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SWR3 Gedanken

08MAI2021
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„Nie wieder!“ Seit 76 Jahren haben viele sich das geschworen. Denn heute vor 76 Jahren, am 8. Mai 1945 wurde die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht schriftlich festgehalten.

Wir feiern heute den Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Das klingt ja tatsächlich nach „Nie wieder!“. Aber leider ist Deutschland nicht wirklich befreit vom Nationalsozialismus. Auch nach 1945 gab und gibt es Menschen in Deutschland, die nationalsozialistisch denken. Und das heißt: sie glauben, sie seien die wahren Deutschen. Sie denken, Migration würde Deutschland kaputt machen und Jüdinnen und Juden müssten ausgerottet werden. Nationalistisch denken heißt: Homosexuelle hassen und liberales Denken ablehnen.

„Nie wieder!“ ist heute wichtiger denn je. Für mich ist es besonders schlimm, wenn Nazis glauben, ihre Haltung hätte was mit der abendländischen Kultur zu tun oder wäre sogar christlich.

Christlich ist aber, Gottes Gebote zu achten. Und das erste und oberste Gebot lautet: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst“. Und meine Nächsten, das sind nicht die Deutschen mit dem langen Stammbaum. Meine nächsten, das sind die Leute, die ich beim Einkaufen treffe, auf der Straße oder beim Arzt. Die in meiner Straße wohnen oder mit mir S-Bahn fahren. Und da ist es völlig egal, ob ihre Wurzeln in Baden oder in Syrien liegen, ob sie Kopftuch tragen, Kippa oder Basecap, welcher Ton ihre Hautfarbe hat und ob sie schwäbisch oder arabisch oder bulgarisch sprechen.

Ihnen allen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen, darum geht es, wenn wir unser christliches Abendland bewahren wollen. Damit das, was heute vor 76 beendet wurde, nie wieder passiert.  Und ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen das beherzigen.

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07MAI2021
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Schon mit 15 Jahren war für mich klar: Ich werde Pfarrer. Meine Vorbilder waren alle Männer und so wollte ich eben auch Pfarrer werden. Im Studium hat eine Freundin mich dann gefragt, ob ich eine Geschlechtsumwandlung vornehmen will, wenn ich Pfarrer sein will. Ich fand das irgendwie bescheuert. Reicht es nicht, wenn man mich sieht, dass ich eine Frau bin?

Heute sage ich, dass ich Pfarrerin bin. Und ärgere mich, wenn mich jemand Pfarrer nennt. Ich weiß, dass viele das nicht böse meinen oder abwertend. Aber viele verbinden damit: nur wenn ich meinen Beruf so ausübe, wie meine männlichen Kollegen das machen, dann ist es „richtig“. Ich mach es aber auf meine Weise und das ist eben anders als bei Männern. Deshalb ist es mir mittlerweile wichtig. Ich bin Pfarrerin.

Ich weiß, viele ärgern sich über das ständige Gendern. Wenn klar sein soll, dass Männer und Frauen gemeint sind, dann schreibt man mit großem Binnen- I, mit Sternchen oder macht beim Reden eine Pause. Sagt nicht nur Richter, Lehrer, Ingenieure, sondern: RichterInnen. Lehrer_innen. Ingenieure und Ingenieurinnen. Ich finde das wichtig. Um deutlich zu machen, dass unsere Gesellschaft aus Männern UND Frauen besteht. Und, dass beide auf ihre je eigene Weise diese Gesellschaft kompetent mitgestalten.

Als Christin glaube ich schon immer, dass Gott uns als Männer und Frauen geschaffen hat. Mit unterschiedlichen Gaben gesegnet. Und genau so liebt uns Gott. Deshalb freue ich mich, wenn wir heute mehr auf unsere Sprache achten.

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06MAI2021
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Ständig erreichbar sein. In der Arbeit, privat, zu Hause und unterwegs. Telefonkonferenzen, Mails, Messengernachrichten, Whatsapp- Anfragen. Und dauernd muss ich drauf antworten. Es ist, als würde die Welt dröhnen. Mir wird das manchmal zu viel. Ich brauch dann eine Pause. Eine richtige Pause. Funkstille sozusagen. Freunde haben mir erzählt, dass es ihnen ähnlich geht. Und sie haben eine Menge Ideen, wie sie zur Ruhe kommen.

Aufs Rad und ab in den Wald. Wanderschuhe an und hoch auf den Berg. Handy aus und ab in die Badewanne. Sich in eine leere Kirche setzen und beten. Alle Geräte abschalten. Selber abschalten.

Nicht einmal Jesus hat es geschafft, ständig verfügbar zu sein. Nicht einmal er hat das gekonnt. Oder gewollt. Damals gabs zwar kein Handy, aber an jedem Ort, an dem sie waren, da waren Leute. Und alle wollten ihn sehen, hören oder sogar berühren. Das war ihm immer wieder auch zu viel und er hat sich dann zurückgezogen. Ist zum Beispiel allein auf einen Berg gestiegen. Hat dort die Ruhe genossen. Und den Ausblick und das Alleinsein. Alleinsein mit Gott. Mit dem hat er dann geredet und das hat ihm wieder Kraft gegeben für den nächsten Tag. Für die Menschen in seiner Umgebung. Für ihre Sorgen und körperlichen Leiden. Für ihre Sehnsucht, verstanden und geliebt zu werden.

Mir hilft das auch. Mich zurückzuziehen. Mal keine Kontakte zu haben. Nur den zu Gott. Dann finde ich wieder den Kontakt zu mir selber. Dann hab ich wieder Kraft für meinen Alltag.

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05MAI2021
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Mit Fingerfarben den Bauch eines Pferdes anmalen. Seinen warmen Atem spüren oder seine Bewegungen beim Reiten mitmachen. Das erleben die Kinder einer Freundin. Sie dürfen eine Reittherapie machen. Ein Verein macht das möglich.

Meine Freundin hatte Krebs. Und mit dieser Diagnose hat sich ihr Leben total verändert. Und eben auch das Leben ihrer Kinder. Meine Freundin hat Termine und Behandlungen, verschiedene Ärzte schauen nach ihr. Sie ist natürlich trotzdem für ihre Kinder da, aber ihre Krankheit hat den Alltag der Familie verändert. Und das macht was mit den Kindern. Damit sie damit klarkommen, dürfen sie jetzt die Zeit mit den Pferden verbringen. Ich finde das klasse. Dass der Verein sich um die Kinder kümmert und die das machen können.

„Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt, und wenn sie noch so unbedeutend sind, das habt ihr für mich getan“. So hat es Jesus einmal zu seinen Freunden gesagt. Er wollte, dass es allen Menschen gut geht. Nicht nur den Wichtigen. Jesus hat mich damit gelehrt, auch die in den Blick zu nehmen, die man eher mal übersieht. Eben wie die Kinder meiner Freundin. Das muss nicht immer eine Reittherapie sein. Manchmal hilft da schon ein offenes Ohr, die ehrliche Nachfrage, wie es ihnen geht. Weil auch sie wichtig sind.

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04MAI2021
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Verlass deine Familie, hör mit deinem Job auf und folge mir nach. Das hat Jesus so zu Menschen gesagt, die wir heute seine Jünger nennen.  Eine krasse Vorstellung. Alles aufgeben und nur noch auf das hören, was Jesus sagt. Ganz schön radikal.

Jesus war in seinen Forderungen immer wieder radikal. Er hat das auch selbst gelebt. Er hat nichts besessen. Ist umhergereist und hat gepredigt. Er war aber zum Beispiel auch radikal in dem, wie er sich für andere Menschen eingesetzt hat. Er hat sich für das Recht der Schwachen eingesetzt. Für Kranke und Ausgestoßene, für Verurteilte und Einsame. Und er hat Unrecht angeprangert und sich für die eingesetzt, mit denen keiner was zu tun haben wollte.

Ich kann mir das nicht vorstellen. Familie verlassen, Job aufgeben und nur noch auf Jesus hören. Ich will mich aber wie er radikal für andere einsetzen. Für die, die keine Stimme haben in unserer Gesellschaft. Für die Menschen, die vergessen werden. Hier im eigenen Land, aber auch in anderen Ländern. Das geht, indem man sich Zeit für sie nimmt. Oder andere auf Missstände hinweist, die kaum einer mitkriegt. Dafür setze ich aber auch einen Teil meines Geldes ein. Und ich habe schon erlebt, dass das hilft. Immer nur wenigen Menschen. Aber für die hat sich der Einsatz dann schon gelohnt.

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03MAI2021
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„Gibt’s im Himmel bei der Oma auch Corona“? Das hat mich ein siebenjähriges Mädchen gefragt. Ihre Oma war gestorben und sie konnte sie vorher wegen Corona nicht mehr besuchen. Nun war ihre Sorge, dass es der Oma im Himmel gar nicht gut geht und dass sie da auch Abstand halten muss. Zum Opa zum Beispiel. Und den anderen, die sie da wieder trifft.

Wenn ich eine Beerdigung halte, dann merke ich, wie schwierig derzeit das mit dem Abschied nehmen ist.  Familienmitglieder dürfen sich am Grab nicht umarmen. Manche können auch gar nicht kommen, weil sie zum Beispiel im Ausland leben und nicht einreisen dürfen. Nach der Beerdigung dürfen sie nicht zusammensitzen und nochmal über das Leben des geliebten Menschen sprechen. Zum Verlust kommt noch der Schmerz dazu, dass so vieles fehlt.

In der Bibel gibt es so etwas wie eine Anleitung zum Trauern. Sie ist über 2000 Jahre alt und lautet: „Mein Kind, wenn einer stirbt, so beweine ihn und klage wie einer, dem großes Leid geschehen ist. […] Du sollst bitterlich weinen und von Herzen betrübt sein. Halte die Trauerklage […]; dann tröste dich, damit du nicht allezeit traurig bleibst. Denn …die Traurigkeit des Herzens schwächt die Kraft.“

Vielleicht müssen wir das wieder neu lernen. Sich in der Trauer nicht zusammenreißen, sondern zu klagen und zwar richtig. Vielleicht auch den Kummer und Schmerz in die Welt hinausschreien. Und dann ganz bewusst wegkommen vom Trauern. Weil Trauern auf Dauer schwach macht.

Ich glaube da ist was dran. Dass man richtig weinen muss, um wieder das Schöne sehen zu können, das man gemeinsam erlebt. Mir hilft das. Und mir hilft es, daran zu glauben: der geliebte Mensch ist jetzt bei Gott geborgen. Und da gibt es definitiv keine Pandemie und keine AHA-Regel mehr.

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02MAI2021
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Dasein für jemanden. Das ist total wichtig. Besonders dann, wenn es gerade nicht so läuft im Leben. Ich hab das so mit einer Freundin erlebt. Vor zwei Jahren haben wir uns kennen gelernt. Es war ein lustiger, unbeschwerter Abend. Und kurze Zeit später hat sie die Diagnose Brustkrebs bekommen. Für sie war da erstmal nichts mehr wie davor. Für mich war klar, ich will für sie da sein. Wenn möglich helfen. Mit dem Helfen ist das aber nicht so leicht. Mir hat ein Rat geholfen, den ich in der Bibel gefunden hab. Der Apostel Paulus hat mal gesagt: „Weint mit den Weinenden und freut euch mit den Fröhlichen“. Für mich heißt das: ich höre erstmal zu. Versuche nicht, vorschnell irgendwie zu „trösten“.  Sowas wie. „Das wird schon“, „Sei stark“ oder „Andere haben das auch schon geschafft“, das hilft halt nicht, wenn man grad selbst drin steckt. Spüren, dass jemand einfach nur da ist und dableibt, schon eher. Das aber ist nicht so einfach wie es scheint, wenn man helfen und trösten will.

Aber genau das war es, was ihr wichtig war- und mir. Oft haben wir aber auch über andere Dinge geredet. Nicht über die Krankheit und die Sorgen. Wir haben auch miteinander gelacht und über anderes gesprochen. Das tat gut. Uns beiden. Im Krankenhaus haben wir mal einen ganzen Abend lang über Gott und die Welt geredet. Pizza gegessen und darüber total die Zeit vergessen. „Weint mit den Weinenden und freut euch mit den Fröhlichen“. Für meine Freundin und mich war das eine Erfahrung, die uns beiden gut getan hat. Und bis heute lachen und weinen wir miteinander. Da hatte Paulus echt einen guten Rat.

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