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SWR3 Gedanken

04JAN2020
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In einer anglikanischen Gemeinde in Cornwall wird den Besuchern des Gottesdienstes Folgendes in die Hand gedrückt:

Wir heißen herzlich willkommen: Alle, die ledig, verheiratet, geschieden, verwitwet, schwul, glücklich und zufrieden, stinkreich oder bettelarm sind. Wir begrüßen besonders jammernde Babys und aufgeregte Kleinkinder. Wir heißen Dich willkommen, egal, ob Du wie Pavarotti singst oder nur leise vor Dich hin brummst.

Du bist hier willkommen, wenn Du nur mal schauen willst und gerade aufgestanden bist. Es ist uns egal, ob Du christlicher bist als der Erzbischof von Canterbury oder seit Weihnachten vor zehn Jahren nicht mehr in einer Kirche warst.

Wir heißen besonders diejenigen willkommen, die über 60 Jahre alt sind – aber immer noch nicht erwachsen, und Jugendliche, die zu schnell erwachsen werden.

Wir freuen uns über Fußballväter, Ökofreaks, Latte-Macchiato-Mütter, Vegetarier, Junk-Food-Fans, Häusle- und Autobauer.

Wir heißen Dich willkommen, wenn Du nicht weißt, wohin mit Deiner Unruhe oder „organisierte Religion“ nicht magst (wir sind da auch nicht so scharf drauf!).

Wir heißen diejenigen willkommen, die zu viel arbeiten, und die, die nicht arbeiten, und alle, die hier sind, weil Oma zu Besuch ist und einen Gottesdienst besuchen wollte…

Wir begrüßen diejenigen, die gepierct oder tätowiert sind oder beides oder weder noch.

Wie heißen diejenigen herzlich willkommen, die im Moment ein Gebet brauchen können, die Religion mit der Muttermilch aufgesogen oder die sich verlaufen haben und versehentlich hier gelandet sind.
Wir heißen Pilger, Touristen, Suchende, Zweifler… und Dich herzlich willkommen!

Dank an Tom Dillenhöfer vom Gospelhaus Stuttgart (http://www.gospelhaus-stuttgart.de/) und an seinen Freund!

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03JAN2020
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Gut, ich gestehe: Ich liebe es, in meiner Wochenendzeitung die Todesanzeigen zu lesen. Ich weiß, das machen angeblich nur ältere Menschen und es hört sich etwas morbide an. Aber ich lerne dabei so vieles über das Leben. Trauriges wie Komisches. Letztens habe ich diesen Spruch auf einer Todesanzeige gelesen: „Müh und Arbeit war dein Leben, treu und fleißig deine Hand, Ruhe hat dir Gott gegeben, denn du hast sie nie gekannt.“ Oh weh. Nur Mühe und Arbeit kennen? Sein Leben lang immer nur treu und fleißig sein? Keine Ruhe, kein Entspannen, kein „das Leben einfach mal genießen“. Entsetzlich. Mir hat der arme Mann so leid getan.

Ich habe sofort meine Schwester angerufen und gesagt: Sowas will ich auf meiner Todesanzeige mal nicht lesen, bitte.

Klar gibt es auch in meinem Leben „Mühe und Arbeit“. Als Pfarrerin hetze ich manchmal ganz schön durch die Tage: Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Beerdigungen, Religionsunterricht, Papierkram … das schon. Ich vermute mal, Terminstress bringt jeder andere Beruf auch mit sich. Doch ich muss sagen, ich bin sehr gern Pfarrerin, ich liebe meine Arbeit, sie macht mich zufrieden und erfüllt mich.

Besonders, weil ich auch die Ruhe genießen kann. Ruhe bekomme ich tatsächlich von Gott geschenkt – immer am Tag der Ruhe, am Sonntag. Und ich genieße diesen Ruhetag: mit der Familie frühstücken, Gottesdienst feiern, einen Mittagsschlaf halten oder einen Ausflug machen, lecker kochen und essen. Diese Ruhe schenkt mir immer wieder Kraft.

Bald ist ja wieder Wochenende. Und ein bisschen Sonntag ab und an sollte sich jeder gönnen. Und nicht erst im Grab Ruhe haben…

Dietrich Bonhoeffer: Die Zehn Gebote enthalten kein Gebot zu arbeiten, aber ein Gebot, von der Arbeit zu ruhen. Das ist die Umkehrung von dem, was wir zu denken gewohnt sind.

Inspiriert von Mosaik meines Lebens von Bernd Hüffmann.

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02JAN2020
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Die Welt ist ungerecht und manchmal echt gemein. Das habe ich schön ziemlich früh im Leben erkannt. Genau genommen schon in der Schule. Sport habe ich ja über alles geliebt. Doch leider war der Sportunterricht nur ein verschwindend kleiner Teil des schulischen Programms, denn da waren ja noch die anderen Fächer: Deutsch zum Beispiel war mir immer ein Graus.

Besonders das Auswendiglernen. Zumal unser Deutschlehrer ellenlange Gedichte geliebt hat. „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? …“ Goethes Erlkönig. Was habe ich mir Mühe gegeben, dieses Gedicht und all die anderen Gedichte in den Kopf zu bekommen. Und immer, wenn ich gedacht habe, jetzt aber, jetzt kann ich´s, immer wenn ich mich sogar freiwillig gemeldet habe – dann war es oft aus. Ich stehe da und nichts geht mehr. Gar nichts mehr. Alles weg.

Ganz anders die Mädchen, die ich auf dem Schulweg gesehen habe. Im Schulbus da sitzen die Mädchen, die zu Hause nicht gelernt haben. Sie lesen sich das Gedicht ein paar Mal durch. Kommen im Unterricht dran. Ich denke noch: Oh, das kann nur schiefgehen! Doch nein! Ohne Hänger rezitieren die Mädels einwandfrei Goethes Ballade: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? ...“

Seither weiß ich: Was immer die Glücklichen da geritten hat, die Welt ist ungerecht. Stärken und Schwächen sind nicht immer gerecht verteilt. In der Bibel steht ein schöner Satz dazu: „Meine Kraft, sagt da Jesus Christus, kommt gerade in der Schwäche voll zur Geltung.“ (2. Korinther 12,9b) Jesus hilft nicht beim Auswendiglernen, aber Jesus hilft, es mit einem Lächeln hinzunehmen.

Inspiriert von Mosaik meines Lebens von Bernd Hüffmann.

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01JAN2020
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Ui, schon wieder ein Neues Jahr, wie im Flug ist das alte vergangen. Das passt. Ich bin auch nicht zu bremsen. Alles, was Räder hat, was schnell ist und abenteuerlich, das habe ich schon als Kind geliebt. Wie beim Schürreskarrenrennen. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gibt es jedes Jahr ein Rennen mit „Schürreskarren“, also Schubkarren. Natürlich nicht irgendwelche. Sie werden fantasievoll geschmückt. Und wer sie fährt, kostümiert sich auch.

Zu bewältigen ist ein Parcour mit Hindernissen. Eins davon: eine schmale Holzplanke über Wasser… Klar: Die Hälfte der Teilnehmenden fällt unter lautem Gejohle und Gelache ins Wasser! Ich war begeistert und weiß noch wie heute, wie mein Vater und ich einmal angetreten sind. Erst mal haben wir die olle Schubkarre aufgepumpt, gesäubert und geschmückt. Stunden um Stunden. Dann stand sie fertig vor uns. Was sind wir stolz gewesen. Dann das Training – und der große Tag: das Schürreskarrenrennen. Ich weiß nicht mehr wirklich, wie es gelaufen ist. Plötzlich ist alles ganz schnell vorbei gegangen. Ich glaube, wir sind Vorletzte geworden. Aber es war so schön! Und noch heute fühle ich mich wie eine Siegerin.

So ähnlich muss es auch der Apostel Paulus in der Bibel gekannt haben. „Nur einer gewinnt den Preis“, schreibt er, „lauft wie der, der ihn gewinnt. Auf uns wartet ein unvergänglicher Siegerkranz“ (1. Korinther 9,25b). Paulus meint damit das Leben bei Gott. Egal, ob wir als Erster ankommen oder als Letzter – wir gewinnen! Ja, so habe ich es schon öfter erlebt - nicht nur beim Schürreskarrenrennen. Ich wünsche allen ein fliegendes, gesegnetes Neues Jahr.

Inspiriert von „Mosaik meines Lebens“ von Bernd Hüffmann.

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31DEZ2019
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Wir gucken immer ein wenig verschämt, wenn wir gefragt werden: „Wo habt Ihr Euch eigentlich kennengelernt?“ Meine Freundin Kerstin und ich nämlich. Wir haben uns vor Urzeiten beim Faustball kennengelernt. Am letzten Tag des Jahres denke ich wieder etwas sentimental daran zurück. Ausgerechnet Faustball. Ich weiß, nicht gerade eine sexy Sportart. Klingt nach Altherrensport. Und viele wissen nicht mal, was es ist.

Nun, Faustball ist ähnlich wie Volleyball. Aber auf einem doppelt so großen Feld und gespielt wird – na klar, nur mit der Faust. Kerstin und mir hat das unglaublich viel Spaß gemacht! Auf dem Faustballfeld habe ich gelernt, wie wichtig es ist, ein gutes Team zu sein. Man muss sich mit seinen Mitspielerinnen gut abstimmen, um den Ball geschickt im gegnerischen Feld zu platzieren. Nur miteinander kann man gewinnen. Und gewinnen wollten wir. Wobei… wenn wir Auswärtsspiele hatten, war es immer auch ein Fest. Wir haben Kuchen und Kekse gegessen und viel gelacht – nicht nur mit dem eigenen Team. Es war so eine eingeschworene Gemeinschaft: Wir gehören zu den wenigen, die Faustball spielen. Das hat zusammengeschweißt - über alle Dorf- und Städtegrenzen hinweg.

Heute Abend werde ich eine Wunderkerze für Kerstin und mich anzünden. Denn wir sind immer noch begnadete Faustballspielerinnen. Zumindest in der Erinnerung. Denn, ganz ehrlich, schon seit Jahren haben wir nicht mehr gespielt. Aber ob mit oder ohne Ball: Wir bleiben Freundinnen und wir sind ein Team. Wir halten zusammen bei Sieg oder Niederlage, in guten und in schweren Zeiten - friends forever. So kann das Neue Jahr kommen.

Jesus Christus spricht: Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.‘“ Matthäusevangelium 18,20

Inspiriert von Mosaik meines Lebens von Bernd Hüffmann.

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30DEZ2019
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Doch, ich laufe gern. Mein Hund und ich, wir freuen uns bereits, wenn ich meine Laufsachen anziehe. Dann geht es los. Der Atem wird bald regelmäßig. Die Beine laufen wie von selbst. Ich laufe am liebsten morgens, wenn die Luft noch frisch und unverbraucht ist. Ich laufe nicht sonderlich schnell, aber stetig. Zuerst überschlagen sich die Gedanken. Ich denke an vergangene Gespräche oder an zukünftige Projekte. Aber irgendwann kommen die Gedanken zur Ruhe. Dann bin ich im flow sozusagen.

Wie gesagt, ich laufe sehr gern. Selbst wenn diese Schnellläufer an mir vorüberjoggen. Meist sind es Männer, stylisch eingekleidet, die an mir vorbeisprinten, mit einem leicht verächtlichen Blick. Klar, sie haben für ein ‚Hallo‘ oder gar ein ‚Guten Morgen‘ auch keine Zeit. Sie haben, gefühlt, immer Wichtigeres zu tun. Und haben es vor allem immer eilig. Beim Joggen in der Freizeit, im Alltag, und auf der Arbeit sowieso.

Manchmal gehöre ich ja auch zu denen, die sich ständig sputen. Aber warum eigentlich immer hetzen? Ich versuche es öfter, langsam anzugehen. Wer muss schon immer ganz vorn sein, die Erste oder der Klassenbester oder der Schönste im ganzen Joggerland? Ich denke mir oft, dass es wohl besser ist, langsam in die richtige Richtung zu gehen als zu schnell in die falsche! Sich Zeit nehmen, nachdenken, genießen – ich glaube, darauf kommt es an im Leben. „Alles hat seine Zeit“, so sagt schon ein weiser Mensch in der Bibel.

Im Übrigen, gerade bei den offiziellen Marathonläufen erkennt man die Schnellläufer daran, dass sie nach wenigen Kilometern meist wegen Muskelkrämpfen aufgeben müssen. Langsam ist halt doch manchmal besser.

 Inspiriert von Mosaik meines Lebens“ von Bernd Hüffmann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30051
29DEZ2019
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„Wenn man Kühe sucht, findet man Pilze. Wenn man Pilze sucht, findet man Kühe.“ Nun gut. Wen interessieren schon groß Kühe oder Pilze? Ich habe jedenfalls diesen Spruch gefunden und seitdem bin ich ein großer Fan von Beidem. „Wenn man Kühe sucht, findet man Pilze. Wenn man Pilze sucht, findet man Kühe.“ So einfach ist das. Aber wenn man absichtlich Pilze sucht, um Kühe zu finden, oder Kühe sucht, um Pilze zu finden, dann findet man nichts. Gar nichts.

Der Spruch ist witzig, finde ich, und echt wahr. Das fängt beim Hammer an. Ich gehe ihn im Keller suchen – finde ihn nicht, aber die Isomatte, die ich schon lange vermisst habe! Oder ich fahre in Urlaub an die Ostsee – und ich treffe eine Frau, die zu einer guten Freundin wird. Habe ich nicht gesucht, aber gefunden. „Man sucht Pilze und findet Kühe.“ So einfach ist das. Nur: Ich sollte mir wohl nicht zu genaue Vorstellungen machen, wie das oder der oder die ist oder aussehen soll, die ich suche.

Wie bei der Suche nach Gott. Ich erlebe manchmal Leute, die genau zu wissen meinen, was sie suchen. Etwa einen Gott wie dieser gütige Mann mit Rauschebart. Oder einen, der fiesen Leuten auf die Finger haut. Einen Gott, der alles kann und weiß. Oder einen, dem man rein gar nichts zutrauen kann. Oder Gott als Frau, wie eine liebevolle Mutter. So viele Erwartungen, wie Gott zu sein hat. Dabei ist und bleibt er oder sie ein Geheimnis. Am besten lasse ich mich darum überraschen. Wenn ich neugierig und offen bleibe. Dann kann es sein, dass mir Gott sozusagen vor die Füße fällt, wenn ich ihn gar nicht suche. Wie ein Pilz. Oder eben eine Kuh. So einfach ist das.

Dank an Tom Dillenhöfer vom Gospelhaus Stuttgart http://www.gospelhaus-stuttgart.de/!

Jeremia 29,13.14: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.“

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