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SWR3 Gedanken

04SEP2021
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Es ist für mich eines der Bilder des Olympiasommers in Tokio: die guten Freunde Gianmarco Tamberi aus Italien und Mutaz Essa Barshim aus Katar liegen sich in den Armen und jubeln. Beide haben gerade olympisches Gold im Hochsprung gewonnen – und sie zeigen: geteiltes Glück ist doppeltes Glück. Beide hatten die Höhe von 2,37 Meter geschafft, beide waren dreimal an der Marke von 2,39 Meter gescheitert. Um dann zu ihrem größten Höhenflug anzusetzen und ins gemeinsame Gold-Glück zu springen: Indem Barshim den Kampfrichter fragte, ob sich die beiden die Goldmedaille teilen könnten. Der Offizielle bestätigte das.

Nun ist so eine olympische Medaille ja nicht nur ein Stück Edelmetall. Es ist ein Ziel jahrelanger und oft aufopferungsvoller Strapazen für diesen einen Titel. Und deshalb hängt die Latte der Menschlichkeit und Freundschaft an diesem Olympiatag vor rund einem Monat ganz schön hoch, als sich die beiden Athleten Gold teilen. Nicht irgendeinen Rest oder das, was übrig ist, teilen sie, sondern das Wertvollste. Das beeindruckt mich – und ich glaube, die Erfahrung der beiden Athleten kann auch für den Alltag taugen:  Auch hier miteinander die kostbarsten Dinge zu teilen, das würde die Welt besser und für alle schöner machen: Unseren Wohlstand, damit mehr Menschen gut leben können und kein Mensch mehr verhungern muss oder ausgebeutet wird. Und Zeit und Aufmerksamkeit, die oft besonders kostbar sind. Denn geteiltes Glück ist doppeltes Glück.

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03SEP2021
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Ich war früher nie ein großer Fan von längeren Wanderungen. Am Wochenende habe ich–wenn irgendwie möglich – mit anderen Musik gemacht. Das war und ist mein großes Hobby und meine Energiequelle. Und das ging mit Corona bekanntlich ja nicht mehr. Was aber ging, war wandern. Und ich muss zugeben: Egal ob in den Weiten der Rhön, in den Bergen im Allgäu oder im Schwarzwald – es tat und tut mir gut, Höhenmeter gegen Homeoffice zu tauschen. Oft auch vor meiner Haustür am Mittelrhein oder der Mosel, im Hunsrück oder in der Eifel. Und mir vom Sauerstoff den Kopf ordentlich freipusten zu lassen.
Mein neu entdecktes Hobby bringt mir auch neue Impulse für meinen Glauben: Denn wie schön die Schöpfung ist, kann ich immer wieder neu entdecken. Auf mancher Wanderung werde ich innerlich zum Pilger – staunend darüber, was Gott da alles geschaffen hat. Und zwischen der beeindruckenden Schönheit von Goldkäfern und Silberpappeln wird jeder Schritt zu einem stillen Gebet. Ich wandere dann durch Kathedralen aus Holz. Mit baumstammstarken Säulen und verästelten Gewölben. Und durch die Baumkronen bricht sie wie durch ein Kirchenfenster die Morgensonne. Der Architekt dieses Spektakels: Mein Schöpfergott, der auch mich in diese, seine Welt gesetzt hat, damit ich sie bewahre und nicht zerstöre. Denn auch das ist mir beim Wandern immer wieder aufgefallen: Wie bedroht die Natur ist. Und deshalb ist auch das ein Impuls, den ich mitnehmen will für viele kleine Schritte, um in meinem Alltag nachhaltiger zu leben und die Schöpfung zu schützen. Im frischen Sauerstoff des Waldes wurde ich erinnert: da ist auch bei mir noch viel Luft nach oben.

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02SEP2021
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Ich lerne Sarah Schott in einer Videokonferenz kennen. Sie erzählt uns, wie das so ist, mit einer neuen Lunge zu leben. Sarah ist gerade mal 25 Jahre alt und studiert in Koblenz. Seit ihrer Geburt ist sie an Mukoviszidose erkrankt. Vor drei Jahren verschlechterte sich dann der Zustand ihrer Lunge enorm. Atmen fühlte sich an, als würden zehn Elefanten auf ihrem Brustkorb sitzen, sagt sie. Zehn Monate lang stand sie auf einer Liste für ein Spenderorgan. Und wird dann tatsächlich transplantiert – erfolgreich! Danach kann sie ihren eigenen Rucksack tragen und sogar auf dem Trampolin springen. Lang ersehnte Freiheit. Bis das Coronavirus ihren Alltag wieder komplett umkrempelt. Aufgrund ihres schwachen Immunsystems muss sie sich komplett isolieren. Bis heute ist sie darauf angewiesen, dass ihr Umfeld extrem vorsichtig und rücksichtsvoll bleibt, um sie nicht mit Covid zu infizieren. Und dann wächst in ihrem Darm noch ein Tumor: Jetzt auch noch Krebs. Ein neuer Kampf beginnt. Als Sarah das alles erzählt, schießen Fragen durch meinen Kopf: Wie hält man so viele Rückschläge aus? Woher nimmt Sarah die Kraft? Ihre Antwort: „Der Glaube spielt eine ganz große Rolle, weil ich das Gefühl habe, dass Gott für mich da ist.“ Sarah glaubt nicht, dass Gott es war, der ihr die Krankheiten geschickt hat. Sondern, dass Gott es ist, der sie mit den Diagnosen nicht alleine lässt, der diesen oft auch unverständlichen Weg mit ihr geht. Im Moment geht es ihr gesundheitlich gut, sie ist nach einer gelungenen Therapie krebsfrei. Aber wie lange ihre Lunge hält? Das weiß sie nicht. Deshalb lebt sie jeden Tag umso mehr als ein Geschenk. Mich beeindruckt Sarahs Lebensmut. Und da bin ich nicht allein, denn  inzwischen folgen ihr über 50.000 Menschen auf Instagram. Und es gibt etwas, das ich von Sarah lernen will: Nichts ist selbstverständlich. Und jeder Tag, auch heute,  ist ein Geschenk!

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01SEP2021
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Lanja ist Mutter. Und sie hat ein ganz großes Problem: Denn sie kann ihre Kinder nicht mehr ernähren. Lehm oder Blätter, danach sucht sie in der staubtrockenen Erde Madagaskars. Sie sagt: „Für die Kinder suche ich nach Wurzelknollen, damit ich ihnen irgendwas zu essen geben kann. Es ist ein Kampf. Manchmal klappt‘s und manchmal nicht."* Und wenn es nicht klappt, dann bleiben nur noch Reste von Ledersandalen, Müll der beim Schuster übrig geblieben ist.** Und natürlich krank macht. Verbrannte Schuhreste als letzter verzweifelter Versuch, um nicht verhungern zu müssen. Als mich die Bilder der Reportage erreichen, wird mir schon vom Zuschauen speiübel. 

Die Menschen in Madagaskar erleben gerade die schlimmste Dürre seit 40 Jahren, ein Grund dafür ist der Klimawandel. Und diese Dürre trifft eine der ohnehin ärmsten Regionen der Welt. Seit drei Jahren hat es im südlichsten Teil Madagaskars nicht mehr geregnet. Die Menschen dort können nichts ernten, auf ihren Feldern ist nur Staub. Lanjas Kinder sind wie sie nur noch Haut und Knochen. Neben Nahrung fehlt auch Trinkwasser.

Mich lässt die Hitze in Madagaskar als Erdenbewohner, aber auch als Christ nicht kalt. Denn auf die Frage, wo ich Gott in der Welt finden kann, hat Jesus in der Bibel mal gesagt: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu Essen gegeben.“ Die aktuelle Hungersnot und ihre Ursachen sind menschengemacht. Und deshalb können wir Menschen das -  wenn wir jetzt die Hilfsorganisationen vor Ort unterstützen - auch ändern.

*https://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste-vom-15-07-2021/klimawandel-hitze-und-hungersnot.html

**https://www.tagesschau.de/ausland/afrika/madagaskar-115.ht

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31AUG2021
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Vor zwei Jahren durfte ich Esther Bejarano für ein Interview treffen. Sie hatte das KZ Auschwitz überlebt. Vor sechs Wochen starb die Zeitzeugin im Alter von 96 Jahren.

Ich erinnere mich an unsere Begegnung bei ihr zu Hause. Sie saß in ihrem orange-farbenen Sessel. Obwohl sie weit über 90 Jahre alt war, hatte sie jedes Detail von Auschwitz vor ihren Augen, die beim Erzählen immer wieder mit Tränen kämpfen mussten, als wäre es gestern gewesen. Von der Hinfahrt in einem Viehwaggon bis zur Nummer, die auf ihre Haut tätowiert wurde und fortan den Namen Esther ersetzte. Esther Bejarano überlebte nur deshalb, weil sie im Mädchenorchester von Auschwitz Akkordeon spielte. Vielmehr: Sie wurde gezwungen zu spielen, während Menschen aus Zügen ausstiegen und kurz danach in den Gaskammern ermordet wurden. Die SS hielt dabei ihre Gewehre auf die musizierenden Mädchen.

Was Esther Bejarano mir damals erzählte, war unvorstellbar grausam. Aber das Engagement und die Kraft dieser beeindruckenden Zeitzeugin mischten in  das Schwere ihrer Erinnerungen auch Hoffnung: Denn Esther Bejarano hat den Glauben an die Menschlichkeit trotz dieser menschenverachtenden Erfahrungen nie verloren. Und sie war hellwach gegenüber den Fragen unserer Gegenwart: Wie gehen wir mit verfolgten Menschen um? Wer verharmlost die Geschichte? Wer verbreitet heute rechtsextreme, antisemitische, rassistische Gedanken? Einer ihrer letzten Sätze in unserem Gespräch lautete: „deswegen müssen wir dagegen angehen, damit die Demokratie bleibt [...]“** Gerade mal 1,47 Meter war Esther Bejarano groß – aber für die Erinnerungsarbeit in Deutschland, den Kampf gegen Rechtsextremismus und für mich persönlich war diese Zeitzeugin eine der ganz Großen!

Quellen: * https://www.auschwitz-komitee.de/esther-bejarano-holocaust-ueberlebende-zum-76-gedenktag-des-holocaust/# , Ausdruck vom 11.07.2021, 10:56 Uhr.

** https://www.kirche-im-swr.de/?page=beitraege&id=28026

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30AUG2021
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Ich habe zwei Jahre dort gelebt. Im wunderschönen Ahrtal. Damals,  auf meiner ersten Stelle im Beruf. Wenn ich das dann jemandem erzählt habe, hieß es immer: „Du arbeitest da, wo andere Urlaub machen“. Und tatsächlich: ich habe dort inmitten einer atemberaubend schönen Landschaft mit Weinbergen und Fachwerkhäusern gelebt. Vor allem aber: inmitten von ganz tollen Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. Und von denen ich zwei Dinge lernen konnte: Geselligkeit und Gelassenheit.

An der Ahr spricht man einen Dialekt mit fast schon kölschem Einschlag und so hat auch das „kölsche Grundgesetz“ mit seinen lebensfrohen Paragraphen in der Mentalität der Menschen ein Zuhause: Zum Beispiel der „Grundgesetzartikel“ „Drinks de ene met?“ Er  steht für die vielen geselligen Feste, an die ich mich gerne  erinnere. Oder das durch und durch gelassene „Et kütt wie et kütt.“ Soll heißen: Hab keine Angst vor dem was kommt.

Aber genau diese Angst haben jetzt viele Menschen an der Ahr: denn seit der verheerenden Flut vor sieben Wochen wurde aus der einstigen Urlaubsregion ein Katastrophengebiet. Und nachdem der erste Schlamm und Müll entsorgt sind, zeigt sich: Die Aufbauarbeiten werden Jahre dauern. Was hilft nun? Vor allem ein langer Atem. Der dafür sorgt, dass die Menschen an der Ahr nicht vergessen werden - von Politik, Medien, der ganzen Gesellschaft. Dass sie mit jedem Handwerker und jeder Helferin, die weiterhin kommen, neue Hoffnung schöpfen. Mit jeder Spende, Mut zum Wiederaufbau spüren. Mit jedem Ohr, das zuhört,  den Schlamm von der Seele spülen können. Mit jeder Kerze  für einen Verstorbenen, Trost erfahren. Und dann glaube ich, kann das Ahrtal irgendwann wieder dieser wunderbare Ort werden, an dem Menschen gesellig und gelassen miteinander leben. Und an dem sie schon heute und auch weiterhin das Wichtigste erfahren: Solidarität. Denn kein Einzelkämpfer kann hier was ausrichten. Aber gemeinsam, das haben die vergangenen sieben Wochen gezeigt, geht ganz viel.

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29AUG2021
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Eine kleine Kapelle am Wegrand, hoch über dem Bodensee. Nicht barock und nicht imposant, kein Blattgold und kein Marmor. Stattdessen riecht es nach frischem Holz. Das kleine Gotteshaus wurde erst vor kurzem gebaut: 2019 hat hier jemand meinem Namenspatron eine Kapelle gewidmet, dem Heiligen Christophorus. Das freut mich natürlich ganz besonders. Und nach einer langen Wanderung gehe ich rein, setz mich hin und ruhe mich aus. Vorne liegt ein Buch, in das Menschen ihre Anliegen, ihren Dank, ihre Bitten eintragen können. Auch in der letzten Woche haben das viele gemacht. Da steht zum Beispiel in geschwungener Schrift: „Danke für den tollen Tag.“ Kann ich unterschreiben, nach dieser herrlichen Tour am Bodensee. Oder in noch etwas krakeliger Kinderschrift, aber mit ganz viel Mühe: „Wir denken an dich, Oma und schicken dir Grüße in den Himmel“, daneben ein fettes Herz, mit Kuli gemalt. Ein anderer Besucher hat geschrieben „Bleib bei uns und beschütze uns!“. Mit fettem Ausrufezeichen. Wie wahr, in diesem Katastrophensommer. Menschen vom Ahrtal bis nach Afghanistan, sie alle brauchen Gottes Schutz und seine Gegenwart nun ganz besonders. Und Menschen, die sie nicht vergessen. Die helfen, an sie denken und für sie beten.

In der Mitte steht eine Statue des heiligen Christophorus. Patron der Reisenden. Sie lädt ein, alles, was auf der Lebensreise gerade an Schönem und Schwerem im Gepäck ist, vor Gott abzuladen. Was die Menschen auch tun in dieser kleinen, aber ganz modernen Kapelle, die nach frischem Holz riecht. Und die meinen Blick geweitet hat. Über den schon herrlichen Horizont des Bodensees hinaus. Weil sie mir gezeigt hat wie viele Menschen auch heute auf ihrem Lebensweg ihre Lieben mit dabei haben, sie Gott anvertrauen und die großen Fragen nach dem „woher“ und dem „wohin“ stellen.

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