Manuskripte

„Sorry, außer Dienst“. Ich stehe an der Haltestelle und warte auf den Bus. Der Bus kommt auch – und fährt vorbei. in dem Feld, in dem sonst der Zielort der Fahrt zu lesen ist, steht „Sorry, außer Dienst“. Ich ärgere mich schon. Der Bus hätte mich ja auch mitnehmen können. Ich warte also grumelnd weiter. Und nutze die Gelegenheit, über die drei Wörter nachzudenken.

„Sorry, außer Dienst“ – das klingt beinahe wie ein kleines Fastenprogramm. Nein, nicht für den Bus, der muss vermutlich einfach zurück an seinen Standort. Sondern für diejenige, die häufig „im Dienst“ sind. Oder sich im Dienst fühlen. Menschen in Verantwortung für andere. Als Kollegin der Kollege. Als Eltern oder als Großeltern. In der nachbarschaftlichen Unterstützung von Menschen, die auf andere Menschen angewiesen sind. Ich weiß, die meisten dieser Aufgaben kann ich nicht einfach einstellen. Aber ein kleines Fastenprogramm, manchmal geht das vielleicht doch.

Immer im Dienst, diese Haltung geht zurück auf Otto Dibelius, Bischof in Berlin in den 1960er Jahren. „Ein Christ ist immer im Dienst“, hat er gesagt. Ich finde, das ist ein gefährlicher Satz. Niemand kann immer im Dienst sein. Das wäre eine maßlose Überforderung. Heute ist Samstag, Schabbat, der Ruhetag für Menschen jüdischen Glaubens. Nicht ohne Grund ruft mir das Gebot, einen Tag der Woche als Ruhetag zu halten, eine alte Weisheit der Menschen in Erinnerung. Im Dienst sein und außer Dienst sein – das muss in einer guten Balance stehen. Immer „stand by“, immer im Hab-acht-Modus zu leben, das macht krank. Das ist längst auch wissenschaftlich bewiesen. Da wirkt es ungeheuer entlastend für mich, dass alles seine Zeit hat: Das Engagement und die heilsame Unterbrechung.

Warum also in der Fastenzeit nicht auch einmal ganz bewusst das „Außer-Dienst-Sein“ üben. Nicht so, dass ich Menschen, die mir lieb sind, einfach ihrem Schicksal überlasse. Nicht so, dass ich wegsehe, wenn mein konkreter Einsatz gefordert ist. Aber so, dass ich signalisiere. Meine Kräfte sind begrenzt. Ich bringe mich gerne ein. Aber ich brauche auch immer wieder eine Auszeit.

So wird ein vorbeifahrender Bus für mich zur Inspiration: „Sorry, außer Dienst“ – ein gutes Programm in diesen Wochen. Und während ich diesem Gedanken nachsinne, kommt der nächste Bus. Der hält.

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„Der Weg zur Gesundheit führt durch die Küche und nicht durch die Apotheke.“ In einem Kurpark hat mich der Satz angesprungen. Wahrscheinlich deshalb, weil ich sehr gern in meiner Küche bin. Nicht nur zum Kochen. Oft auch zum Lesen. Zum Arbeiten. Oder zum Essen. Ich habe schon oft beobachtet, dass bei Festen die entscheidenden Gespräche und Begegnungen in der Küche ihren Platz haben.

„Der Weg zur Gesundheit führt durch die Küche und nicht durch die Apotheke.“ Sebastian Kneipp, von dem dieser Satz stammt – er hatte damit natürlich ein gesundes Essen im Blick. Also erst einmal gesund leben - das erspart dann vielfach den Gang in die Apotheke, um sich dort die rechten Medikamente zu beschaffen. „Vorbeugen ist besser als heilen!“ So übersetzt der Volksmund mit einem Sprichwort diese Einsicht.

Für mich hat dieser Satz aber noch einen tieferen Sinn. In der Küche passiert viel mehr. Wenn dort nicht nur gekocht wird. Vor allem, wenn es genügend Platz gibt, um dort auch miteinander zu essen. Da wird dann auch miteinander gesprochen. Diskutiert und gestritten. In der Küche erlebe ich, wie Menschen miteinander in Beziehung stehen. Harmonisch. Oder konfliktreich.

Von Jesus wird ein ums andere Mal berichtet, dass er sich mit Menschen an einen Tisch setzt. Die Häuser hatten damals nur einen Wohnraum. Und der war immer so etwas wie eine große Wohnküche. Jesus liebt es, mit den Menschen zu essen. Nicht nur mit denen, die ihm nahestehen. Gerade auch mit den anderen. Mit denen, die nicht dazugehören. „Mit Sündern setzt du dich an einen Tisch“, macht man ihm zum Vorwurf. (Lukas 19,7) Auch die letzte große Begebenheit, die die Evangelien aus dem Leben Jesu berichten, bevor er festgenommen wird, das ist das gemeinsame Essen mit seinen Jüngern. Mit wem ich mich um einen Tisch setze, mit dem will ich im Kontakt bleiben. Oder neu ins Gespräch kommen. Die Gemeinschaft um einen Tisch – sie hat oft heilsame, heilende Wirkung. Bestehende Beziehungen werden gestärkt. Oder abgebrochene Beziehungsfäden wieder neu geknüpft.

Sebastian Kneipp hat sicher auch diesen Aspekt des Miteinanders im Blick, wenn er sagt; Der Weg zur Gesundheit führt durch die Küche. Es ist also nicht einfach nur praktisch, gemeinsam in der Küche zu essen. Es tut Leib und Seele gut. Und der eine oder andere Gang zur Apotheke ist dann gar nicht mehr nötig.

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„Profis haben die Titanic gebaut. Und Laien die Arche Noah.“ Stand auf der Speisekarte einer kleinen Bar. Die mit allen technischen Raffinessen ausgestattete Titanic – sie ist ja schon auf der Jungfernfahrt untergegangen. Der einfache hölzerne Kasten des Noah dagegen – er hat allen, die an Bord waren das Leben gerettet.

„Profis haben die Titanic gebaut und Laien die Arche Noah.“ Die Chefin hat das vielleicht nur als witzigen Spruch verstanden. Und damit die Botschaft vermittelt: Ich muss kein gelernter gastronomischer Profi sein, damit es meinen Gästen gut geht. Humorvoll war dieser Satz gemeint. Bei mir hat er noch mehr ausgelöst – womöglich noch mehr, als die Inhaberin der Bar sich das vorgestellt hat.

Es ist vor allem der Ausdruck Laie, der mich hat aufhorchen lassen. Ein alter Ausdruck, der am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus zum ersten Mal auftaucht. Ein Laie, so scheint es, ist jemand, der auf einem Gebiet nicht soviel Ahnung hat. Eigentlich sind es aber die Profis, die wissen, wie’s wirklich geht. Das sind die, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Die von ihm sogar leben können.

Ehrlich gesagt: Ich glaube, es gibt gar keine Laien. Alle Menschen haben ihre Leidenschaft. Ihre Begabung. Auch so etwas wie einen Lebensauftrag. Nicht nur, wenn ich ein ausdrückliches Amt ausübe, ist das so. Sondern auch, wenn ich mich um Geflüchtete kümmere. Oder einen Angehörigen pflege. Wenn ich mich in der Kirche engagiere. Oder in einem Verein. Natürlich braucht es bei solchen Aufgaben immer auch Menschen mit Fachwissen. Aber die anderen sind deshalb noch lange keine Laien. Manche der sogenannten Laien kennen sich auf manchen Gebieten besser aus als die Profis oder diejenigen, die eine bestimmte Aufgabe zu ihrem Beruf gemacht haben. Deshalb war auch Noah kein Laie. Er hat von Gott seinen Lebensauftrag bekommen. Und er muss sich im Schiffsbau auch ausgekannt haben. Denn die Arche ist schließlich nicht untergegangen.

Martin Luther hat diese Einsicht, dass jeder Mensch seine besondere Begabung und Beauftragung hat, das allgemeine Priestertum genannt. Besser wäre es vielleicht noch, vom Priestertum im Alltag zu sprechen. Das kann man auf sehr unterschiedliche Weise ausüben. In einer Bar. Bei der Arbeit. Oder beim Beten. Ich habe mir vorgenommen, das der Inhaberin der Bar beim nächsten Mal zu sagen.

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2000 Lichtjahre ist sie entfernt – die Sonne Chi im Sternbild des Fuhrmanns. Sie ist einer der am weitesten entfernten Sterne, die wir mit bloßem Auge gerade noch erkennen können. 2000 Lichtjahre entfernt, das bedeutet: Das Licht, das ich heute sehe, hat der Stern vor 2000 Jahren losgeschickt. Ein wunderbares Bild für das, was der Advent meint. Ein Ereignis vor 2000 Jahren, irgendwo der judäischen Provinz, beschäftigt mich bis heute.

Mehr noch: Es beschäftigt unzählige Menschen. Denn viele zelebrieren diese vorweihnachtlichen Tage geradezu. Wenn ich bei Dunkelheit durch die Straßen unserer Stadt laufen, sehe ich: Viele Wohnungen sind in Licht getaucht. Birnchen, die in allen Farben blinken. Oder kleine Leuchten, die den Baum im Vorgarten zieren.

Ich weiß sehr wohl, dass diese vielen Lichter nicht einfach nur einer adventlichen Gesinnung zu verdanken sind. Aber Sehnsuchtslichter sind sie allemal. Lichter, die nicht einfach nur die Wohnung hell machen sollen. Sehnsuchtslichter sind sie für mich, weil sie der Welt einen Glanz verleihen. Weil sie alles in ein neues Licht tauchen sollen.

Das ist für mich also das Schöne und auch das Spannende an diesen Tagen des Advent: Ich kann sehen, wie Menschen sich ihre Welt wünschen. Heller soll sie sein. Glanz soll von ihr ausgehen. Mit der Wohnung und den Straßen ist das ja noch einigermaßen einfach. Aber mit dem eigenen Leben wird’s schon schwieriger. Wie kann ich andere Menschen in einem neuen Licht sehen? Wie erscheine ich selber in neuem Glanz?

Das geht am besten, wenn ich mir überlege, was den Menschen, der mir begegnet ausmacht, jenseits all dessen, was ich vor Augen habe und von ihm weiß. Ich muss Menschen mit einem Blick anschauen, der ihnen in meinen Augen Glanz verleiht. Der schweizer Dichter Kurt Marti hat dafür schöne Worte gefunden. Er wendet sich an Gott mit den Worten: „Gib, dass ich im Süchtigen die Sehnsüchtige und im Schwarzmaler den Licht- und Farbenhungrigen erkenne.“

Ähnlich ist das auch mit dem Blick auf die Sonne Chi im Sternbild Fuhrmanns. Was mir vorkommt wie irgendein Sternenlicht, das ist genau das Licht, das dieser Stern ausgestrahlt hat – damals, als sich ereignet hat, was wir an Weihnachten feiern. Also wirklich ein besonderes Licht, das wir diesem Stern verdanken. Irgendwie also doch: Wir haben glänzende Aussichten.

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„Träume gehen nicht in Rente!“ In einer Kunstausstellung habe ich diesen Satz unlängst gelesen. Und er hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Vielleicht auch deshalb, weil im vergangenen Monat gleich drei Menschen in meinem Umfeld in Rente gegangen sind.

Aber das ist nicht der alleinige Grund. Regelrecht unter die Haut gegangen ist mir vor allem die kühne Botschaft dieses Satzes. Träume verschwinden nicht einfach zum Stichtag. Sie verdunsten nicht innerhalb von 24 Stunden. Sie markieren die Hoffnungspunkte in meiner Seele. Sie sprengen die Grenzen, vor die mich die Realität immer wieder stellt.

Träume sind so etwas wie ein inneres Gerüst. Das, was mich ausmacht jenseits all dessen, was meine Mitmenschen an mir wahrnehmen können. Das, was sich in meinem Leben in der Öffentlichkeit abspielt. Mein Beruf. Meine Familie.

Diese Träume nehme ich überallhin mit. Über alle Grenzen hinweg. Ich bin sicher, auch über die Grenze des Todes. Die Träume von einer Welt, in der Menschen achtsam miteinander umgehen. In der „Friede und Gerechtigkeit sich küssen“ (Psalm 85,11), wie es in einem alten Psalm-Gebet heißt. Die Träume von einer Welt, in der sich etwas widerspiegelt von dem, was Jesus als „Reich Gottes“ bezeichnet hat.

„Dieses Reich Gottes, diese neue Welt, die so ist, wie Gott sie gemeint hat – sie ist schon ganz nah.“ (Markus 1,15) Das war die Botschaft, mit der Jesus sich ein ums andere Mal an die Menschen gewandt hat. Im Gespräch mit Menschen finde ich oft wenig von dieser Erwartungshaltung. Die Träume sind nicht in Rente geschickt worden. Es gibt sie noch. Aber ihnen geht irgendwie die Luft aus. Da soll eine vom Zerbrechen bedrohte Beziehung wieder heilen. Aber keiner tut etwas dafür. Da rückt uns der Klimawandel immer mehr auf die Pelle und ich träume von einer wieder heil gewordenen Welt. Aber mein Verhalten habe ich noch nicht wirklich geändert. Dass das Reich Gottes nahe ist, das muss meine Hoffnungen und Sehnsüchte doch beflügeln. Muss meine Träume von der Rente weg mitten ins Leben ziehen.

Und mit einem Mal wird dieser Satz von den Träumen, die nicht in Rente gehen, ein Wort des Zuspruchs. „Du musst deine Träume nicht in Rente schicken. Du musst ihnen zu ihrem Recht verhelfen. Und wach werden und aufstehen, damit sie wirklich werden können.“

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„Ich bin dabei, die Rätsel der Ursprünge meines Lebens zu lösen!“ Ich war ganz schön überrascht, diesen Satz an meiner Haustür zu hören. Es hatte geklingelt. Und vor der Tür stand ein Paar. Wie Maria und Josef auf der Herbergssuche. Auf der Suche waren die beiden auch. Genauer gesagt der Mann. Er hatte früh seine Eltern verloren. Im Ruhestand machte er sich daran, die „Rätsel der Ursprünge seines Lebens zu lösen“, wie er das genannt hat. Im Rathaus hatte er nach Informationen über seinen Geburtsort gesucht. Und genau unsere Adresse genannt bekommen. „Warum soll ich in diesem Haus geboren sein?“ Erwartungsvoll haben die beiden mich angeschaut.

Ich konnte zumindest dieses kleine Rätsel lösen. In dem Haus, in dem ich wohne, war früher eine Geburtsklinik untergebracht. Darum hatte er wohl hier das Licht der Welt erblickt. Ein kleines Puzzlestück konnte der Mann also wieder in das Bild seines Lebens einsetzen. Wir kamen noch weiter ins Gespräch. Und er erzählte mir, dass er kaum etwas weiß über die ersten Jahre seines Lebens. Seine Frau hatte ihm deshalb die Reise zu den Spuren der Anfänge seines Lebens zum Geburtstag geschenkt.

Die Rätsel des eigenen Lebens zu lösen – das ist doch auch mein Thema. Sicher anders als bei diesem Mann. Die Anfänge meines Lebens liegen nicht im Dunkel. Ich habe eine Geburtsurkunde. Weiß, wer meine Eltern sind. Und meine Geschwister. Aber Rätsel bleiben im Leben noch genug. Der Sinn von Erfahrungen und Weichenstellungen, die ich gerne anders gehabt hätte. Die verantwortliche Planung der Zeit, auf die ich zugehe. Im neuen Jahr. Beruflich irgendwann dann auch im Ruhestand. Beziehungen, die mit einem Mal schwierig werden. Mir nahestehende Menschen, die plötzlich schwer krank werden. Die Frage nach dem tragenden Grund meines Lebens.

Ein weihnachtliches Lied kommt mir in den Sinn. Eine Strophe darin heißt: „Bist Du der der eignen Rätsel müd? Es kommt, der alles kennt und sieht!“ In diesen Tagen des Advent ist die Sehnsucht besonders groß, dass sich die großen Rätsel des Lebens lösen lassen. Wenn dieses Paar in diesen Tagen noch einmal bei mir klingeln würde, wären sie vom Licht des großen Herrnhuter Sterns beschienen, der derzeit über der Eingangstür hängt. Und ich wünschte mir, der Mann würde spüren: Dieser Stern könnte ihm einen Weg weisen, die entscheidenden Rätsel seines Lebens zu lösen.

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„Im Himmel gibt es bestimmt auch eine klare Hierarchie!“ Der Inhaber eines kleinen Familienbetriebes hat das unlängst zu mir gesagt. „Es muss geklärt sein, wer der Chef ist!“

Ich war ganz schön entsetzt. „Von einem Himmel, der nur das fortschreibt, was zu den alltäglichen Erfahrungen gehört, habe ich nichts zu erwarten“, sagte ich zu meinem Gesprächspartner. Mir ging plötzlich so einiges durch den Kopf. Ich möchte nicht meine Erfahrungen im hier und jetzt doch nicht in den Himmel projizieren. Mir hilft die Gegenrichtung da schon eher weiter. Ich möchte den Himmel schon jetzt in mein Leben hineinziehen. Er stellt mir eine Alternative vor Augen, wenn mir die Gegenwart über den Kopf wächst. Der Himmel ist einfach anders, denke ich. Dinge, die mich belasten und die mir das Leben schwermachen, gibt’s dort hoffentlich nicht mehr. Und einen Chef der einfach nur anordnet, was ich zu tun und zu lassen habe, schon gar nicht.

Die Bibel ist voller Bilder, wenn sie uns diese neue Welt Gottes vor Augen malt. Und sie verlegt den Himmel auch nicht an einen fernen Ort, an den ich erst irgendwann einmal komme. Am Ende meines Lebens. Oder gar erst danach. Die neue Welt Gottes fängt jetzt schon an, wirklich zu werden. (Lukas 17,21) Nicht gänzlich. Davon sind wir noch weit weg. Aber sie blitzt immer wieder auf.

In der Bibel finde ich Sätze, die ganz konkret beschreiben, worauf es in Gottes neuer Welt nicht mehr ankommt. Etwa bei Paulus in einem seiner Briefe: „In der neuen Welt Gottes“, schreibt er einmal, „geht’s nicht mehr ums gute Essen und um ein schönes Leben, da zählt nur noch die Gerechtigkeit!“ (Römer 14,17) Wenn ich jetzt schon etwas von dem umzusetzen versuche, was mir die Bilder vom Himmel zuspielen, fällt mir einiges ein: ein anderer Umgang miteinander, ein Achthaben auf die Schöpfung, der Verzicht, auf Kosten anderer Menschen zu leben, Worte der Barmherzigkeit, die anderen guttun – und ehrlich gesagt: Ich möchte den Satz des Paulus noch um einen weiteren Satz ergänzen „In der neue Welt Gottes geht’s nicht mehr um oben und unten. Da stehen endlich alle auf der gleichen Ebene!“

Das sind Aussichten, finde ich, die lassen mich schon heute leben. Gerade dann, wenn mir die Welt um mich herum so richtig zu schaffen macht. Und mir die Phantasie fehlt, wie es auch anders gehen könnte.

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Ich trage noch eine Uhr am Handgelenk. Und ich schaue oftmals am Tag, wie spät es ist. Manchmal ganz verstohlen. Manchmal auch sehr bewusst. Ohne Uhr kann ich jedenfalls nicht leben.

Braucht Gott eigentlich eine Uhr? So überraschend diese Frage scheint, so spannend und wichtig finde ich sie. Weil Gott für mich für ein Leben steht, das anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt als das meine. Ein Leben, das mir Spielräume eröffnet und mich zum Atmen kommen lässt.

Übrigens: Zunächst ermöglicht eine Uhr Verlässlichkeit. Ich verabrede mich mit einem Menschen. Und dieser Mensch kann damit rechnen, dass ich zur vereinbarten Zeit an Ort und Stelle bin. Verliebte vergessen die Uhr manchmal, wenn sie zusammen sind. Dass sie sich überhaupt irgendwo zu einem Rendevouz verabreden, haben sie meistens der Uhr zu verdanken.

Auch wenn Gott ganz sicher ohne Uhr auskommt: Das Thema Zeit hat sehr viel mit dem Glauben an Gott zu tun. Einer der für mich eindrücklichsten Sätze der Bibel steht in einem Psalm: „Bei Gott sind Tausend Jahre wie der gestrige Tag“, heißt es da. (Psalm 90,4) Dieser Vers beschreibt ein anderes Zeitmodell als das das durch Sonne und Uhr vorgegebene. Und durchgetaktete. Mein Rechnen in Jahren und Tagen, in Stunden, Minuten und Sekunden ist ein Zeichen meiner menschlichen Begrenztheit. Ich muss mit der mir zugemessenen Spanne zwischen Geburt und Tod verantwortlich umgehen. Sie einteilen. In Zeit für mich. Und Zeit für andere. In Zeit hier. Und Zeit an einem anderen Ort. Mein Leben ist Sein in der Zeit. Zwischen Geburt und Tod.

Gott ist jenseits der Zeit. Gott hat die Zeit ermöglicht. Hat sie geschaffen. Muss sich nicht begrenzen lassen. Wenn ich nicht unter Zeitdruck stehe, wenn ich genügend Zeit habe, für mich und für einen meiner Mitmenschen, entsteht in mir so etwas wie eine Ahnung, was die Grenzenlosigkeit Gottes bedeutet. Im Urlaub kann ich das erleben. Andere erleben das in der Zeit, in der sie nicht mehr so früh aufstehen müssen. Oder einfach großzügig mit ihrer Zeit umgehen können.

Tausend Jahre Zeit habe ich nicht. Aber etwas von dem, was die Bibel über Gott sagt, möchte ich doch auch in meinem Leben spüren. Uhr-frei leben. Wenigstens manchmal. Und mit meiner Zeit auch einmal großzügig und verschwenderisch umgehen.

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Vor kurzem hatten wir Familientreffen. Unterschiedliche Generationen und unterschiedliche Lebenskonzepte prallen da auf engstem Raum aufeinander. Ein heikles Terrain ist das manchmal. Am Ende ist alles mal wieder gut gegangen.

Die Bibel berichtet von einem solchen Treffen in der Familie von Jesus. Seine Familie beschließt da: Wenn er nicht zu uns kommt, kommen wir zu ihm. Man macht sich gemeinsam auf: Maria, seine Mutter. Und seine Geschwister. Sie finden ihn da, wo er sich am wohlsten fühlt. Inmitten der Menschen. „Du, Deine Familie wartet draußen auf dich!“, raunen ihm wohlmeinende Menschen zu. Jesus schert sich nicht darum. Er schaut die Menschen um ihn herum an. Dann sagt er: „Meine Familie – die seid ihr alle hier. Wie Mutter und Geschwister seid ihr für mich!“ (Markus 3,34)

Das sitzt! Der Riss - so mein erster Gedanke – wird er überhaupt je wieder ganz zu kitten gewesen sein? Und ich frage ich mich schon: Warum reagiert dieser Jesus so ungehalten, wenn es um seine Familie geht. Ehrlich gesagt: Dieser schroffe Jesus befremdet mich hier. Ich versuche, mich darauf einzulassen, dass er dennoch recht haben könnte. Denn, so verstehe ich ihn: Es geht um die rechten Prioritäten. Auch die Pflege familiärer Beziehungen muss da manchmal einfach zurückstehen. Vielleicht ist es das, was Jesus meint. Sicher ist: Meine Überzeugungen darf ich nicht dran geben nur um des lieben Friedens willen. Und es sind ja nicht nur die Menschen, die zu meiner näheren Verwandtschaft gehören, die mir ganz wichtig sind. Weil ich spüre, wir haben gemeinsame Themen und Überzeugungen. Den Willen Gottes tun, nennt das Jesus, wenn ich mich eher von der Wahrhaftigkeit leiten lasse als von der Rücksicht auf verwandtschaftliche Bindungen. Da kann ein Konflikt manchmal durchaus klärend wirken. Jesus hat die engen Beziehungen zu seiner Familie, vor allem zu seiner Mutter, trotz des Konfliktes hier jedenfalls nicht verloren.

Nein, ich möchte meiner Familie nicht den Abschied geben. Dafür hänge ich an den meisten viel zu sehr. Aber gerade die nachfolgenden Generationen meiner Familie, Kinder, Enkel, sie lehren mich: Ich gehöre immer auch noch zu einer anderen Familie. Der großen Familie der Menschheit. Und da warten auch noch große Aufgaben auf mich.  Und die familiären Beziehungen brechen nicht gleich auseinander, nur weil ich meine Prioritäten anders setze. Und meinen Blick weite.

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„So singen können, dass andere zu tanzen beginnen!“ In einem Schaufenster habe ich diesen Satz entdeckt. Als Werbung für eine Singschule. „So singen können, dass andere zu tanzen beginnen!“ Ja, ich singe gerne. Aber sicher nicht so, dass mein Singen andere Menschen zum Aufhorchen bringt. Sie innerlich in Bewegung bringt. Sie sogar tanzen lässt.

Aber man kann den Satz auch ganz anders verstehen. Nicht so, dass ich singe, sondern dass ich ins Tanzen gerate. Dass ich mich verlocken lasse etwas zu tun, das gar nicht auf meiner Lebensagenda steht. Oder: Das ich normalerweise nicht tue. Dass ich meine Ohren und mein Herz so weit öffne, dass andere und anderes mich anrührt. Und mich aus den eingefahrenen Gleisen meines Lebens herausreißt.

Aber Vorsicht, denke ich. Da muss ich gut unterscheiden können. Ich möchte ja nicht den falschen Tönen hinterherlaufen. Wie die Kinder beim Rattenfänger von Hameln. Ich möchte mich von der richtigen Stimme zum Tanzen bringen lassen.

In der Bibel gibt es solche Berichte. Da wird von Menschen erzählt, die sich von Jesus in die Nachfolge rufen lassen: Männer, die vorher einfach ihrem Beruf nachgegangen sind. Fischer. Geldeintreiber für die Römer beim Zoll. Erzählt wird von Frauen, die ihr Vermögen in die Jesus-Bewegung investieren. Von Eltern, die ihre Kinder zu diesem Jesus bringen in der Hoffnung, schon eine Berührung von ihm könnte deren Leben eine ganz andere Richtung geben. Erzählt wird von Menschen, die die Stimme Gottes in ihrem Leben gehört haben. Ganz unterschiedlich. Aber unüberhörbar. Und die ihre Schritte daraufhin neu gesetzt haben.

Tatsächlich, denke ich, es gibt diese Stimme, die Menschen in Bewegung setzt. Die sie zum Tanzen bringen kann. Und wer weiß, vielleicht bin ich ab und an nicht nur Tänzer. Sondern gehöre manchmal auch zu denen, die selber Menschen ansprechen, motivieren. Vielleicht nicht, wenn ich singe. Aber vielleicht dadurch, dass ich mich für andere einsetzte. Oder vielleicht allein schon durch die richtigen Worte. Jeder Mensch hat doch seine eigene Art, sich vernehmbar zu machen. Und so andere zu gewinnen. Zu begeistern. Sie also gewissermaßen zum Tanzen zu bringen.

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