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SWR3 Gedanken

18SEP2021
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Wie gut, wenn man Freunde hat, die schonungslos ehrlich zu einem sind. Meine Freundin Uli ist so jemand. Sie war ganz ehrlich in einer Situation, in der ich voll gestresst war. Da treffe ich Uli und sie sagt zu mir: „Jetzt bist du wie deine Mutter.“ Das sitzt und ich bin erstmal irritiert. Uli sieht mich an und merkt, dass ich an ihrem Satz ganz schön zu knabbern habe. Sie will erklären, wie sie das meint und fängt an von ihrem Lieblingsfilm zu erzählen. Es ist ein Film über den Komiker Hape Kerkeling. Er heißt „Der Junge muss an die frische Luft“. Ganz am Ende des Films fragt sich Hape, wer er nun geworden ist, nach so vielen Lebensjahren. Er kommt zu dem Schluss: „Ich bin meine Mutter und mein Vater. Ich bin meine Großeltern und mein Bruder.“ Uli schaut mich dabei versöhnlich an, aber ich wehre mich dagegen. Ich bin nicht meine Mutter. Ich bin ein eigener Mensch. Und ich muss auch nicht sein, wie meine Familie war.

Ein paar Tage nach dem Gespräch bringt Uli mir das passende Buch zum Film. Ich lese, was Hape Kerkeling an der Stelle noch weiter schreibt: „Ich bin meine Tante Gertrud und Onkel Kurt und Frau Strecker und viele mehr. Jeder hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“ Das hört sich etwas anders an, das kann ich voll unterschreiben. Ich bin geprägt, von dem, wie meine Familie früher zu mir war und von all den Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Aber ich kann frei damit umgehen. Vielleicht muss ich mich von manchem losreißen, und anderes kann ich liebend gerne so übernehmen, wie ich es gelernt habe. Und es tut gut, zu wissen, woher es kommt: aus der Familie.

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17SEP2021
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Joe und Sabine sind die „Ahrschipper“ aus Plankstadt bei Heidelberg. „Ahrschipper“, das kommt vom Fluss „Ahr“, der im Juli so unglaublich viel kaputt gemacht hat. Joe ist LKW-Fahrer und war mit seinem 40-Tonner schon bei den allerersten Hilfstransporten ins Ahrtal dabei. Joe hat keine Verwandte dort oder sonst irgendeinen besonderen Bezug. Die Zerstörung dort hat ihn einfach nicht mehr losgelassen. Er hat sofort verstanden: „Im Ahrtal brauchen sie nicht nur Lebensmittel und Kleidung. Sie brauchen vor allem Helfer, die mit anpacken, und das nicht nur ein paar Wochen lang.“ Also hat Joe zusammen mit seiner Frau Sabine die „Ahrschipper“ ins Leben gerufen. Das ist ein Hilfstrupp von lauter Freiwilligen. Alle haben den ganzen Samstag lang Zeit und packen an. Wer mit dem Reisebus von Plankstadt aus mitfahren will, ruft Joe auf dem Handy an, und dann geht es in aller Herrgottsfrühe los. Erst drei Stunden Bus fahren und dann Bäder rausreißen oder alten Schlamm wegschaffen, der immer noch stinkend in den Kellern sitzt. Arbeit im Ahrtal gibt es jede Woche mehr als genug. Koordinatorinnen vor Ort teilen die „Ahrschipper“ ein, denn sie wissen, wo Hilfe gebraucht wird. Das kann auch im Weinberg sein oder eben in Privatwohnungen, wo noch so viel zu tun ist.

Joe und Sabine hängen sich unermüdlich rein. Sie sind froh, dass sich jeden Samstag vierzig oder fünfzig Leute aus der Rhein-Neckar-Gegend finden, die Zeit und Kraft übrig haben. So viel Power auf einmal beeindruckt mich. Nicht lange reden, nicht lange überlegen oder grübeln, sondern einfach die Schippe in die Hand nehmen und dabei noch andere mitziehen. Was die Ahrschipper machen, das ist Nächstenliebe pur.

Und was ich auf dem T-Shirt von Joe lese, das stimmt: „Manchmal braucht es nur einen Joe“.

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16SEP2021
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Ich bin bei einem Vortrag mit Jugendlichen. Die bereiten sich in meiner Kirchengemeinde auf ihre Firmung vor. Nicht alle haben Lust dazu, aber der Typ vorne am Mikrofon kriegt es hin, dass alle zuhören. Er heißt Michael Stahl, ist ein harter Kerl, Bodyguard und Kampfsportler und er ist überzeugter Christ. Er erzählt: „Mein Vater war ein Trinker. Er hat mir ständig gesagt: du bist nichts und du kannst nichts. Als ich mit acht oder neun Jahren meinen Vater gefragt habe, was ich zum Geburtstag geschenkt bekomme, da hat er mir ins Gesicht gespuckt.“ Die Geschichte ist heftig und doch oder gerade deshalb hängen die hundert Jugendlichen an den Lippen von Michael Stahl. Der erzählt weiter: „Viele Jahre hatte ich keinen Kontakt zu meinem Vater, die Beziehung zu ihm war eine Katastrophe. Ich wollte ihn immer verändern. Hör auf zu trinken, mach das so oder so. Aber dann ist mir wie in einer Eingebung klar geworden: Ich muss meinen Vater um Vergebung bitten.“ An der Stelle werden die Jugendlichen unruhig. Einer traut sich und fragt: „Warum hast du das gemacht? Er muss sich doch entschuldigen, nicht du.“ Darauf die Antwort: „Ja, mein Vater hat mich furchtbar behandelt. Ich wollte ihn immer ändern, aber damit war auf einmal Schluss. Ich habe zu meinem Vater gesagt: `Deine Schuld ist nicht mehr wichtig.´ Ab da konnte er sich öffnen und ich auch.“

Viele Jugendliche waren nach dem Vortrag total beeindruckt, auch ich. Und trotzdem verstehe ich auch, wenn es mal nicht klappt mit dem Verzeihen. Manchmal können Menschen einander so Furchtbares antun, dass das einfach nicht möglich ist und auch niemand verlangen kann.

Und trotzdem bin ich beeindruckt von Menschen wie Michael Stahl, die das hinbekommen. Es kann sich nämlich so viel ändern, wenn mir jemand sagt, dass meine Schuld nicht mehr wichtig ist.

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15SEP2021
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Meine Bekannte ist irgendwie komisch. Sie kann wegen einer Kleinigkeit platzen, dann geht sie kurz raus und kommt ganz anders wieder. Manchmal zittert sie stark und ihre Wohnung ist für ihr ganzes Umfeld tabu. Ich finde das alles sonderbar und ich überlege immer wieder, ob ich sie ansprechen soll.

Ich frage eine Freundin um Rat und sie erzählt mir das hier:

In der Wohnung neben ihr wohnt ein Mann, der hat jahrelang allen etwas vorgemacht. Seiner Schwester, dem Bruder, den Nachbarn. Nach außen hin hat alles gut ausgesehen. Er war immer gepflegt, wenn er aus der Wohnung gekommen ist, nur reingelassen hat er nie jemanden.

Vor ein paar Wochen ist er zuhause gestürzt und konnte nicht mehr aufstehen. Am Ende hat die Feuerwehr die Wohnungstür aufgebrochen und dann haben alle gesehen, was wirklich bei ihm los ist. Die ganze Wohnung voller Flaschen, der Mann hat nie aufgeräumt und nie geputzt. Seine Geschwister waren geschockt und machen sich Vorwürfe: „Warum haben wir das nicht bemerkt? Dass unser Bruder trinkt und Hilfe braucht.“

So etwas gibt es leider viel zu oft. Dass Menschen in ein Doppelleben rutschen, ihren Lieben etwas vormachen und einfach nicht sagen können, was mit ihnen los ist. Vielleicht ist das bei meiner Bekannten ähnlich. Ich sollte sie auf jeden Fall ansprechen. Aber das fühlt sich heikel an. Jeder Mensch hat das Recht auf Privatsphäre und einfach so einmischen, das mögen viele nicht.

Wenn ich sie anspreche, brauche ich Mut, und sei es nur für dieses eine vorsichtige Angebot. Zwei Sätze, die vielleicht auch dem Nachbarn meiner Freundin geholfen hätten. So etwas wie: „Du, ich mache mir Gedanken um dich. Kann ich irgendwas tun?“

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14SEP2021
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In Peru werden jetzt Wellen per Gesetz geschützt. Als ich das gehört habe, war ich erstmal verdutzt. Warum muss man Wellen schützen? Und wie geht das?

Peru ist mit den vielen tollen Stränden und mit besonders langen und hohen Wellen ein Surferparadies. Fabio und Carolina kommen aus der Hauptstadt Lima und sind begeisterte Surfer. Sie lieben die genialen Wellen, und sie wissen genau, was zu tun ist, damit diese Wellen so bleiben wie sie sind. Die Wellen müssen tatsächlich geschützt werden. Wenn aber Küstenstraßen schlecht geplant werden und dafür ganze Felsen weggesprengt werden, zerstört das nicht nur wunderschöne Sandstrände, sondern auch die Wellen und damit ganze Ökosysteme im Wasser.

Bestimmte seltene Fische gibt es zum Beispiel nur dort, wo es auch tolle Wellen gibt.

Gute Gründe also die Wellen zu schützen – nicht nur für die Surfer. Da ist Einsatz gefragt, denn für jeden einzelnen Standabschnitt, der gesetzlich geschützt werden soll, braucht es ein spezielles Wellengutachten, und das ist teuer. 5000 Euro für jedes. Aber Carolina und Fabio haben schon viel Geld gesammelt. Über dreißig „Wellenbereiche“ haben sie schon schützen können.

Bis 2030 wollen sie noch die 100 knacken.

Und noch was: Fabio surft nicht nur, weil´s ihm Spaß macht, er lernt dabei auch fürs Leben. Er sagt: „Das Surfen bringt mir eine Menge bei. Man muss den Kopf immer über Wasser halten, ruhig bleiben, wenn das mal nicht klappt, man muss seinem eigenen Können vertrauen und seine Grenzen kennen – das sind Lektionen fürs Leben.“

Das nehme ich auch als Nicht-Surferin für abenteuerliche Situationen mit: ruhig bleiben, mir selbst vertrauen und meine Grenzen kennen. Und natürlich: das schützen und mich dafür reinhängen, was mir was wert ist.

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13SEP2021
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Ich bewundere Lisa Federle. Sie ist Ärztin in Tübingen und war in letzter Zeit oft in Talkshows oder in den Nachrichten. Ich bewundere an ihr, dass sie alles aus voller Seele tut. Wenn sich Lisa Federle in der Corona-Pandemie als Medizinerin für ihre Stadt engagiert, oder wenn sie im Fernsehen auftritt, dann macht sie das immer voll und ganz. Auch wenn sie dafür kämpft, dass Corona-Impfstoff auch in den armen Ländern ankommt, oder wenn sie einen Verein gründet, der in Krisenzeiten vor allem die Kinder in den Blick nimmt. Verrückt, was diese Frau alles leistet.

Ich bewundere Lisa Federle aber auch für eine Sache, die weniger bekannt ist. Nämlich dafür, wie sie mit ihrer Religion umgeht.

Sie ist sehr streng christlich aufgewachsen. Als Kind hat ihr Gott immer viel Angst gemacht. Die Regeln in ihrer sehr frommen Familie waren wahnsinnig hart. Lisa Federle sagt dazu: „Das Aufwachsen mit massig Angst hat mich gestört. Wenn ich lüge, komme ich in die Hölle, oder wenn ich irgendetwas falsch mache. Ich fand das alles immer sehr bedrohend.“ Lisa Federle hat den Glauben an so einen Gott, der die Menschen beobachtet und sie sogar bestraft, längst abgestoßen. Sie hat genau gespürt, dass sie so eine Art von Religion nicht weiter bringt. Denn sie macht Menschen kleiner oder ängstlicher oder beschämter. Das braucht niemand. Aber Religion kann Menschen auch groß machen, freier und aktiver. Eben dann, wenn ich mir Gott vorstelle als einen, der viel ermöglicht, der Kraft und Freiheit für mich möchte.

Lisa Federle handelt in ihrer Arbeit extrem christlich. Sie tut so viel für andere. Sie erklärt das, was sie antreibt so: „Es ist die Liebe zum Menschen, weil ich glaube, wenn es einem gut geht, sollte man auch ein Stück davon abgeben, was man selber bekommt.“

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12SEP2021
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Eigentlich ist Yoga nicht so mein Fall. Trotzdem finde ich mich jetzt auf einer Yoga-Matte wieder, weil meine Schwester gerade Yoga-Lehrerin wird und mich als Versuchskaninchen angeheuert hat. Auch wenn ich erst skeptisch war, die Übungen tun mir gut. Ich trainiere fast schon eine Stunde. Gleich ist es geschafft, sagt meine Schwester, nur noch eine kurze Meditation. Dazu darf ich mich hinlegen und höre die Ansage: „Stell dir vor, dass warmes Licht deinen ganzen Körper durchströmt.“ Klingt erstmal seltsam, aber ich probiere es aus und es entspannt wirklich. Jetzt kommt noch die passende Musik dazu. Es ist ein ruhiger Gospelsong. Gefühlt zwanzig Mal singt die Sängerin immer dasselbe. „I am a light“, „ich bin Licht.“ Dazwischen heißt es dann in den Strophen: „Ich bin nicht die Fehler, die ich gemacht habe.“, „Ich bin nicht mein Alter.“, „Ich bin nicht die Stimmen in meinem Kopf.“

Die langsame Musik und immer wieder diese Wörter: „I am a light“. Das tropft wie in mich hinein. Und wie ich so auf der Yogamatte liege, denke ich dran, dass Jesus auch gesagt hat: „Ich bin das Licht.“ Und seine Leute hat er auch dazu ermutigt, dass sie ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern so richtig leuchten sollen. Da hat er gesagt: „Ihr seid das Licht der Welt.“ und „Lasst euer Licht leuchten!“

Für mich würde das heißen: Nach dem Streit mit den Kindern „I am a light.“ Nach der öden Besprechung „I am a light“. Egal, was gerade ist: „I am a light.“

Es ist so viel wert, wenn es in mir drin hell ist. Nach dieser Stunde Yoga verstehe ich das wieder besser.

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