Herzen

Standhalten. Beharrlich auf die Liebe setzen, gegen Hass und Gewalt, gegen Lüge und Unbarmherzigkeit. Das kann heute zum Beispiel bedeuten, sich für Flüchtlinge einzusetzen. Dabei muss ich heute nicht gegen einen verbrecherischen Staat kämpfen. Aber gegen Vorurteile und wütende Vorwürfe. Und manchmal gegen Entscheidungen von Behörden, die ich für willkürlich oder sogar für rechtswidrig halte. Dann muss ich Position beziehen. Ich schaue dabei auf Jesus, auf den Mann von Golgatha. Er macht mir Mut und Hoffnung. Er lässt mich Licht sehen, auch in der dunklen Welt.

Musik 3         Nun gehören unsere Herzen

Mitten im Tod zeigt Jesus den Weg zum Leben. In der letzten Strophe des Liedes heißt es: „Die begnadigte Gemeinde sagt zu Christi Wegen: Ja! Ja, du machst einst alles neu.“ Das bleibt die Hoffnung. In dieser Hoffnung kann ich mir wie Bodelschwingh ein Beispiel an Jesus nehmen und mich auf den Weg machen. Voller Vertrauen auf Gottes beharrliche Liebe. Das gibt mir Kraft, auch dann durchzuhalten, wenn ich angefeindet werde. Wenn ich mich hilflos und allein fühle. Denn ich bin ja nicht allein.

--------

Musiktitel 1: Nun gehören unsere Herzen
Interpreten: Gerhard Schnitter, Das Solistenensemble, CD: Die größten Choräle aus fünf Jahrhunderten, CD 2, Track 11, Hänssler Musik
Labelcode: 07224

Musiktitel 2: wie zuvor, 3. Strophe

Musiktitel 3: Nun gehören unsere Herzen
Interpreten: Joe Kienemann Trio, CD: Pray Jazz, Track 11, village pond records 2010
Labelcode: 13511

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23839

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass er gut ist. Ein Sonntagmorgen voller Ruhe und Hoffnung. Ein Morgen, an dem Sie auch Sorgen und Ängste in einem neuen Licht sehen können. Vielleicht hält es neue Lösungen bereit.
Von diesem Licht spricht auch ein Lied von Jochen Klepper:

Er weckt mich alle Morgen

Nicht jeder erlebt einen neuen Morgen als Quelle neuer Kraft. Und ein Zeichen Gottes: das ist selbst ein strahlender Morgen nicht einfach von sich aus. Das wird er erst durch Worte. Zum Beispiel Worte aus der Bibel. Oder Worte aus alten Liedern. Worte, die mir zeigen: Ich bin nicht allein.

Menschen begrüßen einander mit einem fröhlichen „Guten Morgen!“ Im Lied heißt es, dass Gott den Menschen selbst aufweckt. Er weckt ihm das Ohr. Gott braucht aufgeweckte Menschen, die ihm zuhören und die merken: Gott ist nicht verborgen!

Eine neue Welt entsteht vor meinem Ohr. Vielleicht haben mir Angst und Klage eine schlaflose Nacht bereitet. Doch jetzt schweigen sie.

Traue ich dem neuen Tag zu, dass er einen neuen Anfang setzt? Dann kann ich mit Gottes Weckruf etwas anfangen. Dann setzt der neue Tag nicht nur fort, was ich am Abend müde liegengelassen habe. Dann kann etwas Verfahrenes plötzlich ganz anders aussehen.
Vielleicht denken Sie jetzt: Da muss es einem aber schon gut gehen, dass man so ein Vertrauen haben kann.

Aber Jochen Klepper ging es nicht gut. Er hat dieses Lied während des Dritten Reichs gedichtet. Er hatte Angst um seine jüdische Frau und deren Töchter. Wenige Jahre später hat er sich mit seiner Frau und der jüngeren Tochter das Leben genommen. Da wurden Angst und Klage übermächtig. Doch das Vertrauen in Gott, das hat Klepper selbst dann nicht verlassen. Auch wenn es kaum noch Menschen gab, denen er und seine Familie trauen konnten.

Wie bekomme ich dieses Vertrauen? Ich kann es üben. Jeden Morgen aufs Neue. Ich kann das Licht suchen, das auch meine Dunkelheit aufhellt. Und ich finde dieses Licht, ganz überraschend: in einem freundlichen Wort, einer lieben Geste, einem schönen Moment.

Oder auch einem Lied – wie Kleppers wunderbarem Morgenlied. Mit seinem tiefen Gottvertrauen. Mit seinen Worten voller Hoffnung. Es lädt mich ein, auch in dunklen Zeiten nach dem Licht zu suchen:

-----

Interpreten: Gerhard Schnitter, Das Solistenensemble,
CD: Die größten Choräle aus fünf Jahrhunderten, CD 2, Track 1, Hänssler Musik
Labelcode: 07224

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23583

Werden die Nachrichten heute etwas wirklich Neues erzählen? Oder wird es auch am 4. Advent der übliche Mix aus Krieg, Gewalt und Katastrophen sein?
Ich wünschte mir, ich könnte einmal etwas anderes hören! Eine gute Nachricht, die sich abhebt von all den schlechten Nachrichten. Ein uraltes Lied aus England singt von so einer guten Nachricht:

O Come, O Come, Emmanuel

„Freu dich, freu dich, o Israel, bald kommt, bald kommt Immanuel.“
Immanuel heißt: Gott mit uns. Das ist für mich die Nachricht dieses Sonntags. Das lässt mich aufhorchen. Endlich einmal etwas ganz anderes! Auch wenn Menschen davon schon seit vielen hundert Jahren reden. Gott ist mit uns und kommt bald. Mitten in all den Schrecken und der Düsternis.

Die deutsche Übersetzung dieses Liedes greift ein altes biblisches Bild auf: den Morgenstern. Wenn der zu sehen ist, dann ist noch nicht Tag. Aber das Dunkel der Nacht weicht schon:

O komm, o komm, du Morgenstern

Der Morgenstern leuchtet mitten in der Nacht der Verzweiflung. Er leuchtet ja selbst über Aleppo, dieser Jahrtausende alten Stadt, die einmal für das friedliche Miteinander der Völker und Religionen stand – jetzt aber für Tod und Zerstörung. Er leuchtet auch über Nizza, Dhaka, Würzburg, Kairo und über allen Orten, wo der Terror in diesem Jahr den Alltag der Menschen zerstört hat. Er leuchtet über dem beschaulichen Freiburg, das aufgeschreckt wurde vom Mord an einer Studentin.

Das sind die anderen Nachrichten. Die lassen mich einfach nicht mehr los. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Ja, der Tag ist noch nicht da. Noch ist es dunkel und kalt. Doch am Himmel leuchtet der Morgenstern und lässt mich hoffen:

O komm, o komm, du Morgenstern

Mit dem Morgenstern im Lied ist Christus gemeint. Von seiner Geburt wird jetzt wieder gesungen, gespielt und erzählt. Das ist Gottes Antwort auf das schreckliche Dunkel: ein kleines Kind. Schwach wie der Morgenstern am Nachthimmel. Wenn er aufgeht, dann ist die Nacht fast am kältesten. Es ist alles nur Hoffnung – aber die leuchtet hell!
Diese Hoffnung lässt mich singen. Mitten in der Nacht. Gegen alles Dunkel. Und ich wünsche mir, dass andere einstimmen.

O come, o come, Emmanuel

Noch ist Nacht. Doch ich sehe den Morgenstern und singe voller Hoffnung: „Freut euch, freut euch, der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja.“

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten vierten Advent!

-------

Musiktitel 1:
O Come, O Come, Emmanuel
Interpretin: Katie Marshall, CD: O Come, O Come, Emmanuel, VCM Records

Musiktitel 2:
M0302288 01-011:
Helmore, Thomas; Schulz, Otmar: O komm, o komm, du Morgenstern
Weller, Andreas; Payer, Götz

Musiktitel 3:
M0302288 01-011:
Helmore, Thomas; Schulz, Otmar: O komm, o komm, du Morgenstern
Weller, Andreas; Payer, Götz

Musiktitel 4:
M0317432-002
Hillier, Paul; N. N.; ...: O come, o come, Emmanuel
aus: The Christmas Story. Für Soli, Chor und Instrumente    
Ars Nova Copenhagen; Hillier, Paul

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23352

Welche Lieder passen in eine Welt voller Krieg und Gewalt? Lieder, die nicht zum Kampf aufrufen, aber auch nicht  einfach einen großen Bogen um das Thema machen? Diese Verse fielen 1963 einem jungen evangelischen Pfarrer aus der DDR ein:

Es wird sein in den letzten Tagen,
so hat es der Prophet geschaut,
da wird niemand Waffen mehr tragen,
deren Stärke er lange vertraut.
Schwerter werden zu Pflugscharen,
und Krieg lernt keiner mehr.
Gott wird seine Welt bewahren
vor Rüstung und Spieß und Speer.
Auf, kommt herbei!
Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!

Walter Schulz – so hieß der junge Pfarrer – hat sich dabei von einer Vision des Propheten Jesaja inspirieren lassen: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.“

In New York hatte Schulz eine Skulptur gesehen, die das Bild des Propheten darstellt: Ein Mann schmiedet ein Schwert zu einer Pflugschar um. Ausgerechnet die atheistische Sowjetunion hatte der UNO diese Statue geschenkt!

Die Melodie zu dem Lied stammt ebenfalls noch aus der DDR. Manfred Schlenker hat sie 1985 geschrieben. So beschreibt er sie selbst: „Um jegliche Militanz auszuschließen, schwingt die Melodie im 6/4-Takt.“

Musiktitel 1:  
Schulz, Walter; Schlenker, Manfred:
Es wird sein in den letzten Tagen
Gabriel, Thomas, Gesang; Instrumentalensemble
Deutsches Liturgisches Institut DLI 7133

Ein Friedenslied. Mitten in einer Kriegswelt. Wie sehr wir Menschen uns auch um Frieden bemühen – irgendwo auf der Welt ist immer Krieg.

Doch einmal wird das anders sein. So hat es der Prophet Jesaja gesehen. Gott greift auf, was in der Welt vorhanden ist, und macht daraus etwas Neues.

Doch wie realistisch ist das? Das hat sich auch der junge Pfarrer aus der DDR vor über 50 Jahren gefragt. Wenige Monate zuvor hätte auf Kuba fast der Dritte Weltkrieg begonnen. Es wäre ein Atomkrieg geworden. Vielleicht das Letzte, was die Menschen überhaupt getan hätten.

Heute stehen wir hilflos vor dem schrecklichen Krieg in Syrien. Schulen und Krankenhäuser werden bombardiert, und zwar gezielt. Millionen sind vor diesem Schlachten und Morden geflohen. Auch bis zu uns. Gibt es Hoffnung? Werden wir aus all den furchtbaren Waffen unserer Zeit einmal etwas Nützliches bauen?

Der Prophet malt uns ein Hoffnungsbild. Die Völker werden den Krieg verlernen. Sie werden das Leben lernen. An dieser Hoffnung haben Walter Schulz und Manfred Schlenker in der DDR festgehalten. Der Komponist Hans-André Stamm hat diese Hoffnung in diesem Sommer in wunderbare Orgelmusik übersetzt. Musik, die an der Hoffnung festhält:

Musiktitel 2: 
Es wird sein in den letzten Tagen
Choralvorspiel für Orgel,
Stamm, Hans-André
Eigenproduktion des Komponisten

Walter Schulz fragte:
„Kann das Wort von den letzten Tagen
aus einer längst vergangnen Zeit
uns durch alle Finsternis tragen
in die Gottesstadt, leuchtend und weit?

Und er antwortet singend:

„Wenn wir heute mutig wagen,
auf Jesu Weg zu gehn,
werden wir in unsern Tagen
den kommenden Frieden sehn.
Auf, kommt herbei!
Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23085

Die Menschen haben Böses im Sinn – von Kindheit an. Gott selber soll das gesagt haben – steht ziemlich am Anfang in der Bibel. Aber stimmt das wirklich?

Vielleicht kommt es auf die Betrachtung an. Wenn ich zum Beispiel die Nachrichten von Terroranschlägen höre, dann fällt es mir nicht schwer, es auch so zu sehen. Die Menschen: einfach nur böse. Von Jugend an.

Aber es gibt auch andere Beispiele. Neulich im Großraumwagen im IC von Köln nach Koblenz. Freitagnachmittag. Der Zug war brechend voll. Dann war die Klimaanlage offenbar defekt. Wenn der Zug fuhr, dann ging es noch einigermaßen. Aber dann blieb er eine Viertelstunde lang stehen. Auf offener Strecke. So viele Menschen auf engstem Raum – und in dem war es heiß und stickig. Doch niemand hat sich aus der Ruhe bringen lassen. Ein nicht mehr ganz junger Mann in schickem Anzug und mit braungebrannter Glatze hat im Mittelgang gestanden und umwerfend gute Laune verbreitet. Ein junges Mädchen ist geduldig stehengeblieben, obwohl sie ein Recht auf einen Platz gehabt hätte. Ein Mann ist dann einige Zeit vor dem nächsten Bahnhof aufgestanden und hat ihr seinen Platz gegeben. Sie hat verlegen gesagt: Ich hätte ja jemanden auffordern können, aufzustehen. Aber das ist doch assig!

Eine Zufallsbeobachtung. Aber eine, die mir gefallen hat. So können Menschen zueinander sein. Menschen, die sich nie vorher gesehen haben und sich wahrscheinlich nie wieder sehen werden. Einfach die Situation hinnehmen, wie sie eben ist. Mit freundlichen Worten, einem Lachen. Es einander leichter machen. So geht es auch.

„Die Menschen haben Böses im Sinn von Jugend auf“, steht in der Bibel. Gott selbst hat das gesagt, entsetzt über die Menschen, die er doch geschaffen hat. Es hat ihm weh getan, was aus seinen Geschöpfen geworden ist, erzählt die Bibel. Gott hat all die Bosheit, Gemeinheit und Niedertracht auf der Erde gesehen. Da hat er es vierzig Tage und Nächte regnen lassen. Die Sintflut.

Gott war die Menschen leid. Das Trachten ihrer Herzen ist einfach böse von Anfang an. Nur Noah und seine Familie und die Tiere durften überleben. Dann ist die Sintflut vorbei. Nun tut es Gott doch leid, dass er die Flut geschickt hat. Er beschließt: Das war das erste und letzte Mal. Es soll nie wieder eine Flut geben, die alles zerstört. Denn – das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.

Dieselbe Begründung wie für die Flut! Jetzt ist es die Begründung dafür, dass es nie wieder so eine Sintflut geben soll. Alles ertränken und zerstören: damit ändert sich eigentlich nichts. Können wir uns denn überhaupt ändern? Auch wenn es so aussieht, als wäre es längst zu spät? Davon mehr nach der Musik.

II

„Die Menschen haben Böses im Sinn von Jugend auf.“ In der Bibel ist das die Begründung für die Sintflut. Aber so wird auch begründet, dass es nie wieder so eine schlimme Flut geben soll. Darüber habe ich eben in den SWR4-Sonntagsgedanken mit Ihnen nachgedacht. Anscheinend gibt Gott die Hoffnung nicht auf. Die Menschen können sich ändern. Gott mag seine Menschen. Er will, dass sie leben. Gut leben.

Manchmal unterhalte ich mich mit Leuten, die irgendwie verbittert sind. Böse auf alle und alles. Menschen, die lieber allein sein wollen. Da muss man auf keinen Rücksicht nehmen. Sich nicht anpassen und freundlich sein.

Wenn ich solchen Menschen zuhöre, dann merke ich: Sie haben so viel zu erzählen. Davon, dass es ihnen nicht immer gut gegangen ist. Wie andere Menschen sie enttäuscht haben. Wie sie Menschen verloren haben. Und damit auch ihre Freude am Leben. Und ich spüre: Es tut ihnen gut, dass sie das endlich einmal jemandem erzählen können.

Diesen Sommer ist ein Film aus Frankreich in unsere Kinos gekommen, der von so einem Menschen erzählt. Einem einsamen alten Mann, den alle schwierig finden. Und der sich auch alle Mühe gibt, schwierig zu sein! Dieser Monsieur Henri hat einen Sohn, Paul, den er verachtet. Der schickt seinem Vater eines Tages die junge Studentin Constance als Untermieterin. Constance hat bisher das Gefühl, eine völlige Versagerin zu sein. Sie ist kurz davor, richtig abzurutschen. Sie bleibt bei dem alten Grantler, weil sie nicht weiß, wo sie sonst hinsoll. Eines Tages setzt sie sich einfach an sein Klavier, obwohl er es ihr streng verboten hat. Das Klavier seiner verstorbenen Frau. Constance spielt wunderschön. Erinnerungen steigen in Henri hoch. Die tun ihm weh. Aber ihr Spiel bringt in ihm etwas zum Klingen, das er ganz tief in sich versteckt hat. Das niemand mehr sehen sollte. Constance fasst Vertrauen und fängt an, den Alten zu verstehen. Sie vertraut sich ihm an. Erzählt ihm, wie man ihr das Klavierspiel schlechtgemacht hat. Spricht über ihre Angst, es nicht zu schaffen.  

Henri begreift, was ihr fehlt. Er zeigt ihr, dass er ihr eine schwere Prüfung zutraut, zu der sie selbst nie den Mut gehabt hätte. So lernt Constance, dem Leben zu trauen. Und erkennt, dass sie keine Versagerin sein muss. Das hat der alte Mann geschafft, der doch so böse war auf die ganze Welt.

Die Menschen haben Böses im Sinn von Jugend an? Ja, das stimmt wohl. Das stimmt auch. Unsere Schatten gehören zu uns. Aber in der Bibel geht die Geschichte nach der Sintflut mit dem Regenbogen weiter. Der ist Gottes Einladung an seine Menschen, voller Vertrauen zu leben. So wird das Böse weniger. Probieren Sie es aus!

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22909

Gott loben – geht das heute überhaupt noch? Und geht das heute, am 11. September? Heute vor 15 Jahren wurde der Anschlag auf das World Trade Center in New York verübt. Es war der größte Terroranschlag der Geschichte. Doch wie viele schreckliche Anschläge hat es allein in diesem Jahr gegeben! Geht das da überhaupt noch: Gott zu loben?
Wenn ich die Bibel aufschlage, dann finde ich dort das Lob Gottes häufig inmitten einer schrecklichen Wirklichkeit. Ein Mensch, der gerade aus schlimmer Bedrängnis gerettet worden ist, betet zum Beispiel: „Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen und erzähle alle deine Wunder. Ich freue mich und bin fröhlich in dir und lobe deinen Namen, du Allerhöchster.“

Daraus ist eines unserer beliebtesten Kirchenlieder geworden:

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.

„Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Erzählen will ich von all seinen Wundern und singen seinem Namen.
Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!“

 Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. Ich freue mich, dass ich lebe. Ich freue mich über all die Wunder, die ich sehe. Ich freue mich, dass ich atmen kann, dass ich etwas tun kann, dass ich singen und lachen kann. Dafür lobe ich Gott.

Ein unschuldiges, fröhliches Loblied. Der Psalm in der Bibel erzählt aber noch mehr. Er erzählt von Krieg und Vernichtung, von Elend und Unrecht.

Das Lied kommt ursprünglich aus Frankreich. Auf Französisch hat es noch mehr Strophen. Hier tritt Gott als Richter auf, der Gerechtigkeit bringt. Als starker König, der die Unterdrückten schützt:

Je louerai l’Eternel
Dieu, l'Eternel, est Roi, il règne à jamais,
Pour le jugement il dresse son trône,
Il jugera la terre.
Dieu l'Eternel est Roi, il règne à jamais,
Le monde verra la force de son bras, Alléluia!

Ich lobe meinen Gott, den ewigen König.
Er stellt seinen Thron auf, um allen Recht zu sprechen,
Er richtet diese Erde.
Ich lobe meinen Gott, den ewigen König,
Es sieht jedes Land die Stärke seiner Hand, Halleluja!

 Dieu voit les opprimés, il est leur abri,
Leur refuge au temps des grandes détresses,
Son nom est leur salut.
Dieu voit les opprimés, il est leur abri,
Il sauve les siens, car il est le Dieu saint, Alléluia!

 Ich lobe meinen Gott, den Schutz der Bedrückten.
Er ist ihnen Zuflucht in all ihrem Elend,
Denn dafür steht sein Name.
Ich lobe meinen Gott, den Schutz der Bedrückten,
Er sieht uns’re Not, denn er ist unser Gott, Halleluja!

(frz. Text: Yves Kéler 1988; Nachdichtung: Christian Hartung 2016)

 Der Gott, den dieses Lied lobt, ist kein harmloser, freundlicher Schönwettergott. Es ist der Gott des Lebens. Und dieses Leben – davon ist die Bibel fest überzeugt – dieses Leben ist stärker als der Tod. Aber dieses Leben steht auch allen zu. Auch den Menschen, die dort leben, wo Elend und Krieg herrschen. Oder die davor fliehen. Auch den Menschen in unserem eigenen Land, die nicht auf der Sonnenseite geboren sind. Die sich irgendwie durchschlagen müssen.

Gott sieht auch diese Menschen. Die Unterdrückten, die Ängstlichen, die Verstummten. Gott sieht auch mich, wenn ich mich ängstlich unterordne. Wenn ich vor dem Hass und der Gewalt zurückweiche. Mutlos schweige. Gott macht mich stark, dass ich das Vertrauen ins Leben nicht verliere. Dass ich gerne lebe, trotz allen Gründen zur Angst. Und darum lobe ich ihn.

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. Trotz Terror, Krieg und Zerstörung. Trotz Hass, Angst und Gewalt. Denn Gott schenkt uns das Leben, jeden Tag.

-------

Musiktitel 1 M0351917-013:         
Bergèse, Alain; Reif, Michael; ... Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Rundfunkchor Berlin; Halsey, Simon

 Musiktitel 2 : Je louerai l’Eternel
Interpreten: Les Chantres, CD: Cantiques dans le vent, Track 20, VDE Gallo,
Labelcode: 21592

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22726

Ach Gott, vom Himmel sieh darein! Mit diesem Stoßseufzer beginnt das heutige Lied zum Sonntag. Ach Gott, in der Welt geht es schlimm zu! Menschen werden verfolgt, auch wegen ihres Glaubens. Sieh es dir an, Gott, schau von deinem Himmel auf die Erde und hilf uns!

„Ach Gott, vom Himmel sieh darein und lass dich des erbarmen,
wie wenig sind der Heilgen dein, verlassen sind wir Armen.“

Das Lied ist von Martin Luther. Ein Hilferuf mitten in dem Kampf um eine Reformation der Kirche. Gut dreihundert Jahre später, im Jahr 1832, lag Luthers Lied in Berlin auf dem Schreibtisch eines jungen Komponisten. Felix Mendelssohn war gerade dreiundzwanzig, doch schon berühmt und vom Erfolg verwöhnt. Aber offenbar kannte er auch Angst und Not:

Eine geradezu bedrohliche Stimmung, wie ein aufziehendes Gewitter. Männer und Frauen rufen in Not, sie suchen nach Halt und Hilfe. Felix Mendelssohn schrieb diese Musik als frommer evangelischer Christ. Dabei ist er erst mit sieben Jahren getauft worden. Vorher war er Jude. Und hat auch nach der Taufe noch erlebt, wie man vor ihm ausspuckte und ihn als „Judenjungen“ beschimpfte. Vielleicht hat er sich daran erinnert, als er die folgenden Worte vertonte: „Sie lehren eitel falsche List.“ Heimtückisch schleichen diese Leute heran und bringen alles durcheinander:

„Sie lehren eitel falsche List.“

Mendelssohns Musik wird erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt. Vor allem seine Kirchenmusik. Denn nicht nur während des Nationalsozialismus waren viele überzeugt: Ein Jude kann keine Kirchenmusik schreiben!

Das sind die, von denen es im Lied heißt: „Sie lehren eitel falsche List.“ Diese falsche Lehre gibt es auch heute noch. Den Streit zwischen evangelischen und katholischen Christen, der Martin Luther beschäftigte, den haben wir ausgeräumt. Die Judenfeindschaft, unter der Mendelssohn litt, immer noch nicht. Und aktuell wird zwischen Christen und Muslimen immer mehr Misstrauen und Hass gesät. Hört das denn nie auf?!

Mendelssohns Musik schildert die Verfolger, die ihrer Sache so sicher sind. Doch am Ende greift Gott ein. Mit Pauken und Trompeten!

 „Darum spricht Gott: »Ich muss auf sein,
d
ie Armen sind verstöret;
ihr Seufzen dringt zu mir herein,
i
ch hab ihr Klag erhöret.
Mein heilsam Wort soll auf den Plan,
getrost und frisch sie greifen an
und sein die Kraft der Armen.«
Ach Gott, vom Himmel sieh darein!

Manchmal wünsche ich mir, dass Gott eingreifen würde, mit Pauken und Trompeten. Doch dann denke ich mir: Gott sieht uns. Und er wartet darauf, dass wir den Hass und die Vorurteile überwinden. Wo immer eitel falsche List gelehrt wird. Gott gibt uns die Kraft, etwas Gutes dagegenzusetzen.

---

Musikangaben:

Musiktitel 1 M0354346-015:
Krebs, Johann Ludwig:
Ach Gott, vom Himmel sieh darein
C
horalbearbeitung für Singstimmen
Kammerchor Michaelstein; Döring, Sebastian

Musiktitel 2 M0116704-006-009:
Mendelssohn Bartholdy, Felix; Luther, Martin:
Ach Gott, vom Himmel sieh darein (1. Satz)
Choralkantate für Bariton, Chor und Orchester.
Kammerchor Stuttgart; Deutsche Kammerphilharmonie Bremen;Bernius, Frieder


https://www.kirche-im-swr.de/?m=22505

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ An dieses Lied von Reinhard Mey denke ich jetzt oft. Grenzen sind in Europa plötzlich wieder ein Thema. Mit ihrem Brexit wollen die Briten wieder Grenzen um sich herum aufrichten. Und die Flüchtlinge werden wieder von Grenzen draußen gehalten.

Andererseits fahren viele jetzt in den Urlaub. Sie genießen die grenzenlose Freiheit! Keine Kontrolle an der Grenze nach Frankreich, Holland oder Dänemark. Oder sie setzen sich in den Flieger und heben ab. Bis über die Wolken. Da, wo gar keine Grenzen mehr zu sehen sind. Und dann weit weg – dahin, wo das Leben leicht und schön ist. Und wenn es nur für eine Woche ist.

Grenzenlos frei. Unbeschränkt über mein Leben bestimmen. Wie ein König in meinem eigenen kleinen Reich. Gerade jetzt in der Ferienzeit träumen davon viele. Einfach abheben. Alles zurücklassen. Sehen, wie alles klein und unwichtig wird, was sich breit macht.

Aber was heißt das im Alltag: grenzenlose Freiheit? Ist es wirklich gut, wenn sich alle Grenzen auflösen? Wird dann nicht alles egal? Und kann dann jeder einfach machen, was er will? Das geht schließlich nicht. Ich muss mich anpassen. Das müssen die anderen ja auch. Freiheit hat eine Grenze. Aber wann wird die Grenze zu eng? Wann wird aus dem Schutz ein Zwang?

Ja, Grenzen geben Sicherheit. Aber sie schränken auch ein. Grenzen zeigen ganz deutlich, was zu mir gehört. Dann weiß ich Bescheid. Aber Grenzen können auch missbraucht werden. Wenn andere meine Grenzen festlegen. Wenn ich nicht mehr selber bestimmen kann, was gut ist für mich. Und wehe, ich überschreite die Grenze, die andere festgelegt haben!

In Europa sind die Grenzen schon seit Jahren offen. Jetzt haben manche Angst davor, dass zu viele kommen und zu vieles, was sie gar nicht wollen. Deshalb möchten viele die Grenzen wieder hochziehen.

Aber wollen wir wirklich zurück? Wir hatten einmal Kontrollen nicht nur an den Landesgrenzen, sondern auch  innerhalb von Deutschland. Die deutsch-deutsche Grenze, die seit 26 Jahren endlich überwunden ist. Und noch früher, da hat man Papiere gebraucht und musste Zoll bezahlen, wenn man zum Beispiel von Mannheim nach Stuttgart wollte oder von Ulm nach Mainz. Heute können junge Menschen in ganz Europa studieren und arbeiten. Und ältere Menschen können sich in einem anderen europäischen Land niederlassen.

Grenzen oder Freiheit – kann man sich wirklich einfach für eins von beiden entscheiden? Alle Grenzen hinter sich lassen – oder sich hinter hohen Zäunen einigeln?

Ich glaube: Wir sind gerade an einem Punkt, wo wir alle zusammen darüber reden müssen.

 II

Vielleicht kann uns ein Satz aus der Bibel dabei helfen: „Gott schafft deinen Grenzen Frieden“, heißt es da einmal.

Das finde ich einleuchtend: Wenn an den Grenzen Frieden ist, dann kann man zwischen diesen Grenzen sicher und ruhig leben. Keine feindliche Armee kann Krieg und Zerstörung ins Land bringen. Und auch als einzelner Mensch muss ich nicht Angst davor haben, dass andere mir etwas aufzwingen, was ich gar nicht haben will – oder mir sogar Gewalt antun und mich bedrohen. Frieden an den Grenzen macht frei.

Aber ich meine: Frieden an den Grenzen – das ist etwas anderes als waffenstarrender misstrauischer Grenzschutz. So ein Misstrauen kann ich ja auch als einzelner Mensch entwickeln. So ein Misstrauen gegenüber allem, was fremd ist. Aber so wächst kein Frieden. Frieden entsteht, wenn Menschen sich frei bewegen, ohne Angst, ohne Misstrauen.

Die Bibel sagt, dass Gott diesen Frieden schafft. Aber wie tut Gott das? Frieden fällt ja nicht einfach vom Himmel. Gott schaut, wo jemand in Not ist, sagt der biblische Psalm. Er heilt die zerbrochenen Herzen und richtet die Elenden auf. Er kümmert sich darum, dass Menschen und Tiere genug zu essen haben. Nicht einmal die jungen Raben vergisst er!

Frieden ist also nicht schon dann, wenn keiner mehr angreift. Sondern richtiger Frieden, der ist dann, wenn alle das haben, was sie brauchen. Darum will Gott sich kümmern. Und wir Menschen sind gewissermaßen seine Handlanger. Was können wir dafür tun, Sie und ich? Was können wir dazu beitragen, dass dieser Friede kommt – und dass er bleibt?

Ich möchte versuchen, mehr auf die Grenzen der anderen zu achten. Das sind unsichtbare Grenzen. Aber man kann sie spüren.

Grenzenlose Freiheit – die gibt es nur über den Wolken. Hier unten auf der Erde müssen wir mit den Nachbarn zurechtkommen. Aber Nachbarn, das sind heute bald alle Menschen auf der Welt. Die Entfernungen sind klein geworden. Wir haben miteinander zu tun. Plötzlich auch mit Leuten, die ich nicht verstehe. Die mir fremd sind. Im Urlaub ist das interessant. Zuhause ist es einfach nur fremd.

Aber das ist für die Fremden unter uns ja genauso! Die sind genauso verunsichert, fühlen sich einfach nur fremd. Doch ich habe erlebt: Wenn wir miteinander ins Gespräch kommen, dann entdecken wir Gemeinsames. Schon ein freundlicher Gruß, ein paar nette Worte reichen. Dann bleiben immer noch Grenzen. Aber an denen ist Frieden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22384

Jeder hat das Recht auf Arbeit. So heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, im Artikel 23. Dort ist noch mehr festgelegt: Jeder Mensch hat das Recht, sich seinen Beruf selbst auszusuchen. Die Arbeitsbedingungen sollen Menschen nicht kaputt machen. Für gleiche Arbeit muss gleicher Lohn gezahlt werden – und dieser Lohn soll eine menschenwürdige Existenz sichern. Und schließlich: Jeder darf in einer Gewerkschaft für all diese Rechte kämpfen.

Aber heute ist Sonntag, sagen Sie jetzt vielleicht. Und deshalb haben wir vom 1. Mai dieses Jahr ja nicht mal was. Am Sonntag wollen wir nicht über die Arbeit reden.

Na gut, dann reden wir über die Bibel. Dort steht aber schon im 2. Kapitel, dass der Mensch sogar im Paradies gearbeitet hat. In dem Garten, den Gott ihm geschenkt hat. Arbeiten gehört zum Menschsein. Aber leider leben wir nicht mehr im Paradies. Deshalb müssen die Menschen oft mühsam darum kämpfen, dass sie von ihrer Arbeit leben können. Und dass die Arbeit sie nicht kaputt macht.

Das Recht auf Arbeit ist in Deutschland kein Gesetz. Manche sind viele Jahre lang arbeitslos. Und es stimmt einfach nicht, dass man eine Arbeit bekommt, wenn man nur eine sucht. Manche bleiben ewig in so genannten Maßnahmen stecken. Und auch die anderen Rechte sind immer noch nicht selbstverständlich. Frauen bekommen im Durchschnitt immer noch fast 8 Prozent weniger Lohn für die gleiche Arbeit. Und wir haben zwar viele Arbeitsschutzregelungen. Doch Leiharbeitsfirmen schaffen es immer wieder, die zu umgehen.

Immerhin: Der Achtstundentag ist inzwischen normal und Freizeit und Urlaub sind geregelt. Aber das war ein langer, harter Kampf. Heute vor 130 Jahren sind die Arbeiter in Chicago und in vielen anderen Städten in Amerika erstmals dafür in den Streik getreten. Sie wollten einen Acht-Stundentag. Üblich waren damals noch 12 Stunden. Und der Lohn für diese 12 Stunden hat gerade für ein billiges Abendessen ausgereicht.

Damals in Chicago gab es Unruhen, Gewalt und Tote. Und dann wurden einige Männer willkürlich verurteilt und hingerichtet. Obwohl man ihnen gar nichts nachweisen konnte.

Zur Erinnerung daran gibt es den 1. Mai. Den Tag der Arbeit. Er soll an die Menschen erinnern, die dafür sterben mussten, dass man von seiner Arbeit leben kann. Auch wenn das kein kirchlicher Feiertag ist: In vielen Kirchen wird heute darum gebetet, dass die Arbeit von Gott gesegnet wird. Dass Gott den Menschen die Früchte schenkt, für die sie arbeiten. In einem Gebet aus der Bibel heißt es: „Gott sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände.“

Gott hat uns das Leben geschenkt. Und Hände, mit denen wir für unser Leben arbeiten können. Das Recht dazu hat jeder Mensch. In der ganzen Welt.

II
In der Bibel wird oft beschrieben, wie Gott selbst arbeitet. Und der Mensch darf dann mitarbeiten. Gott macht einen schönen Garten und setzt den Menschen hinein. Der Mensch soll diesen Garten bebauen und bewahren. So soll menschliche Arbeit aussehen. Sie soll die Mühe lohnen. Von dieser Arbeit soll man leben können. Sie soll glücklich machen. Schließlich ist es ja das Paradies, in dem der Mensch da arbeitet!

Eine uralte Geschichte. Manchen erscheint sie heute wie ein Märchen. Und unter Paradies stellen wir uns bestimmt keine Arbeit vor! Paradies: das ist Urlaub! Endlich keine Arbeit mehr!

Aber warum? Ich glaube, Arbeit kann wirklich glücklich machen. Wenn ich was geschafft habe, dann bin ich zufrieden oder sogar stolz. Und es ist immer noch so: Wenn ich Arbeit habe, dann bin ich was. Ich kenne Menschen, die würden gerne arbeiten. Aber sie finden nichts. Sie haben die falsche Ausbildung oder nicht genug Ausbildung, sie sind zu alt oder zu krank – und so weiter. Diese Menschen arbeiten vielleicht ganz viel ehrenamtlich. Sie engagieren sich für andere. Oder sie pflegen ihre Angehörigen oder erziehen ihre Kinder. Ja, aber richtige Arbeit – nein, richtige Arbeit ist das nicht. Sagen die anderen. Die eine richtige Arbeit haben. Eine, mit der man Geld verdient. Aber ist Arbeit nur dann gut, wenn man Geld dafür bekommt?

Und auch mit dem Geldverdienen ist das so eine Sache. Wir müssen nicht erst in die Dritte Welt gucken – auch in Deutschland verdienen Menschen oft nicht genug für ihre Arbeit. Gerade bei den wichtigen Berufen wird gespart. Pflegen und Kinder erziehen: das wird nicht gut genug bezahlt. Außerdem sind gerade Altenpflegerinnen, Krankenschwestern und Erzieherinnen oft völlig überlastet.

Und da gucke ich nun wieder auf die alte Geschichte vom Paradies. Für mich ist das kein Märchen. Sondern ein Bild, an dem wir uns orientieren können. So hat Gott sich das vorgestellt! Und diesen Traum von einer Welt, die sehr gut ist, – den tragen doch eigentlich alle Menschen in ihrem Herzen. Bloß: viele haben ihn verschüttet. Aber ich möchte mir diesen Traum nicht nehmen lassen. Und ich möchte nicht, dass es ein Traum bleibt.

Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit. Auf eine Arbeit, von der er gut leben kann. Die ihn vielleicht sogar glücklich macht. Es ist noch ein weiter Weg bis dahin. Gut also, dass es den 1. Mai gibt – jedes Jahr, auch wenn nicht Sonntag ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21918

Netiquette

Anregungen, Lob, Kritik - hier können Sie sich zu unseren Sendungen im SWR äußern.

Ihre Kommentare werden moderiert und dann so bald wie möglich freigeschaltet.

Wir bitten Sie aber, bei Ihren Beiträgen folgendes zu beachten:
Ein Anspruch auf Veröffentlichung eines Kommentars besteht grundsätzlich nicht.
Ihre Kommentare sollten fair und sachlich gehalten sein. Wir bitten Sie die folgende Richtlinien bei Ihren Kommentaren zu kirche-im-SWR.de zu beachten.

Kommentare dürfen nicht

  • strafbar oder die Rechte Dritter verletzend
  • gegen die guten Sitten verstoßend
  • beleidigend oder ehrverletzend
  • politisch oder religiös extrem
  • Religionen, Weltanschauungen, Menschen pauschal verurteilend
  • fremdsprachlich
  • pornographisch, obszön oder jugendgefährdend
  • unsinnig oder anderweitig inakzeptabel sein.
  • Kommentare sollen sich auf Sendungen der Kirchen im SWR Programm beziehen.
  • Es dürfen keine Beiträge mit gewerblichem und/oder werbendem Charakter eingestellt werden.
  • Eine kommerzielle Nutzung durch z.B. das Anbieten von Waren oder Dienstleistungen ist nicht erlaubt.
  • Die Beiträge dürfen keine Links enthalten.
  • Zitate müssen durch die Angabe einer Quelle bzw. des Urhebers belegt sein.

Wir behalten uns vor, Beiträge nicht zu veröffentlichen.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir anonyme Beiträge nicht freischalten, melden Sie sich daher bitte mit Ihrem Namen an. Geben Sie am besten auch Ihre E-Mail- Adresse an, damit wir Ihnen gegebenenfalls individuell antworten können.

Durch das Abschicken Ihres Beitrags räumen Sie kirche-im-SWR.de das Recht ein, Ihre Beiträge dauerhaft zu präsentieren, in Beiträge einzuarbeiten (ohne Namensnennung) oder sie nach redaktionellem Ermessen zu löschen. Wir behalten uns vor, diese Richtlinien ggf. zu ändern bzw. zu ergänzen.

Wenn Sie Anmerkungen haben, die Sie uns direkt zukommen lassen möchten, die aber nicht veröffentlicht werden sollen, schicken Sie uns bitte eine Mail an: ev.rundfunkpfarramt.bw@kirche-im-swr.de

Schließen