Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

27JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Radu hat Tränen in den Augen. So viel Zeit hat sich schon lange niemand mehr für ihn genommen. Und jetzt auch noch ein Holzkreuz. Damit er immer beschützt ist.

Radu ist LKW-Fahrer und hat seine Familie in Rumänien schon fast fünf Wochen nicht mehr gesehen. Er ist immer on Tour. Wenn er die eine Ladung abgeliefert hat, geht es gleich zum nächsten Auftrag. Meistens quer durch Europa. Und wenn ein Wochenende dazwischen liegt, ab auf den nächsten Rastplatz. Die sind nur leider immer voll. Es ist total schwer, einen Stellplatz zu finden. Wenn er dann doch einen hat, beginnt für Radu die dunkelste Zeit. Allein in seinem LKW irgendwo in Europa. Seinen Wagen kann er nicht alleine lassen, zu gefährlich. Das Essen hat er sich vorher im Supermarkt gekauft, die Raststätten sind zu teuer und jetzt gerade meistens geschlossen.
Unterbrochen wird das trostlose Wochenende nur wenn er mit seiner Familie telefoniert. Zuhause in Rumänien.

An diesem Wochenende steht er auf dem Rastplatz Hegau West. Und da kommt plötzlich diese nette Dame auf ihn zu, Hilde heißt sie. Sie hat einen Dolmetscher dabei und Zeit zum Sprechen. Und dann eben das Holzkreuz.

„Lenkpause“, so heißt die Aktion die heute und morgen von der Arbeitnehmerseelsorge in dieser Region gestartet wird. Frauen und Männer sind an der Raststätte Hegau West unterwegs, gehen zu den Brummi-Fahrern, sprechen, verschenken Holzkreuze. Und wer möchte, ist am nächsten Morgen zum Gottesdienst in der Autobahnkapelle willkommen.

Heike Gotzmann organisiert die Aktion mit ihrem Team. Sie sagt: „Es geht darum, den Menschen zu zeigen, dass wir ihre Arbeit wertschätzen. Einfach mal DANKE sagen, und dass wir wissen, dass ohne sie bei uns nichts laufen würde. Die Regale im Supermarkt wären leer ohne sie.“

Viele Frauen und Männer engagieren sich ehrenamtlich bei der „Lenkpause“. Z. B. eben Hilde. Sie erzählt:„Es lohnt sich. Auch wegen solcher Momente mit Radu. Wenn unser Danke ankommt und die Augen strahlen.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31128
26JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Seit Corona ist es in der Öffentlichkeit seltsam still. Das liegt sicher daran, dass das öffentliche Leben eingeschränkt ist und sich nicht mehr so viele Menschen treffen.

Was mir aber auffällt ist, dass die Leute viel weniger miteinander reden oder überhaupt Kontakt aufnehmen. Ich kann nicht mehr locker mit anderen umgehen.

Mundschutz tragen heißt gleichzeitig irgendwie auch Maul halten. Beim Einkaufen erlebe ich das manchmal, dass bekannte Leute lieber wegschauen, als hallo zu sagen. Manchmal geht nicht mal Blickkontakt.

Das ist doch seltsam. Und zeigt, dass wir Menschen ein neues Gefühl entwickeln müssen, um frei miteinander umzugehen. Es muss ja auf Dauer möglich sein, zu sprechen, zu lachen und laut zu sein - wenn wir uns auch körperlich nicht so nah kommen dürfen. Ich muss immer wieder an Leute in südlichen Ländern denken. Wo sich körperlich nahe sein völlig normal und selbstverständlich ist. Wie geht es den Menschen, wenn es bei uns in Deutschland schon so schwierig ist?

Ich hab auch noch keine Lösung. Ich versuche aber, über meinen Mundschutz hinweg Blickkontakt aufzunehmen, die Leute anzulachen und auch zu sprechen. So wie vor Corona. Ich weiß, wir werden uns noch lange einschränken müssen und das ist auch sinnvoll. Aber ich glaube zueinander Kontakt zu haben, erzählen, lachen - das muss möglich sein. Und das müssen wir alle miteinander wieder üben. Weil es zu uns Menschen dazugehört.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31127
25JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der kleine Mario schreit. Es ist vier Uhr nachts und Mario wälzt sich hin und her. „Nein, nein. Lass mich“, ruft er. Judith setzt sich neben ihn, spricht mit ihm, singt und streichelt ihm vorsichtig über das Haar. Dass sie das darf, ist ein riesen Vertrauensbeweis.

Judith ist Marios Pflegemutter. Zusammen mit ihrem Mann Peter und den eigenen Kindern sind sie eine „Inobhutnahme-Familie“ für das Jugendamt. Die Familie nimmt spontan Kinder von null bis drei Jahren bei sich auf, die akut aus ihrer Familie raus müssen, weil sie dort nicht sicher sind. So war es auch bei Mario. Er hat viel Zeit gebraucht, um jemanden nah an sich ranzulassen.

Es kann also sein, dass bei Judith und Peter mitten in der Nacht das Telefon klingelt und das Jugendamt fragt, ob sie ein Neugeborenes aufnehmen können, weil die Eltern abgehauen sind. Dann holen sie die Tasche mit den Kleidern vom Speicher. Und das kleine Menschlein zu sich. Wie lange es bleibt, ist vorher nicht klar. Manchmal nur ein paar Tage. Manchmal Wochen oder Monate oder - so wie jetzt bei Mario - für immer. Er ist der Familie so ans Herz gewachsen und das Jugendamt hat auch sein OK gegeben. Das ist aber die Ausnahme.

Ich bewundere das sehr. Judith und Peter nehmen die Kinder völlig wertfrei an. Sie gehen mit ihnen ein Stück durchs Leben, geben ihnen ein Zuhause und hoffen, dass die Kinder weiterhin davon getragen sein werden. Sie sind immer bereit, wieder neu anzufangen.

Judith beschreibt ihr Leben mit den Kindern so:

„Wir kriegen ja auch was zurück. Diese Kinder sind so einzigartig. Es ist so ein interessantes Leben und Arbeiten mit diesen Kindern. Ich würde diese Entscheidung nie mehr zurücknehmen. Am Ende des Tages ist man nämlich zufrieden.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31126
24JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Mir fehlt der Handschlag. Ehrlich, ich vermisse, dass ich Leuten die Hand geben kann, wenn ich sie begrüße. Ich mag das nämlich sehr. Das ist vielleicht ein bisschen oldschool, aber es fehlt mir.

Ich finde den Handschlag zur Begrüßung gut, weil ich gleich mit dem oder der anderen verbunden bin. Ich finde es höflich, sich so zu begrüßen und es erleichtert auch, sich vorzustellen.

Wir bauen momentan und da muss man sich ja viel beraten lassen. Und es passiert uns immer wieder, dass wir uns nicht vorstellen, weil wir dem anderen nicht die Hand gegeben haben. Komisch, dass das daran gebunden ist. „Hallo, guten Tag, ich bin Johanna Vering.“ Das mache ich irgendwie ohne Handschlag nicht. Dafür muss ich jetzt einen anderen Platz finden. Das muss ich erst üben.

Es ist für mich überhaupt keine Frage, dass wir das jetzt nicht dürfen. Ich fände es aber sehr schade, wenn der Handschlag für immer wegfallen würde.

Er steht dafür, dass Menschen miteinander verbunden sind. In unterschiedlichen Beziehungen natürlich, aber grundsätzlich alleine dadurch, dass wir Menschen sind. Ganz alleine geht es nicht. Nicht in der Corona-Krise und auch sonst im Leben nicht.

Es ist zwar nur ein kleines Zeichen. Aber ich wünsche mir sehr, dass ich irgendwann den Leuten, die ich treffe oder neu kennenlerne, wieder die Hand geben kann

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31125
23JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Mein Sohn Clemens ist vier und findet gerade alles an sich interessant. Er entdeckt seinen Körper. Letzte Woche stand er morgens gefühlt eine halbe Stunde vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer und hat sich eingehend angeschaut. Und dabei ausprobiert, wie er aussieht, wenn er lacht, wenn er Grimassen zieht, wenn er sich hinkniet. Er hat sich immer wieder um die eigene Achse gedreht. Und ich stand im Türrahmen und hab mir das Ganze angeguckt. Herrlich. Er findet sich einfach schön.

Wie unbefangen Clemens seinem Körper gegenüber ist. Neugierig und richtig stolz.

Wie lange wird das wohl noch so bleiben? Wie lange kann er sich noch schön finden und stolz sein auf seinen Körper? Irgendwann setzt die natürliche Scham ein.

Aber es gibt zusätzlich noch vieles von außen, was das eigene Körpergefühl beeinflusst. Bilder, Werbung oder was andere sagen.
Das weiß ich noch gut von mir selbst. Ich war nie schlank und habe sehr schnell gelernt, dass das nicht richtig ist und damit auch nicht schön. Meine Familie hat das toll aufgefangen, es ging mir nie schlecht. Aber eben: mich richtig gut fühlen, geschweige denn, stolz auf meinen Körper zu sein, das ging nicht.

Das hat erst eingesetzt, als ich älter geworden bin und selbstbewusster. Jetzt bin ich das, stolz auf meinen Körper - egal wie er für andere aussieht. Er hat schon ganz schön viel geschafft.

„So ist es sehr gut.“ Das hat Gott gesagt, nachdem er den Menschen erschaffen hat. Das steht so sinngemäß ganz am Anfang der Bibel. Das heißt nicht, dass wir nicht an uns arbeiten sollen. Im Gegenteil, wir müssen auf uns aufpassen. Aber fest steht: Gott findet uns gut. So oder so.

Das wünsche ich Clemens. Dieses Gefühl, sehr gut zu sein. Egal wie andere schauen, oder was sie sagen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31124
22JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein großer Umbruch für mich und meine Familie: Wir wollen von Baden-Württemberg nach Nordrhein-Westfalen umziehen. Dafür brauchen wir aber Jobs dort. Mein Mann ist Lehrer und es ist gar nicht so leicht das Bundesland zu wechseln. Er kann nämlich nur ein Fach, das aber ziemlich gut: Religion. Er ist dann persönlich zu verschiedenen Schulen in NRW gegangen und hat sich vorgestellt. Und hat dabei seine jetzige Rektorin getroffen. Die hat einen Satz gesagt, der mich beeindruckt hat: „Herr Vering, Sie kann ich brauchen. Und wenn ich mit Ihnen Hand in Hand ins Ministerium marschiere, das kriegen wir schon hin.“ Nach nur einem Gespräch.

Es hat sich dann alles ewig hingezogen. In der ganzen Zeit hat die Rektorin Kontakt zu uns gehalten und sich für meinen Mann eingesetzt, bis es geklappt hat. Einfach so. Sie hat ihn ja wirklich kaum gekannt.

Wir haben an der ganzen Sache neu gelernt, was Fürsprache heißt. Für jemanden sprechen. Sich für jemanden einsetzen. Die Rektorin hat sich für meinen Mann engagiert ganz ohne die sprichwörtlichen guten Beziehungen, die man manchmal braucht.

Ich finde die Lady ganz schön mutig. Fürsprache setzt nämlich grundsätzlich voraus, dass man vertraut. Und das manchmal blind, weil ich die Person gar nicht kenne. Warum macht man das eigentlich? Vielleicht, weil ich sehe, dass jemand für eine Sache brennt, total begeistert ist. Oder weil ich bemerke, dass jemand Hilfe braucht.

Und klar: von Fürsprache habe ich selbst ja auch was. Ein gutes Gefühl, geholfen zu haben oder einen motivierten Mitarbeiter zum Beispiel.

Ich bin der Schulleiterin jedenfalls sehr dankbar für ihre Fürsprache. Ich weiß nicht, ob ich das immer könnte. Mich so vorbehaltlos einsetzen. Dass sie das getan hat, gibt mir aber einen Schubser. Die Augen und Ohren offen zu halten und zu bemerken, wenn jemand Fürsprache braucht. Und dann auch was zu tun. Und zwar mutig.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31123
21JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Am Anfang war das Wort.“

Das steht in der Bibel. Und momentan ist der Satz sehr wichtig für mich. Für mich ist das nämlich ein klarer Auftrag: kümmere Dich um das Wort. Sei aufmerksam und achtsam, wenn du sprichst. Worte sind mächtig. Sie haben Kraft.

Ich versuche das immer mehr. Ich achte darauf, wie ich spreche und ich versuche, meine Worte bewusst zu wählen. Wenn ich z.B. fragen möchte, ob jemand in einer Partnerschaft lebt, frage ich inzwischen: hast Du jemanden an Deiner Seite? Ich frage nicht mehr nach Geschlechtern. Ich bin da schon oft ins Fettnäpfchen getreten und möchte niemanden verletzen.

Umso mehr erschreckt es mich, was gerade passiert. Da verwenden verschiedene Gruppierungen und Politiker in Deutschland, Europa und weltweit Worte, die Angst machen oder Ängste schüren. Oder noch krasser, Worte, die sich ganz bewusst an den Jargon des Nazi-Regimes anlehnen. Da ist es möglich, dass ein Politiker von „jagen“ spricht und davon, sich „unser Land und unser Volk zurückzuholen.“

Dass sowas bei uns in Deutschland heute möglich ist, macht mich fassungslos. In anderen Staaten sieht es ähnlich aus. Oberste Repräsentanten denken eben nicht mehr darüber nach, was sie sagen und hauen raus, was ihnen gerade so in den Kopf schießt.

Problematisch wird es dann, wenn ich aufhöre sprachliche Bilder oder Begriffe zu hinterfragen. Gerade jetzt müssen wir wachsamer denn je sein, um nicht auf irgendwelche dumpfen Parolen reinzufallen.

Worte, die Menschen sprechen, dürfen nicht trennen. Ich glaube, das ist mein, das ist unser Auftrag als Menschen in der Welt.

Wenn Gott selbst das Wort ist, dann muss ich jedes meiner Worte wie einen Schatz behandeln. Vorsichtig und sanft, gut überlegt und so, dass es nicht nur mir dient, sondern gut ist für die Menschen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31122