Manuskripte

10MRZ2020
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Gehören Sie zu den Menschen, die ungern nach dem Weg fragen? Die in einer fremden Stadt oder in einer unübersichtlichen Behörde lieber dreimal im Kreis laufen als jemand anderen anzusprechen? Das kann ich nur schwer verstehen. Ich selbst frage lieber.

Ich weiß natürlich: Wie man es am besten anstellt sich zurechtzufinden, kann jeder selbst entscheiden. Was mir aber zu denken gibt ist, dass es vielen Menschen grundsätzlich schwerfällt, um Hilfe zu bitten: Der älteren Dame zum Beispiel, die nach einem Unfall ihre Einkäufe nicht selbst erledigen kann, und mir erzählt: Ja, die meine Nachbarin hat mir schon länger angeboten zu helfen, wenn ich etwas brauche. Aber jetzt mag ich sie doch nicht darum bitten. Oder der Familie, die im Nachhinein erzählt, dass sie sich in einer schwierigen Situation ein Gespräch gewünscht hätten – aber Scheu hatten, sich im Pfarramt zu melden.

Jesus, das finde ich bemerkenswert, hat Menschen ausdrücklich ermutigt, um Hilfe zu bitten: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan (Matthäus 7,7; Lukas 11,9), heißt es in der Bergpredigt. Jesus redet dabei über das Beten. Es geht also darum, Gott um Hilfe zu bitten. Aber die Beispiele, die Jesus nennt, erzählen von ganz alltäglichen, zwischenmenschlichen Begebenheiten – im Lukasevangelium zum Beispiel davon, wie es ist, in der Nacht bei einem Freund zu klopfen und ihn um Brot zu bitten, weil unerwarteter Besuch gekommen ist.

Bittet, so wird euch gegeben: die Worte von Jesus ermutigen dazu, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sie im Gebet auch auszusprechen – und Gott damit, wie Martin Luther gesagt hat, „in den Ohren zu liegen“. Aber ich finde, die Sätze aus der Bergpredigt machen auch Mut, andere Menschen um Unterstützung zu bitten. Vielleicht ist das Bitten im Gebet dafür ja sogar eine gute Übung: Versteck dich nicht mit deinen Bedürfnissen. Teil sie mit, teile sie. Und zeige so auch anderen, dass sie sich an dich wenden dürfen, wenn sie Unterstützung brauchen.

Ich jedenfalls mache in den meisten Fällen ganz positive Erfahrungen damit, um Hilfe zu bitten. Oft ist etwas, das mir Mühe und Sorgen bereitet, für jemand anderen gar kein großes Problem. Viele – und so geht es mir ja auch – freuen sich sogar, wenn sie helfen können. Und selbst, wenn jemand nein sagt – und ich finde es wichtig, dass man das auch darf: Meist erfahre ich trotzdem Verständnis für mein Anliegen, und es ist ein gutes Gefühl, mit dem Problem nicht allein geblieben zu sein.

Deshalb möchte ich auch Sie ermutigen: Bitten Sie um Hilfe, wenn Sie Hilfe brauchen. Nur dann ist es möglich, die Erfahrung zu machen, die Jesus beschreibt: Wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan

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09MRZ2020
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Tu deinen Mund auf für die Anderen. Unter diesem Thema steht in diesem Jahr die „Woche der Brüderlichkeit“ der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Gestern hat sie begonnen hat. An vielen Orten finden in dieser Woche Veranstaltungen statt, die den christlich-jüdischen Dialog fördern und sich gegen jede Form von Rassismus und Ausgrenzung einsetzen.

Tu deinen Mund auf für die Anderen – auf dem Hintergrund der rechtsradikalen und antisemitischen Gewalttaten der letzten Monate ist dieses Motto auf traurige Weise aktuell. Mach den Mund auf, schweige nicht, wenn Unterstellungen im Raum stehen, wenn andere ausgegrenzt, beleidigt oder angegriffen werden: Gott sei Dank gibt es unserer Gesellschaft weiterhin viele Menschen, die nach diesem Motto handeln. Die demonstrieren, die Kerzen anzünden, Solidarität mit den Opfern zeigen – nach den Anschlägen in Hanau ist das wieder auf eindrucksvolle Weise deutlich geworden.

Tu deinen Mund auf für die Anderen – das Motto der „Woche der Brüderlichkeit“ hat einen biblischen Hintergrund. „Tu deinen Mund auf für die Stummen“ (Sprüche 31,8), so heißt es im Buch der Sprichwörter. In diesem Kapitel sind Weisungen für die Erziehung des künftigen Königs zusammengestellt. Ein angehender Herrscher wird unterwiesen, wie er später als gerechter König regieren soll. „Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen!“, so lautet der folgende Vers.

Wer eine Stimme hat, wer Einfluss hat und etwas bewegen kann, der soll sich für die einsetzen, die dazu selbst keine Möglichkeit haben, so verstehe ich die biblische Mahnung. Die spannende Frage dabei ist natürlich: habe ich denn Einfluss? Kann ich etwas bewegen? Ich habe das Gefühl, dass viele Leute diese Frage heute mit „Nein“ beantworten – und den Einsatz für die Anderen, wie der biblische Hintergrund nahelegt, den vermeintlich „Mächtigen“ überlassen.

Ich glaube dagegen: Es gibt diese Momente, in denen jeder und jede von uns eine Stimme hat. Wenn Kinder im Bus „du Jude“ als Schimpfwort gebrauchen. Wenn beim Familienfest allgemein auf „die Flüchtlinge“ geschimpft wird. Wenn Parteien in der Fußgängerzone Flyer mit fremdenfeindlichen Parolen verteilen. Dann bin ich gefragt – und dann sind auch Sie gefragt. Wie die Reaktion aussieht, wird bei jeder und jedem anders aussehen – von der kritischen Nachfrage bis zur vollen Konfrontation ist vieles möglich. Nur Schweigen ist, glaube ich, keine Option. Denn es gilt, den Mund aufzumachen für die Anderen. Für diejenigen, die sich in dem Moment nicht wehren können. Da sind wir gefragt – schon allein deshalb, weil auch wir einmal „die Anderen“ sein könnten.

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09FEB2020
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Was bringt mich eigentlich dazu, gut zu handeln – so, dass es auch für andere hilfreich ist? Welchen Anteil haben äußere Regeln und Sanktionen – und wie viel Motivation muss von innen herauskommen?

Die Frage ist auch oft Thema, wenn es um die Grundlagen reformatorischer Theologie geht. Die Reformatoren haben mit Paulus betont, dass der Mensch vor Gott nicht nach seinen Werken beurteilt wird, sondern der Glaube ihn gerecht macht. Das ruft Widerspruch hervor: Das funktioniert doch nicht! Warum sollte sich einer dann noch anstrengen – so fragen besonders Jugendliche oft. Ähnliche Kritik wurde

Ein wahrer Glaube, Choralbearbeitung für Orgel

Das könnte der Grund gewesen sein, warum der protestantische Kantor und Lehrer Nikolaus Herman im Jahr 1560 für seine Schüler im böhmischen Sankt Joachimsthal ein Lied gedichtet hat, das den Zusammenhang zwischen Glaube und Liebe ganz deutlich machen soll:

Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt, daraus ein schönes Brünnlein quillt,
die brüderliche Lieb genannt, daran ein Christ recht wird erkannt.

Christus sie selbst das Zeichen nennt, daran man seine Jünger kennt;
in niemands Herz man sehen kann, an Werken wird erkannt ein Mann.

Glaubt bloß nicht, so will der Lehrer seinen Schülern sagen, uns Protestanten sei es nicht ernst mit dem guten Leben. Allerdings ist die Reihenfolge entscheidend: Zuerst kommt Gottes Liebe. Wer an seine Liebe glaubt und auf seine Vergebung vertraut, der wird dadurch verändert. Und zwar so, dass sich auch das Verhalten ändert. Aus der Erfahrung von Gottes Liebe fließt, wie aus einem Brunnen, die Liebe zu anderen Menschen – und aus dieser Liebe heraus sind wir fähig, Gutes zu tun.

Mir leuchtet diese Reihenfolge ein. Und vielleicht war es nicht zufällig ein Pädagoge, der die Liedverse über den Zusammenhang zwischen der Liebe Gottes und der geschwisterlichen Liebe untereinander gedichtet hat. Vielleicht hat Nikolaus Herman – aller schwarzen Pädagogik seiner Zeit zum Trotz – auch in der Schule erlebt: Freundlichkeit und Lob motivieren seine Schüler weit mehr zu gutem Verhalten als Angst vor harten Strafen. Nur wer Liebe empfängt, kann Liebe geben.

Das gilt erst recht für die Liebe, von der das Hohe Lied der Liebe im ersten Korintherbrief der Bibel spricht. Herman fasst in seinem Lied die Quintessenz der bekannten Bibelstelle in einfachen Worten zusammen:

Ein wahrer Glaube, Choralbearbeitung für Orgel

Die Lieb ist freundlich, langmütig, sie eifert nicht noch bläht sie sich,
sie glaubt, hofft, verträgt alls mit Geduld, verzeiht gutwillig alle Schuld.

Sie wird nicht müd, fährt immer fort, kein‘ sauren Blick, kein bitter Wort
gibt sie. Was man sag oder sing, zum Besten deut‘ sie alle Ding.

So ein Verhalten kann man nicht vorschreiben oder einfordern – das wäre weder möglich noch gesund. Es muss von innen kommen – und ist nur aus Liebe möglich. Erst recht die Feindesliebe, die von Jesus in der Bergpredigt gefordert wird – auch diese Bibelverse hat Herman eingängig nachgedichtet:

Wie Gott lässt scheinen sein Sonn und regnen über Bös und Fromm,
so solln wir nicht allein dem Freund dienen, sondern auch unserm Feind.

Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit. Choral für Orgel solo, Gárdonyi, Zsolt

Die Kraft dazu, da bin ich mit Herman einig, kann man nicht aus sich selbst schöpfen, sondern nur erbitten. So wie es Herman in der letzten Strophe seines Liedes tut:

O Herr Christ, deck zu unsre Sünd und solche Lieb in uns anzünd,
dass wir mit Lust dem Nächsten tun, wie du uns tust, o Gottes Sohn.

Was geschieht, wenn das wahr wird, kann man Gott sei Dank auch bei uns an vielen Orten sehen – in den Asylkreisen oder bei den Vorlesepaten im Kindergarten, bei den Sitzwachen der Hospizdienste oder ganz aktuell in den vielen Vesperkirche im Land. Ich finde das immer wieder beeindruckend.

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12JAN2020
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Bläserpartita zu Lobt Gott, ihr Christen. 

Lobt Gott ihr Christen alle gleich in seinem höchsten Thron – wie ein Nachhall aus der Weihnachtszeit klingt dieser Choral in das neue Jahr hinein. Passt das noch? Weihnachten ist vorbei – und viele haben nach der Ruhe der Feiertage im neuen Jahr das Bedürfnis, den Blick nach vorne zu richten und neu zu starten.
Wenig bekannt ist, dass es zu dem eingängigen Weihnachtslied von Nicolaus Herman noch einen zweiten Text gibt. Einen Text, der seine Motive aus der Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland nimmt. Ein Text über das Aufbrechen, Suchen und Finden. Passend zum neuen Jahr: Auf, Seele, auf und säume nicht!

Auf, Seele, auf, Ensemble Nobiles

Auf, Seele, auf und säume nicht! Ich lasse mich von diesem Lied gerne mitnehmen – noch einmal, gemeinsam mit den Weisen, zum Kind in der Krippe, aber auch auf die neuen Wegen im neuen Jahr. Aufbrechen, ein neues Ziel suchen – das ist für mich ein guter Impuls zum Jahresbeginn. Dem jungen Theologen Michael Müller, der den Text um 1700 gedichtet hat, ging es dabei vor allem um einen innerlichen, geistlichen Aufbruch, eben einen Weg der Seele:

Lobt Gott, ihr Christen, Orgelvariation

Geh weg aus deinem Vaterhaus zu suchen solchen Herrn,
und richte deine Sinne aus auf diesen Morgenstern.
Gib acht auf diesen hellen Schein, der aufgegangen ist,
er führet dich zum Kindelein, das heißet Jesus Christ.

Michael Müller, der Dichter, hatte gerade sein Studium in Halle abgeschlossen. Dort stand er unter dem Einfluss von August Hermann Francke, einem Vordenker des Pietismus.
Auch wenn mir manches am Denken dieser Zeit fremd ist – die Art, wie Michael Müller den Weg zum Kind in der Krippe beschreibt, spricht mich an. Es geht nicht um eine äußere Ortsveränderung. Aufbrechen heißt zurückzulassen, was lähmend sein kann: Feste Gewohnheiten und eingefahrene Sichtweisen, das Kreisen um sich selbst. Geh aus dir heraus – so fordert mich eine Strophe auf, die heute nicht mehr im Gesangbuch enthalten ist. Und weiter:

Lobt Gott, ihr Christen, Orgelvariation

Drum mache dich behende auf, befreit von aller Last
und lass nicht ab von deinem Lauf bis du dies Kindlein hast.
Halt dich im Glauben an das Wort, das fest ist und gewiss;
Das führet dich zum Lichte fort aus aller Finsternis.

Der Leitstern, dem es zu folgen gilt, ist für Michael Müller „das Wort“ – das Evangelium, die gute Botschaft, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist. Was aber ist das Ziel der Reise?

„Du, du bist selbst das Bethlehem“, heißt es in einer anderen alten Strophe. Wenn die Seele ganz beim Kind in der Krippe angekommen ist, dann ist das Kind ganz in der Seele angekommen. Dann, so verstehe ich Müller, breitet sich das Gefühl, geliebt zu sein, im Herzen aus. Der Dichter selbst muss das für sich als eine große Erleichterung, ja Befreiung erlebt haben:

Bläserpartita

Hier fallen alle Sorgen hin, zur Lust wird alle Pein;
Es wird erfreuet Herz und Sinn in diesem Jesulein.

Ich glaube, ich kann nachspüren, was er meint. Die Lebensfreude, die sich ausbreitet, wenn ich in einem Moment sicher bin: Ich darf sein. Egal, was ich mitbringe, egal, was ich zurücklasse: Es ist gut, dass ich bin. Und deshalb will ich sein, wie es gut ist. Ja, in solchen Momenten öffnet sich eine Tür ins Helle und Weite. Ins Leben.

Hier ist das Ziel, hier ist der Ort, wo man zum Leben geht.
Hier ist des Paradieses Pfort, die wieder offensteht.

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04JAN2020
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Jetzt sind sie wieder überall unterwegs – die Sternsinger. Kinder und Jugendliche, die als Könige verkleidet von Tür zu Tür gehen, singen und Spenden sammeln für einen guten Zweck. Ich bin jedes Jahr fasziniert, wie viele junge Leute bereit sind, sich dafür auf den Weg zu machen – inzwischen auch in ökumenischer Verbundenheit. Bei der Sternsinger-Aktion unserer katholischen Schwestergemeinde sind auch evangelische Kinder und Jugendliche ganz selbstverständlich dabei.

Sich auf den Weg machen – davon handelt auch biblische Geschichte, von der die Sternsinger sich leiten lassen. Drei weise Männer– oder eben: Könige – aus einem fernen Land im Osten, so erzählt das Matthäusevangelium, brechen zu einer weiten Reise auf, weil eine Himmelserscheinung, ein Sternbild, sie auf die Geburt eines Königskindes hinweist. Sie werden neugierig und ziehen los. Auf der Reise erleben sie Überraschendes – und erfahren am Ziel, im Stall von Bethlehem, ein großes Glück: „Hocherfreut“ sind sie, heißt es in der Bibel, als sie den Stern über der Krippe sehen und das Kind finden.

Ich bin sicher: Vielen Kinder und Jugendlichen und ihren Begleitern, die sich in diesen Tagen als Sternsinger auf den Weg machen, geht es ähnlich. Sie sind gemeinsam unterwegs, machen neue Erfahrungen – und sie spüren das Glück, etwas Sinnvolles, ja etwas Gutes zu tun. Und zwar auf doppelte Weise: Das eine sind die Spenden, die sie sammeln – in diesem Jahr ist der Erlös der Sternsingeraktion in vielen Gemeinden für Friedens- und Bildungsprojekte im Libanon bestimmt. Das andere aber sind ihre Lieder und ihr Segen, den sie in alle Häuser bringen. Oft auch dahin, wo selten jemand klingelt und noch seltener Besuch kommt.

Ich finde die Geschichte von den Königen aus dem Morgenland – und die Begeisterung der Kinder, die in ihrem Namen unterwegs sind – wirklich motivierend. Sie macht mir Lust, mich selbst auf den Weg zu machen. Innerlich und dann auch äußerlich. Vielleicht wird es eine ganz kurze Reise, die nur in die Nachbarschaft führt. Aber auch da gibt es oft viel zu erleben und zu entdecken, wenn man den Mut hat, mal wieder zu klingeln und guten Tag zu sagen.

Und wer weiß: Vielleicht ist auch da, hinter einer beliebigen Wohnungstür, das Kind in der Krippe zu finden. Bei der älteren Dame, die so vergesslich geworden ist. Oder bei dem neuen Nachbarn, von dem man nie etwas hört. Weihnachten heißt ja: Gott wohnt bei den Menschen.

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03JAN2020
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Hingebungsvoll – ich mag dieses Wort. Vielleicht konnten auch Sie an den Feiertagen an Weihnachten oder um den Jahreswechsel wieder spüren, was es bedeutet. Wenn zum Beispiel endlich mal wieder Zeit ist, sich völlig in ein Buch oder in ein Musikstück zu vertiefen – hingebungsvoll. Ich selbst erlebe es, wenn die Spielsachen ausgepackt oder mal wieder aus dem Regal geholt werden:

Ältere Herren gehen in die Knie, um sich voller Hingabe der Carrera-Bahn zu widmen. Großmütter jagen mit Feuereifer mit Scotland Yard nach Mister X. Coole Teenager haben plötzlich kein Problem, sich mit Pantomime zum Clown zu machen. Und gestandene Männer nehmen sich frei, um Modelleisenbahnen fahren zu lassen.

In der Zeit zwischen den Jahren gelingt es manchmal auch uns Erwachsenen, die Welt um uns herum auszublenden und uns ganz und gar zweckfrei einer Sache zu widmen. Hingebungsvoll zu spielen – wie es sonst nur Kinder tun. Und ich glaube: Damit sind wir gar nicht so weit weg von der Botschaft des Weihnachtsfestes. Denn im Zentrum der biblischen Geschichten von Weihnachten steht ja: ein Kind.

Einfache Hirten vom nahegelegenen Feld und gebildete Herren aus fernen Ländern treffen dort im Stall von Bethlehem zusammen. Und knien, so wird erzählt, vor einem neugeborenen Kind nieder – auch sie voller Hingabe. „Wie zur Beschämung der gewaltigsten menschlichen Anstrengungen und Leistungen wird hier ein Kind in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gestellt“, schreibt der Theologie Dietrich Bonhoeffer.

Auch Jesus selbst hat später immer wieder die Kinder in den Mittelpunkt gestellt: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein wie ein Kind, wird nicht hineinkommen, hat er gesagt.

Deshalb freue ich mich jedes Mal, wenn es mir und anderen Erwachsenen wenigstens um Weihnachten herum gelingt, wieder ein wenig Kind zu werden. Wenn plötzlich der Stress und das Effizienzdenken weg sind, die sonst das Sagen haben. Wenn die Härte oder Müdigkeit weicht, die über die Wechselfälle eines langen Lebens Raum gewonnen hat – und sich dann auch die Großen vorbehaltlos und hingebungsvoll der neuen Rennbahn oder dem alten Brettspiel widmen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es eine Chance des Älterwerdens ist, dass das wieder leichter gelingt. Nicht umsonst verstehen sich Großeltern und Enkel oft so gut.

Vielleicht kommen wir auf dieser Reise zurück in die eigene Kindheit ja auch dem Kind in der Krippe ein wenig näher. Denn, so hat Jesus selbst gesagt: Den Kindern steht Gottes Welt offen. Denn Gottes Nähe kann man sich nur schenken lassen.

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02JAN2020
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Im neuen Jahr wird das anders! Haben Sie sich vorgenommen, 2020 etwas zu verändern in Ihrem Leben? Viele Menschen haben offenbar Sehnsucht danach, dass das neue Jahr auch wirklich etwas Neues bringt – und nehmen sich vor, etwas zu ändern in ihrem Leben.

Ich selbst bin mit solchen Vorsätzen eher zurückhaltend. Weil es mir meist nicht gelingt, mich daran zu halten. Aber auch, weil ich den Eindruck habe: Es ist oft gar nicht nötig, selbst große Pläne zu machen. Die Veränderungen kommen im Leben sowieso. Es genügt, die Augen offen zu halten, für das, was mit mir und um mich herum geschieht – und damit umzugehen. Die Möglichkeiten wahrzunehmen, die in jeder Veränderung liegen – auch in denen, die ich mir nicht gewünscht habe.

Die Augen offenhalten – davon erzählt auch die biblische Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland, die sich auf den Weg zum Jesuskind in der Krippe machen. Die drei Männer, besser bekannt als die Heiligen Drei Könige, sehen genau hin. Und entdecken so am Himmel eine neue Sternenkonstellation, die auf ein neugeborenes Königskind hinweist. Was genau das für sie bedeuten soll, ist zunächst unklar. Aber sie wollen es wissen. Sie nutzen die Chance und ziehen los.

Ob und wie sich in Ihrem oder in meinem Leben im neuen Jahr die Sternenkonstellation verändert, weiß ich nicht. Es gibt Momente im Leben, da ändert sich plötzlich ganz viel. Aber es gibt auch Zeiten, da sind es nur ganz kleine, unauffällige Zeichen, mit denen etwas Neues beginnt. Vielleicht begegne ich neuen Menschen? Vielleicht gibt es eine kleine Veränderung im Haus, in der Nachbarschaft oder im Beruf?

Ich möchte auf jeden Fall genau hinsehen – und offen für das Neue sein. So wie die drei Weisen, die sich auf den Weg gemacht haben. Positiv auf Veränderungen zugehen, auch wenn ich noch nicht genau weiß, was sie bringen werden. Und auch, wenn alles ganz anders ist als ich es mir vorgestellt oder vorgenommen hätte.

Die Weisen hat ihre Reise zum Kind in der Krippe gebracht – und es ist ihnen klar geworden: Hierher hat uns Gott geführt. Ich denke: Gottes Spuren gibt es auch in den kleinen und großen Veränderungen in unserem Leben zu entdecken. Das Reich Gottes ist mitten unter euch – heißt es in der Bibel. Ich glaube, es lohnt sich, genau hinzusehen.

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25DEZ2019
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Rittberger-Klas: „Kommet – ihr Hirten, ihr Männer und Frauen“, so heißt es im Weihnachtslied, das in den Stall von Bethlehem einlädt. In evas Stall in Stuttgart haben sich auch in diesem Jahr an Heiligabend wieder rund tausend Menschen einladen lassen. Um miteinander Weihnachten zu feiern – mit allem, was dazugehört: Kaffee und Gebäck, Saitenwürstle und Kartoffelsalat, Krippenspiel und Geschenke. Und einem festlichen Gottesdienst in der Stuttgarter Leonhardskirche. Seit vielen Jahren lädt die Evangelische Gesellschaft in Stuttgart zu dieser besonderen Weihnachtsfeier ein.

Herr Käpplinger, Sie sind als Vorstandvorsitzender der Evangelischen Gesellschaft nicht nur hauptverantwortlich für evas Stall, sondern Sie waren an Heiligabend auch wieder mittendrin. Was war denn für Sie persönlich der Höhepunkt des Abends?

Käpplinger: Das war der Moment, als unmittelbar vor dem Segen, am Ende des Gottesdienstes, in der Kirche eine konzentrierte Ruhe eingekehrt ist, deren Energie körperlich zu spüren war. Und nach dem Segen hat sich diese Energie im gemeinsamen Singen von O du fröhliche kraftvoll in einem wunderbaren Gemeinschaftserlebnis entladen.

Rittberger-Klas: Das war sicher ein besonderer Moment – wer kommt denn eigentlich in evas Stall und dann nachher auch in die Leonhardskirche, um dort mit ihnen Weihnachten zu feiern? Tausend Menschen, das sind ja viele – wo kommen die alle her?

Käpplinger: Es kommt die ganze Vielfalt zusammen, die gemeinsam unsere Menschheit ausmacht – wobei es schon einen Schwerpunkt gibt: Das sind Menschen, die arm sind, die allein und deshalb oft einsam sind.

Rittberger-Klas: Führt denn Armut zu Einsamkeit?

Käpplinger: Ja, Armut führt deshalb auch zu Einsamkeit, weil arme Menschen nicht unbedingt ausgegrenzt werden, aber sich ausgegrenzt fühlen. Ein kleines Beispiel: Wir laden manchmal Menschen zu uns nach Hause ein – das machen Sie vielleicht genauso wie ich. Wenn ich aber immer derjenige bin, der eingeladen wird, und ich die Gegeneinladung nie aussprechen kann, dann kann es dazu führen, dass ich mich von allein zurückziehe, weil ich mich schäme. Ich kann nichts zurückgeben, dieses Gefühl „ich kann nicht so wie die anderen“, verstärkt zur Armut dazu das Gefühl des Nicht-Dazugehörens – und in der Folge führt das zur Einsamkeit.

Rittberger-Klas: Sind es denn nur arme Menschen – oder sind auch ganz andere Leute dabei, die auch gerne so Weihnachten feiern, in dieser besonderen Weise – oder es auf jeden Fall tun.

Käpplinger: Es gibt ja auch die Armut an Gemeinschaft. Es sind auch Menschen darunter, die alleine leben, deren Geldbeutel vielleicht gar nicht so angespannt ist, aber die niemanden haben, mit dem sie gemeinsam diesen Tag, dieses besondere Fest verbringen können. Und dann suchen sie die Gemeinschaft, die Nähe zu anderen, um zu spüren: Ich bin gar nicht alleine.

Rittberger-Klas: Der christliche Glaube setzt ja in vielen seiner Ausdrucksformen auf Gemeinschaft – das fängt an beim Gottesdienst, ganz besonders, wenn Abendmahl gefeiert wird. Ein symbolisches gemeinsames Essen mit im Zweifelsfall fremden Menschen. Kommunion sagt man in der katholischen Kirche – Gemeinschaft, der Name ist Programm.

Ist das in unserer hochindividualisierten Gesellschaft ein Problem, das wir als Christen und als Kirche so sehr das Gemeinsame betonen, obwohl das vielleicht viele gar nicht mehr wollen: zur selben Zeit dasselbe tun. Oder ist es andersherum gerade heute eine Chance, das zu betonen?

Käpplinger: Ich möchte die Chance betonen. Ich nehme nämlich wahr, dass es viele Menschen gibt – gerade in unserer hochindividualisierten Gesellschaft –, die danach suchen und streben, gemeinsam mit anderen Menschen Dinge zu erleben und zu teilen – und zwar durchaus zur gleichen Zeit und am gleichen Ort. Denken Sie an Events wie Rock am Ring, Großkonzerte in Stadien – oder die wöchentlichen Inszenierungen rund um Fußballspiele. Dort gibt es feste Rituale – da gehört übrigens auch das gemeinsame Singen dazu! Beim Stall erleben unsere Besucherinnen und Besucher genau das: Viele andere kommen so wie ich zusammen. Wir warten gemeinsam auf die Stunde, in der Gott ein Mensch wird, und wir freuen uns darüber, nicht allein, sondern zusammen mit den anderen – und dann macht es viel mehr Spaß.

Rittberger-Klas: Wenn Sie auf die biblische Überlieferung schauen – was ist für Sie die wichtigste Geschichte oder der wichtigste Gedanke, wenn es ums Thema Gemeinschaft geht?

Käpplinger: In unserem Alltag sind es ja meist recht homogene Gruppen, in denen wir zusammenkommen, um gemeinsam etwas zu erleben oder gemeinsam etwas zu tun. In der Bibel sind es dagegen oft ganz unterschiedliche Menschen, die da zusammengebracht werden – und dadurch entsteht eine ganz andere Form von Gemeinschaft, nämlich die Gemeinschaft der Verschiedenen, die einzig geeint werden durch den Glauben an Gott, den Schöpfer, der in Jesus ein Mensch wird wie wir.

Rittberger-Klas: Haben Sie da eine Geschichte vor Augen, wo das besonders deutlich wird?

Käpplinger: Ja, ich denke da immer an die Erzählung von Zachäus. Von diesem Zöllner, der reich war, aber ausgegrenzt, weil die anderen Menschen ihn mieden – aus durchaus guten Gründen. Und was macht dann Jesus: Er lädt sich zu ihm nach Hause ein an seinen Tisch, er übt Gemeinschaft mit ihm, der draußen war, und holt ich so wieder zurück in die Gemeinschaft. Und dieses Gemeinschaftserlebnis führt ja bei Zachäus dazu, dass er von selber aktiv wird. Da gibt es gar kein „du solltest, du musst mal...“, da gibt es gar keine Forderung an ihn. Er wird aus eigenem Antrieb aktiv und spürt, wie gut es tut, dazu zu gehören.

Rittberger-Klas: Der Gedanke von Gemeinschaft, das steckt ja in der Zachäusgeschichte am Ende doch auch mit drin, hat im christlichen Glauben ja auch noch den anderen, sehr praktischen Aspekt von Helfen und Teilen - der diakonische Gedanke, aus dem heraus auch die Evangelische Gesellschaft in Stuttgart entstanden ist. Wie erleben Sie es: Ist der diakonische Gedanke heute in der Gesellschaft noch plausibel? Sehen sich Menschen da selbst noch in der Verantwortung für andere, die in Not geraten?

Käpplinger: Ich glaube, der diakonische Gedanke – was bei uns als Motto heißt „Der Dienst am Nächsten“ – der ist nach wie vor nötig, damit Menschen nicht vergessen werden und auch nicht verloren gehen. Es gibt Gott sein Dank immer Menschen, die wissen und wahrnehmen, dass ihr persönliches Wohlergehen auch eine Verantwortung beinhaltet. Und zwar für die Mitmenschen, denen es weniger gut, ja denen es schlecht geht. Manche engagieren sich deshalb ehrenamtlich und bringen ihre Zeit und ihr Know-How ein. Manche ergreifen einen sozialen Beruf und kümmern sich professionell um die Wahrung der Würde des Mitmenschen. Und wieder andere unterstützen Einrichtungen wie die eva, indem sie uns von ihrem Geld abgeben und so unsere Arbeit, diesen „Dienst am Nächsten“, erst möglich machen.

Rittberger-Klas: Nochmal zurück ganz konkret zur Weihnachtsfeier in evas Stall. Was nehmen Sie mit aus diesen Stunden, die sie da gemeinsam mit so unterschiedlichen Menschen verbringen für den Rest des Jahres?

Käpplinger: Im Johannesevangelium heißt es einmal: Der Wind weht, wo er will – damit ist ja der Heilige Geist gemeint, der weht, wo er will. Im Stall, da weht dieser Wind. Da ist es zu spüren und bewirkt, dass Menschen, die sonst oft einsam sind – und sich auch so fühlen – sich getragen fühlen. Wie mit Flügeln unter den Armen, aufgehoben in einer Gemeinschaft, die man nicht anordnen kann, die man nur erleben kann. Und dass, obwohl ihre Probleme, zum Beispiel die Tatsache, dass sie arm sind und dass sie am Rande, teilweise außerhalb unserer Gesellschaft leben müssen, damit nicht beseitigt wird. Ich nehme daraus mit, dass wir täglich für die Würde aller Menschen einzustehen haben. Und ich nehme daraus mit, dass unsere Arbeit – das Gebet und die Tat, also dieser Einsatz im Dienst am Nächsten, sehr sinnvoll ist und bleibt.

 

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17NOV2019
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Coro piccolo
Die Herrlichkeit der Erden muss Rauch und Asche werden. Düstere Worte – passend zum düsteren November mit seinen Feiertagen, die um Schuld, Tod und Trauer kreisen. Memento mori – bedenke, dass du sterben musst – so mahnen die Barockverse, die Andreas Gryphius zur Melodie eines alten Volksliedes gedichtet hat.

Coro piccolo

In den düster wirkenden Versen steckt aber durchaus auch Lebensbejahendes. Eigentlich, so verstehe ich Gryphius, handelt das Lied nämlich weniger vom Sterben als vielmehr vom Leben davor:

Orgel, Max Reger op. 135

Der Ruhm, nach dem wir trachten, den wir unsterblich achten,
ist nur ein falscher Wahn;
sobald der Geist gewichen und dieser Mund erblichen,
fragt keiner, was man hier getan.

Es hilft kein weises Wissen, wir werden hingerissen
ohn einen Unterschied.
Was nützt der Schlösser Menge? Dem hier die Welt zu enge,
dem wird ein enges Grab zu weit.

Worum geht es im Leben eigentlich? Wie soll ich leben, damit ich gut sterben kann? Ruhm, Wissen, reicher Besitz – all das wird im Angesicht des Todes unwichtig. Entscheidend ist dagegen die innere Einstellung zum Leben. Bin ich zufrieden mit dem, was ich bin und habe – egal, was und wieviel es ist? Dem hier die Welt zu enge, dem wird ein enges Grab zu weit. Für mich ist das der stärkste Satz des Liedes. Wer das Leben hier und jetzt gering schätzt, dem wird das Sterben schwer.

Klavierimprovisation

Auf, Herz, wach und bedenke, dass dieser Zeit Geschenke
den Augenblick nur dein.
Was du zuvor genossen, ist als ein Strom verschossen;
was künftig, wessen wird es sein?

Nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft leben, sondern den Augenblick wahrnehmen und wertschätzen: das ist die Kunst des Lebens, die auch beim Sterben hilft. Weil sie uns mit dem verbindet, der Leben und Sterben in der Hand hält. Oder, um es mit einem anderen Vers von Andreas Gryphius zu sagen:

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen;
der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
so ist der mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht.

Ihm zu vertrauen – darin findet auch Gryphius Halt. Wohl dem, der auf ihn trauet – so heißt es in der letzten Strophe des Liedes:

Coro piccolo

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Musikangaben:

Coro piccolo, Strophe 1, M0472059-016
Coro piccolo, Strophe 2 (Text Strophe 7), M0472059-016
Orgel, Max Reger op. 135, Archivnummer M0012581(AMS),
Klavierimprovisation M0472059-002
Coro piccolo, Strophe 3, (Text Strophe 10) M0472059-016

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20OKT2019
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The Steeles
Mein kleines Licht – ich werde es scheinen lassen. Ein schlichter Satz, der durch den Gospel-Song weltberühmt geworden ist. This little light of mine – der US-Amerikaner Harry Dixon Loes hat das Lied in den 1920ern wohl ursprünglich für Kinder geschrieben. Aber bald schon haben es alle gesungen, Junge und Ältere, Gottesdienstgemeinden ebenso wie die Demonstranten der Bürgerrechtsbewegung in den USA.

Mein kleines Licht – ich werde es scheinen lassen. Ein schlichter Satz, aber ein großer Vorsatz. Zum Klingen gebracht mit Musik, die bewegt und gute Laune macht. Mir auf jeden Fall. This little light of mine - wo immer ich hingehe, ich werde es scheinen lassen:

The Steeles

Was mir an diesem Gospel besonders gefällt, ist die Botschaft, die dahintersteckt. Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten (Matthäus 5,16) – dieser Satz von Jesus aus der Bergpredigt hat Harry Dixon Loes inspiriert. Ihr seid das Licht der Welt, sagt Jesus zu seinen Zuhörern. Jeder und jede von euch kann und soll etwas beitragen, um die Welt heller zu machen. Niemand braucht oder soll sein Licht „unter den Scheffel“ stellen.

Im Lied steckt allerdings noch ein zweiter Gedanke. Um ihn zu entdecken, muss man ein bisschen weiter hören. Viele Fassungen lassen ihn aus – manche beschränken sich auf den Anfangssatz. Der Rockmusiker Bruce Springsteen singt in seiner Aufnahme davon:

Bruce Springsteen

Jesus gave me the light. Das Licht kommt nicht einfach aus mir selbst heraus. Und es scheint auch nicht heller, wenn ich mir besondere Mühe gebe. Das Licht kommt von Gott – und ist ein Geschenk. Der Gospel-Text beschreibt, wie es eine ganze Woche voll göttlicher Zuwendung braucht, damit das Licht am Ende strahlen kann: Am Montag schenkt Gott die Gabe der Liebe, am Dienstag den Frieden von oben. Am Mittwoch sagt er: Hab mehr Vertrauen. Am Donnerstag schenkt er Gnade, am Freitag ermutigt er: Sei aufmerksam und bete. Am Samstag schenkt Gott die richtigen Worte – und am Sonntag dann die Kraft, das Licht leuchten zu lassen.

Bruce Springsteen.

Jesus gave me the light. Für mich ist dieser Teil der Botschaft wichtig. Weil er mich davon entlastet, mich immer mehr anzustrengen, um heller zu strahlen. Weil er mich davor bewahrt, mich selbstzufrieden im Schein meines kleinen Lichts zu sonnen – aber auch dankbar macht, wenn ich das Gefühl haben, leuchten zu können.

This little light of mine, I’m gonna let it shine – und wenn mein Licht, auch wenn es klein ist, so positive Energie verbreitet wie der Gospel-Song, dann bin ich zufrieden.

The Steeles

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