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SWR3 Gedanken

21AUG2021
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Der Mann im Zug ist sichtlich sauer. Mit seinem Fahrrad ist er eingestiegen. Und da es noch früh am Morgen ist, braucht er ein Extraticket für sein Rad. So sagen es die Regeln der Bahn. Die müssen mir nicht gefallen, aber sie machen immerhin einen gewissen Sinn. Denn morgens sind die Züge nun mal ganz besonders voll. Das weiß der Mann auch, nur einsehen will es nicht. Den Beleg, den der Zugbegleiter ihm fürs Fahren ohne Ticket aushändigt, zerreißt er jedenfalls noch im Zug.

Als ich die kleine Szene mitbekomme frage ich mich, warum ich mich eigentlich an Regeln halte. Warum halte ich abends an einer roten Ampel an, obwohl kaum noch Verkehr ist? Warum sage ich den Termin beim Arzt brav ab, wenn ich ihn nicht wahrnehmen kann? Weil gutes Zusammenleben auf Dauer nur funktioniert, wenn jeder prinzipiell bereit ist, sich an Regeln zu halten. Das war schon in der Bibel mit den zehn Geboten so und die sind immerhin schon Jahrtausende alt. Macht nämlich jede und jeder, was ihm oder ihr gerade passt, ist ganz schnell Chaos. Natürlich kann ich Regeln hinterfragen. Darum finde ich es auch wichtig, dass sie grundsätzlich nachvollziehbar sind. Aber wenn sie das sind, dann kann ich mich auch dran halten, ob es mir nun gerade gefällt oder nicht.

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20AUG2021
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„Wen der Herr liebt, den züchtigt er“ (Spr 3,12). Ein Satz aus der Bibel, der mir immer ganz übel aufstößt, wenn Menschen etwas Schlimmes passiert. Angesichts von Naturkatastrophen ist er besonders schwer zu ertragen. Der Satz steht im sogenannten Buch der Sprichwörter. Gesammelte Lebensweisheiten würden wir heute wohl sagen. Zusammengestellt schon ein paar Jahrhunderte vor Jesu Geburt in einer Zeit, die ganz anders war als unsere heute. Da war es halt normal, dass Züchtigung, also körperliche Gewalt zur Erziehung gehörte. Ja, dass sie sogar als besonderer Beweis väterlicher Liebe galt. Gewalt in der Erziehung ist heute zu Recht nicht nur verpönt, sondern schlicht verboten.

Der kleine Satz zeigt mir aber auch, wie man sich Gott damals gedacht hat. Mit ziemlich menschlichen Zügen halt. Gott wie ein strenger Vater jener Zeit, der straft oder belohnt. Und wir Menschen als unmündige Kinder, die von ihm erzogen werden müssen. Wenn es sein muss auch mal durch Katastrophen. Umso seltsamer finde ich es, wenn heute, weit mehr als 2000 Jahre danach, manche Menschen immer noch diese Vorstellung pflegen. Dass Gott aktiv in diese Welt eingreift, um Menschen zu strafen oder zu belohnen. Mein Bild von Gott ist das jedenfalls nicht mehr. Ein anderes finde ich da viel passender. Gott, der von sich selbst einmal sagt: Ich bin da - für euch. In der Freude und vor allem auch im Leid.

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19AUG2021
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Früher war alles besser. Langsam komme ich in das Alter für solche Sprüche. Sachlich stimmen sie zwar nur selten, gefühlt dagegen ziemlich oft. Richtig ist aber, dass es vor dreißig oder vierzig Jahren noch einfacher war, unbeschwert zu leben. Klar, damals gab‘s den Kalten Krieg oder das Waldsterben. Aber die wenigsten fühlten sich dafür persönlich verantwortlich. Und wenn ein einfaches Familienauto damals 11 Liter Sprit verbrauchte, dann galt das vielleicht als finanzielles, aber kaum als ökologisches Problem. Worte wie Klimawandel, Artensterben oder ökologischer Fußabdruck waren damals jedenfalls ziemlich weit weg.

Heute sind diese Worte in aller Munde. Und anders als damals gehen sie auch mich nun etwas an. Klar, wenn ich zum Beispiel mein Auto abschaffe werde ich weder die Welt noch das Klima retten. Aber zu wissen, dass ich es ein klein bisschen mehr ruiniere, wenn ich rumfahre und Benzin verbrenne, das werde ich eben auch nicht mehr los. Anders gesagt: Je mehr ich über die globalen Zusammenhänge weiß, umso mehr verliere ich meine Unschuld. Und leider auch meine Unbeschwertheit. Aus der Nummer komme ich nicht mehr raus. Und da leugnen oder verdrängen auch nicht weiterhilft bleibt nur, mich damit zu arrangieren. Zum Beispiel, indem ich beim Klimaschutz alles tue, was mir aktuell möglich ist. Konsequent, aber nicht verbissen. Damit die unbeschwerten Sommerwochen trotz allem nicht verloren gehen.

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18AUG2021
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In Rheinland-Pfalz, wo ich lebe und arbeite, gibt’s Grund zum Feiern. Die sogenannten SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz gehören seit Kurzem zum Unesco-Weltkulturerbe. SchUM, ein Wort aus den hebräischen Anfangsbuchstaben der drei Städte am Rhein. Im Mittelalter gehörten sie gemeinsam zu den bedeutendsten Orten jüdischen Lebens in Europa. Vom Jerusalem am Rhein hat man damals sogar gesprochen. Lange ist das her, leider. Zum Glück gibt es heute wieder jüdische Gemeinden dort. Doch die sind eher klein.

Im Mittelalter aber war das Wissen der jüdischen Gelehrten, die dort lebten, in ganz Europa berühmt. Mich beeindruckt das noch heute. Ein paar Mal habe ich schon das gut erhaltene Judenbad in Speyer besucht oder vor dem 1000jährigen jüdischen Friedhof in Worms gestanden. Es sind Momente, da ahne ich, wie sehr das Judentum, das es seit mindestens 1700 Jahren bei uns gibt, unsere Kultur geprägt und bereichert hat. Und wie schön es wäre, wenn es das auch in Zukunft wieder kann.

Speyer, Worms und Mainz. Uralte christliche Domstädte sind das, die aber auch ein großes jüdisches Erbe haben. Das wollen sie nun Besuchern aus aller Welt zeigen. Vielleicht gelingt es so zumindest ein wenig, den alten Glanz, den die Juden ihnen einmal verliehen haben, ein bisschen wieder zum Strahlen zu bringen.

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17AUG2021
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Helfen, irgendwie! Das war der erste Impuls, als die Horrorbilder aus dem Ahrtal so richtig im Bewusstsein angekommen waren. Nicht nur unzählige Einwohner, auch viele Winzer dort stehen mit ihren Betrieben nun am Rande des Abgrunds. Einer von ihnen ist neulich gefragt worden, wie die Leute ihn und seine Kollegen nun unterstützen könnten. Seine Antwort: Weine von der Ahr trinken. Das wäre die größte Unterstützung. Das ist noch befriedigender als finanzielle Hilfe.

Als Wahlpfälzer, der gern den Wein aus der näheren Umgebung trinkt, muss ich da nicht lange überlegen. Wenn der nächste Weinkauf ansteht, dann wird es auf jeden Fall Wein von der Ahr sein. Sorry, liebe Pfälzer Winzer, aber das geht jetzt nicht anders. Und, wenn es irgendwann wieder passt, gern auch mal verbunden mit einem Kurzurlaub im Ahrtal, warum nicht bei einem Weingut.

Die Antwort des Winzers hat mir aber noch etwas deutlich gemacht. Und das gilt für die gebeutelten Menschen von der Ahr ähnlich wie für jene in den armen Ländern der Erde. Unbürokratische Hilfe ist immens wichtig in der akuten Not und jetzt beim Wiederaufbau. Aber auf Dauer möchte keiner auf fremde Hilfe angewiesen sein. Viel besser und befriedigender ist es, den Menschen ein sicheres Einkommen zu ermöglichen. Durch faire Handelsbedingungen mit armen Ländern oder jetzt hier bei uns zum Beispiel mit Wein von der Ahr.

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16AUG2021
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Moralisch zweifelhaft kann ich für manche Mitmenschen inzwischen ziemlich schnell werden. Wenn ich morgens keine Lust auf Fahrradfahren habe und am Ende doch lieber ins Auto steige. Oder wenn ich im Restaurant lieber das Schweinefilet esse, statt politisch korrekt ein veganes Gericht zu bestellen. Die Beispiele lassen sich fortsetzen. Dabei ist mir der Schutz der Umwelt und was ich selbst dafür tun kann durchaus wichtig. ebenso das Wohl der Tiere, die wir uns als Nutztiere halten. Und dass ich selber oft mehr dafür tun könnte, auch das ist mir sehr wohl bewusst. Darüber kann man reden.   Gern auch kontrovers.

Allerdings begegnet mir in solchen Fragen immer öfter ein moralischer Rigorismus, der mich irritiert. Weil er Fragen des Lebensstils und der persönlichen Vorlieben zu höchst moralischen Fragen erklärt. Und weil er ruck zuck Leute, die einfach anders ticken oder anders leben wollen, in die Ecke der moralisch Verkommenen stellt. Die Bibel hat dafür ein schönes Bild: Dass es immer verdammt leicht sei, den Splitter im Auge des anderen zu finden. Nur den dicken Balken, der im eigenen Auge steckt, den übersehe ich dabei schon mal. Also: Selber leben, am besten im Wissen um die eigenen Schwächen, aber die anderen auch mal anders leben lassen. Das Leben ist auch so schon anstrengend genug.

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15AUG2021
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Es war eine bewegende Szene am Ende eines harten Kampfes. Der deutsche Ringer Frank Stäbler holte sich in Tokio nicht nur die olympische Bronzemedaille. Er beendete damit auch seine sportliche Laufbahn. Nie wieder wolle er einen Ringkampf bestreiten, sagte er. Sein Körper könne nicht mehr.  Zum Zeichen dafür zog er seine Schuhe aus. Und kniete einen kurzen, innigen Moment reglos hinter den Schuhen auf der Matte.

Ich musste bei diesem Bild an eine andere bewegende Geschichte denken. Eine aus der Bibel. Als Mose in der Wüste Gott begegnet in einem brennenden Dornbusch, da sagt Gott zu ihm: Zieh deine Schuhe aus, denn der Ort wo du stehst, ist heiliger Boden. Heiliger Boden. Ob das nicht auch eine Matte sein kann, auf der jemand seine lange Karriere mit einer Medaille beendet? Der Tenniscourt, die Laufbahn oder der Rasen im Fußballstadion? Schließlich redet man ja vom „heiligen Rasen von Wembley“?

Heiliger Boden. Vielleicht gibt’s den sogar viel öfter als man denkt. Ein Ort, an dem ich Unvergessliches erlebt habe. Den ersten, innigen Kuss. Den Heiratsantrag. Die seit Jahren ersehnte Medaille im Sport. Aber auch den schweren Abschied von einem geliebten Menschen. Heiliger Boden. Für die, die glauben ist es vielleicht genau der Ort, an dem sie für einen Moment dem Himmel ganz nahe sind.  

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