Manuskripte

12JUN2020
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Wenn ich abends langsam zur Ruhe komme, muss ich oft an die letzten Wochen denken. Das Corona-Virus hat uns alle zu einem Stillstand gezwungen. Ich muss immer noch verdauen, wie unwirklich diese Situation oft auf mich gewirkt hat. Noch im Februar habe ich mit einer Selbstsicherheit Pläne für meine Geburtstagsparty im Frühjahr geschmiedet, Konzertkarten gekauft und einen Urlaub gebucht. Und wie bisher in meinem Leben war es für mich so gut wie sicher, dass das alles so aufgehen wird, wie ich es plane. Und das gilt ja nicht nur für mich als Einzelperson: Alles, was Unternehmer und Künstler geplant haben, ist nicht so aufgegangen. Genauso wie die Pläne der Politiker, die die Klimapolitik anpacken, Steuern senken und die Renten erhöhen wollten. Alles erst einmal zerplatzt wie eine Seifenblase. Und am schlimmsten: Plötzlich habe ich gemerkt, wie das Leben von vielen Menschen bedroht ist und viele auch wirklich sterben mussten. Dass das Leben so fragil, so zerbrechlich ist, war mir nie so sehr bewusst wie in den letzten Wochen.

Diese Zerbrechlichkeit des Lebens erinnert mich an ein Wort des Apostels Paulus. Für Paulus ist das Leben von unschätzbarem Wert, ein Schatz. Und er sagt, dass wir diesen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen tragen (2 Kor 4,7). Also wie in einer kostbaren Porzellanvase oder einem Kristallglas, mit dem ich sorgfältig umgehe, wenn ich im Haushalt damit zu tun habe. Ich spüle sie lieber von Hand als mit der Maschine und ich stelle sie sorgfältig im Schrank ab, wenn ich sie benutzt habe.

Ich frage mich, wie ich genauso sorgfältig mit dem umgehen kann, was sich in der Corona-Zeit als so zerbrechlich und schützenswert gezeigt hat: Dass ich gesund bin, dass ich mit anderen Menschen zusammen kommen kann, dass wir uns in der Gesellschaft in unserem Land umeinander kümmern und keinen verloren gehen lassen.

Das erste ist: Ich muss anerkennen, dass all das letztlich nicht in meiner Hand liegt. Aber gerade weil es nicht unter meiner Kontrolle ist, hilft mir, wenn ich darauf vertraue, dass Gott es gut mit uns Menschen meint. Auch wenn vieles fragil ist, was ich anpacke, ich glaube, dass Gott mir die Kraft gibt, dass ich es schaffen kann und dass er mich unterstützt, dass es gelingt und nicht umsonst ist. Deshalb gehe ich sorgfältig damit um und bin dankbar dafür. Wenn der Alltag langsam wieder zurückkommt und mein Terminkalender sich wie von selbst füllt: Dann denke ich daran, mir bewusst Zeit zu nehmen, in der ich mit den Menschen zusammen bin, die mir am Herzen liegen. Weil ich weiß, was für ein zerbrechliches Gut es ist, dass wir einander haben. Und das will ich schützen.

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10JUN2020
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Seit zwei Monaten arbeite ich an einer neuen Stelle. Und erlebe dort, wie freundlich die Menschen zu mir sind. Die einen freuen sich, wenn ich etwas anders mache als sie es gewohnt sind. Gleichzeitig loben andere mich, weil sie merken, dass ich nicht gleich alles auf den Kopf stelle. Manchmal ist mir das irgendwie peinlich. Eigentlich müsste es das ja erst mal nicht sein. Denn ich bin ja gleichzeitig offen für Kritik. Ich will nicht nur gelobt werden, ich will auch kritisiert werden. Aber mit beidem muss ich umgehen können. Gerade in so einer Anfangssituation.

Kritik ist für mich immer die Chance zu lernen, wie ich etwas besser mache. Deshalb hole ich mir oft von anderen Kritik ein. Vor kurzem habe ich dabei aber gemerkt, dass ich manche Punkte doch nicht so leicht wegstecke, wie ich dachte. Ich habe einen Kollegen gefragt, ob er eine E-Mail von mir zu fordernd und provokativ findet. Als er gesagt hat, dass er es schon grenzwertig findet, was ich geschrieben habe, habe ich erst mal geschluckt. Dabei hatte ich ihn selbst danach gefragt. Und er hat ehrlich geantwortet. Das will ich ja auch. Und trotzdem hab ich gemerkt, dass ich jetzt lieber etwas Anderes gehört hätte.

Ich will lernen, wie ich mit der Kritik umgehe, die ich bekomme. Also, dass ich mich nicht demotivieren lasse und gleichzeitig das annehme, worin ich mich verbessern kann. Und genauso will ich lernen, Lob anzunehmen.

Der buddhistische Mönch Thich Nath Than hat einen Satz gesagt, der mir dabei hilft. Der Satz lautet „Teilweise hast Du recht“. Wenn ich mit einem „Teilweise hast Du recht“ auf Kritik antworte, gewinne ich zuallererst Zeit. Ich kann Kritik verdauen und darüber nachdenken. Das ist taktisch klug. Aber ich gehe auch davon aus, dass es stimmt. Jeder, der etwas kritisiert, spricht irgendwo auch einen Punkt an, der zurecht verbessert oder verändert werden kann. Und jeder, der etwas lobt, trifft damit etwas Gutes.

Das Gute an diesem Satz von Thich Nath Than ist, dass er mir hilft, dass ich negative Kritik so zwar ernst nehme, aber mich durch sie nicht völlig aus der Bahn werfen lasse. Gleichzeitig ist er für mich aber auch ein Patentrezept, wie ich Lob annehmen kann. Ich sehe das, was ich gut gemacht habe und werde nicht überheblich, wenn ich sagen kann: Teilweise hast Du recht.

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09JUN2020
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In der Zeit während des Stillstands in der Corona-Pandemie habe ich abends oft noch einen Spaziergang durch den Park gemacht. Dabei ist mir immer wieder das Lied „Sound of silence“ von Simon and Garfunkel in den Sinn gekommen. Der Klang der Stille. Genauso war es da im Park: Wo sonst junge Leute im Gras sitzen und Musik hören oder Sport treiben: Stille. Wo sonst abends kleine Gruppen von Leuten sich zum Grillen treffen: still. Und erst recht war es still auf dem Spielplatz, der mit Sicherheitsbändern abgesperrt war. Dieser „sound of silence“, dieser Klang der Stille hat aufs erste etwas Unheimliches gehabt. Es war still, weil kein Leben da ist. Aber es war gleichzeitig auch schön und wohltuend, weil meine Gedanken dabei ruhiger geworden sind und ich mich in dieser Stille erholen konnte.

In dem Lied geht es aber nicht nur um die Stille. Die erste Strophe fängt an mit „Hello, darkness, my old friend“ – „Grüß Dich, Dunkelheit, meine alte Freundin“. Und dann ist die Rede von Nächten, in denen man vor Sorgen nicht schlafen kann. Als ob Stille und Dunkelheit zusammengehören. Wenn ich aber nachts wach liege und über meinen Sorgen grüble, sind Dunkelheit und Stille keine Freunde für mich. Sie drücken meine Stimmung eher nieder. In solchen Nächten, in denen ich mich manchmal sogar eher die Probleme hineinsteigere hilft es mir eher, dass ich mir sage, dass ich die Dinge bei Tag betrachtet sicherlich wieder anders sehen kann. Meistens stimmt das auch und ich sehe am nächsten Morgen schon klarer. Ich denke aber, dass es das auch braucht, dass ich durch diese Nächte durch muss und dass ich die Erfahrung mache, dass ich die Veränderung zum Guten nicht erzwingen kann, sondern dass sie von selbst kommt. Wie der nächste Morgen. Und der fängt schon an, wenn die Nacht am dunkelsten ist.

Als Christ fängt für mich da der Glaube an. Ich will mich darauf verlassen, dass Gott gerade dann, wenn ich nichts höre, nichts sehe und nichts beeinflussen kann, mein Leben zum Guten lenkt. Auch wenn dieses Gute dann vielleicht anders ist, als ich es mir vorgestellt habe.

Wenn jetzt der Alltag mit seiner Lebhaftigkeit zurückkehrt und das Rauschen des Straßenverkehrs und die Leute in der Stadt die Stille wieder überdecken, suche ich abends immer wieder solche Augenblicke der Stille. Und wenn mir wieder die Liedzeile in den Kopf kommt „Grüß Dich, Dunkelheit, meine alte Freundin“, erinnere ich mich daran, dass der dunkelste Punkt der Nacht der Punkt ist, an dem der nächste Tag beginnt. Und mit ihm das Leben.

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08JUN2020
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Heute haben alle Namenstag, die Helga heißen. Auch meine gute Freundin. Wenn ich an sie denke, bin ich sehr dankbar. Die Helga, die ich kenne, ist ein besonderer Mensch. Sie ist immer für die anderen da und sorgt sich um sie. Wenn ich mit ihr telefoniere, klingt sie meistens aufmunternd. Sie ist immer die, die zuerst mich fragt, wie es mir geht. Und wenn ich sie persönlich treffe, kommt sie mir schon mit einem Lächeln entgegen und bietet mir erst einmal einen Kaffee an. Sie hört zu, fragt nach und fühlt mit, wenn ich von mir erzähle. Nach einer Begegnung mit Helga gehe ich immer beschwingt wieder von ihr fort.

Es gehört zu ihrer Persönlichkeit, mit anderen mitzufühlen. Aber ich weiß auch, dass das ihre Art ist, ihren Glauben zu leben. Sie spricht nicht davon, dass sie überzeugt ist, dass Gott sich um uns Menschen sorgt. Sie lässt es die anderen lieber gleich spüren, wenn sie ihnen diese Sorge schenkt.

Ich genieße die Begegnungen mit Helga sehr, weil ich mich gerne von ihrer Laune anstecken lasse. manchmal wirkt das in mir weiter. Dann gehe ich genauso mit einem Lächeln auf andere Leute zu, kümmere mich zuerst um sie und stelle erst einmal hinten an, wie es mir gerade geht.

Aber wie fast alles im Leben hat auch dieses Verhalten eine Kehrseite. Wenn sich ein Mensch wie sie immer nur um die anderen kümmert, dann finden die anderen das irgendwann normal. Sie erwarten, dass es erst einmal um sie geht und dass sie so selbstlos umsorgt werden. Und die, die sich so um die anderen kümmern, kommen irgendwann zu kurz. Denn sie sind ja auch Menschen, denen es gut tut, wenn sich jemand um sie kümmert. Ich habe mir deshalb vorgenommen, dass ich bei einer Begegnung mit so einem Menschen wie Helga auch mal der sein will, der sich zuerst um den anderen sorgt. Wenn wir uns sehen, frage ich nach, wie es ihr geht, anstatt mich dem wohligen Gefühl hinzugeben, dass es jetzt nur noch um mich geht.

Ich bin dankbar, dass ich Helga kenne und noch ein paar andere Menschen, die zwar anders heißen, aber genauso handeln. Dass ich solche Menschen kenne, macht die Welt für mich ein bisschen besser. Heute Abend denke ich dankbar an alle Menschen, die für mich auf ihre Art heilbringend sind. Mir sind sie heilig, weil ich bei ihnen erlebe, wie Gott sich den Menschen gedacht hat: als Hilfe für den anderen. Ich will auch ein wenig heilig sein als so eine Hilfe für andere.

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07JUN2020
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Das heute Lied zum Sonntagantum ergo“ ist kein Lied im üblichen Sinn. Es besteht aus den letzten beiden Strophen des gregorianischen Hymnus‘ „Pange lingua“ und verweist auf den kommenden Fronleichnamstag. Gerade, wenn es in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nur kleine Prozessionen gibt, wird mir dieser Moment fehlen: Die Prozession der ganzen Gemeinde mit der Hostie in der Monstranz kommt zur Kirche zurück. Vor dem Schlusssegen stimmen alle aus voller Brust an „Tantum ergo sacramentum veneremur cernui“. „Kommt und lasst uns tief verehren ein so großes Sakrament“, wie Heinrich Bone den lateinischen Text übersetzt.

 

Wiederholung des Anfangs  

Der Theologe Thomas von Aquin hat den Hymnus im Mittelalter gedichtet. Aber ich finde ihn brandaktuell, wenn es da heißt: „Unser Glaube soll uns lehren, was das Auge nicht erkennt.“

Denn genau das ist für mich mit dem alten Wort „Sakrament“ gemeint: dass ich als gläubiger Mensch die Welt oder eine Sache mit anderen Augen sehe. Ich habe einen kleinen billigen Plastikkugelschreiber. Er sieht aus wie billiger Kitsch, der vermutlich den Geist aufgibt, wenn ich ihn zwei oder drei Mal benutzt habe. Ich habe diesen Kugelschreiber vor Jahren in Rom von einer Bettlerin geschenkt bekommen. Wenn ich ihn sehe, denke ich an diese Frau. Ich bete für sie und für alle, die unter so ganz anderen Umständen wie ich ihr Leben meistern müssen. Dieser Kugelschreiber, der mir hilft, dass ich die Welt mit anderen Augen sehe, ist für mich wie ein Sakrament. 

 

Tantum ergo – Anfangsteil (Schubert)

Ein Kugelschreiber, der mehr ist als ein Kugelschreiber. Das ist wie das kleine Stück Brot, das katholische Christen an Fronleichnam besonders ehren. Dieses Brot ist eben nicht nur zum Sattwerden da. Es verbindet mich mit Jesus. Wenn er sich mit anderen zum Essen getroffen hat, dann nicht nur, damit sie satt werden. Er wollte, dass sie Gemeinschaft mit ihm erleben und spüren, dass auch Gott ihnen nahe sein will. Deshalb hat er sich meistens mit denen getroffen, die sonst in der Gesellschaft ausgegrenzt waren. Und als er vor seinem Tod mit seinen Freundinnen und Freunden zum letzten Mal zu Abend gegessen hat, hat er ihnen klar gemacht, dass ihm dieses Zusammensein so viel bedeutet. Ich glaube daran, dass ich auch zu dieser Gemeinschaft gehöre. Und wenn ich am Abendmahl teilnehme, oder auch, wenn ich das „Tantum ergo“ singe, dann öffnet mir das die Augen für diese Wirklichkeit. Und das ist mir allen Jubel wert: 

Singt in lautem Jubeltone:
Ehre der Dreieinigkeit!
Amen.

(Übersetzung Heinrich Bone 1847)

 

Tantum ergo – Schlussteil (Schubert)

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18APR2020
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Letzten Sonntag haben wir Ostern gefeiert. Aber dieses Ostern ist anders als alle Osterfeste, die ich bisher erlebt habe. Sonst war es immer, wie wenn von Karfreitag auf Ostersonntag ein Schalter umgelegt würde: Am Karfreitag erinnere ich den Tod Jesu und denke an alle Menschen, die leiden müssen. Keine zwei Tage später ist das wie weggewischt und nur noch Jubel und Freude über die Auferstehung Jesu ist zu spüren. Das ist dieses Jahr anders: Die Gemeinden haben keine Gottesdienste gemeinsam feiern können und das Fest mit der Familie und den Freunden hat auch nicht stattgefunden. 

Ostern heißt auf Griechisch übersetzt „Pascha“ und das bedeutet „Durchgang“ oder „Übergang“. Die Ikonen der Ost-Kirchen zeigen die Auferstehung Jesu auch entsprechend: Jesus schreitet nach seinem Tod am Kreuz in Riesenschritten durch die Unterwelt und fasst Adam an der Hand. Er holt den ersten Menschen stellvertretend für alle ins Leben. Die Auferstehung ist da kein Ereignis, sondern ein Prozess.

Besonders in diesem Jahr, wo ich Ostern nicht so feiern kann wie sonst, hilft mir das sehr. 

Ich muss an die Zeit denken, als ich schwer krank war: Der Arzt sagt mir, wie es um mich steht, und ich denke, jetzt ist alles aus. Alles umsonst. Mein Glaube an Gott ist da zumindest ein Strohhalm, an dem ich mich noch festhalten kann. Und der sich gleichzeitig so anfühlt als wäre mein Wunsch der Vater des Gedankens. 

Wer in den letzten Wochen schwer krank geworden ist, oder durch den Virus einen Menschen verloren hat, hat es vielleicht ähnlich erlebt. In so einer Situation kann keiner den Schalter umlegen und so tun als ob jetzt an Ostern alles gut wird. Auch wenn ich als Christ darauf hoffe, dass Gott alles zum Guten lenkt. Die Kluft zwischen Zweifel und Vertrauen ist dann einfach sehr groß und ich möchte mich am liebsten nur noch bei Gott beklagen. Das zu tun gehört eben auch zu Ostern. Denn ich hoffe ja, dass Gott meine Klage hört und mir hilft. Vielleicht so wie es die Ikone zeigt: Dass er Jesus zu mir schickt, damit er mich an der Hand nimmt und mit mir durch diese dunklen Zeiten hindurch geht. Denn dieses Bild führt mir ja beides vor Augen: Dass Gott bei mir ist in dunklen Zeiten und dass er mit mir da durchgeht. Ins Leben. 

Ostern heißt für mich in diesem Jahr: Ich will nicht so tun, als ob eigentlich schon alles gut wäre. Vermutlich muss ich das noch eine Weile aushalten. Aber in der Hoffnung, dass Jesus mich an der Hand nimmt und mir diese Kluft überwindet.

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17APR2020
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Als wäre es das Lebensmotto der letzten Wochen: „Rühr mich nicht an“. Seit der Zeit der Corona-Pandemie denk ich oft so, wenn mir andere Menschen zu nahe gekommen sind. Beim Spazieren gehen oder in der Kassenschlange im Laden, immer wieder denke ich da: „Bleib weg“ – „Rühr mich nicht an“. 

Der Clou dabei: Das ist fast ein Zitat aus der Bibel. Jesus sagt dasselbe nämlich zu Maria Magdalena, als er ihr am Ostermorgen begegnet. Sie ist zu seinem Grab gegangen, voll Trauer. Und was sie da erlebt, schleudert sie richtig hin und her. Zuerst findet sie den toten Jesus nicht, weil er verschwunden ist. Dann fragt sie bei einem Gärtner nach, und als dieser sie bei ihrem Namen „Maria“ anspricht, erkennt sie in ihm Jesus. Jetzt müsste doch alles gut sein. Maria Magdalena fällt vor Jesus zu Füßen und möchte ihn festhalten. Er weist sie aber zurück und sagt: „Rühr mich nicht an.“ 

Ich habe diese Zurückweisung von Maria Magdalena schon immer eigenartig gefunden. Wie soll denn jetzt wieder alles gut sein, wenn sie Jesus nicht nahe sein darf? Wenn er aufstanden ist und sie dann immer noch keinen Kontakt zu ihm haben kann, ist doch gar nichts besser geworden. Aber so ist es ja dann doch nicht. Der Tod hat diese Beziehung nicht gekappt, aber verändert. Aber Maria Magdalena muss erst lernen, wie das geht. Sie kann dabei auf das bauen, was ihre Freundschaft mit Jesus auch vorher schon ausgemacht hat. 

Die Erfahrungen, die ich in der Corona-Krise gemacht habe, sind zwar nicht eins zu eins dasselbe. Die Botschaft, dass Jesus auferstanden ist, macht alles Leben neu. Das Leben vor dem Tod, aber auch ich hoffe auch auf ein glückliches Leben nach dem Tod. Aber in der Corona-Krise habe ich lernen müssen, wie ich mit meiner Familie und meinen Freunden in Beziehung bleiben kann, auch wenn wir uns nicht physisch begegnen. Dank Telefon und Whatsapp kein Problem. Wenn ich an Maria Magdalena denke, ahne ich, dass es noch ganz andere Dimensionen gibt, wie ich mit anderen Menschen verbunden sein kann: Wenn ich an sie denke und wenn ich für sie bete. Das klingt womöglich banal, aber wenn ich es lerne, so mit andern Menschen verbunden zu sein, dann ist das ja schon eine Form, die über den Tod hinaus wirken kann. Der Spuk von Corona ist hoffentlich irgendwann wieder vorbei. Ostern zeigt mir schon, was ich danach noch mehr lernen will: Wie ich die geistige Nähe zu anderen Menschen pflegen kann.

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12APR2020
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Gelobt sei Gott im höchsten Thron
samt seinem eingebornen Sohn,
der für uns hat genug getan.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

„Gelobt sei Gott im höchsten Thron“. Das Lied zum heutigen Ostersonntag setzt direkt mit einem Lob auf Gott ein. Dabei ist das jetzt nicht das erste, was mir nach den letzten Wochen in den Sinn kommt, die von der Corona-Krise geprägt sind. Normalerweise kommen an Ostern Familien und Freunde zusammen und feiern ein Fest der Lebensfreude. Und die Gemeinden singen in den Gottesdiensten das Halleluja als Lob auf Gott, der dem Leben wieder zum Sieg verholfen hat. Und dieses Jahr nichts von alledem. Im Gegenteil die Folgen, die diese Pandemie haben wird, sind noch nicht abzusehen. Ich kann jetzt nicht aus voller Brust in das Halleluja einstimmen. Ich muss das alles noch verarbeiten. Aber dieses Lied zeigt, wie das gehen könnte. Es gehört zu den Erzählliedern. Solche Lieder sind im frühen Mittelalter aufgekommen, wo die Christen die biblischen Geschichten nachgespielt und musikalisch inszeniert haben.

Des Morgens früh am dritten Tag,
da noch der Stein am Grabe lag,
erstand er frei ohn alle Klag.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Jede Strophe endet mit diesem Halleluja-Jubel, der tänzerisch wirkt und einen anderen Rhythmus anschlägt als der Anfang der Strophe. Dort bin ich bei dem, was die Evangelisten vom Ostermorgen erzählen: Drei Frauen aus dem Freundeskreis von Jesus gehen am Morgen nach dem Sabbat zu seinem Grab und wollen seinen Leichnam salben. Sie sind ganz in Trauer und völlig überrascht als sie am Grab ankommen. Der Stein davor ist weggerollt und sie können nicht verstehen, was los ist. Es braucht jemanden, der ihnen hilft, das Erlebte zu verarbeiten. Einen, der sie tröstet und ihnen Mut macht:

Der Engel sprach: „Nun fürcht’ euch nicht;
denn ich weiß wohl, was euch gebricht.
Ihr sucht Jesus, den find’t ihr nicht.“
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Dieser Engel am Grab tut vor allem eines: Er nimmt die drei Frauen ernst und fasst ihre Trauer in Worte. Das ermutigt auch mich, meine Traurigkeit ernst zu nehmen über die vielen Menschen, die hier bei uns, in Italien, Frankreich, den USA und auf der ganzen Welt in den letzten Wochen gestorben sind. Und meine Sorge zu spüren, ob ich gesund durch diese Krise komme und wieder ein normales Leben habe werde. Wenn ich dieses Jahr Ostern feiern will, muss ich bei diesen Sorgen ansetzen. Und es ist eben nicht mit einem Handstreich von jetzt auch gleich alles wieder gut. Ich will das ernst nehmen, was traurig macht und Sorgen weckt. Und wenn ich bete oder dieses Lied höre, will ich mit den anderen Leuten verbinden.

Ich glaube, dass Gott an Ostern alles neu macht. Und dass er mit der Auferweckung Jesu zeigt, dass das Leben über den Tod siegt. Das ist und bleibt meine Hoffnung. Und aus dieser Hoffnung heraus will ich immer wieder versuchen, den Takt der Trauer zu wechseln und in das Halleluja einstimmen. Ich vertraue darauf, dass Gott grundlegend die Trauer in Freude verwandelt hat. Auch wenn ich es jetzt noch nicht spüre. Heute an Ostern und mit diesem Lied bitte ich darum:


Nun bitten wir dich, Jesu Christ,
weil du vom Tod erstanden bist,
verleihe, was uns selig ist.
Halleluja, Halleluja, Halleluja.

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20MRZ2020
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Heute ist Frühlingsanfang. Früher hat mich das in Hochstimmung versetzt. Ich mag den Frühling mit den bunten Blumen, den längeren Tagen und der Aussicht auf den Sommer. Aber dieses Jahr habe ich auch mulmige Gefühle. Das liegt daran, dass der Winter mal wieder kein richtiger Winter war. Es gab zwar auch kalte Tage und Nächte und ein bisschen Schnee. Aber es ist offensichtlich, dass sich das Klima verändert. Wenn heute der Frühling offiziell anfängt, will ich diese Schönheit der Natur zwar auch wieder bewusst genießen. Aber ich will gleichzeitig im Kopf behalten, dass sich jetzt etwas ändern muss. Und zwar drastisch.

Wir Menschen müssen doch versuchen, bald etwas gegen den Klimawandel zu tun. Wer sonst? Meine Nichte ist jetzt vier Jahre alt. Ich will, dass sie später auch gut leben kann, dass sie Kindern das Leben schenkt. Aber wenn ich das wirklich will, dann muss ich als Erwachsener jetzt etwas tun.

Und dabei geht es ja nicht nur um später, um die Generation meiner Nichte und ihrer Nachkommen. Es geht ja jetzt schon um das Überleben für die Menschen, die in Regionen der Welt leben, wo die Klimaveränderungen sie schwerwiegend treffen. Das haben die Brände in Australien diesen Winter deutlich gezeigt. Und in Afrika leiden schon seit Jahren ganze Landstriche unter Trockenheit. Und aktuell unter einer Heuschreckenplage wie in biblischen Zeiten.Die Menschen dort wissen nicht, wie sie überleben sollen, wenn ihre Böden keine Frucht mehr hergeben. Und die Heuschreckenschwärme haben ganze Landstriche so kahlgefressen, dass sie sie auf Jahre nicht mehr bewirtschaften können.

Als Christ kann mich nicht kalt lassen, wie es anderen Menschen geht. Nicht bei denen, die anderswo leben, und nicht bei denen, die ihr Leben noch vor sich haben. Ich glaube, jeder weiß auch, was er dazu tun kann. Darüber, wie ich weniger Plastikmüll und weniger Abgase produzieren kann, ist so viel gesagt worden, dass ich anfangen muss, es auch zu tun. Ich weiß ganz genau, was mein Beitrag dazu sein kann. Und ich habe auch immer wieder damit angefangen. Aber leider immer wieder auch aufgehört.

Die aufblühenden Blumen im Frühling sind für mich immer schon ein Zeichen gewesen, dass Gott das Leben will. Ich freue mich auch dieses Jahr daran. Und ich nehme den Frühling als Anstoß, dass ich das tue, was ich kann. Damit das Leben auf dieser Erde, das Gott uns geschenkt hat, noch lange so bunt, vielfältig und schön ist. Und wenn ich wieder in alte Gewohnheiten verfalle, will ich eben immer wieder neu damit neu anfangen. Der Frühling kommt ja auch immer wieder neu.

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19MRZ2020
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Manchmal finde ich meine Religion verrückt. Verrückt im wahrsten Sinn des Wortes. Immer wieder haben Christen im Namen ihrer Religion Ideale entwickelt, die die Botschaft Jesu verstellt haben und die man dringend wieder zurechtrücken muss. Zum Beispiel, wenn es um das Bild der Familie geht. Jahrhundertelang haben Christen so getan, als ob die biologische Konstellation aus Vater, Mutter und Kindern die einzig richtige ist. Dabei war das doch zu allen Zeiten schwierig. In früheren Zeiten haben Krankheiten und Kriege dieses Familienmuster oft zerstört: Der Vater im Krieg gefallen, die Mutter bei der Geburt eines ihrer Kinder gestorben. Heute leben wir länger und selbstbestimmter und machen viel mehr Veränderungen durch: beruflich, der Ort, an dem wir leben, das, was mir im Lauf des Lebens wichtig ist: Alles ist im Fluss.

Das verändert auch die Art, wie wir heute Beziehungen gestalten und Familie leben. Es kommt weniger darauf an, wer die Kinder gezeugt oder geboren hat. Es geht eher darum, wer die Verantwortung für die Kinder übernimmt. Und so gibt es eben nicht mehr das eine Familienbild, sondern viele mögliche Konstellationen: Wenn zum Beispiel ein Elternteil mit den Kindern alleine lebt oder wenn sich neu zusammengesetzte Familien ergeben. Wenn dabei die Verantwortung für die Partner und die Kinder gewährleistet ist, sehe ich nicht, wieso das schlecht sein sollte. Ich finde nur wichtig, dass die Kinder immer wissen, dass sie eine Bezugsperson haben, die zuverlässig für sie sorgt. Und dass jeder in der Familie weiß, dass er sich auf den anderen verlassen kann.

Das kann ich auch als Christ genau so vertreten. So wie die Bibel es beschreibt, wird Jesus in einer Familie groß, die auch nicht diesem Ideal entspricht, von dem man immer so getan hat, als ob es das einzige wahre Christliche sei. Josef wird in der Bibel ja ausdrücklich als biologischer Vater ausgeschlossen, aber er übernimmt trotzdem zuverlässig und liebevoll die Rolle des sozialen Vaters für Jesus. Und das macht er offensichtlich so gut, dass Jesus sich als Erwachsener Gott in erster Linie als einen Vater vorstellt, der barmherzig und liebevoll ist. Anders als in den heutigen TV-Shows und in den Gerichtssälen braucht es hier keinen Vaterschaftstest. Der Test für Josef als Vater Jesu wird zu hundert Prozent durch seine Liebe für seinen Sohn bestätigt. Solche Väter und Mütter, die zuverlässig für ihr Kind da sind, das ist für mich der Ursprung einer christlichen Familie. Ich habe Respekt vor den Menschen, die ihre Familie darauf aufbauen, dass jeder für den anderen zuverlässig da ist. Egal, was andere denken.

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