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SWR3 Gedanken

27MRZ2021
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Ich mag ja eigentlich keine Hunde, die stinken nach Hund, kacken überall hin, im Zweifelsfall springen sie einen an, bellen, beißen.
Man kriegt Angst, die Jacke ist dreckig oder schlimmer: der neue Pullover zerrissen.
Und jetzt haben auf einmal alle einen Hund, selbst die besten Freunde. Jetzt könnte man sagen: Wer braucht Freunde? Aber ich brauch Freunde!

Was bleibt mir also übrig als gute Miene zum bösen Spiel. Ich mache Blödsinn mit dem Hund, kraul ihn und geh mit ihm spazieren. Spazieren geht man eh in dieser Zeit. Was macht der Hund? Der adoptiert mich, kuschelt, stubst mich an, hüpft mir auf den Schoß, will mit mir tanzen. Und läuft im Wald erstaunlich zuverlässig geworfenen Stöckchen hinterher.
Nun denn. Dann ist eben dieser Hund nicht wie alle Hunde, sondern ein ganz besonderes Individuum.

Also könnte ich sagen: Ich mag diesen Hund, weil er ganz besonders ist.
Er ist auch wirklich sehr schön und stinkt selten und niedlich ist er auch. Oder vielleicht mag ich ihn, weil er mich mag. So ist es ja irgendwie auch mit den Leuten. Wenn sie einen adoptieren und freundlich anstubsen. Dann ist das inmitten der Einsamkeit etwas Wunderbares. Ganz besondere Menschen, die einen gernhaben und immer wieder anstubsen.

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26MRZ2021
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Ein Bild geht mir nicht aus dem Kopf: Eine alte Frau sitzt auf einer Schaukel, Kinder schubsen sie an. Tarzanschaukel im Wald. Buschwindröschen blühen am Bachlauf. Der Hund bellt irritiert. Es sieht aus, als würde die alte Dame fliegen. Wolkenfetzen am leuchtendblauen Wind zersausten Himmel.

Ich will sofort auch schaukeln, fliegen. Klar, gehört sich nicht: Schaukeln sind für Kinder gemacht. Die Kette könnte reißen: Die Alte könnte runterfallen. Sich alle Knochen brechen.
Aber ein Lachen macht sich breit im Wald, zwischen Bäumen und Vogelgezwitscher, in mir.

Ein Spielraum entsteht. Eine tut, was sich nicht gehört. Nichts brauch ich mehr in diesen Tagen als Spielräume. Das nächste Mal geh ich auch schaukeln. Bestimmt. Ich trau mich. Fliegen - direkt in den Himmel.

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25MRZ2021
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Die KITA-Leiterin stöhnt als ich sie frage, ob sie inzwischen geimpft ist.  So viel Lebenszeit vergeudet in der Hotline und auf der Homepage der Impftermine.  Ebenso die Frau in der Gemeinde, die lauter Vorerkrankungen hat:
Absurde Geschichten erzählen manche, die versucht haben, sich impfen zu lassen und dann weggeschickt wurden, weil die Berechtigung nicht hinlänglich gewesen sei, der falsche Impfstoff über die Homepage zugeordnet wurde und so weiter.


Dadaistischer Regulierungswahn sorgt dafür, dass hunderttausende Impfdosen in Kühlschränken lagern, während hunderttausende Personen keinen Impftermin bekommen.
Ich kenne so viele Leute, die gerne endlich mit AstraZeneca geimpft werden wollen, aber dauernd wird in den Medien darüber berichtet wie unbeliebt der Impfstoff sei. Ich bin genervt. – Obwohl:
Ich gehöre ja zu denen, die es glücklich geschafft haben schon einmal geimpft zu sein.
Weil ich Lehrerin bin und vorerkrankt, mit Astra Zeneca. Dann telefoniere ich mit einer Freundin. Sie erklärt mir: ‚Du bist doch die Pfarrerin! Jetzt sei doch mal dankbar!
Es ist doch ein Wunder, dass wir überhaupt schon einen Impfstoff haben.
Und es ist doch gut, dass die in den USA und in England viel impfen, da war die Situation so dramatisch und überhaupt, wer hätte gedacht, dass die Wissenschaftler das hinkriegen mit dem Impfstoff, so schnell. Und wenn wir nicht die ganze Welt impfen, bleibt das eh sinnlos.‘

Ich stecke irgendwie fest mit meinem geplatzten Kragen. Stecke fest mit dem Vorsatz dankbar zu sein. Ich übe das. Und dann platzt er wieder, der Kragen. Und ich merke: wenn ich wütend bin, fühle ich mich wenigstens nicht so ohnmächtig.
Ich glaube, es braucht den geplatzten Kragen, es braucht Wut, um zu überleben – und ja: Wir werden wieder leben, so richtig! darauf vertraue ich – der geplatzte Kragen hilft.

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24MRZ2021
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Studierende – die wollen doch nur Party machen. Die sind doch fein raus mit ihrer digitalen Kompetenz in dieser Zeit oder? Eine große Gruppe Studierende hat sich jetzt zusammengeschlossen. Unter dem Titel #13 Seiten erklären sie, warum es für Studierende fast nicht zu ertragen ist, dass in den Öffnungsdiskussionen irgendwie alle eine Rolle spielen: Friseur, Blumenladen, Museum, Wirtschaft, Kultur.
Fast alle nur sie nicht: Studierende, ihre Universitäten, ihre Bibliotheken, die Seminare und Praktika. Studierende haben Verständnis. Sie wissen, ihre Altersgruppe ist wenig belastet von der Krankheit. Dennoch sie kommen an ihre Grenzen.

In dem Brief heißt es:
„Ich habe meine Uni noch nie von innen gesehen. Meinen Kommilitonen begegne ich statt in Kaffeepausen oder Lerngruppen nur in Bildschirmkacheln. Am Anfang war ich motiviert. So langsam werde ich müde. Für manche Vorlesung verlasse ich nicht mal mehr das Bett, brauche ich ja nicht. Vielleicht funktioniert die digitale Uni kurzfristig, aber eine Dauerlösung ist sie nicht.“ Psychologische Beratungsstellen warnen, dass immer mehr junge Menschen an Depressionen oder Burnout leiden. Die Einsamkeit macht ihnen zu schaffen und dass die neue Lebensphase sich so tot anfühlt.
Statt flirten und neue Freunde, Tage hinter dem Computer. Nie vor die Tür gehen. Manche vergessen zu essen, andere kommen finanziell an Grenzen, es gibt kaum Jobs. Keine Rebellion. Nur eine Bitte, bescheiden, fast traurig: #13 Seiten: ‚Vergesst uns nicht!‘

https://13seitenohneuns.wordpress.com/

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23MRZ2021
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Eine Krankenschwester berichtet: Bei uns auf Intensivstation liegen nur noch Leute mit Migrationshintergrund.
Sofort schreibt eine Zeitung: DIE sind es, die Migranten, die die Infektion weitertragen.
Die sind schuld, weil sie es nicht verstehen, wie man sich richtig benimmt oder weil sie einfach nicht richtig aufpassen.
Interessant ist aber: in Deutschland gibt es gar keine Statistik dazu, wer sich eigentlich infiziert und wie schwer.
Höchstwahrscheinlich ist es wie in den USA oder wie in Großbritannien, da gibt es Untersuchungen, die zeigen:
Menschen, die weniger Geld haben, infizieren sich leichter, die in kleinen Wohnungen mit vielen Personen leben; Menschen, die nicht im Homeoffice arbeiten können.
Die ihre Kinder in die Kita-Notbetreuung bringen müssen, weil sie sonst kein Geld haben zum Überleben; Leute, die als Busfahrer*innen, Pflegende, oder an der Kasse arbeiten.

Sie alle infizieren sich leichter, einfach weil sie sich nicht in Sicherheit bringen können.
In den USA sind das häufig Afroamerikaner, Latinos, und Indigene.
Bei uns: Menschen mit Migrationshintergrund.
Sie sind also weniger geschützt und deswegen häufiger krank.
Sie sind also nicht Antreiber der Pandemie, sondern Opfer eines ungerechten Systems.
Außerdem werden sie schlechter versorgt in unserem Gesundheitssystem, und sind häufig weniger gut ernährt.
Wenn sie krank werden, ist der Covid-Verlauf häufig schwerer. Was für ein Zynismus also, sie als die Schuldigen zu erklären!
Ich würde mir wünschen, dass wir anders mit denen umgehen, die bei uns an vielen Stellen den Kopf hinhalten, damit die Grundversorgung funktioniert, ganz egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Und dass für alle gilt: wer in Not ist, dem wird keine Schuld zu geschoben, dem wird ohne jede Frage geholfen!

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22MRZ2021
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Wer den Sinn von Regeln nicht versteht, kann sie nicht einhalten – ich jedenfalls kann das nicht. Manche behaupten Leute mit Migrationshintergrund, die verstehen die Regeln nicht. Die AHA-aL-Regeln und angeblich machen die deswegen alles was man nicht soll.

Ich telefoniere mit einer Freundin, sie ist Kommunikationsberaterin. Und wir grübeln gemeinsam 10 Minuten, bis wir alles rausgefunden haben:
Also: A sind Alltagsmasken, die man jetzt eigentlich nicht mehr benutzen darf, sondern nur den Medizinischen Mund Nasen Schutz. H ist Hygiene oder Hände waschen. Das zweite A ist das einfachste: Abstand halten. Dann aber das dritte A, die App fällt mir endlich ein. Und L – richtig: Lüften.

Mal ehrlich, hätten Sie das ohne nachdenken aufsagen können? Und warum gehört zu den Regeln nicht auch T wie Testen, wenn ich die alten Damen in der Gemeinde besuchen will? Oder I wie Impfen, wenn ich für mich und andere dafür sorgen möchte, dass alles irgendwann leichter wird?

Ich meine, es sind nicht die Abkürzungen die wirklich weiterhelfen. Die meisten haben die längst verinnerlicht und sind sehr vorsichtig. Arroganz hilft jedenfalls gar nicht weiter oder zu meinen, die einen verstehen das besser als die anderen.

Und Regeln? – die helfen meines Erachtens nur dann wirklich wenn sie mit innerer Freiheit wahrgenommen werden. Mit der Freiheit, die aus Verantwortung wächst.

Ich bin so frei und habe mich impfen lassen, sobald es möglich war. Jetzt freu ich mich, wieder Menschen zu besuchen, die lange allein waren.
Ich bin so frei und organisiere Tests, damit Menschen zusammen kommen können und Einsame wieder in Gemeinschaft kommen.
Ich bin so frei meiner Verantwortung zu folgen und nicht nur Regeln!

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21MRZ2021
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Heute ist der Welttag der Poesie. Ich liebe Gedichte, fange die meisten Tage damit an, eines zu lesen. Für mich sagen Gedichte immer neu:
Versteh mich nicht zu schnell. Nicht alles, was du siehst und liest, ist eindeutig. So vielem liegt ein besonderer Zauber inne. Und die Poesie ist diesem Zauber auf der Spur. Für mich hat das ganz viel mit Gott zu tun. Neben dem Wirklichkeitssinn den Möglichkeitssinn zu üben. Die Welt nicht nur anzusehen als das, was offensichtlich ist. Sondern in die Tiefe sehen, auf das was verborgen, auf das was versprochen ist. Der Sehnsucht Raum geben.

In diesen Tagen ist für mich ein Gedicht von Shalom ben Chorin wieder wichtig.
Viele kennen es als Lied. Er hat es 1942 geschrieben mitten im Krieg, nachdem er aus Deutschland nach Israel geflüchtet war.
Und sich diesen neuen Namen gegeben hat. Shalom ben Chorin: Frieden, Sohn der Freiheit. Für mich ist es ein Gedicht für die Hoffnung in dunkler Zeit:
„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt
Ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt.“

Bei uns blüht ein Mandelbaum direkt vor der Kirche.
Und im Gottesdienst singen wir voller Hoffnung dieses Gedicht:
„Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.“

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