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SWR3 Gedanken

12OKT2019
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Es gibt Engel, die haben keine Flügel. Engel – so heißt es immer – sind Gottes Boten. Gott schickt sie auf die Erde, damit sie den Menschen helfen. In manchen Filmen und Serien haben sie deshalb Flügel und oft sind sie weiß gekleidet.

Aber jetzt gibt es ziemlich weit vorne in der Bibel eine Geschichte von Engeln ohne Flügel. In der Geschichte geht es um Jakob. Der ist auf der Flucht vor seinem Bruder, denn der ist zurecht ziemlich wütend auf ihn. Eine brenzlige Situation. Als Jakob sich schlafen legt, fängt er an zu träumen. Im Traum sieht er eine Leiter auf der Erde stehen. Die reicht hinauf bis zum Himmel. Und auf der Leiter steigen Engel hoch und runter. Ganz ohne Flügel.

Dieses Bild hat mich sofort an einen Mann unserer Kirchengemeinde erinnert. Er engagiert sich ehrenamtlich. Wenn irgendetwas am Gemeindezentrum zu machen ist, dann ist er da und hilft mit. Kommt wie ein Engel aus dem Himmel auf der Leiter herunter, repariert und klettert die Leiter wieder hoch. Weil es ihm wichtig. Für uns ist er ein Bote Gottes. Nicht nur, weil er hilft. Er erzählt durch seinen Einsatz auch von Gott. Dass Gott da ist und uns hilft, wenn wir ihn brauchen.

Vielleicht kennen Sie auch solche Alltagsengel. Wie die Frau, die sich um den älteren Herrn in ihrer Nachbarschaft kümmert. Besorgungen erledigt, immer ein offenes Ohr hat. Alltagsengel – das sind auch all die Omas und Opas, die für ihre Enkelinnen und Enkel da sind. Auch oft ganz spontan, wenn es brennt, weil jemand krank geworden ist oder ein beruflicher Termin sich nicht schieben lässt.

Für mich sind sie alle Engel Gottes. Weil sie zeigen: Du bist nicht allein hier! Gott ist da und hilft dir. Wie gut, dass es Engel ohne Flügel gibt.

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10OKT2019
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Bestattungen. Die gehören zu meinem Beruf als Pfarrer. Zu Fuß brauche ich zum Friedhof so 15 bis 20 Minuten. Mit dem Auto sind es fünf Minuten.

Einmal, da kam alles zusammen. Unser Auto war anderweitig im Einsatz. Und der Termin vor der Bestattung ging viel länger als geplant. Ein Taxi konnte ich auch nicht mehr rufen, das wäre viel zu spät gekommen. Vor meinem Auge habe ich schon die Trauergemeinde gesehen. Die Angehörigen vor dem Sarg, ihre Trauer. Und der Pfarrer – also ich – kommt nicht! Allein bei der Vorstellung ist mir der kalte Schweiß ausgebrochen.

Aber hilft ja nichts. In der Hoffnung, dass ich nicht zu spät ankomme, bin ich einfach losgelaufen. Mit einem Stoßgebet auf den Lippen: „Guter Gott, wenn du willst, dass ich nicht zu spät komme, hilf mir bitte!“ Und kaum biege ich um die Ecke, fährt ein Taxi aus einer Garagenausfahrt. Ich halte es an und ja, der Fahrer kann mich schnell zum Friedhof bringen. Ich setze mich ins Taxi und bin einfach nur dankbar. Und letztlich komme ich gerade so pünktlich am Friedhof an.

Ich kann mir gut denken, dass Ihnen auch schon so etwas passiert ist. Rettung in letzter Sekunde. Hilfe vor was Schlimmerem. Situationen, in denen man einfach nur dankbar ist. Ich weiß nicht, wie Sie so eine Geschichte deuten. Ist es Zufall? Schwein gehabt? Für mich war das ein kleines Wunder. Ach, was sage ich, ein ausgewachsenes Wunder. Klar, Stoßgebete schicke ich öfter in den Himmel. Aber selten kommt Hilfe so um die Ecke. Schon gar nicht in Gestalt von einem Taxi. Normalerweise helfen mir Stoßgebete eher, ruhiger zu werden.

Aber jetzt ist mir dieses merkwürdige Wunder passiert. Und ich will mir das auch nicht mehr ausreden lassen. Da halte ich es lieber mit dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion. Er war davon überzeugt: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

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09OKT2019
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Höher, schneller, weiter. Einfach besser werden. Ob im Sport, im Hobby oder im Beruf. Wer will das nicht? Karriere und Erfolg. Manche ermuntern ihre Kinder schon im Vorschulalter zu Höchstleistungen. Damit sie später eben gute Chancen haben.

Ich kann das gut nachvollziehen. Ich will auch immer das Beste erreichen. Und manchmal kann ich mich deswegen gar nicht mehr freuen, wenn mir was gelungen ist. Weil ich mehr erreichen wollte. Weil ich nicht gut, sondern super sein wollte. Weil ich mir sage: „Na, da wäre aber noch mehr drin gewesen.“

Und jetzt hat mich meine Tochter vor einiger Zeit schwer ins Nachdenken gebracht. Sie wollte auch was richtig gut machen. Aber dann ist es doch nicht so gut gelungen. Und was sagt sie zu mir? „Gell, Papa, dafür, dass ich es noch nicht richtig kann, kann ich es schon richtig gut.“

„Wow!“, hab ich gedacht. Was für eine wahnsinnig gute Lebenseinstellung! Erst mal sich freuen. Über das, was geklappt hat. Erst mal freuen!

Seitdem bin ich bei unseren Kindern in der Lebensschule. Und ich lerne viel von ihnen in Sachen höher, schneller, weiter. Und mir fällt auf: Sie gehen nicht so verbissen durchs Leben wie ich. Sie sind bei allem freundlicher zu sich selbst – und zu Anderen auch. Vielleicht hat Jesus genau das gemeint, als er gesagt hat: „Wenn ihr ins Himmelreich wollt, dann kehrt um und werdet wie die Kinder.“

Meine Tochter hat mir da die erste Lektion erteilt. Ich muss nicht der Beste sein, um mich freuen zu können. Denn „dafür, dass ich es noch nicht richtig kann, kann ich es schon richtig gut“.

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08OKT2019
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Vor einer Weile war ich unterwegs und bin an einem Café vorbeigekommen. Da war etwas auf der Fensterscheibe geschrieben. Da stand in großen Buchstaben: „Wie heißt ein Mensch, der keine Wohnung hat?“ Als Antwort direkt unten drunter stand: „Mensch“.

„Merkwürdig“, habe ich gedacht. Was Sprache so alles mit einem macht. Denke ich „Wohnsitzloser“, dann habe ich Bilder vor Augen: Männer mit wirrem Haar, schmuddeliger Kleidung, ungepflegt. Den einzelnen Menschen mit seinem Schicksal sehe ich nicht mehr.

So schnell geht es. Jemand bekommt ein Label aufgeklebt und dann war es das. Man schert sich nicht darum, ob der wirklich so ist oder nicht. Mir ist das auch schon passiert. Da hat mir jemand das Label „Christ“ aufgeklebt. Was so viel hieß wie: langweilig, versteht keinen Spaß, nicht auf der Höhe der Zeit. Und ich dachte nur: „Hä? Du kennst mich doch gar nicht!“

Schade eigentlich. Wenn Menschen unter ein Label gepackt und Eigenschaften übergestülpt bekommen. Wenn man da mitmacht, bringt man sich um die Möglichkeit, seine eigenen Vorurteile mal zu überprüfen. Man bringt sich um die Chance, Überraschendes zu entdecken. Menschen wirklich zu verstehen. Vielleicht sogar Respekt zu haben vor einem Menschen, der so viel durchgestanden hat, bis er oder sie schlussendlich wohnsitzlos auf der Straße gelandet ist. Oder Respekt zu haben vor Menschen, die tausende von Kilometern zu Fuß gegangen sind, bis sie hier in der Fremde gelandet sind.

Deshalb finde ich es gut, wenn man sich den kindlichen Blick auf Menschen bewahrt. In einem Cartoon hab ich den gefunden. Da fragt ein Erwachsener ein Kind: „Habt ihr Ausländer im Kindergarten?“ Und das Kind schüttelt den Kopf: „Ausländer? Nein, nur Kinder.“

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07OKT2019
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„Muss das sein?“, haben in den vergangenen Wochen immer wieder welche gefragt. „Muss das sein, dass die Evangelische Kirche in Deutschland sich jetzt auch noch in der Seenotrettung engagiert? Dass sie mitmacht, ein Schiff aufs Meer zu schicken?“ Genau das hat die Evangelische Kirche nämlich beschlossen. „Wir schicken mit anderen zusammen ein Schiff.“ „Warum?“, haben deswegen manche gefragt. „Sollten sich Kirchen nicht aus der Politik heraushalten? Ist Glaube und Religion nicht Privatsache?“

Natürlich, Glaube und Religion ist etwas zutiefst Persönliches. Mein Glaube prägt mich. Wäre ich kein evangelischer Christ, ich wäre ein anderer Mensch. Gerade deswegen ist alles, was ich denke und tue – meine Wahrnehmung, mein Blick auf die Welt, meine Haltung, meine Werte – alles ist durch meinen Glauben inspiriert und geprägt. Und ich bin mir sicher, das ist bei jedem Menschen so. Egal, ob er christlich oder durch eine andere Religion geprägt ist.

Und jetzt haben sich Christinnen und Christen zusammengeschlossen und durch Vertreter ihrer Kirchen den Beschluss gefasst, dass sie sich zur Situation im Mittelmeer politisch äußern. Dort sterben nämlich derzeit viele Menschen. Sie ertrinken. Unsere Politikerinnen und Politiker sind sich wegen der Rettung nicht einig. Es könnte ja sein, dass Schleuser das ausnutzen und zum Beispiel absichtlich kaputte Schiffe losschicken. Aber währenddessen ertrinken Menschen.

Das will die Evangelische Kirche in Deutschland nicht mehr mit anschauen und dadurch mittragen. Sie will sich deswegen in der Seenotrettung engagieren. Dabei geht es nicht darum, ein neues Programm zum Umgang mit Flüchtenden zu starten. Natürlich können mit dem Schiff auch nicht alle gerettet werden. Die Evangelische Kirche macht trotzdem mit. Weil sie in die Tat umsetzen will, was doch eigentlich selbstverständlich ist: „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“

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06OKT2019
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Heute feiern viele Kirchengemeinden landauf landab das Erntedankfest. Da ist der Altarraum der Kirche vollgepackt mit allem, was es auf den Feldern und Bäumen zu ernten gibt: Kartoffeln, Äpfel und Nüsse. Blumen, sogar Mehl und Brot.

Aber eigentlich seltsam. Ich kenne nur ganz wenige, die sich heute noch mit der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdienen. Und trotzdem lassen sich die Kirchengemeinden das Erntedankfest nicht nehmen. Haben vergangenen Sonntag gefeiert oder feiern eben heute.

Ich finde das Fest auch immer noch wertvoll. Auch wenn ich keine große Ahnung davon habe, wieviel Mühe es macht, Kartoffeln anzubauen und zu ernten – für leckere Bratkartoffeln oder Kartoffelsalat bin ich trotzdem sehr dankbar. Oder auch für den Apfel im Frühstücksmüsli. Und daran erinnert mich das Erntedankfest: Dass ich viele Gründe habe, dankbar zu sein. Zum Beispiel dafür, dass wir in Deutschland so privilegiert sind. Niemand muss bei uns hungern.

Mit Erntedank feiern wir Christinnen und Christen aber auch, dass menschliche Mühe und Arbeit Früchte trägt. Dass wir ernten konnten, nachdem wir uns ordentlich ums Wachstum gekümmert haben. Ich nutze das Erntedankfest deswegen auch, um mir noch etwas Zeit zu nehmen. Mir zu überlegen, was mir in den vergangenen Wochen bei der Arbeit gelungen ist. Oder was tolle Erlebnisse mit der Familie und Freunden waren, von denen ich lange zehren kann. Ich finde, Erntedank lädt dazu ein, sich das bewusst zu machen und danke zu sagen. Den Menschen, die da eine Rolle gespielt haben. Und Gott, der dazu seinen Segen gegeben hat.

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