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SWR3 Gedanken

03APR2021
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„Glaubst du das echt?“  Wenn ich mit Leuten rede, die einen lieben Menschen verloren haben, dann werde ich das immer wieder gefragt. Ob ich das echt glaube mit dem Leben nach dem Tod, dem Wiedersehen bei Gott. Und ja, ich glaube das. Wie das genau wird – da muss ich natürlich auch passen. Aber ich glaube: Mit dem Tod ist nicht alles vorbei. Und genau das feiere ich an Ostern. Deshalb ist mir dieses Fest so wichtig. So heilig. Nicht nur an diesem Wochenende.

Sondern immer auch dann, wenn ich vor Entscheidungen stehe und mich die Frage beschäftigt: Was zählt wirklich, was bleibt, wenn wir mal von dieser Welt gehen? Hinein in diesen „anderen Raum“, wie Michelangelo es so schön gesagt hat.

Und heilig ist mir die Osterhoffnung auch immer dann, wenn ich an meine eigenen Grenzen komme. Wenn ich am Grab einer Freundin stehe, die viel zu früh gegangen ist. Wenn ich sie vermisse. Und wenn ich auf ihrem Grab Frühlingsblumen sehe, die mich daran erinnern, dass das Leben siegt und wir uns  irgendwann wiedersehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32890
02APR2021
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Wo ist Gott am Karfreitag 2021? Eine Frage, die mich gerade umtreibt. Ich kann darauf keine einfache Antwort finden. Aber ich denke an ein Gespräch zurück, das ich vor einigen Jahren mit Margot Käßmann, der ehemaligen Vorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, hatte. Ich habe sie damals gefragt: Wo ist Gott am Karfreitag? Und sie sagte: bei den Menschen in Syrien, im Jemen, an den Sterbebetten in Deutschland.* Ich glaube auch heute ist Gott genau da. Und mir fallen noch weitere Menschen ein, von denen ich glaube, dass Gott ganz besonders bei Ihnen ist:

 Ich glaube der einsame Jesus am Kreuz, an den Christen heute weltweit erinnern, ist bei denen, die einsam in ihrer Wohnung sitzen, denen die Decke auf den Kopf fällt. Der geschlagene und misshandelte Jesus ist bei den Opfern von sexuellem Missbrauch, der viel zu oft auch von Mitarbeitern der Kirche verübt und vertuscht wurde. Und der von oben herab behandelte und verachtete Jesus ist bei denen, die es als Schlag ins Gesicht empfinden, dass die Glaubenskongregation in Rom sagt: Kein Segen für gleichgeschlechtliche Paare, die sich lieben.  Ich – und sehr viele Seelsorgerinnen und Seelsorger meiner katholischen Kirche – glauben an einen Gott der Segen hat für jedes seiner Geschöpfe, völlig unabhängig von der sexuellen Orientierung.

Und deshalb glaube ich nicht an einen Gott, der will dass wir leiden. Zu dem ich aber ganz anders  beten kann, weil ich weiß: Leid, Schmerz, Verrat – das alles hat  Gott erlebt, am Karfreitag. Und ich glaube mein Gott durchlebt es heute wieder – mit so vielen Menschen, die er in ihrem Leid nicht alleine lässt.

 

*vgl.  https://www.kirche-im-swr.de/?page=beitraege&id=28493

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32889
01APR2021
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Seit genau einem Jahr gehe ich jede Woche Donnerstagsabends in die AnsprechBar*. Ich hab dort schon über 120 junge Leute zwischen 20 und 40 Jahren kennengelernt. Mit meinem Lieblingsgetränk angestoßen – und bis tief in die Nacht erzählt, gelacht und gefeiert.  Nein, ich bin kein Coronaleugner: Das alles mache ich alleine zu Hause auf meiner Couch, vor meinem Bildschirm, der mich in einer Videokonferenz mit den anderen in der AnsprechBar verbindet. Ein offener, digitaler Treff, der seit dem ersten Lockdown schon über 50 Mal stattgefunden hat.

 Mit jungen evangelischen und katholischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern haben wir unser Angebot ins Netz verlegt – früher war das Team der AnsprechBar in Bars unterwegs, auf Festivals oder in Cafes. Hat Menschen, zusammengebracht, die Lust auf Sinnfragen und Gemeinschaft haben. Wegen Corona machen wir das nun im Internet.  Und so tragen wir uns gemeinsam durch diese auch für junge Menschen enorm anstrengende Zeit: Soziale Gemeinschaft in Zeiten eines asozialen Virus.

Die italienische Ballettänzerin zum Beispiel, die während Corona in eine deutsche Stadt zog und bisher vor leeren Rängen übt, keine Menschenseele kennenlernen konnte und uns mit ihrem „Buona sera“ die Seele streichelt, weil es uns an den wunderbaren Toskanaurlaub erinnert. Oder die vielen jungen Studierenden und Arbeitnehmer, die im Home-Office sitzen, denen die Decke auf den Kopf fällt. Wir haben zusammen Advent gefeiert und uns an Weiberfastnacht als Krümelmonster oder Cowboy zugewunken.  Buchtipps ausgetauscht und mit Gästen über Seenotrettung oder Pilgern diskutiert. Und immer steht am Anfang die spannende Frage im Raum: „Wer ist heute Abend mit dabei?“ Auch das ist Kirche. Digital, jung und ganz persönlich. Eben AnsprechBar.

 

*alle Infos auf www.ansprech-bar.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32888
31MRZ2021
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Geschäftemacherei im Vorhof des Tempels, das geht für Jesus gar nicht. Er ist stinksauer und räumt auf, stößt die Tische der Händler und Geldwechsler um, die im Tempelbezirk Geschäfte machen wollen. So berichtet es die Bibel aus der letzten Woche im Leben von Jesus Christus.

Der aktuelle Passionsfilm „Das neue Evangelium“ von Milo Rau zeigt die Szene so: Jesus ist ein aus Kamerun stammender Erntehelfer, der im Süden Italiens beim Tomaten pflücken ausgebeutet wird. Wie ein Sklave. Und deshalb randaliert er im Film in einem Supermarkt. Schmeißt die Regale um, in denen genau diese Tomaten zu Dumpingpreisen lagern. Sie kullern auf den Boden und er zertrampelt sie in seiner Wut über den Geiz und die Gier von Menschen, die andere unterdrücken.

Jesus wird in dem Film von Yvan Sagnet gespielt. Der ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Aktivist, ausgezeichnet mit dem Verdienstorden der italienischen Republik. Weil er voranging beim allerersten Streik, den Feldarbeiter mit Migrationshintergrund in Italien organisierten. Für bessere Arbeitsbedingungen. Und er ist gläubiger Christ, der das Evangelium ernst nimmt – nicht als Historiendrama, sondern als Botschaft für uns heute. Er sagt: „ Das Drehen war auch eine politische Aktion, ein Protest gegen das Wirtschaftssystem, das Ungleichheit zwischen Menschen und Völkern schafft. Für Gott gibt es keine Einwanderer, keine Menschen ohne Papiere, keine Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder eines Passes.“ [...] „Gott liebt. Er ist meine Inspiration. Gott belebt das Gute in mir.“*

Ich glaube: Das Gute sorgt dann dafür, dass Menschen nicht gleichgültig wegschauen, wenn Geiz und Gier über die Würde von Menschen gestellt werden.  Sondern dass sie darüber stinksauer werden und sich dafür einsetzen, dass alle Menschen gut leben können.

*Aus: Süddeutsche Zeitung Magazin, Nummer 49, 4.12.2020, Yvan Sagnet im Interview (digitale Ausgabe ohne Seitenzahl).

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32887
30MRZ2021
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6 Jahre ist Charlotte alt. Sie versteht nicht, warum beim Kaufhaus Uhlfelder in München die Scheiben eingeschlagen sind. Und warum die Synagoge, gegenüber ihrer Schule voller Rauch steht. Sie muss weinen. Der Vater zieht sie weg, denn die anderen Menschen die dort auf der Straße stehen, sagen nichts. Charlotte aber sagt einen einzigen Satz, hat eine einzige Frage: „Wieso kommt denn eigentlich die Feuerwehr nicht?“*

Als mir Charlotte Knobloch diese Szene aus ihrer Kindheit am Tag nach der Reichspogromnacht schildert, bin ich sprachlos. „Wieso kommt denn eigentlich die Feuerwehr nicht?“ Und wieso sagt niemand was, als Synagoge und Geschäfte jüdischer Menschen in Flammen stehen.

2021 feiern wir  1700 Jahre jüdisches Lebens in Deutschland, Ich  muss dabei an meine Begegnung mit Charlotte Knobloch denken. Denn es ist für mich die allererste Begegnung mit einem jüdischen Menschen überhaupt. Und es ist für mich auch eine Begegnung mit meinem eigenen Glauben – denn in dem Gespräch mit der gläubigen Jüdin Charlotte Knobloch spüre ich so viel gemeinsame Wurzeln, so viel gemeinsames Vertrauen in jenen Gott, der Schöpfer alles Lebendigen ist. Der uns mit den Zehn Geboten und den Worten der Propheten gezeigt hat, wie wir miteinander leben sollen.

 „Wieso kommt denn eigentlich die Feuerwehr nicht?“Diese Frage bleibt eine Mahnung, wo Menschengruppen zu Sündenböcken gemacht werden. Wo Gesellschaft gespalten werden soll. Da gilt es die kleinen und großen Schwelbrände des Hasses direkt im Alltag zu löschen – mit Mut und Zivilcourage .Damit Menschen, die diskriminiert werden, nicht alleine da stehen und keiner drum herum sagt etwas. Und damit niemand mehr fragen muss: „Wieso kommt denn eigentlich die Feuerwehr nicht?“

 

*Quelle: https://www.kirche-im-swr.de/?page=beitraege&id=27622

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32886
29MRZ2021
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„Hey, bei mir ist gerade alles zu viel“. Sätze wie diesen lesen Mitarbeiter von Krisenchat.de  jeden Tag ganz oft.*  Krisenchat ist ein Hilfsangebot für Kinder und Jugendliche. Und zwar auf dem Gerät, mit dem junge Menschen ohnehin bestens vertraut sind: dem Handy. Sozusagen Telefonseelsorge als Chat. Und deshalb ist die Hemmschwelle hier viel kleiner, über eigene Probleme und Krisen zu kommunizieren. Auf Sätze wie „Hey bei mir ist gerade alles zu viel“ antwortet dann einer von über 200 professionell ausgebildeten Ehrenamtlichen. Das sind Psychologinnen oder Sozialarbeiter. Und das rund um die Uhr. Eine geniale Idee, finde ich. Sie stammt von dem 19-Jährigen Kai Lanz und seinen Mitstreitern aus Berlin. Die merkten zu Beginn der Pandemie vor ungefähr einem Jahr, dass auch junge Menschen Hilfe brauchen, die selten zum Hörer greifen, um ihre Probleme zu besprechen. Aber sie schreiben – und das je länger Corona dauert immer häufiger: über Einsamkeit und Liebeskummer, über Ängste, Prüfungsstress und auch wenn häusliche Gewalt droht. Das Team von Krisenchat.de hilft dann weiter – es kann und will keine langfristige Therapie ersetzen. Aber die jungen Menschen werden ernst genommen in ihrer Krise. Und sie werden begleitet – wenn es nötig ist auch hin zum nächsten Schritt, um wieder seelisch gesund zu werden. Das Beispiel von Kai Lanz zeigt mir, was einzelne Menschen aus der Zivilgesellschaft erreichen können, wenn sie der Krise mit kreativen Ideen begegnen. Es zeigt mir: Wenn wir füreinander da bleiben, uns zuhören und immer wieder fragen: „Was kann  ich gerade für dich tun?“, dann kommen wir alle gemeinsam besser durch diese Krisenzeit.

*Alle Infos auf  https://krisenchat.de/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32885
28MRZ2021
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Dennis und Patrick Weinert sind Brüder. Sie nennen sich „Weinert Brothers“ und wollen als Fotografen und Filmemacher  Menschen ein Gesicht geben, die sonst niemand sieht und hört. Dafür reisen sie nun schon seit Jahren in vergessene Krisengebiete rund um den Globus: In die Zentralafrikanische Republik. Oder in das weltweit größte Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesch.  Ganz wichtig ist ihnen dabei: Die Menschen, auf die sie dort treffen, nicht nur als hilflose Opfer abzubilden. Sondern als Menschen, von deren Stärke man lernen kann.

Weil diese Menschen eine unfassbare Resilienz entwickeln – also eine Kraft, die sie jeden Morgen neu anfangen lässt– trotz widrigster Umstände. Das hat die Weinert Brothers tief beeindruckt und ihre Perspektive verändert.  Natürlich dokumentieren Dennis und Patrick auch das unfassbare Elend –die Rohingya in Bangladesch, die alles verloren haben und deren Zelte im Schlamm des Flüchtlingslagers zu versinken drohen. Aber ebenso einen jungen Rohingya, der, selbst knietief im Schlamm steckend, einen noch kraftloseren Menschen auf seinem Rücken durch diesen Morast trägt. Für mich eine moderne Version des barmherzigen Samariters aus der Bibel, ein Foto gelebter Nächstenliebe.

Viele Fotos von Dennis und Patrick zeigen welchen Mut, welche Menschlichkeit so viele tagtäglich aufbringen, indem sie aufstehen und an eine bessere Zukunft glauben. Indem sie sich und andere nicht aufgeben. Auch unter schwierigsten Bedingungen. Und deshalb sind auch die „ Weinert Brothers“ für mich zwei ganz moderne, barmherzige Brüder, zwei moderne barmherzige Samariter, die zeigen: Wir können auf dieser Welt auch anders, wir können auch  menschlich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32884