Manuskripte

08APR2020
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Was kann uns trösten, wenn wir einen Menschen verloren haben, der uns über alles lieb ist?

Niels Bohr, der dänische Physiker und Nobelpreisträger, musste miterleben, dass zwei seiner Söhne vor ihm starben. Der eine ertrank vor den Augen seines Vaters bei einer Segeltour, der andere erkrankte und starb mit zehn Jahren. Niels Bohr fing, so las ich, seine Trauer durch ein buddhistisches Märchen auf.

Kisa Gotami war eine fröhliche, junge Frau. Ihr Glück wurde vollkommen, als sie und ihr Ehemann ihr erstes Kind bekamen. Doch eines Morgens wollte Kisa Gotami ihr Kind wecken, aber es rührte sich nicht mehr. Es war völlig unerwartet über Nacht gestorben.

Kisa Gotami war noch nie zuvor dem Tod begegnet und sie wollte ihn nicht akzeptieren. In ihrer Not wendet sie sich direkt an Buddha. Er sagt zu ihr: „Zuerst musst du mir einen Topf mit weißen Senfsamen bringen". „Das ist alles?" fragte sie erstaunt. „Ja, gewöhnlichen Senfsamen. Allerdings muss er aus einem Haus kommen, in dem noch niemals in der Vergangenheit ein Sohn, eine Tochter oder sonst jemand gestorben ist."

Kisa Gotami machte sich sofort auf die Suche und fragte bei ihren Nachbarn nach einem solchen Senfsamen. Die aber antworteten: „Ach Frau, was verlangst du da. Erst vor kurzem ist unsere geliebte Mutter gestorben und davor unser jüngster Bruder. Viele Generationen haben hier gelebt und sind gestorben. Das ist der Lauf der Welt.”
So ging sie den ganzen Tag von Haus zu Haus, aber überall erhielt sie eine ähnliche Antwort. Als sie am Abend immer noch keine Medizin gefunden hatte, da wurde ihr klar: „Ich dachte, ich allein hätte ein Kind verloren, aber in jedem Haus gibt es so viele Menschen, die gestorben sind. Der Tod ist unser Begleiter und es scheint niemanden zu geben, der ihm entkommen kann. " Während sie so darüber nachdachte, wurde ihr Herz, das bisher nur von Trauer erfüllt gewesen war, weit und ruhig, denn sie erkannte: Alle lebenden Wesen sind dem Tod wie einem unabänderlichen Gesetz unterworfen. Und der macht keinen Unterschied, ob einer alt ist oder ganz jung. Unerwartet kommt er, in jedem Augenblick ist er bereit, unser Leben in dieser Welt zu beenden.

Es heißt, Niels Bohr fing mit dieser Geschichte seine Trauer auf. Sein Schicksal, so erkannte er, war das der Kisa Gotami. Und ihres das der vielen, die auch um einen Menschen trauerten.
Um sich trösten zu lassen, brauchte er nicht den Verstand eines Nobelpreisträgers. Es genügte ihm zu erkennen, dass er ein Mensch wie alle anderen ist.

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07APR2020
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Jesus kannte Lahme und Blinde, Fallsüchtige und Aussätzige. Coronakranke kannte er noch nicht. Aber auf die genaue Diagnose hat er wohl auch wenig Wert gelegt. Denn die Menschen schienen ihm allesamt ziemlich krank, selbst dann, wenn sie sich für gesund hielten. „Die Kranken bedürfen des Arztes, nicht die Gesunden.“ sagt er. Mit dem „Arzt“ meint er sich selbst, und mit den „Kranken“ uns. Für ihn sind wir alle Patienten, auch, wenn wir uns noch fit fühlen. Warum?„Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten, die Kranken bedürfen des Arztes, nicht die Gesunden.“

Darum heilte er nicht nur Lahme und Blinde, sondern setzte sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch. Gegen seine heilsame Tätigkeit hatten auch seine Zeitgenossen nichts einzuwenden. Dass er aber mit Zöllnern und Sündern verkehrte, nahm man ihm übel. Er ließ sich kein Führungszeugnis und kein Vorstrafenregister vorlegen, bevor er mit jemandem sprach. Er machte keinen Bogen um die Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, gegen Gesetze und Moral verstießen. Er war nicht wählerisch in seinem Umgang. Im Gegenteil. Jesus verehrte mit allen, nicht nur mit moralisch integren Personen.

Ich hab mich immer gefragt: wenn Jesus heute wiederkäme, wo würde er hingehen, um seine Patienten zu treffe? Ich vermute: er würde einfach an der nächstbesten Tür schellen - und würde vielleicht bei mir landen.

Was mich bei Jesus beeindruckt ist die Verbindung von Offenheit allen Menschen gegenüber, besonders den Nicht-Integren – und die klare Ansage: „Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“ Er setzt eindeutig darauf, dass Menschen sich verändern können. Aber er wartet mit seiner Liebe nicht erst ab, bis sie es getan haben. Er nennt sie ganz klar: Sünder. Aber er macht deutlich, dass Menschen, was auch immer sie tun und getan haben, nicht hundert Prozent damit identifiziert werden dürfen.

Jesus zeigt in seinem Verhalten, was Nächstenliebe wirklich bedeutet. Nämlich auch unverzeihliche Taten zu verzeihen, und nichtliebenswerte Menschen zu lieben.(Chesterton)

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06APR2020
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Ein Gesundheitstipp in Corona-Zeiten lautet: „Übernimm Verantwortung für deine Gesundheit. Yoga hilft dir dabei.“ Seitdem mache ich mein Morgenyoga: Dehn-und Balanceübungen, 25 Minuten, mit Anleitung aus dem Internet. Und jeden Morgen höre ich dabei den Satz: „Du bist ein Geschenk für die Welt, du bist genau richtig.“ Ein Mut machender Zuspruch für jeden, gerade jetzt. Es ist nicht egal, ob es dich gibt oder nicht. Du bist nicht überflüssig, vielmehr eine positive Draufgabe für das Ganze, für die Welt.

Aber stimmt das überhaupt? Von mir weiß ich sicher: Ich bin bestimmt nicht immer „genau richtig“. Ich kenne mich ja schon eine Weile. Und die Kirchenlieder in der Passionszeit richten den Blick genau auf das, was mit mir nicht in Ordnung ist. Paul Gerhardt beantwortet die Frage: Warum muss gerade Jesus leiden, so:

Nun, was du, Herr, erduldet, 
ist alles meine Last;
ich hab es selbst verschuldet, 
was du getragen hast.
Schau her, hier steh ich Armer, 
der Zorn verdienet hat.
Gib mir, o mein Erbarmer, 
den Anblick deiner Gnad.

Das ist schon krass: Ich Armer bin alles andere als ein Geschenk für die Welt. Und Arme in diesem Sinne sind für Paul Gerhard alle Menschen. Ab und an zeigen sie sich mal von ihrer besseren Seite – aber wie schnell kann das kippen. Erst offene Arme, dann kalte Schulter. Erst Großherzigkeit, dann Kleinkariertheit.

Dagegen setzt Paul Gerhard den Anblick der Gnade. Ich Arme soll lernen, mich selber zurückzunehmen und nicht immer an erster Stelle stehen zu wollen. Ich soll den Blick auf Jesus richten, der wirklich ein Geschenk für die Welt ist. Ein Mensch, der nicht kippte. Auch nicht in seiner Angst. Darum heißt es in dem Passionslied von Paul Gerhard am Ende:

Wenn ich einmal soll scheiden, 
so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden, 
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten 
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten 
kraft deiner Angst und Pein.

So sieht es aus - Gottes Geschenk für die Welt. Und das nicht nur in Corona-Zeiten.

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01FEB2020
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Er wollte keine Geheimnisse vor ihr haben. Er wollte nichts vor ihr verbergen und sie sollte sich keine Illusionen über ihn machen. Alles sollte seine zukünftige Frau über ihn wissen, alles. Darum gab Lew Tolstoi, der berühmte russische Schriftsteller, seiner unschuldigen, wesentlich jüngeren Verlobten alle seine Tagebücher. Er wollte ehrlich sein, obwohl er sich seiner eigenen Vergangenheit auch schämte. Er hatte mit Dutzenden von Frauen geschlafen, er hatte einen Teil seines Erbes verspielt, er hatte ein uneheliches Kind.

Sofia nahm die Tagebücher ihres zukünftigen Ehemannes, las sie – und war entsetzt. Als sie ihm die Aufzeichnungen am nächsten Tag zurück gab, hatte sie verweinte Augen. Sie verstand nicht mehr, warum sie diese abscheulichen Berichte überhaupt hatte lesen sollen. Will man denn wirklich von dem anderen alles wissen? Die nackte Wahrheit erfahren? Auch auf die Gefahr hin, dass sie verletzt, dass sie hässlich und eine Zumutung ist?

Mit 18 Jahren hätte ich auf diese Frage geantwortet: Auf jeden Fall! Da soll alles auf den Tisch. Man will den anderen und auch sich selbst wirklich und auch noch in seinen Abgründen kennen lernen. Ich war ein Anhänger des Seelen-Exhibitionismus. Ich wollte immer wissen, wie der andere „eigentlich“ ist.

Aber an dieser Einstellung habe ich immer mehr Zweifel bekommen. Hat der andere nicht auch das Recht, für sich zu behalten, was er für sich behalten möchte? Und habe ich die Kraft, auch die dunklen Abgründe des anderen zu ertragen? Hat er nicht auch das Recht, sich selbst zu schützen und zu verschweigen, woran zu rühren für ihn vielleicht nicht gut wäre? Darf er sich nicht auch seiner nackten Seele schämen dürfen – und darum schweigen? Verstehe ich den anderen wirklich tiefer, wenn ich alles von ihm weiß? Wenn ich ganz dicht vor einem Bild stehe, sehe ich es ja gar nicht mehr.

Lew Tolstoi, der Spieler und Frauenheld, der geniale Schriftsteller und tyrannische Ehemann, hat sich für das Christentum stark gemacht. Seine Frau schrieb darüber in ihrem Tagebuch: „Er hat sich zum Christentum bekehrt. Das Martyrium aber habe ich, nicht er, durchgemacht.“ Ist die nackte Wahrheit über uns Menschen möglicherweise nur für Gott zu ertragen? Von ihm heißt es: Er kennt uns von Anfang an und besser noch, als wir uns selber kennen. Vielleicht muss das genügen.

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31JAN2020
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Schuhe, T-Shirts, Handys – mittlerweile spricht sich herum, dass die Masse der Gebrauchsartikel keine Lebensfreude garantiert. Stattdessen: Weniger haben, glücklicher leben! Mehr ist manchmal weniger und weniger mehr. Das wusste allerdings die Tante Jolesch schon vor über 100 Jahren.

Die Tante Jolesch – sie lebte tatsächlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf einem Gut in Mähren, schreibt der österreichische Autor Friedrich Torberg. Tante Jolesch hatte jede Menge Verwandte und alle kamen gerne zu ihr zu Besuch. Auch darum, weil Tante Jolesch eine begnadete Köchin war. Ihr allerbestes Rezept: „Krautfleckerln“, eine Mehlspeise, aus kleingeschnittenen Teigbändern und kleingehacktem Kraut.

Wenn die Tante für den nächsten Sonntag Krautlfeckerln plante, dann sprach sich das in der ganzen Verwandtschaft herum. Und wo immer sie auch wohnten, sie kamen aus allen Himmelsrichtungen an diesem Sonntag zur Tante. Niemand hatte an diesem Tag etwas gegessen, einfach um sich den ganzen Hunger aufzusparen. Dann aber mittags, wenn man bei Tante Jolesch einkehrte, wurde serviert. Und es war ein Hochgenuss, jedes Mal aufs neue.

Jahrelang versuchte man der Tante Jolesch mit allen möglichen Listen und Tricks das Rezept ihrer unvergleichlichen Schöpfung herauszulocken. Umsonst. Sie gab es nicht her.

Irgendwann war die Tante so alt, dass sie auf dem Sterbebett lag. Die Familie hatte sich um ihr Sterbelager versammelt. Tante Jolesch lag reglos in den Kissen. Noch atmete sie. Da fasste sich ihre Lieblingsnichte ein Herz und fragte:

„Tante – ins Grab kannst du das Rezept ja doch nicht mitnehmen. Willst du es uns nicht hinterlassen? Willst du uns nicht endlich sagen, wieso deine Krautfleckerln immer so gut waren?“ Die Tante Jolesch richtete sich mit letzter Kraft ein wenig auf und antwortete: „ Sie waren so gut, weil ich nie genug gemacht hab…“ Sprach`s, lächelte und verschied.

Jeder Hobbykoch weiß: dazu gehört Mut! Aber ausprobieren kann man dies Rezept ja einmal. Nicht nur beim Kochen.

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30JAN2020
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Sonntagmorgen im Krankenhaus. Der Gottesdienst wird durch das Krankenhausradio übertragen. Doch was bekommt der Patient zu hören? Das Lied: „Bis hierher hat mich Gott gebracht, in seiner großen Güte“. Robert Gernhardt, der Dichter und Zeichner, der das als Patient erlebt hat, notierte dazu: „Vielleicht sollte mal jemand dem Chor im Haussender stecken, dass er vor Krankenhausinsassen singt.“ Vor Kranken, die vielleicht an Gottes Güte berechtigte Zweifel hegen. Bis hierher hat sie Gott gebracht. Wirklich? Ein schönes Kirchenlied, aber leider wohl am falschen Ort zur falschen Zeit gesungen. In den Ohren von Robert Gernhardt jedenfalls hörte sich das an wie ein schlechter Witz.

Kann ich als Krankenhausseelsorgerin in der Orthopädie vor einer Gruppe Rollstuhlfahrer die Bibelverse lesen: “Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ Muss das nicht zynisch klingen? Wie wenn ich mich lustig machen wollte über die Patienten, für die Laufen ein nicht mehr erfüllbarer Traum bleiben muss?

Der Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit ist seit ein paar Jahren auch in der Kirche zu einem wichtigen Thema geworden. Das Ziel heißt: so reden und schreiben, dass niemand sich ausgeschlossen fühlen soll, dass alle alles mühelos verstehen und diffamierende und diskriminierende Ausdrücke gar nicht mehr vorkommen.

Auf der anderen Seite weiß man vor lauter Bemühen, Fettnäpfe zu vermeiden, manchmal? kaum noch, wie man reden soll. Die Bibel ist nicht in „politisch korrekter“ Sprache geschrieben, die Lieder genauso wenig. Also alles umdichten? Aus den Brüdern Schwestern oder Geschwister machen, auch wenn sich das nicht mehr reimt?

Der protestantische Theologe Daniel Friedrich Schleiermacher war -vor 200 Jahren - der Überzeugung: das Missverstehen ergibt sich von selbst. Das Verstehen dagegen müsse „allezeit gewollt und gesucht werden.“

Und zwar auch von dem, der zuhört. Der Hörer muss sich wirklich auch bemühen, angemessen zu verstehen. Das könnte sogar bei dem Vers gelingen: „Bis hierher hat mich Gott gebracht in seiner großen Güte.“ Man kann ja wirklich dankbar sein, dass es bei uns überhaupt so etwas gibt wie funktionierende Krankenhäuser mit Menschen, die sich bemühen zu heilen und zu helfen. Gut, dass es sie gibt, diese Orte, selbst wenn dort mal die falsche Musik läuft.

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04DEZ2019
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Schon wieder ist ein Jahr fast vorbei. Das Leben ist kurz. Aber was hilf es, darüber zu jammern? Dem römischen Philosophen Seneca jedenfalls, der in etwa zur selben Zeit wie Jesus von Nazareth lebte, ging das ewige Klagen über die Kürze des Lebens mächtig auf die Nerven. Schon zu seiner Zeit, die nach unsere Vorstellungen ja noch im Schneckentempo dahin kroch, jammerte alle Welt: Keine Zeit! Das Leben ist zu kurz!

Seneca schrieb darum eine kleine Betrachtung über die „Kürze des Lebens“. Darin erklärte er: Nicht euer Leben ist zu kurz geraten. Vierzig, fünfzig Jahre sind ja doch eine ganz beträchtliche Zeitspanne. Aber ihr verbringt eure Zeit einfach mit unendlich vielen überflüssigen Dingen. Ihr stehlt euch gegenseitig das Beste was ihr habt: eure Lebenszeit.

Aber was statt dessen? Senecas Rat: Lerne zu leben – und lerne zu sterben. „Jetzt, solange das Blut noch warm, das Leben noch frisch ist, müssen wir uns an das Bessere machen“, schreibt er. Und es sei einfach besser, sich mit der Frage nach dem Göttlichen, mit der Frage nach der Seele und dem Wesen der Natur zu beschäftigen als ewig darüber nachzugrübeln, ob die Frisur richtig sitzt.

Interessant nun, zu erfahren, womit die Menschen vor ungefähr 2000 Jahren nach Ansicht von Seneca ihre Zeit vergeudeten: Der eine ist gefangen in „unersättlicher Habgier“, der andere „dämmert im Nichtstun dahin“. Manche gönnen sich keine Ruhe, weil sie unentwegt „Geschäfte machen wollen in der Hoffnung auf Profit.“ Andere sitzen stundenlang auf dem Sportplatz herum oder gehen jeden zweiten Tag zum Friseur: „Das sind Leute, bei denen eher ihr Staat in Unordnung geraten darf als ihre Frisur“, spottete Seneca.

Seneca war der Überzeugung. Die Menschen unterfordern sich mit all diesen zeitraubenden, leeren Beschäftigungen. Er schreibt: Immer wieder schiebt ihr euer Leben auf und sagt: Das mache ich, wenn ich Zeit habe, irgendwann später. Ohne daran zu denken, dass es vielleicht kein „später“ mehr für euch geben wird.

Seneca war kein Christ. Aber zum Beispiel im Ulmer Münster findet man seine Büste neben denen anderer antiker Gelehrter. So ehrten die Ulmer damals die Männer, die sich über ein richtiges Leben Gedanken machten. Bald ist das alte Jahr zu Ende. Aber noch bleibt Zeit, um Senecas Ratschlag einmal auszuprobieren: jetzt, solange das Blut noch frisch ist, sich mit der Frage nach dem Göttlichen, der Seele und der Natur zu beschäftigen.

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03DEZ2019
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Vor unserem Fenster steht eine große Linde. Das ganze Jahr über ein wunderbarer Anblick, den ich nie leid werde. Vielleicht hatte Christian Morgenstern auch so einen Baum vor der Haustür. Denn er fragte sich einmal: "Warum erfüllen uns Gräser, eine Wiese, eine Tanne, mit so reiner Lust?“ Und seine Antwort: „Weil wir da Lebendiges vor uns sehen, das nur von außen her zerstört werden kann, nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem Herzen sterben und das Gras nie seinen Verstand verlieren. Von außen droht ihnen jede mögliche Gefahr, von innen aber sind sie gefeit.

Genau das ist der Unterschied zwischen der Linde und mir. Von außen droht ihr jede mögliche Gefahr: Orkanböen, nasser Schnee in Mengen, Blitzeinschläge und Menschen, die etwas gegen zu große, alte Linden haben, weil ihre Blätter schon mal dahin fallen, wo sie nicht erwünscht sind. Aber: Die Linde vor dem Fenster, wie Morgenstern sagt, „kann sich nicht selber in den Rücken fallen“. Sie hadert nicht mit sich, sie bereut nichts, sie kann sich nicht selbst ruinieren. Sie kann nicht unsicher werden und am Sinn ihres Lebens zweifeln. Sie kann sich selbst ihr Lindenleben nicht schwer machen. Da kann ich als Mensch nur neidisch werden.

„Wenn es möglich wäre“, träumte Christian Morgenstern weiter, „würde ich mich jeden Tag in eine besondere Form tierischen oder pflanzlichen Lebens verwandeln. Ich wollte nacheinander alle Formen von Blumen und Blüten annehmen; Kräuter, Dornen und Rosen sein oder ein tropischer Baum.. " Für Morgenstern verband sich damit auch der Wunsch, einfach glauben zu können. „Was tut die Blume wohl mit Gott? Sie lässt sich Gott gefallen. In der Blume als Blume träumt Gott seinen schönsten Traum, da widerstrebt ihm nichts.“ Im Vergleich dazu ist der Mensch ein widerborstiges Geschöpf, in sich zerrissen, nachdenklich, und durch seinen Geist alles in Frage stellend. Und zu seinem eigenen Schaden auch Gott. Morgenstern war überzeugt: „Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiterzuwandeln.“ Darum lieber Blume sein, die Linde vor dem Haus oder ein tropischer Baum. Aber das klappte bei Morgenstern genauso wenig wie bei mir. Zum Glück gibt es den tröstlichen Anblick von Gräsern und Wiesen, von Linden und Tannen.

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02DEZ2019
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Adventskalender in allen Variationen, kistenweise Engel, Adventsmüsli in Adventsboxen – braucht es das wirklich für eine stimmungsvolle Adventszeit?

Mir genügen vier Kerzen, ein bisschen Tannengrün und das Lied: „Macht hoch die Tür.“ So wie damals in der Schulzeit. Advent, das war eine wunderbare Schonfrist, in der der Schultag ausnahmsweise mit Stille, Adventkranz, Kerzen und dem Ohrwurm „Macht hoch die Tür“ begonnen wurde. Den Text dieses schönen Adventsliedes habe ich damals überhaupt nicht begriffen, aber Adventsstimmung muss man nicht begreifen. Dass mit dem „Herrn der Herrlichkeit“ Jesus gemeint war, das hatten wir im Religionsunterricht gelernt. Und dass er Heil und Segen, Freud und Wonne mit sich bringt, das hatte man ja schon als kleines Kind begriffen. Denn schließlich läuft Advent auf Weihnachten hinaus, und das hieß: unter dem Weihnachtsbaum sehr reale Geschenke.

Doch geheimnisvoll blieb dieses Lied, das wir so oft gesungen haben, immer. Auch, weil ich die letzte Zeile: „Derhalben jauchzt, mit Freuden singt, Gelobet sei mein Gott“ , über Jahrzehnte konsequent missverstanden habe. Das lag an dem altertümlichen Wörtchen „derhalben“, heute würde man „deshalb, darum“ sagen. Aber ich stellte mir Jesus vor, dem ein halber Jauchzer genügt um ihn mit ganzer Freude zu singen, quasi ein Vorbild an Bescheidenheit und Genügsamkeit. Die Unklarheit der Worte dieses Liedes tat seinem Reiz keinen Abbruch. Im Gegenteil. Advent war: „Macht hoch die Tür“. Advent in der Schule war: Eine kurze Schonfrist, bevor es ernst wurde, die Vokabeln abgefragt, das Biologieheft kontrolliert und der Mathetest geschrieben wurde.

Im weichen Kerzenwachs pulen, mit den Tannennadeln in der Flamme ein Minifeuerwerk veranstalten, und sich im Duft verbrannter Tannennadeln an die Kindheit erinnern - das ist Advent. Die Kerzen am Adventkranz sind sowieso immer das Beste. Vielleicht weil sie ein bisschen an Stromausfall erinnern, die Ausnahmesituation in unserer Zeit, wenn auf einmal nichts anderes da ist, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Also genau genommen braucht es nicht mehr: als Kerzen am Adventskranz, ein bisschen Zeit, und „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit...“. Mit dem schönen Vers am Ende: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, mein Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein.“ Und das wünsche ich Ihnen und mir: dass wir im Kerzenschein etwas von Gottes Freundlichkeit spüren.

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Am Anfang war das Wort, so lesen wir in der Bibel. Aber gleich nach dem Wort kam die Zahl. In der Bibel, der Heiligen Schrift, dem Wort Gottes, wimmelt es von Zahlen. Gezählt werden die Tage, in denen Gott die Welt geschaffen hat  – exakt sechs plus einem  Ruhetag. Es werden Plagen nummeriert, die die Ägypter heimsuchten. Kühe und Ähren, Jünger, Regierungsjahre, Brote, Fische, Körbe, Engel, Gerechte, kluge Jungfrauen und törichte – alles durchgezählt. Die Stunden der Finsternis, die Tage bis zur Auferstehung, die Buchsiegel, die Silberlinge, die Posaunen am jüngsten Tag.   

Auch Die Bibel zeigt: die Menschen waren immer schon von Zahlen fasziniert. Denn die Zahlen dienen dazu, sich in der Welt zurechtzufinden, sie zu ordnen, zu messen und zu wiegen.

Eine Zahl ist darum immer mehr als eine Zahl. Sie kann ein Machtmittel sein, sie kann den Gegner in die Knie zwingen, vor allem dann, wenn die Zahl imponiert. Es macht einen Unterschied, ob Jesus mit seinen zwölf Jüngern durch die Lande zieht – oder ob die Massen hinter ihm herlaufen.

Aber: Jesus hat einen erstaunlichen Mangel an Ehrgeiz, was die große Zahl angeht. Das Volk, das er um sich versammelt, die Menge, die ihm nachfolgt, sie „jammert“ ihn. Sie tut ihm leid.

Jesus Christus kam es nicht auf die große Menge an. Er zählte seine Anhänger nicht durch und war stolz darauf. Er sah und schätzte den Einzelnen.

Jesus interessierte sich nicht für die große Menge – seine Jünger und Apostel aber setzten alles daran, um mehr und immer mehr Menschen zu erreichen. So wurde die Geschichte des Christentums auch die Geschichte einer Religion, die mehr und immer mehr Anhänger fand. „Aber viele von denen, die das Wort (von Petrus und Johannes) gehört hatten, wurden gläubig; und die Zahl der Männer stieg auf fünftausend.“ heißt es in der Apostelgeschichte. Frauen wurden nicht gezählt. Die imponierende Zahl – sie beherrschte nach Jesu Tod und Auferstehung das Feld.

Aber es bleibt ein leicht unangenehmer Beigeschmack beim mehrfachen Hinweis auf die Zahlen der Neubekehrten. Zumal wir wissen, wie schnell die vielen, die sich  Christen nannten, vergaßen, was das bedeutete. Und wie schnell die Kirche, als sie Macht bekam, hart und lieblos wurden gegen jene, die ihr nicht angehörten. 

Ich vermute, Jesus Christus wäre es lieber, wenn Christen, statt gebannt auf die Mitglieder- und Eintrittszahlen schauen, lieber auf den schauen, dem sie ihren Glauben und ihren Namen verdanken.

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