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SWR3 Gedanken

07NOV2020
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Ob man nun an Gott glaubt oder nicht, die Bibel ist voll mit weisen Geschichten und Sprüchen. Klar, die Lebenswelt der Bibel ist von Landwirtschaft geprägt, und ja, die Sprache der Bibel wirkt manchmal etwas alt… aber das macht die Geschichten und Sprüche ja nicht weniger lebensklug. Einmal hat Jesus, so steht es in der Bibel, zu seinen Freunden gesagt: „Wer die Hand an den Pflug legt und dabei zurückschaut: der eignet sich nicht für das Reich Gottes.“ (Lukas 9,62) Jesus wollte damit sagen: wenn ihr mir folgt, dann richtig. Nicht halbherzig. Sondern auf die Sache konzentriert, engagiert und mit ganzem Herzen.

Ich glaube, das gilt fürs Leben überhaupt: Schau nach vorne, nicht zurück! Natürlich ist es wichtig im Leben, auch mal stehen zu bleiben, zu gucken, woher komme ich, wie bin ich bis hierher gekommen. Unsere Vergangenheit prägt uns und erklärt einige Verhaltensmuster. Auch ist es gut, aus vergangenen Fehlern zu lernen.

Aber dann gilt es, wieder nach vorne zu schauen. Nicht in der Vergangenheit steckenzubleiben. Ja, wir erleben alle Schlimmes, verlieren geliebte Menschen und bereuen manches. Und vieles davon lässt sich nicht mehr zurückholen oder ändern. „Hätte ich doch…“ oder „Wäre ich doch nur…“ – das sind Sätze, die im Leben nicht wirklich weiterhelfen. Schau nach vorne, nicht zurück! – will heißen: lebe jetzt. Was auch passiert, es geht weiter, das Leben. Das gibt trotz allem Hoffnung und Zuversicht. Schau nach vorne, nicht zurück!

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06NOV2020
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Irgendwann ging es nicht mehr so weiter. Ganz langsam, so über die letzten Jahre ist mein Hund alt geworden. Erst die letzten paar Monate ging es wirklich nicht mehr gut. Er blickte mich immer häufiger hilfesuchend an - und ich wusste auch nicht mehr weiter. Ein freundlicher Hundebesitzer gab mir den Rat: Wenn der Hund nicht mehr will, dann merkt man das ziemlich eindeutig. Und ja, in der Tat, denn dann kam dieser Tag und ich wusste, jetzt geht es wirklich nicht mehr so weiter. Ich habe also bei der Tierärztin angerufen und gleich abends sollten wir vorbeikommen.

Ich habe erst einmal tief Luft geholt. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass ich nicht Herrin über Leben und Tod bin. Und doch habe ich ja auch eine Verantwortung gegenüber dem, was mir anvertraut ist. Also sind wir beide, mein Hund und ich, abends, ein allerletztes Mal los. Wir haben bestimmt locker die doppelte Zeit gebraucht, um zur Tierärztin zu gehen: er hat an jedem Blümchen geschnuppert, hat mühsam jeden Pfosten markiert, ist ganz langsam, wie er eben noch konnte, neben mir her gegangen. Dann haben wir uns auf dem Boden der Tierarztpraxis niedergelassen. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. Ich habe mich bei ihm bedankt für die langen Jahre und die schöne Zeit und ich habe mich entschuldigt, wenn ich ungerecht und gemein zu ihm war. Dann bekam er eine Spritze zum Einschlafen und dann die tödliche Injektion. Am Ende lag er ganz fertig da. Und ich hatte den Eindruck, alles Leiden, alle Schmerzen, alle Atemnot waren auf einmal weg, stattdessen: tiefe Ruhe und Frieden. Ich glaube, dort, wo er jetzt ist, geht es ihm gut. Und mir fiel ein kleiner Satz ganz hinten aus der Bibel ein: Gott „wird jede Träne abwischen von unseren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Weinen und keinen Schmerz.“ (Offenbarung 21,4)

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05NOV2020
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„Ich glaube, der Hund war‘s!“ Meine Schwester und ich haben da dieses Spiel und ja, wir finden es ziemlich lustig. Wenn eine von uns sich mal wieder über jemanden tierisch ärgert und demjenigen die Schuld an jedem und allem gibt, dann unterbricht die andere und sagt: „Wie ich das so sehe, brauchen wir da einen Schuldigen. Ganz klar, der Hund war es …“ Wir lachen und denken an unseren Hund zurück, mit dem wir beide aufgewachsen sind: in unserer Kindheit war es zur Not immer der Hund! Jedenfalls lachen wir und dann reden wir.

Es tut gut, die Geschichte, über die wir uns gerade ärgern, mal jemandem zu erzählen, meistens klärt sich im Gespräch schon einiges, manchmal wissen wir danach sogar, was tun.

Wir Christinnen und Christen haben ein für uns sehr wichtiges Gebet: das Vaterunser. Darin bitten wir Gott: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

Hier wird klar: Schuld muss benannt werden. Nur wenn klar ist, was da gerade passiert ist, kann es weitergehen. Ja, und da kann es auch helfen zu sagen, warum wer schuld hat.

Aber hier wird auch klar: wir können alle schuldig werden. Jede und jeder von uns sagt und tut manchmal echt gemeine und böse Dinge. Manchmal ziemlich eindeutig. Manchmal versteckt. Manchmal passiert es auch ganz unbewusst: wie oft habe ich schon etwas gesagt oder getan und meinte es total nett - und es kam total daneben an?!

Insofern können wir nur bitten: Unser Gottvater, bitte vergib uns, wenn wir andere verletzt haben; genauso wie wir versuchen, denen zu vergeben, die uns wehgetan haben.

Und der Hund? Der bleibt unser Joker!

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04NOV2020
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Schuldige findet man schnell. Schon immer, früher wie heute erfinden Menschen die absurdesten Schuldzuweisungen. Das tun Menschen besonders gerne, wenn sie die Welt nicht mehr verstehen.

An seiner Krankheit ist der Kranke schuld, weil er sich angeblich zu leichtsinnig verhalten hat.

An der Sucht ist der Süchtige schuld, er könnte sich ja schließlich besser im Griff haben.

Und natürlich ist das vergewaltigte Mädchen selbst schuld – bei dem kurzen Rock!

In der Bibel steht, wie Jesus auf diese absurden, ja verletzenden Schuldzuweisungen reagiert. Jesus lässt Schuldzuweisungen nicht nur zerplatzen wie einen Ballon, um zu zeigen, wie hohl sie doch eigentlich sind. Nein, Jesus kehrt sie um! Jesus fragt: „Du siehst den Splitter im Auge deines Gegenübers. Bemerkst du nicht den Balken in deinem eigenen Auge?“ (Matthäus 7,3)

Sein Motto: Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung!  Bevor du dir Gedanken über die „Schuld“ der anderen machst - fang bei dir selber an. Wobei man sollte sich auch nur für das schuldig fühlen, was man sich wirklich zuschulden kommen hat lassen. Gesunde Selbsterkenntnis – nicht krankhaftes Schuldgefühl, auch nicht neurotische Skrupel. Niemand soll sich die Schuld an etwas einreden, das er nie getan hat.

Doch so eine Selbsterkenntnis ist gar nicht so einfach. Schuldig zu sein, tut weh. Aber letztendlich tut es gut zu sagen: „Ich bin schuld. Und ich bitte um Entschuldigung!“

Ich bin davon überzeugt, dass jemand, der ehrlich zu sich selbst ist, sich auch selbst eher erträgt, so wie er ist.

 

→Burkhard Weitz „Soll man sich schuldig fühlen? Wenn Anlass dazu besteht: natürlich! Doch Schuld anzuerkennen, fällt manchem ganz schön schwer“ in: Chrismon 07/08 2020.

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03NOV2020
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Ich hatte so richtige, im wahrsten Sinne des Wortes: bodenlose Angst. Es war der vorletzte Tag. Wir waren in Orléans losgefahren, fuhren den Radweg an der Loire entlang, wunderschöne Landschaft und ein beeindruckendes Schloss am anderen! Es war nachmittags, bald sollten wir das Ziel erreicht haben. Nur noch diese Brücke über die Loire und dann waren wir da. Aber die Brücke schaukelte im Wind, die Autos fuhren viel zu schnell, viel zu dicht direkt neben uns, der Fahrradweg war viel zu schmal, auf der einen Seite das Brückengeländer, auf der anderen ein hoher Bordstein, zu eng zum schieben und beim Fahren rüttelte der Wind am Fahrrad. Mein Freund fuhr voraus, ganz mit sich und seinem Rad beschäftigt. Und ich fühlte mich hundeelend und allein gelassen! Mir liefen Tränen der Anstrengung, der Anspannung und der Angst die Wangen runter, während ich - ganz langsam - über die Brücke fuhr.

Abends, frisch geduscht, beim Apéritif dachte ich: es ist doch erstaunlich, was für eine innere Kraft man hat. Man denkt, es geht nicht mehr, aber da ist etwas, das einen weitertreibt. Nicht nur auf einer schwankenden Brücke, auch in meinem Leben:

Nach meiner Scheidung dachte ich: tiefer kannste nicht mehr fallen. Aber da war etwas in mir, das sagte: Auf, Kopf hoch, einen Schritt nach dem anderen.

Oder als es auf der Arbeit nicht mehr ging, als es unerträglich wurde, da war sie wieder da, diese Kraft in mir, die mich nach neuen, anderen Möglichkeiten suchen ließ.

Da ich an Gott glaube, glaube ich auch: diese innere Kraft ist Gottes Kraft. „Gott ist meine Kraft und mein Heil!“ (2. Mose 15,2). Ja, genauso fühlt es sich an: Gott gibt mir Kraft und hilft mir, trotz allem weiterzugehen.

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02NOV2020
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Andreas ist ein richtig guter Freund – er scheint als Kind zusammen mit Obelix, in den Zaubertrank gefallen zu sein: er ist groß wie ein Bär, laut und herzlich und, wenn er lacht, lachen alle mit. Natürlich ist sein Lieblingsgetränk: Sekt. Andreas sprudelt über wie Sekt!

„Du schenkst mir voll ein“ – wird von Gott in der Bibel gesagt (Psalm 23,5b). Da wird nicht etwa nur der Boden eines Bechers mit Feuchtigkeit benetzt, oh nein, der Lebensbecher ist randvoll – er blubbert geradezu über!

Ich glaube, jeder Mensch hat diesen Durst, den Durst nach Leben, nach Sinn, nach Bedeutung, ja, auch den Durst nach Lachen. Sprudeln soll das Leben! Deshalb wird ja auch so gerne Sekt getrunken, wenn man was zu feiern hat, es einem gut geht: sprudeln soll das Leben, schäumen, überfließen!

Natürlich weiß auch Andreas, dass das Leben nicht immer übersprudelnd ist. Vielleicht gerade deswegen, weil es eben trockene, dürre Zeiten im Leben gibt, tut es so gut, dass Leben hin und wieder zu feiern, sich bewusst zu machen, dass es im Leben auch Humor gibt und Lachen, Freundlichkeit und so viel Schönes!

„Du schenkst mir voll ein“ – Gott gibt uns Leben und Lachen!

In einer alten Bibel aus der Schweiz heißt dieser Satz übrigens so: „Du schenkst mir schwibbelischwabbeli voll ein!“ Was für ein Gott – schwibbelischwabbeli voll Leben und Lachen!

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01NOV2020
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Zu meinen Aufgaben als Pfarrerin gehören Beerdigungen. Vor jeder Beerdigung gibt es ein Gespräch mit den Hinterbliebenen. Gemeinsam bereiten wir dann die Beerdigung vor.

Oft ist dieses Gespräch traurig, aber oft auch einfach schön: wir erinnern uns noch einmal in aller Ruhe, wie der Verstorbene oder die Verstorbene so war, Erinnerungen kommen hoch, Geschichten. Häufig höre ich da Sätze wie: Sie hatte noch so viel vor…, wir wollten doch noch…, er träumte immer davon…

Wenn ich von solchen Gesprächen nach Hause komme, nehme ich mir immer vor: mach die Dinge, die Du machen möchtest, und mache sie baldmöglichst! Denn das kennen wir ja doch alle: wenn ich mit der Ausbildung und dem Studium fertig bin, wenn die Kinder aus dem Haus sind, wenn ich in Rente bin, dann… dann lerne ich Klarinette, dann fahre ich einmal quer durch die USA, dann kündige ich und mache mein Ding… Aber Wünsche und Vorhaben immer weiter hinauszuschieben, heißt, sie höchstwahrscheinlich gar nicht zu verwirklichen. Irgendein Gegenargument findet sich schließlich immer. Niemand weiß, was morgen ist und ob man überhaupt in der Lage sein wird, die Traumreise nach Südafrika anzutreten oder den eigenen Laden zu eröffnen. Deshalb sage ich mir nach diesen Gesprächen mit Trauernden oft: Nur Mut! Mach die Dinge, die Du schon immer machen wolltest, – und mache sie sofort!

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