Manuskripte

15JUL2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Irgendwann wird ein Mensch seinen eintausendsten Geburtstag feiern können. Aubrey de Grey sagt das, ein britischer Wissenschaftler, der sich mit dem Prozess des Alterns beschäftigt. Sein Ziel ist es, die menschliche Lebensuhr erfolgreich zurückzudrehen.

Meine Erfahrung lehrt mich anderes. Menschliches Leben ist endlich. Schmerzlich muss ich das immer wieder zur Kenntnis nehmen. Im Blick auf Menschen, die mir lieb sind. Auch im Blick auf mein eigenes Leben.

Die Bibel berichtet von Menschen, deren Lebensdauer an die Zielvorgabe des britischen Wissenschaftlers heranreicht. 969 Jahre soll Methusalem alt geworden sein. Adam immerhin noch 930 Jahre. Auch wenn diese Angaben eher symbolischer Natur sind. Dass Menschen viel länger leben, als es ihnen möglich ist, dahinter verbirgt sich eine uralte Sehnsucht. Und es bringt mich schon zum Staunen, wenn ich lese, dass der Mensch, der vermutlich bisher am längsten gelebt hat, eine 1997 verstorbene Französin ist. Sie wurde 122 Jahre alt.

In den Psalmen findet sich ein Satz, der die Dauer menschlichen Lebens näher an unserer Realität beschreibt. „Unser Leben dauert 70 Jahre,“ heißt es da, „und wenn’s hochkommt 80 Jahre. Und was uns daran köstlich scheint, hat viel Mühe und Arbeit gekostet.“ (Psalm 90,10) Die meisten Menschen werden damals diese Lebensdauer nicht erreicht haben. Die 70 oder 80 Jahre beschreiben einen kühnen Wunsch. Oder eine ganz seltene Erfahrung.

Nicht um die Zahl gehts aber am Ende. Sondern darum, was das Leben in dieser Zeitspanne entscheidend ausmacht: Müh‘ und Arbeit. Ersparen lassen sie sich nicht. Aber in einem erträglichen Rahmen sollten sie bleiben. Dazu gehört es sicher, die Lebensverhältnisse zu verbessern. Die Güter dieser Welt gerecht zu verteilen. Dafür zu sorgen, dass Menschen genügend zu essen haben. Und Zugang zu sauberem Wasser. Zu medizinischer Versorgung. Und dass sie in Frieden leben können.

Dazu gehört aber am Ende auch, dass Menschen getröstet sterben können. Und Menschen in ihrer Nähe haben, die ihnen beistehen. Das haben uns die letzten Monate neu in Erinnerung gerufen. Leben und Sterben in Würde. Beides gehört zusammen. Es ist allemal Grund dankbar zu sein, wenn am Ende eines Menschenlebens möglich geworden ist, was in der Bibel über Hiob zu lesen ist. „Er starb alt und lebenssatt.“ (Hiob 42,17)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31283
14JUL2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

In Frankreich steht das gesellschaftliche Leben heute weitgehend still. Nicht weil es dort schon wieder einen Lockdown gibt. An jedem 14. Juli wird in ganz Frankreich an den Sturm auf die Bastille im Jahre 1789 erinnert. Eigentlich können wir durchaus auch mitfeiern. Denn auch unsere Freiheiten in einem demokratisch verfassten Staat haben mit den Ereignissen von damals zu tun. Etwa die Freiheit, meine Religion auszuüben. Auch wenn die revolutionär Gesinnten von damals mit Religion nicht soviel im Sinn hatten. Weil sie die Kirche zu sehr auf der Seite der Unterdrücker erlebt haben.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – diese drei Begriffe fassen zusammen, um was es den Menschen damals gegangen ist. Und sie bilden eine knappe und in ihrer Klarheit nicht zu überbietende Klammer um alle Wünsche nach einer besseren und einer gerechteren Zukunft. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Bis in die Gegenwart hinein geht es immer neu neu darum, dass diese Begriffe in die gesellschaftliche Wirklichkeit hinein übersetzt werden.

Die Debatte um den Rassismus gegen Menschen mit anderer Hautfarbe nach dem Tod von George Floyd. Das ist nicht nur ein Problem in den USA Auch nicht nur eines in den französischen Vorstädten. Davon erzählen mir auch Menschen, die in meiner Nachbarschaft leben. Dass antisemitische Äußerungen Menschen jüdischen Glaubens offen entgegengebracht werden - lange habe ich mir das nicht mehr vorstellen können. Gott hat die Menschen gleich erschaffen – dieses Erbe des Alten Testaments schwingt mit, wenn die Revolutionäre von 1789 die Gleichheit aller Menschen fordern.

Genau deshalb ist das dritte Ziel, die Brüderlichkeit, heute nicht mehr ausreichend. Besser wäre es, von Geschwisterlichkeit zu sprechen. Und davon, dass nicht den Brüdern allein das Recht zukommt, einander in derselben Würde verbunden zu sein. Hier muss die Sprache der großen Ziele, die in Frankreich heute gefeiert werden, weiterentwickelt werden. Damit das dritte Ziel, die Freiheit aller nicht unter die Räder kommt. Die beste Art, heute mit den Menschen in Frankreich mitzufeiern, das wäre doch: diese drei Ziele auch bei uns neu in Erinnerung zu rufen. Alle Menschen sind frei, gleich und einander wie Geschwister verbunden. Darum sind diese drei Begriffe für mich heute wie eine kleine weltliche Predigt am Beginn des Tages.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31282
13JUL2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Die vergangenen Monaten haben für mich deutlich die Spreu vom Weizen getrennt.“ Ein jüngerer Mann aus der IT-Branche hat mich mit diesem Satz überrascht. Er hat bestimmt nie gesehen, wie ein Bauer gedroschenes Getreide noch einmal in die Luft wirft, um so die leichte Spreu vom schweren Getreide zu trennen. Johannes der Täufer beschreibt mit diesem Bild aus der Landwirtschaft, was er für seinen Auftrag hält. Ihm geht es um eine klare Trennung. Nur die, die von ihren falschen Wegen umkehren, werden Zukunft haben. Sie sind der Weizen. Die anderen werden umkommen. Sie sind dann die Spreu, die der Wind verweht.

Manche hätten die Corona-Zeiten auch gerne so gedeutet. Gott greift in den Gang der Welt ein. Und teilt die Welt ein in solche, die nach seinem Willen leben. In den Weizen eben. Daneben gibt es die anderen, die schuld daran sind, dass alles so gekommen ist. Sie sind die Spreu.

Sehr viel anders als Johannes der Täufer geht der junge Mann auch nicht vor. Obwohl ich schon Sympathie dafür empfinde, wie er dieses Bild deutet. Die, die er mit dem Weizen vergleicht, das sind Menschen, die klar sagen: Es hilft nicht weiter, darauf zu hoffen, dass alles nur wieder wird, wie es vorher war. Solches Denken hält er für Spreu. Und nicht nur er, denke ich.

Johannes und der junge Mann - beide fragen danach, wie Menschen Sinn in ihrem Leben finden können. Eine klare Scheidung der Menschen in Gute und Böse hilft am Ende nicht weiter. Aber danach zu fragen, was mich zu einem Weizenmenschen machen könnte - ich finde, das könnte sich schon lohnen. Die Weizenmenschen, wie ich das Bild verstehe, fragen danach, worauf es wirklich ankommt im Leben. Immer wieder innezuhalten und zu prüfen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Etwa nach den Bedingungen der Erzeugung von Lebensmitteln zu fragen. Zu schauen, welche Fahrten wirklich notwendig sind – bei der Arbeit oder bei der Entscheidung, wohin es im Urlaub gehen soll. Und überhaupt: nie die konkreten Menschen aus dem Blick zu verlieren. Das, was sie zum Leben brauchen. Vor allem Nähe und Mitmenschen, die es gut mit ihnen meinen. Die letzten Monate waren da eine gute Übungsmöglichkeit. Aber ausgelernt habe ich noch lange nicht, wie das geht, den Weizen von der Spreu zu trennen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31281
22APR2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Heute ist der Tag der Erde. Offiziell gibt es diesen Gedenktag seit dem Jahr 1990. Auf Beschluss der Vereinten Nationen. Mittlerweile wird er in mehr als 175 Ländern begangen. Manche Kirchen haben ihn in ihren Festkalender aufgenommen.

Dieses Jahr werden viele der geplanten Aktionen und Veranstaltungen abgesagt. Aber das Anliegen dieses Tages der Erde darf in der Krise, die wir derzeit haben, nicht verloren gehen. Es hat sich ja auch überhaupt nicht erledigt. Im Gegenteil! Die Sorge um die Erde und die Sorge um die Gesundheit der Menschen stehen in einem engen Zusammenhang. Was wir seit Wochen erleben, ist ein Beweis dafür, dass die Erde nicht einfach nur ein Ort ist, an dem wir in Sicherheit leben können. Gerade jetzt erlebe ich die Schöpfung auch als bedrohlich. Ohne dass ich weiß, ob diese Bedrohung von den Menschen selber verursacht ist. Zugleich hoffe ich aber, dass diese bedrohliche Phase irgendwann zu Ende geht und das Leben wieder einfacher wird.

Paulus bringt diese Erfahrung mit einem Bild zum Ausdruck. „Die Schöpfung“ – ich könnte auch sagen – „die Erde liegt in Wehen“, schreibt er. „Sie hofft auf neue Lebendigkeit. Und sie träumt von neuer Freiheit, auf die sie zugeht.“ (Römer 8,21+22) Ich verstehe das so: Die bessere Zukunft, auf die wir hoffen, ist eine, in der die gewaltigen Kräfte der Schöpfung keine mehr sind, die Menschen gefährden. Die bessere Zukunft, auf die wir zugehen, ist aber auch eine, in der der Mensch sich um die Bewahrung der Erde, auf der er lebt, kümmert. Und selber dazu beiträgt, dass die Erde bewahrt bleibt.

Mitten in der Krise, die jetzt schon Wochen andauert, werde ich oft blind dafür, auch hinter die Krise zu schauen. Die Wälder sind noch nicht gerettet, wenn wir das Virus in seiner Wirkung eindämmen können. Die Luft und das Wasser werden dadurch auch noch nicht sauberer.

Aber mein Traum bleibt, dass in Zukunft noch mehr Menschen mithelfen, sorgfältiger mit unserem Lebensraum umzugehen. Dass sie ihn pflegen und bewahren, wie das im biblischen Schöpfungsbericht heißt. Aus Dankbarkeit, dass mein Leben gut weitergeht. Mithelfen will ich, dass auch die, die nach mir hier leben, einen guten Ort dafür finden. Dafür braucht es nicht nur den heutigen Tag der Erde. Dafür braucht es die größtmögliche Anstrengung möglichst vieler Menschen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30763
21APR2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Vor ungefähr drei Wochen habe ich die ersten Regenbögen in den Fenstern entdeckt. Die einzelnen Farbbögen meist von Kinderhänden ausgemalt. Mit einem Male waren sie in ganz vielen Fenstern zu sehen. Erst dann hat mir jemand von dieser aus Italien stammenden Aktion erzählt. Sie soll in der besonderen Situation, in der wir leben, Mut machen. Unter vielen der Bilder steht der Satz: „Alles wird gut!“ Ein mutiger Satz. Gerade weil es in diesen Tagen der Gefährdung längst nicht für alle gut gegangen ist. Und immer noch nicht gut geht. Eher eine Durchhalteparole also? Überhaupt nicht. Vielmehr ein Satz, der hilft, dass das Leben erträglich bleibt. Auch in schwierigen Zeiten. „Alles wird gut!“ Wenn ich diesen Glauben nicht teilen könnte, dann würde ich das Leben nicht aushalten.

Wie gut, denke ich, dass dieser Satz mit dem Zeichen des Regenbogens verbunden ist. Die Zusage Gottes nach der großen Flut – sie gilt also bis heute. „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht!“ (1. Mose 8,22) Als Zeichen, dass er es ernst meint, schließt Gott mit den Menschen Frieden. Seinen Bogen, seine Waffe, legt er in die Wolken. Als Regenbogen wird aus dem Kriegsgerät dann ein Hoffnungssymbol. Ein Zeichen, das schon eine lange Geschichte hinter sich hat. Im 16. Jahrhundert haben die Bauern mit diesem Zeichen ihre Hoffnung auf ein besseres Leben verbunden. Auch wenn viele ihrer Forderungen erst viel später erfüllt wurden. Als Protest gegen den Irak-Krieg habe ich im Jahre 2003 auch ein großes Regenbogenbanner an unserem Haus aufgehängt. Auch damals kam der Ursprung der Pace-Bewegung aus Italien.

Unter dem vielfarbigen schützenden Bogen kann ich also Schutz finden. Indem ich mich all den Menschen verbunden fühle, die mit mir gegen alles, was diese Zukunft düster macht, anhoffen. Gerade in diesen Tagen tut mir das gut. Erste Hoffnungszeichen gibt es. Einiges von dem, worunter Menschen zu leiden haben, könnte bald der Vergangenheit angehören. Auch wenn sich vieles, was Menschen bis ins Mark getroffen hat, nicht rückgängig machen lässt. Kleine Hinweisschilder in eine bessere Zukunft sind diese Regenbögen also, die die Kinder malen und ins Fenster hängen. Ich hoffe, dass sie nicht so bald verschwinden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30762
20APR2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Mehr als vier Wochen steht die Zeit jetzt schon still. Irgendwie lief alles auf Ostern zu. Danach noch eine Woche. Dann, so war die Erwartung, kommen die ersten Schritte in die Zeit des allmählichen Ausstiegs. In den ersten Jahrhunderten der Kirche gab es auch so eine Woche, in der die Zeit stillgestanden ist. Das war genau auch die Woche nach Ostern. Genauer gesagt, die Woche von der Osternacht bis zum Sonntag nach Ostern. Acht Tage, geprägt vom Ausstieg aus dem bisherigen Leben. Ehe sich am Tag danach allmählich wieder die Normalität durchgesetzt hat. Vor allem für diejenigen, die in der Osternacht getauft wurden, war das so. Für die sollte dann ein neues Leben beginnen.

Gestern war wieder dieser Sonntag eine Woche nach Ostern. Der heutige Montag erinnert mich deshalb an seine Vorläufer vor mehr als eineinhalbtausend Jahren. Neue Schritte in die Zukunft zeichnen sich auch bei uns ab. Vor uns als Gesellschaft liegt die Aufgabe, ganz allmählich, in kleinen Schritten, in ein Leben danach einzusteigen.

In der Tradition der Kirche trägt dieser gestrige Sonntag einen besonders sprechenden Namen, Quasimodogeniti, auf deutsch: „Wie neugeborene Kinder“. „Neugeborene Kinder trinken mit Lust die Muttermilch, weil sie die für sie passsende Ernährung ist“, heißt es in einem alten Brief in der Bibel. Und der Satz geht dann weiter: „Genauso sollen wir das zu uns nehmen, was für uns gut ist. (1. Petrus 2,2.) Ein wichtiger Hinweis vielleicht: irgendwann in ein normales Leben zurückzukehren, das muss in jedem Fall gut dosiert werden. Neues Leben - oder zumindest ein Leben unter neuen Rahmenbedingungen – es ist möglich! Dieses Leben - so die Botschaft des Osterfestes - ist sogar stärker als der Tod.

Neues Leben nach Ostern – das kann heute aber auch ein Bild sein für die Erfahrung: Das Leben der letzten Wochen, mit all seinen Einschränkungen, das bleibt am Ende kein Dauerzustand. Und ganz sachte wird diese Erkenntnis auch in meinem Leben wahr werden. Nicht so radikal wie bei den Neugetauften in der Osternacht in den ersten Jahrhunderten. Aber vielleicht dennoch vergleichbar. Wir Menschen haben Zukunft. Weil wir durch viele Erfahrungen, gerade auch neue Erfahrungen miteinander verbunden sind. Und ich glaube: Weil Gott mich auch in Zukunft begleitet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30761
14MRZ2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

„Sorry, außer Dienst“. Ich stehe an der Haltestelle und warte auf den Bus. Der Bus kommt auch – und fährt vorbei. in dem Feld, in dem sonst der Zielort der Fahrt zu lesen ist, steht „Sorry, außer Dienst“. Ich ärgere mich schon. Der Bus hätte mich ja auch mitnehmen können. Ich warte also grumelnd weiter. Und nutze die Gelegenheit, über die drei Wörter nachzudenken.

„Sorry, außer Dienst“ – das klingt beinahe wie ein kleines Fastenprogramm. Nein, nicht für den Bus, der muss vermutlich einfach zurück an seinen Standort. Sondern für diejenige, die häufig „im Dienst“ sind. Oder sich im Dienst fühlen. Menschen in Verantwortung für andere. Als Kollegin der Kollege. Als Eltern oder als Großeltern. In der nachbarschaftlichen Unterstützung von Menschen, die auf andere Menschen angewiesen sind. Ich weiß, die meisten dieser Aufgaben kann ich nicht einfach einstellen. Aber ein kleines Fastenprogramm, manchmal geht das vielleicht doch.

Immer im Dienst, diese Haltung geht zurück auf Otto Dibelius, Bischof in Berlin in den 1960er Jahren. „Ein Christ ist immer im Dienst“, hat er gesagt. Ich finde, das ist ein gefährlicher Satz. Niemand kann immer im Dienst sein. Das wäre eine maßlose Überforderung. Heute ist Samstag, Schabbat, der Ruhetag für Menschen jüdischen Glaubens. Nicht ohne Grund ruft mir das Gebot, einen Tag der Woche als Ruhetag zu halten, eine alte Weisheit der Menschen in Erinnerung. Im Dienst sein und außer Dienst sein – das muss in einer guten Balance stehen. Immer „stand by“, immer im Hab-acht-Modus zu leben, das macht krank. Das ist längst auch wissenschaftlich bewiesen. Da wirkt es ungeheuer entlastend für mich, dass alles seine Zeit hat: Das Engagement und die heilsame Unterbrechung.

Warum also in der Fastenzeit nicht auch einmal ganz bewusst das „Außer-Dienst-Sein“ üben. Nicht so, dass ich Menschen, die mir lieb sind, einfach ihrem Schicksal überlasse. Nicht so, dass ich wegsehe, wenn mein konkreter Einsatz gefordert ist. Aber so, dass ich signalisiere. Meine Kräfte sind begrenzt. Ich bringe mich gerne ein. Aber ich brauche auch immer wieder eine Auszeit.

So wird ein vorbeifahrender Bus für mich zur Inspiration: „Sorry, außer Dienst“ – ein gutes Programm in diesen Wochen. Und während ich diesem Gedanken nachsinne, kommt der nächste Bus. Der hält.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30507
13MRZ2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

„Der Weg zur Gesundheit führt durch die Küche und nicht durch die Apotheke.“ In einem Kurpark hat mich der Satz angesprungen. Wahrscheinlich deshalb, weil ich sehr gern in meiner Küche bin. Nicht nur zum Kochen. Oft auch zum Lesen. Zum Arbeiten. Oder zum Essen. Ich habe schon oft beobachtet, dass bei Festen die entscheidenden Gespräche und Begegnungen in der Küche ihren Platz haben.

„Der Weg zur Gesundheit führt durch die Küche und nicht durch die Apotheke.“ Sebastian Kneipp, von dem dieser Satz stammt – er hatte damit natürlich ein gesundes Essen im Blick. Also erst einmal gesund leben - das erspart dann vielfach den Gang in die Apotheke, um sich dort die rechten Medikamente zu beschaffen. „Vorbeugen ist besser als heilen!“ So übersetzt der Volksmund mit einem Sprichwort diese Einsicht.

Für mich hat dieser Satz aber noch einen tieferen Sinn. In der Küche passiert viel mehr. Wenn dort nicht nur gekocht wird. Vor allem, wenn es genügend Platz gibt, um dort auch miteinander zu essen. Da wird dann auch miteinander gesprochen. Diskutiert und gestritten. In der Küche erlebe ich, wie Menschen miteinander in Beziehung stehen. Harmonisch. Oder konfliktreich.

Von Jesus wird ein ums andere Mal berichtet, dass er sich mit Menschen an einen Tisch setzt. Die Häuser hatten damals nur einen Wohnraum. Und der war immer so etwas wie eine große Wohnküche. Jesus liebt es, mit den Menschen zu essen. Nicht nur mit denen, die ihm nahestehen. Gerade auch mit den anderen. Mit denen, die nicht dazugehören. „Mit Sündern setzt du dich an einen Tisch“, macht man ihm zum Vorwurf. (Lukas 19,7) Auch die letzte große Begebenheit, die die Evangelien aus dem Leben Jesu berichten, bevor er festgenommen wird, das ist das gemeinsame Essen mit seinen Jüngern. Mit wem ich mich um einen Tisch setze, mit dem will ich im Kontakt bleiben. Oder neu ins Gespräch kommen. Die Gemeinschaft um einen Tisch – sie hat oft heilsame, heilende Wirkung. Bestehende Beziehungen werden gestärkt. Oder abgebrochene Beziehungsfäden wieder neu geknüpft.

Sebastian Kneipp hat sicher auch diesen Aspekt des Miteinanders im Blick, wenn er sagt; Der Weg zur Gesundheit führt durch die Küche. Es ist also nicht einfach nur praktisch, gemeinsam in der Küche zu essen. Es tut Leib und Seele gut. Und der eine oder andere Gang zur Apotheke ist dann gar nicht mehr nötig.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30506
12MRZ2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

„Profis haben die Titanic gebaut. Und Laien die Arche Noah.“ Stand auf der Speisekarte einer kleinen Bar. Die mit allen technischen Raffinessen ausgestattete Titanic – sie ist ja schon auf der Jungfernfahrt untergegangen. Der einfache hölzerne Kasten des Noah dagegen – er hat allen, die an Bord waren das Leben gerettet.

„Profis haben die Titanic gebaut und Laien die Arche Noah.“ Die Chefin hat das vielleicht nur als witzigen Spruch verstanden. Und damit die Botschaft vermittelt: Ich muss kein gelernter gastronomischer Profi sein, damit es meinen Gästen gut geht. Humorvoll war dieser Satz gemeint. Bei mir hat er noch mehr ausgelöst – womöglich noch mehr, als die Inhaberin der Bar sich das vorgestellt hat.

Es ist vor allem der Ausdruck Laie, der mich hat aufhorchen lassen. Ein alter Ausdruck, der am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus zum ersten Mal auftaucht. Ein Laie, so scheint es, ist jemand, der auf einem Gebiet nicht soviel Ahnung hat. Eigentlich sind es aber die Profis, die wissen, wie’s wirklich geht. Das sind die, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Die von ihm sogar leben können.

Ehrlich gesagt: Ich glaube, es gibt gar keine Laien. Alle Menschen haben ihre Leidenschaft. Ihre Begabung. Auch so etwas wie einen Lebensauftrag. Nicht nur, wenn ich ein ausdrückliches Amt ausübe, ist das so. Sondern auch, wenn ich mich um Geflüchtete kümmere. Oder einen Angehörigen pflege. Wenn ich mich in der Kirche engagiere. Oder in einem Verein. Natürlich braucht es bei solchen Aufgaben immer auch Menschen mit Fachwissen. Aber die anderen sind deshalb noch lange keine Laien. Manche der sogenannten Laien kennen sich auf manchen Gebieten besser aus als die Profis oder diejenigen, die eine bestimmte Aufgabe zu ihrem Beruf gemacht haben. Deshalb war auch Noah kein Laie. Er hat von Gott seinen Lebensauftrag bekommen. Und er muss sich im Schiffsbau auch ausgekannt haben. Denn die Arche ist schließlich nicht untergegangen.

Martin Luther hat diese Einsicht, dass jeder Mensch seine besondere Begabung und Beauftragung hat, das allgemeine Priestertum genannt. Besser wäre es vielleicht noch, vom Priestertum im Alltag zu sprechen. Das kann man auf sehr unterschiedliche Weise ausüben. In einer Bar. Bei der Arbeit. Oder beim Beten. Ich habe mir vorgenommen, das der Inhaberin der Bar beim nächsten Mal zu sagen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30505
18DEZ2019
AnhörenDownload
DruckenAutor

2000 Lichtjahre ist sie entfernt – die Sonne Chi im Sternbild des Fuhrmanns. Sie ist einer der am weitesten entfernten Sterne, die wir mit bloßem Auge gerade noch erkennen können. 2000 Lichtjahre entfernt, das bedeutet: Das Licht, das ich heute sehe, hat der Stern vor 2000 Jahren losgeschickt. Ein wunderbares Bild für das, was der Advent meint. Ein Ereignis vor 2000 Jahren, irgendwo der judäischen Provinz, beschäftigt mich bis heute.

Mehr noch: Es beschäftigt unzählige Menschen. Denn viele zelebrieren diese vorweihnachtlichen Tage geradezu. Wenn ich bei Dunkelheit durch die Straßen unserer Stadt laufen, sehe ich: Viele Wohnungen sind in Licht getaucht. Birnchen, die in allen Farben blinken. Oder kleine Leuchten, die den Baum im Vorgarten zieren.

Ich weiß sehr wohl, dass diese vielen Lichter nicht einfach nur einer adventlichen Gesinnung zu verdanken sind. Aber Sehnsuchtslichter sind sie allemal. Lichter, die nicht einfach nur die Wohnung hell machen sollen. Sehnsuchtslichter sind sie für mich, weil sie der Welt einen Glanz verleihen. Weil sie alles in ein neues Licht tauchen sollen.

Das ist für mich also das Schöne und auch das Spannende an diesen Tagen des Advent: Ich kann sehen, wie Menschen sich ihre Welt wünschen. Heller soll sie sein. Glanz soll von ihr ausgehen. Mit der Wohnung und den Straßen ist das ja noch einigermaßen einfach. Aber mit dem eigenen Leben wird’s schon schwieriger. Wie kann ich andere Menschen in einem neuen Licht sehen? Wie erscheine ich selber in neuem Glanz?

Das geht am besten, wenn ich mir überlege, was den Menschen, der mir begegnet ausmacht, jenseits all dessen, was ich vor Augen habe und von ihm weiß. Ich muss Menschen mit einem Blick anschauen, der ihnen in meinen Augen Glanz verleiht. Der schweizer Dichter Kurt Marti hat dafür schöne Worte gefunden. Er wendet sich an Gott mit den Worten: „Gib, dass ich im Süchtigen die Sehnsüchtige und im Schwarzmaler den Licht- und Farbenhungrigen erkenne.“

Ähnlich ist das auch mit dem Blick auf die Sonne Chi im Sternbild Fuhrmanns. Was mir vorkommt wie irgendein Sternenlicht, das ist genau das Licht, das dieser Stern ausgestrahlt hat – damals, als sich ereignet hat, was wir an Weihnachten feiern. Also wirklich ein besonderes Licht, das wir diesem Stern verdanken. Irgendwie also doch: Wir haben glänzende Aussichten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29971