Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

29MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Was gibt mir Tiefgang im Leben? Die Frage beschäftigt mich. Ich habe in letzter Zeit nämlich einige Leute getroffen, die sagen, dass ihnen der gerade fehlt. Tiefgang im Leben. Zu viel Routine, zu wenige Highlights. Ich kenne auch so Tage, an denen bleib ich nur an der Oberfläche und tauche nicht tief ein in die Sachen, die ich mache.

Tiefgang, das bedeutet für mich, dass mich etwas in seinen Bann zieht, dass es mich berührt. Zum Beispiel ein gutes Gespräch mit einem Freund oder einer Freundin. Ein Gebet, bei dem ich mich mit Gott und mit anderen Menschen verbunden fühle. Oder so ein typischer Lagerfeuermoment, bei dem man gar nichts sagen muss, sondern einfach ins Feuer oder in den Sternenhimmel schauen kann. Von all dem kann ich gar nicht genug haben.

Wenn ich Tiefgang habe, berühre ich sozusagen den Boden meiner Seele. Ich stoße auf das, was mich im Leben trägt, was mir wichtig ist. Immer wenn das passiert, dann kommen große Gefühle bei mir auf. Ich fühle mich dann glücklich, ich bin dankbar, oder ich werde traurig. Und deshalb habe ich auch Respekt vor diesen Momenten. Die sind nicht immer leicht und schön, die können auch schwer und herausfordernd sein. Wenn ich mich von einem lieben Menschen verabschieden muss zum Beispiel. Das ist kein schöner Moment, aber es gibt meinem Leben trotzdem Tiefgang, wenn ich das an mich heranlasse.

Dass mein Leben voller Momente mit Tiefgang ist, ist vielleicht zu viel verlangt. Aber hin und wieder abtauchen, zum Grund meiner Seele, das tut gut. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33201
28MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich arbeite bei der katholischen Kirche und es macht mich wütend, dass Kirche manchmal so schwerfällig ist. Dass der Missbrauchsskandal so schleppend aufgearbeitet wird zum Beispiel. Oder ein Brief aus dem Vatikan neulich, in dem steht, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften offiziell immer noch nicht gesegnet werden dürfen. Alles Punkte, an denen ich mir wünsche, dass sich Kirche verändert.

Kardinal John Henry Newman war ein katholischer Priester aus England und er hat gesagt: „Leben heißt, sich verändern. Und vollkommen sein heißt, sich oft verändert zu haben.“

Anders gesagt: Wenn sich etwas verändert, dann steckt da Leben drin. Und wenn etwas richtig gut ist, hat es sich vermutlich oft verändert.

Mich überrascht, dass der Satz von jemandem aus der katholischen Kirche stammt. Die ist eher bekannt dafür, dass in ihr alles so bleibt wie es ist. Aber dass der Satz von einem Kardinal kommt, gibt ihm den richtigen Wumms.

Ich wünsche mir, dass sich meine Kirche diesen Satz von Newman zu Herzen nimmt. Und ich entdecke auch einiges, was in diese Richtung geht. Die Pfarrer, die selbstverständlich schwule und lesbische Paare segnen. Oder die vielen jungen Leute, die sich dafür einsetzen, dass Kirche ein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche wird. Sie leben Veränderung. Und das tut der Kirche gut. Vollkommen ist sie deshalb noch nicht, aber ich finde, das sind Veränderungen, die in eine gute Richtung gehen.

Und wenn mich meine Kirche mal wieder auf die Palme bringt, denke ich an diese Leute und an den Satz von Newman: „Leben heißt, sich verändern. Vollkommen sein heißt, sich oft verändert zu haben.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33200
27MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Meditieren ist wie Aufräumen im Kopf. Wenn ich mich still hinsetze und versuche ruhig zu werden, dann ist das, wie ein großes Reinemachen, nur eben in mir drin. Ich meditiere manchmal am Morgen, so etwa 15 Minuten lang, auf einem Teppich bei mir in der Wohnung.

Ich setze mich hin und beobachte erstmal, wie sich mein Körper anfühlt und ob ich zum Beispiel gut sitze. Ich verschaffe mir einen Überblick. So ähnlich wie beim echten Aufräumen auch. Da schaue ich auch erstmal, was bei mir in der Wohnung alles rumliegt und wo ich am besten anfange.

Wenn´s dann losgeht, bringe ich alles wieder dahin, wo es hingehört. In den Mülleimer, ins Regal oder auf den Stapel mit Sachen, die ich noch erledigen muss. Und so ähnlich mache ich es auch, wenn ich meditiere. Wenn ich ruhig dasitze, melden sich nämlich ständig irgendwelche Gedanken. Wenn mir ein Gedanke kommt, kann ich ihn auch „aufräumen“. Ich lege ihn zum Beispiel liebevoll auf meinen inneren Ablage-Stapel. Der heißt: „ist wichtig, ich kümmere mich später darum“. Jetzt für den Moment, brauche ich den Gedanken nicht.

Und manchmal passiert es, dass meine Gedanken zur Ruhe kommen. Das sind wunderbare Momente. Dann bin ich einfach da in dem Augenblick. Ich muss nichts leisten. Ich nehme einfach wahr, was ist und genieße die Stille in mir und um mich herum.   

Das Gute daran: wenn ich meditiere, verändert das oft auch den Rest vom Tag. Ich bin klarer und fühle mich viel „aufgeräumter“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33199
26MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Olli ist 26 und er ist gerade auf einer Pilgerreise. Er pilgert von Köln nach Spanien, genauer gesagt nach Santiago de Compostela. Das sind etwa zweieinhalbtausend Kilometer – die geht Olli zu Fuß. Ich habe ihn in Karlsruhe getroffen. Alles, was Olli braucht, hat er in seinem Rucksack. Wenn es die Corona-Regeln zulassen, übernachtet er bei Bekannten oder in einer Hängematte im Wald.  

Olli hat vor kurzem sein Maschinenbau-Studium abgeschlossen und seitdem ist er unterwegs. Warum er pilgert, frage ich ihn. Er sagt: „Ich habe gemerkt, wie ich träge geworden bin. Ich wollte was Neues sehen und je länger ich jetzt unterwegs bin, desto mehr merke ich, wie mir das Kraft gibt, wenn ich Menschen auf meinem Weg treffe.“

Ich weiß genau, was Olli meint: Mir hat die Begegnung mit Olli nämlich auch Kraft gegeben. Seine aufgeschlossene und positive Art, und überhaupt die verrückte Idee so weit zu laufen. Er hat mich inspiriert.

Jemandem mit so einer Riesen-Challenge wie Olli treffe ich selten. Aber ich weiß, dass es auch um mich herum genug Leute gibt, die abgefahrene Geschichten erzählen können oder verrückte Ideen haben. Ich muss dafür nur offen sein, offen für neue Ideen und neugierig auf das, was Menschen um mich herum zu erzählen haben. Solche mutigen und besonderen Storys, wie die von Olli geben mir Kraft und inspirieren mich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33198
25MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Benedikt und Helmut stehen an der Baggerlochkante und singen Lieder. Um sie herum zwei Dutzend Leute. Sie feiern Gottesdienst auf einem Acker zwischen Aachen und Köln. Hinter ihnen ist ein riesiges Loch in der Landschaft. Das Loch ist hundert Meter tief, einige Kilometer breit und oben raus schauen die Spitzen von mächtigen Schaufelradbaggern.

Benedikt ist Klimaaktivist und Helmut kommt aus einem Dorf, das bald in diesem Loch versinken soll. Gemeinsam fordern sie, dass der Energieriese RWE damit aufhört, Helmuts Heimat zu verheizen. Der Energiekonzern baggert nämlich schon seit Jahren zwischen Köln und Aachen ganze Ortschaften weg. Er will an die Braunkohle dran, die unter den Dörfern liegt. Insgesamt müssen mehr als 7000 Menschen deshalb ihre Heimat verlassen.

Mit ihren Gottesdiensten wollen Benedikt und Helmut gegen diesen Irrsinn ein Zeichen setzen. Sie feiern nicht nur an der Abbruchkante, sondern auch auf der Straße von anliegenden Dörfern oder in einem Waldstück, das bald weggebaggert werden soll. Benedikt sagt: „Was hier passiert ist eine Katastrophe für die Betroffenen und erst recht für das Klima auf unserem Planeten. Wir haben eine Verantwortung für unsere Schöpfung und für die Generationen nach uns. Und deshalb leisten wir hier Widerstand.“

Benedikt und Helmut engagieren sich als Christen bei den Protesten, weil sie glauben, dass die Erde ein kostbares und zerbrechliches Geschenk von Gott an uns Menschen ist. Und dass Gott etwas an seinen Geschöpfen liegt.

Helmut und Benedikt machen mir klar: Protest und Widerstand ist wichtig, damit sich endlich etwas tut in Sachen Klimaschutz. Ich kann am gleichen Strang ziehen wie die beiden, wenn ich auch Zeichen setze, zum Beispiel beim Einkaufen oder bei der Wahl meines Energie-Versorgers. Auch wenn ich nicht an der Baggerlochkante stehe, ich fühle mich mit den beiden verbunden und mit allen, denen unser Planet am Herzen liegt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33197
24MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„I can’t breathe“ – „Ich bekomme keine Luft.“ Das ist das Letzte, was George Floyd sagen konnte. Er war schwarz und wurde vor einem Jahr bei einem brutalen Polizeieinsatz in den USA umgebracht. Seitdem gehen in den Vereinigten Staaten immer wieder Menschen unter dem Motto „I can’t breathe“ auf die Straße. Sie protestieren, weil sie auch das Gefühl haben, nicht mehr „atmen zu können“, weil sie immer wieder diskriminiert werden oder sogar Gewalt erleben müssen.

Ich bin weiß und hier in Deutschland geboren. Ich kann nicht wirklich nachempfinden, wie sich Rassismus anfühlt. Die Sache mit dem Atmen hilft mir aber zu verstehen, wie das ist, wenn man ständig mit Vorurteilen konfrontiert wird. Ich atme den ganzen Tag, und die meiste Zeit davon, mache ich das unbewusst. Es ist für mich das Normalste was es gibt und ich muss gar nicht darüber nachdenken. Erst wenn mir mal jemand aus Versehen die Gurgel zudrückt, dann merke ich sofort, wie überlebenswichtig mein Atem für mich ist. Und so ähnlich ist es auch damit, dass ich weiß bin und hier in Deutschland lebe. Meine Hautfarbe ist so gut wie nie ein Thema für mich. Mir fällt kaum auf, dass ich damit in meinem Alltag oft privilegiert bin. Ich bekomme die Wohnung, jemand mit anderer Herkunft vielleicht nicht. Ich werde von der Polizei in der Bahn nicht kontrolliert, die Person drei Reihen vor mir schon, weil sie anders aussieht.

Wir brauchen es so, dass alle Menschen respektiert werden, egal wie sie aussehen. Ein Schritt in diese Richtung ist, dass ich mir klarmache, was das in meinem Leben bewirkt, dass ich weiß bin. Ein zweiter Schritt ist auch etwas dagegen zu tun, wenn ich merke, dass jemand in meinem Umfeld diskriminiert wird. Das ist mein Anteil für eine Welt, in der niemandem die Luft zum Atmen genommen wird und alle frei leben können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33196
23MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Drei zersägte Fahrräder, einige Kilo Stahl und jede Menge Elektronik. Daraus haben Marc und Silas einen Offroad-Rollstuhl zusammengeschweißt. Die beiden Hobby-Ingenieure sind Pfadfinder aus Ulm. Den geländegängigen Rollstuhl haben sie für Christian entwickelt. Christian ist schon lange bei den Pfadis dabei und für die Jugendgruppe war seine Behinderung nie ein Problem. Bis zu einem kräftigen Sommerregen in ihrem letzten Zeltlager. Die Zeltwiese war danach so aufgeweicht, dass Christian mit seinem Rollstuhl mit den dünnen Reifen im Matsch stecken geblieben ist. Für Marc und Silas war klar: „Das passiert Christian nicht noch einmal!“

Sie haben mit ihm zusammen rumgetüftelt, haben sich Tipps von Experten geholt und Spenden organisiert. Ins nächste Sommerlager fährt Christian auf jeden Fall mit seinem Akku-unterstützten Gelände-Rollstuhl, mit breiten Reifen für fast jeden Untergrund.

Für mich ist die Geschichte von Christian, Marc und Silas eine richtige Heilig-Geist-Geschichte. Heute ist Pfingsten und da geht es in den Kirchen um den Heiligen Geist. Und bei ihrem Rollstuhlprojekt war der bestimmt auch dabei. Die drei stecken die Köpfe zusammen und befeuern sich gegenseitig mit ihren Ideen und ihrer Energie. Sie brennen für die Sache und am Ende kommt was Gutes raus.

So stelle ich mir das vor, wenn der Heilige Geist am Werk ist. So als göttliche Kraft zwischen Himmel und Erde, die was bewegen kann. Sie ist dabei, wenn Leute für eine gute Idee Feuer fangen und alles dafür geben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33195