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SWR3 Gedanken

16OKT2021
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Als Kind war ich von Schnecken fasziniert: mit ihren ein- und ausfahrbaren Augen und ihren lustigen Häuschen. Doch diese Leidenschaft hat irgendwann ihr trauriges Ende gefunden. Mit neun oder zehn bin ich barfuß auf einer Nacktschnecke ausgerutscht. Seit diesem Moment waren für mich die kleinen Kriechtiere einfach nur noch schleimig und eklig. Bis zu diesem Jahr, mein kleiner Sohn hat nämlich Schneckensuchen zu seinem neuen Lieblingshobby erklärt. Wie seine Augen leuchten, wenn er eine in einer Mauernische findet oder wie er anfängt zu kichern, wenn eine auf seiner Hand aus dem Haus gekrochen kommt. Ich steh daneben und kriege plötzlich auch große Augen. Was es da alles gibt: Weinberg- oder Leopardenschnecken, mit gelben oder mit spitzen Häusern. Und das Witzigste dabei: die haben alle gar kein Bauch, die tragen ihren Kopf direkt auf den Füßen. Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Meinung über diese Tierchen ändern würde. Das hat dieser kleine Mann geschafft: dass ich als erwachsener und gebildeter Mensch Schnecken jetzt mit anderen Augen sehe. Und wie ist das eigentlich so generell? Es kann schon Spaß machen, mal was anders zu sehen als bisher. Bei den Schnecken hat es funktioniert. Vielleicht schaffe ich das auch bei anderen Sachen. Bei meinem Stadtteil zum Beispiel, den ich noch so langweilig finde, oder meiner neuen Kollegin, die erstmal komisch auf mich wirkt.

Gott hat so viel Geniales in die Welt gelegt. Manchmal sehe ich das aber nicht. Dann brauch ich jemanden wie meinen Sohn, der staunen kann. Mit ihm zusammen kann ich wieder mehr sehen. Er hat mich überzeugt: Schnecken sind wow!

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15OKT2021
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Das stelle ich mir toll vor: Eine Zeit lang auf einer einsamen Insel leben, so wie der Romanheld Robinson Crusoe. Den ganzen Tag Strand und Meer, exotische Früchte und sich in Ruhe eine angenehme Hütte zurechtzimmern. Ohne Kalender mit Sand an den Füßen in den weiten Horizont blicken. An diesem Tagtraum ergötz ich mich besonders an den vollen Tagen, wenn dauernd irgendwas darauf wartet von mir erledigt zu werden. Dann bin ich „reif für die Insel“. Mir ist schon klar, dass ich kein halbes Jahr ganz allein auf so einer Insel überleben würde, aber wenn ich mich da so auf die Insel wegträume, fühlt sich das gut an. Dann fühl ich mich frei. Immerhin ist heute Freitag und ab heute Abend gibt es auch für mich zum Glück ein paar „Insel“-Zeiten. Wenn ich mich am Wochenende zum Heimwerken in meine Man Cave zurückziehe, oder eine Runde Inliner fahre. Das ist Zeit nur für mich und da denke ich wieder an Robinson. Übrigens gibt die Story von ihm und seiner Insel noch mehr her. Robinson hat ziemlich schnell gemerkt, dass Freiheit mehr ist als Zeit für sich. Pure Freiheit nützt gar nichts, wenn ich sie mit niemandem teilen kann. Dann bin ich einsam. Robinson hat ja richtig lange gewartet bis jemand bei ihm vorbeigekommen ist. Und als es dann endlich passiert ist, hat Robinson diesen Menschen „Freitag“ genannt. Klar, der hat ihn ja auch befreit. Genau das ist der Knackpunkt. Wirklich frei werde ich nicht allein, sondern wenn Leute an meiner Seite sind. Und zwar solche, die mich auch mit meinen Kanten und meiner Sturköpfigkeit mögen. Einfach Leute, bei denen ich mich wie am richtigen Ort fühle. Das sind meine Freitags-Menschen.

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14OKT2021
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In unserer Küche steht ein schöner alter Tisch. Es ist ein wuchtiges Teil mit gedrechselten Beinen aus dunklem Holz. Er ist nicht mehr super in Schuss, aber meine Frau und ich, wir fühlen uns einfach zuhause, wenn wir an diesem Tisch sitzen. Das Teil ist einfach gemütlich und es hat vor allem Geschichte. Mein Onkel hat unseren Tisch als junger Kerl vor 40 Jahren in Wuppertal gefunden. Jemand hatte ihn damals einfach zum Verschenken vor die Tür gestellt. Mein Onkel wollte ihn unbedingt haben. Also hat er das schwere Ding auf den Rücken genommen und durch die halbe Stadt bis nach Hause geschleppt. Ein paar Jahre später haben seine Kinder ihn von unten mit Kreide bemalt. Dann irgendwann ist er in mein Elternhaus gewandert: Ich hab da dran für Mathearbeiten gebüffelt und an Kindergeburtstagen war der Tisch immer voll, mit  Torte, Limo und Luftschlangen. Und seit ein paar Jahren schreibe ich mit meiner Familie Geschichte an diesem Tisch. Kostbare Momente und wichtige Gespräche, die dieser Tisch für uns festhält und weitererzählt. Fest steht: Dieser Tisch ist schon lange Weggefährte von so vielen Menschen. Und er verbindet mich mit ihnen. Und darauf kommt es an: Dass wir zusammen gehören.

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13OKT2021
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Ich bin mit meiner Frau in unserer alten Heimat, in Freiburg. Wir sind in der Stadt unterwegs und haben ein paar Dinge zu erledigen. Wir sind früher fertig als gedacht und haben noch etwas Luft. Also schreiben wir unsere Freundin Anna  an: „Hi Anna! Können wir mal kurz bei dir reinschneien?“

Ein paar Minuten später vibriert das Handy und sie antwortet: „Ehrlich gesagt passt es gerade gar nicht. Ein andermal gerne!*Smiley*.“ Im ersten Moment reg ich mich ein bisschen auf: Da sehen wir uns ewig nicht und wenn wir mal im Lande sind, dürfen wir nicht mal für ein paar Minuten reinschauen? Gegenüber guten Freuden finde ich das irgendwie komisch und unhöflich. Im Zug zurück rede ich mit meiner Frau über die Sache. Sie meint zu mir: „Ich finde auch schade, dass es nicht geklappt hat. Aber Anna war ehrlich zu uns. Gerade unter Freunden ist das wichtig.“ Stimmt, Höflichkeit ist echt nicht das Wichtigste. Viel wichtiger ist, dass Anna uns vertraut, dass wir ihr ihr „Nein“ nicht krumm nehmen. Außerdem gibt es tausende Gründe, wieso Besuch manchmal überhaupt nicht reinpasst. Besser Anna fühlt sich frei uns ehrlich abzusagen. Und überhaupt, ist doch sowieso viel schöner Anna dann zu besuchen, wenn sie das auch genießen kann.

Als freie Menschen hat Gott uns gedacht. Und genauso gefällt mir eigentlich auch Anna am besten. Und wenn ich in der Bibel blättere steht da: „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.“ Und da steckt drin, dass ich auch ganz ungezwungen „Nein“ sagen darf.

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12OKT2021
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Es war ein wirklich netter Paarabend mit Jana und Tim. Die Gespräche locker und die Stimmung ausgelassen. Bis irgendwer das Thema „Corona“ anspricht. Und dann kippt auf einmal die Stimmung. Gerade noch alles entspannt und plötzlich alles anders; als ob jemand die Raumtemperatur um ein paar Grad runtergedreht hat; und das allgemeine Gelächter weicht einer heftigen Diskussion. Die läuft eine ganze Weile bis am Ende nur noch ein Schlachtfeld aus Worten bleibt. Jetzt sagt Tim: „Stopp, wir kommen so nicht weiter. Ich glaube wir denken bei der Sache einfach total unterschiedlich. Kein Thema, aber lasst uns das jetzt erstmal ad acta legen.“ Gesagt getan: Wir haben das Thema gewechselt, nochmal Wein aufgemacht und am Ende des Abends war es fast wieder wie davor, aber eben nur fast. Und das hat mich im Nachhinein gefuchst. Wieso musste die Stimmung kippen? Und warum haben wir es nicht hingekriegt in Ruhe über Corona zu reden? Vielleicht hat es daran gelegen: Wir wollten uns unbedingt gegenseitig überzeugen. Aber wenn Wand gegen Wand fährt, bleibt kein Raum mehr dazwischen. Viel cooler und entspannter wäre gewesen, wenn ich meine Wortgeschütze erstmal ruhen gelassen hätte; und dafür lieber so was wie meinen inneren freundlichen Forscher an die Diskussions-Front geschickt hätte. So ein Mini-Wissenschaftler, der unbedingt rauskriegen will, was da los ist, wie der andere es meinen könnte, was er sagt, und der es ruhig und neutral angeht. Wenn ich bei der nächsten Grundsatz-Diskussion erstmal meinem inneren Forscher den Vortritt lasse, läuft das hoffentlich anders. Damit am Ende möglichst kein Schlachtfeld übrig bleibt, sondern zumindest ein „agree-to-disagree“. Das klingt auf Englisch fast höflich und gelassen. Auf Deutsch übersetzt heißt das so viel wie „Wir sind uns einig, dass wir nicht einer Meinung sind“. Hört sich erstmal wenig an. Aber das entspannt im Raum so stehen zu lassen, das ist viel!

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11OKT2021
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Ich hab mal in einem Dorf gewohnt, da gab‘s ein rotes Haus. Und vor dem Haus hat immer ein teurer Porsche geparkt. Ein Firmenwagen und die Firma, eine dubiose. Immer wenn ich an diesem Haus vorbeigelaufen bin, habe ich das Gleiche gedacht: „Ist ja klar wie die sich diesen Porsche leisten können – hier macht jemand ungerechte Geschäfte und verdient sich so eine goldene Nase. Die Leute, die hier wohnen müssen echt skrupellos sein.“

Das hab ich x-mal so gedacht, wochenlang bin ich jeden Tag da vorbei. Bis ich zum ersten Mal auf dem Gehweg die Frau treffe, die da wohnt. Eine echte Überraschung, denn strahlend grüßt mich eine freundliche Frau. Ganz perplex grüße ich lächelnd zurück. Ich gehe weiter und denke: „Naja, so übel kann die doch gar nicht sein. So freundlich, wie die gegrüßt hat.“ Und am nächsten Tag hat sie mir sogar noch durchs Küchenfenster fröhlich zugewunken. Ich freue mich wieder, aber irgendwie fühle ich mich jetzt auch mies. Was ich davor immer über diese Porschefahrerin gedacht habe, ist mir jetzt richtig peinlich: Ich hab sie gar nicht gekannt und nichts über sie gewusst. Aber in dem, wie ich sie beurteilt hab, war ich mir ziemlich sicher. Dabei ist alles was ich jetzt sicher weiß, dass sie einfach erstmal nett ist. Und das nehme ich aus der Story für mich mit: Hirngespinste bringen der Welt nichts. Aber die echte Begegnung mit der Frau hat schon was gebracht, nämlich dass zwei Leute gut voneinander denken und sich freundlich grüßen. Da hat sich nicht mein Kopfkino durchgesetzt, sondern das Leben, ganz in echt – in Farbe und live!

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10OKT2021
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Ich bin mit meinen Lieben im Chinarestaurant meines Vertrauens, und mal wieder begeistert. Denn ich liebe chinesisches Essen und außerdem fühlt es sich super an, wenn dich jemand von vorne bis hinten bedient. Einfach nur dasitzen und genießen wie sich der Tisch langsam vor deinen Augen füllt: Vorspeisen, dampfende Reisschalen und eine Delikatesse nach der anderen.

Ich kann das genießen so bedient zu werden, weil ich auch die andere Seite kenne. Vor ein paar Jahren hab ich nämlich hier als Kellner gearbeitet. Da war ich  derjenige, der die Speisen zu den Leuten balanciert. Die Stimmung und die freudigen Gesichter, wenn die zischenden Köstlichkeiten auf den Tisch kommen – da habe ich mich immer mitgefreut.

Und wie ich jetzt hier als Gast am Tisch sitze, frag ich mich: Was ist seliger, geben oder nehmen? Bedienen oder sich bedienen lassen?

Beides ist wichtig! Ich packe gerne mit an. Zum Beispiel eine Waschmaschine in den dritten Stock schleppen oder einem Kumpel ein Deluxe-Butterbrot schmieren. Dann bediene ich, damit andere sich schonen können.

Aber mindestens genauso wertvoll ist es, wenn ich mich selbst auch mal bedienen lassen kann. Und als gerade die Frühlingsrollen anrollen, erinnere ich mich an meinen argentinischen Freund José – ein lebenslustiger Freigeist. Als er mich beim Essen bedient hat, wollte ich aufstehen und helfen. Da fährt er mich direkt an: „Pfoten weg – bleib sitzen!“ Und dann sagt er noch: „Ché, dejame amar!“ Das heißt auf Deutsch: „Junge, lass mich lieben!“

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