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SWR4 Sonntagsgedanken

17OKT2021
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Im Sommer war ich in Santiago de Compostela. Als Seelsorger für die deutschsprachigen Pilger. Wie schon in den vergangenen Jahren. In diesem Jahr bin ich einem Pilger begegnet, der mich sehr beeindruckt hat. Nicht wegen seiner sportlichen Leistung. Er hatte zu Fuß den ganzen Weg von Deutschland aus gemacht. Nein, mich hat sehr berührt, was er mir in einem Gespräch übereicht hat. Eine Liste, vollgeschrieben mit Namen. Es waren die Namen der Bewohner eines Pflegeheimes, in dem der junge Mann als Pfleger arbeitet. Er hat sie auf dem ganzen Weg mitgetragen und den Bewohnerinnen und Bewohner des Heimes versprochen, für sie und mit ihnen seinen Pilgerweg nach Santiago zu gehen.

Tag für Tag begegnet er zuhause den altgewordenen Menschen mit ihren Gebrechen und Einschränkungen, er kennt ihre Hilfsbedürftigkeit und weiß um ihre Lebensgeschichten. Er erfährt von Plänen und Vorhaben, die nicht mehr realisiert werden können. Einer der Bewohner wollte noch einmal in seine Heimat fahren, aber kam nicht mehr dazu. Eine betagte Frau konnte sich den langgehegten Wunsch einer Reise in die Berge nicht mehr erfüllen. Und so wächst in dem jungen Mann der Entschluss, den geplanten Weg nach Santiago seinen Schützlingen zu widmen. Das Echo, das er damit in Pflegeheim auslöst, ist überwältigend. Plötzlich ist Santiago in aller Munde. Und der junge Pfleger auch.

Es ist eine schöne, schlichte Form, stellvertretend für die etwas zu unternehmen, die dazu nicht mehr in der Lage sind. Mir gefällt, wie sehr der junge Mann mit seinen Leuten im Heim verbunden ist und für sie wirklich ein Herz hat. Ihre Situation berührt ihn und lässt ihn dann auch entsprechend handeln. Das erinnert mich an eine biblische Geschichte, die an Spontaneität und Hilfsbereitschaft nichts zu wünschen übrig lässt: Erzählt wird, wie Jesus eines Tages nach Kafarnaum kommt und viele Menschen sich vor dem Haus versammeln, in dem er war. Dann kommen ein paar Männer und tragen einen Gelähmten, den sie zu Jesus bringen wollen. Aber es ist kein Durchkommen. Darum decken sie kurzentschlossen das Dach ab, und lassen den Gelähmten auf Seilen nach unten, direkt vor die Füße Jesu.

Ein beeindruckendes Beispiel für solidarisches Handeln und für schnelle und unbürokratische Hilfe. Auch Jesus ist davon berührt. Er sieht ihren Glauben und vielleicht freut er sich auch über diese Unverfrorenheit, mit der die Leute zu ihm durchkommen wollen. Der Gelähmte hätte allein gestellt keine Chance gehabt. Nicht nur auf Grund seiner Behinderung, sondern weil er gerade als Kranker von allen anderen ausgeschlossen und gemieden wurde. Ich habe großen Respekt vor den paar wenigen, die mit und für den Gelähmten einen Weg finden!

„Für andere gehen“. Ich spreche heute in den SWR 4 Sonntagsgedanken darüber, welche Kraft es freisetzt, wenn Menschen sich unterstützen. Sehr anschaulich zeigt das eine biblische Erzählung. Sie berichtet, wie ein gelähmter Mensch durch die Hilfe anderer wieder auf die Beine kommt.

Den Schriftgelehrten, die dabeistehen, geht das alles zu weit. Sie beharren auf den alten Vorschriften; für sie gilt, was geschrieben steht. Sie haben so viel Religion im Kopf und trotzdem keinen Blick für den, der Hilfe braucht. Ein Gelähmter, der nicht mehr aus eigner Kraft stehen oder gehen kann. Er ist nach damaliger Auffassung selber an seinem Schicksal schuldig, und irgendwie zu Recht auch von Gott und der Gemeinschaft ausgeschlossen. Ihm steht kein Platz mehr in ihrer Mitte zu. Sie sehen in ihm nur noch den Gescheiterten und so gerät der Gelähmte vollends ins Abseits.

Wären da nicht die paar wenigen, die aus diesem Teufelskreis ausbrechen. Sie geben den Ausgestossenen nicht auf und bringen so ein Wunder in Bewegung. Der Gelähmte wird getragen und fühlt sich auf einmal auch so; im wahrsten Sinne des Wortes. Er kann seine Arme und Beine nicht bewegen; aber da sind andere Beine; Arme und Hände, die ihn tragen. Grossartig, beharrlich und erfinderisch sind sie in dem, was sie sich vorgenommen haben. Sie hätten angesichts der Menschenmenge, die ihnen den Zugang versperrt, kapitulieren können. „Na, dann eben nicht. Wir haben’s gut gemeint, aber es hat nicht sein sollen. Vielleicht ein andermal.“ Aber hartnäckig und auch ein bisschen aufdringlich überwinden sie die Hindernisse und bahnen dem Gelähmten den Weg zu Jesus.

Es gibt in der ganzen Geschichte eben nicht nur die, die den Buchstaben des Gesetzes im Auge haben oder die, die nur an ihr eigenes Glück denken und sich möglichst schnell zu Jesus vordrängen. Es gibt Gott sei Dank auch die anderen. Hellwach für das, was jetzt zu tun ist und empfindsam genug, um die Not eines anderen an sich heran zu lassen. Für mich sind das echte Sympathieträger. Menschen, die mitleiden können, die sich einfühlsam und respektvoll einem Bedürftigen zuwenden, ohne ihn als Objekt ihres Mitgefühls zu missbrauchen.

Diese praktische Form der Sympathie macht unser Zusammenleben menschlich. Sei es im Pflegeheim des jungen Mannes, von dem ich eingangs erzählt habe, sei es in anderen Einrichtungen und Gemeinschaften, sei es in unseren alltäglichen Begegnungen, in unseren Familien und Freundschaften oder in den großen politischen Zusammenhängen. Wir leben, wenn’s drauf ankommt, von der Sympathie und dem gegenseitigen Einstehen füreinander.

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