Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

Annette WeißDie unterstützen, ohne die nichts geht.

Wolf-Dieter Steinmann trifft Annette Weiß, Beauftragte für Migration und Flucht bei der Evangelischen Kirche in Karlsruhe

Es wird Zeit, dass ich jemand wie sie treffe, hab ich gedacht, unterwegs zu ihr. Sie ist mittendrin in dem was ‘meine’ evangelische Kirche für Geflüchtete tut. Als Beauftragte für Migration und Flucht in Karlsruhe.
Ich sehe Geflüchtete flüchtig. Gesichter auf dem Bahnhof, in der Straßenbahn. Annette Weiß ist nah dran. Und wichtig für Ehrenamtliche, die sich direkt um Geflüchtete kümmern:

Not und Elend aufzufangen, um die Menschen als Person zu erreichen. Es braucht unglaublich viel Kraft und Zeit und Kleinstarbeit. Ohne Ehrenamtliche würde die Arbeit nicht leben, nicht wachsen, keine Früchte bringen.

Der Staat braucht das ehrenamtliche Engagement in den Kirchen und der Zivilgesellschaft. Um Geflüchteten menschlich gerecht zu werden. Und Ehrenamtliche brauchen Begleitung von Hauptamtlichen wie sie es ist. Sie koordiniert, berät, bildet fort, vernetzt und bietet Seelsorge. Für Geflüchtete da zu sein, fordert nämlich auch seelisch: Geflüchtete hängen oft zwischen ihrer Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft. Ehrenamtliche bringen da ‚normales‘ Leben.

Zuhören, Ruhe haben, neue Ideen eines Lebens hier aufzuzeigen, den Geflüchteten mitzunehmen zu einem normalen Alltag, zu Festen, zu einem Essen.

Annette Weiß macht mir klar, wie das fordert. In Karlsruhe zB. engagieren sich viele Ehrenamtliche im Erstaufnahmelager. Problem: Nie weiß man wie lange der Kontakt dauern kann.

Man kann wenig vorausschauend arbeiten, man muss ganz im Jetzt - ganz auf die Situation bezogen - mutig weiterarbeiten.

Sie steht dann bei, „loszulassen“. Und zu tun, was im „hier und jetzt“ möglich ist.

Der persönliche Kontakt schmerzt, wenn dieser abbricht und man das Schicksal des Menschen, der einem ans Herz gewachsen ist, nicht weiter begleiten kann. Das erfordert ein hohes Maß an Distanzierung zu der eigenen ehrenamtlichen Arbeit, ein Absehen von der eigenen Wirksamkeit.

Sorgen macht ihr, dass Geflüchtete oft nur „Geduldete“ sind. Ein Halbjahr, noch eins, vielleicht. Dabei haben viele Arbeit, sind im Fußballverein, in einer Kirchengemeinde. Es setzt ihr zu:

Dass auch diese wieder zurückkehren müssen, Man weiß bei jedem Sprachkurs: 'Ich weiß nicht ob ich ihn beenden werden kann, weil die Duldung läuft in einem halben Jahr aus.' So eine Situation zermürbt.

Das erklärt für sie, warum viele Geflüchtete oft so traurig-müde wirken. Darum ist für viele der Glaube so wichtig: Muslime wie Christen.

Ich denk da an eine Gruppe orthodoxer Eritreer,die einzig und allein aus dem Glauben Halt finden, um die Situation, in der sie sich befinden - nach Folter -  auszuhalten und überhaupt weiterzuleben.

Für Annette Weiß ist klar, dass Kirchen und Christen sich da engagieren.

Tun, was für den anderen gut ist


„Annette Weiß, Beauftragte für Migration und Flucht.“ Das klingt nach Schreibtischjob. Weit gefehlt. Sie packt konkret an. Ist da für Geflüchtete und Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit. Begleitet, berät, vernetzt, leistet Seelsorge. Es freut sie, wie viele Menschen in Karlsruhe aktiv sind. Nicht nur in der Kirche.

Mitmenschlichkeit, vorurteilsfreies Aufeinanderzugehen und sich Öffnen dem sogenannten Fremden gegenüber. Gemeinden haben den Vorteil, dass sie stärker sind, weil sie eine Basisstruktur bilden und die Anbindung an das Gesamtgefüge Kirche.

Gut zu wissen. Denn manchmal denke ich, ich müsste was tun. Aber das ist das Gute an der Kirche. „Jeder und jede nach ihren Gaben.“ Steht schon in der Bibel. Wie bei einem Körper, es muss nicht jedes Teil alles machen. Gut, was Ehrenamtliche leisten.

Sprachunterricht, Begleitung in den Behördengängen. Am Ende des Nachmittags steht ein gemeinsames Essen. Es gibt Sprachcafés, wo man anbietet, in leichter Sprache einfach Kontakt zu Deutschen zu haben. Jeder kann auch nach seinen Begabungen die Nische finden.

Manchmal hör ich: ‘Kirche übertreibt ihren Einsatz für Flüchtlinge.’ ZB. wenn sie ’Kirchenasyl’ gewährt. Für Annette Weiß steht fest: Kirche muss notfalls auch das tun. Und sie sieht sie dabei nicht außerhalb von Recht und Gesetz.

Man reizt sozusagen den Spielraum aus, der möglich ist. Manchmal geht es auch nur darum, Zeit zu gewinnen, um ein laufendes Verfahren nach den gesetzlichen Vorschriften voranbringen zu können.

Menschlichkeit steht für sie ganz oben. Und dazu gehört auch, die Religion der Fremden zu achten. Den christlichen Glauben nicht aufdrängen, aber auch nicht verstecken.

Es gilt den Menschen zu respektieren in seinem Glauben. Wenn Rückfragen kommen, dann erzählen wir von unserem Glauben.

Und wenn Geflüchtete selbst getauft werden wollen? Auch dann haben Gemeinden eine besondere Verantwortung. Vor allem für „nur Geduldete“.

Man greift ja auch in die Zukunft dieses Menschen ein, wenn er wieder in sein Herkunftsland abgeschoben werden sollte, dann ist die Taufe vollzogen worden. Es obliegt den Beteiligten, ob sie diesen Schritt für ihre Zukunft gehen möchten.

 ‘Sieh den anderen Menschen, tu, was für ihn gut ist.’ So geht christlich. Das nehme ich mit von Annette Weiß.
Und: Wie sehr sie glaubt, dass jeder den Impuls in sich hat, die Welt besser zu machen. Wenn man ihm folgt, umso besser.

Wenn man sich die Weltpolitik ansieht, dann ist das manchmal schwer auszuhalten. Aber wenn man sieht, ich habe ein Bewerbungsschreiben geholfen zu formulieren. Vielleicht ist das das Papier gewesen, das dem Geflüchteten hilft, auf seinem Weg voranzukommen. Es sind so winzige kleine Schritte, die wirken, damit man in einer großen Friedensarbeit die Welt ein bisschen besser machen kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23919

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