Manuskripte

08AUG2020
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Den Segen brauchen wir vom Anfang bis zum Ende. Der Lebensweg soll ein Segensweg sein. Wir haben nämlich einen mitreisenden Gott. Einen Gott, der begleitet, mitgeht, alle Wege, alle Stationen, alle Räume, die wir durchleben und überschreiten.

Er ist wahrhaftig  ein stand by Experte. Und darum ist er auch am Ende unseres Lebens noch da und bleibt es auch darüber hinaus. Darum heißen die Kapellen auf den Friedhöfen auch Aussegnungsräume.

Der Segen hört nicht auf, wenn unser Leben zu Ende geht. Es heißt dann vielsagend  mit Worten der Bibel: „Der HERR segne  deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“ Man achte auf die Reihenfolge. Es heißt nicht: Er segne deinen Eingang und Ausgang. So wie wir eben den Beginn und das Ende des Lebens sehen. Sondern es klingt genau umgekehrt: Erst Ausgang, dann Eingang. Will sagen: Wer aus diesem Leben geht, der geht woanders hinein.

Ich glaube deshalb: Wir wechseln zwar die Räume, aber nicht das Haus.
„Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“ hat Jesus einmal gesagt.

Zusammen mit meinem katholischen Kollegen habe ich vor Jahren ein neues Krematorium mit eingeweiht. Das war damals eine merkwürdige, fast gruselige Atmosphäre. Wir haben lange überlegt, was wir da sagen sollen. Ein Krematorium segnen. Geht das? Ist das nicht ein Ort der allerletzten kompletten Niederlage. Wenn man nichts mehr tun kann und das Leben am Ende scheint. Wenn nur noch die Asche bleibt?

Der Kollege und ich haben uns damals dafür entschieden, nur aus der Bibel vorzulesen. Wir haben nicht viel Worte gemacht. Wir haben den Anwesenden und uns selbst vorgelesen, was die Bibel als Trostbuch zu sagen hat. Nur so konnten wir es in diesem Krematorium aushalten.

Wir haben die Ostergeschichte von der Auferstehung Jesu gelesen und dann Worte aus dem Römerbrief, wo es heißt: „Ich bin zutiefst überzeugt: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen!“ Nicht der Tod und auch nicht das Leben.

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07AUG2020
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Segen ist wie Streicheln. Jedenfalls soll er zart und zärtlich sein. Nicht gewaltig und brutal. Alleine schon deshalb verbietet sich jeder Segen für Waffen und andere Irrtümer. Wo Gottes Segen ankommen will, da muss es sanft und gewaltfrei zugehen.

Jesus selbst hat einmal eine Gruppe von Müttern und Kindern zu sich gebeten. Die störten gerade eine Versammlung gernegroßer Schlaumeier.

„Lasst die Kinder ruhig zu mir kommen und hindert sie nicht!“ hat Jesus gesagt. „Sie sind  für den Himmel bestens geeignet!“ Und dann heißt es: „Er herzte sie, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.“ Herzen!

Das ist ein vom Aussterben bedrohtes Zauberwort, das die wunderbarste Art und Weise andeutet, mit der Menschen einander gut tun können, ohne sich dabei weh zu tun. Herzen ohne Schmerzen!

In einem Kindergarten habe ich über viele Jahre hinweg an jedem Freitagmittag einen Wochenschlussgottesdienst gefeiert. Mit allen Kindern, dem Erzieherinnen-  Team und interessierten Eltern. Da gab es als Abschlussritual das sogenannte „verschenkte Streicheln“.

Und das ging so. Zuerst haben wir im großen Kreis in der Turnhalle immer das Gebet gesprochen:
„Die Woche geht zu ende, das Meiste war sehr schön. Wir reichen uns die Hände, sagen Auf Wiedersehen. Wir danken GOTT für alles. Er liebt uns Groß und Klein. Er segne und behüte uns hier und auch daheim!“

Und dann habe ich rechts und links von mir ein Streicheln auf die Reise geschickt. Und alle, die es bekommen haben, haben sich dann ihrem Nachbarn, ihrer Nachbarin zugewandt und es weiter gegeben.

So wie das Flüstern, wenn man „Stille Post“ spielt. Obwohl es oftmals mehr als 100 Kinder waren, ging es in diesem Augenblickvollkommen ruhig und friedlich zu.

Ganz besonders zauberhaft war es, wenn ein Kind einen Erwachsenen neben sich hatte, der sich herunter beugen musste, um das Streicheln entgegen zu nehmen.

Ich vermute, dass von daher auch der Begriff  „Zuneigung“ stammt. Wenn Große sich den Kleinen zuneigen, dann ist das ein Segen. Denn: Segen ist wie Streicheln.

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06AUG2020
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Der Haussegen soll nicht schief hängen. Der Volksmund weiß Bescheid. Wenn der Haussegen schief hängt, dann ist alles schief. Als ich Gemeindepfarrer war, kam ein Ehepaar auf mich zu mit einer ungewöhnlichem Bitte. Sie hatten neu gebaut, erst wenige Wochen wohnten sie jetzt im neuen Haus.

„Irgendwas fehlt!“ sagten sie. „Natürlich sind wir noch nicht mit allem fertig. Aber im Haus fehlt auch etwas. Der Friede. Wir sind so unruhig, seit wir drin wohnen. Da  ist kein guter Geist. Können Sie uns helfen?“

Solche Bestellungen waren bis dahin noch nicht bei mir eingegangen. Trotzdem war mir klar, dass ich diese Menschen nicht enttäuschen durfte. Sie hatten ja eine leise Ahnung davon, dass wir als Christen womöglich Zugang haben zu einem guten Geist. Also habe ich ihnen versprochen, vorbei zu kommen.

In der Zwischenzeit besorgte ich einen Haussegen. Ich kannte da jemand, der so etwas auf Bestellung wunderbar malen konnte. Ich bestellte ein Kreuz mit dem Spruch:
Gott segne dieses Haus und alle die gehen ein und aus.“

Zum vereinbarten Termin nahm ich einen Hammer und einen Nagel mit, den Segen hatte ich unterm Arm und dazu noch wacklige Knie. Ich wurde erwartet und freundlich begrüßt. Sie haben mir ihr schönes neues Haus gezeigt, das lockerte die Spannung.

Am Ende standen wir wieder im Flur neben der Garderobe. Neugierig sahen sie auf das Ding unter meinem Arm. „Ich habe Ihnen einen Haussegen mitgebracht.“ habe ich gesagt.
„Der soll Ihnen gut tun und sagen, wer der Herr in diesem Hause ist. Gott will nämlich bei uns wohnen. Da haben dann böse Geister keinen Platz mehr!“

Ich bat um eine Leiter, fragte ob der Platz über der Eingangstür recht ist, stieg hoch, schlug den Nagel in die Wand und hängte den Segen dran.

Dann beteten wir  gemeinsam das  Vater Unser. Danach haben wir noch kurz miteinander angestoßen. Beim Abschied an der Tür haben sie zu mir gesagt:
„Der hängt sogar grade. Der Segen!“
„Amen!“ Habe ich geantwortet. So soll es sein! Und bin gegangen.

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05AUG2020
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Segen kann man essen. Tatsächlich. Deshalb beten Menschen vor dem Essen: „Segne Vater diese Speise!“ Oder: „Komm Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“ Manche mit Heißhunger sagen auch nur kurz und knapp: „Gesegnete Mahlzeit!“ Geht auch.

Ich bin als Schüler in einem Internat gewesen. Dort gab es damals tatsächlich noch den brauch, dass im Speisesaal vor dem Essen gebetet wurde. Mich haben sie als Vorbeter ausgesucht. Das hat mir eigentlich gar nicht geschmeckt. Zum Beten musste ich nämlich nach vorne gehen und immer wenn ich an meinen Platz zurückkam, hatten die anderen Schurken an meinem Tisch meine Portion schon aufgegessen. Mir blieb dann noch ein bisschen Nachschlag. Damals hatte ich stark den Eindruck, das Beten eine brotlose Kunst ist.

Im nächsten Schuljahr wurde das Gott sei Dank anders. Mir wurde da nämlich ein Platz an einem reinen Mädchentisch zugewiesen. Die haben alle nur ganz wenig gegessen. Auch nach dem Beten war noch genug da. Jeden Tag, wenn die meisten von uns an einem reich gedeckten Tisch sitzen, segnet uns Gott mit Nahrung, die uns die Schöpfung schenkt.

Es ist eine Schande, dass das nicht für alle Menschen gilt. Hunger ist nämlich kein unvermeidliches Schicksal, sondern die Folge von falschem und ungerechtem Aufteilen. Es ist genug für alle da. Eigentlich. Hunger ist eine Katastrophe, die Menschen herbeiführen. BROT FÜR DIE WELT gibt es genug. Es liegt nur nicht in allen Brotkästen auf der Welt. Manche nehmen, was sie kriegen können und haben mehr als genug. Und für andere bleibt kaum etwas übrig.

Im Internat wurde übrigens später das Tischgebet durch einen Gong ersetzt. Schade. Das Tischgebet ist überhaupt vom Aussterben bedroht.

„Segne, was du uns bescheret hast“, wenn das wieder mehr Menschen beten würden, dann käme vielleicht auch die Erinnerung zurück, die Erinnerung daran, dass wir alles dem Segen Gottes verdanken.

Unsere Nahrung haben wir nicht verdient. Sie ist Gottes gute Gabe und könnte für alle reichen. Wer sich beim Beten daran erinnert, vielleicht kann der auch leichter teilen… Das wäre ein Segen!

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04AUG2020
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Segen ist wie Schutz. Er vergewissert: Gott ist da. Geht mit. Bleibt nahe. Das brauchen Menschen besonders, wenn sie ängstlich werden, glaube ich.

Immer, wenn was Unbekanntes beginnt zum Beispiel. Eine Gelegenheit für so einen Segen ist der Aufbruch in die Schule. Der Schulanfängergottesdienst. Da hört für die ganze Familie etwas  Entscheidendes auf und etwas Neues fängt an. Atemberaubend ist das. Eben noch auf dem Wickeltisch das Kind versorgt und schon ist es groß und kommt in die Schule. Das Leben geht so schnell. Da kann einem schon auch bange werden. Deshalb glaube ich, ist dieser Segen beim Schulanfang besonders wichtig.

Zusammen mit meinem katholischen Freund und Kollegen habe ich das deshalb viele Jahre mit Hingabe gemacht. Der Segen ist nämlich nicht katholisch oder evangelisch, er ist göttlich und gehört keiner Kirche exklusiv.

Segen kann gar nicht anders, als ökumenisch grenzenlos sein. Jedenfalls hatten wir wieder einmal eine volle Kirche mit Eltern, Kindern, Großeltern, Paten, Erzieherinnen, eine ganz wunderbar lebendige Zappelgesellschaft.

Und als wir danach erschöpft aber glücklich in der Sakristei schon beim Umziehen sind, da klopft es zaghaft an die Tür. Ich gehe hin, öffne und staune:

Da steht eine Mama mit ihrem Kind, völlig atemlos und verstört.
„Wir sind zu spät! Ich habe mich in der Uhrzeit geirrt. Jetzt ist alles vorbei..“ Sie zögert und schaut mich enttäuscht an und sagt dann:
„Könnten Sie meine Kleine vielleicht doch noch wenigstens ein bisschen segnen?“ Ihr stehen die Tränen in den Augen. Sie meint es sehr ernst. Ihr ist es wichtig.

Wir ziehen deshalb nochmal unsere Gottesdienst- Gewänder an, Talar und Messgewand gehen mit dem kleinen Mädchen und dem großen Mädchen zum Altar und segnen beide von Herzen und mit Gottes Hilfe. Beide strahlen. Und sind dankbar. Wir auch.

Und mit einem Augenzwinkern sagen wir uns: „Für ein bisschen Segen darf es nie zu spät sein!“

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03AUG2020
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Rituale braucht der Mensch. Wenn jetzt der Tag beginnt, dann machen wir es, wie wir es immer machen.

Im Bad, in der Küche, anziehen, frühstücken, verabschieden, wir kennen den Weg und die Art und Weise. Das ist alles Ritual. Das möchten wir am liebsten jeden Tag so haben. So wie gestern  und immer und überhaupt.

Rituale regeln das Leben. Wir brauchen nicht jeden Morgen neu zu erfinden, wie das geht. Es geht wie von allein. Weil es wie immer ist. Meistens jedenfalls. Manchmal vergessen wir auch mal was. Ich jedenfalls. Und dann kommt leicht alles durcheinander.

Bei uns zuhause war es lange üblich, dass ich die Kinder am Morgen vor der Schule beim Abschied gesegnet habe.

Natürlich nicht nach dem Motto:
„Jetzt geh mit Gott, aber geh!“
sondern eher:
„Sei behütet! Du kannst das! Du bist geborgen! Gott begleitet Dich“

Die ganze Grundschulzeit über haben wir das so gemacht. Der Segen als Abschiedsritual. An einen Morgen erinnere ich mich, ein Montag, wo alles etwas schwerer geht als sonst, da hat es plötzlich geklingelt, kurz nachdem unsere Tochter weggegangen war.

Ich bin an die Gegensprechanlage, wir wohnten damals im 1. Obergeschoss, und da hörte ich ihre aufgeregte Stimme sagen: „Papa, wir haben den Segen vergessen!“

Ich stürmte sofort durchs Treppenhaus hinunter an die Haustür, wo das Kind einigermaßen aufgeregt stand. Sie hat auf den vergessenen Segen gewartet. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe, außer Kuss und Schluss. Sie allerdings hörte ich sagen:
„Heut komm ich zu spät!“ „Macht nichts!“ hab ich ihr hinterher gerufen. „Zu spät aber dafür mit Segen!“

Da hat sie sich noch einmal umgedreht, mit strahlendem Kindergesicht und hat zurück gewinkt. Und schon hatte ich den Segen auch. Wenn einen ein geliebter Mensch so anstrahlt –Ist das nicht ein Segen? Der ganze Montag war gerettet.

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02AUG2020
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„An Gottes Segen ist alles gelegen!“ glauben wir Christen. Und darum wird es auch heute wieder in allen Gottesdiensten so sein. Am Ende kommt der Segen – und dann gehen alle wieder heim. Wenn es mal nicht so ist, irritiert das enorm.

So, wie ich es bei einem Gottesdienstbesuch einmal erlebt habe. Ich bin als Ausbilder und Prüfer für neue Pfarrerinnen und Pfarrer unterwegs gewesen. Und so saß ich also im Kirchenschiff und war gespannt.

Der junge Kollege trat ganz bemerkenswert selbstbewusst auf. Von Beginn an spürte ich eine große Sicherheit. Seine Stimme war fest und seine Körpersprache präsent. „Um den muss ich keine Angst haben“, dachte ich und war beruhigt. Der Gottesdienst lief wie am Schnürchen. Wir sangen schließlich das letzte Lied:
Komm Herr segne uns, das wir uns nicht trennen…
Und bei der letzten Strophe stand der junge Mann auf und ging zur Kirchentür. Offenbar, um dort gleich alle zu verabschieden.

Dann geschah es:
Nach dem letzten Orgelton standen alle auf und warteten. Niemand bewegte sich oder wollte gehen. Für den Vikar war der Gottesdienst zu Ende, für die Leute nicht.

Da ging die Kirchendienerin mit entschlossenem Schritt nach hinten, flüsterte dem verunsicherten Anfänger etwas ins Ohr und zeigte zum Altar. Da kam der vorzeitig abgetretene Pfarrer tatsächlich wieder zurück, trat vor den Altar, drehte sich um und schaute die Leute an. Sein Blick war vollkommen leer und ratlos. Er wusste den Segen nicht mehr. Black out!

Und jetzt passierte ein kleines Wunder, etwas ganz und gar göttliches, zauberhaftes, zärtliches:
die Leute fingen nämlich an ihrem jungen Pfarrer vorzusagen, sie flüsterten ihm den Segen in kleinen Portionen vor und der Vikar wiederholte ziemlich zaghaft zwar aber brav der Gemeinde folgend:

„Der Herr segne Dich…
Und er behüte Dich…

So einen Segen hatte ich noch nicht erlebt. Ein Echo-Segen, der wie ein tiefes Ein – und Ausatmen den ganzen Raum durchströmte. So strahlend habe ich selten Leute aus der Kirche kommen sehen.

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16MAI2020
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Wochenlang durften wir uns nicht versammeln In Kirchen, Moscheen und Synagogen. Es ist mir in den vergangenen Wochen wirklich schwer gefallen zu verstehen, dass ich zwar in den Baumarkt fahren durfte, um Blumen zu kaufen, Feuerholz und Rasendünger, aber in die Kirche durfte ich nicht. An Karfreitag nicht. An Ostern nicht. Immer wieder sonntags nicht.

Ich mag schon auch das stille Kämmerlein und gehe da auch Gott besuchen. Aber ich glaube lieber gemeinsam als einsam. Digital hab ich das Singen und Beten nicht wirklich hingekriegt. Es ist mir merkwürdig fremd geblieben. Ohne Gemeinschaft und Kirchenraum.

Wann um Gottes Willen hat man denn in der Kirche zuletzt so viele Menschen dicht gedrängt sitzen sehen, dass die sich nicht mit 2 Meter Abstand im ganzen Schiff hätten verteilen können?

Ich bin auf Gottesdienstentzug gewesen, wirklich. Mehr als 2 Monate lang. Und ich weiß von Vielen, die ähnlich empfunden haben.

Wir haben uns doch all die Jahre gerade dann immer wieder unter dem Kirchendach versammelt, wenn wir erschrocken und in Sorge gewesen sind. Wenn Terror und Katastrophen uns in Angst und Schrecken versetzt haben. Gerade dann haben wir das Bedürfnis gehabt, dem Ruf der Glocken zu folgen. Das gemeinsame Trauern und Klagen, das Gebet füreinander, die Vergewisserung, nicht alleine zu sein, das hatte doch immer rund um den Altar seinen Platz.

Da hat es mich als Kirchenmann natürlich gefreut, wenn bei mir eine ganz Menge Leute angerufen haben, die sich beschweren wollten über die ausgefallenen Gottesdienste. Es waren sogar Anrufe dabei, da sagten die Leute sinngemäß, dass sie zwar selber gar nicht so oft in die Kirche gehen, aber schon gerne wollten, dass Gottesdienste auch ohne sie regelmäßig stattfinden. Das beruhige ungemein.

Die Kirche soll im Dorf bleiben! Das ist ja sogar ein Sprichwort. Da muss also was dran sein. Ich freue mich jedenfalls über alle Kirchentüren, die am Sonntagmorgen wieder offen stehen. Ich glaube, wir kriegen das organisiert mit dem Abstand und der Hygiene.

Vielleicht wird es ja wirklich voller als sonst. Weil so viele heimwehkranke Gottsuchende unbedingt ihren Zweifelglauben feiern wollen. Endlich wieder. Mit Klang und Gloria!

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15MAI2020
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Viele Menschen fragen nach Gott. In diesen Tagen ganz besonders. Manche haben mich angerufen und gefragt:
Wo ist er gerade? Warum lässt er das alles zu? Hat es irgendeinen Sinn, zu ihm zu beten? Warum schweigt er immer, wenn ich mit ihm sprechen will? Kann Gott jetzt helfen?

Vielen Menschen ist Gott ein Rätsel. Vielen fällt es schwer an ihn zu glauben, aber sie suchen nach ihm. Sie vermissen ihn.
Ich habe den Anrufern von Jesus am Kreuz erzählt. Davon, dass auch er verzweifelt nach Gott gesucht hat. Dass auch er sich von ihm verlassen gefühlt hat. Dass er schreiend betet und nach ihm ruft und fragt:

„Mein Gott, mein Gott
Warum hast du mich verlassen?“

Jesus kennt das vergebliche Rufen nach Gott auch. Darum ist er ja auch unser Bruder und Freund. Weil wir ihm nichts erklären müssen, wenn es um das große WARUM geht.

Und dann hat sich ein Mann gemeldet, und mich auf Hiob aufmerksam gemacht. Auf den Mann Hiob aus dem Alten Testament. Der sich mit Gott streitet, weil er sein Leid nicht fassen kann. Nachdem er alles verloren hat:
seinen Besitz, seine Familie, seine Würde, seinen Stolz und seinen Glauben-hört er nicht mehr auf zu Klagen, sich zu beschweren.

Hiob macht Gott Vorhaltungen und widerspricht ärgerlich seinen Freunden, weil die ihm einreden wollen, das alles sei die gerechte Strafe Gottes. Hiob müsse wohl irgendetwas verbrochen haben. Das lässt der aber nicht auf sich sitzen. Und er widerspricht nicht nur den Freunden. Er widerspricht auch seinem rätselhaften Gott. Es ist Klagezeit. Bei Hiob und bei so vielen, die wie er dabei sind, ihren Glauben zu verlieren.

Und da hat mir der Mann am Telefon gesagt, dass Klagen auch Glaube sei, und zwar ein ganz schön heftiger sogar. Er meinte wohl: Intensiver glauben kann man gar nicht, als bei Gott zu klagen. Wer mit Gott ringt, versucht alles, um ihn nicht zu verlieren. Gott nicht verstehen, aber ihn vermissen. Das ist Glaube Pur!

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14MAI2020
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Es gibt ganz viel Einsamkeit. Wir machen uns gar keine Vorstellung davon, wie viele Menschen bei uns unheimlich alleine sind. Und es ist ein Unterschied, ob jemand alleine sein will, oder alleine sein muss.

Es kam wie eine Flut über mich, das Übermaß an Einsamkeit unter so vielen Dächern.
Und wenn das schon in normalen Zeiten ein Problem ist, dann natürlich jetzt in den Corona-Zeiten erstrecht.

Mit einer Frau habe ich lange am Telefon gesprochen. Ihr Mann ist im Altersheim. Und weil sie ihn zur Zeit aber nicht besuchen kann, hat sie ganz großen Kummer. Liebeskummer.

Beide sind fast 90 Jahre alt, haben immer alles geteilt und können jetzt einander nicht sehen. Sie hat mir offen gesagt, dass sie jetzt noch einmal im hohen Alter ganz deutlich spüren kann, wie lieb sie ihn hat. Das hat mich sehr bewegt.

Ich habe sie gefragt, wann sie zuletzt einen Liebesbrief geschrieben hat. Da kam erst einmal ein herzliches Lachen von ihr an mein Ohr und dann musst sie lange überlegen.
„Seit 40 Jahren nicht!“ hat sie dann gesagt. „Dann wird es höchste Zeit!“ habe ich ihr gesagt.

Ich widersprach ihren Befürchtungen, sie hätte das womöglich ganz verlernt. So was verlernt man doch nicht! Sie können das ganz bestimmt. Ein Versuch ist es wert. Sie überlegte. Dann sagte sie entschlossen mit fester Stimme, sie würde jetzt erst mal ein Blatt und einen Stift suchen. Damit ließ sie mich alleine am Telefon zurück, denn sie hatte ja jetzt Wichtigeres zu tun.

Ich wartete noch ein bisschen, ob da noch was kommt. Da kam sie noch einmal kurz zurück, um sich zu verabschieden. Sie war ganz aufgeregt, aber glücklich, glaube ich. Ziemlich sogar. Wie man eben glücklich und aufgeregt ist, wenn man einen Liebesbrief schreibt.

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