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SWR3 Gedanken

29AUG2020
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Wer Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer kennt, der weiß auch, wer Herr Turtur ist. Herr Turtur ist ein Scheinriese. Von weitem eine große und mächtige Gestalt. Aber wenn er näherkommt, schrumpft er immer mehr auf Normalgröße zusammen. Seine ganze Größe ist nur eine Illusion, die sich aus der Nähe betrachtet nicht halten lässt. Er ist eben nur ein Scheinriese.

Solche Scheinriesen kenne ich auch. Die heißen nicht Herr Turtur, die haben andere Namen. Sie heißen zum Beispiel Erfolg oder Ansehen. Riesige Wörter und mächtig beeindruckend, wenn man sie aus der Ferne betrachtet. Wenn man weit weg ist von Erfolg oder Ansehen. Aber oft schrumpfen sie ganz erbärmlich zusammen, wenn man sie aus der Nähe betrachtet.

Für den Erfolg ist die Lebensfreude längst vor die Hunde gegangen. Für das Ansehen bei den einen hat man sich die Sympathie der anderen verscherzt. So muss es nicht sein, so kann es sein. Wenn diese riesigen Wörter mir so erstrebenswert und großartig scheinen, dass alles, was mein Leben eigentlich lebenswert macht, davor zusammenschrumpft und erbärmlich wirkt.

Irgendwie also auch Scheinriesen. Aus der Ferne groß und wichtig, in Wirklichkeit klein und nichtig. Erfolg ist nicht das Maß aller Dinge. Und für Ansehen bei anderen möchte ich eigentlich nicht die Sympathien derer verlieren, die mir wirklich wichtig sind, die ich liebe.

Überhaupt: Vielleicht ist Liebe der einzige Riese, bei dem der Schein nicht trügt. Weil sie sich nicht aufspielt und nicht den eigenen Vorteil sucht. Weil sie in den Schwachen mächtig ist und die Mächtigen entzaubern kann. Wenn ich im Leben also auf etwas setzen will, dann nicht auf scheinbar mächtige Riesen, sondern auf die Riesenkraft der Liebe.

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28AUG2020
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Im Glauben erlebe ich das Ende jeder Maskenpflicht.

Den Aha-Effekt kannten wir ja schon vorher. Aber seit Corona meint AHA bekanntermaßen einen ganz eigenen Effekt. Hinter den drei Buchstaben verbergen sich die Grundregeln angemessenen Verhaltens angesichts drohender Infektionsgefahr. Abstand, Hygiene, Alltagsmaske.

Und gerade letztere begegnet uns ja mittlerweile in jeder Menge Variationen im Alltag. Im Supermarkt, im Bekleidungsgeschäft, am Bankschalter tragen wir eine Mund-Nasen-Bedeckung. Und finden es zumeist ziemlich lästig. Aber Gott sei Dank sehen es die meisten ja doch ein: Wer im Alltag eine Maske trägt, tut sich und anderen einen Gefallen.

Interessant finde ich, dass es ja auch schon vor Corona die Alltagsmaske gab. Die war nur nicht zu sehen. Ganz schön oft zeige ich den anderen Menschen auch ohne Stoffstück vor Mund und Nase nicht mein wahres Gesicht. In jeder Menge Variationen. Ich mache gute Miene zum bösen Spiel, damit es keinen Streit gibt. Und damit tue ich ja tatsächlich auch oft mir und anderen einen Gefallen.

Trotzdem finde ich die Seelenmaske manchmal lästig. Würde gern meine wahren Gefühle zeigen ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Deswegen finde ich es gut, dass ich nicht immer Maske tragen muss. Es gibt Orte, wo ich sie abnehmen kann. Wo ich sein kann, wie ich bin. Wo ich zeigen kann, wie ich mich fühle.

Bei vertrauten Menschen geht das. Und Gott sei Dank geht das bei Gott. Bei dem macht eine Maske auch gar keinen Sinn. Weil er mir sowieso ins Herz sieht und mich besser kennt als jeder andere. Im Glauben erlebe ich also so etwas wie das ultimative Ende der Maskenpflicht. Ansteckende Offenheit, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Und ich atme erleichtert durch. Was für ein Aha-Effekt.

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27AUG2020
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Spaziergang im Wald. Davon hat die Westpfalz ja reichlich. Fächelnde Schmetterlinge, zirpende Grillen, summende Bienen. Und am Wegesrand ein enormer Ameisenhaufen. Tausende von Ameisen. Auf der Suche nach Nahrung, beim Transport von Nahrung. Eine Ameise fesselt meinen Blick. Sie hat sich eindeutig übernommen.

Vorsichtig balanciert sie ein Blatt Richtung Hügel, das deutlich größer ist als sie selbst. Sie manövriert es durch den Strom der Ameisen, versucht sich an der ersten Steigung. Und scheitert. Das Gewicht des Blattes ist einfach zu groß für eine kleine Ameise. Sie versucht es wieder. Und wieder. Und wieder.

Aus dem Strom der Ameisen löst sich eine. Packt mit an. Und noch eine. Und noch eine. Ich beobachte das schaukelnde Blatt. Und die wachsende Zahl von Ameisen. Bis es gelingt. Gemeinsam hieven sie das Blatt über die erste Steigung. Und die nächste. Und die nächste. Das Blatt schaukelt immer höher. Getragen von vielen. Ich vermute, es wird sein Ziel erreichen. Und gehe weiter.

Und denke an Ziele. Und Blätter. Und wie schnell sich Menschen übernehmen, sich Lasten zumuten, die sie alleine gar nicht tragen können. Was sie aber nicht zugeben. Bis sie zusammenbrechen. Unter der Last. Wie wäre es, wenn dann einer käme? Und noch einer? Und noch einer? Bis die Last von so vielen geteilt wird, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes erträglich wird?

In der Bibel lese ich: „Helft einander, die Lasten zu tragen.“ In der Natur sehe ich: das funktioniert. Und was bei Ameisen funktioniert, kann ja auch für Menschen eine gute Strategie sein. „Helft einander, die Lasten zu tragen.“ Weil sich miteinander Ziele deutlich besser erreichen lassen als alleine.

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26AUG2020
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Einmal, da will Jesus seine Ruhe haben. Überall warten die Menschen auf ihn, deshalb geht er über die Grenze ins benachbarte Ausland. Dort wird ihn keiner kennen. Weit gefehlt. Sein Ruf eilt ihm voraus, und es dauert nicht lange, bis er Besuch bekommt. Eine völlig fremde Frau, deren Tochter schwer krank ist. Die hofft bei ihm auf Hilfe. Wiederum weit gefehlt.

Ich habe alle Hände voll zu tun, um für meine Landsleute da zu sein, sagt Jesus, du bist eine Ausländerin und für die bin ich nicht zuständig. Hoppla? Der Heiland für alle Menschen schert sich um Grenzen und Nationen? Das will auch die Frau nicht einsehen. Also bleibt sie hartnäckig.

Mag sein, sagt sie, dass du nur für die anderen da bist. Aber du hast so viel zu geben, da muss doch noch etwas für mich abfallen. So ähnlich wie bei Hunden, die unter dem Tisch der Herren ja auch noch ein paar Brocken finden. Wow, macht die sich klein. Aber das tun Menschen, wenn sie verzweifelt sind. Und Jesus wäre nun doch nicht Jesus, wenn er sich nicht eines Besseren besinnen würde. Das Kind wird geheilt, die Mutter hat erreicht, was sie wollte. Und Jesus?

Jesus tritt in dieser Geschichte viele unserer Vorstellungen von ihm mit Füßen. Wir begegnen keinem Übermenschen, sondern einem Menschen. Erschöpft, müde, ausgelaugt. Keine Kraft mehr, ein Gutmensch zu sein. Keine Kraft mehr für Mitmenschlichkeit. Und damit ist er mir in dieser Geschichte näher als in vielen anderen. Weil ich nicht von Übermenschen lerne, sondern von Menschen.

Und von Jesus, dem Menschen, lerne ich, dass Schwäche sein darf. Solange sie nicht das letzte Wort hat. Das letzte Wort hat in unserer Geschichte dann doch die Liebe. Müde sein ist in Ordnung. Aber die Liebe überwindet Müdigkeit, mobilisiert Kräfte. Und hilft. Wenn und wo sie kann. In der Nähe und in der Ferne. Damals wie heute.

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25AUG2020
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Die Emma ist gereizt, ich bin gereizt. Und wie das manchmal so ist: Ein winziger Anlass genügt – und meine 14jährige Tochter und ich kriegen uns in die Haare. Ein Wort gibt das andere. Am Ende sitzt jede von uns in einer anderen Ecke und schmollt. Das können wir ganz schön lange. Zur Not über Stunden. Aber es sind hässliche Stunden.

Kein Mensch fühlt sich wohl, wenn er Streit hat. Konflikte belasten das Gemüt. Besonders wenn wir sie mit denen ausfechten, die wir schätzen und lieben. Renitente Kinder, schnarchende Ehemänner, nachlässige Freunde, schlecht gelaunte Kollegen. Oft sind es kleine Kränkungen und Nervigkeiten, die am Ende zu großen Zerwürfnissen führen. Die eigentlich keiner will.

Heute ist der „Küsst-und-vertragt-euch-Tag“, 1992 erfunden von der US-Amerikanerin Jacqueline Milgate. Einmal im Jahr eine gute Gelegenheit zur Versöhnung mit denen, mit denen ich eigentlich gar nicht über Kreuz liegen will. Bei denen ich es einfach nur nicht schaffe, den ersten Schritt zu tun, obwohl ich mich viel lieber wieder vertragen würde. Einmal im Jahr?

Die Bibel erhöht die Versöhnungs-Frequenz deutlich. Dort heißt es: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Also nicht nur einmal im Jahr, sondern jeden Tag soll ich überlegen, wie ich Streit beilegen und mich mit anderen wieder vertragen kann. Weil es sich dann einfach besser schläft. Und lebt.

Und das stimmt ja auch. Deswegen kommen die Emma und ich dann doch irgendwann aus unserem jeweiligen Schmollwinkel und vertragen uns wieder. Küssen und vertragen ist eindeutig netter als streiten und schmollen. Am besten jeden Tag, bevor die Sonne untergeht.

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24AUG2020
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„Danke für das gute Gespräch“, sagt mein Gegenüber und zwinkert ein bisschen. Schlagartig wird mir klar, warum. Es war gar kein Gespräch. Eine gute halbe Stunde habe ich allein geredet. Als hätte jemand ein Fass geöffnet, ist alles aus mir rausgesprudelt, was mir auf der Seele liegt. Ohne Punkt und Komma. „Danke fürs Zuhören“, sage ich ein bisschen kleinlaut. Und bin gleichzeitig geheimnisvoll erleichtert. Offenbar habe ich tatsächlich einen Kummerkasten gebraucht.

Manchmal ist das Herz so voll, dass es überquillt. Dass man es ausschütten möchte. Dass man jemand ohne Punkt und Komma und Syntax und sprachliche Schönheit vor die Füße werfen möchte, was einen drückt. Und dann ist gerade keiner da, bei dem das geht. Oder es geht, aber irgendwie fühlt es sich blöd an. Als würde man jemandem zur Last fallen. Oder eine Seite zeigen, die eigentlich keiner sehen soll.

Liebe Leute, sagt König David in einem Psalm der Bibel, dieses Problem lässt sich lösen. Wenn gerade kein Mensch da ist, bei dem das geht, dann bietet sich Gott an, bei dem das immer geht. Den interessieren weder Punkt noch Komma, weder Syntax noch sprachliche Schönheit. Den interessiert einzig allein das Herz. Und was es zu sagen hat. Oder zu murmeln hat. Oder zu stammeln hat. Gott ist der perfekte Kummerkasten. Versucht es doch einmal. Sagt König David. Vor so langer Zeit.

Für mich heute. Und mein Herz. Wenn es überquillt. Mit Worten und ohne Worte. Egal. Gott weiß, was ich sagen will. Was ich ihm sagen will. Und das nennt man Beten. Das Herz ausschütten, wann und wo immer ich will. Ohne Skrupel, Hemmungen und ungute Gefühle. Eine Art himmlischer Kummerkasten mit immer offenem Ohr und einem großen Interesse an guten Gesprächen.

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23AUG2020
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Dieses Jahr waren wir in Dänemark in Urlaub. Und neben der wunderbaren Natur und Ruhe waren es vor allen Dingen die Menschen, die uns beeindruckt haben. „Die sind alle so freundlich“, haben wir uns ein ums andere Mal gewundert. Bemerkenswert, wenn man das bemerkenswert findet. Freundlichkeit ist offensichtlich doch nicht so selbstverständlich.

Dabei tut sie so gut. Statt muffligem Gesichtsausdruck ein Lächeln. Statt Vordrängeln Tür aufhalten. Statt schnippischen Bemerkungen ein herzliches Scherzwort. Das ist ein bisschen wie Sonne für die Seele. Und da es ansonsten recht frisch war in Dänemark, hat uns diese Sonne richtig gutgetan.

Jetzt sind wir wieder zurück aus dem Urlaub. Aber die Freundlichkeit lässt mich nicht los. Diese kleine Schwester der Liebe. Die auch die Bibel zu schätzen weiß. Gottes Geist hat viele Nebenwirkungen: Liebe, Friede, Freude, Geduld zum Beispiel. Aber eben auch die Freundlichkeit. Weil sie für ein gutes Miteinander wichtig ist.

Würde vermutlich auch jeder unterschreiben. Und trotzdem klappt es oft nicht so mit der Freundlichkeit. Kein Wunder. Gerade im Alltag passiert ja wirklich so manches, was jedes Lächeln im Keim erstickt. Der nervige Kollege, die schnippische Verkäuferin, der gereizte Nachbar. Da geht sie schnell unter, die Sonne der Freundlichkeit. Und macht den Wolken des Verdrusses Platz.

Aber für gut Wetter unter Menschen kann ich ja vielleicht ab und an über meinen Schatten springen. Ich kann strahlen, auch wenn andere muffeln. Und siehe da: Ab und an strahlt wider Erwarten sogar einer zurück. Und dann geht die Sonne auf und es wird ein bisschen wärmer zwischen Menschen. Und das muss ja wirklich nicht nur im Urlaub so sein.

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