Manuskripte

Herr, unser Herr, wie bist du zugegen
und wie unsagbar nah bei uns.
Allzeit bist du um uns in Sorge,
in deiner Liebe birgst du uns.
 

„Herr, unser Herr, wie bist Du zugegen“. Der Titel zum Lied für diesen Sonntag spricht von einem großen Gottvertrauen. Darum muss ich in manchen Situationen erst noch ringen. Ich glaube zwar auch, dass Gott immer bei mir ist. Aber wenn mir dieses Vertrauen schwerfällt, hat der Satz eher ein Fragezeichen: Bist Du wirklich bei mir, Gott? Oder sogar: Wo bist Du, Herr? 

Ich kann mir vorstellen, dass Huub Oosterhuis, der Dichter dieses Liedes, dieses Ringen auch kennt. Huub Oosterhuis stammt aus den Niederlanden. Alle seine Lieder und Gebete, die ich kenne, treffen den Ton der Menschen von heute. Oosterhuis will ja auch bewusst die Menschen ansprechen, die an Gott zweifeln oder mit ihm hadern. Und auch die, die nicht wissen, ob sie überhaupt an einen Gott glauben können. Auch als gläubiger Mensch kenne ich diese Momente, wo ich so ins Zweifeln komme, dass es mir fast den Boden unter den Füßen wegzieht. Wenn ich zum Beispiel bei der Vorsorgeuntersuchung im Wartezimmer sitze und auf das Ergebnis warte. Ich höre dann zwar nicht auf zu glauben, aber ich muss in so einer Situation um mein Gottvertrauen ringen und mir immer wieder selbst sagen, dass Gott bei mir ist.

Du bist nicht fern, denn die zu dir beten,
wissen, daß du uns nicht verläßt.
Du bist so menschlich in unsrer Mitte,
daß du wohl dieses Lied verstehst.
 

Ich nehme an, dass jemand, der solche Texte schreibt wie Oosterhuis, auch Krisen hinter sich hat. Er hat Entscheidungen getroffen, die ihm bestimmt schwergefallen sind. 1970 hat er das Priesteramt aufgegeben und geheiratet. So eine Entscheidung braucht Mut und Gottvertrauen. Ich weiß selbst, dass das Leben nicht nach Plan läuft und einen vor Entscheidungen stellt. Ich habe zum Beispiel bis vor kurzem noch gedacht, dass in meinem Leben und in meinem Beruf jetzt alles so bleiben soll wie es ist. Aber dann hat sich Schritt für Schritt vieles um mich herum verändert: Neue Arbeitsbedingungen, andere Aufgaben, neue Kollegen. Ich habe gemerkt, dass das auch mich verändert und mich zu neuen Herausforderungen treibt. Und dazu muss ich mich entscheiden. Aber dabei habe ich gemerkt: Wenn ich darauf vertraue, dass Gott bei mir ist, gibt es keine falsche oder richtige Entscheidung. Ich verlasse mich darauf, dass Gott mir die Kraft gibt, den Weg zu gestalten, den ich einschlage. Egal, welchen Weg ich wähle, Gott ist in allem tief verborgen und mir mit seiner Kraft zugetan:

Du bist in allem ganz tief verborgen,
was lebt und sich entfalten kann.
Doch in den Menschen willst du wohnen,
mit ganzer Kraft uns zugetan.

Herr, unser Herr, wie bist du zugegen,
wo nur auf Erden Menschen sind.
Bleib gnädig so um uns in Sorge,
bis wir in dir vollkommen sind.

 

Musik: M0472059-018

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Ich schau mir am Abend gerne Komödien an. Vor allem, wenn ich mich tagsüber viel mit den Sorgen und Problemen anderer Leute beschäftigt habe, weil das als Lehrer zu meinem Berufsalltag gehört. Humor hilft mir dann, Abstand zu den Sorgen zu bekommen, die ich am Tag gehabt habe. Aber wenn ich am Sonntag, nach einem entspannten Tag, noch Bedarf an aufregenden und spannenden Gefühlen habe, dann muss eher ein Krimi oder ein Actionfilm her. Welche Sendung ich abends im Fernsehen anschaue oder im Radio höre, hängt also meistens nicht vom Programm ab, sondern von meiner Stimmung: Wenn ich entspannt bin, suche ich das Aufregende, wenn ich Stress habe, eher die Entspannung.

Ich kann mir auchvorstellen, dass es mit dem Glauben ähnlich ist. Ich denkenicht, dass ich mit der Religion meine Stimmung und Launen regulieren kann, aber ich kann mir auch durch den Glauben bewusstwerden, was ich brauche, wenn ich zu Gott bete.

Die Autoren der Bibel haben ja Gotteserfahrungen in den unterschiedlichsten Lebenslagen gesammelt. Deshalb finde ich in der Bibel ein breites Spektrum an Gottesvorstellungen, an denen ich in verschiedenen Situationen anknüpfen kann: Als Kind habe ich mir Gott als väterliche Person vorgestellt; In Zeiten, wo ich es nicht anschauen mag, wie ungerecht es in der Welt zugeht, hoffe ich auf Gott als einen Richter, der Gerechtigkeit schafft. Und in Phasen, in denen ich erschöpft bin, hilft mir das Bild vom guten Hirten, der mich an einen Platz führt, wo ich ausruhen kann.

Letzten Endes ist Gott aber dochanders als ich ihn mir vorstellen kann. Er muss auchnicht meinen Bedürfnissen entsprechen. Diese Bilder zeigen nicht umsonst die vielen Facetten von Gott, die mit meinen Bedürfnissen zusammenspielen. Nicht weil Gott so ist, wie ich ihn gerade brauche.

Keines der Bilder in der Bibel kann Gott erfassen, selbst wenn die Palette der Bilder noch so groß ist. Sie spiegeln die Bedürfnisse der Menschen. Aber ich hoffe, dass Gott hinter diesem Spiegel aufscheint. Und dass ich ihm über diese Bilder nahekomme, auch wenn sie erst mal nur mich spiegeln. Sie spiegeln, wie ich mich mit dem, was ich brauche, an Gott wende: Weil ich darauf hoffe, dass er mir das geben wird, was mir hilft.

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Die Zauberflöte ist für viele eine Art Märchenoper für Kinder. Irgendwie passt das auch, weil Mozart da eine Musik mit sehr eingängigen Melodien komponiert hat und die Figuren wie aus dem Märchenbuch sind: Die Königin der Nacht, ihre Tochter Pamina und der Prinz Tamino, der sie aus der Gefangenschaft befreien soll.

Ich mag besonders die Szene, als der lustige Vogelhändler Papageno unterwegs ist, um Pamina aufzuspüren. Sie ist entführt und wird vom dunkelhäutigen Monostatos bewacht. Der eine im Vogelkostüm, der andere mit der schwarzen Hautfarbe. Beide erschrecken als sie sich sehen und ergreifen die Flucht. Und beide singen dabei denselben Text: „Hu – Das ist der Teufel sicherlich!“. So oder ähnlich reagieren viele Menschen, wenn sie zum ersten Mal jemandem begegnen, der ihnen fremd ist und anders aussieht: Sie erschrecken und verteufeln den anderen. Weil er fremd ist.

Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal eine Kollegin hatte, die als Muslima mit Kopftuch zur Arbeit gekommen ist. Mir war das fremd und ich habe mich überwinden müssen, mit ihr so umzugehen wie mit jedem anderen Kollegen. Am Anfang habe ich überlegt, ob sie das wohl freiwillig macht oder gezwungen wird, ob sie so streng gläubig ist oder ob das ein politisches Statement sein soll. Ich habe sie aber nie darauf angesprochen, sondern eher zurückhaltend reagiert. Ich war einfach verunsichert.

In Mozarts Zauberflöte ergreifen die beiden Männer auch die Flucht, weil das Fremde sie überfordert. Sie versuchen sogar, sich zu bekämpfen. Erst die Musik der Zauber-Flöte zähmt sie schließlich. Mozart traut es nicht der Religion oder der philosophischen Einsicht zu, die Menschen zu versöhnen. Für ihn schafft das die Musik.

Ich verstehe, dass Mozart das so sieht. Wie oft haben Menschen andere unterdrückt und verteufelt, weil sie einen anderen Glauben haben. Wie oft hat Gott herhalten müssen, um das Unbekannte, das Andere schlecht zu reden. Trotzdem steckt im christlichen Glauben das Potential zur Versöhnung, gerade wenn etwas fremd ist.  Vom Zöllner Zachäus, der ein Halsabschneider ist, den deshalb keiner mag, lässt Jesus sich zum Essen einladen. Eine Frau am Brunnen, eine Samariterin, denen Juden normalerweise aus dem Weg gehen, verwickelt er in ein existentielles Gespräch. Jesus sucht mit Absicht diese Berührungen mit dem Fremden. Er weiß: Bei Gott gibt es das nicht. Da zählen nicht die Hautfarbe oder die Herkunft oder das Kopftuch. Da zählt nur der Mensch. Wenn mich wieder mal etwas verunsichert, weil es mir fremd ist, will ich es genauso machen: Nicht auf das Fremde zuerst schauen, sondern auf den Menschen.

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In der Schule, an der ich unterrichte, haben wir vor kurzem die erste multireligiöse Feier veranstaltet. Wir haben uns in der Kirche getroffen, Christen und Muslime, Texte aus der Bibel und dem Koran gelesen und gemeinsam gebetet. Im Vorfeld konnte ich mir nicht richtig vorstellen, wie sich unsere muslimischen Gäste in der Kirche verhalten, wenn wir das Vaterunser beten, oder wie es sich anfühlt, wenn sie vor dem Kreuz zu Allah beten. Am Ende war es aberbeeindruckend für mich.

Das hat schon bei den Lesungen aus der Bibel und aus dem Koran angefangen, die die Schüler vorgetragen haben. Die Texte waren sich so was von ähnlich. Da war die Rede von Gott als dem Schöpfer, der diese Erde geschaffen hat mit den Pflanzen, Tieren und Menschen, und der will, dass es allen auf diesem Planeten gut geht. Als ich später mit anderen Lehrern gesprochen habe, haben viele dasselbe gesagt: Diese Doppelung hat bewirkt, dass uns allen klar wurde, dass wir von demselben Gott sprechen und zu demselben Gott beten. Auch wenn die Muslime ihn als Allah ansprechen und wir Christen ihn unseren Vater nennen. Aber gerade während der Gebete habe ich sogar gedacht, dass Jesus alle Worte so mitsprechen könnte, weil sie getragen sind von Respekt und der Liebe zu Gott.

Bisher gab es am Schuljahrsende einen Gottesdienst, zu dem nurder christliche Teil der Schulgemeinschaft gekommen ist. Es gibt an unserer Schule aber Schüler aus vielen Nationen und mit unterschiedlichen Religionen, vor allem muslimische. Als Religionslehrer interessiert es mich, wie Menschen ihren Glauben gemeinsam leben können. Ich vermute, dass einige von meinen Schülern Familien gründen werden, in der eine andere Religion eine Rolle spielt. Vielleicht sogar gar keine. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir als Schule mit ihnen Wege suchen, wie man Kindern den Glauben an Gott nahebringen kann, auch wenn man eine unterschiedliche oder bislang keineReligion hat.

Als wir Christen und Muslimeunsere heiligen Texte gelesen und gebetet haben, hat es uns einander nähergebracht. Und keiner musste dabei etwas preisgeben von dem, was ihm wichtig ist. Denn das, was uns unterscheidet, war ja auch zu spüren: Wenn ich mich als Christ an Jesus orientiere und Gott meinen Vater nenne, ploppen bei mir im Kopf viele Unterschiede auf, die es einfach gibt. Z.B., dass ich mir im Gegensatz zu Muslimeneine Vorstellung von Gott machen kann und daran, wie nahe er uns Menschen in Jesus gekommen ist. Aber trotz allem ist mir auch klar geworden, dass eher wir Menschen die Unterschiede machen. Vielleicht brauchen wir das. Ich glaube: Gott nicht.

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Ich habe mich fast schon gewöhnt an die Bilder in den Nachrichten, in denen ich sehe, wie Leute Flüchtlingen aus ihren Schlauchbooten heraushelfen und sie in ihre Schiffe holen, um sie vor dem Tod zu retten. Vor kurzem bin ich aber wieder daran hängen geblieben, mir ist ein Flüchtling aufgefallen mit einem Gesicht wie im Schock. Das berührt mich und deshalb achte ich inzwischen auch auf die, die ihnen helfen und sie retten. Ich bewundere diese Leute für ihren Mut und ihr Engagement. Sie retten anderen das Leben, die in Not sind. Damit handeln sie so, wie ich als Christ und als Mensch auch handeln müsste: Denn Mitgefühl mit denen zu haben, die schwächer sind und leiden, ist ja eine urchristliche Tugend. Wenn ich Mitgefühl habe, bin ich fähig, mich in andere hineinzuversetzen und mit ihnen zu fühlen. Gleichzeitig versuchen einzelne Regierungen in Europa dagegen vorzugehen und diese Retter zu Kriminellen zu machen. Sie zeigen sich mitleidslos und haben die Schiffe mit den Geretteten oft nicht in ihre Seehäfen einfahren lassen.

Ich frage mich, was wir als Europäer damit nach außen für ein Bild abgeben. Für mich ist Europa immer ein Kontinent, der wesentlichfür das Christentum steht, auch wenn es in diesen Bildern nicht so aussieht. Dabei geht es doch ums Überleben von Menschen.

Schon die Bibel beschreibt Gott als einen, der mit den Menschen mitfühlt. Im Alten Testament, als er als Moses auffordert, die Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei zu befreien. Da stellt er sich vor als ein Gott, der mit dem Leid der Menschen mitfühlt und ihre Klagen hört. Mitgefühl ist also eine menschliche Fähigkeit, die die Autoren der Bibel sich auch bei Gott vorstellen. Ich bin überzeugt, dass ich Gott ziemlich nahe komme, wenn ich Mitgefühl mit anderen Menschen zeige.

Mit anderen Menschen mitzufühlen, hat also offensichtlich auch etwas mit Religion zu tun. Vermutlich sagt deshalb auch der Kardinal von Myanmar, Charles Maung Bo: „Compassion – also das Mitleiden – istdie gemeinsame Religion der Menschheit“.

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In meiner Schule haben wir vor kurzem unsere erste multireligiöse Feier veranstaltet. Evangelische, orthodoxe und katholische Christen gemeinsam mit Muslimen. Dabei bin ich zum Nachdenken gekommen, wie schnell ich mit der Kritik bei den anderen bin und dabei die eigenen blinden Flecke übersehen kann.

Die Situation war so: Eine muslimische Schülerin sollte eine Sure aus dem Koran vorlesen. Bei der Sprechprobe habe ich bemerkt, dass sie unsicher ist, an welchem Ort sie in der Kirche dafür stehen soll. Ich habe ihr gesagt, dass sie dafür nach oben vor den Altar soll. Schließlich sei der Koran ja in ihrer Religion das Wort Gottes undgehöre deshalb vor den Altar. Aber schon im nächsten Moment bin ich erschrocken über mich und was ich da gesagt habe. Wo doch jeder weiß, dass im Koran auch Aufrufe zu Gewalt vorkommen und dass die Worte darin viele menschliche Züge haben.

So schnell war sie da, meine Kritik am Islam. Jetzt sagt aber Jesus, dass man mit dem Maß, mit dem man andere misst, selbst auch gemessen werden soll.

Also habe ich mir Gedanken gemacht, wie es denn mit dem Thema Gewalt in der christlichen Bibel aussieht. Und da finde ich leider auch eindeutig gewaltverherrlichende Stellen. Z.B., als Gott Moses und die Israeliten befreit und durchs Rote Meer führt, da lässt er den Pharao und seine Streitmacht ertrinken. Und Jesus zeigt sich auch ziemlich aggressiv gegenüber den Händlern im Tempel, als er sie mit einer Peitsche vertreibt.

Aber bei der Bibel weiß ich, dass ich anders an die Sache herangehen muss. Zum einen trage ich dem Rechnung, dass diese Erzählungen von Menschen und für Menschen geschrieben sind. Sie haben eine menschliche Perspektive und sind durch die Menschen hindurchgegangen, selbst wenn sie direkt von Gott in deren Köpfe und Herzen gelangt sind.  Von der menschlichen Seite aus kann ich verstehen, dass die Israeliten, denen mit Mose die Flucht aus Ägypten gelungen ist, sich freuen, wenn der Pharao mit seiner Armeeuntergeht. Aber ich kann über diese emotionale Sichtweise hinaus auch sehen, dass es dabei um etwas anderes geht: Nämlich darum, dass alle Menschen ein Leben führen können, in dem sie nicht von den Mächtigen abhängig sind, sondern dass es Gottes Wille ist, wenn sich Menschen von Unterdrückern befreien.

Das ist mir alles auch nicht neu. Aber als ich gemerkt habe, wie differenziert ich als Christmit den Texten umgehen kann, die mir heilig sind, ist mir einiges klar geworden: Zum einen, dass genau das auch ein Gewinn für Muslime sein könnte, wenn sie ihre heiligen Texte aus dieser kritischen Perspektive betrachten. Zum anderen aber auch, dass ich den Maßstab, mit dem ich andere kritisiere, auch auf mich selbst anlegen muss, wenn ich den anderen gerecht werden will.

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An der A7 gibt es ein Werbeplakat, auf dem nur ein Satz steht „Ich halte Dich“. Unterschrift: Gott. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeifahre, trifft mich diese Aussage.

Bisher war es oft so, dass ich es gelesen, mich dann entspannt im Autositz zurückgelehnt und Gott Danke gesagt habe. Mir ging es viele Jahre gut, und da war dieser Satz wie eine Bestätigung, dass Gott mich auch dann hält, wenn es mir einmal nicht so gut geht.

Beim letzten Mal war das anders. Ich hatte damalsSorgen wegen meiner Gesundheit und muss nunregelmäßig zum Arzt. Das belastet mich. Als ich beim letzten Mal den Satz gelesen habe, dass Gott mich hält,hat sich bei mir sofort Widerspruch geregt. Und ich habe spontan gedacht: Ja, Du hältst mich. Aber wenn es mir richtig schlecht geht, genügt mir das nicht.

Dabei habe ich erst gemerkt, dass ich in dieser Zeiteher sauer auf Gott war. Ich wollte mich bei ihm beklagen, weil ich ihn verantwortlich gemacht habe für das, was mit mir los ist. Und ich finde, genau so darf das auch sein, wenn ich ein ehrliches Verhältnis zu Gott habe. Ich mag eine solche Situation auch nicht als Prüfung sehen, wie standhaft ich im Glauben bin. Ich stelle mir Gott souveräner vor, als es so ein misstrauischer Treuetester wäre.

Leid gehört zum menschlichen Leben. Das weiß ich und das akzeptiere ich auch mit der Zeit. Aber wie kann ich dann gleichzeitig hoffen, dass Gott mich hält? Ich will nicht locker lassen. Deshalb wende ich mich nicht von ihm ab, sondern beklage mich bei ihm: Weil ich ihm zu traue, dass er seine Hand im Spiel hat, wenn es um mein Leben geht. Auch wenn ich mir einen besseren Zustand wünschen würde, in dem er mich hält.

Wenn ich als Christ daran glaube, dass Gott seinen Sohn am Kreuz und im Tod nicht im Stich gelassen hat, dann hoffe ich, dass es ihn doch auchberührt, wenn es mir nicht gut geht. Auch wenn das mein Leid nicht beendet. Sicherlich nicht in diesem Leben. Was mich aber trotzdem tröstet, ist der Gedanke, dass Gott mich nicht nur hält, sondern auch Mitleid hat mit mir als Mensch, dem es nicht gut geht. Auch wenn sich erst mal nichts ändert: Es geht darum, dass ich Gott nicht nur zutraue, dass er mich hält, sondern dass er mich dabei mit Liebe und Mitgefühl sieht

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In der Comic-Serie „Peanuts“ gibt es eine Folge, in der „Charlie Brown“ mit seinem Hund Snoopy über das Sterben und den Tod spricht. Auf Charlies melancholisch angehauchteAussage „Eines Tages sterben wir“ antwortet sein Hund unbeschwert: „Stimmt, aber an allen andern nicht“.

Ziemlich sicher ist heute einer dieser Tage, an denen ich nicht sterbe. Zumindest gehe ich davon aus, wenn ich in den Tag starte. Trotzdem frage ich mich: Ändert das heute etwas, wenn ich weiß, dass ich eines Tages sterben werde?

Ich kann natürlich sagen, dass ich dann das Maximale an Lebensgenuss rausholen muss aus dem heutigen Tag. Und für viele besteht dieser Genuss darin, möglichst viel Freizeit zu haben. Ich nehme mir da auch meist vor, mich zu erholen und raus kommt dabei, dass ich stattdessen möglichst viel Unterhaltsames konsumiere. Selbst das ist also nicht so einfach. Und solange ich im Beruf bin, ist diese Freizeit auch begrenzt. Ich bin nicht rundum frei, das zu tun, worauf ich gerade Lust habe.

Aber ein Leben, in dem ich nur nach Lust und Laune leben könnte, das wär‘s für mich gar nicht. Ich wäre vermutlich schnell einsam und gelangweilt, weil ich meine Kollegen bei der Arbeit und das Lernen mit den Schülern als etwas Wertvolles ansehe.

Ich glaube, mir ist was anderes wichtig. Nämlich, dass ich nicht zwischen Freizeit und Beruf trenne, sondern dass ich den verschiedenenMomenten des Tages einen Wert gebe. Zum Beispiel wenn ich Kollegen und Schülern begegne und merke, dass wir uns auf einer menschlichen Ebene verstehen. Oder wenn ich heute Abend sagen kann, dass meine Schüler im Unterricht ein Aha-Erlebnis gehabt haben.

Aber ich glaube, dass ich diesen Wert des Lebens in noch viel banaleren Momenten finden kann: in den routinemäßigen Abläufen, die sich jeden Tag wiederholen. Für mich hat es zum Beispiel einen besonderen Reiz, wenn ich am Beginn einer Unterrichtsstunde im Klassenzimmer stehe und den Schülern einen guten Morgen wünsche. So banal das klingt, wenn ich weiß, dass ich eines Tages sterben werde und es das eines Tages nicht mehr gibt, dass ich jeden Tag meine Schüler begrüße, dann macht es das für heute wertvoll.

Deshalb will ich heute auf diese scheinbarbanalen Routinemomente achten. Ich würde normalerweisewohl nicht darauf achten, ebenweil sie sich täglich wiederholen und immer ähnlich ablaufen. Aber gerade weil es sie eines Tages nicht mehr geben wird, will ich sie heute auskosten und ihnen den Wert geben, den sie haben.

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In meinem Zimmer steht eine große Holzfigur auf dem Boden. Es ist eine mittelalterliche Darstellung: Gottvater hält Jesus im Arm. Jesus liegt tot in seinen Armen, der Körper ist von der Folter und der Kreuzigung gezeichnet. Gott schaut ihn voller Mitleid an. In der Kunstgeschichte nennt man diese Darstellung den „Gnadenstuhl“. Der Schoß Gottes wird zu einem Ort für Jesus, an dem er ganz von Gottes Liebe getragen ist, selbst als er stirbt. Und wenn ich dieses Bild betrachte, ist es so, als ob der Künstler mir sagen will: Verlass Dich darauf, dass Gott Dich auch so tragen wird, wenn Du seinen Halt und seine Zuneigung brauchst.

Als meine kleine Nichte zu Besuch war, ist sie sofort zu dieser Figur gegangen. Sie war damals drei Jahre alt. Und wie es in diesem Alter so typisch ist, hat sie mich mit Fragen gelöchert: Wer das ist? Was die da machen und wieso und überhaupt.

Mir ist es im ersten Moment richtig schwergefallen, die richtige Antwort zu geben, weil ich dem kleinen Mädchen noch nicht zumuten wollte, dass es erfährt, wie grausam Menschen zu anderen Menschen sein können. Deshalb habe ich ihr nur die Wundmale Jesu gezeigt und ihr gesagt, dass er verletzt ist, dass er aber von seinem Vater gehalten und getröstet wird. Sie hat zuerst zugehört, aber dann ist sie ohne Zögern zu der Figur gegangen, die etwa gleich groß ist wie sie selbst. Und sie hat sie fest in den Arm genommen, Jesus und Gottvater gleich mit.

Mich hat das sehr berührt. Sie hat so menschlich reagiert. Mir ist klar geworden: Was meine kleine Nichte tut, ist das, was ich mir von meinem Glauben erhoffe: Ich will nicht nur darauf vertrauen, dass Gott mich hält, wenn es mir schlecht geht. Es geht noch einen Schritt weiter: Als Christ vertraue ich darauf, dass Gott genauso menschlich handelt und mir nah ist, wenn es mir schlecht geht. Deshalb will ich mich genauso menschlich zeigen und denen nahe sein, die leiden. Und die, die eine schwere Bürde tragen müssen, in den Arm nehmen.

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Wie gerne würde ich beweisen, dass es Gott wirklich gibt. Einen Gott, der den ganzen Kosmos geschaffen hat und zu dem ich nach dem Tod heimgehe. Allein schon die Tatsache, dass ich mir Gott als Anfang der Welt und als Ziel des Lebens vorstelle, zeigt: Das, was ich mir da so vorstelle und wünsche, übersteigt die Grenzen meines Horizonts. Kein Mensch kann zum Ursprung des Kosmos zurück und ich kann auch nicht über die Grenze des Todes hinausschauen. Es übersteigt den Horizont von dem, was ich sicher wissen kann. Und trotzdem ist es menschlich, dass ich diese Grenze überschreite, mit meinen Vorstellungen und Wünschen, dass ich an einen Gott glaube.

Allerdings gilt das nicht nur für den Glauben. Sondern für alles, was die Menschheit sicher zu wissen meint. Vor kurzem habe ich mit einem Physiker darüber gesprochen. Er sagt, dass die Wissenschaft Modelle für die Wirklichkeit entwickelt, die solange gelten, wie sie sich bewähren oder bis sie widerlegt werden. Was wir Menschen wissen, bleibt immer ein Modell der Wirklichkeit; es ist nicht die Wirklichkeit selbst. Albert Einstein habe ja zum Beispiel auch Newtons Modell von der Anziehungskraft der Planeten kritisiert und weiterentwickelt. Das macht ja den Reiz der Wissenschaft aus, dass Forscher das Wissen ständig weiterentwickeln und trotzdem noch Fragen offenbleiben. Wir nehmen den Stand der Wissenschaft als Realität an. Solange, bis die Forscher ihn wieder weiter entwickeln und verfeinern.

So ist es für mich auch mit dem Glauben an Gott. Der Glaube ist nichts, was ich mit absoluter Sicherheit habe, wo ich an den Punkt komme, dass ich es voll und ganz verstehe. Wenn ich glaube, halte ich mich an das, was ich vorläufig von Gott wissen kann und was sich im Leben bewährt. Zum Beispiel, wenn ich in Trauer um einen Menschen bin oder wenn ich mit einem Schicksalsschlag fertig werden muß. Allein die Vorstellung, dass das bei Gott einen Sinn hat, gibt mir die Kraft, solche Krisen besser zu überstehen.

Wie in der Naturwissenschaft baue ich also auf das, was sich bewährt. Und diese Bewährungsprobe fängt heute an, wenn ich zur Arbeit gehe und darauf vertraue, dass das, was ich da leiste und schaffe, sinnvoll ist. Ich baue heute also darauf, dass es Sinn macht, wenn ich Gutes tue oder geduldig bin mit den Schwächen anderer. Weil ich darauf vertraue, dass das auch den Sinn der Welt schon in ihrem Ursprung ausmacht.

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