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SWR4 Sonntagsgedanken

23JAN2022
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Zuhören. Von ganzem Herzen zuhören.

Christoph Busch hört gerne zu. Er ist Mitte 70 und regelmäßig in einer Hamburger U-Bahn-Station zu finden. Er hat dort einen alten Kiosk gemietet. Nicht um Sachen zu verkaufen; sondern um Menschen zuzuhören. Früher hat er Hörspiele und Drehbücher geschrieben. In dem Kiosk wollte Christoph Passanten treffen und sich inspirieren lassen. Der Zulauf war riesig: denn es gibt vieles, was die Leute erzählen wollen; aber nur wenige, die ihnen zuhören. Christoph Busch hat sich ganz den Menschen gewidmet: Sein Kiosk ist jetzt ein Zuhör-Kiosk[i] und heißt: „Das Ohr“. Mittlerweile gibt es dort ein ganzes Team, das Menschen zuhört.

Richtig zuhören ist eine Kunst. Denn es ist mehr als nur ab und zu Floskeln einzustreuen wie: „aha“, „interessant“ oder „was Sie nicht sagen“. Die sind schon auch wichtig, denn sie zeigen dem anderen, dass ich aufmerksam bin. Richtig zuhören geht aber weiter: wenn ich richtig zuhöre, bin ich ungeteilt aufmerksam. Ich interessiere mich wirklich für mein Gegenüber, für das, was er erlebt hat und was ihm wichtig ist, worunter sie leidet oder worüber sie sich freut. Wer so zuhört, nimmt Anteil. Er geht sozusagen mit dem anderen ein Stück seines Weges. Und das, ohne ihm die eigene Meinung aufzudrücken, schnelle Tipps zu geben oder gut gemeinte Ratschläge.

Richtig zuhören lohnt sich. Für die, die erzählen, und für die, die zuhören: Christoph Busch freut sich immer wieder, wenn es den Leuten nach einem Gespräch besser geht, weil sie ihre Sorgen und ihren Kummer losgeworden sind, neue Ansichten entdeckt oder einfach ihre Freude geteilt haben. Ihm geben die Gespräche aber noch mehr: Christoph[ii]setzt sich mehr mit Sinnfragen auseinander. Er sagt, die „Splitter aus fremden Leben“ sind für ihn Geschenke, die ihn bereichern. Indem er anderen zuhört, fühlt er sich selbst lebendiger. Und weiter meint er: „Ich habe in meinem Kiosk Gefühle gefühlt, die ich bislang nicht kannte.“ Dieses reine Zuhören hat ihm geholfen, manches klarer zu sehen. Er versteht nun etwas besser, wie andere denken, was sie fühlen und somit auch, was in der Welt los ist.

Wissenschaftler erklären das so: wenn ich richtig zuhöre, gehe ich ins Ungewisse. Ich gebe das Heft aus der Hand. Ich lenke das Gespräch nicht, sondern höre einfach zu. Dadurch weiß ich nicht, was vom anderen kommt, ob es wichtig ist oder nicht. Ich stelle meine Meinung hintan und verzichte auf Wertungen.
Und genau das ist der Knackpunkt: denn dadurch fange ich an, mich in andere hineinzuversetzen und Dinge so zu sehen, wie sie es tun. Das kann mich verändern.

 

Auf das Wort Gottes hören

In meinen Sonntagsgedanken habe ich eben darüber gesprochen, was es heißt, richtig zuzuhören. Christoph Busch hat einen Zuhör-Kiosk eingerichtet. Menschen erzählen ihm dort von sich und er lässt sich voll und ganz auf sie ein. Das weitet seinen Horizont.

Die Bibel erzählt, wie auch das Volk Israel einmal sehr genau hingehört hat: auf das Wort Gottes. Einen halben Tag lang lauscht es ganz gebannt dem Priester Esra. Der liest aus dem Gesetz vor und erläutert es. Offenbar bewegt das das Volk, denn in der Bibel heißt es, dass daraufhin viele geweint haben.

Im Text wird kein konkreter Grund genannt, was genau das Volk so bewegt hat. Es könnte mit seiner Geschichte zu tun haben: das Volk Israel war nach Babylon verschleppt worden und ist nun endlich wieder zu Hause. Die Leute sind froh, aber es gibt viel zu tun. Der Tempel muss aufgebaut, die Ordnung wiederhergestellt werden. In dieser Situation hört das Volk Israel das Wort Gottes; es sieht einerseits, was ist, und hört andererseits, was sein soll. Die Leute verstehen, dass sie das Gesetz Gottes nicht einhalten können. Und dann laufen die Tränen.

Das kann ich nachvollziehen: Wenn ich das Wort Gottes, also Geschichten aus der Bibel höre, merke ich oft, dass ich hinter vielem zurückbleibe: „Liebe deinen Nächsten, ja sogar deine Feinde wie dich selbst.“ Da kann ich noch lange an mir arbeiten. Oder wenn ich höre, wie gut Gott die Welt gedacht hat, und dann sehe, wie Menschen auf ihre Rechte pochen ohne Rücksicht auf Verluste – da könnte ich auch manchmal heulen!

Ich glaube aber, dieses Verständnis greift zu kurz. Die Bibel betont mehrmals, wie gebannt das Volk Israel dem Wort Gottes zuhört. Nicht nur oberflächlich; sondern richtig intensiv. Esra liest zwar das Gesetz vor und erläutert es. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Leute damals in dem Moment verstanden haben, was hinter den Buchstaben steckt. Das hat sie so bewegt. Es war für sie vermutlich als würde Gott ihnen sagen: „Ich meine es gut mit euch! Macht euch das immer wieder klar. Ich mache euch stark. Ich verstehe euch, gerade auch wenn ihr nicht zurechtkommt, unzufrieden seid oder hinter dem zurückbleibt, was ihr selber von euch erwartet. Beißt euch nicht an dem fest, was schiefläuft; sondern schaut auf das, was gelingt.“

Für den Priester Esra ist das ein Grund zur Freude. Er ergreift am Ende der Geschichte noch einmal das Wort und sagt: Weint nicht! Feiert ein Fest. „Denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ (Neh 8,9-10)

Dem kann ich zustimmen. Zuhören, ganz Ohr sein für andere Menschen und vor allem auch für das Wort Gottes lohnt sich. Manchmal mag das hart sein, mich bewegen, erschüttern und verändern – und ich weiß: das ist nicht jedermanns Sache. Aber wenn ich es wage, entdecke ich womöglich wertvolle Schätze, die mich lebendig und stark machen und die mein Leben bereichern. Christoph Busch mit seinem Zuhör-Kiosk jedenfalls kann das bestätigen. Und er genießt es! Er ist ganz Ohr und hört von ganzem Herzen zu, auch wenn es – oder eben gerade ‘weil‘ es ihn verändert.

 

[i] Vgl. https://zuhör-kiosk.de; Stand: 13.1.2022.

[ii] Vgl. Frankfurter Rundschau, https://www.fr.de/fr7/mann-hoert-13183921.html, 1.11.2019; Stand: 13.1.2022.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34693