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SWR4 Sonntagsgedanken

03JUL2022
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Der Apostel Thomas zweifelt, hakt nach und bleibt dran.

Als Kind hat mir ein Jünger immer etwas leidgetan: der Apostel Thomas. Ich war Ministrant und habe seine Geschichte oft gehört:

Thomas ist einer der Jünger, die mit Jesus unterwegs waren. Als der gekreuzigt wird, bricht für ihn und die anderen eine Welt zusammen. Sie haben Angst, sind traurig und verzweifelt. Sie ziehen sich zurück und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Da taucht Jesus bei ihnen auf; offenbar lebt er. Die Jünger können sich das nicht erklären. Aber Jesus steht leibhaftig vor ihnen! Einer ist an diesem Tag nicht dabei: Thomas. Der arme Tropf war vielleicht gerade einkaufen oder hat jemanden besucht. Als er zurückkommt, hört er von den anderen, was passiert ist. Doch er kann es nicht glauben. Er zweifelt und ist skeptisch. Das bringt ihm den Beinamen „der Ungläubige“ ein, einen Titel, der ihm bis heute anhängt. Und doch feiern wir heute den Gedenktag von Thomas: Er wird als Apostel verehrt, als einer, der Jesus besonders nahesteht und einen besonders festen Glauben hat. Widerspricht sich das nicht?

Für mich schließen sich Glaube und Zweifel nicht aus. Mir geht es nämlich ganz ähnlich wie Thomas. Ich kenne Menschen, die vorbehaltlos glauben. Leute, die nicht weiter hinterfragen, was in der Bibel steht. Ich selber kann das nicht. Ich frage mich oft, ob Jesus tatsächlich auferstanden ist. Wie soll das denn gehen? Und ist er den Jüngern wirklich erschienen? Das kann ich mir nicht so recht vorstellen. Ich bin auch bei Wundern oft skeptisch, weil ich sie mir nicht erklären kann. Und doch sind es genau diese Momente, die Jesus für mich so besonders machen, die mich faszinieren und die ich so gerne glauben möchte.

Thomas hat damals nachgehakt: Am liebsten will er seine Finger in die Wunden des Auferstandenen legen, um glauben zu können. Und es gibt noch eine weitere Geschichte, bei der es Thomas genau wissen will. Jesus verabschiedet sich kurz vor seinem Tod von den Jüngern. Dabei sagt er zu ihnen: „Wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.“ Die Jünger nehmen das so hin. Nur Thomas unterbricht ihn: „Jesus, ich verstehe dich nicht. Was soll das für ein Weg sein? Wo ist der denn?“
Jesus antwortet ihm. Und was er sagt, wird für Thomas und viele Menschen später wichtig werden: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ihr kommt in den Himmel, wenn ihr euch an mir und dem orientiert, was ich sage und tue.“

Thomas denkt also mit. Er scheut sich nicht, Fragen zu stellen; auch wenn er der einzige ist und die anderen womöglich etwas ausbremst. Er setzt sich kritisch mit dem auseinander, was er von Jesus weiß und erzählt bekommt. Und genau das bringt ihn weiter: Dadurch versteht er manches besser. Ihm wird klarer, was er glaubt. Und er vertieft so am Ende seine Beziehung zu Gott und zu Jesus.

Früher hatte ich Mitleid mit Thomas, weil er den Auferstanden verpasst hat. Heute spricht mich seine Geschichte richtig an. Thomas zeigt mir: ich darf zweifeln. Ich darf Fragen stellen und so meinen Glauben entwickeln – Schritt für Schritt, ganz in dem Tempo, das für mich passt.

Der Glaube ist lebendig, wenn er zweifelt.

Der Apostel Thomas wird auch der Ungläubige genannt. In meinen Sonntagsgedanken habe ich eben von ihm erzählt. Er will an Jesus glauben, tut sich aber schwer damit. Ich bin der Meinung, das ist völlig in Ordnung: zu glauben und dabei kritisch zu sein, schließt sich nicht aus.

Vielleicht braucht der Glaube sogar einen gesunden Zweifel. Ich war neulich bei einem Priesterjubiläum dabei. Der Pfarrer wurde vor 60 Jahren geweiht. Er hat zurückgeschaut und war vor allem über eines glücklich: nach all der Zeit habe er noch immer dieselben Fragen wie am Anfang. Sein Glaube sei nach wie vor noch nicht so fest, dass er nicht immer wieder zweifeln würde. Das hat mich erst irritiert, aber er hat es begründet und gesagt: „Ein Glaube, der nicht mehr fragt und sucht, ist nicht lebendig. Er steckt fest und entwickelt sich nicht weiter.“ Ich denke, das stimmt.

So kann man auch die Thomas-Geschichte verstehen: Thomas bekommt tatsächlich die Chance, seine Zweifel auszuräumen. Jesus erscheint ihm nämlich und streckt ihm seine Wunden hin. Doch Thomas berührt sie nicht. Jedenfalls berichtet die Bibel nichts davon. Dort steht nur, dass Thomas Jesus sieht und dann auf der Stelle zu ihm sagt: „Mein Herr und mein Gott.“

Vielleicht hat Thomas die Wunden Jesu ganz bewusst nicht berührt. Um glauben zu können, brauche ich Kontakt zu Jesus. Aber nicht unbedingt Kontakt mit dem Finger in den Wunden. Ich muss mich von Jesus ansprechen lassen. Ich muss über das nachdenken, was er sagt und tut, ihm meine Fragen stellen und selbst um Antworten ringen. Es geht also um meine Beziehung zu Jesus, die vor allem dann lebt, wenn ich mich mit ihm auseinandersetze.

Die letzten Worte, die Jesus an der Stelle spricht, sind an Thomas gerichtet. Jesus sagt zu ihm: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Ich vermute aber, diese Worte sind vor allem für mich gedacht, den, der diese Geschichte hört oder liest. Thomas ist Jesus begegnet. Auch wenn er ihn nicht berührt hat, ist er doch näher dran, als ich es je sein werde. Er sieht Jesus und glaubt. Ich hingegen muss mich auf das verlassen, was überliefert ist. Das ist echt schwer. Das Jesus-Wort macht mir aber Mut: ich soll dranbleiben und trotz aller Zweifel um meinen Glauben ringen.

Sollten Sie wie ich Thomas heißen und heute Namenstag haben, dann gratuliere ich Ihnen ganz herzlich. Und falls Sie zu denen gehören, die manchmal zweifeln, skeptisch sind und ihren Glauben hinterfragen, dann erst recht: genau das hält den Glauben lebendig.

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