Manuskripte

Zugegeben: Man hört mir an, dass ich ein „Reingeschmeckter“ bin. Manchmal fragt mich jemand nach spätestens fünf Minuten: „Sie sind nicht von hier, oder?“ Ich lächle und sage: „Doch, ich lebe schon seit dreißig Jahren in Baden-Württemberg. Nach meinem Studium in Tübingen bin hier „hängen“ geblieben.“ Dann stellt der andere als nächstes fest: „Aber man hört es Ihnen nicht an!“. Auch das stimmt. Denn ich fände es merkwürdig, wenn ich als gebürtiger Nordhesse mit einer aus Bremen stammenden Mutter, der in Ostwestfalen aufgewachsen ist, plötzlich zu „schwäbeln“ anfinge. Dennoch lebe ich bereits lange genug in Schwaben, dass manches Verhalten auf mich abgefärbt hat. So bezeichnen mich manche schon als echten „Bruddler“, im Norden würde man „Nörgler“ sagen. Läuft etwas nicht so, wie ich es mir vorstelle, beginne ich zu „bruddeln“. Und manchmal halte ich es recht genau mit dem schwäbischen Motto, das ich jetzt hochdeutsch formuliere: „Habe ich nichts zu meckern, ist das schon ein großes Lob!“ Dabei tut einem ständiges „Bruddeln“ gar nicht gut. Das merke ich wohl. Andererseits: Manchmal ist ein wenig bruddeln gesünder, als allen Ärger in sich reinzufressen. Wer jedoch nur „bruddelt“, motzt oder kritisiert, wird von seinen Mitmenschen nicht sonderlich geliebt. 

Auch deshalb versuche ich, meinen kritischen Blick zu verändern. „Loben statt motzen“ wäre hin und wieder eine interessante Alternative, denke ich mir. Dazu jedoch muss ich zunächst Positives entdecken und aussprechen. Ich könnte also erst einmal „danke“ für etwas sagen, was ich empfangen habe, bevor ich Kritik äußere. Denn das Danken tut sowohl dem dankenden Menschen als auch dem Bedankten gut und entspannt manch angespannte Lage. „Dankbarkeit“ wirkt positiv und dient dem Frieden zwischen den Menschen. Ich falle dann nicht sofort mit meiner Kritik ins Haus, sondern überlege erst einmal, wofür ich danken kann. Dankbarkeit jedoch braucht zuerst mein Denken, mein Nach-Denken, denn „denken“ und „danken“ haben denselben Wortstamm. Deshalb nehme ich mir vor: Sollte ich mal wieder kurz vorm „Bruddeln“ sein, will ich erst einmal schauen und nachdenken, wofür ich „dankbar“ bin. Das tut mir gut und meinen Mitmenschen auch, denn es stiftet Frieden. Und das ist genau das, wozu ein biblischer Text ermutigt: „Glücklich sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus 5,9).

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Zehn Tage für den Frieden – das ist die weltweite Ökumenische Friedensdekade. Im Moment sind wir mitten drin. In diesem Jahr hat sie das Motto „FriedensKlima“. Bis zum 20. November treffen sich friedensbewegte Menschen zu gemeinsamen Gottesdiensten und Gebeten. Sie nehmen so ihre christliche Verantwortung für Schöpfung und Welt wahr. „FriedensKlima“: Dies spannende Wort „beschreibt den Wunsch nach einer besseren Welt und zugleich eine bereits gelebte Praxis“. Wir Christen hoffen auf eine neue Welt, die Gott versprochen hat. Einmal wird sie kommen, hat sein Sohn Jesus gesagt. Dann werden alle Menschen an einem Tisch sitzen. Bereits jetzt fängt Gottes neue Welt an – und zwar überall da, wo Menschen im Sinne Gottes leben; wo sie sich für das Erhalten der Umwelt einsetzen, für ein gewaltfreies Miteinander oder ihre Konflikte einfallsreich lösen.

Dabei spricht das biblische Motto des heutigen Tages in der FriedensDekade von Jesus Christus. Von ihm heißt es in einem biblischen Text: „Denn Christus ist unser Friede. Er hat die trennende Mauer zwischen den Menschen überwunden, indem Er diese durch sein Kommen überbrückte“ (nach Epheser 2). Vor drei Tagen wurde an den Fall der Berliner und gesamtdeutschen Mauer von 1989 erinnert. Dass diese Mauer, an der so viele Menschen starben, beseitigt wurde, ist für mich bis heute ein Wunder! Dass Ost und West, die durch tiefe ideologische Gräben voneinander getrennt waren, wieder zusammenkamen, erscheint mir noch oft wie ein Traum. Und dass all dies friedlich, ohne Waffengewalt vollzogen wurde, erstaunt mich noch immer. Es geht also: Menschen können ihre Konflikte gewaltfrei lösen. Damals trugen die Kirchen ihren Teil dazu bei – mit Gottesdiensten, Gebeten, Demonstrationen. Heute jedoch erlebe ich, wie neue Mauern – manchmal nur in Köpfen oder sozialen Medien – hochgezogen werden. Das gesellschaftliche Klima ist nicht mehr so friedlich wie noch vor einigen Jahren. Der Umgangston wird rauer. Man spricht nicht mehr miteinander. Gegenseitiges Beschimpfen scheint normal zu werden. Man diskutiert nicht mehr sachlich, hört einander kaum noch zu. In dieser Situation mahnt das Stichwort „FriedensKlima“: „Reiß die Mauer zwischen dir und deinem Mitmenschen ein. Lass dich auf neue Gespräche ein. Heb die Feindschaft zwischen dir und deinem Nachbarn auf.“ Ein solches Friedensklima wirkt sich aus – bei Ihnen, bei mir und in der Schöpfung. Für dies Friedensklima lohnt sich aller Einsatz.

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Manche Zeitgenossen stehen heute voller Vorfreude auf. Denn endlich beginnt sie, die fünfte Jahreszeit. Heute, um 11 Uhr 11 fällt der Startschuss für die neue Faschings- oder Karneval-Session. An vielen Orten gibt es dafür eine eigene Tradition. Noch dauert es zwar einige Monate bis zum karnevalistischen Höhepunkt mit Prunk- und Stunksitzungen sowie den Umzügen am Rosenmontag. Aber ab heute bereiten sich manche schon darauf vor. Sie überlegen sich vielleicht schon, wie sie sich verkleiden, wie sie ihre Wagen und Umzüge gestalten wollen. Warum beginnt der Karneval bereits am 11. November? Manche sagen, das hängt mit dem Advent zusammen. In drei Wochen ist ja der erste Advent. Und Advent war ursprünglich eine Fastenzeit. In der Adventszeit sollen sich Christen innerlich auf Jesu Kommen in die Welt und in ihr Leben ausrichten. Deshalb verzehrte man vor Beginn der adventlichen Fastenzeit all jene Lebensmittel, die nicht „fastenzeittauglich“ sind. Das waren bis ins 19. Jahrhundert hinein Fleisch, Fett, Schmalz, Eier und Milchprodukte. Das bedeutet: Jetzt stillt man seinen „Hunger“ auf Fleisch oder Süßigkeiten. Dennoch gibt es in den Wochen bis zum ersten Advent bereits erste Faschings- und Karnevalsveranstaltungen.

Welches Motto die jeweiligen Faschingshochburgen in diesem Jahr wählen, weiß ich nicht. In der Bibel jedoch finde ich ein Motto, das gut zu Fasching und Karneval, zum Feiern und Verkleiden passt. Es lautet: „Sei weise zum Guten, aber geschieden vom Bösen“ (nach Römer 16,19). Dieser Hinweis auf das zwischenmenschliche Miteinander ist nicht nur für den Umgang in der Faschingszeit sinnvoll, sondern ganz generell. „Sei weise zum Guten“ fordert auf eine angenehme Weise heraus. Denn dann überlege ich mir nicht, wie ich mein Gegenüber schädige oder in den Schatten stelle. Ich überlege mir auch nicht, wie ich ihn in die „Pfanne haue“ oder mich über sie lustig mache. Sondern ich überlege, was meinem Gegenüber „gut“ tun könnte. Mit dieser Grundmelodie, meinem Gegenüber „Gutes tun zu wollen“ ließe sich gewiss prima Fastnacht, Fasching feiern. Ich denke darüber nach, was mein Gegenüber braucht, um sich wohl zu fühlen und gern feiern zu können – einerlei ob verkleidet oder nicht. So wünsche ich Ihnen heute einen gesegneten Tag und einen erfreulichen Anfang der „fünften Jahreszeit“.

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„Mit Musik geht alles besser“ ist ein altes Sprichwort, das heute sehr dominant umgesetzt wird. Das beginnt bereits beim Aufstehen: Radiowecker oder Smartphone dudeln die ersten Melodien. Beim Frühstück und Duschen spielen Radio oder mp3-Player die Playlist rauf und runter. Auf dem Weg zur Arbeit hört man entweder den SWR oder das selbst zusammengestellte Musikprogramm. So erlebe ich es beinah täglich: Überall wird Musik gespielt, meist von der Konserve. Und das ist heute auch wirklich einfach – denn ich habe sie entweder auf dem Smartphone gespeichert oder streame sie mir direkt aus dem „Netz“.

Aber geht mit „Musik tatsächlich alles besser“?! Oder lenkt Musik nicht auch ab und verhindert ein konzentriertes Arbeiten, eine konzentrierte Teilnahme am öffentlichen Leben? Und wovon soll Musik mich ablenken? Vielleicht von einer uninteressanten Arbeit? Oder vom Stehen im Verkehrsstau? Oder soll sie mich vom Nachdenken über mich und mein Leben abhalten? Vielleicht müsste man einmal ganz neu über den Sinn von privat gebrauchter Musik nachdenken. Vor allem wäre es gut, die „persönliche Note“ von Musik wieder zu entdecken.

Was ich mit der „persönlichen Note von Musik“ meine? Ich meine damit die Möglichkeit, nicht nur „Konservenmusik“ zu hören, sondern wieder einmal selbst zu singen. Das mag zunächst ein merkwürdiger Gedanke sein. Aber mir tut es gut, selbst zu singen: Dabei kann ich das eine oder andere Lied, das ich gerade höre, ja mitsummen oder – wenn ich niemanden störe – auch mitsingen! Ich könnte mich auch in einem Gesangsverein oder einem Chor anmelden und wieder neu das Singen lernen und ausüben. Ich würde vielleicht sogar neue Lieder lernen oder alte Lieder neu singen. Und ganz nebenbei würde ich sogar gut gelaunt durch meinen Alltag gehen, denn Singen versetzt in eine positive Stimmung. Bei Menschen, die selber singen – so las ich es vor kurzem – werden Glückshormone freigesetzt. Und das könne heißen: Ich gehe offener und aufmerksamer durch die Welt und freue mich an den schönen Dingen, die mir begegnen. Ein biblischer Sänger hat dies Erleben in folgende Worte gekleidet: „Singt Gott, dem Herrn, ein neues Lied, denn Er tut Wunder“ (Ps 98,1). So wünsche ich Ihnen für den heutigen Tag offene Augen und Ohren für das Leben, das um sie herum pulsiert. Vielleicht freuen Sie sich über das, was Sie sehend erleben und fangen an, selbst zu singen.

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Dieser Frühling meint es wirklich gut: vorsommerliche Temperaturen; Sonnenstrahlen aus wolkenlosen Himmel; blühende Blumen, Sträucher und Bäume an den Straßen und in den Gärten; volle Straßencafés und seit Anfang Mai  auch volle Freibäder! Ist das nun der Frühling oder bereits der Sommer? Dies fragten sich auch die Meteorologen, denn sie stellten fest: Der vergangene April war der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Obendrein gehört der April 2018 zu den trockensten April-Monaten seit Jahrzehnten.

Ich zumindest gehöre zu denen, die sich auch über einen feinen, dem Wachstum und Gedeihen zuträglichen Frühlingsregen freuen würden. Denn die Böden sind trocken und die Luft ist voller Feinstaub und Pollen. Zudem bin ich Allergiker. Meine Haut und meine Atemwege reagieren allergisch auf Pollen jeder Art. Darum fände ich einige Regentage jetzt echt super! Ich könnte endlich wieder klare, saubere Luft atmen.

Zudem wäre der Mai-Regen eine Wohltat für Weinberge und Äcker. So denke ich hin und wieder an einen Kindheitsspruch meines Vaters: „Mairegen mach mich groß, ich bin so klein wie ein Hutzelkloß“. In diesem Spruch steckt das ganz einfache Wissen, dass es fürs Wachsen und Gedeihen nicht nur Sonnenstrahlen braucht, sondern auch Regenwasser. Wie wichtig Wasser ist, erleben momentan auf dramatische Weise die Bewohner von Kapstadt in Südafrika. Dort denken manche Menschen sogar schon darüber nach, am Südpol abgebrochene Eisberge einzufangen, um sie als Süß- und Trinkwasser-Reservoir nach Kapstadt zu schleppen. Vor der Küste Kapstadts soll der Eisberg dann „gemolken“ werden.

Es ist so: Sonne und Wasser gehören zum Leben und Wohlergehen. Sonne und Wasser lassen die Natur wachsen und blühen. Beide sind in meinen Augen Zeichen der Güte Gottes. Ein Mensch der Bibel staunte darüber, dass „die Erde voll der Güte Gottes ist“ (Ps 33,5). Das bedeutet: Alles, was dem Leben und Wohlergehen zuträglich ist, ist ein Zeichen dieser Güte. Güte ist laut Wörterbuch die „hilfreich-großherzige Gesinnung“ oder die „selbstlose Freundlichkeit“. Güte ist eine wichtige Lebensgrundlage. Zu diesen Lebensgrundlagen gehört für uns nicht nur die Sonne, sondern vor allem das Wasser. Sollte es also in den nächsten Tagen doch mal wieder regnen, werde ich mich an dieser Wohltat und gütigen Zuwendung Gottes freuen.

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Heute ist „Muttertag“. Dieser Feiertag geht auf die Methodistin Anna Marie Jarvis zurück. Sie veranstaltete am 12. Mai 1907, dem Sonntag nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter ein Memorial Mothers Day Meeting. Im folgenden Jahr widmete die Methodistenkirche in Grafton am zweiten Maisonntag allen Müttern eine Andacht. Fünfhundert weiße Nelken ließ Anna Jarvis als Ausdruck der Liebe zu ihrer verstorbenen Mutter vor der örtlichen Kirche an andere Mütter austeilen. Nun setzte sie alles daran, einen offiziellen Muttertag zu Ehren der Mütter zu schaffen. Sie kontaktierte Politiker, Geschäftsleute, Geistliche und Frauenvereine. Die Bewegung wuchs. Am 8. Mai 1914 erließ der US-Kongress die Verordnung, am zweiten Mai-Sonntag den Muttertag zu feiern. So ließ der Präsident im Mai 1914 die öffentlichen Gebäude beflaggen und den Muttertag zum ersten Mal als nationalen Feiertag begehen. Mit steigender Kommerzialisierung des Muttertags jedoch wandte sich Anna Marie Jarvis, die Begründerin des Feiertages, von ihrer Bewegung ab. Ja, sie bereute es sogar, diesen Tag ins Leben gerufen zu haben und kämpfte später erfolglos für dessen Abschaffung. So kann es kommen, wenn gutgemeinte Anlässe immer mehr vermarktet werden.

Es geht also am Muttertag eigentlich um die schlichte Dankbarkeit für das, was meine Mutter mir bedeutet: Meine Mutter hat meine Geschwister und mich am stärksten geprägt. Sie hat getröstet, geholfen und unterstützt – wo ich es brauchte. Sie hat aber auch mahnend den Finger gehoben, wenn etwas aus dem Ruder zu laufen drohte. Und falls nichts mehr half, zog sie mir auch den „Hosenboden stramm“. An all das darf ich mich dankbar am Muttertag erinnern.

Auch Anna Marie Jarvis erinnerte sich an diesem Tag gern daran, wie ihre Mutter sie geprägt hat. Da meine Mutter erst vor einigen Wochen gestorben ist, bekommt das dankbare Erinnern auch für mich einen starken Impuls. Ich besuchte sie kurz vor ihrem Tod noch einmal und dankte ihr auf dem Sterbebett für all das, was sie mir an Lebensmut, Lebensfreude und Lebensweisheit vermittelt hat. Für diesen Dank jedoch taugte weder ein Kinderreim noch ein Gläschen Sekt. Es musste mein gesprochener Dank reichen. Zuletzt beteten wir miteinander. Mein Gebet mündete in die Worte: „Gott, der Herr, segne dich und behüte dich. Er lasse Sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“. Mit diesem Segenswunsch gingen wir getröstet auseinander.

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Alle wichtigen Wahlen dieses Frühjahrs sind gelaufen. Sieger jubeln, Verlierer lecken ihre Wunden. Parteiprogramme werden für die Bundestagswahl entweder korrigiert oder ganz umgeschrieben. Momentan erhält sogar die „soziale Frage“ neues Gewicht. Dabei betrifft sie nicht allein die Menschen, die in der letzten Zeit zu uns geflohen sind. Sondern die „soziale Frage“ stellt sich auch im Blick auf diejenigen, die trotz Arbeit nicht genügend Geld verdienen, um fürs eigene Auskommen zu sorgen: Alleinerziehende, Teilzeitbeschäftigte, Mindestlohnverdiener brauchen oft zusätzliche Hilfe durch den Staat. Statistiken besagen, dass sogar im wohlhabenden Süden, hier bei uns im Ländle, immer mehr Kinder armutsgefährdet aufwachsen. Unterschiedlichste Gründe schließen viele Menschen vom allgemeinen Wohlstand aus. In manchen Regionen gibt es soziale Probleme auch deshalb, weil sich immer weniger „Normalverdiener“ einen angemessenen, bezahlbaren Wohnraum leisten können. Die „soziale Frage“ ist also noch lange nicht erledigt. Die Politik hat alle Hände voll zu tun, um diese Frage zu lösen.

Damit tut sie übrigens etwas, was auch den Gott der Bibel interessiert. Es mag sein, dass viele den Gott der Bibel eher bei den Mächtigen, Schönen und Reichen vermuten. Dennoch finden sich in der Bibel sehr viele Aussagen darüber, dass Gott das Elend der Menschen nicht egal ist. In der Bibel sind das in der Hauptsache die Propheten, die Gottes Eintreten für die Abgehängten ansprechen. Und sogar die Psalmen greifen die „soziale Frage“ auf. Da heißt es in Psalm 12: „Weil die Elenden Gewalt leiden und die Armen seufzen, will ich jetzt aufstehen, spricht Gott. Ich will Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnt“ (Psalm 12,6).

Diesen „sozial-aufmerksamen Gott“ finde ich gut. Er stellt sich klar und eindeutig auf die Seite der „gesellschaftlichen Verlierer“. Gott tritt für die ein, die Hilfe brauchen und sich selbst nicht helfen können. Und genau das erwartet Gott auch von uns. Auch wir sollen uns einsetzen für die Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Das ist eine von Gottes Grundeigenschaften – die auch uns allen gut anstehen: Sich um die Menschen kümmern, die sich selbst nicht helfen können. Ich bin gespannt, ob mir das heute – wenigstens im ganz Kleinen – einmal gelingen wird.

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von Gottes Erbarmen, Güte und Treue.

Woran denke ich nach dem Aufstehen? Wenn ich geduscht habe, beim Frühstück sitze, meinen Tee und mein Müsli genieße? Manchmal denke ich dann gar nichts, weil alles so schnell gehen muss. Aber wenn ich dann in der Bahn sitze und auf dem Weg ins Büro bin, geht mir manchmal Vieles durch den Kopf. Ich hoffe, ohne längere Verzögerung oder Unfall zum Arbeitsplatz zu kommen. Oft gehe ich nach einem erholsamen Wochenende gern wieder zur Arbeit und freue mich auf die Begegnungen mit Menschen. Oder ich befürchte, wieder in die Tretmühle der Vorwoche zu geraten. In solchen Momenten habe ich schon entdeckt: Jetzt bietet sich die Möglichkeit für ein Gebet. Mir tut das einfach immer wieder neu gut, meine Hoffnungen und Wünsche einmal laut oder halblaut auszusprechen. Das geht manchmal sogar auf dem Weg zur Arbeit. Und Gott ist ein guter Zuhörer – auch wenn manche Antwort oder Gebetserfüllung auf sich warten lässt.

Vor kurzem bin ich auf ein sehr schönes, kurzes Gebet, geradezu einen Stoßseufzer gestoßen. Gefunden habe ich ihn im Gebetbuch der Bibel, den Psalmen. Da bittet König David: „Herr, du wirst mir dein Erbarmen nicht entziehen. Deine Güte und Treue werden mich stets bewahren“ (Ps 40,12). Mir gefällt dieses Gebet, weil König David nicht um Erfolg oder Zufriedenheit im Job bittet. Vielmehr bittet er Gott um ein Leben, das von Erbarmen, Güte und Treue geprägt ist. Auch ich wünsche mir oft insgeheim einen barmherzigen Umgang mit mir und meinen Mitmenschen. Ich wünsche mir immer wieder etwas mehr Güte und Treue – im Miteinander am Arbeitsplatz und in meiner Familie.

Was mir an dieser Königsbitte besonders gefällt, ist die vertrauensvolle Stimmung des Stoßseufzers. David spricht sehr zuversichtlich mit Gott. Er vertraut darauf, dass Gott ihn nicht allein lässt – auch nicht in schweren Momenten und Augenblicken. Das Gebet Davids geht übrigens noch weiter. Er bittet: „Ich bin arm und elend; Gott aber vergisst mich nicht. Du bist doch mein Helfer und Erretter. Mein Gott, lass mich nicht länger warten!“

Mir tun solche Worte gerade am Wochen- oder Tagesbeginn richtig gut. um Barmherzigkeit, Güte und Treue zu bitten. Dies Gebet taugt sogar zum „Twittern“. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen von Erbarmen, Treue und Güte geprägten Tag.

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Am vergangenen Sonntag durfte gejubelt werden. In Frankreich bejubelten die Menschen den Sieg des neuen Staatspräsidenten Macron und die norddeutschen CDU-Wähler ihren Wahlsieg. Und hierzulande bejubelten die VfB-Fans den Sieg „ihrer Roten“ sowie den fast schon sicheren Wiederaufstieg in die Erste Fußball-Bundesliga. Und selbst in den Kirchen feierten die Menschen den besonderen Sonntag „Jubilate“, also „Jubelt!“ Jubeln und Lachen gehören einfach eng zusammen. Es ist schön, fröhliche Menschen in seinem Umfeld zu haben.

Am heutigen Sonntag feiern evangelische Christen ihren Sonntagsgottesdienst unter dem Stichwort „Singet“. Jubeln, Lachen, Singen tun mir immer wieder gut – egal ob auf dem Fußballplatz oder in der Kirche. Singen kann man allerdings nur mit dem ganzen Körper. Für Martin Luther war „Frau Musica sogar eine wichtige Trösterin“. Deshalb singe auch ich immer wieder gern – manchmal nur unter der Dusche, viel lieber aber mit anderen zusammen.

Oft sind das Kirchenlieder, aber es können auch gern alte Kinder- oder Jugendlieder sein. So erlebte ich es vor einigen Tagen: Wir waren als Gemeinde auf einer Freizeit und sangen an einem Abend zum Abschluss einer Fackelwanderung beim Lagerfeuer – nur mit Gitarrenbegleitung und unseren Stimmen. Die Liedauswahl findet man so in keinem Gottesdienst, denn sie reichte von „Die Affen rasen durch den Wald“ bis hin zu „In einen Harung jung und schlank, zwo drei vier…“ Aber die Stimmung beim Singen war fröhlich. Vielen Älteren bereitete es großen Spaß, solch alte Fahrtenlieder in die Nacht hinauszusingen. Und die Jüngeren waren verdutzt, welche Lieder die Älteren kennen und ließen sich von deren Sangesfreude anstecken. Natürlich sangen wir während der Freizeit auch Kirchenlieder. Auch sie taten uns gut. Aber wichtig war uns dabei, zu spüren: Alles Singen tut gut. Sogar uralte Fahrtenlieder aus der „Mundorgel“ können so zum Lobgesang für Gott werden.

Vor allem jedoch braucht das Singen die Gemeinschaft: im Gottesdienst, im Chor, in Jugend- und Seniorengruppen, sogar auf Beerdigungen. So lasse ich bei Beerdigungen oft Lieblingslieder der Verstorbenen singen. Manche Menschen singen fast gar nicht – das ist schade. Denen wünsche ich, dass sie das Singen wieder neu für sich entdecken – gern auch in einem der vielen Gottesdienste heute Morgen. Nur Mut, denn Singen tut gut!

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Wie halten Sie es mit Alltags-Geboten? Dass Sie vor roten Ampeln halten, glaube ich Ihnen sofort. Aber halten Sie auch an alle innerstädtischen Geschwindigkeits-Begrenzungen ein? Und lassen Sie während des Fahrens Ihr Handy liegen? Konzentrieren Sie sich als Fußgänger auf den Verkehr, queren bei „Grün“ die Straße und beachten die Warnlichter von Stadt- und Straßenbahn? Was für den Straßenverkehr gilt, betrifft auch andere Lebensbereiche. So gibt es Alltags-Gebote, die ich sehr wohl einhalte. Und andere ignoriere ich großzügig. Nun muss ich bei meinen Übertretungen nicht sofort mit „dem Schlimmsten“ rechnen. Ich bezahle nicht jede Übertretung mit meiner Gesundheit oder meinem Leben. Manchmal kostet mich eine Übertretung nur ein „Nasenwässerle“…

Doch Gebote wollen nicht nur mein alltägliches Leben regeln und reibungsloser machen. Sondern Gebote prägen auch meine Beziehung zu Gott stets neu. Deshalb gab Gott Seinem Volk Israel die sogenannten Zehn Gebote, die auch die Christen praktizieren. Und als Jesus von Nazareth mit Seinen Jüngern zusammen war, gab Er ihnen vor allem ein Gebot: „Sie sollen sich untereinander so lieben, wie Er sie geliebt hat“ (Johannes 15,12). Aber kann man „Liebe gebieten“? Ist das kein Widerspruch in sich selbst? Ja, gebotene Liebe ist ein Widerspruch, wenn es um die Liebe zwischen zwei Ehepartnern geht. Hier kann man Liebe nicht gebieten!

Aber wenn es um das Miteinander einer größeren sozialen Gruppe geht, ist es sogar weise, Liebe zu gebieten. Denn Liebe lebt vor allem von einen Impuls: Sie tut dem Mitmenschen nichts Böses, sondern möchte, dass es ihm gut geht. Dann sind bereits kleine Aufmerksamkeiten „Liebes“-Zeichen. Ich gehe nicht mehr bei „rot“ über die Straße, weil ich Autofahrer nicht zu einer Notbremsung zwingen will. Ich beachte die Warnzeichen an Bahnübergängen, um den Zugführer nicht unnötig zu stressen. Ich telefoniere beim Autofahren nicht mit dem Handy, um den fließenden Verkehr aufmerksam zu beachten. Ich halte jemandem, der beide Hände voll hat, eine Ladentür auf und lasse sie nicht achtlos hinter mir zufallen. Ich räume meinen Müll selbst weg und lasse ihn nicht achtlos liegen oder auf den Weg fallen. All diese alltäglichen Zeichen der Liebe erleichtern, verbessern das Miteinander. So wünsche ich Ihnen für diesen Tag überraschende Erlebnisse der kleinen, sozialen Wohltaten, Liebe genannt.

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