Manuskripte

Ende August habe ich das Sommererlebnis von SWR 4 besucht. Auf dem Programm stand die Pferderennbahn in Iffezheim bei Baden-Baden. Die große Woche in Iffezheim ist ein echtes Highlight, denn sie gehört zu den größten Galopprennen in Deutschland.

Seit Jahrtausenden züchten die Menschen Pferde, um sie gegeneinander antreten zu lassen. Jahrelang werden die Tiere vorbereitet und trainiert. Wenn der große Tag gekommen ist, spürt jeder, wie aufgeregt die Pferde sind. Sie tänzeln herum, die Jockeys steigen auf, dann geht alles sehr schnell. Das Rennen selbst dauert nur wenige Minuten.

Der Apostel Paulus vergleicht in der Bibel unser ganzes Leben mit einem Wettlauf. Paulus will, dass wir nicht ziellos umherlaufen. Er nimmt unser Leben sehr ernst. Mein Leben ist kein Probelauf, kein ständiges Training. Es steht etwas auf dem Spiel.

Darum rät uns Paulus, uns an den Wettkämpfern zu orientieren. Sie bereiten sich gut vor, leben gesund und trainieren hart. Nur so können sie erfolgreich sein. Paulus ist selbst kein Sportler, ihm geht es um etwas anderes. Er will Gott näherkommen. Danach richtet er alles aus. Er will als Christ in Wort und Tat glaubwürdig sein. Denn es ist leicht, große Reden zu schwingen. Paulus weiß: Wenn ich Gottes Liebe an erste Stelle setze, ist mein Leben kein Spaziergang. Dann ändert sich etwas. Dann bin ich gefordert mein Bestes zu geben.

Zurück nach Iffezheim: Auf der Galopprennbahn haben die Pferde sich völlig verausgabt. Danach werden sie abgeduscht und können sich erholen. Manche der Zuschauer freuen sich, weil sie bei der Pferdewette richtig lagen. Andere machen lange Gesichter und schauen auf die nächsten Rennen. Mir hat die Atmosphäre in Iffezheim sehr gut gefallen. Und ich kann seitdem besser verstehen, warum Paulus unser Leben mit einem Wettkampf vergleicht. Ihm geht es nicht darum, andere auszustechen oder zu übertrumpfen. Paulus ist es wichtig, unser Ziel zu kennen und uns darauf auszurichten.

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In vielen Kirchen hängt vorne eine Jesusfigur am Kreuz. Mit Nägel und Dornenkrone. Schmerzen und Leid – daran denke ich sofort. Warum nur haben die Menschen dieses Bild an so vielen Orten aufgehängt?

Wer das verstehen will, der kann sich zum Beispiel an Heinrich Seuse wenden. Heute kennen ihn nur wenige, aber vor 700 Jahren war Heinrich Seuse ein bekannter Mann in Europa: Er hat einige Bestseller über die christliche Spiritualität geschrieben. Gelebt hat er die meiste Zeit in Konstanz am Bodensee.

In seinen Büchern greift Seuse häufig dieses Bild auf: Jesus leidet am Kreuz. Im späten Mittelalter wütet die Pest in Europa, viele Krankheiten können nicht behandelt werden. Diese ständige Angst vor einem plötzlichen Tod, vor Schmerzen und Leid. Im Glauben suchen die Menschen eine Antwort.

Seuse sagt den Menschen: Habt keine Angst vor dem Schmerz. Im Gegenteil: Wenn ihr leidet, geht es Euch wie Jesus am Kreuz. Eure Schmerzen bringen Euch näher zu Gott. Das klingt für meine Ohren sehr provozierend. Im Mittelalter haben manche Menschen sich sogar selbst verletzt, weil sie gemeint haben, sie verbinden sich so mit Gott. Das ist doch verrückt. Ich meine, Gott will, dass wir gut leben, gesund und glücklich! Und ich kann beim besten Willen nicht erkennen, warum ich Gott näher sein soll, wenn ich Schmerzen habe.

Das Mittelalter liegt heute weit hinter uns. Wenn ich an Gott denke, fallen mir viele fröhliche Bilder ein: Bilder von Glück und Lebensfreude. Und doch will ich auf das Kreuz als Symbol nicht verzichten. Es kann mir die Angst davor nehmen, krank zu werden und zu leiden. Zwar wünsche ich mir gesund und fit zu bleiben, doch das gelingt eben nicht immer. Da sagt mir Seuse: Auch in diesen schwierigen Momenten ist Gott bei Dir. Was Du jetzt fühlst, hat Jesus auch durchlebt.

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Zwei junge Leute aus Freiburg machen eine Weltreise: Gwen und Patrick wollen dabei nicht mehr als fünf Euro am Tag ausgeben. Ihre Reise dauert am Ende drei Jahre. Sie fahren per Anhalter nach Osten, nach Russland, Indien und weiter nach China. Mit dem Schiff geht es später über Japan nach Mexiko. Ich habe ihnen dabei ein wenig über die Schulter geschaut. Denn es gibt einen Film von ihrem Weg um die Welt. Er heißt „Weit“.

Was mich gefreut hat, als ich den Film gesehen habe: Die Welt ist voller hilfsbereiter und gastfreundlicher Menschen. Egal welcher Religion oder Kultur sie angehören. Auch wer ihre Sprache nicht spricht, kann mit ihnen lachen und sich mit ihnen verständigen. Selbst Menschen, die arm sind und kaum genug zum Leben haben, laden Patrick und Gwen spontan zum Essen ein. Sie teilen die Schlafplätze in ihrer kleinen Hütte und helfen bei der Weiterreise. Es geht nur weiter, weil so viele Menschen die beiden kostenlos im Auto oder Lastwagen mitnehmen.

Gwen und Patrick haben die meiste Zeit nur zwei Rucksäcke dabei. Mehr brauchen sie nicht zum Leben. Sie kommen mit ein paar Euros am Tag aus, essen oft nur ein Schälchen mit Nudeln. Sie gelangen an viele Orte, die völlig menschenleer sind. Sie übernachten zum Beispiel im Zelt in einer steinigen Wüste und sagen: Mit die schönsten Momente waren diese Stunden – still und einsam. Ganz in der Natur, und sei sie noch so rau und abgelegen. Das war echtes Glück für uns.

Gwen und Patrick leben wieder in Freiburg. Die Weltreise ist Erinnerung. Sie haben mir gezeigt: Du kannst viel besser von den Menschen denken. Oft braucht es nur ein Lächeln und schon öffnen sich Türen und Herzen. Es gibt nicht nur Krieg und Leid, sondern ganz viele gastfreundliche Menschen. Und ich denke darüber nach, wie viel Zeug ich oft mit mir herumschleppe. Den beiden hat es für einige Zeit gereicht, nur einen Rucksack dabei zu haben. Weil sie auf Menschen gestoßen sind, die es gut mit ihnen meinen. Der Film heißt Weit. Meinen Blick auf die Welt hat er verändert: Er ist größer und weiter geworden.

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Wer dem Geheimnis eines langen Lebens auf die Spur kommen will, sollte nach Japan fliegen. Genauer gesagt in die Region Okinawa. Soweit wir wissen, werden die Menschen nirgendwo älter. 100 Jahre alt zu werden und dazu noch körperlich fit zu bleiben – in Okinawa keine Seltenheit.

Es ist bekannt, warum die Menschen dort so lange so gesund leben. Regel Nummer eins: Viel Gemüse, frisches Obst und Tofu. Außerdem soll der Mensch sich bewegen und nicht nur auf dem Sofa sitzen.

Diese Punkte überraschen mich nicht. So bleibt der Körper hoffentlich lange gesund. Aber das allein reicht noch nicht. Es muss noch etwas dazukommen, was auf Japanisch ikigai heißt. Ikigai bedeutet für sein Leben eine Leidenschaft, eine Berufung zu finden. Manche der Hundertjährigen arbeiten noch jeden Tag im Garten oder verbringen viel Zeit damit, Musik zu machen.

Um weitere Beispiele zu finden, muss ich aber nicht bis nach Japan reisen. Mir fällt auch jemand in Karlsruhe ein. Dort lebt Hedwig, sie ist 99 Jahre alt. Über Jahrzehnte hat sie als Messnerin gearbeitet - in einer kleinen Kirche in Eggenstein, im Norden von Karlsruhe. Als Messnerin hat sie vor dem Gottesdienst alles gerichtet: Kerzen angezündet, den Messdienern geholfen, die Menschen begrüßt. Mit Leib und Seele hat sie diese Aufgabe übernommen. Erst seit kurzem lebt sie in einem Pflegeheim. Ich sehe sie vor mir, wie sie für jeden ein gutes Wort hat, die Menschen segnet und sich an ihrer Arbeit freut. Wenn ihr jemand von ihren Sorgen erzählt, sagt sie ganz einfach: Ich werde an Dich denken und fest für Dich beten. Mir hat das immer gutgetan. Sie zeigt mir, was es heißt, seine Berufung, sein ikigai zu finden. Denn was sie macht, macht sie ganz: mit voller Konzentration und mit Liebe zur Sache.

Das Geheimnis eines langen Lebens liegt also nicht nur in einer gesunden Ernährung und regelmäßiger Bewegung. Es braucht auch eine Aufgabe, ein ikigai. Etwas, worauf ich mich jeden Tag freue und dabei die Zeit vergesse. Bei dem ich das, was ich tue, ganz tue.

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„Weißt Du, wo meine Frau und ich am besten aussehen?“ Mein Nachbar Rudolf lächelt schelmisch, als er mir diese Frage stellt. „Am besten sehen wir auf alten Fotos aus.“ Die beiden sind um die achtzig. Auf den alten Fotos, die Rudolf mir dann zeigt, sehe ich die beiden als junges Paar. Auf den Bildern im Fotoalbum sehe ich, wie sie älter werden.

Bei Dorian Gray ist genau umgekehrt: Er bleibt jung, nur das Bild von ihm altert. Dorian Gray ist die Hauptfigur in einem Roman von Oscar Wilde. Das moderne Märchen spielt vor mehr als hundert Jahren in London. Dorian ist ein hübscher junger Mann. Als ein Künstler ein Bild von ihm malt und Dorian es begutachtet, freut er sich sehr. „Ach, könnte ich doch für immer so jung und schön bleiben!“ ruft er. „Ich gäbe meine Seele dafür, wenn das Bild älter würde und ich stattdessen jung bliebe!“

Einige Zeit nach diesem Stoßgebet stellt Dorian fest, dass sein Wunsch sich erfüllt hat. Egal wie viele Jahre ins Land ziehen, er sieht nie älter aus als 20. Dafür zeigt sich auf dem Bild, wie seine Seele sich verändert. Denn Dorian führt ein wildes Leben, will alles genießen und nimmt auf niemanden Rücksicht. Er bricht die Herzen vieler Frauen, er bringt seine Freunde um Geld und Ansehen. Seine Seele verfinstert sich mehr und mehr. Auf dem Bild (von ihm) ist all das sichtbar: Böse Augen funkeln ihm entgegen, an seinen Händen klebt Blut. Irgendwann kann Dorian sein eigenes Bild nicht mehr ertragen. Er zerbricht an seiner Vergangenheit.

Mich hat es richtig erschüttert, dieses Buch zu lesen. Denn ich habe mir versucht vorzustellen, wie es um meine Seele steht. Darüber habe ich länger nachgedacht und will das besser im Blick behalten. Denn ich bin überzeugt, dass es mir als Person auf Dauer nur gut geht, wenn ich an meine Seele denke. Mein Nachbar Rudolf ist für mich ein gutes Beispiel, wie das gelingen kann. Er hat auf seine Seele Acht gegeben. Er hat sein Glück nicht auf Kosten anderer gesucht, sondern ist gastfreundlich und hilfsbereit. Dabei sieht er keinen Tag jünger aus als er tatsächlich ist. Aber das ist eben nicht alles. Ich meine: Wenn es meiner Seele gut geht, kann ich innerlich jung und lebendig bleiben.

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In England gibt es seit einem Jahr ein Ministerium für Einsamkeit. Millionen Menschen sollen sich in England häufig oder immer einsam fühlen. In Deutschland sieht es nicht besser aus. Hier wie dort wollen Politiker Strategien entwickeln, um etwas dagegen zu unternehmen.

Menschen vereinsamen, wenn sie einen geliebten Menschen verloren haben und die Trauer nicht aufhören will. Wenn sie körperlich schwächer werden und kaum noch das Haus verlassen können oder wollen. Der eine verliert seinen Job, eine andere trennt sich von ihrem Partner – wer sich dann zurückzieht, verliert häufig den Kontakt zu seinem Umfeld. Einsame Menschen haben niemanden mehr, der ihnen zuhört und mit dem sie sich austauschen können. Ein kurzer Anruf zum Geburtstag ist auf Dauer zu wenig, um sich mit anderen verbunden zu fühlen.

Wir Menschen sind soziale Wesen. Um gesund und glücklich zu leben, brauchen wir einander. Ich finde es gut, wenn die Politiker das Thema ernst nehmen. Denn wenn es nur um das Wirtschaftswachstum geht, gerät schnell aus dem Blick, wie sich dadurch das Leben der Menschen verändert. Da veröden die kleinen Dörfer, weil der Bahnhof und die Schule geschlossen wurden – rechnet sich alles nicht mehr. In den Städten geht es um Investoren und die Gewerbesteuer, statt um Orte, wo sich Menschen einfach begegnen und treffen können. Und jeder soll möglichst flexibel arbeiten und den Jobs hinterher ziehen. Das sind viele kleine Bausteine, die Menschen einsamer werden lassen.

Auf die Politik allein würde ich das Problem trotzdem nicht schieben. Es gibt viele Gruppen und Vereine, die hier richtig gute Arbeit leisten. Ich gebe auch die Hoffnung nicht auf, dass die Kirchen hier eine wichtige Rolle spielen können. Denn Christen feiern eine besondere Art der Gemeinschaft: egal ob reich oder arm, jung oder alt. Ich erfahre es immer wieder, dass ich mich in einem Gottesdienst stark mit anderen verbunden fühle. Gemeinsam zu beten, zu singen oder zu schweigen – da steckt viel Kraft drin. Andere erleben so etwas vielleicht im Fußballstadion oder bei einem Konzert.

Ich kann mich einsam fühlen, obwohl ich jeden Tag viele Menschen sehe. Es braucht mehr: Es braucht Orte, an denen ich mit anderen etwas erlebe, etwas feiern kann. Diese Orte können ein Verein sein, eine Kirche oder ein Familienfest. Diese Orte müssen wir stärken, da sind wir alle gefragt. Damit wir nicht einsam nebeneinander her leben. Sondern gemeinsam und miteinander.

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Wenn ich mir bewusst mache, dass ich eines Tages sterben werde, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Meistens werde ich durch traurige Nachrichten daran erinnert: Da kämpft der Kollege mit dem Krebs, der vor kurzem noch Bäume ausreißen konnte. Oder ich erfahre vom Tod einer Bekannten, die ganz plötzlich verstorben ist. Da tut es mir gut, so ein schweres Thema mal mit etwas Humor anzugehen. So wie in einer alten Geschichte:

Ein König sitzt auf seinem Thron, vor ihm steht eine lange Schlange von Menschen. Nach und nach trägt jede und jeder ihm seine Bitten vor. Ärgerlich schaut der König auf, als er eine junge Frau sieht, die mit schnellen Schritten durch die Halle läuft.

„He“, ruft der König der Frau zu, „was ist denn mit Dir los? Was willst Du hier?“

„Was soll mit mir sein“, sagt die Frau. „Ich habe es eilig und wollte nur fragen, ob es in diesem Hotel noch ein Zimmer gibt.“

„Bist Du blind? Das ist mein Palast und kein Hotel.“ Das Gesicht des Königs verfärbt sich langsam.

 „So, so“ erwidert die Frau. „Und wer wohnte vor Dir hier?“

„Mein Vater“, antwortet der König stolz, „und davor mein Großvater und vor ihm mein Urgroßvater.“

Die Frau bleibt ganz gelassen und meint nur: „Die sehe ich hier aber nicht.“

„Weil sie längst gestorben sind“ sagt der König.

„Na siehst Du. Und nun wohnst Du hier für einige Zeit. Wir sind halt alle auf der Durchreise. Palast oder Hotel läuft für mich aufs selbe hinaus.“

Soweit die Geschichte. Wie leicht lassen wir uns davon blenden, wenn jemand viel besitzt oder mächtig ist. Doch die junge Frau zeigt durch ein paar einfache Fragen, dass wir alle nur auf der Durchreise sind. Sterben – so heißt der letzte Teil der Durchreise. Und ich hoffe, dass die letzte Reise ein Ziel hat. So verrückt es klingen mag: Ich glaube daran, am Ende tatsächlich in einem wunderbaren Palast aus Licht zu stehen. Dort empfängt uns Gott nach der Reise durch das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, seinem Leiden und seinem Glück. Weil wir vor Gott alle Königinnen und Könige sind.

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Wenige Wochen vor seinem Tod habe ich meinen Onkel Heinrich noch einmal im Krankenhaus besuchen können. Bis ins hohe Alter hat er auf seinem Bauernhof in der Steiermark gearbeitet. Er hat mir manches aus seinem langen Leben erzählt, von der täglichen Arbeit, seinen Kindern und seinem Glauben an Gott.

60 Jahre harte Arbeit auf einem Bauernhof: Anfangs mit verschiedenen Tieren, Kühen, Schweinen, Hühnern und natürlich der Landwirtschaft. Doch nach und nach hat die Schweinezucht alles andere verdrängt. Anders hätte sich die Arbeit nicht mehr gerechnet. Auf dem Bauernhof habe ich sie gesehen: Viele kleine Ferkel, die sich an ihr Muttertier schmiegen. Und die etwas größeren Schweine, die nach ein paar Monaten weiterverkauft werden.

Heinrich war ein spiritueller Mensch: Er hat viel über den Glauben gelesen und sich in der Kirche engagiert. Ich kenne keinen Menschen, der so gut schweigen konnte. Mit ihm konnte ich stundenlang still auf einer Bank am Waldrand sitzen. Seine Arbeit hat zu seinem Glauben dazu gehört. An seinem Krankenbett hat er mir gesagt: Wenn die Tierärztin gekommen ist, um unseren Bauernhof zu kontrollieren, hat sie die Gesundheit der Tiere oft gelobt. „Da gibt es wenige Höfe, auf denen die Tiere so gesund leben“ hat sie gesagt. Diese Worte waren für Heinrich sehr wichtig. Er hat jeden Tag dafür gearbeitet, dass es so bleibt, dass die Tiere gut leben und wachsen.

Ich finde es gut, wenn Menschen danach fragen, wie noch mehr für den Tierschutz getan werden kann. Da geht es um die Massentierhaltung, den Einsatz von Antibiotika und den Wert von Lebensmitteln. Neue Gesetze sind dabei ein ganz wichtiger Baustein. Bei Heinrich habe ich gelernt, dass eine Sache aber nie ersetzt werden kann: Ein Bauer muss sein Handwerk verstehen, sonst leiden die Tiere. Heinrich hat sein Handwerk als Schweinezüchter sehr gut verstanden. 365 Tage im Jahr hat er für das Wohl der Tiere gesorgt.

Wenn ich im Geschäft Lebensmittel einkaufe, vergesse ich leicht, dass hinter vielen Produkten die Schicksale von Tieren und Menschen stehen. Da kann es für mich nicht einfach darum gehen, überall möglichst viel zu sparen. Bei Heinrich habe ich gesehen, welche Arbeit und Probleme dahinterstehen. Wie viel Zeit und Handwerkskunst. Und dass es da noch etwas sehr Wichtiges gibt: Die Würde der Tiere zu achten.

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Weltweit werden die Menschen immer älter. Sie benötigen irgendwann jemanden, der ihnen im Alltag hilft. In vielen Ländern fehlen schon jetzt die Pflegekräfte. Und die Politiker können so viele Fachleute nicht aus dem Hut zaubern. Da hilft nur noch eins: Roboter. Viele Wissenschaftler wollen Roboter dazu bringen, uns im wahrsten Sinne des Wortes unter die Armen zu greifen.

Zum Beispiel arbeiten Forscher am Fraunhofer-Institut in Stuttgart daran, Serviceroboter für das Krankenhaus und die Pflege zu entwickeln. Sie wollen die Profis dabei nicht ersetzen, sondern Stück für Stück entlasten. Denn einen kranken Menschen aus seinem Bett zu heben, kann ganz schön auf den Rücken gehen. Hier und in vielen anderen Situationen soll irgendwann ein Roboter mit anpacken.

Ich kann noch nicht sagen, wie nah ich einen Roboter an mich heranlassen will, wenn ich eines Tages pflegebedürftig bin. Da wäre es mir wichtig, gut informiert zu sein. Ich will erst wissen, wer dem Roboter sagt, was er zu tun und zu lassen hat. Vereinfacht gesagt: Wenn ein Roboter sich selbst steuern soll, braucht er auch bestimmte Werte. Denn eine Software entscheidet dann, wann ein Mensch welche Hilfe braucht. Da kann es nicht nur darum gehen, alles wieder möglichst schnell und billig zu erledigen. Darum sollten wir Roboter auch in ethischen Fragen gut ausstatten.

Roboter können uns Menschen dabei helfen, eigenständig zu bleiben. Sie können ein gutes neues Werkzeug sein. Ich brauche aber keinen Roboter, der so tut, als wäre er mein bester Freund. Wer Pflege benötigt, braucht viel mehr als neuste Technik. Der Fortschritt rast immer weiter, doch das Ziel bleibt der Mensch. Ich wünsche mir eine Zukunft, in der alte und kranke Menschen besucht werden. In der wir über unser Leben, unsere Sorgen und Hoffnungen sprechen. Serviceroboter können dabei helfen, dass wir dafür in der Pflege wieder mehr Zeit zu haben. Zeit für den Menschen.

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Vor zwei Monaten habe ich die Kaserne der Deutsch-französischen Brigade in Müllheim besucht. Dort hat der katholische Standortpfarrer Thomas Frey mir und einigen Gästen seine Arbeit vorgestellt. In Müllheim ist das Zentrum der rund 6000 Frauen und Männer, die zur Deutsch-französischen Brigade gehören. Franzosen und Deutsche üben hier gemeinsam, den Frieden militärisch zu sichern.

Mich hat besonders interessiert, wozu es bei der Bundeswehr einen Pfarrer braucht. Pfarrer Frey arbeitet seit fünf Jahren in Müllheim. Gottesdienste mit den Soldaten zu feiern, ist nur ein kleiner Teil seiner Aufgaben. Er erteilt zum Beispiel auch das Fach Lebenskundlicher Unterricht. Da bespricht er mit den Soldaten ethisch-moralische Fragen, damit sie  im Einsatz selbst beurteilen können, was den Menschen dient. Außerdem begleitet Pfarrer Frey die Soldaten mit ins Ausland. Besonders eindrücklich hat er von den Monaten in Mali in Westafrika erzählt. Dort unterstützt die Deutsch-französische Brigade eine Friedensmission der Vereinten Nationen. Es scheint eine harte Zeit gewesen zu sein: Vor allem die große Hitze und die ständige Angst vor Terrorangriffen kosten viel Kraft. Die Soldaten riskieren ihre Gesundheit und ihr Leben, wenn sie die Kaserne für einen Einsatz verlassen.

Pfarrer Frey will für die Soldaten ein Seelsorger sein in diesen schwierigen Situationen. Er weiß: Hinter jeder Uniform verbirgt sich ein Mensch – mit einer eigenen Geschichte und eigenen Träumen. Wer zu ihm kommt, fragt selten nach Gott und dem Sinn des Lebens. Oft sind es ganz konkrete Probleme: Der eine ist süchtig nach Alkohol und kann sein Leben nicht mehr kontrollieren. Die andere ist verschuldet und spielsüchtig. Pfarrer Frey ist dann da und bietet Hilfe an.

In der Gesellschaft hat die Bundeswehr bei vielen keinen guten Ruf. Ein Traumberuf ist es für die wenigsten. Viele entscheiden sich für diesen Weg, weil es in ihrer Region sehr schwierig ist, einen Job zu finden. Oft leben die Soldaten dann an einem Ort weit weg von zuhause. Bundeswehr – das heißt: Die eigene Familie oder Freunde sehen die Soldaten meist nur am Wochenende. Für die Beziehungen ist das anstrengend. Wer dann noch für sechs Monate ins Ausland gehen muss, hat oft Angst, ob die Liebe zum Partner das aushält. Pfarrer Frey hat für diese Sorgen ein offenes Ohr. Er lädt auch zu Wochenenden ein, in denen die Familien sich erholen und austauschen können.

Keiner kann immer nur stark sein. Wer in der Bundeswehr seinen Job macht, ist und bleibt ein verletzlicher Mensch. So viel habe ich gelernt über die Aufgaben eines Pfarrers bei der Bundeswehr: Er erinnert daran, dass es auch Zeit für die Seele braucht.

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