Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

13JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich stehe in der Küche und räume den Einkaufskorb aus. Kekse, Radieschen, Bananen. O Vorsicht: die Eier. Ich mache die Schachtel auf und fange an die zehn Eier einzeln in den Kühlschrank einzuräumen. Da entdecke ich was und muss lächeln. Auf jedem Ei steht neben diesem typischen Herkunftsstempel auch noch was anderes. In roter Eier-Farbe: Bleiben Sie gesund! 

„Das ist aber nett vom Geflügelhof“, denke ich und räume die Eier ins Kühlschrankfach. Da kommt mir so eine Fantasie in den Kopf. Wie wäre es, wenn nicht nur auf den Eiern so was Nettes geschrieben steht? Sondern auch auf meiner Handyhülle, auf der Kaffeemaschine oder auf meinem Klingelschild. Überall so ein guter Wunsch, der mir und allen anderen Mut macht. Das wäre doch genial.

Da würde ich auf meiner Handyhülle lesen: deine Kontakte tragen dich. Und ich wäre vielleicht kurz froh darüber, dass ich Freunde und Bekannte habe.

Auf der Kaffeemaschine würde ich lesen: mach mal richtig Pause! Und so würde ich beim Kaffeetrinken daran erinnert, wie schön das ist, wenn ich etwas genießen kann.

Und für mein Klingelschild habe ich auch eine Idee: da würde unter meinem Name stehen: Endlich daheim. Komm rein und sei nur du selbst. 

Und vielleicht könnte auch noch was auf meinem Lenkrad, auf dem Einkaufswagen oder meiner Lesebrille stehen. Kleine frohe Botschaften für jeden Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31069
12JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Beauty Nails“ oder „American Nails“. So heißen sie oft, diese Nagelstudios, in denen man sich die Nägel machen lassen kann, meistens sehr günstig. Ich war noch nie in so einem Laden. Top gestylte Fingernägel sind nicht so mein Ding. Aber reingeschaut habe ich schon, und mir ist aufgefallen, dass da oft junge Asiatinnen oder Asiaten arbeiten.

Jetzt habe ich in der Zeitung einen Bericht gelesen, da ging es um eine junge Vietnamesin, die in so einem Laden arbeitet.

Auffällig viele Nagelstudios in ganz Europa haben vietnamesische Besitzer. Und viele junge Leute, die in solchen Läden arbeiten, sind illegale Flüchtlinge aus Vietnam. Die junge Vietnamesin aus dem Zeitungsbericht ist das auch. Sie hat sich mit ihrer Schwester zusammen auf den Weg nach Europa gemacht. Die Geschichte der beiden endet leider tragisch: denn eine der beiden stirbt auf der Flucht in einem überhitzten LKW. Die andere Schwester schafft es und bleibt in einem Nagelstudio hängen. Sie heißt Lan und arbeitet die ersten paar Wochen ganz ohne Lohn, und später dann für viel zu wenig. Lan hat keine Papiere, sie ist illegal im Land.

Sicher gibt es auch Läden, die „beauty Nails“ heißen, und bei denen alle fair bezahlt werden. Trotzdem, wenn ich mir überlege, was hinter so mancher Ladentür in unseren Innenstädten vorgeht, dann mache ich mir schon Sorgen. Viel zu viele Menschen haben bei uns keine Rechte und keine Chancen, weil sie illegal hier sind. Wenn sie es überhaupt lebend hier her schaffen.

Deswegen sage ich: Liebe Politiker, seht euch diese Misere an und sucht menschliche Lösungen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31068
11JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich habe in den letzten Wochen einigen „alten Kram“ aussortiert. Aber ich habe so ein paar Sachen, die würde ich nie wegwerfen. Die alte Backform von meiner Oma zum Beispiel, oder die angerissene Kinokarte vom ersten Kinobesuch mit meinem Mann. So was hebe ich auf.

Das sind meine „heiligen Sachen“. Meine persönlichen Erinnerungsstücke, die ich immer wieder mal in die Hand nehmen will, wenn mir danach ist. Die Sachen sind wie so kleine Schlüssel für mich. Sie machen eine ganz spezielle Tür in mir auf, wenn ich sie in der Hand habe. Wenn ich die Backform benutze, meine ich fast, meine Oma steht wieder neben mir. Und bei der alten Kinokarte fühle ich es wieder richtig, wie das war frisch verliebt zu sein.

Katholiken feiern in der Kirche heute ihre „heilige Sache“. Und zwar die Hostie, oder das Heilige Brot. Das ist auch nicht nur einfach Brot und wirkt ebenfalls wie so ein kleiner Schlüssel. Ein Schlüssel zu Gott. Wenn Christen im Gottesdienst das Stück Brot essen, dann erinnern sie sich dabei an Jesus. Viele fühlen sich dabei dann auch Gott besonders nahe.

So ähnlich wie wenn ich einen Kuchen in der alten Backform von meiner Oma backe.

Ich brauche die Backform nicht, um an meine Oma zu denken. Und ich brauche auch nicht unbedingt eine Hostie, um an Gott zu glauben.

Aber diese „heiligen Sachen“ können helfen, dass irgendwo in mir drin eine Tür aufgeht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31067
10JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Auf allen Vieren kriechen, wie ein Fuchs, essen, was ein Fuchs isst und schlafen, wo ein Fuchs schläft. Der Engländer Charles Foster hat das ausprobiert – monatelang. Foster ist Tierarzt und er wollte rausfinden, wie es ist ein Tier zu sein. Was fühlt er als Fuchs und schafft er es, dass er nicht mehr ständig nachdenkt wie es typisch für Menschen ist? 

Ein krasses Experiment, finde ich. Ich könnte das nicht. Der Forscher Charles Foster gibt zu: „Ich habe es auch nicht geschafft. Ich habe mich wochenlang wie ein Fuchs verhalten, aber ich habe dabei immer wieder nachgedacht. Das konnte ich nie ganz ausschalten. Meine Mensch-Perspektive ist geblieben.“ 

Ich bin heilfroh, dass ich so ein Experiment nicht machen muss. Aber die Sache mit der anderen Perspektive, die reizt mich. Das will ich können: meinen Blickwinkel mal wechseln und die eigene Denk-Maschine anhalten oder zumindest runterfahren. Zum Beispiel dann, wenn ich in einen Streit mit einem Kollegen geraten bin. Dann kann es sein, dass in meinem Kopf nur noch das Platz hat, was ich meinem Kollegen vorwerfe. Ich denke dann eigentlich immer das Gleiche: wie stur er ist, oder wie unmöglich er reagiert hat. 

Genau dann kann ich versuchen, dass ich die Sache mal aus einem ganz anderen Blickwinkel sehe. Ich stelle mir vor, ich bin mein Kollege. Wie sehe ich dann die Sache? Was fühle ich? Und was denke ich als mein Kollege über „mich“, die Ruth Schneeberger? 

Sich in einen Fuchs reinfühlen, das geht nicht. Aber sich in einen anderen Menschen reinfühlen und die eigenen Gedanken mal hinten anstellen, das ist zu schaffen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31066
09JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Autoschlüssel, Hausschlüssel, Schulschlüssel, Büroschlüssel, Fahrradschlüssel und Karabinerhaken. Das alles hängt am Schlüsselbund von meinem Mann. Er ist Religionslehrer. Und wenn er seinen Schlüsselbund nicht mehr hat, ist das die (!) Katastrophe. Klar, er braucht ihn ja auch für alles.

Trotzdem gibt mein Mann seinen Schlüsselbund regelmäßig an Schüler ab. Es ist ein Kniff von ihm, mit dem er seinen Schülern etwas ganz Bestimmtes klarmachen will.

Er zeigt erstmal allen in der Klasse seinen Schlüsselbund. Dann sagt er: „Den gebe ich jetzt her. Ihr könnt ihn haben. Wer will?“ Es meldet sich immer jemand und derjenige kriegt dann die Ansage: „So, jetzt kannst du damit machen, was du willst. Hol meine Möbel aus der Wohnung und verkaufe sie, oder fahr mit meinem Auto gegen einen Pfosten. Wie du willst. Du entscheidest, was du mit meinem Schlüssel machst. Ich vertraue dir.“

Bisher hat mein Mann seinen Schlüssel jedes Mal zurückbekommen.

Die Sache mit dem Schlüssel hergeben hat er als Vergleich gedacht. Wenn es im Unterricht um die Themen „Schöpfung“ und „Nachhaltigkeit“ geht, dann soll die Schlüssel-Aktion zeigen:

So wie mein Mann seinen kompletten Schlüsselbund einem anderen anvertraut, so macht das Gott mit der Erde. Gott leiht uns quasi die Erde. Wir können damit machen, was wir wollen. Die Verantwortung liegt bei uns. Wir haben den Planeten mit einem riesigem Vertrauensvorschuss bekommen, so wie die Schüler den Schlüsselbund.  Seltsam nur, dass es mit dem Schlüsselbund klappt, und mit der Erde weniger.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31065
08JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wenn ich absolut keine Zeit habe, dann habe ich immer noch „Zeitsplitter“.

Ein „Zeitsplitter“, das ist so eine Mini-Zeit, die für mich übrigbleibt, auch wenn mein ganzer Tag total stressig und durchgetaktet ist. Mit so einem Zeitsplitter kann ich machen, was ich will, da macht mir niemand Druck. Zum Beispiel mit der knappen Minute, die ich warten muss, bis der Wasserkocher fertig ist, bis mein Computer hochgefahren ist oder bis die Fußgängerampel auf grün umspringt. Da kann ich selbst entscheiden, ob ich mich in dem Moment im Kopf weiterstresse oder nicht. Ob ich schon wieder überlege, was ich jetzt als nächstes erledige oder ob ich kurz Pause mache. Ich kann mal durchatmen, kurz in den Himmel schauen oder sogar die Augen zu machen und mich mal nur auf mich konzentrieren. 

In den letzten typischen Corona-Wochen hat mir das mit den Zeitsplittern geholfen. Da hatte ich immer drei Kinder daheim und das Gefühl, dass ich nur noch funktionieren muss und nie anhalten kann. Aber gerade dann ist ja eigentlich Anhalten das Beste. Denn wenn ich immer nur weitermache - ohne Pause, dann wird meine Laune immer schlechter und früher oder später komme ich richtig aus dem Gleichgewicht. 

Deswegen sind so ein paar Minuten am Tag nur für mich da. Das sind meine Zeitsplitter. Und in denen kann ich mich kurz fragen: „Wie geht´s dir eigentlich gerade?“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31064
07JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Eins, zwei, drei, das Spielen ist vorbei! Sprüche in der Art höre ich von unseren Kindern momentan die ganze Zeit.

Eins, zwei, drei – das passt zu heute. Denn heute ist Dreifaltigkeitssonntag. Als Katholikin denke ich heute daran, dass Gott und diese drei Zahlen zusammenpassen. Ich glaube erstens an Gott, zweitens an Jesus und drittens an den Heiligen Geist.

Okay, das klingt jetzt vielleicht nach frommem Insider-Wissen, aber für mich steckt da alles drin, was mir in Sachen Religion wichtig ist. 

Ich glaube, dass Gott diese Welt mal wollte, und sie immer noch will. Auch wenn sie mittlerweile in wirklich schlechtem Zustand ist. Ich glaube auch, dass Gott mich mal wollte und immer noch will. Und auch meine Kinder. Das ist die eins. Gott. 

Die zwei, die steht für Jesus. Er hat zu seiner Zeit einfach perfekt vorgelebt, wie man lebt, wenn Gott eine Rolle spielt: engagiert, manchmal auch radikal, und immer ganz wach für den Anderen. Obwohl Jesus schon lang nicht mehr lebt, wirkt sein Vorbild noch. Das verbirgt sich für mich hinter der Zwei. 

Fehlt nur noch die Drei – mit dem seltsamen Namen „Heiliger Geist“. Das klingt trocken, aber was dahinter steckt ist schnell gesagt. Ich meine damit, dass ich Gott im Alltag finden kann. Zum Beispiel, wenn ich eine große Sache überstanden habe und danach richtig erleichtert bin. Oder wenn in einer Situation für mich, einfach alles passt. Mit einem Menschen, den ich mag oder den ich liebe. Oder wenn ich gar nicht viel dazu tun muss, und es läuft. Ein Projekt im Job, das gut wird, obwohl es zuerst überhaupt nicht danach ausgesehen hat. Ich glaube da springt Gott in mein Leben, er blitzt kurz auf und in dem Moment weiß ich: da war was: eben die drei, der Heilige Geist.

1,2,3. Das sind meine Basics: Gott will mich, Jesus gibt mir die Richtung vor und ab und zu bekomme ich ein Highlight geschenkt. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31063