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SWR3 Gedanken

04JUL2020
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Briefe schreiben. Als Kind habe ich das geliebt. Einmal hatte ich einen Brieffreund, mit dem habe ich per Post ein Spiel gespielt – ein Brettspiel eigentlich, aber da wir weit voneinander entfernt wohnten, haben wir es auf diesem Weg versucht. Pro Spielzug ein Brief. Ziemlich lange hat so eine Partie gedauert. Ganz schön verrückt. Aber – auch einfach schön. Mit Briefen dauert es eben etwas länger.

In diesen Tagen habe ich diese Art von Langsamkeit ganz neu entdeckt. Beim Briefeschreiben habe ich anders Zeit zu reagieren. Und kann mir anders Zeit nehmen, in Ruhe nachzudenken: Was will ich eigentlich antworten? Ich finde, dieses langsame Denken und Reagieren, das brauchen wir heute manchmal mehr denn je. Nicht nur beim Briefeschreiben. Unsere Welt ist in vielen Dingen und Problemen sehr komplex geworden. Und auf komplexe Fragen sollten wir nicht zu schnell antworten. Oft ist es sogar besser, das Ganze erst einmal stehen zu lassen. Und darüber nachzudenken. Worum geht es eigentlich genau? Was steckt vielleicht noch dahinter? Und sind meine Gefühle und Ideen eine angemessene Antwort?

In der Bibel gibt es eine beeindruckende Geschichte, in der Jesus alle in die Langsamkeit führt. Eine Frau soll gesteinigt werden. Das war die damalige Strafe für Ehebruch. Die Schriftgelehrten wollen von Jesus bestätigt werden in ihrem kurzen Prozess. Er aber antwortet erst einmal nicht. Immer wieder bedrängen sie ihn: Was jetzt? Ja oder Nein? Er aber lockt sie ins Nachdenken. Und in eine andere Sicht auf Recht und Gesetz. Und sagt dann etwas, was ein ganz neues Licht in die Situation bringt: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Langsam lassen sie einer nach dem anderen ihren Stein fallen. Und gehen wortlos davon.

Kein schnelles Ja oder Nein. Sondern zunächst: Keine Antwort. Ein Innehalten. Ein Nachdenken. Das alles auf den Kopf stellt. Und am Ende ist die Antwort auf die Frage eine ganz andere. Langsamkeit eröffnet neue Möglichkeiten.

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03JUL2020
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Niemand will heute ein Faschist sein. Niemand will sich in eine Reihe stellen lassen mit den Nazis, die unter Hitler unser Land in den Abgrund geführt haben. Aber auch die Nazis damals haben mal klein angefangen. Und so, dass wenige nur gemerkt haben, wohin das führt. Deshalb ist es mir wichtig, frühzeitig zu erkennen, wenn man es mit Faschismus zu tun hat.

Sollte ich ein Bild vom Faschismus malen, dann würde ich einen alten und garstigen Menschen malen. Ein Mensch, der ein Meister der Verwandlung ist. Er gibt sich immer topmodern und hip. Um den Anschein zu geben, er wäre auf der Höhe der Zeit. Im Herzen trägt und bewahrt er aber all die Ungerechtigkeit in sich, die er einmal erlebt hat. Wahr oder unwahr- er nährt sie in sich und hält sie lebendig. Warum? Weil er sich rächen will. Irgendein Opfer wird sich schon finden.

Zuweilen kann er charmant, fast schon verführerisch sein. Besonders dann, wenn er einen trifft, der vom Leben enttäuscht und wütend ist. Dann stellt er sich neben ihn und flüstert ihm ins Ohr: Ich verstehe dein Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein. Und ich habe die Lösung deines Problems. Unsere Empörung, unser Hass hat ein Recht, in Handlung umgesetzt zu werden! Du hast das Recht, Genugtuung zu bekommen.

Das ist die Verführung, die der Faschismus anbietet. Deshalb ist es mir wichtig, mir das bewusst zu machen. Und wenn immer Wut und Hass in mir aufsteigen – mich zu fragen: wo wäre ich gefährdet, diesem verführerischen Angebot zu folgen?

Klar, niemals würde ich ein Faschist sein wollen. Aber was ist, wenn ich ungerecht behandelt werde? Wenn ich enttäuscht bin von der Politik, von Institutionen, Chefs und Respektspersonen? Faschismus fängt immer klein an - mit Wut und Enttäuschung. Und ich darf nicht zulassen, dass sie mein Handeln leiten.

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02JUL2020
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Ich liebe Spaghetti Aglio e Olio, also mit ordentlich viel Knoblauch und feinem Öl, manchmal noch mit einer Portion frischer Petersilie abgeschmeckt – wunderbar.

Aber unter normalen Bedingungen auch ein bisschen sozialunverträglich – auf jeden Fall kein Gericht, das man vor einem wichtigem Termin, oder gar einem Date essen sollte! In diesen Tagen gibt es ein neues Normal – und manches geht viel einfacher – Videokonferenz lautet das Zauberwort.

Viele Termine fanden und finden jetzt per Videomeeting statt – und durch die sichere Distanz des Bildschirms hat es kein noch so heftiger Knoblauchgeruch geschafft. Das so genannte Social distancing war wohl für uns alle eine große Lernerfahrung. Und ganz bestimmt nicht leicht. Aber es hatte auch Vorteile – nicht nur wegen der Sache mit dem Knoblauch.

Ich habe zum Beispiel auch erstaunlich viel Zeit gespart – allein dadurch, dass ich nicht mehr zu allen Terminen vor Ort hinfahren musste.

Aber der mit Abstand größte Vorteil war für mich, noch einmal ganz neu zu erkennen, wie wichtig die leibhaftige Begegnung ist. Zusammen und nebeneinander sitzen, vielleicht dicht an dicht. Gemeinsam essen, an einem Tisch, sich nicht über einen Bildschirm zuprosten, sondern in echt die Gläser klingen lassen. Nicht umsonst heißt es: Essen hält Leib und Seele zusammen. Das habe ich noch einmal ganz neu verstanden.

Und obwohl die Menschen vor 2000 Jahren noch kein Social distancing hatten wie heute – das haben sie schon damals gewusst, wie wichtig das ist. Deshalb hat Jesus bei einem gemeinsamen Abendessen gesagt: ihr sollt euch beim Essen an mich erinnern. An Gottes Liebe zu Euch. Ein Psalm der Bibel fasst es so zusammen: „Gott sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt er mit Gutem.“

Und so ist es: Gemeinsam essen, mit Liebe und manchmal auch mit ganz viel Knoblauch, hält Leib und Seele zusammen.

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01JUL2020
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Mit 16 hat sie alleine die Welt umsegelt – die Australierin Jessica Watson. Sieben Monate hat sie Wind und Sturm und Wellen getrotzt. Wusste nie, was im nächsten Augenblick passiert. Oft konnte sie nur auf Sicht fahren.

Als ich ihre Geschichte erfahren habe, dachte ich: so ähnlich ging es mir in den letzten Wochen und Monaten. Und vielen anderen auch: „Wir können nur auf Sicht fahren.“ Hieß es öfters. Von Seiten der Virologen, der Politiker, der Arbeitgeber und der Ladenbesitzer. Nur auf Sicht fahren. Längerfristige Planung ist unmöglich. Und das ist gar nicht leicht. Denn eine gute Planung vermittelt ja Sicherheit. Und auch wenn sich manches gerade wieder ändert, im wahrsten Sinne des Wortes „lockert“, bleibt es einfach nur wahr: „Wir können nur auf Sicht fahren.“

Wie das Jessica Watson gelungen ist? Das sagt sie so: „An den äußeren Bedingungen kannst du nichts ändern, aber in der Art und Weise, wie du mit diesen Bedingungen umgehst, daran kannst du was ändern.“ Mich beeindruckt das. Das würde ich auch gerne können. Aber wie? Wie schafft man das? Wie kann man es zum Beispiel einfach annehmen, dieses „nur auf Sicht fahren können“? Was gibt mir Vertrauen, das auszuhalten? Nicht zu wissen, was kommt? Tagelang im Sturm unterwegs zu sein?

Ich verstehe Jessica Watson so: Es ist gut, mir jeden Tag von neuem die Frage zu stellen: was brauchst du heute für diesen Tag. Was brauchst du, um gut durch den Sturm zu kommen? Sich selbst in den Blick zu nehmen, nichts zu überstürzen – darum geht es. Das könnte so etwas wie ein „Fahrplan“ sein, der mich auch durch Sturm und Wellen trägt. Und für mich gehört dazu auch das Vertrauen. Vertrauen darauf, dass Gott auch in diesen stürmischen Zeiten an meiner Seite ist. Und mich nicht verloren gehen lässt. So fahre ich weiter auf Sicht.

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30JUN2020
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Das Foto an meiner Pinnwand bringt mich immer wieder zum Lachen. Da sitzen zwei vergnügt aussehende Männer in einer einfach gefliesten Badewanne, wenig glamourös, eher ein bisschen rustikal.

Die beiden lächeln in die Kamera und sagen: „Wir können uns nicht darauf verlassen, dass eines Tages gute Bilder gemalt werden, wir müssen die Sache selbst in die Hand nehmen.“ Diese zwei sind niemand geringere als Sigmar Polke und Gerhard Richter, zwei der bekanntesten deutschen Maler und Künstler der Gegenwart.

Ein bisschen arrogant finde ich die beiden schon, auch wenn sie berühmt sind. Schließlich hat es auch vor ihnen schon „gute Bilder“ gegeben. Aber ihre Entschlossenheit mag ich: Nicht warten, bis andere etwas tun, bis es besser wird. Selber den Pinsel in die Hand nehmen und ein gutes Bild malen.

Die beiden Künstler inspirieren mich: selber was in die Hand nehmen, einen Anfang wagen. Auch wenn es zunächst vielleicht unmöglich scheint…

Ich bin keine Malerin, aber ich lebe von Bildern, die Hoffnung machen. In den Psalmen gibt’s es so ein Bild. Da heißt es: „Gott stellt meine Füße auf weiten Raum.“ Mich stärkt das. Zum einen: Ich stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Im Vertrauen auf Gott gerate ich nicht so schnell ins Straucheln und verliere so nicht meine Bodenhaftung.

Zum anderen: Da wartet etwas auf mich: ein weiter Raum, neue Möglichkeiten, viel zu entdecken. Gott stellt meine Füße auf weiten Raum. Was für ein Bild! Da kann ich loslaufen und was draus machen. Ich kann das Bild in meinen Farben ausmalen.
Und welches Bild würden Sie gerne malen?

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29JUN2020
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„Wann wird wieder alles normal sein?“ Fragen derzeit viele. Und sie meinen: Wann wird es wieder so sein wie vor Corona?

Mich beschäftigt die Frage auch. Zum einen frage ich mich: was heißt eigentlich „normal“? Und zum anderen: Kann es denn überhaupt wieder so sein wie vorher? Nach einer solchen Krise, einer solchen Erfahrung? Geht das überhaupt?

Antoine de Saint-Exupery, der französische Schriftsteller und Pilot, der heute vor 120 Jahren geboren wurde- der hat darauf eine Antwort. In seinem wohl bekanntesten Werk vom „Kleinen Prinzen“ sagt der Prinz etwas sehr Kluges dazu. Er meint „Was vergangen ist, ist vergangen“, also manches kommt einfach nicht mehr zurück, du musst Abschied davon nehmen. Und du weißt auch nicht, was die Zukunft dir bringen mag. Aber das „Hier und Jetzt, das gehört dir.“

Das Hier und Jetzt. Bei mir ist es derzeit voller Sehnsucht nach dem, was mir vorher so lieb war. Menschen umarmen, in dichtem Gedrängel ein Konzert hören… Andere sehnen sich danach, endlich wieder ein verlässliches Einkommen zu haben.

Auch wenn es manchmal schwer ist, nicht genau zu wissen, wie es weitergeht – mir tut gut, woran der kleine Prinz mich erinnert: an das Hier und Jetzt. Trotz allem. Weil das mir gehört. Weil ich das heute und das morgen gestalten kann.

Ich lebe jetzt. Und deshalb ist es gut, innezuhalten. Und mich zu fragen, was jetzt dran ist. Auch wenn manches gerade nicht „normal“ ist. Immer wenn ich das tue, entdecke ich mein Leben neu, nehme es neu und anders wahr: Die Zeit mit Freunden. Jede Begegnung ist kostbar, ist nicht selbstverständlich. Die Natur um mich herum – sehe ich mit anderen Augen, genieße jeden Sonnenstrahl, lasse mich stärken. Ich nehme vieles bewusster wahr – und sehe und höre und fühle vieles deutlicher. Darin erschließen sich mir ganz neue Welten, vorsichtig noch, aber schon deutlich spürbar, wie eine Knospe des neuen „Normal“ im Hier und Jetzt.

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28JUN2020
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Ich bekomme immer alles, was ich will, sagt die junge Frau.
Die Ältere schaut erstaunt, überlegt einen kurzen Moment und sagt: „Das kann ja ganz schön sein. Aber mich haben meine Wünsche auch in Bedrängnis gebracht. Ich bin mal mit einem Mann zusammen gewesen, den ich unbedingt heiraten wollte. Aber er hat mir gar nicht gut getan. Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass er der Falsche war.

Ein anderes Mal wollte ich unbedingt einen bestimmten Job. Aber ich habe ihn nicht bekommen und war darüber sehr unglücklich. Habe ich mich doch so angestrengt.“ „Aber das ist ja furchtbar! Sagt die Jüngere ganz entsetzt. Wie haben Sie das nur verkraftet?

Die Ältere lächelt. „Sie haben Recht. Damals, nach der Trennung, und als es dann auch noch mit dem Job nicht geklappt hatte, da war ich wirklich verzweifelt und wusste nicht weiter. Durch Zufall habe ich von einem anderen Job erfahren. Und da hat es tatsächlich geklappt! Und das Beste war: Am neuen Arbeitsplatz habe ich dann meinen heutigen Mann kennengelernt….

Heute denke ich: auch wenn es eine harte Zeit war, zum Schluss ist es doch noch gut geworden. Sogar richtig gut. Eigentlich doch deshalb, weil das, was ich mir so sehr gewünscht habe, nicht in Erfüllung gegangen ist. Ich meine: Von dem, was man will, hängt nicht immer das Glück ab. Manche Wünsche können auch in die Irre führen… Das zu wissen, hat mir später oft geholfen. Ich habe gelernt, offen zu bleiben, auch dann, wenn ich nicht bekommen habe, was ich wollte.

Der Weg zum Glück führt nicht immer über die Erfüllung der Wünsche. Sondern vielleicht eher durch die Offenheit, mit der ich dem Leben begegne. Offensein für das, was mir vom Himmel in den Schoß fällt. In der Bibel betet einer zu Gott und sagt zu ihm: „Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle.“ (Psalm 16,11).

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