Manuskripte

06MAI2020
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Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Das sagt Jesus. So steht im biblischen Buch der Offenbarung. Vor kurzem bin ich zufällig auf diesen Satz gestoßen – und daran hängen geblieben. Wahrscheinlich, weil mich das Bild beschäftigt in Zeiten, in denen fast nie jemand vor der Tür steht und ich auch selbst nirgends klopfen oder klingeln sollte.

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Als erstes hat mich der Satz von Jesus aus der Bibel daran erinnert, was gerade fehlt. Vor allem der zweite Teil, wo es weiter heißt: Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und mit ihm essen und er mit mir. Die eigene Tür aufmachen oder woanders zu Gast sein, unterschiedliche Menschen treffen, zusammen essen und trinken – seit das kaum noch möglich ist, merke ich erst so richtig, wie schön und kostbar es ist, mit anderen zusammen am Tisch zu sitzen. So richtig, beim Essen, und nicht nur am Computer. Nicht umsonst ist „Tischgemeinschaft“ in der Bibel der Inbegriff von Lebensfreude, aber auch von Frieden und Versöhnung.

Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass der Bibelvers für mich in diesen Zeiten auch etwas Tröstliches hat. Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn Jesus das sagt, dann steckt dahinter die Vorstellung, dass Gott immer da ist. Ganz in der Nähe, quasi vor meiner Tür. Auch wenn da sonst gerade Leere herrscht. Und gerne hereinkommt. Auch, wenn sonst niemand da ist.

Schließlich hat mich der Satz aus der Bibel aber auch noch in einer ganz anderen Richtung ins Nachdenken gebracht: Gibt es gerade in diesen Wochen vielleicht auch andere Klopfzeichen, die ich hören könnte? Klopfzeichen, die mich innerlich erreichen können – weil um mich herum weniger Lärm und Betrieb herrscht als sonst? Vielleicht wäre jetzt die Gelegenheit, mal den Gedanken die Tür aufzumachen, deren Klopfen ich sonst geflissentlich überhöre – weil sie mir im Alltag zu abwegig scheinen. Gedanken, wie ich zum Beispiel anders, nachhaltiger, leben könnte.

Vielleicht lade ich dadurch, dass ich das zulasse, tatsächlich auch Jesus zu mir ein. Mit seinen sperrigen und herausfordernden Ideen – der Idee zum Beispiel, dass Vertrauen die Basis des Lebens ist. Und mit den Gefühlen, die er mitbringt – der Selbstliebe zum Beispiel, die die Grundlage der Nächstenliebe ist.

Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an. Ich glaube es tut gut, sich jetzt Zeit für die leisen Klopfzeichen zu nehmen, die sonst leicht zu überhören sind. Nicht immer ist es angenehm, was einem da begegnet. Aber ich bin sicher, dass sich auch wichtige Impulse daraus ergeben können.

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05MAI2020
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Vielleicht steht auch bei Ihnen in der Nähe einer dieser beeindruckend schönen Baumriesen: Mammutbäume. Was denken Sie – wie viele dieser stattlichen Bäume kann man pflanzen, wenn man ein Pfund Mammutbaumsamen hat?

Diese Frage hat schon im Jahr 1864 die königliche Bau- und Gartendirektion in Württemberg beschäftigt. Mit erstaunlichem Ergebnis. Auf Wunsch von König Wilhelm bestellten seine Fachleute in den USA Samen der in Europa erst kurz zuvor bekannt gewordenen Baumart. Ein Pfund davon, so erzählt eine Variante dieser amüsanten Geschichte, schien ihnen eine gute Menge zu sein. Denn Samen von Mammutbäumen, die bis zu 100 Metern hoch werden können, so die naheliegende Annahme, müssten eine gewisse Größe und damit auch ein gewisses Gewicht haben.

In Wirklichkeit aber haben die Samen am ehesten die Form einer zu klein geratenen Haferflocke – und sind federleicht. Das bestellte Pfund Samen hätte für bis zu 10 000 Jungbäume gereicht. Die Setzlinge wurden in der Stuttgarter Wilhelma aufgezogen und im ganzen Land verteilt. Tatsächlich sind bis heute in Württemberg etwa 200 dieser über 150 Jahre alten Mammutbäume zu finden.

Als ich davon gehört habe, habe ich mir so einen winzigen Mammutbaumsamen zum ersten Mal bewusst angesehen. Seitdem stehe ich erst recht staunend vor den riesigen Bäumen. Und ich muss an das biblische Gleichnis vom Senfkorn denken, das Jesus erzählt hat: Er hat das unscheinbare Senfkorn als Bild gebraucht: Aus dem winzigen Samen wächst ein ganzer Baum, der sogar Vögeln ein Zuhause gibt. So, hat Jesus gesagt, ist es auch mit dem „Reich Gottes“, mit Gottes neuer, bessere Welt, die im Kommen ist: Die Anfänge sind bescheiden, manchmal kaum sichtbar. Aber es wird etwas Großes draus.

Unscheinbare Zeichen, kleine Anfänge, in denen viel Potential steckt – die gibt es, glaube ich, immer wieder im Leben. Gerade jetzt in den letzten Wochen. Die kleinen Balkonkästen und Beete, in denen, wie auch bei uns im Garten, jetzt Gemüse gepflanzt wird. Vielleicht bewirken die auch im Großen ein Umdenken, ob jede Tomate quer durch Europa gereist sein muss. Oder die gewissenhaften Anrufe der Enkel bei den Großeltern, um sie aufzumuntern und den Kontakt zu halten – vielleicht vertieft sich dadurch ja insgesamt der Zusammenhalt unter den Generationen.

Kleine Anfänge, aus denen Großes werden kann. Es kommt darauf an, sie nicht zu übersehen. Die winzigen Mammutbaumsamen, die ich in einem Glas auf dem Schreibtisch stehen habe, erinnern mich daran, aufmerksam zu bleiben – und das Kleine nicht gering zu schätzen.

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04MAI2020
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Was ist eigentlich mit den Glocken? Sollen sie am Sonntag weiter läuten? Auch wenn kein Gottesdienst ist? So haben viele Kirchengemeinden sich im März gefragt. Schnell war klar: Die Glocken läuten weiter. Auch am Sonntagmorgen um 10 Uhr. Obwohl in der Kirche kein Gottesdienst gefeiert wird. Oder gerade deshalb.

Tatsächlich habe ich in Gesprächen festgestellt: Viele Menschen hören in den letzten Wochen sehr bewusst auf die Kirchturmglocken. Für die, die viel – und vielleicht sogar allein – zuhause sind, sind die Glocken oft eine Art hörbarer Gruß von draußen. Ein Gruß, der tröstlich sein kann, weil er mit anderen in der Nachbarschaft und im Ort verbindet. Wenn das volle Glockengeläut am Sonntagmorgen zu hören ist, tut es manchen gut zu wissen, dass jetzt auch in anderen Häusern gebetet, gesungen oder ein Bibeltext gelesen wird. Und abends um sieben, nach dem Abendläuten, singen oder musizieren bei uns im Ort Nachbarn zusammen, mit Abstand, auf dem Balkon, am offenen Fenster oder auf der Straße. Es sind auch viele dabei, für die die Kirchenglocken sonst keine große Rolle spielen. Jetzt warten alle gemeinsam auf das Startsignal vom Kirchturm.

So tun die Glocken in der Corona-Zeit das, was sie von jeher getan haben: Sie strukturieren den Tag und erinnern an Zeiten der Gemeinschaft. Und machen uns so bewusst, dass das Leben und die Welt größer sind als das, was uns gerade vor Augen liegt. Damit schaffen die Glocken eine Verbindung zwischen Menschen – und vielleicht auch eine Verbindung zwischen Himmel und Erde.

Welche Botschaft wir im Klang der Glocken dann hören, ist sicher für jede und jeden unterschiedlich. Mir gefällt der Gedanke, den Bob Dylan in seinem Lied „Chimes of Freedom“ – „Glocken der Freiheit“ – besungen hat. Die Glocken, so heißt es in einer deutschen Nachdichtung seiner Verse: „Sie erklingen für die Schwachen, die gebrechlichen Kranken. Sie klingen für Wächter und Beschützer der Gedanken, für den vergessenen Maler, dessen Werke versanken.“ Und: „Sie läuten für die Verletzten, die nichts und niemand heilt, für die Verirrten, Verwirrten und jeden, der ein ähnliches Schicksal teilt. Und für jeden verzweifelten Menschen auf der ganzen weiten Welt.“

Ich glaube, es ist gut, daran zu denken, wenn in diesen Tagen Glocken läuten. Und vielleicht auch das zu tun, woran Glocken uns Menschen seit alters her auch erinnern: zu beten. Für uns selbst und die anderen.

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03MAI2020
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Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau‘ ich und fürcht‘ mich nicht.

Wenn ich mir überlege, was mir in den letzten Wochen ohne Gottesdienste in unserer Kirche besonders gefehlt hat, dann lande ich schnell bei diesem Taizé-Lied. Wir singen es jeden Sonntag nach dem so genannten Stillen Gebet – und für mich ist dieser gemeinsame Gesang immer ein besonders anrührender Moment im Gottesdienst.

Meine Hoffnung und meine Freude

Meine Hoffnung und meine Freude – der Text des Liedes nimmt einen Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja auf: Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil (Jesaja 12,3), heißt es da. Der Vers ist auch in der Bibel Teil eines Dankliedes. Die es singen, loben Gott – für ihre Rettung vor den Feinden. Aber vielleicht nicht nur dafür. Sondern auch für die Hoffnung auf echten Frieden, die sie haben dürfen. Denn im Kapitel zuvor schildert der Prophet auch seine berühmte Vision einer friedlichen Welt, in der die Wölfe bei den Lämmern wohnen (Jesaja 11,1-10)

Die Hoffnung, die das Taizélied besingt, hat also einen weiten Horizont. So wie auch die Gemeinschaft von Taizé selbst, die Christen verschiedener Konfessionen aus der ganzen Welt zusammenbringt. Wie alle Taizélieder ist deshalb auch „Meine Hoffnung und meine Freude“ in viele verschiedene Sprachen übersetzt worden. Das Original aber ist in katalanischer Sprache:

El Senyor

Der weite Horizont des Liedes gefällt mir. Der weite Horizont der Hoffnung auf eine bessere Welt, die in ihm steckt. Einer Welt, in der Menschen friedlich und vertrauensvoll miteinander – und mit der ganzen Schöpfung – leben. Und mir gefällt auch der Horizont der weltweiten Christenheit, der meine kleine Welt mit der großen verbindet.

Am meisten aber beeindruckt mich an dem Lied die unerschrockene Zuversicht, die es ausdrückt: Christus, meine Zuversicht – auf dich vertrau‘ ich und fürcht‘ mich nicht! Ein so furchtloses Gottvertrauen – das habe ich nicht. Aber trotzdem – oder gerade deshalb – singe ich das Lied so gerne mit anderen gemeinsam im Gottesdienst. Weil ich dann den Eindruck habe: Die anderen singen es auch ein bisschen für mich. Und tragen so meine Ängstlichkeit und meine Zweifel mit – und vertreiben sie sogar.

Christus, meine Zuversicht – auf dich vertrau‘ ich und fürcht‘ mich nicht! Wenn ich das ganz allein singen müsste, würde es sich nicht richtig anfühlen. Gemeinsam mit anderen aber wird es wahr. Und macht Mut, frei zu reden – und zu handeln. Und so ein klein wenig an der besseren Welt mitzuwirken, auf die ich hoffe.

El Senyor

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10APR2020
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Ein Gespräch mit Klinikseelsorger Joachim Schmid, Tübingen

– ein Gespräch mit dem Tübinger Klinikseelsorger Joachim Schmid und Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas von der Evangelischen Kirche.

Rittberger-Klas:
Der Karfreitag ist ein äußerst sperriger Feiertag. Die Geschichte vom Sterben Jesu erzählt von Schuld und Sühne, vom Leiden und von der Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind. Alles keine angenehmen Themen. Der Karfreitag stellt vieles in Frage. Und er lässt einen – auf jeden Fall mich – mit vielen Fragen zurück. Über den Karfreitag spreche ich heute mit Joachim Schmid. Er ist evangelischer Pfarrer und Krankenhausseelsorger an der Tübinger Uniklinik.
Herr Schmid, Sie sind schwerpunktmäßig auf den Stationen der psychiatrischen Klinik unterwegs. Dort haben Sie mit Menschen in besonderen Krisensituationen zu tun. Welche Erfahrungen machen Sie da mit dem Karfreitag?

Schmid:
Viele psychisch erkrankten Menschen leiden unter extremen Schuldgefühlen. Besonders in depressiven Phasen ist das bedrückende Gefühl übermächtig, anderen Menschen, sich selbst und auch Gott nicht zu genügen. In Psychosen kann das dann soweit gehen, dass Patienten unter Wahnvorstellungen und Stimmen leiden, die ihnen sagen, dass sie verantwortlich seien für Schreckliches und Böses in der Welt. Ich habe einen Patienten kennengelernt, der mir sagte, er hätte Jesus ans Kreuz geschlagen. Eine andere Patientin äußerte sich wütend und bedrückt zugleich, etwa so: „Ich will aber nicht, dass da an Karfreitag ein anderer für mich stirbt! Ich will überhaupt nicht, dass jemand leidet und stirbt.“ Ich kann das auch nachvollziehen, unabhängig von einer Krankheit.

Rittberger-Klas:
Der Karfreitag als Herausforderung, ja als Überforderung – ich glaube, das geht durchaus auch anderen Menschen so, die nicht an einer psychischen Erkrankung leiden. Nicht wenige Menschen haben ja mit der Betonung der Sünde in der Kirche ihre Probleme. Ich glaube, es ist gut, diese Empfindungen ernst zu nehmen. Vielleicht mahnt uns das, mit der Wucht der Karfreitagsthemen „behutsam“ umzugehen, ohne sie zu verdrängen...

Schmid: Den anderen mit seinen, mit ihren Gefühlen und Gedanken annehmen, darin sehe ich meine Aufgabe als Seelsorger allgemein – aber natürlich besonders in der Psychiatrie. Es gibt nicht wenige Patienten – und das nicht nur in der Psychiatrie – die ihre Krankheit als eine Strafe Gottes ansehen oder sogar erleben. Dagegen möchte ich – gerade in unseren Tagen – daran festhalten: Krankheit, egal welche, ist keine Strafe Gottes. Die ersten Christen haben den Kreuzestod Jesu mit dem alten Prophetenwort von Jesaja gedeutet: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden haben.“ (Jesaja 53,5) Christen erkennen im Kreuz die Befreiung von Sünde und die Befreiung von Bestrafung durch Schicksalsschläge. Das Kreuz Jesu steht für mich als Zeichen der Versöhnung und des Friedens.

Rittberger-Klas:
Sie sind nicht nur in der Psychiatrie unterwegs, sondern auch auf andere Stationen in der Klinik. Erleben Sie da auch Situationen, wo Patientinnen und Patienten die Geschichte vom Karfreitag für sich als hilfreich, als tröstlich empfinden?

Schmid:
Neulich sagte mir eine Tumorpatientin, die erfolgreich operiert werden konnte, aber dennoch eine unsichere Prognose hat, dass sie gerade in der Passionszeit auch eine Dankbarkeit für das Leben spüre, das ihr noch geschenkt ist. Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen ihr Leid in der Krankheit in den Horizont des Leidens Jesu am Kreuz bringen: Da ist einer, der selbst leidet, ja sogar den grausamen Foltertod stirbt, und der mich nicht verlässt in dem, was mir widerfährt, sondern mir zur Seite steht.
Ein junger Mann, der von meiner Kollegin in seinen letzten Tagen seelsorgerlich begleitet wurde, und in seinem Leben immer zuversichtlich im Glauben war, hatte an Karfreitag plötzlich keine Kraft mehr zu beten. Geholfen hat ihm die Zusage, dass Christus selbst nun in ihm betet und singt. Ich bleibe hier und wache mit dir, wache und bete – also eine Abwandlung des Taizé-Liedes, darin konnte sich der junge Mann aufrichten und seinen Frieden finden.

Rittberger-Klas: Was bedeutet für Sie persönlich Karfreitag? Hat sich Ihr eigener Zugang zur Geschichte vom Sterben Jesu auch verändert durch ihre Arbeit in der Klinik?

Schmid:
Es ist mir bewusster geworden: Gott selbst leidet und stirbt am Kreuz. In einem alten Kirchenlied hieß es früher: „O große Not, Gott selbst liegt tot“. Es wurde dann etwas abgemildert später zu „Gotts Sohn liegt tot“. Aber dass Gott selbst leidet, dass Gott nicht nur allmächtig ist, sondern ohnmächtig stirbt, seine Verlassenheit klagt – in Jesu Worten „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – das erlebe ich in schweren seelsorgerlichen Situation als sehr tröstlich. Es gibt keinen Ort und keine Not, weder in der Klinik noch sonst wo, wo Gott nicht sagt: „Ich bin da, ich bin bei dir. Selbst im Tod verlasse ich dich nicht!“

Oder lassen Sie mich mit dem bekanntesten Patienten der Psychiatrie antworten, mit dem Jubilar, Friedrich Hölderlin, der zu Karfreitag – ich habe das neulich erst entdeckt – die sehr treffenden Gedichtzeilen verfasst hat:

Allversöhnend und still mit den armen Sterblichen ging er,
Dieser einzige Mann, göttlich im Geiste, dahin.
Keines der Lebenden war aus seiner Seele geschlossen,
Und die Leiden der Welt trug er an liebender Brust.
Mit dem Tod befreundet' er sich, im Namen der andern
Ging er aus Schmerzen und Müh siegreich zum Vater zurück.

Rittberger-Klas:
Hölderlin – auch zum Karfreitag... Ich habe den Eindruck, in diesen Wochen sind ja nicht nur die Menschen, die als Patienten im Krankenhaus liegen, in einer Ausnahmesituation. In gewisser Weise ist das ganze Land im Krisenmodus, ganz besonders aber alle, die im medizinischen Bereich tätig sind. Wie erleben Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen das in der Klinik?

Schmid:
Dass Patienten keinen Besuch von ihrer Familie und von Freunden bekommen können, das ist eine sehr große Belastung. Wenn man krank ist, wünscht man sich die Nähe seiner Liebsten und nur behelfsweise kann das überbrückt werden durch Telefon oder Videoschaltung. Es bleibt aber keine andere Alternative. Wir Krankenhausseelsorger müssen auf Gottesdienst im Radio, im Internet, im Fernsehen verweisen, verteilen einen Ostergruß, eine Meditation und ein Gebet, in schriftlicher Form, und stehen den Patienten zur Seite, soweit es uns möglich ist. Das hat eine Doppeldeutigkeit, „soweit“: Die Hilflosigkeit mit auszuhalten, und dennoch nicht in einer Lähmung zu erstarren, ist keine leichte, aber eine gebotene Aufgabe. Aber ich bin überzeugt, dass Gebet und Segen auch eine räumliche Trennung überwinden.

Wir sind in diesen Tagen auch besonders für Mitarbeitende in der Pflege, für Ärztinnen und Ärzte und andere im Krankenhaus arbeitende Menschen da, stehen mit Gesprächsangeboten, Ritualen zur Seite, um die enorme Belastung auszuhalten, dass sie ausgesprochen werden kann.

Rittberger-Klas:
Sie haben das vorhin ja schon angesprochen: In der christlichen Tradition ist der Karfreitag ja nicht abgekoppelt von Ostern zu verstehen, nicht abgekoppelt von der Erfahrung von Leben, von Auferstehung, von neuem Leben. Insofern ist die Leidensgeschichte Jesu auch Teil einer Hoffnungsgeschichte. Gibt es für Sie eine Bibelstelle, die das besonders gut zum Ausdruck bringt?

Schmid:
Vielleicht kein typisches Karfreitagswort des Apostels Paulus, aber für mich spricht es gerade in diesen Tagen sehr deutlich: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ (1. Korinther 13,12)

Und weil wir, wie sie schon sagten, den dunklen Karfreitag nur im Licht von Ostern feiern können, lassen Sie mich meinen eigenen Konfirmandenspruch noch zitieren, auch von Paulus, aus dem Römerbrief: „Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben.“ (Römer 15,13)

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11MRZ2020
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Sich auf den Weg zu machen ohne zu wissen, was einen erwartet – das ist nicht leicht: Einen Besuch zu machen und nicht sicher zu sein, ob man willkommen ist. Ein Gespräch zu führen, bei dem nicht klar ist, wie die Gesprächspartnerin auf das Thema reagieren wird. Mit Menschen Kontakt aufzunehmen, die in vieler Hinsicht anders denken als man selbst. So etwas kostet mich oft Überwindung. Manchmal muss ich mich richtig innerlich darauf vorbereiten.

Mir gefällt deshalb, was Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg gegeben hat, als er sie beauftragt hat, seine Botschaft weiterzugeben. Auch die Jünger konnten nicht wissen, wie sie und ihre Worte aufgenommen werden. In dieser Situation ermutigt sie Jesus: „Wenn ihr in ein Haus kommt, sagt zuerst: Frieden sei mit diesem Haus!“ (Lukas 10,5)

Ich finde diesen Ratschlag tatsächlich hilfreich – weil er die innere Haltung verändert. Frieden sei mit diesem Haus – sicher, auch ich würde das in der Regel nicht laut aussprechen. Aber wenn ich mich mit diesem Segenswunsch im Kopf auf den Weg mache, dann komme ich innerlich anders an: Freundlicher, zugewandter. Und das strahlt in aller Regel auch auf diejenigen aus, denen ich dort begegne.

Und was noch wichtig ist: Dieser Wunsch verändert auch meine Haltung, mit der ich in die Begegnung hineingehe. Wenn ich nicht weiß, was mich erwartet, habe ich schnell das Gefühl, der Situation ausgeliefert zu sein. Mit dem Friedenswunsch dagegen werde ich aktiv, habe ich etwas zu geben. Das gibt mir Sicherheit und macht mich gelassener.

Frieden sei mit diesem Haus – Friede sei mit dir! Dieser Wunsch, sagt Jesus, soll immer am Anfang stehen. Tatsächlich ist „Frieden“ im hebräischen und arabischen Sprachraum ja eine übliche Grußformel: Schalom – Salam! Vielleicht können wir diesen Friedensgruß mitdenken, wenn wir einander „Grüß Gott“ sagen oder „Guten Tag“ wünschen.

Natürlich wird trotzdem nicht jede Begegnung, jedes Gespräch harmonisch verlaufen. Aber ich glaube: Es verändert unsere Begegnungen, wenn wir unserem Gegenüber – vor allem anderen – Frieden wünschen. Gerade weil die Welt vielfältiger und unübersichtlicher geworden ist, gibt es oft Situationen, in denen nicht vorauszusehen ist, wie sie ausgehen. Umso wichtiger ist es, selbst dazu beizutragen, dass sie friedlich verlaufen. Der Ratschlag von Jesus ist dafür, so finde ich, eine gute Grundlage: „Wenn ihr in ein Haus kommt, sagt zuerst: Frieden sei mit diesem Haus!“

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10MRZ2020
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Gehören Sie zu den Menschen, die ungern nach dem Weg fragen? Die in einer fremden Stadt oder in einer unübersichtlichen Behörde lieber dreimal im Kreis laufen als jemand anderen anzusprechen? Das kann ich nur schwer verstehen. Ich selbst frage lieber.

Ich weiß natürlich: Wie man es am besten anstellt sich zurechtzufinden, kann jeder selbst entscheiden. Was mir aber zu denken gibt ist, dass es vielen Menschen grundsätzlich schwerfällt, um Hilfe zu bitten: Der älteren Dame zum Beispiel, die nach einem Unfall ihre Einkäufe nicht selbst erledigen kann, und mir erzählt: Ja, die meine Nachbarin hat mir schon länger angeboten zu helfen, wenn ich etwas brauche. Aber jetzt mag ich sie doch nicht darum bitten. Oder der Familie, die im Nachhinein erzählt, dass sie sich in einer schwierigen Situation ein Gespräch gewünscht hätten – aber Scheu hatten, sich im Pfarramt zu melden.

Jesus, das finde ich bemerkenswert, hat Menschen ausdrücklich ermutigt, um Hilfe zu bitten: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan (Matthäus 7,7; Lukas 11,9), heißt es in der Bergpredigt. Jesus redet dabei über das Beten. Es geht also darum, Gott um Hilfe zu bitten. Aber die Beispiele, die Jesus nennt, erzählen von ganz alltäglichen, zwischenmenschlichen Begebenheiten – im Lukasevangelium zum Beispiel davon, wie es ist, in der Nacht bei einem Freund zu klopfen und ihn um Brot zu bitten, weil unerwarteter Besuch gekommen ist.

Bittet, so wird euch gegeben: die Worte von Jesus ermutigen dazu, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sie im Gebet auch auszusprechen – und Gott damit, wie Martin Luther gesagt hat, „in den Ohren zu liegen“. Aber ich finde, die Sätze aus der Bergpredigt machen auch Mut, andere Menschen um Unterstützung zu bitten. Vielleicht ist das Bitten im Gebet dafür ja sogar eine gute Übung: Versteck dich nicht mit deinen Bedürfnissen. Teil sie mit, teile sie. Und zeige so auch anderen, dass sie sich an dich wenden dürfen, wenn sie Unterstützung brauchen.

Ich jedenfalls mache in den meisten Fällen ganz positive Erfahrungen damit, um Hilfe zu bitten. Oft ist etwas, das mir Mühe und Sorgen bereitet, für jemand anderen gar kein großes Problem. Viele – und so geht es mir ja auch – freuen sich sogar, wenn sie helfen können. Und selbst, wenn jemand nein sagt – und ich finde es wichtig, dass man das auch darf: Meist erfahre ich trotzdem Verständnis für mein Anliegen, und es ist ein gutes Gefühl, mit dem Problem nicht allein geblieben zu sein.

Deshalb möchte ich auch Sie ermutigen: Bitten Sie um Hilfe, wenn Sie Hilfe brauchen. Nur dann ist es möglich, die Erfahrung zu machen, die Jesus beschreibt: Wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan

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09MRZ2020
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Tu deinen Mund auf für die Anderen. Unter diesem Thema steht in diesem Jahr die „Woche der Brüderlichkeit“ der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Gestern hat sie begonnen hat. An vielen Orten finden in dieser Woche Veranstaltungen statt, die den christlich-jüdischen Dialog fördern und sich gegen jede Form von Rassismus und Ausgrenzung einsetzen.

Tu deinen Mund auf für die Anderen – auf dem Hintergrund der rechtsradikalen und antisemitischen Gewalttaten der letzten Monate ist dieses Motto auf traurige Weise aktuell. Mach den Mund auf, schweige nicht, wenn Unterstellungen im Raum stehen, wenn andere ausgegrenzt, beleidigt oder angegriffen werden: Gott sei Dank gibt es unserer Gesellschaft weiterhin viele Menschen, die nach diesem Motto handeln. Die demonstrieren, die Kerzen anzünden, Solidarität mit den Opfern zeigen – nach den Anschlägen in Hanau ist das wieder auf eindrucksvolle Weise deutlich geworden.

Tu deinen Mund auf für die Anderen – das Motto der „Woche der Brüderlichkeit“ hat einen biblischen Hintergrund. „Tu deinen Mund auf für die Stummen“ (Sprüche 31,8), so heißt es im Buch der Sprichwörter. In diesem Kapitel sind Weisungen für die Erziehung des künftigen Königs zusammengestellt. Ein angehender Herrscher wird unterwiesen, wie er später als gerechter König regieren soll. „Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen!“, so lautet der folgende Vers.

Wer eine Stimme hat, wer Einfluss hat und etwas bewegen kann, der soll sich für die einsetzen, die dazu selbst keine Möglichkeit haben, so verstehe ich die biblische Mahnung. Die spannende Frage dabei ist natürlich: habe ich denn Einfluss? Kann ich etwas bewegen? Ich habe das Gefühl, dass viele Leute diese Frage heute mit „Nein“ beantworten – und den Einsatz für die Anderen, wie der biblische Hintergrund nahelegt, den vermeintlich „Mächtigen“ überlassen.

Ich glaube dagegen: Es gibt diese Momente, in denen jeder und jede von uns eine Stimme hat. Wenn Kinder im Bus „du Jude“ als Schimpfwort gebrauchen. Wenn beim Familienfest allgemein auf „die Flüchtlinge“ geschimpft wird. Wenn Parteien in der Fußgängerzone Flyer mit fremdenfeindlichen Parolen verteilen. Dann bin ich gefragt – und dann sind auch Sie gefragt. Wie die Reaktion aussieht, wird bei jeder und jedem anders aussehen – von der kritischen Nachfrage bis zur vollen Konfrontation ist vieles möglich. Nur Schweigen ist, glaube ich, keine Option. Denn es gilt, den Mund aufzumachen für die Anderen. Für diejenigen, die sich in dem Moment nicht wehren können. Da sind wir gefragt – schon allein deshalb, weil auch wir einmal „die Anderen“ sein könnten.

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09FEB2020
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Was bringt mich eigentlich dazu, gut zu handeln – so, dass es auch für andere hilfreich ist? Welchen Anteil haben äußere Regeln und Sanktionen – und wie viel Motivation muss von innen herauskommen?

Die Frage ist auch oft Thema, wenn es um die Grundlagen reformatorischer Theologie geht. Die Reformatoren haben mit Paulus betont, dass der Mensch vor Gott nicht nach seinen Werken beurteilt wird, sondern der Glaube ihn gerecht macht. Das ruft Widerspruch hervor: Das funktioniert doch nicht! Warum sollte sich einer dann noch anstrengen – so fragen besonders Jugendliche oft. Ähnliche Kritik wurde

Ein wahrer Glaube, Choralbearbeitung für Orgel

Das könnte der Grund gewesen sein, warum der protestantische Kantor und Lehrer Nikolaus Herman im Jahr 1560 für seine Schüler im böhmischen Sankt Joachimsthal ein Lied gedichtet hat, das den Zusammenhang zwischen Glaube und Liebe ganz deutlich machen soll:

Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt, daraus ein schönes Brünnlein quillt,
die brüderliche Lieb genannt, daran ein Christ recht wird erkannt.

Christus sie selbst das Zeichen nennt, daran man seine Jünger kennt;
in niemands Herz man sehen kann, an Werken wird erkannt ein Mann.

Glaubt bloß nicht, so will der Lehrer seinen Schülern sagen, uns Protestanten sei es nicht ernst mit dem guten Leben. Allerdings ist die Reihenfolge entscheidend: Zuerst kommt Gottes Liebe. Wer an seine Liebe glaubt und auf seine Vergebung vertraut, der wird dadurch verändert. Und zwar so, dass sich auch das Verhalten ändert. Aus der Erfahrung von Gottes Liebe fließt, wie aus einem Brunnen, die Liebe zu anderen Menschen – und aus dieser Liebe heraus sind wir fähig, Gutes zu tun.

Mir leuchtet diese Reihenfolge ein. Und vielleicht war es nicht zufällig ein Pädagoge, der die Liedverse über den Zusammenhang zwischen der Liebe Gottes und der geschwisterlichen Liebe untereinander gedichtet hat. Vielleicht hat Nikolaus Herman – aller schwarzen Pädagogik seiner Zeit zum Trotz – auch in der Schule erlebt: Freundlichkeit und Lob motivieren seine Schüler weit mehr zu gutem Verhalten als Angst vor harten Strafen. Nur wer Liebe empfängt, kann Liebe geben.

Das gilt erst recht für die Liebe, von der das Hohe Lied der Liebe im ersten Korintherbrief der Bibel spricht. Herman fasst in seinem Lied die Quintessenz der bekannten Bibelstelle in einfachen Worten zusammen:

Ein wahrer Glaube, Choralbearbeitung für Orgel

Die Lieb ist freundlich, langmütig, sie eifert nicht noch bläht sie sich,
sie glaubt, hofft, verträgt alls mit Geduld, verzeiht gutwillig alle Schuld.

Sie wird nicht müd, fährt immer fort, kein‘ sauren Blick, kein bitter Wort
gibt sie. Was man sag oder sing, zum Besten deut‘ sie alle Ding.

So ein Verhalten kann man nicht vorschreiben oder einfordern – das wäre weder möglich noch gesund. Es muss von innen kommen – und ist nur aus Liebe möglich. Erst recht die Feindesliebe, die von Jesus in der Bergpredigt gefordert wird – auch diese Bibelverse hat Herman eingängig nachgedichtet:

Wie Gott lässt scheinen sein Sonn und regnen über Bös und Fromm,
so solln wir nicht allein dem Freund dienen, sondern auch unserm Feind.

Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit. Choral für Orgel solo, Gárdonyi, Zsolt

Die Kraft dazu, da bin ich mit Herman einig, kann man nicht aus sich selbst schöpfen, sondern nur erbitten. So wie es Herman in der letzten Strophe seines Liedes tut:

O Herr Christ, deck zu unsre Sünd und solche Lieb in uns anzünd,
dass wir mit Lust dem Nächsten tun, wie du uns tust, o Gottes Sohn.

Was geschieht, wenn das wahr wird, kann man Gott sei Dank auch bei uns an vielen Orten sehen – in den Asylkreisen oder bei den Vorlesepaten im Kindergarten, bei den Sitzwachen der Hospizdienste oder ganz aktuell in den vielen Vesperkirche im Land. Ich finde das immer wieder beeindruckend.

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12JAN2020
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Bläserpartita zu Lobt Gott, ihr Christen. 

Lobt Gott ihr Christen alle gleich in seinem höchsten Thron – wie ein Nachhall aus der Weihnachtszeit klingt dieser Choral in das neue Jahr hinein. Passt das noch? Weihnachten ist vorbei – und viele haben nach der Ruhe der Feiertage im neuen Jahr das Bedürfnis, den Blick nach vorne zu richten und neu zu starten.
Wenig bekannt ist, dass es zu dem eingängigen Weihnachtslied von Nicolaus Herman noch einen zweiten Text gibt. Einen Text, der seine Motive aus der Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland nimmt. Ein Text über das Aufbrechen, Suchen und Finden. Passend zum neuen Jahr: Auf, Seele, auf und säume nicht!

Auf, Seele, auf, Ensemble Nobiles

Auf, Seele, auf und säume nicht! Ich lasse mich von diesem Lied gerne mitnehmen – noch einmal, gemeinsam mit den Weisen, zum Kind in der Krippe, aber auch auf die neuen Wegen im neuen Jahr. Aufbrechen, ein neues Ziel suchen – das ist für mich ein guter Impuls zum Jahresbeginn. Dem jungen Theologen Michael Müller, der den Text um 1700 gedichtet hat, ging es dabei vor allem um einen innerlichen, geistlichen Aufbruch, eben einen Weg der Seele:

Lobt Gott, ihr Christen, Orgelvariation

Geh weg aus deinem Vaterhaus zu suchen solchen Herrn,
und richte deine Sinne aus auf diesen Morgenstern.
Gib acht auf diesen hellen Schein, der aufgegangen ist,
er führet dich zum Kindelein, das heißet Jesus Christ.

Michael Müller, der Dichter, hatte gerade sein Studium in Halle abgeschlossen. Dort stand er unter dem Einfluss von August Hermann Francke, einem Vordenker des Pietismus.
Auch wenn mir manches am Denken dieser Zeit fremd ist – die Art, wie Michael Müller den Weg zum Kind in der Krippe beschreibt, spricht mich an. Es geht nicht um eine äußere Ortsveränderung. Aufbrechen heißt zurückzulassen, was lähmend sein kann: Feste Gewohnheiten und eingefahrene Sichtweisen, das Kreisen um sich selbst. Geh aus dir heraus – so fordert mich eine Strophe auf, die heute nicht mehr im Gesangbuch enthalten ist. Und weiter:

Lobt Gott, ihr Christen, Orgelvariation

Drum mache dich behende auf, befreit von aller Last
und lass nicht ab von deinem Lauf bis du dies Kindlein hast.
Halt dich im Glauben an das Wort, das fest ist und gewiss;
Das führet dich zum Lichte fort aus aller Finsternis.

Der Leitstern, dem es zu folgen gilt, ist für Michael Müller „das Wort“ – das Evangelium, die gute Botschaft, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist. Was aber ist das Ziel der Reise?

„Du, du bist selbst das Bethlehem“, heißt es in einer anderen alten Strophe. Wenn die Seele ganz beim Kind in der Krippe angekommen ist, dann ist das Kind ganz in der Seele angekommen. Dann, so verstehe ich Müller, breitet sich das Gefühl, geliebt zu sein, im Herzen aus. Der Dichter selbst muss das für sich als eine große Erleichterung, ja Befreiung erlebt haben:

Bläserpartita

Hier fallen alle Sorgen hin, zur Lust wird alle Pein;
Es wird erfreuet Herz und Sinn in diesem Jesulein.

Ich glaube, ich kann nachspüren, was er meint. Die Lebensfreude, die sich ausbreitet, wenn ich in einem Moment sicher bin: Ich darf sein. Egal, was ich mitbringe, egal, was ich zurücklasse: Es ist gut, dass ich bin. Und deshalb will ich sein, wie es gut ist. Ja, in solchen Momenten öffnet sich eine Tür ins Helle und Weite. Ins Leben.

Hier ist das Ziel, hier ist der Ort, wo man zum Leben geht.
Hier ist des Paradieses Pfort, die wieder offensteht.

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