Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Sonntagsgedanken

29JAN2023
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Bei einem Besuch in Jerusalem habe ich Werke eines Künstlers kennengelernt, der mir bis dahin unbekannt war. Es ist der Maler und Kunstlehrer Jakob Pins, der vor den Nationalsozialisten nach Palästina geflohen ist. Pins ist vor allem durch seine Holzschnitte berühmt geworden. Eines seiner beeindruckenden Werke trägt den Titel „Die Anbetung“. Acht Menschen sind zu sehen, die im Kreis zusammenstehen und sich tief verneigen. Auf dem Boden befindet sich das Objekt ihrer Anbetung. Es ist eine kleine, ganz gewöhnliche Maus.

Diese Bild provoziert und das ist sicher auch die Absicht des Künstlers. Hier wird etwas ganz Unwesentliches in die Mitte gerückt. Buchstäblich vergöttert. Eine kleine Maus wird zum Mittelpunkt und sogar zum Gegenstand religiöser Anbetung. Das sitzt! Da hält jemand besonders den Frommen aller Glaubensrichtungen einen Spiegel vor. Schaut hin, was ihr tut, woran hängt ihr wirklich euer Herz?

Dieses Bild erinnert mich an ein Erlebnis auf dem Jakobusweg in Spanien. Ich war mit Studenten unterwegs. An einer uralten Kapelle machten wir Halt, um miteinander Gottesdienst zu feiern. Ich hatte keine Hostien dabei, darum fragte ich in dem benachbarten Bauernhof nach ein wenig Brot. Später wurde ich von der Kirchenleitung deutlich darauf hingewiesen, dass ich eine wichtige Vorschrift nicht eingehalten hätte Bei einer Eucharistiefeier werden nur geweihte Hostien verwendet. Leider hat niemand gefragt, warum ich das getan habe und was wir in diesem besonderen Gottesdienst erfahren haben. Klar, äußerlich war es ein Verstoß gegen die Vorschriften. Aber selten habe ich so tief erlebt, was Eucharistie ist. Wandlung! Wir hatten das Brot von einer Bäuerin, deren Sohn wenige Tage zuvor verunglückt war. So war es auch ein Brot voller Trauer und Not. Angefüllt mit den Sorgen und Mühen dieser Bäuerin. Das alles haben wir miteinander vor Gott getragen und für Wandlung gebetet. Wandlung des Brotes, Wandlung der Trauer und Wandlung unserer Welt hin zu Gott.

Ich bin nicht gegen Regeln und eine feste Ordnung, auch in der Liturgie und im Gottesdienst braucht es verlässliche Formen und Rituale, die nicht jedes Mal neu erfunden werden müssen. Aber sie sind nicht um ihrer selbst willen da. Sie helfen, dass wir das Wesentliche, die Mitte nicht verlieren.

Immer wieder begegnet uns in den Evangelien der spannende Konflikt zwischen Jesus und den Schriftgelehrten. Beide Seiten wissen, was im Gesetz steht, und beide Seiten können die über 600 Vorschriften, die ein frommer Jude einzuhalten hat, aufsagen. Für Jesus aber ist es wichtig, dass nicht auf die Buchstaben geschaut wird, sondern auf den Sinn der Vorschriften. Er bringt das Ganze auf den Punkt:

Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden. (Markus 12,29b-32)

Jesus verbindet die Liebe zu Gott mit der Liebe zum Nächsten und der Liebe zu einem selbst. Aber klingt das nicht zu abgegriffen, ist das Wort „Liebe“ nicht zu einem Allerweltswort geworden, tausendmal besungen und zitiert und am Ende doch leer und nichtsagend?

Ich verdanke dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber eine Geschichte, die ganz unsentimental und nüchtern erzählt, was Liebe sein kann. Er erzählt von einem Rabbi, der gefragt wurde, wie man einen Menschen lieben soll. Dieser Rabbi erzählt dann von zwei Bauern, die beieinandersaßen und einen Wein miteinander tranken. Da fragt der eine seinen Nachbarn: „Sag einmal, liebst du mich?“ „Klar liebe ich dich“, antwortete darauf dieser. Und plötzlich war es ganz still. Und dann sagte der eine von beiden: „Wie kannst du sagen, dass du mich liebst, wenn du nicht weißt, was mir fehlt?“

Gott und den Menschen und sich selbst lieben heißt: voneinander wissen, nach dem anderen fragen und anteilnehmen. Füreinander da sein und wissen, was jetzt zu tun ist. Lieben ist mehr als ein Gefühl oder nur Schwärmerei, lieben bedeutet: hören, ganz aufmerksam und offen. Offen für den Nächsten, offen für mich und offen für Gott. Das ist die Mitte, um die sich alles dreht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36999