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SWR3 Gedanken

26DEZ2020
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Anfang Oktober ist der Kabarettist Herbert Feuerstein gestorben. Sein Nachruf, den er vorsichtshalber zu Lebzeiten schon mal selber produziert hat, dauert fast zwei Stunden. Es ist ein Rückblick auf sein Leben in Form eines grandiosen Radiofeatures.

„Ich will nicht lang drumrumreden“, sagt er da. „Ich bin jetzt tot und sie liebe Hörerinnen und Hörer werden das eines Tages auch sein.“ Zugegeben, da hat er leider Recht. Auch wenn ich hoffe, dass das bei mir noch etwas dauert.

Doch das, was Feuerstein da gemacht hat, finde ich spannend. Nicht weil ich auch befürchte, dass man später irgendeinen Unsinn über mich erzählen könnte. Da wird hoffentlich jemand sein, dem etwas Passendes zu mir einfällt. Aber es kann ja auch eine interessante Übung sein, finde ich. Mal hin und wieder in ein paar ruhigen Stunden so einen intensiven, selbstkritischen Blick aufs eigene Leben zu wagen. Was war schön? Was total daneben? Aber auch, offen und ehrlich: wo bin ich gescheitert, hab mich vielleicht sogar versündigt an Anderen? Im Radio veröffentlichen werde ich das dann ganz bestimmt nicht. Aber zumindest könnte ich ja die Macken und Versäumnisse, die mir dabei klar werden, dann mal in Angriff nehmen. Da, wo es geht sofort, ansonsten als Vorsätze fürs kommende Jahr.

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25DEZ2020
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Vor kurzem lag der Prospekt eines Elektronikmarkts im Briefkasten: „Mit Extra-Geschenk“ stand da. Wenn ich also einen neuen Fernseher kaufe, bekomme ich ein Handy dazu. Geschenkt! Und zu einem neuen Laptop gibt’s noch einen Kopfhörer. Auch geschenkt. Ich bin sicher, mancher wird da zugegriffen und sich schnell noch den neuen Fernseher gegönnt haben. Nur mit Schenken im eigentlichen Sinn hat diese Aktion eben nichts zu tun. Denn bevor ich da zugreife, rechne ich mir das ja eiskalt aus. Es ist letztlich ein Kalkül. So wie für die Leute vom Elektronikmarkt auch.

Schenken und beschenkt werden sollte genau das aber nicht sein. Ein Kalkül. Ein Geschenk verpflichtet mich schließlich zu nichts. Und wenn ich selber etwas verschenke, dann sollte ich auch nicht darauf spekulieren, dass es mir vielleicht mal eine Gegenleistung bringt. Denn auch den Beschenkten verpflichtet es zu gar nichts.

Ein Geschenk ist immer gratis – im wahrsten Sinn des Wortes. Gratis kommt nämlich von gratia. Das ist lateinisch und heißt „Gnade“. Und Gnade kann man nicht kaufen. Die gibt’s einfach so, völlig unverdient. Geschenkt eben. Wie das Kind in der Krippe. Ein Kollege hat das neulich mal ganz schön formuliert: Ein unverhofftes Geschenk ist immer ein Hinweis, dass das Leben manchmal mehr bereithält, als ich erwartet habe.

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24DEZ2020
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Auch wer mit Weihnachten nicht viel am Hut hat kommt an einem Weihnachtsklassiker kaum vorbei: Stille Nacht, heilige Nacht. Seit über 200 Jahren sowas wie das Weihnachtslied schlechthin. Musikalisch eingängig und mit einem Text, der für viele wohl hart am Kitsch kratzt. Auch für mich. Von wegen „holder Knabe im lockigen Haar“.

Gut möglich aber, dass es in diesem Jahr wirklich mal mehr als sonst passt. Denn nicht nur in den Kirchen, die an diesem Abend sonst so voll sind wie nie im Jahr, wird es viel stiller sein. Es wird auch weniger Besuche geben, weniger Verkehr, weniger Weihnachtstrubel. Keine stille, aber ganz sicher eine viel stillere Nacht als sonst. Ganz besonders bei denen, die selber erkrankt sind oder heute Abend um einen lieben Menschen trauern. Und noch etwas passt.

1818, als das Lied entstanden ist, auch da ging es gerade ziemlich vielen Menschen ziemlich schlecht. Unruhige, kriegerische Jahre lagen damals hinter den Leuten. Viele sehnten sich nach Frieden und nach Normalität. Das sanfte Lied hat bei vielen damals einen Nerv getroffen. „Christ, der Retter ist da“ klingt es in der zweiten Strophe. Vielleicht ist da doch eine Hoffnung ganz tief in mir drinnen, die mehr ist als nur kitschig-verklärte Weihnachtsstimmung. Besonders in diesem Jahr.

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23DEZ2020
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In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags.Ein recht neues Kirchenlied, das ich sehr mag. Dabei ist der Satz selber gar nicht so neu. Er stammt aus einem uralten Hymnus, wahrscheinlich schon vom Anfang des Christentums. Und ganz klar, naturwissenschaftlich ist das natürlich eine Binsenweisheit, dass immer um Mitternacht ein neuer Tag beginnt. Aber in Zeiten wie diesen, die gerade so viele bei uns als düster empfinden, fühlt sich das manchmal ja ganz anders an. Auch bei mir gibt’s diese Momente, an denen mir das gar nicht mehr so selbstverständlich erscheint. Dass gerade jetzt, wo sich die Düsternis oft am allerdicksten anfühlt, sie eigentlich schon auf dem Rückzug sein soll. Dass genau jetzt schon wieder das Licht hinterm Horizont wartet.

Dabei werden die Tage ja schon bald wirklich wieder länger, auch wenn ich davon zunächst noch gar nichts merke. Und die Impfung gegen das neue Virus, die gerade begonnen hat, auch die wird erstmal noch nichts spürbar verändern. Aber die Hoffnung ist wieder da. Ein bisschen zumindest. Auf Unbeschwertheit, auf Normalität. Darauf, dass genau das jetzt der Anfang eines neuen Tages sein könnte. Hoffentlich

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22DEZ2020
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Unsichtbar sein. Im Märchen geht das manchmal ganz einfach. Da gibt es dann zum Beispiel einen Mantel, der jeden, der ihn anzieht, unsichtbar macht.

Manchmal wünschte ich mir das auch. Wenn ich genervt bin, meine Ruhe haben möchte, einfach nicht gestört werden will. Da wär so ein Zaubermantel, der mich mal kurz verschwinden lässt, schon ganz praktisch. Aber nur, solange ich ihn auch wieder ausziehen kann. Leider gibt es aber Menschen, die unsichtbar sind ohne es zu wollen. Und das ist dann gar nicht märchenhaft. Es trifft ja längst nicht mehr nur Alte und Einsame in ihren Wohnungen. Auch Musiker etwa, die ich kenne und die sich gerade mehr schlecht als recht über Wasser halten. Unsichtbar geworden und fast schlimmer noch, unhörbar. Viele sind verzweifelt und deprimiert.

Ich glaube, als Theologen haben wir manchmal schnell den Satz zur Hand, dass Gott doch jeden im Blick behält. Dass er niemanden übersieht. Daran glaube ich zwar auch, aber alleine reicht das eben nicht. Der Satz muss eingelöst werden. Durch uns, die anderen, die noch sichtbar sind und hörbar. Bei aller Beschäftigung mit eigenen Problemen möchte ich die unsichtbar Gewordenen nicht vergessen. Gerade jetzt. Die Alten und Einsamen, die Musiker und die Vielen, die sich jetzt irgendwie über Wasser halten müssen.

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21DEZ2020
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Ich weiß gar nicht, wie oft ich dieses Wort in den letzten Monaten gehört habe: Systemrelevant! Ich mag es inzwischen auch nicht mehr hören. Alles Mögliche war damit gemeint, aber immer wieder auch Menschen. Zu Ende gedacht heißt das ja: Ohne diese Menschen bricht alles zusammen. Ohne diese Frauen und Männer fehlen entscheidende Rädchen im Getriebe. Ohne sie kann die Gesellschaft nicht mehr funktionieren.

Und dann frage ich mich: Was muss das für eine Last für Menschen bedeuten, systemrelevant zu sein? Eine oder einer von denen zu sein, ohne die nichts mehr geht. Ohne die quasi diese Welt zusammenbricht.

Aber auch: was sagt das Wort den anderen? Denen, die angeblich nicht relevant sind? Denen wir also sagen: Nett, dass ihr da seid. Aber jetzt, wo es hart wird, da seid ihr leider überflüssig. Was ist das für eine Last? Das Gefühl, irrelevant zu sein, entbehrlich fürs System.

Sicher, Ärztinnen, Intensivpfleger oder Polizisten werden gerade vielleicht dringender gebraucht als andere. Als Schauspieler, Karussellbetreiber oder Baristas. Aber das Millionen Menschen, so wie ich, sie schon jetzt schmerzlich vermissen zeigt doch, wie relevant sie wirklich sind. Ich jedenfalls werde das Wort systemrelevantjetzt erstmal vermeiden, weil für mich einfach kein Mensch in dieser Gesellschaft irrelevant ist.

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20DEZ2020
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Eine Freundin von mir ist eine echte Powerfrau. Fast immer perfekt organisiert, erfolgreich im Job. Doch wenn dann mal was nicht so klappt wie geplant, dann wird sie auch schnell unzufrieden mit sich selbst. Ist genervt und gereizt und das merke ich ihr dann an. Dann kann sie auch ziemlich streng und ja, sogar richtig hart gegen sich selbst sein. Meistens bewundere ich das, weil ich selber oft nicht so konsequent und perfekt bin wie sie.

Dennoch glaube ich, dass es wichtig ist, auch liebevoll, oder besser barmherzig mit sich selber sein zu können, wenn mal etwas daneben gegangen ist. Das meint keine Larifari-Haltung nach der Devise: „Ist doch sowieso egal“. Nein, ist es nicht. Barmherzig mit mir zu sein heißt: Meine Schludrigkeiten sehr wohl ernst zu nehmen. Als Fehler eben, über die ich mich ärgern kann und sollte. Der verbockte Termin. Der vergessene Geburtstag der Kollegin. Und trotzdem passiert es immer mal wieder, weil ich eben nicht perfekt bin. Und wenn ich in solchen Fällen barmherzig mit mir selber sein kann, dann werde ich es auch können, wenn ein Anderer grobe Fehler macht. Denn ich glaube, beides bedingt sich. Barmherzig sein zu anderen wird nur klappen, wenn ich auch mit meinen eigenen Fehlern liebevoll und barmherzig umgehen kann.

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