Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

25JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Du kannst einfach nicht gut streiten.“ Das sagt mein Mann zu mir, und er hat recht.

Ich habe es nie gelernt. Denn in der Familie, in der ich groß geworden bin, haben wir so gut wie nie gestritten. Natürlich hat es da auch Probleme gegeben und die gibt es immer noch, aber trotzdem streitet da keiner so richtig. Weil meine Geschwister und ich das so trainiert haben, dass man sich lieber eine Weile aus dem Weg geht, anstatt irgendwas Schwieriges anzusprechen. Es wird sich schon von allein wieder einrenken.

Bei meinem Mann ist das gerade andersrum. Der ist in seiner Familie damit aufgewachsen, dass es ganz normal ist, wenn man streitet. Deswegen geht mein Mann auch lockerer mit Konflikten um. Er sagt einfach schneller, wenn ihn etwas stört.  

Jahrelang habe ich das belastend gefunden, dass ich nicht streiten kann. Denn seit ich meinen Mann kenne merke ich, wie wichtig es ist, dass man Probleme angeht. Vor allem bei den großen Geschichten.

Aber mein Mann hat auch etwas von mir gelernt: Manchmal ist nämlich auch der Weg besser, den meine Eltern mir vorgelebt haben. Wenn ich dem Streit erst gar keine große Bühne biete. Wenn über die kleinen Sachen, die mich am Anderen nerven oder anstrengen, auch mal Gras wachsen darf. Das Eine oder andere erledigt sich tatsächlich oft von allein. In den kleinen Streitigkeiten, die irgendwie nicht so wichtig sind, sag ich dann zu meinem Mann: „Ach, lass gut sein. Den Streit, den schenken wir uns jetzt einfach.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30160
24JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Schneckentraum“ – so heißt ein Film, den ich bestimmt schon dreißig Mal gesehen hab. „Schneckentraum“ ist ein Liebesfilm, aber einer ohne Happy End.

Was in dem Film passiert, ist schnell erklärt: Kathrin ist eine junge Frau und sie verliebt sich in einen Buchhändler. Er heißt Oliver. Und weil Kathrin Oliver immer wieder sehen möchte, kauft sie jeden Tag ein Buch bei ihm. Sie nimmt immer irgendeins ohne es auch nur einmal anzuschauen oder zu lesen, und jeden Tag verpackt der Buchhändler das Buch liebevoll als Geschenk. Kathrin will ihn eigentlich unbedingt ansprechen, aber sie traut sich nie.

Am Schluss ist Oliver auf einmal weg. Er ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Jetzt erst packt die Frau endlich die vielen Bücher aus. Schon im ersten findet sie eine Nachricht. Da steht: „Wer bist du? Kommst du morgen wieder?“ Jetzt reißt die Frau unter Tränen alle Bücher aus dem Papier und in jedem Buch steht etwas von Oliver. Zum Beispiel: „Du bist wunderschön.“ oder „Ich möchte wissen wie du heißt.“ In einem der letzten Bücher liest die Frau: „Ich verstehe dich nicht. Warum sagst du denn nichts?“

„Schneckentraum“ - so heißt der Film. Natürlich ist die Geschichte traurig. Aber nicht nur. Der Film macht auch Mut. Er hat eine richtige Message und die heißt:

„Komm raus aus deinem Schneckenhaus und trau dich. Du kriegst so viel geschenkt, pack es aus! Und sprich über das, was du fühlst. Am besten jetzt gleich, sonst ist es am Ende noch zu spät.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30159
23JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Meine Freundin Alex sagt zu mir: „Ich bin ja seit neuestem auf dem No-Waste-Trip. Du nicht?“ Alex ist zu Besuch bei mir daheim und wir stehen in der Küche. Alex sprudelt richtig drauflos: „Du weißt doch, No-Waste, möglichst wenig Müll produzieren und vor allem: kein Plastik.“ Das sagt Alex und schielt dabei auf meine Spülbürste, die ist nämlich aus Plastik, und auf den Spüllappen, den werf ich nämlich einfach weg, wenn er anfängt zu müffeln.

Ich steh neben meiner Freundin und fühl mich irgendwie ertappt. Alex redet weiter: „Wahnsinn, was du noch alles aus Plastik hast. So viel Zeug, das kann man doch alles ersetzen. Also ich hab ja…“ Und dann erklärt sie mir tausend Sachen. Dass Haarseife besser ist als Shampoo und dass man sich Putzmittel auch selber mischen kann.

Allmählich wird das anstrengend, wie Alex so auf mich einredet und mir dabei irgendwie auch ein schlechtes Gewissen macht. Am Schluss nervt es mich richtig, wie begeistert sie von ihrem „No-Waste“ ist.

Als meine Freundin Alex gegangen ist, erzähl ich die Sache meinem Mann. Ich sage zu ihm: „Meine Güte, ich gebe mir doch auch Mühe irgendwie korrekt oder eben nachhaltig zu leben. Dass ich Obst kaufe, was hier aus der Gegend kommt oder dass ich auch mal das Auto stehen lasse.“ Und ich erzähle noch viel mehr, irgendwie will ich mich rechtfertigen.

Mein Mann hört sich alles an und versteht mich nicht. Er meint nur: „Lass dich doch jetzt nicht stressen. Ist doch schonmal das Wichtigste, dass wir beim Einkaufen mitdenken. Und nicht einfach irgendwas kaufen, was kein Mensch braucht.“ Ah, das hab ich jetzt gebraucht.

Müll vermeiden ist gerade echt angesagt und ich tu´s auch schon. Ich habe gemerkt: Leute, die übertreiben und mir ein schlechtes Gewissen machen, tun mir nicht gut. Mir hilft es, wenn jemand drauf schaut, was bei mir schon ganz gut läuft. Das motiviert mich viel mehr.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30158
22JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Früher war alles schlechter.“ Ja, richtig gehört: „Früher war eben nicht alles besser, sondern vieles schlechter.“ Davon ist Guido Mingels überzeugt. Der Journalist hat lauter Fakten gesammelt, die beweisen sollen, dass unsere Welt an vielen Stellen besser geworden ist. Vor allem, wenn man nicht nur ein, zwei Jahre zurückschaut, sondern zwanzig oder fünfzig Jahre. Guido Mingels will zeigen, dass wir ruhig optimistisch sein können, was die Zukunft betrifft. Obwohl es in vielen Belangen weltweit wirklich schlecht läuft. Trotzdem: Guido Mingels hat die positiven Trends gesucht und sie auch gefunden. Zum Beispiel bei der „Kinderarbeit“. Heute gibt es weltweit über 150 Millionen Kinder, die arbeiten müssen. Das ist natürlich immer noch viel zu viel. Aber vor zwanzig Jahren waren es 100 Millionen Kinder mehr.

Oder beim Thema „Alphabetisierung“. Vor sechzig Jahren konnten nur sechzig Prozent aller Menschen schreiben. Heute sind es schon ungefähr 85 Prozent. Immerhin!

Mir tun diese positiven Nachrichten gut. Ich sauge sie fast schon in mir auf, weil mich das dazu ermutigt, dass ich selber auch positiv bleibe. Vor allem wenn ich wieder die nächsten schlimmen Nachrichten höre. Manchmal lähmen die mich, so dass ich beinahe aufgebe.

Aber die guten Nachrichten helfen mir, dass ich dranbleibe, dass ich mich für eine bessere Welt engagiere, dass ich mithelfe, in der kleinen Welt, in der ich mich bewege. da, wo ich bin, mithelfe. Im besten Fall wird so auch die große Welt ein bisschen besser.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30157
21JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich habe fünf Cousinen. Und zu jeder ist mein Verhältnis anders. Aber mit einer von meinen fünf Cousinen, fühl ich mich besonders verbunden. Mit Katharina. Wir sind wie Schwestern aufgewachsen. Der gleiche Kindergarten, die gleichen Schulen. Wir kennen uns einfach gut. Wenn ich meine Cousine treffe, dann passt das nicht nur gut, sondern dann lebe ich auch irgendwie auf.

In der Bibel gibt es auch zwei solche Cousinen, die verstehen sich auch so gut, wie Katharina und ich. Die eine ist Maria, wie sie gerade mit Jesus schwanger ist. Und die andere ist Elisabeth, Marias ältere Cousine. Bei den beiden braucht keine viel reden, die Eine spürt sowieso, wie es der anderen geht.

In der Bibel ist an einer Stelle genau dieser Effekt ganz gut beschrieben: sie verstehen sich ohne Worte.

Es ist so: Maria ist ungewollt schwanger geworden, alles ist neu für sie und jetzt hat sie auch noch das Gefühl, dass alle über sie reden. Deswegen flüchtet sie sich zu ihrer Cousine, die weiter weg wohnt. Als die sie unter der Haustür begrüßt, braucht Maria gar nichts groß zu sagen. Elisabeth weiß gleich Bescheid: dass Maria schwanger ist sowieso, aber auch, dass ihr Baby von Gott kommt und Maria deswegen eine Menge vor sich hat.

Maria ist total erleichtert: endlich jemand, der sie versteht. Sie fängt spontan an, ein Lied zu singen, so gut tut ihr das. Maria singt: „Mein Gott, wie ich mich freue. Eigentlich ist mein Ego gerade so klein mit Hut, aber jetzt weiß ich: mit Gott werde ich noch richtig glücklich.“

Wie befreiend, das sein kann, wenn man eine Cousine hat. Oder einfach jemanden, der einen versteht – ohne große Worte.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30156
20JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es gibt Tage, an denen liebe ich mein Dorf.

Zum Beispiel wenn meine Tochter ihren Puppenbuggy beim Brötchen holen in der Bäckerei vergisst. Und es dann ein paar Stunden später bei uns an der Haustür klingelt. Es ist Evi aus der Bäckerei. Sie sagt: „Ihr habt euren Puppenbuggy vergessen. Wo soll ich ihn abstellen?“

An solchen Tagen mag ich es im Dorf zu leben. Weil Evi mich kennt, weiß wo ich wohne und mir dann auch noch nach Feierabend unsere Spielsachen hinterherträgt.

Logisch, es gibt auch Tage, an denen nervt mich mein Dorf. Zum Beispiel wenn meine Tochter in der Öffentlichkeit einen Riesen-Trotz-Anfall bekommt oder wenn ich ungeduscht und ungeschmickt bin und trotzdem dringend was einkaufen muss. Da ist das anstrengend, dass dich jeder kennt und dass einen manche auch ganz schön beobachten.

Im Dorf zu leben bedeutet für mich mehr, als nur im Grünen zu wohnen, wo es ruhiger ist. Es spielt schon eine Rolle, dass ich immer wieder die Gleichen treffe und dass man sich kennt. Gut, ich könnte drei, vier Kilometer mit dem Auto fahren und woanders Brötchen kaufen. Dann wäre ich freier und nicht so beobachtet. Aber das will ich nicht.

Mir gefällt es, dass man im Dorf mit vielen Leuten Kontakt hat und viele kennt. Ich glaube es ist dann manchmal leichter, dass man sich ein bisschen um den Anderen kümmert und einander hilft.

So wie Evi aus der Bäckerei.

Ich liebe mein Dorf.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30155
19JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Irgendwie habe ich Gott wie einen vergesslichen Opa behandelt.“ Den Satz habe ich von einem Pfarrer gehört. Der hat mit diesem seltsamen Vergleich erklärt, wie sein Verhältnis zu Gott früher war. Heut ist das anders.

Der Pfarrer hat gesagt: „Früher habe ich Gott behandelt wie einen alten Opa, der in meinem Leben immer dann da ist, wenn ich ihn brauche. Das heißt, wenn es mir schlecht gegangen ist, habe ich gebetet. Wenn es mir gut gegangen ist, habe ich ihn, wie so einen Opa im Rollstuhl aus meinem Leben hinausgeschoben. Dabei habe ich Gott ja eigentlich wie einen vergesslichen Opa behandelt, weil ich gedacht habe: ich hole ihn einfach wieder rein und er merkt es gar nicht, wie lange er aus meinem Leben draußen war. Ich tu einfach so, als ob ich Gott grad gestern besucht habe.“

Der Vergleich ist heftig. Und es ist auch nur ein Vergleich. Natürlich hat der Pfarrer nichts gegen alte Opas und Gott ist kein Mensch wie du und ich. Gott ist sicher völlig anders als ich mir das vorstelle. Aber trotzdem, der Vergleich mit dem Opa, der hat was in mir angestoßen. Ich kenn das, dass ich mit Gott manchmal nicht aufrichtig umgehe und ich denke, dass es Gott vollkommen egal ist, wie oft ich ihn in mein Leben schiebe. „Vollkommen egal“ in dem Sinne, dass er mich eh immer nimmt wie ich bin und dass er auch dann für mich da ist, wenn ich ihn nicht ständig auf dem Schirm habe.

Aber ich glaube: Gott ist eben nicht wie ein vergesslicher Opa, sondern wie ein Jungspund, der jeden Tag tausend Ideen hat, wie er in mein Leben kommen kann. Also kann ich ihn auch jedes Mal „wie neu“ behandeln.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30154