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SWR4 Sonntagsgedanken

21FEB2021
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Wenn es um die Wurst geht, verstehen Christen keinen Spaß. Jedenfalls war das vor 500 Jahren so. Genau wie heute war damals der erste Sonntag in der Fastenzeit. Die Christen in Zürich durften vor Aschermittwoch noch ein letztes Mal in den Wursttopf greifen; dann war Schluss. Bis Ostern sollten sie auf Wurst und dergleichen verzichten; so wollte es die Kirche. Huldrych Zwingli war damit nicht einverstanden. Die Vorgaben der Kirche seien willkürlich. Besser sei es, Jesus nachzueifern und in die Bibel zu schauen. Also provozierte er mit einem legendären Wurstessen am ersten Fastensonntag. Tatsächlich kam es zum Eklat! In der Folge wurde diskutiert, geklärt und weiter provoziert. Der Konflikt mit der Kirche ging tief und weit über die Wurstfrage hinaus. Am Ende ist die reformierte Kirche der Schweiz entstanden.

Was Zwingli damals zurechtgerückt hat, ist heute selbstverständlich: Fasten hat nichts damit zu tun, auf Dinge zu verzichten, die irgendeine Autorität für sinnvoll hält; ebensowenig wie es darum geht, möglichst viele Pfunde zu verlieren. Wie Zwingli empfohlen hat, lohnt sich ein Blick in die Bibel, um herauszufinden, was es mit dem Fasten auf sich hat:

Der Prophet Daniel verzichtet drei Wochen lang auf leckere Speisen, Fleisch und Wein (vgl. Dan 10,3). Das hilft ihm dabei, auf Gott zu hören. Die Jünger Jesu fasten und beten (vgl. Apg 13,3), bevor sie zwei Männer auswählen, die der Welt dann von Gott erzählen. Auch Jesus zieht sich 40 Tage lang zurück, fastet und betet. Erst dann tritt er öffentlich auf (vgl. Lk 4,2).

Fasten hat also damit zu tun, den Kopf frei zu machen. Daniel, die Jünger und Jesus stellen hinten an, was sonst Aufmerksamkeit und Kraft kostet: die Frage zum Beispiel, was es heute zu essen gibt, wer das besorgt und zubereitet. Sie ziehen sich sogar von Menschen zurück, für die sie sonst ansprechbar sind. Dadurch können sie besser auf das achten, was sich in ihnen abspielt, und sich auf das einstellen, was auf sie zukommt. Sie können Entscheidungen besser treffen, weil sie sich die Zeit nehmen, diese gut abzuwägen. Mit geschärften Sinnen kehren sie dann in den Alltag zurück – achtsamer für alles, was da gerade los ist.

Wenn ich faste, breche ich den alltäglichen Trott für eine Zeit lang auf, lasse Gewohntes zurück, um Dinge in einem neuen Licht zu sehen. Dazu braucht es nicht viel. Wenn ich zum Beispiel auf Fernsehen verzichte oder Handy-faste, merke ich schnell, wie viel Zeit diese Medien normalerweise beanspruchen. Ich kann mich dann fragen, ob die auch wirklich gut investiert ist. Dazu aber muss ich wissen, was mir persönlich wichtig ist.
Oder zu Zwinglis Wurstfrage: wenn ich mich beim Essen einschränke und mein Magen knurrt, denke ich womöglich an die, die nicht einmal eine Handvoll Reis haben, um zu überleben. Im besten Fall tue ich dann etwas dagegen.
Oder ich fahre weniger Auto. Obwohl ich auch sonst gerne mit dem Rad unterwegs bin, wird mir in solchen Zeiten noch mal ganz anders bewusst, wie schön, aber auch wie zerbrechlich diese Welt ist, in der ich leben darf.

Eingeschliffenes aufbrechen

Wer fastet, verzichtet auf Dinge, die sonst selbstverständlich sind. Das habe ich gerade in meinen Gedanken zum Sonntag erläutert. Das befreit und trägt dazu bei, Dinge anders zu sehen oder manches gar neu zu entdecken.

Was passieren kann, wenn man fastet, habe ich in einer Geschichte entdeckt. Sie handelt von einem Jungen, der in den Park geht, um Gott zu suchen. Er packt Schokoriegel und Cola ein. Im Park angekommen, setzt er sich zu einer älteren Dame auf die Bank. Es dauert nicht lange, dann greift er zu seiner Cola und merkt dabei, dass die Dame hungrig aussieht. Also bietet er ihr einen Schokoriegel an. Sie greift zu und lächelt. Der Junge ist glücklich und weil er das Lächeln noch einmal sehen will, bietet er ihr zu trinken an. Wieder lächelt sie. So geht es den ganzen Tag: die beiden schweigen, trinken Cola, essen Schokoriegel und lächeln sich an. Gegen Abend umarmt der Junge die Frau und beide gehen nach Hause.

Zuhause angekommen werden die beiden jeweils gefragt, warum sie so glücklich sind. Der Junge antwortet prompt: „Ich hab heut mit Gott im Park Cola getrunken. Und weißt du was? Sie hat das schönste Lächeln, das ich je gesehen habe.“ Die Dame antwortet ähnlich: „Ich habe mit Gott Schokoriegel gegessen. Er ist viel jünger als ich erwartet hätte.“

Der Junge nimmt leichtes Gepäck mit auf seinen Ausflug. Kein üppiges Vesper; nur einen Snack. Er hat keinen Fußball, kein Handy oder sonst was dabei. Nur Zeit. Und die erlaubt ihm, sich zu der Dame zu setzen. Das hätte er sonst vermutlich nicht gemacht. Weil er Zeit hat, kann er ganz im Augenblick sein. So bemerkt er, wie es ihr geht. Die Dame ist hungrig. Er bietet ihr etwas an und wird belohnt – mit einem Lächeln. Nichts Großes. Aber etwas, das ihn berührt. Solche Lächel-Momente sind selten, aber ich habe sie auch schon erlebt: Es sind ehrlich gemeinte Gesten, die von Herzen kommen. Momente, in denen ich spüre, dass ich wichtig bin und ernstgenommen werde. Dass da jemand ist, der sich für mich interessiert und für den ich wertvoll bin. In solchen Momenten kann ich etwas von diesem Gott spüren, den ich sonst nicht immer sehe. Ich fühle ihn dann. Ich bekomme eine Ahnung, wie er sein könnte. Der Junge entdeckt im Lächeln der Frau die mütterliche Seite von Gott, die ihm etwas zutraut, die da ist und ansprechbar, wenn man sie braucht. Und die Dame entdeckt umgekehrt in ihm dieses junge, dynamische, vielleicht verspielte, aber auch mitfühlende Wesen, das Gott auch haben mag.

Das ist für mich Fastenzeit! Wenn ich mich frei mache von Dingen, die mich in Beschlag nehmen und mir den Blick verstellen; wenn ich begrabe, was mich starr und festgelegt sein lässt. Denn dadurch kann ich kritisch anschauen, was ich tue; mir Zeit nehmen für andere. Ich kann mich neu orientieren, eingeschliffene Denkmuster durchbrechen und dann vielleicht mein persönliches Ostern feiern: dass ich auferstehe aus dem, was mich gefangen hält; dass ich Dinge anders sehe und neu entdecke – mich selbst, andere und auch Gott.

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