Manuskripte

13JUN2020
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Heute hat Antonius von Padua seinen Namenstag. Der war ein Anhänger von Franz von Assisi. Wahrscheinlich werden deshalb von ihm ähnlich schräge Geschichten erzählt. Wie Franz mit den Vögeln geredet hat, so hält Antonius es mit dem Fischen. Einmal wollte er predigen – nur war die Kirche leer. Kein Mensch da, schon damals, vor achthundert Jahren. Was also tun? Kein Problem für Antonius. Der fand sein Publikum. Er war gerade in Rimini an der Adria. Was lag da näher, als mal eben schnell an die Küste zu laufen? Dort hat er den Fischen und anderen Meerestieren gepredigt. Und wenn Antonius eins konnte, dann predigen. Kein Wunder, dass es in einem alten Volkslied dazu heißt: Kein Predigt niemalen den Krebsen so gefallen. Antonius verstand sein Handwerk. Man ist beeindruckt.

Wenn das so ist – dann können ja alle wieder nach Hause gehen bzw. schwimmen. Predigt beendet, Mission erfüllt. Das Volkslied stellt fest: Die Predigt hat gefallen, sie bleiben wie alle. Mit anderen Worten: Keiner ändert sich auch nur ein bisschen. Die Predigt bleibt folgenlos. Da hätte man es ja auch gleich bleiben lassen können. Schöne Worte sind nicht genug.

Das Problem ist viel älter als die Fischpredigt des Antonius. Seid Täter des Worts und nicht Hörer allein (Jak 1,22). So steht’s schon in der Bibel. Wenn das Gute nur zu einem Ohr in den Kopf hinein und zum anderen wieder hinausgeht, dann bringt das nichts. Es soll von den Kiemen in die Flossen und von den Ohren in die Hände gehen. Praktiker sind gefragt, Fische und Menschen, die das Gute praktizieren und nicht nur davon reden. Sonst betrügt ihr euch selbst, meint die Bibel. Besser ist es, wenn ihr euch selbst gegenüber ehrlich seid. Und wenn ihr dann Gutes tut, werdet ihr frei.

Würde Antonius heute zu uns kommen, von der Adria an Rhein, Mosel, Lahn und Nahe, dann würde er Fischen und Menschen vielleicht sagen: Probiert es einmal aus, packt an statt einfach wieder nach Hause zu gehen oder im Fluss abzutauchen. Und fangt ruhig klein an – als Praktikanten des Wortes Gottes.

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12JUN2020
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Zwischen Mannheim und Schwetzingen ist etwas Ungeheuerliches geschehen. Heute vor 203 Jahren. Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn schiebt ein von ihm selbst konstruiertes Fahrzeug auf die Straße. Die Draisine. Er steigt auf, stößt sich ab, stößt sich immer wieder mit den Füßen vom Boden ab, nimmt Fahrt auf, und macht sich auf den Weg nach Schwetzingen. Dort angekommen, vor der Stadt, an der Pferdewechselstation für die Postkutsche, dreht er um und fährt wieder zurück nach Hause, nach Mannheim.

Sein Geld hat er mehr schlecht als recht im Forstdienst des Landes Baden verdient. Aber im Herzen war er ein Erfinder. Sein neuester Clou, den er zwischen Mannheim und Schwetzingen auf die Probe stellt, ist das Fahrzeug, das er selbst „Fahrmaschine ohne Pferd“ genannt hat. Es war nur 22 Kilogramm schwer, hatte eine Lenkung und machte den, der damit unterwegs war, blitzschnell. Und es machte ihn unabhängig von Pferden. Das war wichtig, denn 1817 gab es nach einem Vulkanausbruch in Indonesien Missernten und extreme Wetterlagen. Bei Schneefall im Sommer gab es für die Pferde nicht genug Futter. Drais sagte sich: Selbst ist der Mann und beschleunigte sozusagen sich selbst.

Die Strecke, vierzehn Kilometer lang, mit allem Drum und Dran, schaffte er in knapp einer Stunde. Pferdewechsel, Futter für die Pferde, Lohn für den Kutscher usw. war überflüssig. Damit war das Ur-Fahrrad erfunden. Mit einem Mal war die Balance, der Gleichgewichtssinn wichtig. Und die Menschen sollten mit seiner Hilfe drei Mal so schnell wie zu Fuß von der Stelle kommen. Ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein.

Drais hat der Welt eine nützliche und geniale Erfindung geschenkt und wurde Mitglied in zwei Akademien. Geld gab es allerdings für ihn kaum zu verdienen, seine Fahrmaschine oder Draisine wurde illegal nachgebaut. Drais war ein armer Erfinder und doch reich an Einfällen: In einer allgemeinen Notlage hat er etwas erfunden, um der Not abzuhelfen. Das bleibt ein Vorbild bis heute.

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10JUN2020
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Das Million-Dollar-Trio. So nannte man vor siebzig Jahren den Geiger Jascha Heifetz, den Pianisten Artur Rubinstein und den Cellisten Gregor Piatogorsky. Wenn die drei zusammen auftraten oder ein Musikstück für Schallplatte aufnahmen, bekam dieses Trio die höchsten Honorare. Davon können die allermeisten Musikerinnen und Musiker nur träumen – heute erst recht in diesen Tagen, wo Konzerte kaum möglich sind.

Man mag es kaum glauben, aber auch das viele Geld tat der Eifersucht keinen Abbruch. Besonders Rubinstein und Heifetz waren einander in herzlicher Abneigung zugetan. Wünschten sich zum Beispiel gegenseitig „Schreckliche Weihnachten“. Besonders gerne stritten sie darüber, wer bei einem gemeinsamen Auftritt zuerst genannt werden sollte. Normalerweise ist das der Pianist, also Rubinstein. Aber Heifetz wollte seinen Namen als Geiger auch einmal an erster Stelle lesen. Vom Cellisten sprach übrigens keiner der beiden.

Rubinstein lehnte es kategorisch ab, dass ein anderer als er selbst an erster Stelle steht. Berühmt geworden ist sein Ausspruch: Selbst wenn Gott die Geige spielen würde, wäre die richtige Reihenfolge immer noch: Rubinstein und Gott.

Daraus spricht ein gesundes Selbstbewusstsein. Daraus spricht aber auch sehr wenig Ahnung vom lieben Gott. Denn der kümmert sich zwar sehr herzlich um uns, aber herzlich wenig um sich selbst. So wie es Jesus gesagt hat: Wer unter euch der erste sein will, der soll euch dienen (Markus 10,44).

Wahre Größe besteht darin, von sich selbst absehen zu können. Sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Du sitzt am Klavier und hast die meisten Tasten – na und? Du spielst die erste Geige – was weiter? Nimm dir ein Beispiel am Schöpfer und Erhalter des Himmels und der Erde: Der wird ein Mensch, um anderen zu dienen.

Das Problem des Million-Dollar-Trios ist damit noch nicht gelöst. Denn bei einer Aufzählung muss einer ja den Anfang machen. Gott begnügt sich mit dem zweiten Platz. Deshalb bin ich unbedingt für den, der nicht mitgemacht hat beim Kampf um den ersten Platz – ich bin für den Cellisten.

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09JUN2020
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Sein Name ist Tom Moore. Er ist ein britischer Veteran des Zweiten Weltkriegs. Mittlerweile ist er hundert Jahre alt und schon lange in Rente. Berühmt wurde er erst vor kurzen mit Neunundneunzig. Da hatte Captain Tom, wie man ihn nennt, die Idee, Spenden für das staatliche britische Gesundheitssystem zu sammeln. Für Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, die Captain Tom und unzählige andere vor und in der Pandemie gut begleitet haben, auch wenn es dem Gesundheitswesen selbst nach allgemeiner Ansicht wegen Geldmangel nicht so gut geht. Gesagt, getan: Captain Tom drehte also hinter seinem Haus mit seinem Rollator ein paar Runden, ein kleiner Charity-Lauf war das. Tom Moore fand schon, dass das eine Spende wert sei, und rechnete mit Tausend Pfund für hundert Runden. Da hat er sich aber verrechnet. Der alte Herr, korrekt im Anzug und mit ordensgeschmückter Brust, sammelte nicht tausend Pfund, sondern knapp 33 Millionen.

So berührt hat das die Menschen, dass seine Neuaufnahme des Lieds You’ll never walk alone, Du wirst niemals alleine gehen, Platz 1 der Charts erreichte.

Ich bin echt beeindruckt und denke: Was einer allein alles erreichen kann! Und gleichzeitig: Was viele miteinander erreichen können, wenn sie die Idee eines einzelnen teilen. Denn das lässt sich nicht trennen, der eine und die vielen. Sie teilen ein gemeinsames Ziel und erreichen in kurzer Zeit Großes. Es ist schön, dass wir Menschen auch so sind: Wir freuen uns an dem Einfall eines anderen. Und dann können wir gar nicht anders als mitzumachen: Menschen fangen an, zu teilen. Auf einmal ist es völlig unvorstellbar, dass man nicht Geld gibt, wenn ein Neunundneuzigjähriger im Hinterhof spazieren geht. Verrückt, aber zum Glück funktioniert es. Und auf einmal gehst Du nicht allein, sondern bist mit anderen gemeinsam unterwegs. Und gönnst dem, der die gute Idee hatte, Ruhm und Ehre:

Captain Tom hat 130.000 Glückwünsche zum hundertsten bekommen. Die Armee hat ihn zum Colonel befördert. Und die Queen hat ihn zum Ritter geschlagen. Glückwunsch, Sir Tom!

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08JUN2020
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Wer zur See fährt, der kennt die Macht des Meeres. Schon die Bibel erzählt davon: Sturmwind erhebt die Wellen. Man fühlt sich, als wenn man gen Himmel fährt und dann wieder in einen Abgrund sinkt. So heißt es in einem Psalm der Bibel (Psalm 107). Was für eine Kraft! Sie ist noch zu spüren, wenn man am Strand ins Wasser geht und eine Welle reißt einen von den Füßen. Das Meer ist riesig und scheint unendlich. Ohne Gottes Beistand trauten sich die Menschen nicht an eine Überfahrt. Sie hofften, dass er sie zum sicheren Hafen bringt. Einzelnen Menschen kann das Meer gefährlich werden.

Diese Gefahren gibt es bis heute. Trotzdem ist es mittlerweile eher umgekehrt: Die Menschheit wird dem Meer gefährlich. Auch wenn sich ein einzelner Mensch vor dem Meer klein und unbedeutend fühlt, alle zusammen kriegen wir das Meer klein. Die Vereinten Nationen haben deshalb den Tag heute zum Welttag des Meeres erklärt. Er soll auf die Gefahren für das Meer durch Verschmutzung und Überfischung aufmerksam machen. Keine ordentliche Seekarte, in der nicht die riesigen schwimmenden Kunststoff-Inseln mitten im Meer verzeichnet sind. Kein Meeresbewohner, in dessen Magen sich nicht mehr oder weniger viel Plastik findet.

So verletzlich ich bin, so zerstörerisch können Menschen zusammen sein. Wir haben zwei Gesichter. Wir plantschen am Strand und fügen andererseits dem Meer großen Schaden zu. Es ist gar nicht so einfach, beides zu sehen, das Schöne und das Schreckliche. Und dann noch viel schwerer, das eine weiter zu tun und das andere zu lassen. Denn wir sollen weder grießgrämig-pessimistisch noch oberflächlich-egoistisch werden. Es braucht eine Kombination aus Freude und Verantwortung: mit Spaß baden gehen und mit Ehrfurcht Müll vermeiden. Damit das Meer bleibt, was es noch ist: groß und wild und sanft und tief und eine fantastische Schöpfung Gottes.

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07MRZ2020
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Heute hat die Maus Geburtstag, ein orangefarbenenes Nagetier mit braunen Ohren, Armen und Beinen, das gern auf seinen Hinterpfoten läuft. Also genauer gesagt, die Sendung mit der Maus. Vor 49 Jahren wurden die Lach- und Sachgeschichten des Westdeutschen Rundfunks aus Köln zum ersten Mal ausgestrahlt. Was soll ich sagen, ich war von Anfang an dabei. Die Geschichten vom Maulwurf oder kleine Lieder waren damals nicht so mein Ding, aber wenn zum Beispiel erklärt wurde, wie man Feuerwerksraketen herstellt oder wie Leitplanken gereinigt werden – fantastisch. Auch dass der Vorspann immer zweimal läuft, einmal auf Deutsch und dann noch einmal in einer anderen Sprache, die man allermeistens nicht versteht – faszinierend.

Die Sendung mit der Maus wird für Kinder im Kindergarten- oder Grundschulalter gemacht. Sie sind das Zielpublikum. Aber das durchschnittliche Alter von allen, die zuschauen, liegt deutlich höher: bei 40 Jahren. Ich gebe zu, daran bin auch ich schuld. Denn noch immer schaue ich gerne zu. Die Lach- und Sachgeschichten sind vielleicht die letzte generationenübergreifende Fernsehsendung. Großeltern, Eltern, Kind und Kindeskind lachen gemeinsam und denken gemeinsam nach.

Was mich heute am meisten berührt, ist die Maus selbst: immer wieder steht sie in den kurzen Zeichentrick-Clips vor Problemen. Ärgert sich, ist ratlos, fällt hin, steht vor unüberwindbaren Hindernissen. Lässt sie sich davon entmutigen? Auf keinen Fall! Aus ihrem Bauch holt sie dann ein passendes Werkzeug oder sie verlängert ihre Beine oder baut aus ihrem Schwanz eine Brücke. Ihr fällt immer etwas ein. Sie ist einfach kreativ. Sie probiert Dinge so lange, bis es klappt. Und wenn sie es allein nicht schafft, dann sind da ja auch noch ihre Freunde, der Elefant und die Ente. Zusammen schaffen sie es dann bestimmt. Teamarbeit gewinnt! Sie ist einfach menschlich, die Maus. Sie weckt in uns unsere besten Seiten: Fantasie, Ausdauer und Gemeinschaftssinn. Herzlichen Glückwunsch!

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06MRZ2020
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Kurbetrieb in Jerusalem. Menschen, die blind oder lahm sind oder unter Hautkrankheiten leiden. Langzeiterkrankte. Und mittendrin einer, der seit achtunddreißig Jahren krank ist. Ab und zu bewegt sich das Wasser in der Quelle. Dann, so sagt man, habe es besondere Heilkräfte. Bis unser Mann es dann ins Wasser geschafft hat, ist schon wieder alles vorbei. Der mögliche Ort der Heilung ist ein Ort der Hoffnungslosigkeit für ihn. Dennoch kommt er jeden Morgen, liegt auf seiner Matte und wartet. Ohne sagen zu können, worauf. Seit achtunddreißig Jahren.

Diese Geschichte aus der Bibel steht heute im Mittelpunkt des Weltgebetstages. Rund um den Globus werden zu dieser Geschichte Gottesdienste gefeiert. Die Konfession spielt keine Rolle, es wird gemeinsam gefeiert. Ausgesucht haben diese Geschichte Frauen aus dem afrikanischen Land Zimbabwe. Wie dem Mann in der Geschichte geht es ihrem Land nicht gut, wirtschaftlich und politisch. Die Gesellschaft wird immer noch von Männern dominiert, besonders Witwen haben es sehr schwer und sind oft rechtlos.

Ich bewundere diese Frauen, die den Mut nicht verlieren. Sie sagen: „Gott öffnet uns Wege zu persönlicher und gesellschaftlicher Veränderung.“ „Steh auf und geh!“ rufen sie stellvertretend für Jesus. Als der damals die Heilquelle am Teich Betesda in Jerusalem besuchte, da sagte er genau das zu dem kranken Mann: Steh auf! Nimm deine Matte und geh! Und als hätte es nur diese Aufforderung gebraucht, steht der Mann auf, rollt seine Matte zusammen und geht. Gerade weil ihre eigene Situation schwierig genug ist, rufen die Frauen aus Zimbabwe den Menschen auf der ganzen Erde zu: Steh auf! Nimm deine Matte und geh! Für sie geht von der biblischen Geschichte eine ganz besondere Kraft aus.

Am Weltgebetstag kann man seit fast hundert Jahren vom Leben in anderen Ländern hören. Nicht selten auch von schwierigen und ausweglosen Verhältnissen. Vor allem aber lernen wir jedes Jahr neu tapfere Frauen kennen, die etwas zu sagen haben und anderen auf die Beine helfen.

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05MRZ2020
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Keine Ahnung, ob Gott jemals Feierabend hat. Denn auf unserer Erde ist ja ständig irgendwo etwas los. Im Dienst ist jedenfalls ganz klar, was für ihn zählt. Mit seinen eigenen Worten sagt Gott das so:

Ich bin der Herr, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden. Denn das gefällt mir. (Jeremia 9,23) So hat das der Prophet Jeremia überliefert.

Gott begegnet man nie einfach nur so: Einen „Gott an und für sich“ gibt es nicht. Wenn du Gott triffst, dann triffst du immer auch die Werte, denen er sich verschrieben hat: Er hat sich gebunden an Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Ein echt anspruchsvolles Programm ist das! Entscheidend ist die Auswahl – die Kombination macht’s:

Bei der Barmherzigkeit geht es um Mitleid, statt die anderen fertig zu machen; Einsatz ist gefragt, damit eine Not behoben wird. Außerdem setzt Gott vorbehaltlos auf Recht, weil vor ihm kein Ansehen der Person gilt. Dass alle gleich sind, ist die Grundlage für ein friedliches Miteinander. Und gleichzeitig will Gott jedem und jeder Einzelnen gerecht werden und uns Gerechtigkeit widerfahren lassen, damit alle bekommen, was sie brauchen.

Das also ist sozusagen Gottes Regierungsprogramm. Allerdings muss es dann auch umgesetzt werden. Das ist das Entscheidende. Denn man kann noch so viel reden, wenn dann nichts geschieht, sind es doch nur Worte. Damit das nicht so bleibt, setzt Gott auf uns Menschen. Seine Werte sollen auch unsere werden. Seinen Worten sollen unsere Taten folgen. Das wird nicht immer gleich perfekt funktionieren, aber wir sollen es versuchen. Wir Menschen könnten die göttlichen Werte Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit einüben. Selbst wenn wir damit niemals fertig werden, solange wir leben. Aber um Gottes willen damit anfangen, seine Werte in Ehren halten, und diese Werte leben – das können und sollen wir.

Eine Wertegemeinschaft mit Gott – ich glaube, das würde die Welt besser machen.

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04MRZ2020
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Allmählich klettert das Thermometer nach oben. Die Temperaturen steigen. Vielerorts sind die Störche schon längst wieder zurück und bauen an ihren Nestern. Zeit für einen Frühjahrsputz! Und den soll mir auch die Frühjahrsmüdigkeit nicht ausreden.

Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, nicht nur um mich herum aufzuräumen und klar Schiff zu machen, sondern sozusagen mit mir selbst anzufangen. Genauer gesagt, in mir selbst, mit meiner Seele. Die kann etwas Aufmerksamkeit gut gebrauchen. Sie hat mich durch die dunkle Jahreszeit begleitet und jetzt wird ihr etwas frische Luft und Helligkeit gut tun.

Jesus hat offensichtlich vom Seelenputz, von der Seel-Sorge viel verstanden, er sagt: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Markus 8,36). Das ist schönstes Lutherbibel-Deutsch. Das Ü, Ö und Ä haben es mir angetan. So viel Konjunktiv, so viel, was sein könnte, aber nicht muss. Es genügt die Andeutung, das muss gar nicht ausgeführt werden: Ein Seelenschaden wäre schlimm. Er wöge schwerer als aller Wohlstand, den ich erwürbe. Richtig ansteckend sind diese Ä’s und Ö’s und Ü’s!

Gemeint ist damit dies: verliere nicht deine eigene Mitte. Lass dich nicht zumüllen mit Dingen, die in der Welt einen Wert haben mögen, aber dir auf der Seele liegen wie schwere Steine. Du hast eine Seele, einen Freiraum in dir, der schutzbedürftig ist. Und dafür bist du selbst zuständig, nur du kannst deine Seele schützen, das kann dir keiner abnehmen. Sie wird es dir danken mit Frieden, den du in dir trägst.

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Das zu bedenken ist im Frühjahr nicht nur gut für die Seele, das ist auch gut für das Sprechen. Wenn der Mund eingerostet ist, kann man mit diesen Worten gut üben, zu sagen, was gesagt werden muss. Für meine Seele, für mich und für den Menschen neben mir.

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03MRZ2020
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Die Stadt Hanau ist in den Schlagzeilen, seit ein Attentäter dort zehn Menschen und sich selbst erschossen hat. Seine entsetzliche Tat sollte Menschen treffen, deren Herkunftsgeschichte internationaler ist als seine. Und seine Tat sollte eine andere Religion treffen, den Islam. So, als würden sie nicht dazu gehören in dieser Stadt.

Aber jetzt ist die Stadt verletzt und trauert. Die tödlichen Schüsse haben auch ihr Miteinander getroffen. Wie gut, dass viele Tausende jetzt zusammenstehen, im wahrsten Sinn des Wortes auf öffentlichen Plätzen zusammenstehen. Sie zeigen damit, dass die Gemeinschaft der Menschen in der Stadt nicht zerstört wurde. Ihr seid Hanau!

Die Menschen haben klar gemacht, dass sie für das einstehen, was der Name ihrer Stadt bedeutet: Hanau, das ist die Kurzform von Hagenau. Hagen, das erinnert an umhegt, es meint einen befestigten Ort. Die Au verweist auf die Flusslandschaft. Ein befestigter, ein umhegter Ort also im Auenland. Das gefällt mir sehr. Im Dreißigjährigen Krieg hat das geklappt und die belagerte Stadt konnte nicht erobert werden. Die Bewohner standen damals in der schrecklichen Not zusammen.

Aber heute ist auch dieser Ort gefährdet, auch die stärksten Mauern könnten ihn nicht mehr wirklich schützen. Man braucht keine Stadtmauern mehr, die eine Stadt gegen Gefahren von außen schützen. Heute geht es um unseren inneren Zusammenhalt, um das, was wir miteinander und füreinander tun. Da ist jeder und jede gefragt. Die Politik kann etwas für die innere Sicherheit tun. Viel wichtiger ist die innere Stärke eines Gemeinwesens. Viel wichtiger sind die miteinander geteilten Werte: dass zum Beispiel die Shisha-Bar und die Bierstube in ein und derselben Stadt nebeneinander Platz haben. Dass Glaube viele Gestalten haben kann. Vielfalt nicht nur notgedrungen zu ertragen, sondern Vielfalt anzunehmen, das gibt einer Stadt Festigkeit, das macht sie stark. Diese Vielfalt muss gehegt und gepflegt werden, wenn eine Stadt gedeihen soll. Dazu braucht man keine Stadtmauern – aber Bürger und Bürgerinnen mit innerer Stärke.

Wir sind Hanau! Auch wenn wir in Hanheim oder Hanrod leben oder wie immer unsere Orte heißen mögen. Unsere Aufgabe ist: eine gefährdete Gemeinschaft stark machen.

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