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SWR3 Gedanken

31AUG2019
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Die Schlange am Kiosk ist ziemlich lang. Manche wollen Zigaretten, andere Zeitschriften, den meisten geht es um ihren Lottoschein. Die Schlange ist auch ziemlich unübersichtlich. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, wo sie wirklich anfängt. Eine junge Frau stellt sich an. Aber an der falschen Seite. Und das ist für manche unerträglich. 

„Sie, stellen Sie sich mal anständig an“, sagt ein älterer Herr. Und die Frau vor ihm pflichtet ihm unverzüglich bei. „Bei uns in Deutschland macht man das so.“ Ob die junge Frau einen Migrationshintergrund hat oder nicht, weiß eigentlich keiner. Sie sieht ein bisschen so aus. Und das reicht, um die Vorurteile zu bedienen. Typisch Ausländer. Wollen immer das beste Stück vom Kuchen. Auf Kosten von uns Deutschen. 

Die junge Frau lässt sich auf keine Diskussion ein. Sie zuckt mit den Achseln und geht. Wahrscheinlich hat sie begriffen: So macht man das bei uns in Deutschland. Nicht immer und überall. Aber immer öfter und an viel zu vielen Orten. Da werden Grenzen gezogen, Mauern aus Angst gebaut, Vorurteile gepflegt. Wir neiden einander die Butter auf dem Brot. Oder eben den Platz in der Schlange. 

Dabei ist genug Platz da. Und eigentlich auch genug Butter. Bei uns in Deutschland ist das so. Und das könnte man teilen. Man könnte einander mit Freundlichkeit begegnen und offen sein für den jeweils anderen. Und wenn der sich in meinen Augen schräg benimmt, könnte ich ihn liebevoll darauf aufmerksam machen. Und wäre vielleicht überrascht, was für ein netter Mensch das ist. Und wenn das einmal nicht funktioniert, dann wüsste ich, dass es nicht an seiner Herkunft liegt. Sondern daran, dass es eben nicht nur nette Menschen gibt. Weder in Deutschland noch sonstwo. 

So könnte das sein bei uns in Deutschland. Und das wäre dann ein Deutschland, in dem ich mich zu Hause fühle. Weil es ein Land ist, in dem sich jeder zu Hause fühlen kann. In dem die junge Frau ihren Platz in der Schlange bekommt. Weil man das bei uns so macht in Deutschland.

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30AUG2019
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Ich habe gesündigt und bereue. So steht es geschrieben auf der Internetseite des elektronischen Beichtstuhls. Aus reiner Neugier klicke ich auf das Feld. Haben Sie den Vorsatz, sich zu bessern? Wenn ja, aktivieren Sie den Vorsatz, lese ich leicht irritiert. Tatsächlich. Da ist ein Feld mit dem Vermerk „Vorsatz“. Natürlich will ich mich bessern. Also anklicken.

Nun werde ich auf ein weiteres Feld verwiesen. Und das heißt „Reue“. Bei einer Beichte müssen Sie wirklich bereuen, heißt es. Sonst macht es keinen Sinn. Also bereue ich mit einem weiteren Mausklick, dass ich Böses getan und Gutes unterlassen habe. Und endlich ist die Beichte perfekt. Das Vater Unser erscheint. Und wenn ich will, kann ich noch eine elektronische Kerze anzünden. So einfach.

Und deshalb auch völlig nutzlos. Weil Beichte so nicht funktioniert. Beichte ist kein Automatismus, den ich digital erledigen kann, sie bringt nur dann etwas, wenn sie analog ist. Das gute alte Gespräch, in dem ich mein Herz ausschütte. Vor einem Menschen oder vor Gott. In dem ich ernsthaft darüber nachdenke, wo ich mit mir oder mit anderen im Unreinen bin. Und aufrichtig entschlossen bin, das zu ändern. Damit sich meine Seele besser fühlt. Erleichtert, entlastet, ermutigt. Das ist Beichte. Gar nicht einfach.

Weil es nicht einfach ist, Fehler zuzugeben und zu den eigenen Schwächen zu stehen. Da ignoriere ich lieber eine Weile, was an der Seele nagt, und hoffe, dass das miese Gefühl mit der Zeit verschwindet. Aber manchmal tut es das nicht. Und dann hilft die gute alte Beichte. Oder wenn man das Wort nicht mag: Dann hilft es, sich so richtig auszusprechen. Vor einem Menschen oder vor Gott. Ein richtiges Gespräch eben. Kein digitales mit Dialogfenstern.

Deshalb verlasse ich den elektronischen Beichtstuhl mit dem sicheren Gefühl, dass ich ihn nicht brauche. Was ich brauche, sind Menschen mit offenen Ohren und einem großen Herzen. Und die wünsche ich uns allen.

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29AUG2019
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„Mich können Sie in der Kirche nicht brauchen“, sagt der ältere Herr beim zufälligen Gespräch. Grundsätzlich denke ich, dass wir jeden in der Kirche brauchen können, deswegen frage ich nach. „Ich habe viel zu viele Zweifel“, sagt er. „Wenn man in die Kirche geht, sollte man einen festen Glauben haben. Und den habe ich nicht.“ 

Wenn es danach ginge, könnte man mich in der Kirche auch nicht brauchen. Denn von Zeit zu Zeit habe ich auch meine Zweifel. Aber die gehören für mich zum Glauben irgendwie dazu. Und damit bin ich in guter Gesellschaft. In biblischer Gesellschaft. Sogar der große Apostel Petrus war ein Zweifler. Und davon erzähle ich dem älteren Herrn.

Von Petrus und den Jüngern, denen mitten auf dem See Genezareth Jesus übers Wassers entgegen läuft. Natürlich erschrecken die und halten ihn für ein Gespenst. Aber Petrus will es wissen. Wenn du Jesus bist, dann lass mich auch übers Wasser laufen. Klar, sagt Jesus, dann lauf mal los. Das tut Petrus, kriegt aber auf halber Strecke Panik und taucht prompt ab. Jesus fischt ihn aus dem Wasser mit der Frage: Warum zweifelst du? 

Ja, warum zweifeln Menschen? Weil manches eben manchmal nicht zu glauben ist. Es passieren jede Menge Dinge, die ich nicht verstehe und wo ich Gott nicht verstehe, an denen ich verzweifle. Warum tut er nichts? Wo ist er überhaupt? Warum lässt er mich allein auf schwankendem Boden, so dass ich das Gefühl habe zu ertrinken? 

Petrus ist nicht ertrunken. Und trotz oder sogar wegen seines Zweifels war er so eng mit Jesus befreundet. Und das ist ja gerade das Großartige am Glauben. Dass es um eine Freundschaft mit Gott geht, die so etwas aushält. Die trägt und hält durch alle Zweifel hindurch. 

Der ältere Herr zögert immer noch sichtlich, ob sein Zweifel in der Kirche willkommen ist. Ganz ohne Zweifel, sage ich, gerade solche Menschen kann die Kirche brauchen.

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28AUG2019
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Mitten in den Wäldern von Nord-Kentucky, Tausende von Kilometern vom Meer entfernt, ragt plötzlich ein Schiffsrumpf aus Tannenholz in die Höhe. 152 Meter lang, sieben Stockwerke hoch, das größte Holzbauwerk der Welt. Eine moderne Arche Noah, die knapp 100 Millionen Euro gekostet hat und Millionen von Besuchern anlocken soll. 

Verantwortlich ist der Millionär Ken Ham, dem es nicht um Entertainment, sondern um eine religiöse Botschaft geht. Und die ist echt schräg. Denn Ken Ham glaubt fest daran, dass die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde und dass Kinder neben Dinosauriern gespielt haben. Er ist ein so genannter „Kreationist“, der die Bibel für ein Sachbuch hält und die Schöpfungsgeschichte für eine Art Wikipedia-Artikel. Da gruselt es jeden ernsthaften Theologen. Also auch mich. 

Die biblische Schöpfungsgeschichte ist eine der schönsten Geschichten, die ich kenne. Und sie enthält eine Menge Wahrheiten und Weisheiten. Aber sie ist keine naturwissenschaftliche Abhandlung. Und will es auch gar nicht sein. Schon allein deshalb zieht es mich nicht nach Nord-Kentucky. 

Aber auch deshalb, weil Ken Ham mit seiner Arche eine zutiefst konservative und lieblose Sexualmoral verknüpft. Für ihn reduziert sich der Frevel in der Welt auf schwangere Teenager und homosexuelle Partnerschaften. Da atme ich erleichtert durch, dass ein ähnliches Projekt vor Jahren in Deutschland nicht realisierbar war. Hierzulande konnten nicht besonders viele Menschen etwas damit anfangen. 

Bevor ich meinen Fuß in diese Arche setze, bleibe ich lieber im Schiff, das sich Gemeinde nennt. Weil ich mit einer Botschaft durch das Meer der Zeit schippern will, die etwas mit Freiheit, Toleranz und Liebe zu tun hat. Und mit einem Kapitän namens Gott, der niemanden ausbootet, sondern jeden Menschen willkommen heißt.

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27AUG2019
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Die elektronische Sprachassistentin Alexa gehört mittlerweile für viele Menschen zur Familie. Klein und unauffällig nimmt sie Bestellungen auf, sorgt für die richtige Musik und ist offen für die jeweiligen Bedürfnisse. Und die können ja vielfältig sein. Zum Beispiel kann jemand bedürftig nach Trost sein. Und vielleicht könnte Alexa da ja auch hilfreich sein. „Alexa, ich bin traurig.“ Und dann reagiert Alexa mit ermutigenden und tröstenden Worten. Oder gar mit einem passenden Bibelvers.

Ideen dieser Art gibt es schon. Und grundsätzlich weiß ich es zu schätzen, wenn die Kirche zeigt, dass sie im 21. Jahrhundert angekommen ist. Aber kann mich vorprogrammierter Trost wirklich trösten? Alexa mag einen menschlichen Namen haben, aber sie hat kein Seelenleben. Und selbst ein noch so ausgefeilter Algorithmus macht aus einer Maschine keinen echten Gesprächspartner. Und so einen brauche ich, wenn ich Trost suche.

Zufällig habe ich eine Freundin, die Alexa heißt. „Alexa, ich bin traurig.“ Wenn ich diesen Satz am Telefon sage, kommt zunächst einmal ein „Ach du lieber Himmel, was ist denn los?“ Und dann weiß ich, dass sie zuhört. Ab und an nachfragt. Am Ende hat sie keinen Spruch auf Lager, auch keine Antwort. Aber das ist gar nicht so wichtig. Weil ein Mensch mir zugehört hat. Und das hat mich getröstet. Viel mehr als irgendeine Platitüde aus einem Lautsprecher.

Bei aller Faszination für die Alexas und Siris der digitalen Welt, die wirklich erstaunliche Dinge können. Aber wenn es ums Eingemachte geht, werde ich altmodisch. Da setze ich auf den guten alten analogen Kontakt zu Menschen. Die noch viel erstaunlichere Dinge können als all die wunderbaren elektronischen Hilfsmittel. Zuhören. Mitfühlen. Eben trösten. Und wenn ich traurig bin, dann nutze ich all meine Alexas. Nämlich so: „Alexa, ruf Alexa an.“

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26AUG2019
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Manche Dinge lernt man erst zu schätzen, wenn sie fehlen. Klopapier zum Beispiel. Wenn keines da ist, kommt man beim Sitzen ziemlich ins Schwitzen. Vielleicht ist das der Grund, warum es den Internationalen Tag des Toilettenpapiers gibt. Wer ihn erfunden hat, seit wann es ihn gibt, weiß keiner. Aber wann er stattfindet, dass weiß man. Nämlich heute. 

Heute soll dem Toilettenpapier die Ehre widerfahren, die man ihm in der Regel versagt. Seit 1928 kennt man in Deutschland Klopapier auf Rollen. Und seitdem ist es aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Merkwürdig eigentlich, dass sich darüber nie jemand Gedanken macht. 

So wie über viele andere Dinge, die wir selbstverständlich täglich nutzen, aber selten beachten, ihnen kein Denkmal in den Geschichtsbüchern setzen. Nichts gegen die Entdeckung des Feuers oder die Erfindung der Dampfmaschine oder die Entwicklung des Computers. Aber von A wie Ampel bis Z wie Zahnbürste fällt mir vieles ein, das ja auch irgendwann einer erfunden haben muss. Zum Segen der Menschheit. Wenn ich darüber nachdenke. 

Heute tue ich das mal. Auch deshalb, weil das ja nicht nur für Dinge gilt, sondern auch für Menschen. Wenige schaffen es in die Geschichtsbücher, die meisten leben einfach ihr Leben. Aber auf ihre Weise verändern sie den Lauf der Geschichte, das Angesicht der Erde. Für die, zu denen sie gehören, sind sie gar nicht wegzudenken. Und wenn sie fehlen, ist der Alltag nicht mehr derselbe. Und manchmal merkt man das auch erst, wenn es so ist. Dass ohne diesen Menschen die Welt ärmer ist, auch wenn sein Name auf keinem Denkmal steht. 

Deshalb will ich heute einmal aufmerksam sein für all das, was mir unspektakulär und selbstverständlich das Leben leichter macht. Und vor allen Dingen will ich froh sein über all die Menschen, die mein Leben Tag für Tag reicher machen. Einfach weil es sie gibt.

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25AUG2019
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Manchmal schnappe ich mir die Bibel und spiele ein Spiel. Ich schließe die Augen, ratsche wie beim Daumenkino über die Seiten und mache irgendwo Halt. Und dann lese ich, was da steht. Manchmal habe ich Pech, dann lande ich im Buch der Chronik. Seitenweise Stammbäume von Königen in Israel. Todlangweilig. Manchmal läuft es besser. Dann bleibt mein Finger bei der Offenbarung des Johannes ganz am Ende der Bibel hängen. Da spielen sich Szenen ab, neben denen jeder Endzeitfilm aus Hollywood blass aussieht.

Und manchmal habe ich richtig Glück. Da stoße ich auf eine Geschichte, die ich schon längst vergessen hatte. Oder mein Finger markiert einen Psalmvers, der genau meine Gemütslage trifft. Oder ich lese wieder ein Mal, dass ich meinen Nächsten lieben soll wie mich selbst. Und finde das gar nicht schlimm. Weil man solche Sätze ja gar nicht oft genug lesen kann.

Vor kurzem habe ich dieses Spiel mit Jugendlichen gespielt. Manche waren zunächst total gelangweilt. Die Bibel – was soll da schon Spannendes drin stehen? Manche waren irritiert. Die Bibel – darf man da wirklich alles lesen? Aber natürlich darf man das. Dafür ist sie ja da. Und ob da etwas Spannendes drin steht, finde ich nicht heraus, wenn sie im Bücherregal verstaubt. Deswegen das Spiel. Und als ich das Spiel wieder lassen wollte, haben alle, aber auch wirklich alle Jugendlichen dagegen protestiert.

Martin Luther hätte das gefallen. Denn der hat sich vor fünfhundert Jahren dafür eingesetzt, dass jeder die Bibel lesen kann. Mit allem, was drin steht. Von A wie Adam bis Z wie Zacharias. Weil er der festen Überzeugung war, dass dieses Buch für Menschen überaus spannend, ja sogar lebenswichtig ist. Wichtig für ihr Leben. Von A wie Atem bis Z wie Zuneigung. Probieren Sie’s aus. Machen Sie sich auf Entdeckungsreise durch das Buch der Bücher. Sie brauchen nur eine Bibel und Ihren Daumen. 

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