Manuskripte

Gespannt öffne ich die Datei. Gleich werde ich wissen, aus welchen Herkunftsregionen sich meine DNA zusammengemischt hat. Vor ein paar Wochen habe ich eine Speichelprobe abgeschickt. Die darin enthaltene DNA hat ein Institut analysiert. Dabei werden Übereinstimmungen meiner Genome mit denen aus bestimmten Regionen festgestellt.

Die Datei ist offen. Meine ethnischen Hintergründe auch. Wow, denke ich, coole Mischung. Ich sehe, dass zwar der größte Prozentsatz meiner DNA-Abschnitte auf Skandinavien und den westeuropäischen Raum weisen. Aber ein paar Genome machen es wahrscheinlich, dass ich auch Vorfahren aus Westasien und Sardinien habe. Ja, sogar ein klein wenig Nordafrika ist dabei, würde man bei meiner Blässe nicht vermuten.

Ich weiß: Diese Tests sind wissenschaftlich gesehen keine Meilensteine Aber mindestens einen positiven Effekt hat das Ergebnis auf jeden Fall: Die Idee, Menschen nach Rassen zu unterscheiden erweist sich als totaler Quatsch. Mensch ist Mensch, Ebenbild Gottes in egal welcher Hautfarbe. Am Ende sind wir alle irgendwie miteinander verwandt.

Und ich finde, wir könnten uns langsam auch mal so benehmen. Deswegen schicke ich bald noch eine Speichelprobe ein. An die Deutsche Knochenmarkspender Zentrale. Kurz DKMS. Falls meine DNA passt, könnte ich Stammzellen spenden. Und Leben retten helfen. In Skandinavien, Sardinien oder Westasien! Ganz egal.

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In meinem Badezimmer steht ein verchromtes Spiegelschränkchen. Es ist genau so, wie ich es haben wollte. Weil ich in keinem Einrichtungshaus so eines gefunden habe, stammt es aus dem Vorort vom Reich Gottes. Außerdem besitze ich mehrere Bücher, 5 hübsche Porzellanteller, einen nagelneuen Webteppich und diverse andere Dinge. Alles aus dem Vorort vom Reich Gottes.

Dort bekommt man Dinge geschenkt.
Dinge, an denen niemand mehr etwas verdienen will.
Dinge, die die Vorbesitzer einfach so weitergeben wollen. Damit jemand anderes sie nutzen kann. Was nicht mitgenommen wird, wird später zum Recyclinghof gebracht. Dieser Vorort vom Reich Gottes ist mein Wohnviertel. Dort stehen fast täglich Gebrauchsgegenstände vor den Häusern, die mit Schildern versehen sind. „Zum Mitnehmen“ steht darauf. Oder: „Zu verschenken“.

Ich finde das großartig. So stelle ich mir das Reich Gottes vor. Zumindest die materielle Seite: Niemand hängt an seinem Besitz. Dinge werden weitergeben, ohne Profit. Einfach so. Nein, nicht einfach so. Sondern mit der Freude, dass vielleicht jemand anderes einen Nutzen davon hat.

 

Als Jesus gesagt hat, dass das Reich Gottes mitten unter uns ist, hat er vermutlich nicht die Verschenkekisten in meinem Wohnviertel gemeint. Aber ich finde sie sind trotzdem ein guter Anfang.

Wer weiß, vielleicht kriegen wir es ja auch noch hin, dass wir uns gegenseitig zum Essen einladen, unsere Sorgen und Nöte teilen und gemeinsam unsere Hoffnung leben: dass Gottes Reich, ja Gott selbst mitten unter uns ist.

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„Ehrenfrau“, sagt Laurids und meint damit Martha. Der Elftklässler hat sich gerade die Geschichte über die ungleichen Schwestern Maria und Martha durchgelesen. Also die Erzählung, in der Jesus bei diesen Schwestern im Haus zu Besuch ist.

Die eine, Maria, hat nur Augen und Ohren für Jesus. Martha muss sich deshalb doppelt anstrengen, um Jesus und seine Jünger versorgt zu bekommen. Schließlich macht Martha ihrem Ärger Luft und bittet Jesus, die Schwester zu ihr in die Küche zu schicken. Um ihr zu helfen.

Deshalb nennt sie Laurids „Ehrenfrau „Die sagt wenigstens ihre Meinung“, erklärt er noch.
Jesus unterstützt in der Erzählung Marthas Anliegen nicht. Immerhin sieht er, dass sie viel Arbeit hat. Aber Maria habe einfach besser gewählt.

Hm. Das ist mir zu wenig. Wie gut, dass Laurids aus der Elften Jesus hier zur Seite springt und Martha einen Titel gibt: Ich finde „Ehrenfrau“ ist das mindeste was Martha verdient. Sie und alle, die sich darum kümmern, dass andere gut versorgt sind.

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Ein paar Tage lang wirkt der Platz vor dem kleinen Supermarkt wie verlassen. Der Bettler ist nicht mehr da. Sonst ist er da Tag für Tag gesessen und hat die Leute angeschnorrt oder einfach einen schönen Tag gewünscht. Ob man was gegeben hat oder nicht. Dann plötzlich ist da eine Kerze. So eine in roter Plastikhülle. Wie auf dem Friedhof. Ich gehe näher ran und entdecke das laminierte Plakat. Es ist an die Absperrung geknüpft, vor der Bettler immer gesessen ist. Auf dem Plakat stehen sein Name und sein Geburts- und Sterbedatum. Und ein paar Zeilen, dass ihn viele vermissen.

 

Im Laden frage ich an der Kasse nach, was genau passiert ist. Die Kassiererin erzählt mir: Vor ein paar Tagen ist Dieter – so hieß er – nachts in einem kleinen Bach ertrunken. „Er war immer gut gelaunt“, sagt sie.  „Und zu allen freundlich. Er hat jeden von uns mit Namen gekannt. Eigentlich haben wir zu dem Plakat und der Kerze auch einen kleinen Gipsengel gestellt. Aber den hat wohl jemand geklaut. Das ist doch eine Schande.“

Beeindruckt verstaue ich meine Einkäufe im Rucksack. Die Belegschaft von dem kleinen Supermarkt hat dem Bettler Dieter ein kleines Denkmal gesetzt. Und jetzt weiß sogar ich seinen Namen. Auch wenn der Engel geklaut ist, etwas von Dieter bleibt hier. Vor dem kleinen Rewe mit der Belegschaft, die die Würde der Armen bewahrt.

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„In die Kirche gehen ist das neue Schwulsein!“ Wie bitte? Meine Bekannte wiederholt ihre Erkenntnis: „In die Kirche gehen ist das neue Schwulsein.“ Und dann erzählt sie mir, was sie in ihrem Freundeskreis so alles zu hören bekommt, nur weil sie ihr Kind taufen lassen will.

Manche sind sprachlos, andere entsetzt, die meisten machen sich lustig darüber. Lachen, weil sie in einer Kirche Gott für das Leben ihres Kindes danken will. Weil sie sich in einem Gottesdienst sagen lassen will, dass alles Leben in Gottes Hand steht. Auch das ihres Sohnes und ihr eigenes. Weil dort ein Pfarrer oder eine Pfarrerin über dem Kind aussprechen wird, dass ihm Gottes Liebe gilt. Für immer.

Mir war nicht klar, dass es in unserer Gesellschaft manchmal so viel Mut braucht, um ein Kind taufen zu lassen.
Vielleicht ist mir deswegen ja die Schwulenbewegung schon immer sympathisch. Weil sie der Gesellschaft beigebracht haben, dass eine sexuelle Orientierung nichts über den Charakter eines Menschen aussagt. Gegen alle Verspottungen und Anfeindungen

Also, wenn in die Kirche gehen, das neue Schwulsein ist, dann nur Mut, Leute. Dass mich Leute deswegen auslachen, halte ich aus. Ich weiß ja, dass Gottes Liebe mir gilt. Dem Kind meiner Bekannten auch. Und ihrer ganzen Familie. Und den Schwulen. Und übrigens sogar denen, die über uns lachen.

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Es ist nach eins in der Nacht Ich bin in Freiburg unterwegs. Während ich den Weg nach Hause einschlage, fängt für andere die Nacht erst richtig an.

Aus den Kneipen quillt Musik, draußen stehen junge Leute quatschen, rauchen, lachen. Die einen ziehen von Bar zu Bar, die anderen haben es sich mit ein paar Flaschen Bier auf dem großen Platz bequem gemacht. In einer Seitenstraße höre ich plötzlich Fetzen eines irischen Segenslieds. Wenige, junge Stimmen singen „und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand“. Anscheinend kennen sie den Rest des Textes nicht mehr, sie singen diese eine Zeile in Dauerschleife.

Endlich sehe ich sie im Dunkel auf mich zukommen: Zwei Frauen und ein Mann, Anfang 20, alle inbrünstig – und ein wenig schief - singend. Jetzt erkenne ich, dass eine der beiden Frauen eine Kerze in einem Marmeladengas trägt. Sie bewegt sich behutsam vorwärts, damit die Flamme nicht ausgeht. Als sie beinahe auf meiner Höhe sind, geht plötzlich die Kerze tatsächlich aus. Schlagartig bleiben die Drei stehen und hören auf zu singen.

 „Huch“, sagt die Kerzenträgerin erschrocken, „ist das jetzt ein Zeichen?“ Bestürzt sehen sich die drei an. Sie sehen richtig schockiert aus. „Nee“, mische ich mich ein, „wer nachts solche Lieder singt, braucht keine Kerze. Ihr leuchtet ja selbst.“ „Echt?“, ruft die andere ehrlich erleichtert. „Wir leuchten?! Danke. Das ist uns echt wichtig.“ „Wow. Danke“, sagt jetzt auch der junge Mann aus ganzem Herzen.

Und schon ziehen sie weiter und singen kräftig und schief: Und bis wir uns wiedersehen …halte Gott Dich… Ich schaue ihnen nach. Tatsächlich: Sie leuchten.

 

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Warum starren die alle nach oben? Beim Spazierengehen im Freiburger Sternwald sehe ich von weitem eine bunt gemischte Gruppe von Leuten. Anscheinend ohne Grund starren alle in die Luft. Als ich nahe genug dran bin, starre ich genauso nach oben.

Da hängen in einem Baum mindestens 15 Gitarren. Einfach so. Mit ihren hölzernen Klangkörpern baumeln sie sachte im Wind. Manche hängen bestimmt 10 Meter hoch. Wer hat die aufgehängt? Und warum?

Wir beginnen miteinander zu reden. Mitten auf dem Waldweg vor dem Baum mit den Gitarren. Leute, die sich sonst höchstens flüchtig zugenickt hätten. Jetzt spekulieren wir wild durcheinander und erzählen uns andere skurrile Erlebnisse mit Kunst und Natur.

Für eine kleine Weile sind wir uns durch diese Kunstaktion im Baum miteinander verbunden. Wir teilen unsere Begeisterung für die Idee und die Natur.

Inzwischen weiß ich, dass der Künstler Ökkes Yildirim die Gitarren in den Baum gehängt hat. Als Geschenk an die Menschen in Freiburg. Zum Staunen. Zum Darüber-Reden.

Über die Natur. Über Kunst. Über uns Menschen und die Natur. Über Gottes Schöpfung und Kunst. Mehr davon, bitte! Lieber Herr Yildirim bringen Sie uns zum Staunen und Reden!

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„Jesus kennt den Jungen, der auf dem Schulhof alleine steht. Das Mädchen, das von Germany’s Next Topmodel träumt und sich immer zu dick fühlt. Der Anzugtyp, der alles zusagt, immer atemlos und es dann nicht einhält, weil er kurz vor dem Burn-Out ist. Uns alle. Das sind wir: Gottes geliebte Gurkentruppe.

Wir gehören zu Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, der sich mit Prostituierten, Steuerbetrügern und Aussätzigen umgab.
Der ihnen zuhörte, sie tröstete und heilte. Er liebte sie, mit einer Liebe, die stärker ist als der Tod.

Ich habe Sehnsucht danach. Weil ich diese Liebe selbst brauche:
Und weil ich ahne, dass (…) Gott vielen diese Sehnsucht geschenkt hat.
Wir brauchen Gott und wir brauchen einander.
Ich brauche euch, damit ich meine Sehnsucht teilen kann. Ich brauche euch, damit ihr mich erinnert, Gott vertraut mir.
Deshalb bin und bleibe ich Teil von Kirche, von dieser Vertrauensgemeinschaft, die Jesus nachfolgt. Mit meiner ganzen Geduld!“

Aus der Predigt des Abschlussgottesdienstes des Kirchentags 2019. Quelle: https://www.kirchentag.de/aktuell_2019/sonntag/predigt/

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„Unabhängig davon, ob unser Leben hier auf der Erde katastrophal schmerzhaft und
grausam oder wunderschön prunkvoll und erheiternd ist, kommt nach dieser begrenzten Zeit gleichberechtigt für alle ein unkenntlich langer und schöner neuer Horizont.

Die Aussicht auf den Himmel verändert meine ganze Sicht auf das irdische Leben – weil es nicht alles ist, was ich zu erwarten habe, ist es auch nicht der Weltuntergang, wenn es meinen Erwartungen nicht entspricht.

Da ich überzeugt bin, dass das Beste erst noch kommt, muss ich nicht krampfhaft versuchen (mein Leben) vollzupacken oder zu verlängern.

(…) Meiner Himmels-Hoffnung nehme ich mit in die Gegenwart und versuche, im Hier und Jetzt schon mal um mich herum ein Stückchen Himmel auf Erden zu feiern.“

Aus: Samuel Koch, Steh auf Mensch! Adeo Verlag 2019, S. 182-183

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29041

„Aus Kindern werden Erwachsene, die genau sind wie Sie.
Genau wie Sie?  Wirklich?

Das Ziel ist nicht, Kinder zu solchen Erwachsenen zu machen wie Sie es sind, sondern vielmehr zu besseren Erwachsenen, als Sie es sind. (…)

Liebe Erwachsene,
Sie müssen zuhören und von Kindern lernen,
Sie müssen uns vertrauen und mehr von uns erwarten. (…)
Wir sind dir nächste Generation, diejenigen, die diese Welt weiter nach vorne bringen. (…)
Die Welt braucht Möglichkeiten für neue Chefs und neue Ideen. Kinder brauchen Möglichkeiten, zu führen und Erfolg zu haben.
Sind Sie dafür bereit?
Denn die Probleme dieser Welt sollten nicht zum Erbe der Menschheit werden.“

 

Rede von Adora Svitak (13 J.) am 13.2.2010 in: Shaun Usher (Hg.), Speeches of note.
Reden, die die Welt veränderten, Gütersloh 2019, S. 243

 

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