Manuskripte

Coro piccolo
Die Herrlichkeit der Erden muss Rauch und Asche werden. Düstere Worte – passend zum düsteren November mit seinen Feiertagen, die um Schuld, Tod und Trauer kreisen. Memento mori – bedenke, dass du sterben musst – so mahnen die Barockverse, die Andreas Gryphius zur Melodie eines alten Volksliedes gedichtet hat.

Coro piccolo

In den düster wirkenden Versen steckt aber durchaus auch Lebensbejahendes. Eigentlich, so verstehe ich Gryphius, handelt das Lied nämlich weniger vom Sterben als vielmehr vom Leben davor:

Orgel, Max Reger op. 135

Der Ruhm, nach dem wir trachten, den wir unsterblich achten,
ist nur ein falscher Wahn;
sobald der Geist gewichen und dieser Mund erblichen,
fragt keiner, was man hier getan.

Es hilft kein weises Wissen, wir werden hingerissen
ohn einen Unterschied.
Was nützt der Schlösser Menge? Dem hier die Welt zu enge,
dem wird ein enges Grab zu weit.

Worum geht es im Leben eigentlich? Wie soll ich leben, damit ich gut sterben kann? Ruhm, Wissen, reicher Besitz – all das wird im Angesicht des Todes unwichtig. Entscheidend ist dagegen die innere Einstellung zum Leben. Bin ich zufrieden mit dem, was ich bin und habe – egal, was und wieviel es ist? Dem hier die Welt zu enge, dem wird ein enges Grab zu weit. Für mich ist das der stärkste Satz des Liedes. Wer das Leben hier und jetzt gering schätzt, dem wird das Sterben schwer.

Klavierimprovisation

Auf, Herz, wach und bedenke, dass dieser Zeit Geschenke
den Augenblick nur dein.
Was du zuvor genossen, ist als ein Strom verschossen;
was künftig, wessen wird es sein?

Nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft leben, sondern den Augenblick wahrnehmen und wertschätzen: das ist die Kunst des Lebens, die auch beim Sterben hilft. Weil sie uns mit dem verbindet, der Leben und Sterben in der Hand hält. Oder, um es mit einem anderen Vers von Andreas Gryphius zu sagen:

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen;
der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
so ist der mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht.

Ihm zu vertrauen – darin findet auch Gryphius Halt. Wohl dem, der auf ihn trauet – so heißt es in der letzten Strophe des Liedes:

Coro piccolo

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Musikangaben:

Coro piccolo, Strophe 1, M0472059-016
Coro piccolo, Strophe 2 (Text Strophe 7), M0472059-016
Orgel, Max Reger op. 135, Archivnummer M0012581(AMS),
Klavierimprovisation M0472059-002
Coro piccolo, Strophe 3, (Text Strophe 10) M0472059-016

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The Steeles
Mein kleines Licht – ich werde es scheinen lassen. Ein schlichter Satz, der durch den Gospel-Song weltberühmt geworden ist. This little light of mine – der US-Amerikaner Harry Dixon Loes hat das Lied in den 1920ern wohl ursprünglich für Kinder geschrieben. Aber bald schon haben es alle gesungen, Junge und Ältere, Gottesdienstgemeinden ebenso wie die Demonstranten der Bürgerrechtsbewegung in den USA.

Mein kleines Licht – ich werde es scheinen lassen. Ein schlichter Satz, aber ein großer Vorsatz. Zum Klingen gebracht mit Musik, die bewegt und gute Laune macht. Mir auf jeden Fall. This little light of mine - wo immer ich hingehe, ich werde es scheinen lassen:

The Steeles

Was mir an diesem Gospel besonders gefällt, ist die Botschaft, die dahintersteckt. Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten (Matthäus 5,16) – dieser Satz von Jesus aus der Bergpredigt hat Harry Dixon Loes inspiriert. Ihr seid das Licht der Welt, sagt Jesus zu seinen Zuhörern. Jeder und jede von euch kann und soll etwas beitragen, um die Welt heller zu machen. Niemand braucht oder soll sein Licht „unter den Scheffel“ stellen.

Im Lied steckt allerdings noch ein zweiter Gedanke. Um ihn zu entdecken, muss man ein bisschen weiter hören. Viele Fassungen lassen ihn aus – manche beschränken sich auf den Anfangssatz. Der Rockmusiker Bruce Springsteen singt in seiner Aufnahme davon:

Bruce Springsteen

Jesus gave me the light. Das Licht kommt nicht einfach aus mir selbst heraus. Und es scheint auch nicht heller, wenn ich mir besondere Mühe gebe. Das Licht kommt von Gott – und ist ein Geschenk. Der Gospel-Text beschreibt, wie es eine ganze Woche voll göttlicher Zuwendung braucht, damit das Licht am Ende strahlen kann: Am Montag schenkt Gott die Gabe der Liebe, am Dienstag den Frieden von oben. Am Mittwoch sagt er: Hab mehr Vertrauen. Am Donnerstag schenkt er Gnade, am Freitag ermutigt er: Sei aufmerksam und bete. Am Samstag schenkt Gott die richtigen Worte – und am Sonntag dann die Kraft, das Licht leuchten zu lassen.

Bruce Springsteen.

Jesus gave me the light. Für mich ist dieser Teil der Botschaft wichtig. Weil er mich davon entlastet, mich immer mehr anzustrengen, um heller zu strahlen. Weil er mich davor bewahrt, mich selbstzufrieden im Schein meines kleinen Lichts zu sonnen – aber auch dankbar macht, wenn ich das Gefühl haben, leuchten zu können.

This little light of mine, I’m gonna let it shine – und wenn mein Licht, auch wenn es klein ist, so positive Energie verbreitet wie der Gospel-Song, dann bin ich zufrieden.

The Steeles

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In Simbabwe stellen sich Großmütter als Seelsorgerinnen zur Verfügung. Sie sitzen einfach auf einer Bank und warten darauf, ob jemand das Bedürfnis hat, mit ihnen zu reden. Psychotherapeuten gibt es in dem krisengeschüttelten afrikanischen Land kaum, aber viel seelische Not. So kam ein Therapeut auf die Idee, Großmütter für diese Aufgabe auszubilden. Die Frauen nehmen dann auf sogenannten Freundschaftsbänken Platz und bieten an, was sie anbieten können: Zeit, Geduld zuzuhören, und die Weisheit des Alters. Meist, so berichtet eine der Großmütter, gibt sie keine konkreten Ratschläge. Es genügt, wenn sie zuhört und ihre verzweifelten Gesprächspartner dazu bringt, neu über die Situation nachzudenken und selbst Lösungen zu finden.

Mich hat diese Idee aus Simbabwe begeistert. Und ich habe gedacht: Auch bei uns, wo es viele professionelle Therapeuten gibt, wäre das eine prima Sache. Nicht nur, weil man auch bei uns auf einen Therapieplatz manchmal lange warten muss. Sondern vor allem, weil es oft Überwindung kostet, sich professionelle Hilfe zu suchen. Sich dagegen zunächst mal probeweise zu einer freundlichen Oma auf die Seelsorgebank zu setzen, das würde auch mir leichter fallen.

Das Schöne ist: Ein Teil der Idee wird bei uns schon umgesetzt. Seit einigen Jahren gibt es in unserer Kirche eine Ausbildung für „Ehrenamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger“. Ganz normale Menschen aus unterschiedlichen Berufen, mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen erklären sich bereit, anderen zuzuhören – im Krankenhaus, im Altenheim oder bei Besuchen in der Kirchengemeinde. Auch aus unserer Gemeinde haben schon zwei Frauen diese Ausbildung gemacht – und sind jetzt, wenn man so will, auch Seelsorge-Großmütter. Was wohl passieren würde, wenn Sie sich einfach im Dorf auf eine Bank setzen und auf Gespräche warten würden?

Die Erfahrungen der Großmütter aus Simbabwe machen inzwischen Schule in anderen Ländern, nicht nur in Afrika. Auch in New York gibt es inzwischen Freundschaftsbänke, wo Seelsorge-Gespräche stattfinden können.

Ich auf jeden Fall finde das Konzept sehr ermutigend, weil es zeigt: Um anderen Menschen im Gespräch weiterzuhelfen, muss man kein Profi sein. Jeder und jede kann das – mit etwas Ausbildung. Es genügen Zeit, Geduld und Lebenserfahrung. Schön, wenn diese Art der Gesprächskultur wieder auflebt. Nicht nur in der Kirche.

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Wen wollen wir eigentlich dabeihaben? Wer soll – oder darf – bei uns dazugehören und mitmachen? Egal ob in der Jogging-Gruppe, in einer Firma, im Chor oder im Ortsverein einer Partei – wo immer Menschen zusammenkommen, stellt sich diese Frage. Wie beantwortet eine Gruppe das? Meistens fragt man weiter: Passt der zu uns? Ist die fit genug? Trägt der zu einem guten Betriebsklima bei?

Aber entscheiden wir wirklich danach, ob eine neue Person mitmachen lassen?Eine Soziologin hat mir das neulich anders erklärt. An einem Denkmodell, das mir plausibel scheint. Es geht von zwei Kindern im Sandkasten aus, die miteinander spielen. Ein drittes Kind kommt dazu und möchte mitspielen. Was tun die beiden Kinder, um zu entscheiden, ob sie das dritte mitspielen lassen? Man könnte meinen, dass sie versuchen, das neue Kind einzuschätzen: Passt der zu uns? Sieht er nett aus, ist er so alt wie wir?

In Wirklichkeit aber, so sagt es die Theorie, sind nicht die Eigenschaften des neuen Kindes entscheidend – über die können sie ja auch nur Vermutungen anstellen. In Wirklichkeit überlegen die zwei spielenden Kinder intuitiv, wie gut ihre Beziehung zueinander ist: Sind wir so gute Freunde, dass wir einen dritten Mitspieler verkraften können? Schätzen sie ihre eigene Beziehung als belastbar ein, darf das neue Kind mitmachen.

Mich hat diese Theorie überzeugt – aber auch nachdenklich gemacht. Denn ich habe den Eindruck, dass sich derzeit viele damit schwertun, andere mitmachen zu lassen. Auch in der Kirche.

Die ersten Christen in der Antike, habe ich überlegt, müssen ihre Beziehung untereinander als ziemlich belastbar empfunden haben. Denn damals kam in städtischen Gemeinden wie Korinth und Rom eine wirklich bunte Mischung an Menschen aus unterschiedlichen Milieus, Sprach- und Kulturräumen zusammen. Ja, die christlichen Gemeinden zeichneten sich gerade dadurch aus, dass alle willkommen waren, die sich für die Botschaft von Jesus interessierten – egal welchen Hintergrund sie hatten.

Ich glaube, es war genau das Vertrauen in diese Botschaft von Jesus, das die Beziehungen so stabil gemacht hat. Das Vertrauen, dass jeder und jede wie ich selbst als „Kind Gottes“ geliebt ist. Und damit als Bruder oder Schwester zu mir gehört.

Heute wünsche ich mir von mir selbst und anderen Christen wieder mehr Vertrauen darauf, dass wir trotz aller Unterschiede Geschwister sind. Und insgesamt uns allen mehr Zutrauen in unser Miteinander. Denn das macht Mut, andere mit“spielen“ zu lassen – auch wenn sie vielleicht auf den ersten Blick nicht so wirken, als würden sie dazu passen. Ich glaube nämlich: Egal ob in der Kirchengemeinde, in der Partei oder im Verein: Wenn neue Leute mitmachen – das bereichert.

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Was habe ich eigentlich zu geben? Gerade in schwierigen Situationen denke ich oft: Nicht viel. Wenn ein Freund ernsthaft krank ist oder wenn ich in den Nachrichten von Krisengebieten höre – oft denke ich: Da kann ich nichts machen – da hilft nur ein Wunder. Kürzlich hat mich eine Geschichte aus der Bibel dazu gebracht, dieses Gefühl der Machtlosigkeit noch mal zu überdenken.

Die Geschichte spielt in Jerusalem. Sie beginnt mit einer Szene, die sich auch heute noch so ähnlich abspielen könnte: Petrus und Johannes, zwei Schüler von Jesus, gehen in den Tempel, um zu beten. Vor dem Eingang sitzt ein gelähmter Mann, der bettelt. Eine bekannte Situation. Was tun?

Petrus schaut den Mann an, der Bettler erwartet ein Geldstück. Aber Petrus reagiert anders, als der Mann erwartet: „Geld habe ich nicht. Aber was ich habe, will ich dir geben!“, sagt er. Und dann fordert den Mann auf: „Im Namen Jesu, steh auf und geh!“ Er fasst ihn bei er Hand und, so erzählt die Bibel, das Wunder geschieht. Der Gelähmte kann laufen.

Bisher hatte ich immer den Eindruck: Mit mir hat diese Geschichte nicht so viel zu tun. Denn Wunder tun kann ich leider nicht.

Diesmal aber ist mir hängen geblieben, was Petrus gesagt hat: „Was ich habe, will ich dir geben!“, hat er dem gelähmten Mann versprochen. Das hat mich herausgefordert zu überlegen: Was habe ich eigentlich? Was kann ich geben. Und: Was will ich geben?

„Geld habe ich keins“, hat Petrus gesagt. Für ihn stimmte das. Für mich schon mal nicht. Was ich habe, will ich dir geben – anders als Petrus kann ich den Satz auch materiell weiterdenken. Wie viel kann ich geben? Wie viel will ich geben? Und wem? Und warum? Auch mit Geld kann man ja viel bewirken und helfen. Der Bettler in der Geschichte hatte bis zu diesem Tag überlebt, weil einige bereit waren, etwas von ihrem Geld zu geben. Hilfsorganisationen sind heute noch darauf angewiesen.

Was ich habe, will ich dir geben. Was habe ich noch? Zeit habe ich kaum übrig – aber manchmal schon. Auch die kann ich geben. Hoffnung und guten Mut – ja tatsächlich. Oft gelingt es mir, die Dinge positiv zu sehen. Und manchmal wirkt das ansteckend. Oder: In manchen Fragen kenne ich mich besser aus als andere. Auch Wissen oder Informationen kann ich also weitergeben, statt sie für mich zu behalten.

Deshalb: Oft braucht es keine Wunderkräfte, um zu helfen. Nur die Einstellung: Was ich habe, will ich dir geben. Denn ich bin sicher: Wir alle haben etwas zu geben – eben jeder und jede etwas anderes.

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Der Sommer lädt zum Feiern ein. Auch dieses Wochenende wird wieder an vielen Orten eingeladen zu Dorf- und Stadt-, Straßen- und Nachbarschaftsfesten. Wichtig ist dabei meist die Verpflegung. Egal ob Grillspezialitäten, Kuchenbüffet oder Picknickkorb – zusammen am Tisch oder im Gras zu sitzen und zu essen verbindet und macht gute Laune.

Mir gefällt es deshalb, dass auch im christlichen Glauben das Essen und Feiern ganz im Zentrum steht. Ein Gottesdienst ist ja im Kern auch ein Fest, bei dem Brot und Wein geteilt werden. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat die Bedeutung des gemeinsamen Essens ganz deutlich gesehen. „Gott“, so schreibt er in seiner Schrift „Vom gemeinsamen Leben“, „ruft uns durch das tägliche Mahl zur Freude, zur Feier mitten am Werktag.“ So kann, so sieht es Bonhoeffer, jede gemeinsame Mahlzeit zu einem kleinen Fest werden.

Für ihn steckt in der Tischgemeinschaft im christlichen Sinne aber noch mehr – nämlich die Idee des Teilens. „Es ist unser täglich Brot, das wir essen, nicht mein eigenes“, schreibt er. Und sieht einen erstaunlichen Zusammenhang: „Solange wir unser Brot gemeinsam essen, werden wir auch mit dem wenigsten genug haben. Erst wo einer sein eigenes Brot für sich selbst behalten will, fängt der Hunger an. Das ist ein seltsames Gesetz Gottes.“

Ich finde, es lohnt sich, diesem „seltsamen Gesetz Gottes“ im eigenen Leben nachzuspüren: Teilen macht satt – an Leib und Seele. Vielleicht fängt es damit an, dass ich es wage, mich beim Straßenfest einfach an einen Tisch dazu zu setzen – auch wenn ich kaum einen kenne. Oder dass ich bei meiner nächsten Einladung an jemanden denke, dem es guttut, mal wieder unter die Leute zu kommen. Vielleicht kann ich mein Brot sogar auch dann teilen, wenn gerade niemand mit mir am Tisch sitzt. Mit einer Spende zum Beispiel, die woanders den Hunger lindert.

Dann, glaube ich, kann etwas Ähnliches passieren wie in der biblischen Geschichte, in der Jesus die vielen Menschen versorgen muss, die ihm in die Einöde gefolgt sind. Sie sind gekommen, um ihm zuzuhören. Nun ist es Abend und alle haben Hunger. Die Freunde wissen keinen Rat, das Geld reicht nicht, um Essen für alle zu kaufen. Jesus aber heißt die vielen Leute einfach, sich in Gruppen auf den Boden zu setzen und das zu verteilen, was da ist. Und siehe da – von zwei Fischen und fünf Broten werden alle satt.

 „Solange wir unser Brot gemeinsam essen, werden wir auch mit dem wenigsten genug haben“ schreibt Dietrich Bonhoeffer. „Erst wo einer sein eigenes Brot für sich selbst behalten will, fängt der Hunger an.

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"Was jetzt als neuer Gedanke hindurch muss ... ist ein internationaler Himmel.“
Der württembergische Pfarrer Christoph Blumhardt hat das vor über hundert Jahren gesagt. Er war sich sicher: Der Himmel, der Ort, auf den Christen hoffen, ist derselbe für alle Menschen – egal, welcher Nationalität sie sind. Und wer auf einen gemeinsamen Himmel hofft, darf auch auf Erden nicht gegeneinander arbeiten oder gar kämpfen: „Es gibt keinen deutschen Himmel mehr, keinen englischen, keinen französischen...“

Als Blumhardt seine Idee vom „internationalen Himmel“ 1888 in einer Predigt vorstellte, war das ein revolutionärer Gedanke. Militarismus, Kolonialismus und Nationalismus prägten das deutsche Kaiserreich – und die evangelische Kirche trug diese Vorstellungen mit.

Anders Christoph Blumhardt, der heute vor hundert Jahren gestorben ist. Sein Glaube war geprägt von der Hoffnung auf das Reich Gottes – die neue, bessere Welt, die Jesus erwartet und gepredigt hat. Im Laufe seines Lebens wurde Blumhardt immer deutlicher: Diese Hoffnung ist nichts Jenseitiges, sondern hat mit unserem konkreten Leben hier und heute zu tun: „Schon frühe fand ich“, schreibt er, „dass für mich eine Religion keinen Wert hat, wenn sie nicht die Gesellschaft ändert, wenn sie mir nicht schon das Glück auf Erden verschafft. So habe ich meine Bibel, so habe ich meinen Christus verstanden.“

Blumhardt wollte, dass seine Idee eines „internationalen Himmels“ auch auf Erden etwas verändert. Deshalb hat er sich der Arbeiterbewegung zugewandt. Dort hat er die internationale Perspektive gefunden, die er in seiner Kirche vermisste. Und er ist zum Entsetzen der Kirchenleitung 1898 in die SPD eingetreten, woraufhin ihm nahegelegt wurde, auf seinen Pfarrertitel zu verzichten. Er dagegen hat diesen Schritt als Ausdruck seines persönlichen Glaubens an Jesus gesehen.

Mich beeindruckt, welche klaren Konsequenzen Blumhardt aus seinem Glauben gezogen hat. Und ich finde: Seine Idee von einem internationalen Himmel ist heute wieder ganz aktuell. Obwohl sie schon damals nicht neu war. „Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus“ (Kolosser 3,11) –  steht schon im Kolosserbrief in der Bibel.

Heute erwacht der Nationalismus in vielen Staaten neu. Deshalb finde ich es wichtig, dass Christen sich auch jetzt politisch einsetzen – für eine globale Perspektive und einen starken Zusammenhalt in Europa. Und so deutliche Worte finden wie Christoph Blumhardt vor über hundert Jahren: „Auf unserem nationalen Bewusstsein können wir kein Volk Gottes werden“, sagt er.

Einen internationalen Himmel, auf den hat Blumhardt gehofft. Ich tue das auch. Weil ich glaube: Einen anderen gibt es nicht.

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Mich begeistern Menschen, die ein konkretes Ziel haben. Die sich mit voller Kraft für eine gute Sache einsetzen. Vor zwei Wochen habe ich so jemanden getroffen: Samir Esaid, einen Pfarrer aus Jordanien. Er war in unserer Gemeinde zu Besuch, um über seine Schule zu berichten: Eine inklusive Schule in Irbid im Norden Jordaniens, in der blinde, sehbehinderte und sehende Kinder gemeinsam lernen.

Die blinden Kinder kommen oft aus Familien, die sich eine Förderung ihrer Kinder eigentlich nicht leisten können. Manche wurden früher zuhause regelrecht versteckt. An der Schule blühen sie auf. „Eine unserer blinden Schülerinnen hat jetzt Abitur gemacht – und sie war eine der besten Abiturientinnen im ganzen Land“, hat der Schulleiter uns bei seinem Besuch strahlend erzählt.

Nicht nur der inklusive Ansatz macht die christliche Schule in der Region einzigartig. Auch der gemeinsame Unterricht von Mädchen und Jungen und von christlichen und muslimischen Kindern ist eine Besonderheit.

Für diejenigen, die ihr Schulgeld nicht bezahlen können, und für moderne Hilfsmittel, die den Unterricht für die blinden Schüler erleichtern, ist die Schule dringend auf Spenden angewiesen. Pfarrer Esaid reist deshalb jeden Sommer zwei Wochen durch Deutschland und wirbt um Unterstützung. „Gestern hatte ich fünf Vorträge – heute Nacht habe ich nur zwei Stunden geschlafen“, hat er mir gut gelaunt berichtet. Und ich habe gemerkt: Dieser Mann hat offensichtlich eine besondere Kraftquelle – seinen Glauben.

Christen bilden in Jordanien eine winzige Minderheit. Seit in Syrien Krieg ist, haben noch mehr von ihnen das Land verlassen. In Irbid, das nahe der Grenze liegt, lebt eine große Zahl syrischer Flüchtlinge. Seine Schule versteht Samir Esaid deshalb auch als „Ort der Friedenserziehung“. Christen und Muslime lernen sich dort kennen und verstehen.

„Christen sollen das Salz der Erde sein“ – das ist die schlichte Antwort von Pfarrer Esaid, wenn man ihn fragt, warum er sich so für seine Schule einsetzt. Mich hat das daran erinnert: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt“ (Matthäus 5,13f) diese Worte von Jesus gelten für alle, die ihm zuhören – auch für mich.

Sicher, nicht jeder hat so viel Energie und kann so viel bewegen wie der jordanische Schulleiter. Aber irgendwo kann auch ich und können auch Sie sich einsetzen, helfen, mitarbeiten, mitbeten, ermutigen oder spenden. Und so der Welt einen guten Geschmack geben und sie heller machen. Salz und Licht sein eben.

Weitere und aktuelle Informationen zur Inklusionsschule in Irbid unter
http://daffy3000.de/wp-content/uploads/2019/04/Osternewsletter-2019.pdf

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Sind Sie schon wieder ein wenig schläfrig geworden jetzt am Morgen? „Weißt du, wieviel Sternlein stehen...“ Das alte Volkslied mit dem Text von Wilhelm Hey ist ja vor allem als Schlaflied bekannt. Und es weckt bei vielen Erinnerungen an die Kindheit. Aber ich finde, es steckt mehr darin. Es ist auch ein Lied für mich als Erwachsene und es stärkt gerade auch in den Tag hinein.

Musik

Weißt du wie viel Sternlein stehen – der Text des Liedes hat eine biblische Vorlage. Liest man im Buch Jesaja nach, merkt man, dass das Kinderlied einen ziemlich weiten Horizont hat. „Hebt eure Augen in die Höhe und seht!“ ruft der Prophet in der Bibel und weist auf die Gestirne am Himmel hin. „Wer hat dies geschaffen? Er, der ihr Heer vollzählig herausführt, ruft sie alle mit Namen. Vor ihm, reich an Macht und stark an Kraft, fehlt kein einziger.“

Jesajas Zuhörer sind keine Kinder. Es sind erwachsene Menschen am Tiefpunkt ihrer Lebensgeschichte. Ihr Land ist erobert, ihre Hauptstadt, Jerusalem, ist zerstört. Nun sind sie im Exil in Babylon, einer fremden Kultur mit fremden Göttern, und sie fragen sich: Ist unser Gott zu schwach, uns zu helfen?

Die Antwort des Propheten war in seiner Zeit neu. Schaut euch um, hat er gesagt. Gott ist nicht nur euer Gott. Er ist der Schöpfer von allem, was ist. Nichts und niemand steht außerhalb seiner Macht und seiner Fürsorge. Das Volkslied sagt es in seiner schlichten Weise ganz ähnlich.

Musik

Gott kennt jedes seiner Geschöpf mit Namen – warum es trotzdem Situationen gibt, in denen Gott und seine Hilfe ganz fern scheinen? Damals für die Israeliten im Exil – und heute auch? Darauf hat das Kinderlied – und auch der Prophet, dessen Worte ihm zugrunde liegen, keine wirkliche Antwort. Und doch hat er die Erfahrung gemacht, dass der Glaube an Gott auch mitten im Elend eine Kraftquelle ist.

Was ist es, das da Kraft geben kann? Ich finde, das Lied sagt es auf ganz einfache, aber sehr anrührende Weise:

Musik

Weißt du, wieviel Kinder frühe stehn aus ihrem Bettlein auf,
dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen;
Kennt auch dich und hat dich lieb.

Du gefällst Gott. Er hat dich geschaffen, er kennt dich und hat dich lieb. Ich glaube, es ist genau diese Botschaft, die Kraft gibt – auch, wenn es schwierig wird. Deshalb singe ich das Sternlein-Lied immer wieder gerne. Weil es stark macht. Kinder – und auch Erwachsene.

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Handwerklich bin ich unbegabt. Da bin ich mir sicher. Vor einiger Zeit allerdings hat jemand meine Überzeugung ins Wanken gebracht. Weil er das nicht einfach so akzeptiert hat, sondern meinte: „Mit den Händen arbeiten kann man üben. Man muss eben wollen. Und ein bisschen Geduld haben.“

Ich habe gemerkt: Die Überzeugung „Das kann ich halt nicht“ ist für mich auch eine praktische Entschuldigung, mich um manche Dinge nicht kümmern zu müssen.

Inzwischen ist mir klar geworden: Menschen leben oft mit einer ganzen Reihe solcher Glaubenssätze über sich selbst und das eigene Leben. Und manche davon sind nicht sehr hilfreich. Weil sie verhindern, dass man sich weiterentwickelt oder etwas verändert in seinem Verhalten oder seinen Beziehungen. Sätze wie: Ich habe immer zu wenig Zeit. Oder: Mich nimmt da doch keiner ernst. Oder: Mir wird nie was geschenkt.

Der Autor und Benediktinerpater Anselm Grün hat darüber ein kleines Buch geschrieben (Anselm Grün, Einreden – Der Umgang mit den Gedanken, Münsterschwarzach 18. Auflage 2006). Er hat entdeckt: Dieses Phänomen haben schon die christlichen Mönche in der Antike beschrieben. Einer von ihnen hat sechshundert solcher negativer Sätze gesammelt – und ihnen positive „Gegenworte“ aus der Bibel entgegengesetzt. Die alten Mönche waren der Überzeugung: Es ist nötig und möglich, den lähmenden oder schädlichen Gedanken zu widersprechen. Weil sie sich dann nicht breit machen und die eigenen Gefühle bestimmen können.

Für die Mönche war das keine allgemeine Erkenntnis, sondern eine ganz konkrete, praktische Übung. Von Abba Agathon, der oft zu schnell in seinem Urteil war, wird zum Beispiel erzählt: „Wenn er etwas sah und sein Herz über die Sache urteilen wollte, sprach er zu sich: „Agathon, tu das nicht!“ Und so kam sein Denken zur Ruhe. (zitiert bei Grün, Einreden, S. 33)

Auch das regelmäßige Rezitieren von Psalmen im Alltag erfüllte diesen Zweck: Wenn du dich vom Schlaf erhebst – so rät einer der alten Mönche – so öffne als allererstes deinen Mund und stimme Lieder und Psalmen an. Denn die erste Beschäftigung, mit der sich der Geist morgens abgibt, hält an, so wie ein Mahlstein den ganzen Tag über mahlt, was ihm vorgesetzt wird, sei es Unkraut oder Weizen. Daher sei du immer der erste, der Weizen hineinwirft, bevor dein Feind Unkraut hineinwerfen kann. (zitiert bei Grün, Einreden, S. 37)

Die negativen Gedanken der antiken Mönche, die in strenger Askese lebten, waren oft andere als unsere heute. Ihre Methode damit umzugehen, kann aber, glaube ich, auch heute noch hilfreich sein. Vielleicht sollte ich es auch mal mit einem Gegenwort probieren, wenn ich wieder einer praktischen Aufgabe aus dem Weg gehen will. Es ist ein köstlich Ding, geduldig zu sein (Klagelieder 3,26), heißt es ja zum Beispiel in der Bibel.

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