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SWR3 Gedanken

12DEZ2020
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Was verschenke ich an Weihnachten? Keine zwei Wochen mehr bis Heilig Abend, und die Frage wird immer dringlicher. Debora, eine Freundin von mir, bringt mich da auf eine gute Idee. Sie sagt: „In unserer Familie schenken wir uns dieses Jahr Geschichten.“ Und das funktioniert so: Jeder bringt zwei, drei Fotos aus dem letzten Jahr mit, die einem wichtig geworden sind. Und dann erzählt eine nach der anderen. Was ist auf dem Foto zu sehen, wie kam es zu der Situation und was bedeutet mir das Bild. Die anderen hören einfach zu.

Die Idee von Debora finde ich gut. Ich überlege, welche Fotos ich mitbringen könnte. Soll ich eins von denen nehmen, von den Fahrradtouren im Sommer? Oder lieber das Foto mit einem Freund, bei dem wir kurz danach beide von der Mauer gefallen sind und es richtig böse hätte ausgehen können? Ich fände das toll, wenn meine Familie und meine anderen Freunde auch davon wüssten. Das würde uns mehr zusammenschweißen, in diesem schwierigen Corona-Jahr.

Und wenn ich mir vorher Gedanken mache: Was war dieses Jahr los bei mir? Was war wichtig für mich und von was hätte ich gerne, dass es die anderen auch mitkriegen? Dann hat das den netten Nebeneffekt, dass ich damit quasi meinen persönlichen Jahresrückblick mache. Und das müssen gar keine großen Abenteuer sein. Ich kann auch einfach erzählen, wie mein Alltag aussieht.

Mit Deboras Geschenkidee habe ich dann am Ende zwar keine Berge von Geschenken, aber ich habe einen Haufen neuer Geschichten von den anderen gehört. Ich kriege damit ein kleines Stück aus dem Leben der anderen geschenkt. Und das verbindet mich mit ihnen.

Also, eine richtig gute Idee für dieses Jahr. Ich verschenke Geschichten!

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11DEZ2020
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Samir spielt das Lied „Die Gedanken sind frei“. Um Samir herum sitzen vier ältere Damen, und alle singen mit. Samir arbeitet im Altenheim als Pfleger und die Musik hilft ihm bei seiner Arbeit. Samir spielt die Oud. Eine Oud sieht ganz ähnlich aus wie eine Laute oder eine Gitarre. Und auf der Oud spielt er Klassiker wie „Am Brunnen vor dem Tore“, „Freude schöner Götterfunken“ und natürlich jetzt auch Advendslieder. Samir kann sie alle in- und auswendig. Er sagt: „Demenzkranke erkennen oft ihre eigenen Angehörigen nicht mehr, aber bei Liedern aus ihrer Kindheit können sie noch jede Strophe mitsingen.“ Samir meint: „Die Musik ist die Sprache, die alle Menschen verstehen. Mit ihr lassen sich Menschen verzaubern.“

Ich verstehe was er meint. Mich verzaubert Samir immer wieder mit seinen Liedern aus Syrien. Samir ist vor fünf Jahren wegen des Kriegs nach Deutschland geflohen. Und wenn er die Lieder aus seiner Heimat singt, verstehe ich zwar kein einziges Wort, aber mich fasziniert, mit wie viel Leidenschaft er dann dabei ist. Oft geht es bei seinen Liedern im Grunde um das gleiche wie bei den Volksliedern, die Samir im Pflegeheim singt: Es geht um die Sehnsucht nach einem lieben Menschen oder um Freundschaft. Es geht darum, dass sich jemand nach seiner Heimat sehnt oder von der großen Freiheit träumt. Wenn Samir Musik macht, wird mir immer wieder klar: Wir Menschen sind uns so ähnlich, egal wo wir herkommen. Wir wollen in Freiheit leben, wir sehnen uns nach Freundschaft oder Liebe. Und wir brauchen ein Zuhause.

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10DEZ2020
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Sie heißt Erica. Sie ist ein bisschen verstimmt, hat einige Kratzer und drei Knöpfe sind futsch. Aber sie funktioniert noch, die alte Ziehharmonika von meinem Opa Karl. Wenn wir früher an Weihnachten mit der Familie zusammengesessen sind, dann hat mein Opa Karl immer irgendwann seine Ziehharmonika rausgeholt und wir haben Weihnachtslieder hoch und runter gesungen. Und um meine Oma zu necken hat er meistens noch ein Fastnachtslied hinterhergespielt. Wir Kinder fanden das ganz besonders witzig.

Mein Opa lebt schon 21 Jahre nicht mehr, so lange habe ich Erica schon bei mir. Ich habe mir das Ziehharmonikaspielen ein bisschen selbst beigebracht. Und jedes Mal, wenn wir uns als Familie an Weihnachten treffen, nehme ich Erica mit. Wenn wir dann zusammensitzen und ich mit Erica ein paar Lieder begleite, merke ich, wie die Erinnerungen aus meiner Kindheit hochkommen. Es braucht nur ein paar Töne und schon kommen Gefühle hoch, die ganz tief in mir drin sind. Mir kommt es dann so vor, als wäre mein Opa Karl in diesem Moment auch dabei. Ich fühle mich dann besonders verbunden mit ihm und auch mit den Leuten aus der Familie, die drum herumsitzen und mitsingen. Ob das dieses Jahr auch so klappt – wahrscheinlich nicht.

In diesem Jahr ist vieles anders als geplant. Es gibt ein paar Leute, die vermisse ich gerade sehr. Auch wenn ich sie an Weihnachten nicht sehen kann, will ich mich trotzdem mit ihnen verbunden fühlen. Für mich steht fest: Egal ob mit Familie um mich rum oder nicht, einmal setze ich mich hin, denke an Opa Karl und spiele auf der Ziehharmonika Weihnachtslieder und danach vielleicht noch ein Humba Humba Tätärä.

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09DEZ2020
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Woran erkennt man Fanatiker? Der israelische Schriftsteller Amos Oz meint dazu: Fanatiker erkennt man daran, dass sie keinen Humor haben.

Auch wenn ich es nicht beweisen kann, ich finde, was Amoz Oz über fanatische Menschen sagt, ergibt Sinn: Wer so überzeugt von einer Sache ist, dass er absolut nicht mehr darüber lachen kann, der nimmt die Sache vermutlich zu ernst. Wenn ich etwas komisch finde, heißt das ja, dass ich auch mal eine andere Perspektive dazu einnehmen kann – und wenn es nur ganz kurz ist. Ich finde zum Beispiel manchmal Witze über Vegetarier richtig komisch, auch wenn ich selbst einer bin und mir das Thema ziemlich am Herzen liegt.

In Sachen Glauben geht mir das auch so: Ich glaube an Gott und stelle ihn mir auf eine bestimmte Art und Weise vor. Ich bin zum Beispiel davon überzeugt, dass Gott ganz eng mit Liebe verknüpft ist und dass ihm am Herzen liegt, dass es seiner Schöpfung – also der gesamten Welt – gut geht. Ich weiß aber auch, dass ich – wenn überhaupt – nur einen winzigen Bruchteil von Gott verstanden habe. Mir ist auch klar, dass sich mein Bild von Gott mit der Zeit verändern wird. Je nach dem, was ich noch erlebe. Und jemand anderes redet und denkt anders über Gott – logisch.

Ich lache auch gerne mal über mich und meinen Glauben. Am liebsten bin ich zusammen mit Leuten, die das auch können und die nicht total verkrampft an dem festhalten, wovon sie überzeugt sind. Dann weiß ich: Das sind keine Fanatiker, sondern einfach entspannte Menschen mit Humor.

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08DEZ2020
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Bleiben Sie gesund! Das ist das Motto im Jahr 2020. Ich höre und lese das überall: Unter jeder Mail, in jeder Straßenbahn und kaum eine Verabschiedung ohne: Bleiben Sie gesund! Ein schöner Wunsch, egal ob gerade Pandemie ist oder nicht.

Ich merke, dass mich dieser Wunsch aber auch unter Druck setzen kann. Manchmal verstehe ich ihn fast wie eine Warnung, so nach dem Motto: „Es liegt allein an dir, ob du gesund bleibst oder nicht. Wenn du dann doch krank geworden bist, dann hast du irgendetwas falsch gemacht. Falsche Ernährung oder schlechte Work-Life-Balance. Oder bist nicht vorsichtig genug gewesen und hast dich irgendwo angesteckt. Auf jeden Fall liegt es an dir!“

Das stimmt aber so nicht. Krank kann ich immer werden, da gibt es die unterschiedlichsten Gründe.  Ich kann zum Beispiel krank werden, weil ich in Verhältnissen leben muss, die mir nicht guttun. Wenn ich nie weiß, ob ich nächsten Monat noch einen Job habe oder ob ich meine Miete bezahlen kann, dann setzt mich das unter permanenten Stress. Und das kann mich früher oder später krankmachen. Dafür kann ich aber nichts.

Über Jesus wird gesagt, dass er im Umgang mit Kranken viel Fingerspitzengefühl hatte. Er hat sich für kranke Menschen Zeit genommen. Er hat ihnen zu verstehen gegeben: „Krank sein gehört dazu, du brauchst dich nicht schämen. Hab keine Schuldgefühle deshalb. Und es ist auch vollkommen OK, wenn du Hilfe brauchst. Nimm sie an!“

Gut, wenn mir das jemand sagt, wenn ich krank bin. Ich bin nicht schuld, wenn ich im Job oder in der Familie ausfalle. Natürlich ist es wichtig, dass ich gut auf mich und die Leute um mich herum achtgebe. Gerade jetzt. Aber wenn ich dann doch krank werde, brauche ich mich nicht auch noch unter Druck setzen. Entspannen ist da besser und mir genügend Zeit gönnen. So kann es mir hoffentlich bald wieder bessergehen.

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07DEZ2020
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Lukas ist ein Freund von mir und er ist Metzger. Lukas hat einen kleinen Bauernhof im Schwarzwald und alle paar Wochen schlachtet er eins von seinen Rindern. Ich habe ihn gefragt, wie das für ihn ist, wenn er ein Tier tötet. Er sagt: „Das ist ein intensiver Moment. Ich habe das Tier aufwachsen sehen. Es erkennt mich an meiner Stimme und es vertraut mir. Manchmal fällt es mir dann nicht leicht das Tier zu töten. Und deshalb ist es mir wichtig, dass es beim Schlachten so wenig Stress wie möglich hat oder leiden muss.“

Ich weiß aber auch, dass es nicht überall so ist wie bei Lukas. Bei den Mengen an Fleisch und Milch, die in Deutschland verzehrt werden, ist das kein Wunder. Vor allem die kleinen Bauernhöfe stehen unter enormem Preisdruck und schuften ohne Ende. Sie haben oft nicht wirklich eine Wahl, sie müssen die Schweine, Kälbchen oder Rinder in große Schlachthöfe bringen. Die Bilder aus Industrie-Schlachthöfen machen mich wütend. Aber das Problem ist, dass die heftigen Bilder aus den Schlachthöfen vorm Kühlregal so schnell wieder vergessen sind, wo alles so sauber abgepackt ist. Vielleicht bräuchte es kleine Bildchen, wie auf den Zigarettenpackungen, die einem zeigen, wie das ist, wenn geschlachtet wird. Das wäre natürlich krass, aber es wäre realistisch und es würde mir direkt zeigen: für den Schinken oder das Schnitzel, hat ein Lebewesen aufgehört zu atmen.

Ich bin Vegetarier und bleibe das auch, aber es hat mich berührt mit wie viel Wertschätzung Lukas mit seinen Tieren umgeht, auch wenn er sie am Ende schlachtet und sein Geld mit ihnen verdient. Es macht einen Riesenunterschied wie mit den Tieren umgegangen wird: im Stall, auf der Weide und auch am Schluss: beim Schlachten.

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06DEZ2020
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Ich stelle ein Behältnis vor meine Tür, warte ein bisschen und nach kurzer Zeit habe ich etwas Leckeres zu essen drin. Hört sich nach einer schönen Tradition für den Nikolaustag heute an. Jugendliche aus Ettlingen bieten genau diesen Service aber schon seit März an. Sie kaufen für Leute ein, die wegen des Corona-Virus‘ gerade nicht in den Supermarkt gehen. David ist einer aus dem Einkaufsteam, er ist 22 und sagt: „Die Menschen rufen uns an, sagen was sie brauchen, und dann stellen wir ihnen die Einkäufe direkt vor die Tür.“ Klingt ziemlich einfach.

Der heilige Nikolaus muss so ähnlich drauf gewesen sein wie David. Nikolaus hat im dritten Jahrhundert in der Küstenstadt Myra gelebt, in der heutigen Türkei. Als in Myra eine Hungersnot ausbricht, lässt er vorbeifahrende Schiffe anhalten, die Getreide geladen haben. Eigentlich sind die Ladungen für den Kaiser in Rom bestimmt. Aber Nikolaus sorgt mit seinen Leuten dafür, dass ein Teil des Getreides in Myra bleibt. Die Bevölkerung hat so wieder etwas zu essen und sogar Saatgut fürs kommende Jahr. Problem gelöst.

Den heiligen Nikolaus und David aus Ettlingen verbindet etwas ganz Simples: Sie sehen, dass jemand Hilfe braucht und tun etwas dafür. Sie tun sich mit anderen zusammen und schon profitiert die ganze Stadt davon. Ich frage David, warum er und seine Leute sich in dem Einkaufs-Projekt engagieren und das, ohne dass sie Geld dafür bekommen. David sagt: „Wir sind jung, haben Zeit und helfen gern.“

Das zeigt: Helfen geht immer irgendwie – und wenn man sich dann noch mitanderen zusammentut, kann man so richtig was reißen.

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