Manuskripte

Aschermittwoch. Die Kostüme kommen wieder in den Keller. Die Schminke in den Schrank. Für viele Christen steht heute was ganz anderes an. Ungeschminkt und unverstellt.

In den katholischen Gottesdiensten wird heute das Aschenkreuz verteilt. Auf die Stirn wird mit Asche ein kleines Kreuz gezeichnet und dazu gesagt: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist!“ Zu Beginn der Fastenzeit wird mir klar vor Augen gestellt: Denk daran, dass dein Leben endlich ist. Irgendwann wirst du Staub sein. Das klingt hart und direkt. Da wird nichts beschönigt.

Nach den unbeschwerten Fastnachtstagen kommt der Satz wie eine Spaßbremse daher. Aber in dieser klaren Ansage, geht es letztlich um mein ganz persönliches Leben. Der Satz lädt ein, neu über mein Leben nachzudenken: Wofür möchte ich mich einsetzen? Was ist wertvoll in meinem Leben? Was trägt und zählt am Ende wirklich? Und was bleibt, wenn mein Körper zu Staub zerfällt?

Der Aschermittwoch kann mich anregen, mir Zeit zu nehmen und wahrzunehmen, wie es so läuft. Mal überdenken, was sich so in mein Leben eingeschlichen hat. An Gewohnheiten. An Abhängigkeiten. Ehrlich zugeben, wo ich mich vielleicht auch zu sehr verzettelt habe und letztlich Unwichtigkeiten meinen Alltag bestimmen. Und so kann der Aschermittwoch mich motivieren, umzusetzen, was anders werden soll. Und zu lassen, was mir nicht guttut.

„Bedenke Mensch, dass du Staub bist!“ Das kann wie eine Überschrift über den kommenden Wochen stehen und mich ermuntern: Lebe jetzt! Aber lebe jetzt so,  dass du am Ende sagen kannst: Ja, das war gut so. Das hat für mich so gepasst. Das war meins.

Ich finde, darin liegt eine große Chance: Die Chance, das Leben neu zu entdecken.

Sigrid Krämer, Budenheim, Katholische Kirche

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Lachen. Herzhaftes Lachen. Ich mag es, wenn ich Menschen in meiner Nähe lachen höre und noch viel lieber lache ich selbst mit.

So wie vor kurzem bei einem Treffen mit ein paar Jugendlichen meiner Pfarrei. Ausgelassene Stimmung, Blödsinn im Kopf und lockere Sprüche auf der Zunge. Und dann stellt jemand ziemlich unvermittelt die Frage: Kann Gott eigentlich lachen? 

„Der kann doch alles.“ „Warum nicht?“ „Hey, was für ’ne Frage.“ So die Kommentare.

Kann Gott eigentlich lachen? Die Frage geht mir so schnell nicht aus dem Kopf.

Mir wird klar, die Antwort hängt ganz eng damit zusammen, wie ich mir Gott vorstelle. Sehr menschlich als Mann mit Bart, vielleicht mit einem Lachen im Gesicht, wie ihn viele Kinder malen. Oder eher als Kraft, die mich belebt und beseelt.

Ich stelle mir vor, dass Gott bei mir ist, in allem, was ich empfinde. Wenn gelacht wird, wenn das Leben unbeschwert, locker und voll Freude daherkommt. Genauso, wenn ich traurig bin, krank oder ängstlich. Und manchmal gibt es Momente, in denen ich das dann auch spüren und fühlen kann. 

Gott und das Lachen gehören für mich eng zusammen. Denn ich glaube, dass Gott das Leben liebt.

Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, der viele Jahre in Mainz gelebt hat, bringt es  in einem seiner Texte auf den Punkt:

 

„Ich bin vergnügt
erlöst
befreit
Gott nahm in seine Hände meine Zeit.
Mein Fühlen Denken
Hören Sagen
Mein Triumphieren
Und Verzagen
Das Elend
Und die Zärtlichkeit“

 

Und weiter heißt es:

 

„Was macht, dass ich so unbeschwert

Und mich kein Trübsinn hält

Weil mich mein Gott das Lachen lehrt

Wohl über alle Welt.“1

 

Ich wünsche Ihnen heute viele Momente, die Sie zum Lachen bringen.

Sigrid Krämer, Budenheim, Katholische Kirche

 

1Hüsch, Hanns Dieter, Das Schwere leicht gesagt, Psalm, Freiburg 2007, S. 45

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Heute ist alles ein bisschen verrückt. Rosenmontag ist angesagt. In ein paar Stunden geht es los. Da zieht es Cowboys, Prinzessinnen, Clowns oder Piraten nach draußen auf die Straßen, um für ein paar Stunden das Leben einfach nur leicht und locker zu nehmen. Dazu ist heute die Gelegenheit.

„Heiterkeit des Herzens ist Leben für den Menschen. Frohsinn verlängert die Tage.“ (Sir 30,22)

Das ist kein Motto für den Rosenmontagsumzug. Ich habe die Sätze in der Bibel gefunden. Ja, - die Bibel lädt ein, das Leben mit Humor und Leichtigkeit zu nehmen.

Ich weiß, das ist oft so leicht daher gesagt. Wenn es so einfach wäre. Wenn die Sorgen den Schlaf rauben. Das Schicksal zuschlägt. Streit nicht aus dem Weg zu schaffen ist.

Doch: Die Welt ist wie sie ist. Es gibt das Unglück und die Sorgen. Ungerechtigkeit und Krankheit. Das war auch schon zur Zeit der Bibel so. Aber es gibt da auch das Andere:

Das Schöne und Unbeschwerte. Die Freude und die Leichtigkeit. Vielleicht ist es in erster Linie die Perspektive, die den Unterschied macht: Auf was richte ich meinen Blick? Was rücke ich in den Vordergrund? Von welchem Standpunkt aus betrachte ich das Leben und die Umstände?  

Heute ist eine Gelegenheit, die Welt mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Vielleicht sogar mit einer Prinzessinnenkrone auf dem Kopf. Die Wirklichkeit mal mit anderen Augen anzusehen, kann so manche Sorge an den Rand schieben. Und vielleicht ist zu spüren:

„Heiterkeit des Herzens ist Leben für den Menschen.“

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In einem Gespräch sagt eine Bekannte auf einmal: „Jetzt kann nur noch ein Wunder helfen“. Sie weiß einfach nicht mehr, wie es weiter gehen soll. Mit ihren Kräften ist sie am Ende. Viele Sorgen lasten auf ihren Schultern. Ein Wunder soll da helfen?

Als Wunder bezeichnen wir etwas, das wir uns nicht erklären können. Worüber wir nur staunen und, wie wir sagen, uns wundern können. Etwas, das unerwartet passiert und eine Situation zum Guten hin verändert. Ein Wunder hilft, heilt, beschützt. Die Bibel kennt ganz unterschiedliche Wunder. Aber immer steht im Mittelpunkt, dass Menschen durch ein Wunder erkennen: Gott wirkt. Oft unerwartet. Nicht zu erklären. Überraschend. Ich denke an Heilungsgeschichten in der Bibel: Der blinde Bartimäus, der nach der Begegnung mit Jesus wieder sehen kann. Ich denke an den Gelähmten, den Jesus heilt. Oder an die Hochzeit zu Kanaan, als Jesus Wasser zu Wein verwandelt. Für mich sind es Erzählungen, die im Kern deutlich machen: Gott will das Gute für die Menschen. Mir tun diese Wundergeschichten gut. Weil sie mich stärken, wenn ich nicht weiter weiß. Sie stärken mein Vertrauen, dass es irgendwie gut ausgehen wird mit meinem Leben. Sie stärken meinen Glauben an das Gute. Dass es stärker sein wird als Sorgen und Leid. Vielleicht ist das schon das eigentliche Wunder: Wenn ich mich lösen kann aus meiner Angst. Nicht aufgebe, sondern nach vorne schaue. Wenn ich darauf vertraue, dass Gott auch in meinem Leben wirkt. Letztlich das Gute will. Das tröstet und trägt. Über meine Bekannte kann ich nur staunen. Sie gibt nicht auf. Jeden Tag fasst sie neuen Mut. Vertraut und packt an, was geht.

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Zum Nikolaustag gehören für mich Geschichten. Geschichten, die rund um den beliebten Bischof erzählt werden. Die vom Kornwunder erzähle ich jedes Jahr immer wieder gern. Es war in Myra. In der heutigen Türkei. Am Anfang des 4. Jahrhunderts. Die Leute haben Hunger. Die Vorräte sind aufgebraucht und auf den Feldern wächst nichts mehr. Eine Hungersnot macht sich breit. Schwere Stille liegt über der Stadt. Keiner weiß, wie er die nächsten Monate überleben kann. Nikolaus ist Bischof dieser gebeutelten Stadt. Aber auch er hat keinen Rat für die vielen hungernden Menschen. Verzweifelt geht Bischof Nikolaus zum Hafen. So als erwarte er aus der Ferne Hilfe. Und tatsächlich entdeckt Nikolaus ein Schiff vor Anker. Nikolaus sieht, dass das Schiff voll beladen ist mit Getreide. Er traut seinen Augen nicht. Nikolaus bittet den Kapitän des Schiffes um Korn für die Leute der Stadt Myra. „Nein“, bekommt er zu hören. „Das geht nicht. Das Korn ist für den Kaiser. Ich kann euch nichts geben. Unmöglich.“ Nikolaus bittet erneut. Und versichert: „Glaubt mir, es wird nichts fehlen. Gott wird euch jedes Korn zurückgeben.“ Nikolaus vertraut und hofft fest auf Gottes Hilfe. Und der Kapitän vertraut letztlich Bischof Nikolaus. Säcke voller Korn werden an Land gebracht. Und: Das Vertrauen wird belohnt: Das Schiff liegt nach wie vor tief im Wasser. Es scheint, als fehle an Bord kein einziges Korn. „Ein Wunder“, murmeln die Leute. „Ein Wunder!“

Nikolaus hilft, wenn Not da ist. Er erfüllt damit eine Hoffnung, die ganz fest und tief in uns Menschen sitzt: Die Hoffnung, dass Not sich wenden kann. Dass Sorgen verschwinden. Dass es gut wird. Aus dieser Hoffnung möchte ich leben. Und diese Hoffnung möchte ich nähren. Gerne auch mit einer wundervollen Legende am Nikolaustag.

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Die drei Töchter eines Kaufmannes können nicht heiraten, weil der Familie das nötige Geld für die Mitgift fehlt. Das war im vierten Jahrhundert. Verzweifelt und traurig wissen sie weder ein noch aus. Sogar an Prostitution denken sie, nur um irgendwie an Geld zu kommen. Davon erfährt der Bischof der Stadt Myra. Bischof Nikolaus. Wo immer er kann, versucht er zu helfen, Not zu wenden und Freude zu verbreiten. So auch bei den Mädchen. Zufällig hat er geerbt und so wirft er heimlich an drei Nächten eine Kugel Gold durch das geöffnete Fenster der Töchter. Die Freude ist groß. Die jungen Frauen können standesgemäß heiraten.

Nikolaus schenkt. Unerkannt. Überraschend. Ohne auch nur die geringste  Gegenleistung zu erwarten. Dafür ist er bis heute bekannt und beliebt. Ich mag die Geschichten, die sich um den Heiligen Nikolaus ranken. Und ich finde es klasse, dass in vielen Familien auch heute noch der Nikolausabend heilig ist. Da ist Zeit für Geschichten und Nikolauslieder. Für die ersten Plätzchen, für Mandarinen und Nüsse. Irgendwie liegt so ein Glanz auf diesem Abend. Vor allem, wenn ein lieber Mensch als Nikolaus vorbeikommt. Gedichte oder Lieder vorgetragen werden und die ein oder andere Überraschung aus dem Nikolaussack geholt wird. Oder aber ganz geheimnisvoll für jeden eine Nikolaustüte vor der Tür steht. Einfach so. Wie gut, dass Bischof Nikolaus bis heute dafür sorgt, dass wir uns Zeit füreinander nehmen und uns freuen können über nette Überraschungen. Damit lässt Nikolaus uns ganz nebenbei spüren, was uns guttut: erzählen, singen, lachen und erleben. Wir gehören zusammen.

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Der Kirche ein Gesicht geben. Kirche gemeinsam gestalten.

In den katholischen Gemeinden werden in diesen Wochen Frauen und Männer gesucht, die in den Gremien der Pfarrei mitarbeiten möchten, die ihrer Kirche vor Ort ein Gesicht geben. So steht es auf dem Werbeplakat.

Freizeit, Kraft und Nerven kostet das. Wie jedes andere Ehrenamt auch. Und dann auch noch für die Kirche. Wer will da noch mitmachen?

Zu viel ist da schief gelaufen in den letzten Jahren, zu wenig von der Frohen Botschaft rüber gekommen.

„Da müsste erst mal einiges anders laufen“, bekomme ich oft zu hören.

Dass einiges anders läuft, das wünsche ich mir auch. Und ich weiß, viele mit mir.

Interessant finde ich, was Mutter Teresa, die Ordensfrau aus Kalkutta einmal dazu gesagt hat. Ein Reporter fragt sie: „Was muss sich eigentlich in der Kirche ändern?“ Ihre Antwort: „Sie und ich!“

Die Antwort überrascht. „Sie und ich, wir müssen uns ändern!“ Der Reporter hat wohl eher erwartet, dass sie die ganzen kritischen Themen aufzählt. Machtmissbrauch, die kirchliche Sexualmoral oder die Frage nach den Frauen in der Kirche. Aber Mutter Teresa denkt wohl: Warum mit dem Finger auf die anderen zeigen?

Wir müssen uns ändern! Ich denke, da ist was dran. Bei mir selber anfangen, mich einbringen auch und gerade mit den kritischen Fragen. Kreativ werden und nicht nachlassen, wenn es unbequem wird. Unrecht muss benannt werden. Riten, die hohl und leer sind, abgeschafft werden. Vertrauen, das verspielt wurde, neu aufgebaut werden.

Und genau dazu braucht es Frauen und Männer, die auch heute trotz allem Kirche mitgestalten, verändern. Die mutig auch heiße Themen anpacken.  Eben ihrer Kirche ein Gesicht geben. Gerne auch ein kritisches und unbequemes! Damit das Wesentliche bleibt: Gottes Botschaft der Liebe und Barmherzigkeit. Gottes Botschaft an Sie und mich.  

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Den Nachmittag hatte ich mir anders vorgestellt. Ich wollte meine Eltern im Westerwald besuchen. Kaffee und Kuchen. Dabei das ein oder andere regeln. 

Und dann das: Vollsperrung auf der A3 und ich mitten drin. Kein vor und kein zurück. Nichts geht mehr. Ich bin nun vollkommen ausgebremst.

Ich ärgere mich. Denn eins ist klar: So schnell komme ich hier nicht weiter. Der schöne freie Nachmittag dahin. Mit dem Handy kläre ich, was zu klären ist und dann heißt es: Warten. Akzeptieren, was nicht zu ändern ist und die Dinge geschehen lassen.

Und dann gehe ich ein wenig auf der Autobahn spazieren. Da ist der Vordermann, der die Vollsperrung zur Mittagszeit für ein Nickerchen nutzt. Die junge Frau, mit einem dicken Buch in der Hand, die an der Leitplanke im Schatten sitzt und die nächsten Kapitel verschlingt. Und der nette polnische LKW - Fahrer, der eigentlich gar nicht versteht, was ich sage und doch ahnt, worum ich ihn bitte: Etwas Wasser, damit in der brütenden Hitze mein Kreislauf nicht schlapp macht.

Ja, was zählt, wenn ich im Leben ausgebremst werde. Wenn nichts mehr geht, so wie ich es mir vorgenommen habe.

An diesem Nachmittag lerne ich das ganz neu und ganz konkret mitten auf der Autobahn:

Pause machen und Kraft sammeln, wie der Mann, der ein wenig schläft.

Tun, was trotz allem noch geht. Wenn auch anders als gewohnt. Wie die Frau mit dem Buch im Schatten auf der Autobahn. 

Und vor allem: Sagen, was ich brauche und annehmen, was mir gegeben wird. Und sei es nur ein Schluck Wasser.

So eine Vollsperrung ist nichts Schönes. Zumal sie oft einen schrecklichen Grund hat. Und doch: An diesem Nachmittag lerne ich neu, was zählt und hilft, wenn das Leben mir einen Strich durch die Rechnung macht:

Akzeptieren, was ist und tun, was dennoch geht!

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Alles muss raus.

Dieser Satz ist in meiner Familie in diesem Sommer häufiger gefallen. Das Elternhaus meines Mannes ist nicht mehr bewohnt und muss nun geräumt werden. Was für eine Aufgabe!

Kisten voll Wäsche, Geschirr, Bücher, Akten und vieles mehr. Was da alles zum Vorschein kommt: Das ein oder andere Spielzeug aus Kindertagen, Briefe der Enkel, Mitbringsel aus einem Urlaub, Fotos. So viele Fotos. Das Haus erzählt aus dem Leben der Familie. Wie hier gelebt und gearbeitet wurde, was wichtig und kostbar war, wem sich alle verbunden gefühlt haben.

Ein Haus räumen. Das kann man professionell machen lassen. Entrümpelungsfirmen machen das für einen. Das geht schnell. Da wird nach Material sortiert und entsorgt. Geschaut, was noch irgendwie verhökert werden kann. Ohne große Emotionen. Klare Sache. Aber nicht mein Fall.

Ein Haus räumen. Für mich geht das nicht von heute auf morgen. Das braucht Zeit. Und jede Menge Respekt.

Manchmal frage ich mich: Darf ich das überhaupt anschauen? Ein Arbeitszeugnis aus alten Tagen. Ein Brief von fernen Verwandten. Und was tun, mit den Dingen, die einem schlichtweg nicht gefallen? Der einst liebevoll geknüpfte Teppich, das gute Sonntagsgeschirr, das Bild aus dem Wohnzimmer. Dinge, die mal lieb und teuer waren, aber heute niemand mehr haben will.

Alles muss raus. Manches landet auf der Deponie. Das geht nicht anders. Manches bei der Caritas. Manches in einem anderen Keller, oder an einer neuen Wand. Und das ein oder andere in der Studentenbude der Enkel.

Ein Haus räumen. Das heißt: Erinnern und weiter Abschied nehmen. Und heißt vor allem: Loslassen!

Mir hilft dabei, dass das Wichtigste bleibt: Nämlich all das, was in diesem Haus erlebt wurde. Wie miteinander gesprochen und gestritten, gefeiert und gearbeitet wurde. Wie hier gelebt und letztlich gestorben wurde. Es bleibt, was alle, die in diesem Haus groß und alt geworden sind, verbunden hat: Das Leben, das miteinander geteilt wurde.

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In diesem Sommer ist meine Nachbarin gestorben. Mit 96 Jahren. Ein reiches, intensives Leben hat sie gehabt. Nicht immer einfach, und doch habe ich sie kaum jammern hören.

Bei Besuchen hat sie mir aus ihrem Leben erzählt und besonders gerne die ein oder andere Geschichte aus unserer Straße. Wer da was nicht wollte, wer mit wem Streit oder auch eine Liebschaft hatte.

Erzählen. Das konnte sie. Die Augen waren zuletzt ganz schwach. Und das Hören ging auch nicht mehr so gut. So blieb das Erzählen. Ich habe ihr immer sehr gerne zugehört.

Und dann ist sie gestorben. Ihre Nichte war bei ihr und so ist es ihre Nichte, die mir erzählt, wie sie gestorben ist. Das Besondere: Meine Nachbarin konnte schon mehrere Jahre ihre Wohnung höchstens mit sehr viel Hilfe verlassen. Und in der Nacht vor ihrem Tod, steht sie auf und geht ganz alleine eine steile Treppe hinunter bis zur Haustür. Dort findet eine Pflegekraft sie, den Wohnungsschlüssel in der Hand. Keiner konnte sich vorstellen, wie sie das so ganz alleine geschafft hat.

Mich hat das sehr berührt. Ich stelle mir vor, wie meine Nachbarin spürt, dass ihr Leben bald zu Ende sein wird und sie bricht auf. In der Stille und Dunkelheit der Nacht werden Kräfte geweckt, die keiner vermutet. Sie überwindet eine Treppe; eine Grenze, die sie jahrelang an ihre Wohnung gefesselt hat. Sie will raus, bereit, das Vertraute zu verlassen. Vielleicht ahnt sie, dass etwas Neues auf sie wartet.

Als Christin glaube ich daran, dass im Tod eine Grenze überschritten wird. Dass Neues möglich wird, eine neue Lebendigkeit auf mich wartet. Dass mein Leben bei Gott neu geweckt wird. Die vielen Erfahrungen und Geschichten, die das Leben prägen und dem Menschsein Sinn geben, nehme ich mit. Und vielleicht werden sie dann einen ganz neuen, tieferen Sinn bekommen.

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