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SWR3 Gedanken

17APR2021
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„Leben im Sterben“. Kein ganz leichtes Thema für eine Aktion. Aber das ist es eigentlich nie, wenn die beiden großen Kirchen die „Woche für das Leben“ ausrufen. Heute beginnt sie wieder und wie jedes Jahr steht ein Aspekt des Lebens besonders im Mittelpunkt. Dabei gehört das Sterben zu den Themen, die wir ja gerne ganz weit von uns wegschieben. Trotzdem hab ich gemerkt, dass ich im vergangen Jahr öfter darüber nachgedacht habe als vorher. Vielleicht, weil es durch die Pandemie einfach präsenter ist als sonst. Weil auch Menschen in meinem Alter urplötzlich schwer erkrankt und verstorben sind. Und manche von ihnen unter Umständen, die sich wahrscheinlich niemand wünscht. Isoliert, manchmal allein, an Maschinen angeschlossen. Das macht schon nachdenklich.

Zum Glück weiß ich nicht, was mich noch alles erwartet. Aber ich weiß nun deutlicher, was ich mir wünsche. Dass ich, wenn ich mal schwer krank werde, mein Leben trotzdem annehmen kann und leben darf bis zum allerletzten Tag. Mit moderner Palliativbetreuung, die Schmerzen und Beschwerden erträglich macht und mit Menschen an meiner Seite, die den Weg mit mir gehen bis zum Schluss. Das geht heute zum Glück immer öfter.

Auf die Frage, worüber die Menschen, die er auf der Palliativstation besucht, mit ihm sprechen hat mir ein Klinikpfarrer mal gesagt: Über das Leben und das ist das Schöne. Weil, diese Menschen leben ja und sie wollen leben und sie leben bis zuletzt.Und genau das wünsche ich mir auch.

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16APR2021
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Es werden jedes Jahr mehr. Inzwischen, so sagt das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, sind 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Ein Prozent der Menschheit. Weil sie verfolgt werden, unter Kriegen oder Armut leiden. Der allergrößte Teil davon kommt nie nach Europa. Als Binnenflüchtlinge bleiben sie in ihrem Land oder müssen in riesigen Camps in den Nachbarländern sehen, wie sie durchkommen.  Von ihrer verzweifelten Lage erfahren wir hier nur wenig. Doch die Not wird größer. Wenn Kinder nicht genug zu Essen bekommen. Eltern nicht wissen, was aus ihrer Familie werden soll. Oft über viele Jahre und ohne Perspektive. Um diesen vergessenen Menschen aber vor Ort helfen zu können braucht es Geld. Ganz viel Geld.

Eine Jugendaktion im Bistum Trier hat sich deshalb zusammen mit Caritas International etwas einfallen lassen. Ein Konzert im Internet, performt von über 25 Künstlerinnen und Künstlern. Stars wie Tom Gregory, die Höhner und Peter Maffay sind dabei, aber auch weniger bekannte Bands, Chöre und Singer-Songwriter. Heute in einer Woche findet es statt. "European Solidarity Challenge" haben sie es genannt. Den europäischen Solidaritätswettbewerb also für Menschen, die sich selber nicht mehr helfen können. Eine Chance, Kultur zu erleben, Musik zu hören und dabei auch noch was Gutes zu tun. Tolle Idee. Zusehen und zuhören kann nächsten Freitag jeder auf der Website von Caritas International und – wenn man will – auch gleich was spenden.

 

www.caritas-international.de/challenge2021

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15APR2021
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Wie geht es dir? Immer wieder mal werde ich das gefragt, wenn ich einen Bekannten oder eine Bekannte treffe, die ich eine Zeit lang nicht gesehen habe. Die Standardantwort lautet: Danke, gut! Auch dann, wenn das so nicht unbedingt stimmt. Aber so haben sich alle weiteren Fragen nach Körper- und Seelenzustand meistens schnell erledigt. Denn jammern und dafür bedauert werden will ich auf keinen Fall. In letzter Zeit allerdings antworte ich öfter mal „Den Umständen entsprechend“. Und das zieht dann schon mal Fragen nach sich. Bist du etwa krank? Geht´s dir nicht so gut?

Nein, krank bin ich nicht. Aber gut geht es mir halt auch nicht immer. Weil mir im endlosen Lockdown gerade wieder die Decke auf den Kopf fällt. Weil ich überarbeitet in meinem Homeoffice sitze, oder aus welchen Gründen auch immer.

Und wenn mich ein Mensch fragt, der mir wichtig ist, dann will ich eben auch nicht lügen. Denn auch ich würde mir auf diese Frage von ihm ja eine ehrliche Antwort wünschen. Weil es mich dann wirklich interessiert, wie es ihm oder ihr geht. Besonders dann, wenn es gerade nicht so dolle läuft.

Vor Jahren hat mal jemand eine Einladung abgelehnt mit den Worten „Ich will mich euch nicht zumuten“. Der Satz hat mich noch lange beschäftigt. Mich einem anderen mit meinen Sorgen zumuten zu dürfen und mir auch seine Sorgen zuzumuten. Das ist vielleicht der Punkt, an dem aus Nähe wirklich Freundschaft werden kann.

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14APR2021
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Was für eine abgefahrene Idee? Eine Zwitscherbox hab ich kürzlich in einem Shop gesehen. Ein buntes Kästchen, das ich mir an die Wand hängen kann und das anfängt zu zwitschern, sobald ich den Raum betrete. Fröhliches Vogelgezwitscher vom digitalen Speicherchip. Weil Vogelgesang den meisten von uns einfach gut tut, entspannt, die Stimmung aufhellt. Vor allem jetzt, wo wir das vielleicht besonders dringend brauchen.

Trotzdem macht mich so eine Idee auch ein bisschen traurig. Weil die echten Singvögel schon seit Jahren weniger werden und weil es zubetonierte Wohnorte gibt, an denen mittlerweile kaum noch welche leben. Ich habe das große Glück, dass ich nur mein Fenster öffnen muss, wenn ich Vogelgezwitscher hören möchte. Weil die Gärten hinter unserem Haus jetzt voller Vögel sind, die in diesen Tagen an einem sonnigen Morgen so laut singen, dass Verschlafen eigentlich kaum möglich ist. Das beste aber wäre es, den echten Vögeln überall in unseren Städten und Wohngebieten einfach wieder genug Platz zum Leben zu geben. Mit Hecken, Wiesen und Gärten, in denen es genug Insekten und Beeren als Nahrung gibt. Und mit Bäumen, zwischen deren Ästen sie ihren Nachwuchs aufziehen können. Und bis das überall wieder möglich ist, darfs natürlich auch eine digitale Zwitscherbox sein. Damit wir nicht vergessen, wie toll das sein kann mit echten Vögeln. Quicklebendig, live und ganz umsonst. Leben mit der Schöpfung macht einfach glücklich.

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13APR2021
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Schon 60 Prozent in Großbritannien, 30 Prozent in den USA! Und wir? Ständig höre ich das. Höre die Wut über eine vermeintlich unfähige Regierung, die es einfach nicht hinkriegt mit dem schnellen Impfen gegen das Virus. Was ich fast nie höre ist Wut über die ungerechte Verteilung des Impfstoffs weltweit. Wut darüber, dass der rettende Impfstoff in den ärmsten Ländern der Erde bisher nur in homöopathischen Dosen und im schlimmsten Fall noch gar nicht angekommen ist. Wut darüber, dass es für die Ärmsten der Armen wohl noch bis 2024 dauern könnte. Dabei hat die Weltgesundheitsorganisation die Staaten schon vor Monaten gewarnt, dass die Seuche auch bei uns erst dann vorbei sein wird, wenn sie überall auf der Welt vorbei ist. Interessiert hat das in der öffentlichen Diskussion bisher kaum.

Solidarität ist aber ein christliches Grundprinzip und sie sollte ein entscheidender Maßstab sein für Gesellschaften, die sich so gerne auf das christliche Menschenbild berufen. Die Solidarität mit Schwachen und Armen ist auch kein Schönwetterprinzip, das nur dann gilt, wenn es keinem mehr wehtut. Sie gilt immer. Auch dann, wenn sie ungelegen kommt und mich etwas kostet. Denn letztlich nützt sie uns allen.

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12APR2021
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Nach fast 20 Jahren ist Schluss. „Um Himmels Willen“ wird eingestellt. Die ARD-Serie mit Geschichten rund um ein Kloster mit pfiffigen Nonnen und einen schrägen Bürgermeister. Mit leichter Unterhaltung hatte das viel zu tun, mit der Wirklichkeit in einem Kloster meistens weniger. Den Machern schien die Geschichte aber nun wohl weitgehend auserzählt. So nennt man das, wenn alle interessanten Aspekte irgendwie schon mal erzählt worden sind. Wenn es keine echte Weiterentwicklung mehr bei den Filmfiguren gibt. Kurz, wenn etwas langweilig zu werden droht.

Und dann frage ich mich immer wieder, ob das nicht manchmal ist wie im richtigen Leben. Dass auch da etwas „auserzählt“ ist. Weil nichts Neues mehr passiert. Weil es scheinbar keine Weiterentwicklung mehr gibt. Weil gefühlter Stillstand herrscht, ich mich in Routinen verloren habe, in der ständigen Wiederholung des ewig Selben. Wenn ich nicht will, dass mein Leben scheinbar auserzählt und zur öden Routine geworden ist, muss ich was machen. So, wie die Fernsehleute auch. Sobald das wieder geht muss ich mich aufmachen, neue Geschichten suchen. An Orten etwa, an denen ich noch nicht war und mit Menschen, die ich neu kennenlerne. Das fordert heraus, kann auch anstrengend sein. Aber es lohnt immer. Und es ist vielleicht die beste Möglichkeit, mein Leben reich und lebendig zu halten. Auserzählt ist mein Leben eigentlich nie.

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11APR2021
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„Das wär aber echt nicht nötig gewesen.“ Vor ein paar Wochen noch habe ich selber diesen Satz gesagt. Als mir jemand eine Flasche Wein in die Hand drückte. Einfach so. Ich war überrascht. Denn gerechnet hatte ich damit überhaupt nicht, ich hatte einfach nur meinen Job gemacht. Gefreut hab ich mich trotzdem. Denn beschenkt werden, einfach so und unerwartet, ist ja immer wie Balsam für die Seele. Trotzdem: „Das wäre jetzt echt nicht nötig gewesen.“

Doch vielleicht stimmt das ja nur vordergründig. In Wahrheit ist es wahrscheinlich sogar dringend nötig. „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein“, weiß schon die Bibel. Und auch nicht nur vom Geld, könnte man dazusetzen. Letztlich kann kaum einer leben ohne Anerkennung. Ohne zumindest hin und wieder so was wie Wertschätzung durch andere zu erleben. Und da sind der Phantasie ja kaum Grenzen gesetzt. Das kann der Geldschein sein, den ich für die freundliche Bedienung im Restaurant dalasse. Die Süßigkeiten für die Helferin beim Umzug. Doch das Allerwichtigste ist und bleibt wohl ein liebevolles Wort. Weil für einen Menschen, der gelobt wird, dessen Einsatz ehrlich wertgeschätzt wird, fast immer ein bisschen die Sonne aufgeht. Und das, scheint mir, passiert viel zu selten, weil zu vieles selbstverständlich erscheint. Ist doch nicht nötig. Doch, ist es, unbedingt

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