Manuskripte

18APR2020
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Letzten Sonntag haben wir Ostern gefeiert. Aber dieses Ostern ist anders als alle Osterfeste, die ich bisher erlebt habe. Sonst war es immer, wie wenn von Karfreitag auf Ostersonntag ein Schalter umgelegt würde: Am Karfreitag erinnere ich den Tod Jesu und denke an alle Menschen, die leiden müssen. Keine zwei Tage später ist das wie weggewischt und nur noch Jubel und Freude über die Auferstehung Jesu ist zu spüren. Das ist dieses Jahr anders: Die Gemeinden haben keine Gottesdienste gemeinsam feiern können und das Fest mit der Familie und den Freunden hat auch nicht stattgefunden. 

Ostern heißt auf Griechisch übersetzt „Pascha“ und das bedeutet „Durchgang“ oder „Übergang“. Die Ikonen der Ost-Kirchen zeigen die Auferstehung Jesu auch entsprechend: Jesus schreitet nach seinem Tod am Kreuz in Riesenschritten durch die Unterwelt und fasst Adam an der Hand. Er holt den ersten Menschen stellvertretend für alle ins Leben. Die Auferstehung ist da kein Ereignis, sondern ein Prozess.

Besonders in diesem Jahr, wo ich Ostern nicht so feiern kann wie sonst, hilft mir das sehr. 

Ich muss an die Zeit denken, als ich schwer krank war: Der Arzt sagt mir, wie es um mich steht, und ich denke, jetzt ist alles aus. Alles umsonst. Mein Glaube an Gott ist da zumindest ein Strohhalm, an dem ich mich noch festhalten kann. Und der sich gleichzeitig so anfühlt als wäre mein Wunsch der Vater des Gedankens. 

Wer in den letzten Wochen schwer krank geworden ist, oder durch den Virus einen Menschen verloren hat, hat es vielleicht ähnlich erlebt. In so einer Situation kann keiner den Schalter umlegen und so tun als ob jetzt an Ostern alles gut wird. Auch wenn ich als Christ darauf hoffe, dass Gott alles zum Guten lenkt. Die Kluft zwischen Zweifel und Vertrauen ist dann einfach sehr groß und ich möchte mich am liebsten nur noch bei Gott beklagen. Das zu tun gehört eben auch zu Ostern. Denn ich hoffe ja, dass Gott meine Klage hört und mir hilft. Vielleicht so wie es die Ikone zeigt: Dass er Jesus zu mir schickt, damit er mich an der Hand nimmt und mit mir durch diese dunklen Zeiten hindurch geht. Denn dieses Bild führt mir ja beides vor Augen: Dass Gott bei mir ist in dunklen Zeiten und dass er mit mir da durchgeht. Ins Leben. 

Ostern heißt für mich in diesem Jahr: Ich will nicht so tun, als ob eigentlich schon alles gut wäre. Vermutlich muss ich das noch eine Weile aushalten. Aber in der Hoffnung, dass Jesus mich an der Hand nimmt und mir diese Kluft überwindet.

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17APR2020
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Als wäre es das Lebensmotto der letzten Wochen: „Rühr mich nicht an“. Seit der Zeit der Corona-Pandemie denk ich oft so, wenn mir andere Menschen zu nahe gekommen sind. Beim Spazieren gehen oder in der Kassenschlange im Laden, immer wieder denke ich da: „Bleib weg“ – „Rühr mich nicht an“. 

Der Clou dabei: Das ist fast ein Zitat aus der Bibel. Jesus sagt dasselbe nämlich zu Maria Magdalena, als er ihr am Ostermorgen begegnet. Sie ist zu seinem Grab gegangen, voll Trauer. Und was sie da erlebt, schleudert sie richtig hin und her. Zuerst findet sie den toten Jesus nicht, weil er verschwunden ist. Dann fragt sie bei einem Gärtner nach, und als dieser sie bei ihrem Namen „Maria“ anspricht, erkennt sie in ihm Jesus. Jetzt müsste doch alles gut sein. Maria Magdalena fällt vor Jesus zu Füßen und möchte ihn festhalten. Er weist sie aber zurück und sagt: „Rühr mich nicht an.“ 

Ich habe diese Zurückweisung von Maria Magdalena schon immer eigenartig gefunden. Wie soll denn jetzt wieder alles gut sein, wenn sie Jesus nicht nahe sein darf? Wenn er aufstanden ist und sie dann immer noch keinen Kontakt zu ihm haben kann, ist doch gar nichts besser geworden. Aber so ist es ja dann doch nicht. Der Tod hat diese Beziehung nicht gekappt, aber verändert. Aber Maria Magdalena muss erst lernen, wie das geht. Sie kann dabei auf das bauen, was ihre Freundschaft mit Jesus auch vorher schon ausgemacht hat. 

Die Erfahrungen, die ich in der Corona-Krise gemacht habe, sind zwar nicht eins zu eins dasselbe. Die Botschaft, dass Jesus auferstanden ist, macht alles Leben neu. Das Leben vor dem Tod, aber auch ich hoffe auch auf ein glückliches Leben nach dem Tod. Aber in der Corona-Krise habe ich lernen müssen, wie ich mit meiner Familie und meinen Freunden in Beziehung bleiben kann, auch wenn wir uns nicht physisch begegnen. Dank Telefon und Whatsapp kein Problem. Wenn ich an Maria Magdalena denke, ahne ich, dass es noch ganz andere Dimensionen gibt, wie ich mit anderen Menschen verbunden sein kann: Wenn ich an sie denke und wenn ich für sie bete. Das klingt womöglich banal, aber wenn ich es lerne, so mit andern Menschen verbunden zu sein, dann ist das ja schon eine Form, die über den Tod hinaus wirken kann. Der Spuk von Corona ist hoffentlich irgendwann wieder vorbei. Ostern zeigt mir schon, was ich danach noch mehr lernen will: Wie ich die geistige Nähe zu anderen Menschen pflegen kann.

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12APR2020
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Gelobt sei Gott im höchsten Thron
samt seinem eingebornen Sohn,
der für uns hat genug getan.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

„Gelobt sei Gott im höchsten Thron“. Das Lied zum heutigen Ostersonntag setzt direkt mit einem Lob auf Gott ein. Dabei ist das jetzt nicht das erste, was mir nach den letzten Wochen in den Sinn kommt, die von der Corona-Krise geprägt sind. Normalerweise kommen an Ostern Familien und Freunde zusammen und feiern ein Fest der Lebensfreude. Und die Gemeinden singen in den Gottesdiensten das Halleluja als Lob auf Gott, der dem Leben wieder zum Sieg verholfen hat. Und dieses Jahr nichts von alledem. Im Gegenteil die Folgen, die diese Pandemie haben wird, sind noch nicht abzusehen. Ich kann jetzt nicht aus voller Brust in das Halleluja einstimmen. Ich muss das alles noch verarbeiten. Aber dieses Lied zeigt, wie das gehen könnte. Es gehört zu den Erzählliedern. Solche Lieder sind im frühen Mittelalter aufgekommen, wo die Christen die biblischen Geschichten nachgespielt und musikalisch inszeniert haben.

Des Morgens früh am dritten Tag,
da noch der Stein am Grabe lag,
erstand er frei ohn alle Klag.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Jede Strophe endet mit diesem Halleluja-Jubel, der tänzerisch wirkt und einen anderen Rhythmus anschlägt als der Anfang der Strophe. Dort bin ich bei dem, was die Evangelisten vom Ostermorgen erzählen: Drei Frauen aus dem Freundeskreis von Jesus gehen am Morgen nach dem Sabbat zu seinem Grab und wollen seinen Leichnam salben. Sie sind ganz in Trauer und völlig überrascht als sie am Grab ankommen. Der Stein davor ist weggerollt und sie können nicht verstehen, was los ist. Es braucht jemanden, der ihnen hilft, das Erlebte zu verarbeiten. Einen, der sie tröstet und ihnen Mut macht:

Der Engel sprach: „Nun fürcht’ euch nicht;
denn ich weiß wohl, was euch gebricht.
Ihr sucht Jesus, den find’t ihr nicht.“
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Dieser Engel am Grab tut vor allem eines: Er nimmt die drei Frauen ernst und fasst ihre Trauer in Worte. Das ermutigt auch mich, meine Traurigkeit ernst zu nehmen über die vielen Menschen, die hier bei uns, in Italien, Frankreich, den USA und auf der ganzen Welt in den letzten Wochen gestorben sind. Und meine Sorge zu spüren, ob ich gesund durch diese Krise komme und wieder ein normales Leben habe werde. Wenn ich dieses Jahr Ostern feiern will, muss ich bei diesen Sorgen ansetzen. Und es ist eben nicht mit einem Handstreich von jetzt auch gleich alles wieder gut. Ich will das ernst nehmen, was traurig macht und Sorgen weckt. Und wenn ich bete oder dieses Lied höre, will ich mit den anderen Leuten verbinden.

Ich glaube, dass Gott an Ostern alles neu macht. Und dass er mit der Auferweckung Jesu zeigt, dass das Leben über den Tod siegt. Das ist und bleibt meine Hoffnung. Und aus dieser Hoffnung heraus will ich immer wieder versuchen, den Takt der Trauer zu wechseln und in das Halleluja einstimmen. Ich vertraue darauf, dass Gott grundlegend die Trauer in Freude verwandelt hat. Auch wenn ich es jetzt noch nicht spüre. Heute an Ostern und mit diesem Lied bitte ich darum:


Nun bitten wir dich, Jesu Christ,
weil du vom Tod erstanden bist,
verleihe, was uns selig ist.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

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20MRZ2020
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Heute ist Frühlingsanfang. Früher hat mich das in Hochstimmung versetzt. Ich mag den Frühling mit den bunten Blumen, den längeren Tagen und der Aussicht auf den Sommer. Aber dieses Jahr habe ich auch mulmige Gefühle. Das liegt daran, dass der Winter mal wieder kein richtiger Winter war. Es gab zwar auch kalte Tage und Nächte und ein bisschen Schnee. Aber es ist offensichtlich, dass sich das Klima verändert. Wenn heute der Frühling offiziell anfängt, will ich diese Schönheit der Natur zwar auch wieder bewusst genießen. Aber ich will gleichzeitig im Kopf behalten, dass sich jetzt etwas ändern muss. Und zwar drastisch.

Wir Menschen müssen doch versuchen, bald etwas gegen den Klimawandel zu tun. Wer sonst? Meine Nichte ist jetzt vier Jahre alt. Ich will, dass sie später auch gut leben kann, dass sie Kindern das Leben schenkt. Aber wenn ich das wirklich will, dann muss ich als Erwachsener jetzt etwas tun.

Und dabei geht es ja nicht nur um später, um die Generation meiner Nichte und ihrer Nachkommen. Es geht ja jetzt schon um das Überleben für die Menschen, die in Regionen der Welt leben, wo die Klimaveränderungen sie schwerwiegend treffen. Das haben die Brände in Australien diesen Winter deutlich gezeigt. Und in Afrika leiden schon seit Jahren ganze Landstriche unter Trockenheit. Und aktuell unter einer Heuschreckenplage wie in biblischen Zeiten.Die Menschen dort wissen nicht, wie sie überleben sollen, wenn ihre Böden keine Frucht mehr hergeben. Und die Heuschreckenschwärme haben ganze Landstriche so kahlgefressen, dass sie sie auf Jahre nicht mehr bewirtschaften können.

Als Christ kann mich nicht kalt lassen, wie es anderen Menschen geht. Nicht bei denen, die anderswo leben, und nicht bei denen, die ihr Leben noch vor sich haben. Ich glaube, jeder weiß auch, was er dazu tun kann. Darüber, wie ich weniger Plastikmüll und weniger Abgase produzieren kann, ist so viel gesagt worden, dass ich anfangen muss, es auch zu tun. Ich weiß ganz genau, was mein Beitrag dazu sein kann. Und ich habe auch immer wieder damit angefangen. Aber leider immer wieder auch aufgehört.

Die aufblühenden Blumen im Frühling sind für mich immer schon ein Zeichen gewesen, dass Gott das Leben will. Ich freue mich auch dieses Jahr daran. Und ich nehme den Frühling als Anstoß, dass ich das tue, was ich kann. Damit das Leben auf dieser Erde, das Gott uns geschenkt hat, noch lange so bunt, vielfältig und schön ist. Und wenn ich wieder in alte Gewohnheiten verfalle, will ich eben immer wieder neu damit neu anfangen. Der Frühling kommt ja auch immer wieder neu.

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19MRZ2020
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Manchmal finde ich meine Religion verrückt. Verrückt im wahrsten Sinn des Wortes. Immer wieder haben Christen im Namen ihrer Religion Ideale entwickelt, die die Botschaft Jesu verstellt haben und die man dringend wieder zurechtrücken muss. Zum Beispiel, wenn es um das Bild der Familie geht. Jahrhundertelang haben Christen so getan, als ob die biologische Konstellation aus Vater, Mutter und Kindern die einzig richtige ist. Dabei war das doch zu allen Zeiten schwierig. In früheren Zeiten haben Krankheiten und Kriege dieses Familienmuster oft zerstört: Der Vater im Krieg gefallen, die Mutter bei der Geburt eines ihrer Kinder gestorben. Heute leben wir länger und selbstbestimmter und machen viel mehr Veränderungen durch: beruflich, der Ort, an dem wir leben, das, was mir im Lauf des Lebens wichtig ist: Alles ist im Fluss.

Das verändert auch die Art, wie wir heute Beziehungen gestalten und Familie leben. Es kommt weniger darauf an, wer die Kinder gezeugt oder geboren hat. Es geht eher darum, wer die Verantwortung für die Kinder übernimmt. Und so gibt es eben nicht mehr das eine Familienbild, sondern viele mögliche Konstellationen: Wenn zum Beispiel ein Elternteil mit den Kindern alleine lebt oder wenn sich neu zusammengesetzte Familien ergeben. Wenn dabei die Verantwortung für die Partner und die Kinder gewährleistet ist, sehe ich nicht, wieso das schlecht sein sollte. Ich finde nur wichtig, dass die Kinder immer wissen, dass sie eine Bezugsperson haben, die zuverlässig für sie sorgt. Und dass jeder in der Familie weiß, dass er sich auf den anderen verlassen kann.

Das kann ich auch als Christ genau so vertreten. So wie die Bibel es beschreibt, wird Jesus in einer Familie groß, die auch nicht diesem Ideal entspricht, von dem man immer so getan hat, als ob es das einzige wahre Christliche sei. Josef wird in der Bibel ja ausdrücklich als biologischer Vater ausgeschlossen, aber er übernimmt trotzdem zuverlässig und liebevoll die Rolle des sozialen Vaters für Jesus. Und das macht er offensichtlich so gut, dass Jesus sich als Erwachsener Gott in erster Linie als einen Vater vorstellt, der barmherzig und liebevoll ist. Anders als in den heutigen TV-Shows und in den Gerichtssälen braucht es hier keinen Vaterschaftstest. Der Test für Josef als Vater Jesu wird zu hundert Prozent durch seine Liebe für seinen Sohn bestätigt. Solche Väter und Mütter, die zuverlässig für ihr Kind da sind, das ist für mich der Ursprung einer christlichen Familie. Ich habe Respekt vor den Menschen, die ihre Familie darauf aufbauen, dass jeder für den anderen zuverlässig da ist. Egal, was andere denken.

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18MRZ2020
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Wenn ich mit dem Auto übers Land fahre, fallen mir immer mehr grüne Kreuze auf. Am Anfang habe ich nicht gewusst, was das bedeutet. Heute weiß ich, dass diese grünen Kreuze ein Protestzeichen der Landwirte sind, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen. Im ersten Moment habe ich gedacht, dass man das Kreuz als Zeichen für den Tod Jesu doch nicht für so etwas benutzen darf. Denn hier geht es ja nicht direkt um Tod und Leben, sondern um das Anliegen der Landwirte. Die grünen Kreuze sind ein Aufschrei – wie jedes Kreuz ja auch ein Aufschrei ist. Wenn ich als Christ auf das Kreuz Jesu schaue, dann erinnert es mich daran, wozu Menschen in der Lage sind. Jesus ist ihnen unbequem geworden, weil er mit seiner Botschaft provoziert hat. Er ist überzeugt, dass Gott auch die mit Liebe annimmt, die massive Fehler gemacht haben. Er setzt sich so für eine Gesellschaft ein, in der nicht nur die Frommen etwas gelten, weil sie scheinbar alles richtig machen. Das passt diesen Frommen natürlich gar nicht und sie wollen ihn aus dem Weg räumen.

Und das zeigt für mich auch die Richtung an, worum es bei den grünen Kreuzen geht. Die Landwirte wollen mich provozieren, damit ich mich solidarisch mit ihnen zeige. Sie haben Angst um ihre Zukunft. Und das kann ich verstehen. Es ist eine immense Herausforderung, wenn man alles gleichzeitig können soll: Alle mit Lebensmitteln versorgen, das Fleisch einerseits so günstig anbieten, dass auch die Ärmeren es sich leisten können, andererseits so teuer, dass weniger Fleisch gegessen wird. Und dass dann ein Landwirt trotzdem von dem leben kann, was er verkauft. Dazu kommt, dass wir in Deutschland einiges für das Klima und gegen das Insektensterben tun müssen, was den Landwirten wieder viel abverlangt. Ein zweischneidiges Schwert, aber so oder so geht es um die Zukunft. Wenn das Klima extremer wird und es keine Insekten gibt, hat die Landwirtschaft auch keine rosige Zukunft. Das ist klar. Ich denke, dass das nur machbar ist, wenn wir als Gesellschaft zusammenhalten. Und das heißt, dass ich auch Abstriche mache und zum Beispiel das Gemüse kaufe, das hier vor Ort von unseren Bauern produziert wird.

Beim nächsten grünen Kreuz, das ich sehe, denke ich also zuerst an Jesus. Dann überlege ich weiter, wie ich als Verbraucher mithelfe, dass die Natur geschützt wird und die Landwirte gleichzeitig gut von ihrer Arbeit leben können. Das muss sich bemerkbar machen, wenn ich beim nächsten Mal den Einkaufskorb im Laden fülle mit Gemüse von Landwirten aus der Region.

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17MRZ2020
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Manchmal macht mich eine Nebensächlichkeit besonders nachdenklich. Im Neuen Testament wird erzählt, dass Jesus einmal zehn Aussätzige heilt. Diese Leute haben vermutlich eine ansteckende Hautkrankheit gehabt. Und solange das jeder sehen konnte, galten sie als unrein, d.h., sie wurden aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Damals war es selbstverständlich, dass sie sich so auch nicht vor Gott blicken lassen können. Sie durften also nicht in den Tempel. Als Jesus diese zehn Männer geheilt hat, schickt er sie deshalb zum Priester, damit dieser sie wieder für gesund und rein erklären kann. Und alle gehen dorthin und werden vom Priester für rein erklärt. Was der Priester da tut, ist nebensächlich. Aber eben an dieser Stelle doch sehr wichtig. Er soll den Leuten sagen, dass sie wieder rein sind.

Das Besondere ist für mich, dass die Vertreter der Religion sich hier nicht zwischen die Leute und Gott stellen, sondern ihnen den Zugang zu Gott ermöglichen. Ich habe es leider oft anders erlebt. Vertreter der Religion nutzen ihren Status als Experten in Glaubensfragen aus und stellen sich wie Richter über die anderen Menschen. Und wenn diese etwas getan haben, was diesen selbst ernannten Richtern als Fehler erscheint, schließen sie sie auf Dauer aus der Gemeinschaft aus. Dabei ist die Botschaft des christlichen Glaubens das pure Gegenteil. Wenn Jesus auf die Aussätzigen zugeht, macht er das ja, weil er überzeugt ist, dass Gott niemanden ausschließen will. Sondern dass Gott die Beziehung zu jedem Menschen sucht. Der Auftrag der offiziellen Religionsvertreter wäre deshalb, den Menschen den Kontakt zu Gott zu eröffnen, anstatt sie auszuschließen. Ich denke, diese priesterliche Aufgabe gilt für jeden ganz normalen Christen. Für mich ist das als Lehrer eine besondere Herausforderung. Ich habe jeden Tag mit Schülern zu tun. Und es gehört zu meinem Alltag, dass ich sie erwische, wenn sie sich nicht an Regeln halten und gegen die Hausordnung verstoßen. Und gerade dann finde ich es wichtig, dass ich mich an Jesus orientiere. Also versuche, nicht nur das zu sehen, was die Schüler falsch gemacht haben. Sondern ihnen immer auch das Gute zutraue. Sie werden sich dann eher zum Positiven verändern, wenn sie selbst an sich glauben und sich sagen können: Was immer ich auch verbockt habe, ich bin okay so wie ich bin und so kann ich mich vor Gott und den anderen sehen lassen.

Weil das eine tägliche Herausforderung ist, die in der Alltagsroutine leicht untergeht,  lasse ich am Ende eines Tages manchmal solche Situationen Revue passieren. Und schaue wo ich einer hätte sein können, der seinen Schülern sagt: Du bist in Ordnung und was Du auch tust, es kann wieder gut werden.

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16MRZ2020
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Mir ist es wichtig, jeden Menschen, mit dem ich zu tun habe, zu respektieren. Aber das ist manchmal gar nicht so einfach. Wenn ich mich von jemanden schlecht behandelt fühle, kann ich mich schwer beherrschen und werde manchmal unhöflich und laut. Z.B., wenn ein Kundendienstbetreuer mein Anliegen am Telefon nicht ernst nimmt und mich offensichtlich mit einer Ausrede vertröstet. Solche banalen Erfahrungen wecken in mir immer wieder Zweifel an meinen großen Idealen.

Was mir hilft, ist ein Gedanke von dem österreichischen Dichter Franz Werfel. Werfel meint, dass in jedem Menschen ein göttliches Licht auf seine Entfaltung wartet. Egal, wie der Mensch sich benimmt. Für Werfel hat jeder Mensch dieses Potential, dass Gott in ihm zum Vorschein kommen kann. Deshalb nimmt er sich vor, niemals mehr einen Menschen zu verurteilen.

Werfel hat vermutlich ähnliche Erfahrungen wie ich mit anderen Menschen gemacht. Er weiß, wie es ist, wenn man um seine Haltung ringt. Und Werfel kennt das in noch ganz anderen Dimensionen. Werfel hat jüdische Wurzeln und er hat in der Zeit des Nationalsozialismus deutlich erlebt, wie es ist, wenn Leute andere Menschen nicht mit Respekt behandeln, sondern in Klassen einteilen, sich über sie stellen und sie systematisch ermorden. In einem Gedicht geht er auf genau diese Täter-Typen ein. Er beschreibt sie, wie sie sich nicht mehr als Menschen zeigen, und bezeichnet sie alsMenschenfresser.

Was mich an Werfel begeistert: dass er über diese Denkschubladen hinauskommt. Obwohl er erlebt, was Menschen anderes Schlechtes antun können, teilt er sie nicht in gute und schlechte ein. Das wäre ja auch nur Gleiches mit Gleichem vergolten. Und die, die Böses tun, hätten dann ja sogar noch die Macht, auch seine Einstellung zu verändern. Das will er ihnen nicht gestatten.

Werfel kommt zu dieser Einstellung, weil er als überzeugter Jude darauf wartet, dass der Messias kommt. Und weil der Messias in jedem Menschen ankommen könnte, versucht Werfel so wachsam auf die Menschen zuzugehen. Auch auf die, die sich nicht menschlich zeigen. Für ihn ist allein schon die Möglichkeit, dass Gott diesen Menschen erwählt haben könnte, Grund genug, Respekt vor ihm zu haben.

Das passt auch für mich als Christ. Wenn ich mich nächstes Mal über jemanden ärgere, will ich den Menschen auch mit diesem Blick anschauen, mit dem ich hinter der Fassade eines unfreundlichen Gesichts den Ort ahne, wo der Heiland sein könnte.

 

Franz Werfel: Was ein Jeder sogleich nachsprechen soll.

Niemals wieder will ich

Eines Menschen Antlitz verlachen.

Niemals wieder will ich

Eines Menschen Wesen richten.

 

Wohl gibt es Kannibalen -Stirnen.

Wohl gibt es Kuppler-Augen

Wohl gibt es Vielfraß-Lippen.

 

Aber plötzlich

Aus der dumpfen Rede

Des leichthin Gerichteten,

Aus einem hilflosen Schulterzucken

Wehte mir zarter Lindenduft

Unserer fernen seligen Heimat,

Und ich bereute gerissenes Urteil.

 

Noch im schlammigsten Antlitz

Harret das Gott-Licht seiner Entfaltung.

Die gierigen Herzen greifen nach Kot -

Aber in jedem

Geborenen Menschen

Ist mir die Heimkunft des Heilands verheißen.

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08FEB2020
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Dass es bei Konflikten auch mal heftiger zur Sache gehen kann, ist verständlich. Ich finde das auch gut, solange mit Argumenten gekämpft wird. Ich habe in letzter Zeit aber oft erlebt, dass Leute verallgemeinern und beleidigen, wenn sie merken, dass ihre Argumente nicht ziehen. Da sind dann schnell mal alle Muslime potentielle Terroristen. Aber alle Christen sind selbstverständlich auf dem richtigen Weg, sie sind höchstens so gutgläubig, dass sie sich zu schnell von den anderen bösen über den Tisch ziehen und ausnutzen lassen. Aber so schwarz-weiß ist die Welt eben nicht. Mir macht das besonders Sorge, wenn ich höre, dass Leute Politiker beleidigen, ihnen sogar mit Mord drohen. Es ist nicht nur strafbar. In meinen Augen überschreitet es massiv die Grenzen des Anstands und unserer Kultur.

Ich orientiere mich da lieber an einem Ausspruch des katholischen Tübinger Theologen Johann Sebastian Drey. Drey hat schon vor fast zwei hundert Jahren gesagt: „Irrtum in Liebe ist besser als Wahrheit in Hass.“ In seiner Zeit ging es noch darum, ob Protestanten oder Katholiken die Wahrheit vertreten und auch damals wurde das nicht nur mit Argumenten ausgetragen, sondern mit Hassparolen. So wie viele heute auf Politiker losgehen, wenn sie sich in der Klimapolitik oder in der Flüchtlingspolitik einsetzen. Klar darf man eine andere Meinung haben, aber Hassparolen fördern ja keine konstruktive Lösung. Wenn jemand nicht nur Stimmungsmache anheizen will, sondern eine echte Lösung sucht, gibt es einfach keinen anderen Weg, als Meinungen auszutauschen, Lösungsvorschläge zu diskutieren und Kompromisse zu suchen.

Besonders drastisch finde ich , wenn Leute meinen, sie können den christlichen Glauben mit Hassparolen verteidigen. Das widerspricht ja nicht nur dem Weg, wie ich zu einer guten Lösung komme. Es steht auch im Gegensatz zu dem, was das Christentum verkündet. Ich kann es nicht nachvollziehen, wie ich eine Überzeugung mit Hass vertreten kann, die im Wesentlichen aus Liebe besteht. Nämlich in dem Vertrauen, dass Gott für jeden Menschen das Gute will, und dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist, egal zu welcher Religion er gehört und welche Fehler er begangen hat.

Mir ist auch nicht egal, was die anderen denken und ich will mit ihnen um die Wahrheit ringen, in so vielen Fragen: Wie wir in Deutschland mit dem Islam umgehen, wieviele Flüchtlinge ein Land aufnehmen kann und ob es gut ist, die Geflüchteten auf See zu retten. Dabei stehe ich hinter jedem Politiker, der sich ernsthaft für eine Lösung einsetzt, die human und christlich ist. Wenn wir um diese Lösungen ringen, zählen für mich Argumente. Und wenn wir in der Gesellschaft noch nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen und ich von meiner Wahrheit überzeugt bin, will ich weiter mit Argumenten streiten und unterdessen das, was ich bei den anderen für einen Irrtum halte, in Liebe ertragen.

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07FEB2020
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In einem Hotelzimmer habe ich den Sinnspruch gelesen: „Das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt, ist Glück.“ Eigentlich sind mir solche Sprüche oft zu bieder und belehrend. Aber dieser hat mich doch beschäftigt. „Das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt, ist Glück.“ Im ersten Moment will ich dem widersprechen. Wenn ich Glück habe, will ich es doch festhalten. Ich will das alles so bleibt, wie es ist. Aber gleichzeitig weiß ich: dass ich einen Urlaub erlebe, in dem das Hotel, das Wetter und die Leute um mich herum passen, dass ich gesund bin, das kann ich nicht festhalten. So sehr ich es vielleicht will. Und trotzdem ist es nicht weg. Das merke ich, wenn ich von dem schönen Urlaub erzähle oder von dem Familienfest vom letzten Wochenende. Da ziehen diese Glücksmomente nochmals an mir vorbei und ich bin wieder von dem Glücksgefühl erfüllt, das ich in dem Moment hatte, als ich es erlebt habe.

Wie aber kann ich mein Glück teilen? Wenn das Glück aus materiellen Dingen besteht, geht das ganz gut: Wenn ich eine Gehaltserhöhung bekomme, kann ich von meinem ersten Gehalt etwas an eine Einrichtung schenken, die Menschen in Armut hilft. Aber es gibt auch Glück, das ich nicht materiell fassen kann. Zum Beispiel das große Glück, wenn ich eine gelingende Partnerschaft lebe und Freunde habe, die zum mir halten, die mich unterstützen, wenn ich krank bin. Von diesem Glück kann ich ja nichts abschneiden und eine Scheibe davon abgeben. Was ich aber weitergeben kann, ist das Glücksgefühl, das ich habe: Wenn ich mir bewusst bin, dass Gott es gut mit mir meint. Alles in allem, im Auf und Ab meines Lebens. In solchen Momenten, wo ich das spüre, versuche ich, es zu teilen, indem ich für gute Stimmung sorge: Dass ich mit Humor reagiere, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es wünsche, oder dass ich die Leute, mit denen ich zu tun habe, aus ihrem Alltagstrott raushole. Und das geht auch mit dem kleinen banalen Glück:

Wenn ich heute zum Beispiel in der Mittagspause wieder in meine Stammbäckerei gehe und die Verkäuferinnen treffe, die ich regelmäßig dort sehe; und wenn dann noch eine von meinen Lieblingsbrezeln mit Ananas und Käse überbacken für mich übrig ist. Und wenn nicht, dann nehm‘ ich es nicht als Zeichen dafür, dass heute alles schiefläuft, sondern ich spreche kurz mit der Verkäuferin darüber, wie ihr Tag bisher war. Das ist für mich auch Glück: dieser kurze freundliche Austausch an der Kasse. Wenn „meine“ Brezeln schon aus waren, habe ich mich so schon oft von ihrer guten Laune anstecken lassen und wie ihr fröhlicher Wunsch für ein schönes Wochenende noch in mir nachklingt, wenn ich aus dem Laden komme. Und dann stimmt der Satz: „Das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt, ist Glück.“ Es vervielfacht sich sogar, weil ich oft auch wieder etwas zurückbekomme. Ich vermute, dass Glück nicht das einzige ist, das sich beim Teilen vermehrt. Mir fallen da noch andere Beispiele ein: Gelassenheit und Liebe.

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