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SWR4 Sonntagsgedanken

09MAI2021
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Als Gott die Mutter schuf, musste er vermutlich ganz schön Überstunden machen. Eine Geschichte erzählt, wie ein Engel Gott dabei zuschaut und beeindruckt ist. Gott will die Mutter-Figur perfekt machen: pflegeleicht und umgänglich soll sie sein, Nerven wie Drahtseile haben und einen Schoß, auf dem Kinder sitzen können. Zugleich aber muss sie beweglich sein und auf ein Kinderstühlchen passen – ohne Rückenschmerzen zu bekommen. Ihr Rücken aber sollte so breit sein, dass sich darauf alles Mögliche abladen lässt.

Der Engel ist skeptisch, denn Gott hat noch mehr vor: Die Mutter soll sich auch noch selbst heilen können, wenn sie krank ist, zäh und weich zugleich sein, denken und urteilen, überzeugen und Kompromisse schließen können, Gefühle haben, aber doch nicht so verletzbar sein, dass sie Kränkungen nicht auch vergessen könnte.

Dann sieht der Engel den Prototypen und ist fasziniert: die Mutter-Figur hat alles, was sie braucht. Allerdings findet der Engel einen Fehler: „Gott, da ist ein Leck.“ Doch selbst das ist durchdacht: „Das ist eine Träne“, antwortet Gott. „Sie fließt, wenn die Mutter erfreut oder traurig, enttäuscht oder von Schmerz erfüllt ist. Tränen sind das Überlaufventil!“

Ich finde diese Geschichte großartig. Sie zeigt, was viele Frauen leisten. Ich bin mir bewusst, dass vieles davon heute auch für Männer gilt. Und ich weiß auch, dass man Müttern ruhig auch das ganze Jahr über danken darf. Aber ich möchte diese Geschichte doch zum Anlass nehmen, um heute am Muttertag alle Frauen ausdrücklich zu würdigen, die in irgendeiner Weise mütterlich für die Familie, Kinder und Partner da sind oder die liebevoll für Menschen sorgen, die Hilfe brauchen. Auch wenn ihnen das oft einiges abverlangt.

Der Dichter Franz Grillparzer sagt: „Weil Gott nicht überall sein konnte, schuf er die Mütter.“ Das klingt vielleicht etwas übertrieben, und doch ist die Idee interessant. Auch die Geschichte vom Beginn zielt in diese Richtung. Als der Engel nämlich die fertige Mutter sieht, ist er überwältigt: „Da steckt so viel Liebe drin; sie ist perfekt!“ Und Gott antwortet ihm: „Das stimmt. Darum ist mir eine gute Mutter auch so ähnlich.“

Mütterliche Frauen sind Gott ähnlich. In vielem, was sie selbstlos tun, spiegeln sie Gott: wenn sie zuerst an andere denken statt an sich selbst. Wenn sie Geborgenheit und Nähe schenken, Menschen ermutigen, über sich hinauszuwachsen oder wenn sie Fehler zulassen und verzeihen.

Diesen Gedanken finde ich spannend. Gerade, wenn ich ihn umkehre: Wenn Menschen mit mütterlichen Eigenschaften Gott ähnlich sind, dann hat Gott eine weibliche Seite …

Weibliche Eigenschaften von Gott

Gott hat weibliche Züge. Darauf haben mich eben meine Gedanken zum Muttertag gebracht. Jesus spricht Gott mit „Abba“ an. Das bedeutet „Papa“. Nicht zuletzt deshalb hat sich nach und nach das männliche Gottesbild durchgesetzt. Gleichzeitig hat dieser Gott, den Jesus verkündet, Eigenschaften, die man eher Müttern zuschreibt: Gott ist gütig und liebevoll, er ist bedingungslos für seine Kinder da, nimmt Menschen vorbehaltlos an und verzeiht ihnen, wenn sie Fehler machen.

Die Bibel spricht oft von „Barmherzigkeit“, wenn sie sagen will, dass Gott die Menschen liebt und sich ihnen zuwendet. Das hebräische Wort, das sie dafür verwendet, meint neben „Barmherzigkeit“ auch „Mutterschoß“. In Barmherzigkeit schwingt also die mütterliche Seite Gottes mit und das, was Kinder im Mutterleib entwickeln: die Nähe zu ihrer Mutter und dieses unerschütterliche Gefühl, dass ihnen nichts passieren kann – das Urvertrauen.

Für mich heißt das, dass ich mich voll und ganz auf Gott verlassen kann. In seinen Schoß darf ich mich fallen lassen. Zum Beispiel wenn ich traurig bin. Der Prophet Jesaja sagt: „Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, so tröste ich euch.“ (Jes 66,13) Wer sich einmal im Schoß seiner Mutter ausgeweint hat, weiß, wie befreiend das ist. So ist es mit Gott: wenn ich mich an ihn wende, mich in seinen Schoß fallen lasse und ihm anvertraue, was mich bedrückt, dann befreit und tröstet er mich. Mir geht das im Gebet so. Wenn mal etwas schief geht, ich nicht weiß, wie es weitergehen soll oder ob ich einer Aufgabe gewachsen bin, dann kann ich das Gott sagen. Ich kann gar nicht so recht beschreiben, was dann passiert. Gott macht eigentlich gar nichts. Aber es fühlt sich so an, als ob er mir ganz aufmerksam zuhört. Er ist einfach da und das baut mich auf.

Der Prophet Hosea beschreibt Gottes mütterliche Seite noch anschaulicher. Er spricht über die Liebe Gottes zu seinem Volk. Im hebräischen Text steht: „Ich war für es wie solche, die einen Säugling an ihren Busen heben.“ „Ich habe es gestillt“. (vgl. Hosea 11,3-4) Stillen ist sehr intim. Näher können sich Menschen kaum kommen. Beim Stillen gibt die Mutter etwas von sich – sich selbst, um für das Kind da zu sein. Und der Text geht noch weiter; es heißt da: „Ich kann meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken … denn Gott bin ich und kein Mann.“ „Mann“ mag hier im Denken des Alten Orient für zornig, rachsüchtig und hart stehen. Wenn Männer so wären, dann hebt sich Gott hier bewusst ab, distanziert sich davon und zieht die weibliche Seite vor.

Gott hat weibliche Züge. Ich finde es schade, dass das so wenig beachtet wird. Gerade weil die mütterlichen Facetten Gottes in der Bibel so kraftvoll und ausdrucksstark beschrieben werden! Heute ist Muttertag und besondere Aufmerksamkeit gilt all den Frauen, die mütterlich und fürsorglich sind. Warum sollte ich heute nicht auch Gott danken, die mich schon im Mutterleib kannte und in deren Schoß ich mich immer wieder fallen lassen darf? Gott, die mit mir fühlt und die sich mir zuwendet – ganz wie eine liebende Mutter.

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