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SWR4 Sonntagsgedanken

25JUL2021
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Ich bin oft skeptisch, was Wunder betrifft. Wenn Jesus zum Beispiel mit fünf Broten und zwei Fischen Tausende Menschen satt macht, dann kann ich das kaum glauben. Und doch lese ich diese Geschichte immer wieder gerne. Ich denke nämlich, es geht hier gar nicht in erster Linie um das Wunder. Diese Geschichte hat etwas mit mir zu tun:

Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs. Er tut viel Gutes und die Menschen laufen ihm nach, um zu sehen, was er als Nächstes vorhat. Tausende kommen zusammen und die Jünger werden nervös. Philippus denkt ans Abendessen und fragt: „Wo sollen wir für so viele Menschen Brot besorgen? Selbst wenn der Bäcker um die Ecke wäre – das Jahresgehalt eines Tagelöhners reicht nicht aus, um so viel zu kaufen!“ Auch Andreas hat eine Idee, rudert aber gleich wieder zurück: „Dieser Junge hier hat fünf Brote und zwei Fische. Aber was sollen wir mit so wenig anfangen?“

Philippus oder Andreas – das könnte ich sein. Ich gehöre zu denen, die gerne vorausplanen, wenig spontan sind und Dinge gerne in der Hand behalten. Die beiden Jünger sehen die vielen Menschen und damit ein Problem auf sie zukommen. Sie wollen es lösen, kommen aber nicht weiter. Wer schon mal ein größeres Fest geplant hat, weiß, was es heißt, für viele Leute zu sorgen. Aber wie ist das erst mit einer so großen Menge? Da kommt man schon mal in Panik.

Ich kenne das auch: manchmal ist mein Tag nicht lang genug, um alles zu erledigen. Wie soll ich das nur hinbekommen? Manchmal muss ich auch spontan sein, etwas umorganisieren oder entscheiden, was ich nicht wirklich durchdacht habe. Das überfordert mich dann. Auch Themen, mit denen ich mich beruflich beschäftige, bringen mich an Grenzen: in fünf Jahren sieht die Kirchenlandschaft im Erzbistum Freiburg anders aus: aus gut 220 Kirchengemeinden werden knapp 40 Pfarreien. Wie soll das gehen? Das kann ich mir nicht vorstellen. In meiner Pfarrgemeinde gab es früher einen Pfarrer und eine Mitarbeiterin, viele Gottesdienste, Feste und ein lebendiges Pfarrleben. Das stelle ich mir vor und lege auf den Tisch, was davon noch da ist; wie Andreas die paar Brote und Fische. Der kleine Philippus in mir prüft die Finanzen, sieht, dass auch die Mitarbeitenden weniger werden, und zweifelt: „Selbst wenn wir mehr Geld hätten und mehr Engagierte: Es reichte nicht aus, um weiterzumachen wie bisher. Was sollen wir tun?“

An der Stelle folgt bei Jesus das Wunder. Er nimmt, was da ist, segnet die Brote und Fische und verteilt sie. Und alle werden satt. Es wäre schön, wenn es immer so einfach wäre. Aber das ist es nicht. Und doch hilft mir die Erzählung weiter. In einigen Nebensätzen habe ich nämlich ein paar wunderbare Details entdeckt ...

 

Wundervolles im Nebensatz

Jesus macht mit fünf Broten und zwei Fischen Tausende Menschen satt. In meinen Gedanken zum Sonntag habe ich eben gesagt, dass es für mich in dieser Geschichte aber weniger um das Wunder geht. Ich habe darin einige Tipps für mich und mein Leben entdeckt. Das Wunderbare steckt im Detail.

Als die Jünger ihre Vorschläge machen, wie sie die Leute versorgen könnten, reagiert Jesus anders als gedacht. Er geht zunächst nicht auf ihre Vorschläge ein. Stattdessen sagt er: „Lasst die Leute sich setzen.“ Und weiter heißt es zur Erklärung: „Es gab dort nämlich viel Gras.“

Ich finde das genial: Jesus nimmt erst einmal Dampf raus. Dabei sagt er etwas ganz Entscheidendes: „Ändert eure Haltung.“

Das ist tatsächlich sinnvoll. Manches Problem kann ich nicht lösen, weil ich mir selbst im Weg stehe. Dann hilft es, meine Haltung zu hinterfragen. Jesus lässt die Leute sich hinsetzen und ich stelle mir bildlich vor, was das für mich heißt: Ich muss nicht immer gleich über meinen Schatten springen, der sich da am Boden abzeichnet. Aber ich sollte mich zumindest mal draufsetzen. Dann wird der Schatten nämlich kleiner und die dunklen Flecken um mich herum weniger. Dann komme ich weiter, kreise nicht länger um mich, sondern sehe wieder das saftige Grün, das mich umgibt. Ich habe neulich mit einer Dame gesprochen, die sich mit dem Älterwerden schwertut. Sie geht kaum noch raus, weil es so anstrengend ist. Ein Rollator wäre die Lösung – aber sie meint: „Den benutzen ja nur die alten Leute“. Die eigene Haltung zu ändern, ist nicht leicht. Aber es könnte sich lohnen.

Jesus greift dann nach dem, was ein kleiner, unscheinbarer Junge dabeihat. Er vertraut darauf, dass das ausreicht. Das motiviert andere. Vermutlich haben sie das gesehen und in ihrem Rucksack nachgeschaut, ob sie nicht auch etwas zum Essen beitragen können. Auch das kann ich gut nachvollziehen:

Wenn mein Tag mal wieder nicht lang genug ist und ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, nehme ich mir oft eine ganz kleine Aufgabe vor. Unscheinbar im Vergleich zu den anderen. Aber die kann ich leicht erledigen. Das motiviert mich dann und lässt mich die anderen Dinge anpacken.

Auch bei großen Dingen wie den Flutkatastrophen letzte Woche ist der erste Schritt aus dem Elend ein kleiner: irgendeiner hat mit einer kleinen Spende angefangen zu helfen. Andere haben mitgemacht. Dadurch ist viel Gutes geschehen. Natürlich bleibt das Ganze schrecklich und dunkel, aber es bekommt zumindest einige helle Flecken.

Mit dieser Haltung versuche ich auch nach vorne zu schauen, wenn sich meine Kirche in den nächsten Jahren verändert und die Gemeinden bald anders aussehen als ich sie kenne. Es werden Personen oder Gruppen da sein, derzeit vielleicht noch ganz unscheinbar, die kleine Akzente setzen, um ihre Kirche lebendig zu halten. So könnte es gelingen. Denn Gott kann aus kleinen und unscheinbaren Dingen etwas Passendes machen.

Am Ende der Wundererzählung von Jesus bleiben zwölf Körbe übrig. Die Jünger sammeln die Reste ein. Ich glaube, auch das ist ein wichtiges Detail! Wenn ich Wunderbares erlebt habe, sollte ich es mir im Herzen bewahren. Denn davon kann ich noch eine ganze Weile zehren.

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