Manuskripte

In England gibt es seit einem Jahr ein Ministerium für Einsamkeit. Millionen Menschen sollen sich in England häufig oder immer einsam fühlen. In Deutschland sieht es nicht besser aus. Hier wie dort wollen Politiker Strategien entwickeln, um etwas dagegen zu unternehmen.

Menschen vereinsamen, wenn sie einen geliebten Menschen verloren haben und die Trauer nicht aufhören will. Wenn sie körperlich schwächer werden und kaum noch das Haus verlassen können oder wollen. Der eine verliert seinen Job, eine andere trennt sich von ihrem Partner – wer sich dann zurückzieht, verliert häufig den Kontakt zu seinem Umfeld. Einsame Menschen haben niemanden mehr, der ihnen zuhört und mit dem sie sich austauschen können. Ein kurzer Anruf zum Geburtstag ist auf Dauer zu wenig, um sich mit anderen verbunden zu fühlen.

Wir Menschen sind soziale Wesen. Um gesund und glücklich zu leben, brauchen wir einander. Ich finde es gut, wenn die Politiker das Thema ernst nehmen. Denn wenn es nur um das Wirtschaftswachstum geht, gerät schnell aus dem Blick, wie sich dadurch das Leben der Menschen verändert. Da veröden die kleinen Dörfer, weil der Bahnhof und die Schule geschlossen wurden – rechnet sich alles nicht mehr. In den Städten geht es um Investoren und die Gewerbesteuer, statt um Orte, wo sich Menschen einfach begegnen und treffen können. Und jeder soll möglichst flexibel arbeiten und den Jobs hinterher ziehen. Das sind viele kleine Bausteine, die Menschen einsamer werden lassen.

Auf die Politik allein würde ich das Problem trotzdem nicht schieben. Es gibt viele Gruppen und Vereine, die hier richtig gute Arbeit leisten. Ich gebe auch die Hoffnung nicht auf, dass die Kirchen hier eine wichtige Rolle spielen können. Denn Christen feiern eine besondere Art der Gemeinschaft: egal ob reich oder arm, jung oder alt. Ich erfahre es immer wieder, dass ich mich in einem Gottesdienst stark mit anderen verbunden fühle. Gemeinsam zu beten, zu singen oder zu schweigen – da steckt viel Kraft drin. Andere erleben so etwas vielleicht im Fußballstadion oder bei einem Konzert.

Ich kann mich einsam fühlen, obwohl ich jeden Tag viele Menschen sehe. Es braucht mehr: Es braucht Orte, an denen ich mit anderen etwas erlebe, etwas feiern kann. Diese Orte können ein Verein sein, eine Kirche oder ein Familienfest. Diese Orte müssen wir stärken, da sind wir alle gefragt. Damit wir nicht einsam nebeneinander her leben. Sondern gemeinsam und miteinander.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29004

Wenn ich mir bewusst mache, dass ich eines Tages sterben werde, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Meistens werde ich durch traurige Nachrichten daran erinnert: Da kämpft der Kollege mit dem Krebs, der vor kurzem noch Bäume ausreißen konnte. Oder ich erfahre vom Tod einer Bekannten, die ganz plötzlich verstorben ist. Da tut es mir gut, so ein schweres Thema mal mit etwas Humor anzugehen. So wie in einer alten Geschichte:

Ein König sitzt auf seinem Thron, vor ihm steht eine lange Schlange von Menschen. Nach und nach trägt jede und jeder ihm seine Bitten vor. Ärgerlich schaut der König auf, als er eine junge Frau sieht, die mit schnellen Schritten durch die Halle läuft.

„He“, ruft der König der Frau zu, „was ist denn mit Dir los? Was willst Du hier?“

„Was soll mit mir sein“, sagt die Frau. „Ich habe es eilig und wollte nur fragen, ob es in diesem Hotel noch ein Zimmer gibt.“

„Bist Du blind? Das ist mein Palast und kein Hotel.“ Das Gesicht des Königs verfärbt sich langsam.

 „So, so“ erwidert die Frau. „Und wer wohnte vor Dir hier?“

„Mein Vater“, antwortet der König stolz, „und davor mein Großvater und vor ihm mein Urgroßvater.“

Die Frau bleibt ganz gelassen und meint nur: „Die sehe ich hier aber nicht.“

„Weil sie längst gestorben sind“ sagt der König.

„Na siehst Du. Und nun wohnst Du hier für einige Zeit. Wir sind halt alle auf der Durchreise. Palast oder Hotel läuft für mich aufs selbe hinaus.“

Soweit die Geschichte. Wie leicht lassen wir uns davon blenden, wenn jemand viel besitzt oder mächtig ist. Doch die junge Frau zeigt durch ein paar einfache Fragen, dass wir alle nur auf der Durchreise sind. Sterben – so heißt der letzte Teil der Durchreise. Und ich hoffe, dass die letzte Reise ein Ziel hat. So verrückt es klingen mag: Ich glaube daran, am Ende tatsächlich in einem wunderbaren Palast aus Licht zu stehen. Dort empfängt uns Gott nach der Reise durch das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, seinem Leiden und seinem Glück. Weil wir vor Gott alle Königinnen und Könige sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29003

Wenige Wochen vor seinem Tod habe ich meinen Onkel Heinrich noch einmal im Krankenhaus besuchen können. Bis ins hohe Alter hat er auf seinem Bauernhof in der Steiermark gearbeitet. Er hat mir manches aus seinem langen Leben erzählt, von der täglichen Arbeit, seinen Kindern und seinem Glauben an Gott.

60 Jahre harte Arbeit auf einem Bauernhof: Anfangs mit verschiedenen Tieren, Kühen, Schweinen, Hühnern und natürlich der Landwirtschaft. Doch nach und nach hat die Schweinezucht alles andere verdrängt. Anders hätte sich die Arbeit nicht mehr gerechnet. Auf dem Bauernhof habe ich sie gesehen: Viele kleine Ferkel, die sich an ihr Muttertier schmiegen. Und die etwas größeren Schweine, die nach ein paar Monaten weiterverkauft werden.

Heinrich war ein spiritueller Mensch: Er hat viel über den Glauben gelesen und sich in der Kirche engagiert. Ich kenne keinen Menschen, der so gut schweigen konnte. Mit ihm konnte ich stundenlang still auf einer Bank am Waldrand sitzen. Seine Arbeit hat zu seinem Glauben dazu gehört. An seinem Krankenbett hat er mir gesagt: Wenn die Tierärztin gekommen ist, um unseren Bauernhof zu kontrollieren, hat sie die Gesundheit der Tiere oft gelobt. „Da gibt es wenige Höfe, auf denen die Tiere so gesund leben“ hat sie gesagt. Diese Worte waren für Heinrich sehr wichtig. Er hat jeden Tag dafür gearbeitet, dass es so bleibt, dass die Tiere gut leben und wachsen.

Ich finde es gut, wenn Menschen danach fragen, wie noch mehr für den Tierschutz getan werden kann. Da geht es um die Massentierhaltung, den Einsatz von Antibiotika und den Wert von Lebensmitteln. Neue Gesetze sind dabei ein ganz wichtiger Baustein. Bei Heinrich habe ich gelernt, dass eine Sache aber nie ersetzt werden kann: Ein Bauer muss sein Handwerk verstehen, sonst leiden die Tiere. Heinrich hat sein Handwerk als Schweinezüchter sehr gut verstanden. 365 Tage im Jahr hat er für das Wohl der Tiere gesorgt.

Wenn ich im Geschäft Lebensmittel einkaufe, vergesse ich leicht, dass hinter vielen Produkten die Schicksale von Tieren und Menschen stehen. Da kann es für mich nicht einfach darum gehen, überall möglichst viel zu sparen. Bei Heinrich habe ich gesehen, welche Arbeit und Probleme dahinterstehen. Wie viel Zeit und Handwerkskunst. Und dass es da noch etwas sehr Wichtiges gibt: Die Würde der Tiere zu achten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29002

Weltweit werden die Menschen immer älter. Sie benötigen irgendwann jemanden, der ihnen im Alltag hilft. In vielen Ländern fehlen schon jetzt die Pflegekräfte. Und die Politiker können so viele Fachleute nicht aus dem Hut zaubern. Da hilft nur noch eins: Roboter. Viele Wissenschaftler wollen Roboter dazu bringen, uns im wahrsten Sinne des Wortes unter die Armen zu greifen.

Zum Beispiel arbeiten Forscher am Fraunhofer-Institut in Stuttgart daran, Serviceroboter für das Krankenhaus und die Pflege zu entwickeln. Sie wollen die Profis dabei nicht ersetzen, sondern Stück für Stück entlasten. Denn einen kranken Menschen aus seinem Bett zu heben, kann ganz schön auf den Rücken gehen. Hier und in vielen anderen Situationen soll irgendwann ein Roboter mit anpacken.

Ich kann noch nicht sagen, wie nah ich einen Roboter an mich heranlassen will, wenn ich eines Tages pflegebedürftig bin. Da wäre es mir wichtig, gut informiert zu sein. Ich will erst wissen, wer dem Roboter sagt, was er zu tun und zu lassen hat. Vereinfacht gesagt: Wenn ein Roboter sich selbst steuern soll, braucht er auch bestimmte Werte. Denn eine Software entscheidet dann, wann ein Mensch welche Hilfe braucht. Da kann es nicht nur darum gehen, alles wieder möglichst schnell und billig zu erledigen. Darum sollten wir Roboter auch in ethischen Fragen gut ausstatten.

Roboter können uns Menschen dabei helfen, eigenständig zu bleiben. Sie können ein gutes neues Werkzeug sein. Ich brauche aber keinen Roboter, der so tut, als wäre er mein bester Freund. Wer Pflege benötigt, braucht viel mehr als neuste Technik. Der Fortschritt rast immer weiter, doch das Ziel bleibt der Mensch. Ich wünsche mir eine Zukunft, in der alte und kranke Menschen besucht werden. In der wir über unser Leben, unsere Sorgen und Hoffnungen sprechen. Serviceroboter können dabei helfen, dass wir dafür in der Pflege wieder mehr Zeit zu haben. Zeit für den Menschen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29001

Vor zwei Monaten habe ich die Kaserne der Deutsch-französischen Brigade in Müllheim besucht. Dort hat der katholische Standortpfarrer Thomas Frey mir und einigen Gästen seine Arbeit vorgestellt. In Müllheim ist das Zentrum der rund 6000 Frauen und Männer, die zur Deutsch-französischen Brigade gehören. Franzosen und Deutsche üben hier gemeinsam, den Frieden militärisch zu sichern.

Mich hat besonders interessiert, wozu es bei der Bundeswehr einen Pfarrer braucht. Pfarrer Frey arbeitet seit fünf Jahren in Müllheim. Gottesdienste mit den Soldaten zu feiern, ist nur ein kleiner Teil seiner Aufgaben. Er erteilt zum Beispiel auch das Fach Lebenskundlicher Unterricht. Da bespricht er mit den Soldaten ethisch-moralische Fragen, damit sie  im Einsatz selbst beurteilen können, was den Menschen dient. Außerdem begleitet Pfarrer Frey die Soldaten mit ins Ausland. Besonders eindrücklich hat er von den Monaten in Mali in Westafrika erzählt. Dort unterstützt die Deutsch-französische Brigade eine Friedensmission der Vereinten Nationen. Es scheint eine harte Zeit gewesen zu sein: Vor allem die große Hitze und die ständige Angst vor Terrorangriffen kosten viel Kraft. Die Soldaten riskieren ihre Gesundheit und ihr Leben, wenn sie die Kaserne für einen Einsatz verlassen.

Pfarrer Frey will für die Soldaten ein Seelsorger sein in diesen schwierigen Situationen. Er weiß: Hinter jeder Uniform verbirgt sich ein Mensch – mit einer eigenen Geschichte und eigenen Träumen. Wer zu ihm kommt, fragt selten nach Gott und dem Sinn des Lebens. Oft sind es ganz konkrete Probleme: Der eine ist süchtig nach Alkohol und kann sein Leben nicht mehr kontrollieren. Die andere ist verschuldet und spielsüchtig. Pfarrer Frey ist dann da und bietet Hilfe an.

In der Gesellschaft hat die Bundeswehr bei vielen keinen guten Ruf. Ein Traumberuf ist es für die wenigsten. Viele entscheiden sich für diesen Weg, weil es in ihrer Region sehr schwierig ist, einen Job zu finden. Oft leben die Soldaten dann an einem Ort weit weg von zuhause. Bundeswehr – das heißt: Die eigene Familie oder Freunde sehen die Soldaten meist nur am Wochenende. Für die Beziehungen ist das anstrengend. Wer dann noch für sechs Monate ins Ausland gehen muss, hat oft Angst, ob die Liebe zum Partner das aushält. Pfarrer Frey hat für diese Sorgen ein offenes Ohr. Er lädt auch zu Wochenenden ein, in denen die Familien sich erholen und austauschen können.

Keiner kann immer nur stark sein. Wer in der Bundeswehr seinen Job macht, ist und bleibt ein verletzlicher Mensch. So viel habe ich gelernt über die Aufgaben eines Pfarrers bei der Bundeswehr: Er erinnert daran, dass es auch Zeit für die Seele braucht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29000

Als Kind habe ich oft von ihm gehört, aber sympathisch war er mir nie. Er schien mir immer zu sprunghaft und feige zu sein. Es geht um Petrus, der damals Jesus begleitet hat. Der Petrus, auf den sich noch heute jeder Papst im Petersdom beruft. Schließlich heißt es in der Bibel: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“

Da kann ich doch erwarten, dass dieser Petrus ein echtes Vorbild ist. Was die Bibel von Petrus berichtet, ist aber wenig ruhmreich. Vor Ostern habe ich seine Geschichte wieder gehört: Jesus betet vor den Toren Jerusalems, da kommen Soldaten und wollen ihn holen. Petrus will es nicht zulassen, zieht sein Schwert und haut einem Soldaten ein Ohr ab. Jesus muss einschreiten, hilft dem Soldaten und weist Petrus in die Schranken. Denn Petrus kann nicht glauben, dass Gott es alles so will.  

Bald darauf zeigt sich Petrus ganz anders: Er ist den Soldaten gefolgt und beobachtet, wo sie Jesus gefangen halten. Da sprechen ihn verschiedene Leute an und sagen: Du gehörst doch auch zu diesem Jesus. Petrus bekommt es mit der Angst zu tun. Er leugnet, irgendetwas mit Jesus zu tun zu haben. Wieder und wieder sagt er: Ich kenne diesen Jesus nicht. Schließlich fängt Petrus an zu weinen, weil er sich schämt, nicht zu Jesus gestanden zu haben.
Petrus taugt nicht zum Helden. Er bleibt nie cool, sondern ist sprunghaft und ungeduldig.

Doch eine Sache gibt es, mit der Petrus mich beeindruckt. Er hat etwas gefunden, an das er glaubt. Mit Haut und Haaren. Für ihn ist das Ostern: Jesus, der nach dem Tod am Kreuz zu neuem Leben aufersteht. Das begeistert ihn. Von diesem Jesus will er erzählen. Egal, wie oft er sich schon vor aller Welt blamiert hat: Er rennt auf die Straße und spricht alle Leute an. Er beginnt in andere Länder zu reisen, weil jeder von Jesus erfahren soll.

Von Petrus lerne ich: Nicht lange grübeln, sondern loslegen. Lieber über das Ziel hinaus schießen, als gar nichts zu tun. Vielleicht weine ich hinterher, wenn wieder etwas schief gelaufen ist. Aber wenn ich etwas gefunden habe, wofür ich brenne, wird mich das alles nicht aufhalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28574

In Münster treffen sich sieben Frauen zum Lesekreis. Sie gehören zur katholischen Heilig-Kreuz-Gemeinde. Wie schon so oft wollen sie darüber sprechen, was der Glaube ihnen bedeutet. Doch an diesem Tag im Januar geht das nicht mehr. Sie sind zu wütend. Sie regen sich auf über die Kirche mit ihren Skandalen und darüber, welche Rolle sie als Frauen spielen. Vor allem geht es ihnen darum, dass niemand in der Kirche Frauen ausgrenzen und missbrauchen darf. Es bleibt nicht bei Worten, die Frauen handeln.

So entsteht die Aktion Maria 2.0. Die Frauen nehmen sich vor: Wir streiken. Vom 11. bis zum 18. Mai gibt es einen Kirchenstreik. Auf Facebook richten sie eine Seite ein, um die Idee bekannt zu machen. Während andere in der Kirche Gottesdienst feiern, wollen die Frauen draußen vor der Kirche bleiben und demonstrieren. Sie wollen dort singen und feiern, um allen zu zeigen, worum es ihnen geht. Außerdem sollen in der Zeit die vielen kleinen und großen Dinge liegen bleiben, die sie sonst in der Kirche leisten. Denn Frauen übernehmen Woche für Woche tausende ehrenamtliche Aufgaben. Sie planen Wortgottesdienste, organisieren die Nachbarschaftshilfe oder leiten den Pfarrgemeinderat.

Auch die Frauen vom katholischen Frauenbund des Bistums Rottenburg-Stuttgart haben sich entschieden, mitzumachen. Ihre Vorsitzende Karin Walter sagt: „Viele Frauen haben die Nase voll von den jahrzehntelangen Vertröstungen, die nichts verändert haben. Es ist gut, wenn Frauen jetzt starke Zeichen setzen, dass es ein Weiter-so in der Kirche nicht geben darf.“

Die Frauen aus Münster haben Ihr Aktion Maria 2.0 genannt. Weil sie sagen: Wir sollen oft so stumm wie eine Marienfigur bleiben. Doch wir wollen nicht mehr brav schweigen, wenn die Männer in der Kirche reden. Als selbstbewusste Frauen stehen wir auf, weil es so nicht weitergehen kann.

Mit sieben Frauen aus Münster hat es angefangen. Sie laden ein zum Kirchenstreik. Am 11. Mai geht es los. Jede und jeder kann sich anschließen. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28573

Vor zwei Monaten ist Lothar Zenetti mit 93 Jahren gestorben. Bekannt ist Zenetti für seine Gedichte und Bücher. Ein Gedicht ist mir besonders wichtig: 

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.
Was keiner sagt, das sagt heraus.
Was keiner denkt, das wagt zu denken.
Was keiner anfängt, das führt aus. 

Zenetti hat als junger Mann den zweiten Weltkrieg erlebt. Auch er sollte Soldat werden, kämpfen und töten. Zu dieser Zeit hat er erfahren, was alles nicht gesagt werden durfte. Alle sollten gleich sein, gleich denken, gleich hassen. Irgendwann haben viele wahrscheinlich nicht mehr gewagt, überhaupt noch anders zu denken. Keiner durfte etwas gegen die Nazis, den Krieg und den Judenmord sagen. Vielleicht hat Zenetti an diese Zeit gedacht, als er später diese Zeilen geschrieben hat.

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr´s sagen.
Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein.
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben.
Wenn alle mittun, steht allein. 

Zenetti hat sich nach dem Krieg entschieden, Priester zu werden. Er hat dann in einer Gemeinde in Frankfurt gelebt und gearbeitet. Er hat jungen Menschen Mut gemacht, ihren eigenen Weg zu gehen. Denn es braucht Menschen, die sich gegen den Strom stellen: Die Ja sagen, wo es kein anderer wagt. Die Nein sagen, wo alle wegschauen. Die für sich entscheiden und es aushalten, dabei auch mal allein zu stehen.

Wo alle loben, habt Bedenken.
Wo alle spotten, spottet nicht.
Wo alle geizen, wagt zu schenken.
Wo alles dunkel ist, macht Licht. 

Zenetti geht es nicht nur darum, dass wir kritisch und unabhängig sind. Das ist nur der erste Schritt. Er fordert uns auf, zu handeln. „Wo alles dunkel ist, macht Licht.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28572

Teodor Currentzis leitet seit einigen Monaten das SWR-Sinfonieorchester in Stuttgart. Für mich ist dieser Mann ein Phänomen: Er ist in Griechenland aufgewachsen und hat sich als junger Mann nach Sibirien aufgemacht. Denn dort hatte er die Möglichkeit, etwas ganz eigenes zu schaffen. Er gründet mit jungen Musikern ein eigenes Orchester. Und entwickelt seine ganz eigenen Ideen.

Sein ganzes Leben hat Currentzis der Musik verschrieben. Mit seinem Orchester will er den Himmel öffnen. Die Besucher sollen für kurze Zeit vergessen, was sonst ihren Alltag bestimmt. Ihm geht es um einen heiligen Moment, einen Moment der Liebe, wie er es nennt.

Für dieses Ziel, für diese Berufung zahlt Currentzis einen hohen Preis. So erzählt er: Als junger Mann war ich unsterblich in eine Frau verliebt. Ich konnte nur an sie denken und wollte jeden Moment mit ihr zusammen sein. Aber es kam der Tag, da musste ich ihr sagen: Ich weiß, wovon Du träumst. Du wünschst Dir eine schöne Hochzeit, einen lieben Mann und zwei Kinder. Dieses Leben werde ich Dir nicht geben können. Ich werde nie mit einer Braut in eine Kirche einziehen, sondern immer draußen bleiben. Obwohl ich für immer traurig sein werde, weil ich Dich verlassen habe: Ich kann nicht anders, alles gebe ich auf für die Musik.

Auf der einen Seite beeindruckt mich, wie entschieden Currentzis vorgeht. Andererseits kann ich es mir nicht vorstellen, so radikal wie er zu leben. Was ich aber von ihm lerne: Manchmal braucht es diese Momente, in denen nichts anderes zählt. In denen ich alles andere vergesse, um ganz in einer Sache aufzugehen. Sei es im Sport, wo ich über mich hinaus wachse. Sei es im Beruf oder in der Liebe. Schluss mit Mittelmaß, jetzt zählt nur dieser Augenblick.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28571

Im Fernsehen sehe ich gern Sendungen über den Urknall. Unglaublich wie da scheinbar aus dem Nichts Materie, Raum und Zeit entstehen. Wie sich viel später Elemente und Planeten formen, wie sich Bakterien, Pflanzen und Tiere entwickeln.

Besonders interessiert mich, was wir daraus für die Zukunft lernen können. Dazu hat der Franzose Teilhard de Chardin vor mehr als 60 Jahren geforscht. Der Archäologe, Naturforscher und Theologe hat viele Jahre in China nach den ersten Menschen gegraben. De Chardin wollte zeigen: Wenn wir wissen, woher wir kommen, erfahren wir etwas über die Zukunft. Vielleicht sehen wir sogar, wohin sich der ganze Kosmos entwickelt.

Immer wieder hat de Chardin in der Natur beobachtet: Kleinere Teile finden sich zusammen und vereinen sich zu etwas Neuem, etwas Größerem. Atome verbinden sich zu Molekülen, dann folgen ganze Zellen und daraus entstehen nach langer Zeit Tiere und wir Menschen. Dabei geht nichts verloren: Jeder Mensch besteht aus Milliarden Atomen, Molekülen und Zellen.

Mir gefällt es, wie de Chardin die Welt gesehen hat. Er stellt sich den Kosmos wie ein Konzert vor: Die ersten Sätze haben wir bereits gehört. Eine herrliche Musik, die immer neue Klänge hervorbringt. Neue Instrumente kommen dazu, der Sound wird größer und vielfältiger. Wir stehen mitten in diesem großen Konzert, sind darin ein kleiner Teil. De Chardin war sich sicher: Das Konzert wird noch schöner erklingen, noch wunderbarer und bunter.

In einem Orchester kommt es darauf an, dass sich jeder gut auf den anderen abstimmt. Genau so hat es de Chardin vorausgesagt: Die Menschheit wird immer mehr von den anderen erfahren und sich miteinander vernetzen. Wahrscheinlich hätte er nie gedacht, dass es so schnell geht. Das Internet verbindet uns weltweit in Sekunden. Über die sozialen Medien erfahren wir sofort, wie es unseren Freunden geht – egal wo sie gerade sind. Jeden Tag können sich mehr Menschen austauschen und voneinander lernen. Teilhard de Chardin würde darin ein Muster erkennen. So entwickelt sich der Kosmos und das Leben darin. Und so  entsteht etwas Neues, etwas Gutes.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28570

Netiquette

Anregungen, Lob, Kritik - hier können Sie sich zu unseren Sendungen im SWR äußern.

Ihre Kommentare werden moderiert und dann so bald wie möglich freigeschaltet.

Wir bitten Sie aber, bei Ihren Beiträgen folgendes zu beachten:
Ein Anspruch auf Veröffentlichung eines Kommentars besteht grundsätzlich nicht.
Ihre Kommentare sollten fair und sachlich gehalten sein. Wir bitten Sie die folgende Richtlinien bei Ihren Kommentaren zu kirche-im-SWR.de zu beachten.

Kommentare dürfen nicht

  • strafbar oder die Rechte Dritter verletzend
  • gegen die guten Sitten verstoßend
  • beleidigend oder ehrverletzend
  • politisch oder religiös extrem
  • Religionen, Weltanschauungen, Menschen pauschal verurteilend
  • fremdsprachlich
  • pornographisch, obszön oder jugendgefährdend
  • unsinnig oder anderweitig inakzeptabel sein.
  • Kommentare sollen sich auf Sendungen der Kirchen im SWR Programm beziehen.
  • Es dürfen keine Beiträge mit gewerblichem und/oder werbendem Charakter eingestellt werden.
  • Eine kommerzielle Nutzung durch z.B. das Anbieten von Waren oder Dienstleistungen ist nicht erlaubt.
  • Die Beiträge dürfen keine Links enthalten.
  • Zitate müssen durch die Angabe einer Quelle bzw. des Urhebers belegt sein.
  • offensichtlichen Missbrauch von Klarnamen enthalten

Wir behalten uns vor, Beiträge nicht zu veröffentlichen.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir anonyme Beiträge nicht freischalten, melden Sie sich daher bitte mit Ihrem Namen an. Geben Sie am besten auch Ihre E-Mail- Adresse an, damit wir Ihnen gegebenenfalls individuell antworten können.

Durch das Abschicken Ihres Beitrags räumen Sie kirche-im-SWR.de das Recht ein, Ihre Beiträge dauerhaft zu präsentieren, in Beiträge einzuarbeiten (ohne Namensnennung) oder sie nach redaktionellem Ermessen zu löschen. Wir behalten uns vor, diese Richtlinien ggf. zu ändern bzw. zu ergänzen.

Wenn Sie Anmerkungen haben, die Sie uns direkt zukommen lassen möchten, die aber nicht veröffentlicht werden sollen, schicken Sie uns bitte eine Mail an: ev.rundfunkpfarramt.bw@kirche-im-swr.de

Schließen