Manuskripte

16MAI2020
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Annemarie hat auf Vieles im Leben verzichtet, aber nie die Freude am Leben verloren. Verzichten muss ich auch gerade auf einiges. Und das macht sie gerade jetzt zu einem Vorbild für mich. Viele haben sie bewundert, obwohl sie ein ganz einfaches Leben geführt hat. Oder gerade deshalb.

Jesus sagt einmal: „Seid darauf gefasst: Es gibt solche, die jetzt noch zu den Letzten zählen; die werden dann die Ersten sein.“

Annemarie kam tatsächlich 1939 als sechstes und letztes Kind ihrer Eltern zur Welt. Der Vater verdiente nicht viel, die Mutter arbeitete auf dem Acker und im Garten und versorgte die Familie so gut es ging. Annemaries Vater starb an den Folgen seines Kriegseinsatzes und spätestens da war es klar, dass für das intelligente, junge Mädchen keine Berufsausbildung in Frage kam. Sie ging in die Schweiz, doch als die Mutter schwer krank wurde, war sie wieder da. Und blieb. Und pflegte ihre Mutter, versorgte sie. Die anderen Geschwister waren weit fort vom Dorf, waren verheiratet und mit so ganz anderen Dingen beschäftigt und so hat Annemarie nicht nur zugunsten ihrer Mutter auf manches verzichtet, sondern auch für ihre Geschwister.

Sie war selbstbewusst, sah gut aus, konnte außerdem anpacken. In der Fabrik, in der sie Arbeit fand, war sie unter all den Männern die einzige Frau, die im Akkord die Maschinen bedienen konnte. Und natürlich gab es Männer, die sich für die eigenwillige, starke Frau interessierten. Und natürlich verliebte sie sich auch. Doch für sie war klar: „Nicht ohne meine Mutter!“

In der Fabrik hätte sie aufsteigen können. Doch das Angebot kam in einer Zeit, in der die Krankheit ihrer Mutter sich durch einen Schub dramatisch verschlimmerte. Sie verzichtete auf die besser bezahlte und körperlich weniger anstrengende Stelle.

Annemarie konnte über viele Jahre nicht frei über ihre Zeit verfügen. Sie hat bewusst für ihre alternde und schwache Mutter das Leben so lebenswert wie möglich gestaltet. Am Geburtstag und an Weihnachten lud sie im Namen ihrer Mutter alle ein und gestaltete alles so wie die es wünschte. Im Garten um das Haus setzte sie fort, was ihre Mutter begonnen hatte. Sie selbst pachtete sich ein kleines Grundstück, zu dem sie radelte, um dort das anzupflanzen, was ihr gefiel. Sie hatte ihre Freundinnen und ihre Hobbys. Es war kein bitterer, sondern ein selbstbewusster Verzicht aus Achtung vor dem Leben. Jahrzehnte hat sie ihre Mutter gepflegt, das Leben mit ihr geteilt und ihr die Würde bewahrt.

„Es gibt solche, die jetzt noch zu den Letzten zählen; die werden dann die Ersten sein.“ – Für mich jedenfalls ist Annemarie gerade jetzt ein Vorbild geworden für selbstbewussten Verzicht aus Achtung vor dem Leben.

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15MAI2020
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Es gibt Geschichten, die vergisst man nicht. So wie die eintausend Kilometer von Arthur. Im Alter von 10 Jahren ist er unter Lebensgefahr 1000 Kilometer zu Fuß gegangen und hat dabei einen schweren Leiterwagen hinter sich hergezogen: Eine unglaubliche Anstrengung, die das Leben von sehr vielen anderen Menschen positiv verändert hat.

Arthur ist 1935 geboren. Seine Familie kam ursprünglich von der Alb bei Münsingen, lebte aber zum Kriegsende am Südrand Stuttgarts.

1945 war der Krieg endlich vorbei und in Stuttgart zogen die Besatzer ein. Es war eine Frage der Zeit, wann das hübsche Haus, in dem Arthurs Familie lebte, mit Soldaten gefüllt würde. In der Nachbarschaft war das schon geschehen und sie hatten gesehen, wie die Bewohner nur mit einem Köfferchen in andere Häuser umziehen mussten. Alles andere hatten sie zurücklassen müssen. Es war verloren.

So entstand der wahnwitzige Plan, die eigenen Siebensachen „nach Hause“, also auf die Alb, zu bringen. Unauffällig. In kleinen Portionen sozusagen: Die Wertgegenstände, das Werkzeug, die Familienerinnerungen, kleine Möbel auch.

Doch wer sollte das tun? Der zehnjährige Arthur war bereit, es zu probieren: die Strecke von Stuttgart auf die Alb mit einem Leiterwagen. Allein. 50 Kilometer waren das. Er war den Weg während des Krieges schon gegangen, um auf der Alb Lebensmittel zu ergattern.

Arthur ging in der Dämmerung und nachts, er ging auf Feldwegen und durch Waldstücke und den steilen Albtrauf hinauf mit seiner schweren, wertvollen Last, unter Lebensgefahr, weil es über die Grenze zwischen amerikanischer und französischer Zone ging.

Das erste Mal ging es gut. Und so probierte er es ein zweites Mal. Und alles, was einen Wert hatte, hat er hinaufgeschafft. Zehn Mal war er am Ende unterwegs, insgesamt eintausend Kilometer. Was hat ihn angetrieben? Er selbst hat gesagt, er habe gespürt, dass das jetzt seine Gelegenheit ist, um für alle etwas Gutes zu tun. Und er hat sie genutzt.

In der Familie wird diese Geschichte auch 75 Jahre später noch voller Ehrfurcht erzählt. Der Hausstand und die Werkzeuge, die er auf die Alb hinaufgeschafft hat, die waren der Grundstock dafür, dass die Familie nach dem Krieg einen Neuanfang machen konnte.

Einer meiner Lieblingssätze der Bibel heißt: „Wenn sich dir die Gelegenheit bietet, etwas zu tun, dann tu es mit vollem Einsatz“ (Prediger / Kohelet 9,10).

Ich glaube nicht, dass Arthur jemals etwas von diesem Satz gehört hat. Aber er hat schon mit 10 Jahren so gelebt und Erstaunliches geleistet. Das hat sich dann durch sein Leben fortgesetzt und für mich ist er ein Ansporn auch in schwierigen Zeiten die Gelegenheiten zu suchen, um für alle etwas Gutes zu tun – und dann: mit vollem Einsatz los!

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14MAI2020
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Nichts, was uns schrecklich erscheint, dauert für immer. Es hat seine Zeit. Es ist begrenzt. Es hört irgendwann auf. Und dann kann etwas Neues beginnen.

Im Wohnzimmer von Elke hängt zwischen vielen kleinen und großen hochwertigen Kunstdrucken auch ein gerahmtes Bibelwort. „Alles hat seine von Gott bestimmte Zeit“ kann man da lesen (Prediger 3,1). Es ist der einzige Spruch, den die Frau, die 1935 geboren ist, sich aufgehängt hat. Er hat ihr Leben zum Guten gewendet.

Als Elke vier Jahre alt ist, beginnt der Weltkrieg. Ihre Heimat ist Oberschlesien, von Anfang an tobt also der Krieg in direkter Nähe. Und jedes Jahr wird ihre Familie kleiner, stirbt jemand in diesem Krieg. Der Vater wird schon zu Kriegsbeginn eingezogen. Elke weiß nur noch, dass sie sich überhaupt nicht mehr an ihn erinnern konnte. Sie erlebt auch die Flucht ohne ihn in diesem schrecklichen, kalten Winter. Ihre Mutter, ihre Oma, die Tante und die Cousine machen sich auf. Sie werden von Tieffliegern beschossen, graben sich im Schnee ein. In den Nächten müssen die Frauen Schreckliches erlebt haben.

An all diesen fürchterlichen Erlebnissen ist Elke nicht zerbrochen. Sie hatte entdeckt: Alles hat seine von Gott bestimmte Zeit. So hat sie ihre Art gefunden, nicht verrückt zu werden mit all den Bildern und Erfahrungen.

Gott setzt dem Schrecklichen eine Grenze. Darauf hat sie vertraut. Und so hat auch sie eine Grenze gesetzt: Auf der einen Seite die Vergangenheit. Auf der anderen Seite die Gegenwart. Und die wird anders. Man darf nicht zu sehr am Alten hängen. Man muss es loslassen, abhaken, beerdigen, vielleicht abtrauern. Und dann weiterleben in dem Leben, das jetzt stattfindet.

Und tatsächlich. Sie findet einen Mann, der wie sie die Idee hat, sich mit Schönem zu umgeben. Sie wollen gemeinsam dieses Schöne suchen und Schönes verkaufen, Dinge, mit denen Wohnungen wohnlicher werden. Und beide sind mutig genug, das zu beginnen und dafür hart zu arbeiten. Sie haben Leidenschaft und sie haben Erfolg. Elke lebt, denn sie lebt in der Gegenwart. Wenn es wieder einmal schwierig wird weiß sie: Alles hat seine Zeit. Gott setzt dem Schrecklichen eine Grenze.

Nichts, was uns schrecklich erscheint, dauert für immer. Es hat seine Zeit. Es ist begrenzt. Das gilt auch im Jahr 2020. Es hört wieder auf. Und dann kann etwas Neues beginnen. Alles hat seine Zeit.

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13MAI2020
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Irmgard und Hans sind Menschen, die mir mit ihrem Gottvertrauen Mut machen. Im Moment kann ich – wie viele andere – genau das brauchen! Ihr Gottvertrauen hat sie stark gemacht. Und das in Schwierigkeiten, die größer waren als alles, was ich gerade erlebe.

Hans ist in den Krieg hinein aufgewachsen. Er war 14 Jahre alt, da musste er von einem Tag auf den anderen erwachsen sein. „Vertreibung“ hat man das später genannt. Hals über Kopf mussten sie das Dorf verlassen, in dem er bis dahin gelebt hatte. Der Vater gefallen, die Mutter krank, die Brüder in Gefangenschaft. Der 14jährige musste organisieren, trösten, ermutigen, weitreichende Entscheidungen treffen.

Er war überfordert. Er hatte keine Wahl. Er musste sich Regeln beugen, die er nicht verstand.

Das kenne ich aus jüngster Vergangenheit selbst. Überfordert. Keine Wahl. Regeln, die ich nicht verstehe. Doch: Nein, es war nicht „fast so wie heute“. Es war eindeutig viel, viel schwieriger.

Als Irmgard und Hans geheiratet haben, hatten sie buchstäblich nichts. Hans hat mir erzählt wie er dann im Wechsel mit seiner Frau geschichtet hat, weil sie nur so in der Lage waren, ein Haus für sich und die vier Kinder zu bauen, eine Heimat zu schaffen. „Wir haben gebetet und geweint und gearbeitet Tag und Nacht“ so erzählen sie es. Wenn Hans morgens von der Nachtschicht kam, ging Irmgard zur Arbeit – sie hatte das Frühstück vorbereitet, er machte die Kinder für den Tag fertig, wickelte, fütterte, putzte und kochte. Wenn seine Frau wieder da war, schlief er nur ein paar Stunden, denn Hans hatte gleich mehrere Arbeitsstellen.

„Wir haben gebetet und geweint und gearbeitet Tag und Nacht“ sagen sie. Und dann erzählen sie mit strahlenden Augen von kleinen Ausflügen, die sie zu Fuß gemacht haben mit den Kindern und von all dem Guten, das sie erlebt haben. Sie erzählen wie das Haus wirklich zur Heimat wurde für die Kinder und deren Freunde, für Pflegekinder und einige Tiere.

Mich beeindruckt das Gottvertrauen, mit dem sie das angepackt haben. Das macht mir Mut. Irmgard und Hans sagen: „Gott denkt immer an uns, wir sollten mehr an ihn denken, dann machen wir uns nicht so viele Sorgen, sondern tun einfach, was wir können.“

Dieses Gottvertrauen ist lebendig, aktiv. Irmgard und Hans haben ihre Schwierigkeiten nicht ausgeblendet. Sie waren sich einfach sicher, dass Gott immer an sie denkt. Und so haben sie sich an die Arbeit gemacht, haben angepackt und auch die größten Schwierigkeiten gemeistert. Vertrauen und Anpacken. Vorbild für heute.

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25SEP2019
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Als ich ganz unten war, am Boden zerstört und von Gott verlassen, da hat es mir geholfen, dass Jesus am Kreuz geschrien hat: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Ich habe gespürt, dass Jesus, Gottes Sohn, an meiner Seite ist, wenn ich nur noch diese eine Frage habe: „Warum sehe ich nicht, dass Gott irgendetwas tut?“

 

Ich brauche ihn doch, wenn alle gegen mich sind. Ich brauche ein Wunder, wenn andere oder ich selbst todkrank werden. Ich brauche Gottes Antwort, ein Zeichen, etwas Eindeutiges, wenn meine Sorgen überhandnehmen.

Aber „Warum“ ist ein schwieriges Wort. Es hat die Macht, mich in die Vergangenheit schauen zu lassen: Warum habe ich nicht früher gesagt, dass ich das nicht will? Warum habe ich mich nicht gesünder ernährt und auf das Rauchen verzichtet? Warum hat der, der mein Freund sein sollte, mir das angetan?

Manchmal hilft die Frage, weil ich eine Antwort finden kann: Ich bin in diese Situation gekommen, weil ich viel zu schnell Erfolg wollte. Ich habe Streit bekommen, weil ich dem anderen meine Meinung aufzwingen wollte. Ich bin krank geworden, weil ich zu wenig auf meinen Körper geachtet habe. Mit solchen Antworten kann ich versuchen, es das nächste Mal besser zu machen.

Oft gibt es aber keine Antworten. Und die Frage nach dem „Warum“ geht ins Leere. Ein Sprachwissenschaftler hat mir einmal erklärt, dass Jesus am Kreuz gar nicht mit diesem Blick nach hinten gefragt hat. Vielmehr habe er die Frage in die Zukunft gewendet, so müsse man übersetzen: „Mein Gott, zu was hast du mich verlassen?“ Zu was: also wozu. Das ist die Frage nach dem Sinn. Das ist die Frage, wie etwas Gutes aus dem Bösen entstehen könnte.

Seitdem ich das gehört habe, frage ich immer noch: „Warum?“. Aber wenn ich zu keinen Antworten komme, ändere ich die Frage und frage: „Wozu?“.
Wozu kann es gut sein, dass ich diese schweren Zeiten durchgemacht habe? – Und ich spüre, dass ich anderen in ähnlichen Situationen Mut machen kann: Die Welt wackelt, aber sie bricht nicht zusammen.
Wozu kann es helfen, wenn ich im Streit bin mit diesem Menschen? – Und ich merke, dass es niemandem hilft und fange an, darüber nachzudenken, wie ich vergeben kann.

Zu was kann es gut sein, dass ich so krank bin? Vielleicht ja, weil Krankheitszeiten besondere Begegnungszeiten mit Gott und dem ewigen Leben sind? Das „Wozu“ hilft mir. Nicht immer, aber immer wieder.

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24SEP2019
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„Da, wo andere ihren Kopf haben, da habe ich nur Kopfsalat!“ – Tom ist Schüler, 15 Jahre alt und nicht zufrieden mit sich. Er ist nicht begeistert davon, dass für ihn jetzt wieder die Schule losgegangen ist.

Seit zwei Wochen heißt es wieder früh aufstehen, andere Menschen treffen, und, ja, auch etwas lernen. Es heißt auch streiten, spielen, Sport machen, sich freuen, sich verlieben vielleicht, sich aufregen, ein bisschen Angst haben, Niederlagen einstecken und wunderbare Erfolge feiern. Schule eben. Die ist eigentlich doch zum Lernen da. Aber manchmal ist so vieles mindestens genauso wichtig, wenn man 15 ist oder 16.

 „Da, wo andere ihren Kopf haben, da habe ich nur Kopfsalat!“ Ich habe gemerkt, dass ich das schon fast vergessen hatte. Ich hatte in der Schule auch solche Phasen. Manchmal waren das sogar lange Phasen.

Aber kann man da was machen? So viele Eltern, Großeltern und andere, die das Leben von jungen Menschen begleiten in Schule und Ausbildung, würden manchmal gern etwas tun. Doch in die Schule gehen die Jungen ja selbst und in der Regel allein. Und mit schimpfen und Druck erreicht man wenig.

„Da hilft nur noch Beten!“ – finde ich manchmal. Aber wie soll ich beten? Vielleicht ja so, dass man den anderen mit guten Gedanken umgibt. Das kann ein Segen werden.

Gott segne deinen Kopf. Gott segne dich mit Verstand, um zu verstehen.
Er schenke dir ausreichend Schlaf und Wachheit im richtigen Moment, damit du merkst.
Gott lasse dich lernen wie du dir merkst, was du merkst. Gott segne deinen Kopf.
Gott segne deinen Kopfsalat, wenn alles durcheinander geht.
Wenn du viel zu müde, viel zu blöd, viel zu verspielt oder viel zu verliebt bist, um zu lernen:
Gott schenke dir Menschen, die dich nicht beurteilen und schon gar nicht nach deinen Noten. Gott segne deinen Kopfsalat.
Gott segne dein Herz. Mitten drin in all dem Verstehen und Wissen soll dir ein weites Herz wachsen. Gott schenke dir, dass du selbst wirst wie ein Kopfsalat. Der hat das Herz – mitten im Kopf.

Und indem ich so bete, merke ich: Das wünsche ich mir auch. So oft wird von „lebenslangem Lernen“ geredet. Ich lerne lebenslang und bitte deshalb: Gott segne meinen Kopf. Meinen Kopfsalat. Mein Herz. Gott schenke Ihnen, mir und allen, die lernen, dass wir selbst werden wie ein Kopfsalat. Der hat das Herz – mitten im Kopf.

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23SEP2019
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Ein schwarzhaariges Mädchen klettert auf dem Freigelände der Bundesgartenschau die Kletterwand hoch. Die Kleine ist etwa 7 Jahre alt. Gesichert mit einem Seil macht sie die ersten mutigen Griffe, zieht sich nach oben, sichert, greift neu – und ist schon etwa 4 Meter weit oben. Unten stehen zwei Fans von ihr, die ganz außer Rand und Band sind: „Anna, du machst das!“ - „Nach oben, Anna!“ - „Vorwärts, Anna!“ – ganz offensichtlich die Großeltern von Anna.

 

Ich finde: Diese Großeltern leben ganz offensichtlich das, was Jesus gemeint hat. Er hat einmal ein Kind in die Mitte seiner Freunde gestellt. „Den Kindern gehört schon jetzt der Himmel, die neue Welt Gottes.“ Zu Unrecht würden die Kleinen nicht ernst genommen, sagt Jesus. Und: „Wer so ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“

Das haben diese Großeltern gemacht. Sie haben ihre Anna offensichtlich lieb. Und sie nehmen sie ernst. Sie unterstützen sie auf ihrem Weg in den Himmel hinauf, ganz nach oben; ganz real: Sie hat es geschafft, strahlt aus gut 10 Meter Höhe auf ihre Großeltern und lässt sich dann am Seil wieder heruntergleiten.

Irgendjemand hat mal gesagt: Großeltern sind wie Eltern, nur mit Goldrand.
Ich glaube da ist was dran. Manche Großeltern sind wie diese. Sie gestalten vor allem die besonderen Momente mit den Enkeln. Ein Ausflug, eine kleine Reise, ein besonderer Tag im Zoo, auf dem Spielplatz oder im Freizeitpark. Sie müssen die Kinder nicht im Alltag erziehen und das verleiht den Tagen mit ihnen diesen Goldrand.

Andere Großeltern nehmen die Enkelkinder auch bei sich daheim auf, die Kleinen sind mit großer Regelmäßigkeit bei ihnen Manchmal ist die Lebenssituation eben so ist wie sie ist. Manchmal geschieht das wirklich „in Gottes Namen“, auch wenn die eigenen Kräfte nicht mehr so groß sind. Großeltern haben diesen Goldrand der Freiwilligkeit und nicht selten auch der Opferbereitschaft.

Doch Großeltern müssen nicht immer etwas tun und etwas unternehmen, sie müssen nicht Geld haben oder lustig sein oder ständig ein offenes Haus für die Enkel haben. Bei Vielen geht das ja gar nicht. Der Goldrand der Großeltern besteht ganz einfach aus Liebe: Ein Gruß, ein Kuss, ein Gebet und ein guter Gedanke. Die Kinder und Heranwachsenden spüren, wenn sie ernst genommen werden. Und wenn Liebe da ist. Dann sind die Großeltern wie Eltern, nur mit Goldrand.

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15JUN2019
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„Mach das nicht, das gibt nur Ärger!“ – wie oft habe ich das schon gehört und meistens war es gut gemeint. Ganze Familien werden von solchen Sätzen bestimmt. „Mach das nicht, das gibt nur Ärger.“ In Firmen, in Vereinen und auch in der Kirche werden mit „vorauseilenden Gehorsam“ positive Entwicklungen verhindert: „Mach das nicht, das gibt wieder einen Aufschrei! Mach das nicht, da haben wir gleich die Öffentlichkeit gegen uns.“

Das ist kein neues Phänomen, ich glaube, das ist einfach menschlich. Die Berichte der Bibel sind schon zweitausend Jahre alt und auch in diesen Berichten gibt es Beispiele für vorauseilenden Gehorsam.

Eines Tages etwa ist Jesus mit seinen Freunden auf dem Weg nach Jerusalem. Er geht zu Fuß. Eine große Menschenmenge sammelt sich immer um ihn, wenn er unterwegs ist. Noch bevor er in einem Ort ankommt, sind schon viele, viele andere da, die vor ihm herlaufen, ihm sozusagen den Weg bahnen. Wenn Jesus selbst dann ankommt, sind viele, viele Menschen direkt um ihn herum. Es geht nur langsam voran. Dabei muss Jesus doch rechtzeitig zu einem großen Fest in Jerusalem ankommen! Immer wieder wird er aufgehalten. Auch ein blinder Bettler sitzt am Rand der Straße und ruft laut: „Jesus, hab Erbarmen! Hilf mir!“. Schon als die ersten Vorboten von Jesus bei ihm ankommen sitzt er da und schreit aus Leibeskräften.

„Mach das nicht, das gibt nur Ärger!“ sagen die zu ihm, die den Weg für Jesus frei machen wollen. Sie versuchen, ihn zum Schweigen zu bringen. Niemand weiß, ob es wirklich Ärger gibt. Aber man hat schon Situationen erlebt, in denen Jesus jemanden geheilt hat – und dann gab es große Diskussionen darum, ob er das zu diesem Zeitpunkt oder überhaupt durfte, ob er die Berechtigung dazu hatte! Es gibt ja immer Sittenwächter, die es ganz genau nehmen.

Die Angst wird zum Ratgeber! Und so eine Störung, wenn sie denn käme, kann man einfach nicht brauchen. Nicht jetzt. Jesus soll doch ankommen.

Der Blinde schreit aber weiter. Er lässt sich nicht bremsen: „Jesus, hab Erbarmen mit mir! Hilf mir!“ – und natürlich hört Jesus seine Rufe, als er selbst in seine Nähe kommt. Die ersten Boten müssen nun das Schlimmste befürchtet haben, denn Jesus lässt den Blinden zu sich bringen. Er unterhält sich mit ihm und er heilt ihn und – das war’s.

Der vorauseilende Gehorsam war voreiliger Gehorsam. Am Ende steht ein Wunder, der befürchtete Ärger bleibt aus. Ob die Menschen, die gerne gehabt hätten, dass „das alles“ nicht passiert, etwas gelernt haben? „Mach das nicht, das gibt nur Ärger“ – das ist oft gut gemeint, aber selten gut.
Die Frage ist nicht, ob es vielleicht Ärger geben könnte. Vielleicht ist die Frage ja, was einen wirklich antreibt: Die Angst oder der Glaube.

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14JUN2019
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Jeden Tag eine gute Tat! Was schon die kleinen Pfadfinder versprechen, das kann doch für Erwachsene nicht schwierig sein, oder? Ein Freund von mir sagt, die gute Tat sei schon dann getan, wenn er sich morgens seinen Kaffee macht. Und wissen Sie was? Recht hat er. Gute Taten können ja auch gute Taten für einen selbst sein.

Jeden Tag eine gute Tat! Das ist gar nicht so schwierig, das kann jedes Kind und das können die ganz Alten auch noch.

Ich tue mir selbst was Gutes. Zum Beispiel:  Ich stelle mich vor den Spiegel und ziehe solange Grimassen bis ich lachen muss. Ich bete zu Gott und beginne dabei jeden Satz mit „Danke“. Für jedes Jammern und Schimpfen lege ich mir heute 20 Cent zur Seite und am Nachmittag kaufe ich mir vom Jammergeld ein großes Eis. Ich mache einen Spaziergang und zähle die lächelnden Gesichter. Ich mache den Fernseher aus und male ein Bild. Ich lobe mich für alles, was ich richtig mache. Ich nehme mir Zeit für Musik, die mir gefällt und singe laut mit. Jeden Tag eine gute Tat! Das ist gar nicht so schwierig, das kann jedes Kind und das können die ganz Alten auch noch.

Ich tue jemand anderem etwas Gutes. Ich rufe eine Bekannte an, die vor einiger Zeit einen lieben Menschen verloren hat. Ich sage ihr, dass ich sie beide nicht vergessen habe. Ich überlege mir jetzt schon ein Geburtstagsgeschenk für jemand, der erst in einem Monat Geburtstag hat. So früh bin ich sonst nie dran! Ich nehme mir vor, heute beim Autofahren ganz höflich zu sein. Ich bete für jemanden, dem ich nicht anders helfen kann. Ich frage das laute Kind der neuen Nachbarn endlich mal nach seinem Namen. Vielleicht ist es ja gar nicht so furchtbar. Ich lege einen Euro in den Hut des Bettlers. Jeden Tag eine gute Tat! Das ist gar nicht so schwierig, das kann jedes Kind und das können die ganz Alten auch noch.

Ich tue etwas für die Allgemeinheit. Das Unkraut, das mich am Hauseingang schon so lange stört – ich mache es einfach selbst weg! Ich rufe bei der Stadtverwaltung an, weil ich festgestellt habe, dass eine Straßenlampe kaputt ist. Ich bete für einen Politiker, den ich mag. Ich spende Geld für eine Hilfsorganisation. Ich bete für einen Politiker, den ich nicht mag. Ich schneide alle guten Meldungen aus der Zeitung aus und lege sie nebeneinander auf den Esszimmertisch. So schlecht ist die Welt ja gar nicht!

Jeden Tag eine gute Tat! Das ist gar nicht so schwierig, das kann jedes Kind und das können die ganz Alten auch noch. In diesem Sinne wünsche ich noch eine gute Tat!

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13JUN2019
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Manche Tage sind so voll, die müssten eigentlich wegen Überfüllung geschlossen werden. Geht aber nicht. Also muss es anders gehen.

Karl, ein ehemaliger Beamter, ist jetzt fast 80 Jahre alt und manchmal hat er solche Tage. „Von wegen i.R. heißt im Ruhestand“, sagt er. „Das heißt in Rufbereitschaft!“ In der Zwischenzeit hat Karl Urenkel und die fordern ihn nicht schlecht heraus. Er ist in einem Verein, im Arbeitskreis Asyl und in der Kirchengemeinde aktiv. Ach ja, und: „Der Garten scheint auch jedes Jahr größer zu werden“, sagt er. Und gleichzeitig merkt man, dass ihm sein Leben gefällt.

Ich habe Karl gefragt, wie er das alles macht. und ihm gesagt, dass ich ihn bewundere. Wenn ich einmal in seinem Alter bin, dann wäre ich auch gerne noch so aktiv. „Weißt du“ hat er gesagt, „meistens ist das ja gar kein Problem. Ich habe gelernt mir das einzuteilen. Ich muss nicht mehr alles machen. Und ich kann auch einmal „Nein“ sagen. Das ist nicht mehr wie früher. Das nimmt mir keiner mehr übel.“

Nur manchmal, da lässt sich das ja nicht so planen, hat Karl gesagt. Jemand in der Familie wird krank, er soll einspringen, hat aber schon den Termin beim Augenarzt, auf den er so lange gewartet hat. Außerdem hat er versprochen im Vereinsheim einen Handwerker zu empfangen – das kann man auch nicht verschieben und wer soll’s denn machen, wenn nicht die Rentner! Das wird dann sehr voll.

 „Weißt du“, sagt Karl. Er sagt immer „Weißt du“, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat. Ich höre also genau zu. „Weißt du, wenn ich es sehr anstrengend finde, fällt mir der Psalm 23 ein: Der Herr ist mein Hirte – er führet mich zum frischen Wasser. Und dann weiß ich wieder, dass auch ganz vollgestopfte Tage nur Zwischenetappen sind. Ich unterbreche mich kurz in dem, was ich tue. Und ich bete den ganzen Psalm bis zu ‚und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar‘. Und dann spüre ich: Der Himmel kann zwar noch ein bisschen warten, aber eines Tages wartet er auf mich. Und das gibt mir Kraft.“

Wenn ich einmal im Alter von Karl bin, dann bin ich hoffentlich auch noch so aktiv. Und ich weiß dann hoffentlich auch, wo meine Kraftquellen für vollgestopfte Tage sind. Und wenn Sie den 23. Psalmsuchen: Er steht in der Bibel.*

PSALM 23

Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
Amen.

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