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SWR3 Gedanken

16NOV2019
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Ich liebe Smalltalk. So ein kleines Gespräch übers Wetter oder über den Verkehr, das mag ich. Egal ob beim Bäcker oder an der Bushaltestelle. Ich mag das, wenn jemand mit mir ein bisschen mehr spricht, als er unbedingt muss.

Aber Smalltalk kann mir auch zu viel werden. Vor allem, wenn ich müde bin oder irgendwie mit mir selber beschäftigt. Dann habe ich keinen Kopf dafür und mir ist selbst das kleinste Gespräch übers Wetter zu viel.

Bei meinem letzten Frisörbesuch war das so. Ich war hundemüde und wollte einfach nur abschalten. Wie gut, dass die Frisörin das gemerkt hat und meine Haare geschnitten hat ohne mit mir zu sprechen.

Das Problem war das Gespräch neben mir. Das war eben kein Smalltalk, da haben zwei Frauen ohne Punkt und Komma gequatscht. Erst über den Riesenstreit, den die eine gerade mit ihrem Vater hat. Und wie unmöglich der sich verhält. Als nächstes war dann noch um die neue Frau vom Nachbarn gegenüber dran.

Anstrengend war das. Mich hat dabei vor allem gestört, dass die beiden immer nur über andere gesprochen haben. Kein einziges Wort über sich selbst.

Ich kenne das. Ich kann mich auch tierisch über andere aufregen. Aber da beim Frisör, als ich mir das alles anhören musste, da habe ich gemerkt, wie schön so ein kurzes Gespräch übers Wetter oder über irgendwas anderes sein kann. Das verletzt zumindest niemanden und wenn ich will, kann ich dabei auch noch was über mich sagen. Ob mich der Regen nervt oder nicht. Ob der Nebel auf meine Stimmung schlägt oder ob ich es mag, wenn es neblig ist. Deswegen mag ich den Smalltalk so. Weil ich da selbst im Gespräch mit einem Fremden ein bisschen was von ihm erfahre und dabei auch was über mich sagen kann.

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15NOV2019
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Nicole sitzt am Schwimmbadrand. Es ist frühmorgens und außer ihr ist niemand da. Nicole ist meine Cousine und sie hat mir erzählt, dass sie deswegen manchmal extra früh aufsteht. Und wie sie das genießt, wenn sie morgens noch das ganze Becken für sich hat.

Erstmal lässt sie sich vorsichtig ins Wasser runter und dann wartet sie. Sie genießt jetzt ihren ganz besonderen Moment. Dafür bleibt Nicole erstmal wo sie ist. Sie macht nichts bis das Wasser vor ihr ganz ruhig ist und es im ganzen Becken keine einzige Welle mehr gibt. Diese absolute Ruhe im Wasser, die genießt Nicole. Sie mag es, wenn das viele Wasser so reglos vor ihr liegt. Und dann beginnt sie sich zu bewegen. Sie fährt mit ihren Armen ganz langsam durch das Wasser. Ganz bewusst schiebt sie das Wasser vor ihr auseinander. Und dabei denkt sie: „Das sind jetzt meine Wellen. Nur meine, ganz allein.“ Und dann taucht sie unter und schwimmt los.

Meine Cousine hat mir erklärt, wieso sie diesen einen Moment kurz bevor sie los-schwimmt so toll findet. „Weißt du, genauso möchte ich leben. Dass die Wellen, die ich mache, sich ganz zart ausbreiten. Und dass sich das durchträgt, was ich in meinem Bereich bewirke – bis an den Rand. Das wär´s, wenn ich so sanft und rund etwas in Bewegung bringen könnte so wie diese Wellen.“

Ich bin skeptisch: „Das ist nicht realistisch.“ sage ich. „Jeder eckt mal bei anderen an oder gibt etwas von sich, was sich alles andere als sanft ausbreitet. Vor allem dann, wenn andere auch ihre Wellen machen und dann alles durcheinander geht.“

Nicoles Antwort: „Trotzdem: das ist mein Traum und dafür lebe ich. Dass ich ab und zu selber so bin -so wie eine erste, sanfte Welle.“

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14NOV2019
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Donnerstagmorgen, kurz nach zehn. Mein Mann unterrichtet Religion in der Berufsschule. Er kommt ins Klassenzimmer und schreibt ein Wort an die Tafel: Entscheidung. Die knapp dreißig Berufsschüler diskutieren heiß. Darüber wie man den richtigen Beruf findet oder auch was ihnen hilft, wenn sie etwas Wichtiges entscheiden müssen. Mit der Zeit kommt raus, dass für viele aus der Klasse die ganz großen Entscheidungen gar nicht einfach zu fällen sind.

Die Diskussion kommt immer mehr ins Rollen und mein Mann als Lehrer achtet darauf, dass jeder drankommt, der etwas sagen will. Ihm fällt auf, dass zwei, drei Schüler bis jetzt noch gar nichts gesagt haben.

Nach einer Weile spricht ein Mädchen das Thema Schwangerschaftsabbruch an. Sie sagt: „Das ist ja auch eine wahnsinnig schwierige Entscheidung. Vor allem, wenn man erfährt, dass mit dem Baby im Bauch irgendetwas nicht stimmt. Ich wüsste da gar nicht, was ich machen soll.“

Eine andere Schülerin ergänzt dann noch: „Ja, genau. Wenn das Kind vielleicht behindert oder krank auf die Welt kommt, also ich könnte das nicht entscheiden.“

Jetzt ist es einen Moment still in der Klasse. Dann sagt mein Mann: „Also nach unserem Grundgesetz darf und muss das die Mutter entscheiden.“

Jetzt meldet sich Lukas. Er hat bisher noch gar nicht mitdiskutiert. Er sagt: „Also, ihr wisst das vielleicht nicht, aber ich bin auch behindert. Ich habe Probleme mit den Augen, als Kind war das ganz schlimm. Aber wenn ich damals hätte entscheiden dürfen. Ich hätte im Bauch auf jeden Fall gesagt: „Ich will da raus, ich will auf jeden Fall da raus und leben.“

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13NOV2019
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Manchmal kann man in den schwersten Zeiten ganz klar sehen.

Patrick hat das in diesem Sommer erlebt. Es hat damit angefangen, dass Patricks Vater plötzlich schwerkrank geworden ist. Erst die Diagnose, dann Krankenhaus und Chemo. So oft es ging, ist Patrick ins Krankenhaus gefahren und dort hat er immer mehr begriffen: "Mein Papa schafft das diesen Sommer nicht mehr." Und so war es dann auch.

Die Beerdigung war schlimm für Patrick. Er hat mir erzählt: „Ich war wie im Tunnel und habe gar nicht viel mitbekommen. Zum Beispiel wer alles da war, oder was der Pfarrer gesagt hat. Wie betäubt hat sich das alles angefühlt. Auch als wir nach der Beerdigung mit der Familie noch zusammengeblieben sind.“

Erst spät am Abend ist Patrick aus seinem Tunnel rausgekommen. Das war auf dem Heimweg, als er allein zu Fuß durch den dunklen Ort gelaufen ist. Patrick hat mir erzählt: „Ich war total müde. Aber dann habe ich auf einmal den Mond gesehen. Der war so klar und groß wie noch nie. Sofort wusste ich: Das ist mein Papa. Der ruft mich.“

Patrick ist sofort Richtung Friedhof umgekehrt und ist nochmal zum Grab. Er sagt: „Erst jetzt sind bei mir alle Dämme gebrochen. Endlich sind die Tränen gekommen. Es war furchtbar, aber es hat auch gutgetan. Die Tränen haben gar nicht mehr aufgehört, das war Wahnsinn.“ 

Obwohl Patrick´s Geschichte wirklich traurig ist. Ich finde die Aussicht gut oder fast beruhigend, dass man plötzlich ganz klar sehen kann, auch wenn man ganz unten ist und gar keinen Halt mehr hat.

Patrick hat den Mond ganz klargesehen und sich dadurch seinem Vater ganz nah gefühlt. Sein Vater ist nicht weg. Die Verbindung steht. Patrick hat das begriffen und der Knoten in ihm drin hat sich endlich gelöst.  

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12NOV2019
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Ein Interview im Radio. Die Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier spricht über Sextourismus in Deutschland. Sie sagt: „Deutschland ist mittlerweile ein Top-Reiseziel für Sextouristen. Aus ganz Europa kommen die Männer. Nach dem Motto: tagsüber im Porsche mit 200 über die Autobahn und nachts billig Frauen kaufen.“

Wenn Deutschland sich im Ausland so in manchen Kreisen präsentiert, dann schäme ich mich. Im Radio heißt es weiter: „Deutschland ist bei internationalen Sex-Touristen mittlerweile ähnlich beliebt wie Thailand.“

Ich dachte immer Deutschland steht dafür, dass bei uns Menschenrechte geschützt werden und jeder die Chance bekommt gesund und einigermaßen sicher zu leben.

Ich weiß: das Thema Prostitution ist nicht einfach. Da gibt es auf der einen Seite die professionelle Sex-Arbeiterin, die sich die Männer aussuchen kann und die von ihrem Lohn auch leben kann. Aber auf der anderen Seite sind die vielen Mädchen und Frauen überwiegend aus Ost-Europa. Die sind mit falschen Versprechungen hierher gelockt worden und sind jetzt total schutzlos und können sich gegen nichts und niemanden wehren.

Zwischen den beiden liegt eine riesige Spanne. Eines ist für mich aber grundsätzlich klar: dass ein Mädchen oder eine Frau ihren Körper mehrmals am Tag wie eine Billigware verkaufen muss, das darf nicht sein. Kein Mensch kann seine Seele vom Körper trennen und wer jeden Tag mehrmals vergewaltigt wird, der ist schwer traumatisiert.

Das Interview im Radio geht noch weiter. Leni Breymaier erzählt von Sisters e.V. Das ist ein gemeinnütziger Verein in Stuttgart. Die Gründerinnen, helfen Prostituierten, die aussteigen wollen. Sie helfen ihnen eine Wohnung zu finden oder sie in ihre Heimat zurückzubringen. Sisters e.V. engagiert sich auch politisch. Der Verein fordert ein Verbot von Prostitution in Deutschland. Das kann man natürlich diskutieren.

Genau das ist ein wichtiges Ziel von Sisters e.V.: dass darüber gesprochen wird: dass sich Tausende von Frauen in Deutschland zwangsmäßig prostituieren müssen.

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11NOV2019
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Ich kenne St. Martin. Schon seit ich sechzehn bin. Martin ist ein guter Freund von mir. Heute Morgen habe ich ihm schon eine Nachricht geschickt. Überschrift: „Hallo St. Martin.“ Ich sage immer wieder mal St. Martin zu ihm. Klar, er hört das nicht gern, aber es passt einfach so gut. Denn mein Martin ist ein bisschen wie St. Martin. Martin hat einen gut bezahlten Job, aber er lebt bescheiden. Er fährt kein großes Auto und macht auch keine teuren Urlaube. Schick essen geht er sehr selten. Aber für seine Patenkinder und Freunde ist Martin nichts zu teuer. Er teilt einfach gern.

Aber trotzdem, so krass wie der echte St. Martin, ist „mein Martin“ dann doch nicht.

Der junge Soldat St. Martin war schon dafür bekannt, dass er extrem großzügig war. Vor der Geschichte mit dem geteilten Mantel hat St. Martin schon fast alles andere an Arme verschenkt – bis auf seinen Mantel eben. Aus heutiger Sicht würde man vermutlich sagen, dass Martin einfach nicht genug „Nein“ sagen konnte. Auf jeden Fall hat er noch sein letztes Hemd gegeben.

Das ist fast zu viel des Guten. Deswegen bin ich ganz froh, dass mein Freund Martin doch kein echter St. Martin ist. „Mein Martin“ hat das nämlich ganz gut raus, dass er viel mit anderen teilt und trotzdem auf sich achtet. Er weiß genau, wann er eine Pause braucht und die nimmt er sich dann auch. Dann geht er zum Beispiel mit Freunden ins Fußballstadion. Oder er legt sich mal einen ganzen Nachmittag lang nur auf die Couch und erholt sich.

Martin teilt seine Kräfte gut ein. Er gibt viel her. Aber er kümmert sich auch um sich. Das bewundere ich an ihm. Darin ist er mein großes Vorbild.

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10NOV2019
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Ich bin mit meiner Familie im Europapark und stehe vor einem Brunnen. Der Brunnen besteht nur aus einer einzigen Steinkugel. Die ist aber sehr mächtig. Die Oberfläche der Kugel ist ganz glattgeschliffen und sie dreht sich. Ich gehe näher ran und sehe, dass nur ganz wenig Wasser im Brunnen ist. Obwohl es so wenig ist, dreht sich der Stein.

„So eine schwere Kugel und so wenig Wasser! Das ist verrückt wie viel Kraft das bisschen Wasser hat.“ Dann drängeln meine Kinder. Sie wollen weiter.

Dieser Brunnen beschäftigt mich. Ob es das bei mir auch gibt, dass ganz wenig, trotzdem sehr viel bewirkt? Mir fällt ein, dass mich jemand mal für meine Arbeit gelobt hat und das war in einer Zeit, in der ich dachte, dass ich gar nichts kann. Das Lob war sehr wichtig für mich, es hat mir geholfen, dass ich nicht aufgegeben habe. Und mir fällt eine Nachricht auf meinem Handy ein. Meine Freundin hat sie mir geschrieben, als ich in einen Riesenstreit verwickelt war. „Du schaffst das.“ Das war alles. Danach habe ich irgendwie wieder Mut gefasst und es dann letztlich auch durch den Streit geschafft.

Am Abend, als ich aus dem Park rausgehe, bekomme ich noch einen Flyer von der Kirche im Europapark in die Hand. Da drin wird der Brunnen mit der Kugel erklärt. Ich lese wie schwer der Stein ist und wieviel Wasser im Brunnen fließt. „2,7 Liter Wasser bringen 1,8 Tonnen Stein in Rollen.“

So wenig kann so viel bewegen.

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