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SWR3 Gedanken

01AUG2020
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Ein gefällter Riese! Direkt am Waldweg. Schon seit mindestens zwei Jahren jogge ich fast täglich an diesem Baumstumpf vorbei. Dahinter liegt immer noch der ungeheuer große Stamm des ehemaligen Prachtbaumes. Vermutlich wurde der Baum gefällt, weil sein Wurzelwerk auf den Weg gedrängt hat.

Aber interessant, dass der Stamm nie abtransportiert wurde. Hat was von einem Mahnmal. Und gleichzeitig ist es für viele so was wie ein magischer Ort.

Immer wieder sehe ich Leute, die bei dem gefällten Baum anhalten. Sie bleiben eine Weile stehen, berühren die Schnittfläche oder bestaunen ehrfürchtig, was schon alles um den Baum herum gewachsen ist.

Eine Zeitlang hing sogar ein Zettel in Plastikhülle an dem Baumstumpf. Dort war zu lesen, dass dies ein Elfenbaum gewesen sei. Die Elfen würden jetzt einen neuen Wohnort suchen. Aber trotzdem solle man hier ganz leise sein, vielleicht seien einige ja noch da.

Für mich ist es der Christus-Baum. Weil dieser Baum wie Christus so vielen Leuten offensichtlich Kraft gibt und sie zum Staunen bringt. Weil dieser Baum wie Christus Menschen etwas über das Wunder des Lebens lehrt. Obwohl er abgesägt, ja getötet wurde.

Immer mal wieder halte ich selbst an und schaue, ob der Stumpf nicht doch wieder austreibt. Und wenn das passiert, dann hänge ich auch einen Zettel an den Baum. Und darauf schreibe ich dann: „Christus ist auferstanden!“

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31JUL2020
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Glücklich sein. Geht das überhaupt? Ich fantasiere mal und stelle mir vor: Es gibt eine nette Frau, die für mich kocht. Richtig gut. Mit Liebe und Freude. Vor allem: besser als ich!
Und jeden dritten Nachmittag backe ich Kuchen. Für die Leute, die Lust haben vorbei zu kommen. Und zu erzählen. Und zuzuhören. Freitags gehe ich tanzen. Auf dem Platz mitten in der Stadt. Da kommen auch die anderen hin, sobald sie fertig sind mit Arbeiten. Aber niemand nennt es mehr Arbeit. Weil wir gerne zur Arbeit gehen und soviel verdienen, wie wir brauchen, um Kuchen zu backen und tanzen zu gehen. Und vielleicht auch, um unsere Gärten und Balkone zu bepflanzen. Samstags helfe ich dem älteren Mann von Gegenüber seine Post sortieren. Dann kommt die kleine Peggy vorbei. Sie will Memory mit mir spielen. Oder Schwarzer Peter. Weil das zu zweit nicht geht, klingeln wir bei der Familie unter uns.

Sonntags telefoniere ich mit Gott. Wir lachen, wenn ich erzähle, dass ich noch immer nicht verstanden habe, wie Radio oder Fernsehen funktioniert. „Macht nichts“, sagt Gott, „andere wissen ja Bescheid. Du kannst vieles“. „Ja“, sag ich, „danke auch. Was machst du jetzt?“
„Weiß noch nicht“, sagt Gott. „Kochen tut Rosi für dich, backen kannst du ja selber, spielen, tanzen, arbeiten, gärtnern, Leuten helfen auch. Brauchst du noch was?“ Ich überlege. „Klar“, sag ich dann, „ich brauche die Gespräche mit dir. Damit ich wieder weiß, wenig es braucht, um glücklich zu sein.“

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30JUL2020
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Unser Schweigen ist Gewalt – zum ersten Mal habe ich diesen Slogan auf der Anti-Rassismus-Demo in Freiburg gesehen. Natürlich auf Englisch, da klingt es auch besser: „Our Silence is violence!“

Dass Schweigen vielleicht manchmal eher Silber ist als Gold– geschenkt, aber Gewalt? Auf der Demo höre ich einer Jugendlichen mit dunkler Hautfarbe zu.

Sie erzählt von einem Klassenausflug in der 7. Klasse. Mit einigen Freundinnen hat sie sich bis zur Zug-Abfahrt die Zeit vertrieben. Sie haben sich ein Eis am Kiosk geholt und sind durch eine Parkanlage geschlendert. Dann kamen zwei ältere Jungs. „Äffchen, Äffchen“ hat der eine gerufen und sie an den Haaren gezogen. Ihre Freundinnen haben sofort drei Schritte rückwärts gemacht. „Wo kommst du denn her?“, hat der andere gefragt und dann ergänzt: „Ach so, du kannst ja nur die Affensprache.“
„Ich bin Deutsche“ hat sie gesagt und sich nach ihren Freundinnen umgesehen. Aber die standen völlig verängstigt zusammen und sagten kein Wort.
„Kann gar nicht sein. Du lügst. Dafür musst du bezahlen.“ Der Junge hat ihr Handgelenk gepackt und das Eis weggenommen. Lachend sind die beiden davongelaufen. Sie mag seither kein Eis mehr.

Vielleicht hätte es gar nicht viel gebraucht, um dieser Geschichte einen glücklicheren Ausgang zu geben. Aber die Freundinnen waren noch sehr jung. Und sie hatten so was vorher noch nicht erlebt. Aber wahrscheinlich wissen diese Freundinnen seit damals, was dieser Satz bedeutet: Our Silence is violence – unser Schweigen ist am Ende Gewalt.

Diesen Satz gibt es auch in positiv: „Tue deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache derer, die verlassen sind.“ Steht in der Bibel.

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29JUL2020
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Welche drei Dinge würdest Du mit auf eine einsame Insel nehmen? Das ist immer noch eine beliebte Frage, wenn es darum geht, möglichst schnell etwas über eine Person zu erfahren. Sich im Extremfall so zu begrenzen – da will die Auswahl gut überlegt sein.

Angeregt von dieser Frage hat sich in den letzten Jahren eine reality challenge verbreitet:
Unter dem Stichwort „Hundert Dinge“ reduzieren Menschen freiwillig ihren Besitz. Youtube-videos, Einträge in Blogs, Hashtags etc. machen schnell deutlich: Besitz reduzieren ist hip!

Aber was ist so faszinierend daran, mit möglichst wenig Dingen zu leben?
Mein Bekannter Justus hat seinen letzten Umzug mit einer Fuhre im VW-Bus erledigt. Für den Umzug davor ist er mindestens viermal hin- und hergefahren. Justus sagt: „Ich habe nur noch das, was ich wirklich brauche und nutze. Das ist einfach ein gutes Gefühl.

Ganz abgesehen davon, dass ich jetzt viel mehr Platz habe, lebe ich irgendwie bewusster. Ich nehme mir mehr Zeit für Freundschaften. Und ich schaue nicht mehr hin, was die Leute so anhaben, sondern höre zu, was sie sagen. Klingt ganz gut, finde ich. Schon fast ein Bisschen nach Jesus.

Der hat auch nicht viel besessen, und es war ihm ziemlich egal, was andere hatten. besitzen. Stattdessen hat sich Jesus die Sorgen der Leute angehört. Und deshalb hatte er selbst was zu sagen.

Vieles davon ist heute noch aktuell. Zum Beispiel: „Hütet euch vor der Habgier. Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ (Lk 12, 15) Und welche drei Dinge würde ich jetzt mit auf die Insel nehmen?

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28JUL2020
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Es klingt wie ein Glockenspiel. Dabei sieht es eher aus wie eine alte Registrierkasse, die auf Hochglanz poliert wurde. Aber wer an der Messingkurbel dreht, hört klassisch schöne Melodien. Von Vivaldi etwa, oder von Mozart.

Der Künstler Pedro Reyes hat diese wundersame Spieluhr gebaut. Wundersam, weil dieses Instrument aus ganz besonderen Bauteilen besteht. Die Töne entstehen durch kleine Metallhämmerchen, die auf Metallrohre fallen. Auf Metallrohre, die einmal zu Pistolen gehörten. Früher schossen Kugeln durch diese Rohre. Und diese Kugeln hatten das Ziel andere zu treffen, zu verletzen, ja zu töten.

Heute sind sie nur noch dazu da, um Menschen mit Klängen eine Freude zu machen. Der mexikanische Künstler macht Musik aus tödlichen Waffen. Disarm Music Box heißt das Pistolen-Glockenspiel deswegen ganz treffend – eine Musik Box, die entwaffnet. Reyes hat auch schon eine ganze Sinfonie komponiert, die elektronisch gesteuert aus Hunderten von zerlegten Waffen erklingt.

Mir gefällt die Vision, die sich da auftut:
Ich stelle mir vor, wie es klänge, wenn alle Waffen der Welt so verwendet würden. Wenn Maschinengewehre nicht mehr durch Schußsalven töten, sondern in Einzelteile zerlegt Melodien zum Mitsingen hervorbringen. Wenn Handgranaten zu Percussioninstrumenten werden. Und Schlagringe zu Triangeln. Herauskommen würde dabei der größte Friedenssong der Geschichte. Und der nachhaltigste. Mein Fazit: Schwerter zu Pflugscharen und Gewehre zu Glockenspielen!

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27JUL2020
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„Warte jetzt, dass mein Kaffeewasser heiß wird“.
Der Satz steht auf einem riesigen Fotoplakat. Zwei Männer auf Stühlen sind darauf. Ich sehe sie nur von hinten. Zwei normale Männer auf zwei normalen Stühlen.

Links und rechts davon an der Mauer hängen noch weitere Plakate. Mal sind zwei, mal drei Männer zu erkennen. Immer von hinten. Die meisten tragen Jogginghosen und haben sehr kurze Haare.

Dazwischen Sätze von ihnen. „Warte jetzt, dass mein Kaffeewasser heiß wird.“ Oder: „Heute Geburtstagsbrief an meine Tochter geschrieben.“ Daneben: „Mache mich für den Hof fertig, hab Schicht.“

Die Fotos sind Teil der Kunstaktion Strafraum; sie hängen am Freiburger Gefängnis. Hier sitzen die Männer mit den langen Haftstrafen, die schweren Jungs. Die dicken Mauern verhindern normalerweise jeden Kontakt. Wer hier seine Strafe absitzt, ist für die Menschen draußen unsichtbar.

Mit den Fotos wird deutlich: Hier leben Menschen. Menschen, die ihre Kinder lieben, Sport machen, ihre Zeit einteilen und ihre Strafe absitzen. Hinter den dicken Gefängnismauern leben Menschen, die wie alle ihre Würde haben. Gut, dass das jetzt auch von außen sichtbar ist.

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26JUL2020
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Ich höre den Baum, bevor ich ihn sehe. Die Linde steht mitten im Wohnviertel an der Straße. Sie blüht. Und duftet. Und brummt. Das heißt – nicht die Linde brummt, sondern die unzähligen Bienen, die von Blüte zu Blüte fliegen.

Sobald ich in die Nähe des Baumes komme, höre ich nur noch die summenden Bienen. Das Geräusch erzeugt eine Vibration, die ich körperlich spüre. Und ich rieche diesen durchdringenden Lindenblütenduft. Was für ein Wunder!

Die Linde steht ausgerechnet vor dem Hospiz. Zur Straße hin verzaubert dieser Baum mit Schönheit, Lebensgewimmel, Duft. Im Haus erleben Menschen ihre letzten Tage auf dieser Welt.

Als ich Edda zwei Tage vor ihrem Tod dort besuche, spricht sie von dem Baum: „Dass die Linde jetzt blüht, freut mich. Wenn ich ganz still liege, höre ich die Bienen bis in mein Zimmer.“

Wir schweigen – und tatsächlich, ich kann das Summen und Brausen auch hören. Edda lächelt und spricht weiter: „Diese Schöpfung ist so voller Leben, und ich bin ein Teil davon. Auch wenn ich sterbe.“

„Meinst du, weil unsere Körper wieder zu Erde werden?“, frage ich.
„Das auch“, sagt Edda, „aber wir sind doch noch mehr als nur Körper. Alles gehört zusammen und Gott wirkt in allen. Das hört niemals auf. Weil Gott lebt.“

Als ich mich auf den Heimweg mache, bleibe ich unter der Linde nochmal stehen. Es summt und brummt und duftet. Edda hat Recht. Gott wirkt in allen und allem. Gott lebt. Und dieser Baum ist der Baum des Lebens.

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